Die alte Ulla hob hernach den obdachlosen Heiligen wieder in seine alte
Heimstatt und wusch ihm den blauen Mantel, der arg beschmutzt war.
Im Gau des Lusens ging bald das Gerücht um, der Heilige habe mit zwei
armen Holzhackern ein frommes Gespräch geführt.
Der Dullhäubel aber prahlte sich, er habe die ganze Nacht mit dem
Blaumantel im »pfalzenden Hahn« gesoffen und Karten gespielt und habe
schließlich den trunkenen Heiligen heimschaffen müssen.
* * * * *
Das Frühjahr kam, die Tage nahmen auf.
Da tändelten die Vögel, der Birkhahn krudelte, der Kiebitz tanzte um
seine Frau, der Fuchs lief der Füchsin nach und der Has der Häsin.
Und wie die Sterne so zierlich leuchteten und der breite Bauernmond
über den Fuxloher Heustadeln hing, stieg der Dullhäubel auf
halsbrecherischen Waldsteigen übers Gebirg hinüber ins Bayernland
der Einöd Kaltenherberg zu. Der Lugausbauer dort hatte eine mächtige
Tochter.
Das Gehöft lag schon finster.
Der Dullhäubel klopfte an.
Drin meldete sich der alte Lugaus. Er trat ans Fenster und spähte in
die weiße Nacht heraus.
»Bist du der Bauer?« fragte der Dullhäubel.
»Der bin ich.«
»Tu auf! Heiraten möcht ich. Deine Tochter möcht ich.«
»Hoho, wer bist denn du? Der Lugaus gibt sein Mensch nit dem ersten
besten, der in der Nacht daher reitet. Wir Bauern auf der Einöd sind
dumm, aber zum Narren haltet uns keiner.«
»Dem Mußmüllner aus Fuxloh sein Bub bin ich. Hast du noch nie nix
gehört von der Mußmühl?«
»Ei freilich! Komm nur herein! Bist herzlich gern gesehen.«
Der Alte riegelte die Tür auf, dann stieg er im Vorhaus die Stiege ein
paar Staffeln hinauf und rief in die Bodenluke hinein: »Ogath, heb
dich! Heb dich schleunig! Der Mußmüllnerbub ist da. Schlupf in den
Kittel! Leg an dein seidenes Gewand!«
Der Dullhäubel setzte sich auf eine mit Rosenstöcken reichlich bemalte
Truhe und ließ die Füße baumeln.
Die alte Bäurin gab ihm die Hand und kicherte und nickte unablässig.
Der Lugaus brannte einen Span an und steckte ihn in den Leuchter am
Ofen, hernach ließ er sich am Tisch nieder und schmunzelte übers ganze
stoppelige, faltige Gesicht.
»Gesehen hab ich dich noch nit, Müllnerbub,« sagte er. »Ich bin nur
ein einziges Mal drüben gewesen in Fuxloh. Der Weg her ist gar wild,
voller Steinfelsen und Gewurz. Dazumal bin ich mit dem Leiterwagen
herübergefahren von Fuxloh. Den Weg hab ich dersider verschworen
und verredet. Wie ich die Ochsen so antreib, verlier ich zuerst die
Leitern, hernach das linke Hinterrad, hernach das rechte, hernach das
linke Vorderrad, hernach das rechte, schließlich den Hinterwagen, und
wie ich daheim war, waren nur mehr die Ochsen da mit der Deichsel.«
Die Ogath trat herein, eine starke, große Dirne. Über Achsel und Brust
hing ihr ein haselbrauner Zopf; ein ganz kleines, feines Bärtlein wuchs
ihr über der Lippe, es stand ihr gar nicht schlecht.
»Da setz dich zu ihm hin,« sagte der Lugaus. »Heiraten sollst du!«
Halb schläfrig, halb verschämt ließ sie sich auf die Truhe nieder
und schmiegte sich an den Dullhäubel. Die alte Schwieger nickte und
kicherte.
»Die Ogath ist für dich, Müllnerbub, die kriegst du,« fing der Lugaus
wieder an. »Schau sie nur an, wie sie gestellt ist! Wie hochbrüstig
sie ist! Ja, meine Menscher haben Schmalz. Drei hab ich schon
ausgeheiratet, leicht hab ich sie angebracht. Die Ogath ist jetzt die
letzte.«
»Schön ist sie wie ein Nägleinstock,« kicherte die Lugausin.
Der Bursch tat den Arm um das volle, noch von Bett und Schlaf warme
Weib, und sie schielte heimlich zu ihm hinüber.
»So red ihm doch schön zu, Ogath!« drängte die Alte. »Bist denn du eine
Stummin?«
»Nach Fuxloh geb ich das Mensch gern, Fuxloh ist ein schönes Ort,«
sagte der Lugaus.
Die Junge erwiderte mit tiefer, lachender Stimme: »Herzlich gern geh
ich fort aus der Einöd.«
Der Dullhäubel gab ihr recht. »Eure Einöd gilt bei uns nit viel. Der
Isidor Dullhäubel, Gott schenk ihm das ewige Licht, hat gespottet, bei
euch täten sie den Mittag mit dem Kleiensack ausläuten.«
»Der Dullhäubel hätt über seinen kupfernen Kumpf spotten sollen!« fuhr
der Alte auf. »Wie man hört, hat den Hof jetzt wieder genau so ein
Spitzbub wie alle seine Vorfahrer.«
»Ich bin aber der Mußmüllnerbub,« redete der Dullhäubel flugs darein.
»Ein Müllner ist mir recht. Den nimmst du, Ogath! In einer Mühl staubt
es das ganze Jahr ein kleines Geld und ein großes auch. Freilich« --
dabei kniff der Lugaus listig ein Auge zu -- »Diebe sind die Müllner
alle.«
Die Schwieger rieb sich die hageren Hände, sie huschte emsig hin und
her, zupfte an der Ogath ihren Kittel, brachte dann einen Laib Brot und
nötigte den Hochzeitswerber zum Tisch.
»Du kommst in eine gute Freundschaft, Müllner,« sprach der Einöder.
»Mein Bub ist auch recht, der ist ein Herrgottelschnitzer in Straubing.
Den Kopf hat er von mir, die Füße sind wie Stangen, und einen Hund hat
er auch.«
»Sei nit so verstockt, Ogath! Red mit ihm!« riet die Alte.
Und die Dirne sprach: »Rot solltest du nit sein, Müllner! Ein roter
Bart steht selten auf einem guten Ort. Aber für sein Auswendiges kann
der Mensch nix. Sonst gefallst du mir.«
Der Lugaus und die Lugausin zischelten eifrig aufeinander ein und
winkten und lächelten sich zu. Die zwei Leute glichen sich sehr, die
breiten, runzlichen Stirnen, die kleinen, wackelnden Kinne, die langen
Nasen, dünnen Lippen und gutmütigen Augen ähnelten einander derart, daß
man nicht gewußt hätte, wer der Bauer und wer die Bäurin sei, wenn er
nicht die Hosen und sie nicht den Kittel angehabt hätte.
»Lugaus, wie hast du denn dein Weib kennen gelernt?« fragte der
Dullhäubel lustig.
»Ich bin zum Häusel hinein, und sie zum Häusel heraus, da haben wir uns
begegnet,« lachte der Alte. »Und zwischen Sommer und Winter ist es
gewesen: wie ich zu ihr gangen bin, ist die Welt grün gewesen, und wie
ich von ihr heim bin, hat es geschneit, alles in einer Nacht.«
»Und was ist es mit dem Heiratsgut, Bauer?«
»Ich laß mich nit lumpen. Einen Strumpf voller Silber kriegt meine
Tochter mit, zwei Küh und eine funkelneue Bettstatt. Und ein schönes
Spinnrad laß ich ihr drechseln.«
»Sie taugt überall hin, die Ogath,« eiferte die Alte, »in jeder Kuchel
kann sie stehen. Sie kann zwei Brühen kochen, eine süß, die andre
sauer. Und gerichtet ist sie auch gut, sie hat zwei Schürzen, eine
schwarztibetene und eine rottibene.«
»Bauer, Bäurin, das alles müßt ihr mir verschreiben,« begehrte der
Dullhäubel.
»Du sollst es schriftlich haben. Gleich setzen wir miteinander den
Heiratsbrief auf. Bäurin, bring Tinte, Feder und Papier, daß wir die
Sach in Gang und Schwang bringen.«
Die Alte stellte ein Fläschlein rußiges Wasser hin. Aber weil sie die
Gänse im Stall nicht aufstören wollte, gebrach es an einer Feder, und
Papier fand sie nicht vor.
Da wandte der Lugaus die Tischplatte um. »Das ist jetzt das Papier.«
Er reichte dem Dullhäubel einem Halm Kümmelstroh. »Da tauch ein,
Müllner, in die Tinte und schreib! Ich und mein Weib sind keine
Schriftgelehrten, zu unserer Zeit ist weit und breit keine Schul
gewesen.«
Der Alte schaffte jetzt an, und der Dullhäubel kratzte emsig mit dem
Stroh seine hagebuchenen Buchstaben auf den Tisch.
»Schreib hin, Müllner! ›Und die Ogath kriegt tausend Taler mit und
einen Kammerwagen voll Zeug und unsere Küh Köpfel und Prinzel. Der Name
des Herrn sein gelobt!‹« Hernach setzte der Lugaus drei Kreuze unter
den Heiratsbrief und drehte die Tischplatte wieder auf die alte Seite,
daß die Schrift nicht verwischt werde.
»Jetzt knie dich nieder, Ogath, daß ich dir den väterlichen Segen geb!«
Sie zierte sich ein wenig, dann fiel sie polternd auf ihre starken
Kniescheiben hin, die Bäurin schneuzte sich in den Unterkittel, der
Lugaus breitete wie ein Pfarrer über sie die Hände aus und sagte: »Sei
froh, Ogath, daß du keine alte Jungfer wirst, du brauchst nach dem Tod
nit im Moos die Kiebitze hüten!«
»Hör zu, Schwäher! Die zwei Küh tät ich mir gern anschauen,« bat der
Dullhäubel.
Der Lugaus leuchtete mit dem Span in den Stall, wo das Vieh lag und
atmete. Mit gekrümmtem Fuß trieb er die verbrieften Kühe auf. Sie
schauten sich mürrisch um und zogen das Maul scheel.
»He, Köpfel, auf, du mußt nach Fuxloh! Prinzel, du auch. Fuxloh ist ein
schönes Ort. Du kannst sie dir gleich mitnehmen, Müllner, die Küh.«
»Heut ist der Weg zu finster, Schwäher. Aber wann soll uns der Pfarrer
zusamm binden?«
»Meinetwegen heut noch,« kicherte der Lugaus.
»Schwäher, ich hätt der Ogath noch was heimlich zu sagen.«
Der Alte blinzelte schelmisch: »Geh nur zu mit ihr, Müllner, und sag
ihr es deutlich!«
Da ging der Dullhäubel mit der Ogath aus dem Gehöft in den Wald hinein.
Ein mondsüchtiges Füchslein gellte, lau strich die Luft durch die
Stämme, und Nacht und Himmel waren spiegelheiter.
Mit seinen läppischen Händen tappte er nach ihr.
»Laß mich aus!« schalt sie und entrang sich ihm.
Als er sie dennoch mit zangenden Fingern packte, kerbte sie ihm die
Nägel ins Gesicht.
Er ließ murrend ab. »Stutzig und trutzig bist du wie eine
Kranwitstaude!«
»Du kannst mich einmal genug anrühren,« tröstete sie, »heut wär es noch
zu früh. Aber jetzt geh ich mit dir, ich will die Mühl rauschen hören,
wo ich einmal die Müllnerin bin.«
Dem Dullhäubel schoß das Blut bis zum Schopf hinauf. Da hatte er sich
eine saubere Suppe eingebrockt! Wie die Dirne so ruhig und fest wie ein
Felsen vor ihm stand! Die gibt nimmer nach.
»Ich kann dich nit mitnehmen,« stotterte er. »Es paßt sich nit. Was
täten die Leut dazu sagen?«
»Die Leut sollen reden! In drei Wochen sind wir Mann und Weib.«
Sie faßte mit festem Griff seine Hand und schlug mit ihm den Weg über
die Grenze ein.
Es war still worden, der Fuchs klagte nimmer. Der Mond stand im
Vollschein.
»Bist du allweil so einsilbig?« fragte sie.
»Ich red oft ein ganzes Jahr nit,« stieß er heraus. Er stolperte
unwirsch dahin und dachte, wie er sie vertreiben und die Gefahr
abwenden könnte, die gäh wie ein Waldgewitter über ihn aufdrohte.
Im dicksten Tann blieb er plötzlich stehen und schaute sich ratlos um.
»Jetzt haben wir uns vergangen. Ich weiß keinen Weg.«
Sie lachte. »Wir steigen ins Tal. Drunten in den Schluchten hebt der
Bach an, der leitet uns gewiß zu deiner Mühl.«
Sie zog ihn den Waldsteig hinab; es war, sie rieche den rechten Weg.
Dem Dullhäubel ward unheimlich.
Wenn der Gid den Streich erfährt, dann weh!
Der Kasper Dullhäubel nahm sich vor, sich närrisch zu stellen, daß er
die felsenfeste Braut verscheuche.
Droben am Ast schrie ein Schuhu.
Der Bursch hielt an und zischte hastig: »Horch, wie schön der
Vigelvogel pfeift!«
»Du spassiger Bub du!« sagte sie ruhig.
Er langte nach einem Ast und wollte sich daran hinauf schwingen. Sie
hielt ihn zurück.
»Willst du hinauf, deinem Vigelvogel singen helfen?«
»Ich bin gefährlich«, knurrte er. »Der Mond zieht mich alle Nacht in
die Höh. Gestern bin ich aufgewacht, wie der Mond schwarz worden ist,
da bin ich in Blaustauden auf dem Turmknopf gesessen.«
»Der Mond nimmt mir dich nit, mein Müllner. Zieht er dich an, so häng
ich mich dran. Und ich bin gewichtig.«
»Ich bin gefährlich,« murmelte er. »Ich hab schon mehr als einen
umgebracht.«
»Das glaub ich nit,« sprach sie.
Er stierte sie finster an, lange, lange, bis ihr schauerlich zu Mut
wurde. Er fing auf einmal ohne Ursache grausig zu lachen an und sang
unverständliches Zeug: »Schön knieweit, schön dachslet, unten lauter
Leut, oben wie eine Tirolerin!«
»Müllnersbub, ist dir das Rädel laufend worden?« rief die Ogath
erschrocken.
»Weh, weh, weh! Das Mühlrad dreht sich mir im Kopf!« flüsterte er,
duckte sich und schlug einen Purzelbaum.
»Du hast ein Fieber, Bub.«
»Die Liebe zerwirrt mich, Dirn.« Er jauchzte hellauf, kniete dann vor
eine Rotkröpfelstaude hin und betete ein Vaterunser.
Sie riß ihn stark in die Höhe. »Entweder bist du unrichtig im Hirn,
oder feindet dich der höllische Geist an,« sagte sie. »Jetzt darf ich
dich nit verlassen, ich muß dich in die Mühl bringen und deinen Leuten
übergeben.«
Der Dullhäubel verzweifelte an seinem Glück, dumm und stumm ließ er
sich führen, und sie redete ihm tröstlich zu und betete still vor sich
hin, Gott möge seinen Verstand wieder hell werden lassen.
Je näher sie Fuxloh kamen, desto glühender ward dem Schelm der Weg
unter den Fersen. Er mußte die Ogath verscheuchen, sonst fiel ein Berg
von Unheil und Spott über ihn.
Er schluchzte auf einmal kläglich auf. »Ogath, ich verdien dich gar
nit. Kehr um, kehr um beizeiten! Ich könnt dein Unglück sein.«
»Ja warum denn?«
»O die Leut reden schlecht von mir! Aber es ist alles, alles nit wahr.
Die Ehr schneiden sie mir ab ellenlang. O die Welt ist grundverdorben!«
»Gar so schlimm werden sie dir doch nit nachreden, Bub. Und ein wenig
verzeih ich dir schon.«
»Ich schäm mich soviel,« plärrte er, und die Tränen rollten ihm übers
Gesicht. »Die Leut sagen, daß ich -- daß ich -- schwanger bin.«
Er riß blitzschnell das Messer heraus, stieß es in eine Fichte, hängte
den Hut daran und sprang in hohen Sätzen davon.
Ihr war um das schöne blaue Hütlein und um das blanke Messer leid, sie
raffte die Sachen an sich und rannte ihm nach, und weil sie gar flink
auf ihren rüstigen Beinen war, holte sie ihn ein, als er keuchend bei
der Blaumantelkapelle rastete und bei dem Heiligen Hilfe zu suchen
schien wie ein gehetzter Hirsch beim Einsiedel.
»Bub, Bub,« beschwor sie ihn, »wenn du so arg heuchelst, soll dich
der Herrgott strafen. Schwör mir bei dem Heiligen da, daß du mich nit
narrst. Der Heilige hat das Maul offen, steck die Hand hinein. Wenn du
falsch schwörst, beißt er sie dir ab.«
Aber der Dullhäubel entriß ihr das Messer und fuchtelte damit irrsinnig
im Wind herum. Taub gegen ihren Jammer, kniete er am Weg hin zu einem
dürren Kuhfladen, zerschnitt ihn und reichte ihr schluchzend die
Hälfte. »Ogath, nimm es an und trag es um den Hals zum Andenken!«
»Mein Herr und mein Gott!« rief sie aus und kehrte traurig um. Denn da
war nimmer zu helfen. --
Daheim drehte sie die Tischplatte um, zu sehen, was der Bräutigam
geschrieben hatte. Anstatt des Heiratsbriefes las sie einen Reim.
Drunt im wilden Moos
liegt ein totes Roß,
vorn und hint offen,
ist der Schwäher draus gschloffen.
Die Ogath rieb den Schandspruch mit einer Bürste ab. In ihrem Hirn
blieb er brennen.
Sie schluckte den Zorn hinunter und schwieg Vater und Mutter gegenüber.
Doch den falschen Buben wollte sie heimsuchen und ihm ein schweres
Donnerwetter anheben.
* * * * *
Am Aller-Wetter-Herrentag ging die Ogath übers Gebirg nach Fuxloh, wo
sie sich den Weg zur Mußmühle weisen ließ.
Dort vor der Tür auf einem eingegrabenen Mühlstein stand der Gid und
zündete sich die Pfeife an. Zuerst rieb er das blauköpfige Zündholz
hinten am Sitzfleck, hernach am Knie und an der Schuhsohle, schließlich
spreizte er die Beine, bückte sich zu dem Mühlsteinpflaster und
streifte daran, und als auch das kein Feuer gab, schleuderte er
fluchend das Hölzlein weg.
Da stand die Ogath vor ihm. »Das Glöckel läutet, Mühlbursch. Schütt
Korn zu, statt daß du da so langweilig spielst.«
Der Gid staunte die starke fremde Dirne an, dann meinte er spöttisch:
»Hoho, da kommt eine daher gelaufen und will mir was schaffen.«
Sie antwortete stolz: »Ich reit nit auf der Geiß daher. Ich weiß, wer
ich bin und was ich hab, und ich weiß, wem ich angehör.«
Der junge Müller lachte. »Du kannst die Kaiserin selber sein, mir hast
du nix zu sagen. In der Mußmühl bin allweil ich der Herr.«
Da fühlte die Ogath einen brennenden Stich im Herzen und merkte, daß
sie von dem bösen Nachtbuben zwiefach betrogen worden war. Aber sie
ließ die Zähren, die ihr die Augen schwimmen machten, nicht übers Ufer
treten, und weil sie sich einmal die Mühle in den Kopf gesetzt hatte
und ihr der staubige, finsteräugige Bursch auf dem Mühlstein besser
gefiel als der fuchsbärtige Freier, und weil sie es daheim in der Einöd
nimmer freute, so wollte sie versuchen, ob sie da in dem brausenden
Haus ihr Bleiben könnte haben.
Und das Blut schlug ihr auf einmal so hart in der Ader, als sie sagte:
»Wenn du der Müllner bist, so frag ich dich, ob dein Weib keine Dirn
braucht?«
»Ich bin ledig,« antwortete er, »aber die Mutter hätt eine Hilf not,
sie ist nit gesund.«
Sie trat näher. »So ding mich auf. Stark bin ich. Da greif mir den Arm
an. Deine Mehlsäck heb ich leicht.« Und jäh umschlang sie den jungen
Müller bei den Knieen, und ehe er sich ihrer erwehren konnte, hob sie
ihn in die Höhe.
Als er verwirrt und schier taumelnd wieder Boden faßte, stammelte er:
»Du hebst einen Mühlstein. Du hast Kraft wie ein stürzendes Wasser. Du
bist zu brauchen.«
Er dingte sie auf, und sie half ihm in der Mühle, rannte die bestäubten
Stiegen auf und ab, goß das Korn in den Trichter und warf sich spielend
die Mehlsäcke über die Schulter, als wären sie mit Federn gefüllt.
Sie lernte die Schleusen öffnen und die Mühlsteine schärfen mit dem
Kieshammer und die Pfannen der Räder schmieren und besorgte das Vieh
im Stall und den Mittag am Tisch und die gichtische Müllerin im Bett.
So gewann sie bald das Herz der Alten, und die schwarzen Augen des Gid
flogen ihren schnellen und kräftigen Bewegungen allzeit nach.
Einmal abends saßen sie beisammen. Der Alte hatte die Stirn gerunzelt,
er starrte in die Milchsuppe wie in einen Spiegel und vergaß zu essen.
»Die Suppe kühlt dir aus,« mahnte die Müllerin. »Ärger dich nit über
das, was nit zu ändern ist!«
Der Alte drehte die trübe Stirn der Ogath zu. »Ja, Ogath, vormals hat
es eine schöne Gerechtigkeit für uns gegeben: meine Vorfahrer haben
von jedem Sack Getreid einen Zins einheben dürfen, und wenn ihn auch
die Fuxloher in der Kuckucksmühl, in der Grillenmühl oder in der
Samstagmühl haben mahlen lassen.«
»Heut sind die guten Gesetze abgeschafft,« tadelte der Gid. »Alle
Ordnung ist zerfallen. Das wurmt mich.«
Die Ogath redete wie ein tröstlicher Geist. »Männer, den Stein, den man
nit heben kann, laßt man liegen. Die Mußmühl wirft genug Geld ab und
hat genug zu mahlen; sie könnt sich noch einmal so geschwind drehen,
die Arbeit tät nit abreißen.«
»Es ist nit das allein, was mich betrübt,« raunte der Alte. »Aber jetzt
rührt sich der Mühlteufel wieder. Bei jeder vierten Brut meldet er
sich. Zuletzt ist er bei meinem Ähnel gewesen, -- jetzt kommt er zu
dir, Gid.«