So wich der alte Bauer dem jungen. --

Am Kirchweihsonntag schleppte sich der Isidor Dullhäubel zum letztenmal

in den »pfalzenden Hahn«. Und als er mitternachts toll und voll

heimkehrte, weckte er seine Bäurin und sagte fröhlich: »Heut hab ich

die Krankheit versoffen.«

Der Kasper schwenkte noch am grauen Morgen die Dirnen im Tanz, als sein

Knecht ganz außer Atem daher kam. »Kasper, heimgehen sollst du. Der

Bauer ist gestorben.«

»Hast du mich erschreckt!« antwortete der Kasper. »Ich hab schon

gemeint, der rotblassete Tauber wär hin.«

* * * * *

Der neue Bauer schaffte dem Toten ein schönes Begräbnis an. Die

kupferne Nase nahm er ihm, als er in der Truhe lag, weg, sie konnte dem

Isidor beim Jüngsten Gericht mehr schaden als nützen. Der Kasper band

sie an den Senkel der Stubenuhr, die schon längst ein stärkeres Gewicht

gebraucht hatte. So hing ihm allzeit ein Andenken an den Verewigten vor

Augen.

Die Musikanten bliesen, der Pfarrer spritzte den Weihbrunn über die

Truhe und betete um das immerwährende Licht und um die ewige Rast, und

der Kasper heulte am Grab des Isidor Dullhäubel und begehrte, man solle

ihn gleich mit dem Alten einscharren.

Hernach ließ er sich nach ewigem Dorfbrauch ins Wirtshaus spielen,

und dort ging es feucht und lustig her, daß der junge Dullhäubel beim

Abschied schluchzend zu den Musikanten sagte: »Mein Vater hat jetzt

eine schöne Leich gehabt. Wenn wir leben und gesund sind, müßt ihr mir

bei meinem Begräbnis auch so schön aufspielen.« --

Der Mond war schon schlohweiß unterwegs, als sich der Trunkene

heimtrollte.

In der Blaumantelkapelle war es hellicht. Der Kasper Dullhäubel stierte

hinein. Ihm schien es, der Heilige beutle unwillig den Kopf und hebe

die Handteller gegen ihn, als greine er: »Fahr ab, du Sündenlümmel!«

»Du bist ein Lümmel, nit ich!« antwortete der Bauer. »Und meine Nase

nimmst du mir nit, die ist kerngesund. Schau nit so scheinheilig drein!

Wer weiß, wer du gewesen bist bei Lebzeiten.«

Der Heilige glotzte mit offenem Mund, der Mond verlieh ihm Leben.

»Dir verdank ich meinen roten Bart,« knurrte der Dullhäubel. »In dich

hat sich meine Mutter verschaut, wie sie mich getragen hat. Wir zwei

rechnen noch einmal ab miteinander. Und red nit so grob mit mir! Jetzt

bin ich der Dullhäubel.« --

Tags darauf bat er die Altbäurin, sie möge ihm ein altes Heiligenbuch

leihen, das er einmal in ihrer Truhe gesehen hatte.

Die Sodonia freute sich. »Das Buch schenk ich dir, Bauer. Das ist

recht, daß du jetzt einkehrst bei dir und das Leben der Heiligen lesen

willst, daß du ein Beispiel vor dir hast. Und so wachst in deiner

Frömmigkeit ein gutes Blümel aus deinem Vater seinem Grab.«

»Sind alle Heiligen drin?« fragte er kurz.

»Alle! Alle!« Sie nickte feierlich.

Eine Woche lang buchstabierte er sich durch das andächtige Buch,

daß er das Leben des Blaumantels kennen lerne. Er hoffte, in der

Erdenwallfahrt des heiligen Nachbarn einen schwarzen Fleck zu finden,

wie ja die stolzesten Heiligen oft die größten Sünder gewesen sind.

Vielleicht hat der Blaumantel einen Bauer im Roßhandel betrogen oder

es mit einem leichtfertigen Weibsbild gehalten oder gar irgendwo auf

der Straße einen Wegfahrer abgegurgelt. Es gibt gar wunderliche Brüder

unter den Heiligen. Und wenn der Dullhäubel den Fleck des hochfährtigen

Heiligen aufgedeckt hat, wird er ihm ein paar schöne Strahlen aus dem

Heiligenschein zupfen und ihm gehörig heimgeigen, wenn der Blaumantel

ihm noch einmal ins Gewissen reden sollte.

Doch wie scharf der Bauer auch die Buchstaben ins Auge nahm und

wie mißtrauisch sein Finger über die Zeilen tappte, daß ihm nichts

entwische, er fand in dem Buch nicht einmal den Namen des Heiligen.

»O du Duckmauser, wer weiß, was für einer du bist?« grinste der Kasper

Dullhäubel. »Jetzt will ich dir erst recht nachspüren.«

Er suchte den hochwürdigen Herrn Nonatus Hurneyßl heim.

Der Pfarrer lehnte gerad im Predigtstuhl, der ein großes, nach oben

offenes Schneckenhaus war, und erzählte die Marter des heiligen

Sebastian.

»Was gilt es, du kriegst den Pfeil in die Gurgel!« rief er. »Was gilt

es, du kriegst den Schuß in den Nabel! Bums, sitzt dir der Pfeil im

Schienbein! Ja, meine lieben Seelen, da sperrt ihr euer Maul auf

und loset. He, du alte Zipfelhaube im dritten Stuhl am Eck, schlaf

nit! Greift dich denn die Marter gar nit an? He, du Bürgermeister

von Grillenöd, räusper dich nit so laut! He, Mausfallenwirt, lach

nit so mit den Stockzähnen! Versuch es, laß du dir einmal von einem

gottschändlichen Buben mit der Schindelbüchse einen Nagel in den

geschwollenen Magen schießen!«

Da knarrte das Kirchtor, der Kasper Dullhäubel stand da und tappte

demütig in den Weihbrunnkessel.

»Gehorsamster Diener, Dullhäubel!« grüßte der Herr Nonatus Hurneyßl

grimmig. »Hast du den Weg verfehlt? Oder regnet es draußen, weil du

da herein kommst? Kannst du nit zur Zeit da sein? Mußt du mich in den

schönsten Martergeschichten stören? Hast du vielleicht einem Geißbock

die letzte Ölung geben müssen? Das möcht ich wissen, was du heut von

unserm Herrgott verlangst. Herrgott im Altar, trau dem Dullhäubel nit!

Ja ja, schnupf nur, und tröst deine Nase! Der Teufel wartet auf dich,

er bekränzt schon die große Bratröhre, wo er dich dünsten wird. Amen.«

Die Gemeinde murmelte: »Vergelts Gott!« und der Pfarrer stieg

schwerfällig von der Schneckenkanzel herab.

Nach der Messe schob sich der Dullhäubel in die Kanzlei des geistlichen

Herrn.

Der rief leutselig: »Ei, was für ein Wind tragt den Dullhäubel daher?

Willst du gar schon heiraten? Das wär ratsam. Deine Wirtschaft braucht

ein Weib.«

»Mich druckt ein besonderes Anliegen,« entgegnete der Bauer. »Sag

mir, Hochwürden, woher stammt denn unser guter Schutzheiliger, der

Blaumantel? Und was für Martern hat er erlitten, eh die Fuxloher ihn

in die Kapelle gesperrt haben?«

»Meine liebe Seele, ich kann dir darüber nit viel Auskunft geben.

Euer Heiliger schreibt sich eigentlich Sankt Aurazian, so steht es in

unserm Kirchenbuch zu lesen. Sonst ist über ihn nirgends ein Wort zu

lesen, so viel ich auch die Heiligengeschichte nachgeblättert hab. Mein

Vorgänger, der Pfarrer Sebastian Knaupler, hat in selbiger Sache einen

Brief an die päpstliche Kanzlei in Rom geschrieben, aber auch die haben

nix gewußt vom heiligen Aurazian. Er muß ein gar bescheidener Mann

gewesen sein, weil er nix von sich hinterlassen hat als seinen Namen.«

Der Dullhäubel dankte und ging. Bei der Siebenkittelwirtin kehrte er

ein und trank, bis er strotzte, und erst, als er keinen Trunk mehr

vermochte, besann er sich auf den Heimweg.

Die Nacht war schwarz, kalter Regen schlug durch den Wald. Der Steig

war voll Gerill und Geröll und voll lauernder, tückischer, schlüpfriger

Wurzeln, so daß der Bauer oft hinstürzte.

Vor der Kapelle zündete er sich die Pfeife an und beleuchtete den

Heiligen. Der wehrte mit den Armen ab, als wolle er keinen Teil haben

an dem Dullhäubel und als grause ihm vor dessen trunkenen Wandel.

»Herr Auraz Blaumantel, jetzt red du selber, wer du bist,« gröhlte der

Bauer. »Gelt, du staunst, daß ich deinen Taufnamen weiß? Ich komm dir

schon hinter die Schliche. Red, wer du bist! Du hast das Maul allweil

offen und kannst nit giges und nit goges sagen.«

Schärfer schlug der Regen nieder, der Wind bog die Bäume, der Wolfsbach

sauste.

»Von dir weiß nit einmal der Papst in Rom, woher du bist, du

zugereister Heiliger. Aber ich bin der Dullhäubel aus Fuxloh!«

Und er kroch in die Kapelle, rollte den Blaumantel in den Regen hinaus,

legte sich an seine Statt und schlief ein. --

In aller Frühe stapfte der Holzhacker Longinus Spucht mit seinem Weib

daher, zwei Leute, eines kleiner als das andre. Sie wollten weit in den

Lusenwald hinein, Bäume schneiden, und hörten es jetzt in der Kapelle

drin schnaufen und rasseln und gurgeln.

»Um teufelswillen, Weib, der Blaumantel schlaft hart,« wisperte der

Spucht.

»O du Batzenlippel,« spottete sie, »wie kann denn ein Hölzerner so

schnaufen?!«

»Also ist es ein Bär,« stammelte er.

»Schau hin, ob niemand in der Kapelle liegt!« befahl sie.

Er tat ein paar verzagte Schritte und rief: »Ist niemand in der

Kapelle?«

Da kreischte drin eine greuliche Stimme: »Was, bin ich jetzt auf einmal

der Niemand? Ein großer Herr bin ich, auf der Welt gibt es keinen

größern. Ich bin der -- --«

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 12 / 62 题