»So mußt du mich fragen, kleine Seele!«
Hellauf rief der Bub: »Was für eine Himmelssünd ist das, die
Unkeuschheit?«
»Die Unkeuschheit,« brummte der Geistliche, »das ist, wenn einer die
Hosen verkehrt anzieht. Und frag nit zuviel, Bengel, und bet zu deinem
Schutzengel, er soll dich nit verlassen!«
»An den Schutzengel glaub ich nit,« sagte der Kasper keck.
»Warum nit?«
»Wenn ich einen Schutzengel hätt, so hätt er mir helfen raufen, wie
mich der Schmied in der Beiz gehabt hat.«
Da fiel der Pfarrer über den Buben her und rüttelte ihn beim Kragen.
»Du frevelhafter Teufel, wirst du gleich an deinen Schutzengel
glauben!« --
In der Woche vor dem Freudensonntag beichtete der Kasper zum erstenmal.
Der Pfarrer spitzte seine Ohren scharf, und der Sünderling wispelte
hurtig hinein: »Bei der Mußmühl weiß ich ein Nest, sind fünf Eierlein
drin, fliegt allweil eine Bachstelze hin. Dir sag ich es. Daß du es
aber niemanden sagst, Pfarrer!«
Der Herr Sebastian Knaupler zog das Schneuztuch heraus und schneuzte
sich lange. Dann schlug er ein ellenlanges Kreuz in die Luft und
segnete. »Geh hin, o Mensch, deine Sünden sind dir vergeben!«
* * * * *
Der Kasper ging hin und wuchs sich gemächlich zu einem stämmigen
Burschen aus, stark und gelenkig. Sein Kopf war noch größer geworden,
nur die Augen blieben winzig und die Stimme hoch und dünn und kichernd,
wie er sie als Kind gehabt hatte.
Er plagte sich nicht, mit seiner Arbeit hätte er sich kaum das
tägliche Brot verdient. Viel lieber schlüffelte er im Dorf umher und
lauschte überall hin mit offenem Maul und verschlagenem, flinkem
Blick. Hemdärmlig stand er auf der Kegelstatt und wog und warf die
Scheibkugel, daß es donnerte.
Die Sodonia verwarnte ihn oft und rieb ihm vor, wie Müßiggang bösen
Ausgang nehme, besonders bei einer Bauernwirtschaft, er aber pfiff sich
ein Lied lustiger als das andere, rückte sich den Hut schief und sang:
»Und ein bissel bin ich bucklet,
und ein bissel bin ich krump,
und ein bissel bin ich tilltapp,
und ein bissel bin ich Lump.«
Weil er in der Rede gut beschlagen war und keinem die rechte Antwort
schuldig blieb, und weil er schier aus lauter schönen Spitzbübereien
zusammengesetzt war, wählten ihn die Burschen, die im Fasching vermummt
durch die Dörfer reisten, zu ihrem Hanswurst, und in diesem Amt trug er
einen strohenen Dreschflegel, einen Spitzhut und ein Kleid, aus hundert
bunten Flecken närrisch zusammengewürfelt wie seine Seele.
Der Müllergid ging als der Hauptmann voran, ein gefranstes Handtuch als
Schärpe vor der Brust, auf der Achsel einen Spieß, der sich unter dem
Speck bog, den sein tolles Gesindel aus den Rauchfängen der lachenden
Bauern heimste.
Und der Kasper stürzte jäh ins Knie, hob die Hände auf und schrie
kläglich: »Ihr lieben Daxloher, ich bitt euch um Gottes willen, gebt
her ein Pfund Teufelsspeck! Leugnet es nit, vor Dreikönig habt ihr
den Teufel abgestochen und in den Rauch gehängt. Und ich bitt euch
gar schön um eine kuhwarme Blutwurst, so lang muß sie sein, daß sie
sich neunmal um den Blaustaudner Turm wickeln laßt und dreimal um eure
Bürgermeisterin.«
Dann sprang er wie ein Heuschreck auf und schlug sich mit dem
Strohflegel eine Gasse durch die Gaffer, und während seine Gesellen
am Dorfanger tanzten und der Pritschenmeister einen der Zuschauer auf
die Bank legen ließ und ihm fünfundzwanzig auf die Hinterlandschaft
maß, durchstöberte der Kasper die Speckkammern und Ofenröhren der
unbewachten Gehöfte, und kam dann üppig beladen zurück zu seiner Bande
und jauchzte: »Die ganze Welt ist ein Fasching, juchu!«
In Blaustauden trieb der Kasper einen verreckten Geißbock auf. Sein
Gesindel grub hinterm Dorf ein Loch und senkte den Bock hinunter. Der
Kasper hielt die Grabrede: »Unser lieber, guter Herr Burgermeister ist
tot.« Und einer kniete neben ihm, als Wittib verkleidet und jammerte,
daß es einem das Herz zerspaltete und den Weibern rings das Wasser
aus den Augen sprang. »Ein guter Hausvater ist dahin,« hub der Kasper
wieder an, »ein braver Ehemann. Ihr Jungfern von Blaustauden, ich
wünsch euch allen einen so eifrigen Mann.«
Der Meßner Grazian aber, der unter den Leuten stand, begehrte auf. »Ich
laß den Blaustaudner Jungfern ihre Ehre nit angreifen,« schrie er und
drängte sich scharf zu dem Redner hin.
Gleich wurden die Köpfe rot, ein Knäuel ballte sich zusammen, Fäuste
reckten sich, und der Meßner lag auf einmal in der Grube auf dem
Geißbock.
Es wäre zu blutigen Schlägen gekommen, wenn nicht der neue
Pfarrer Nonatus Hurneyßl eingegriffen hätte, ein aufrichtiger
und entschlossener Mann. Mit dem Regenschirm jagte er die Leute
auseinander, verfolgte damit den Kasper, der sich mit dem Strohflegel
nur schwach wehren konnte, zum Ort hinaus und half schließlich mit dem
nämlichen Schirm seinem Meßner aus der Grube.
In der Nacht vor dem Fastensonntag trommelte es dem Grazian ans
Fenster. Der Grazian, in der Meinung, es gelte, einen Kranken zu
versehen, tat den Laden auf, und blitzschnell wurde etwas Gehörntes,
Fürchterliches, an eine Stange Gebundenes in die Stube gestoßen, und
das roch abscheulich.
»Der Teufel ist es, er stinkt nach Schwefel!« schrie die Meßnerin und
fiel aus einer Schwäche in die andere.
Der Grazian dachte gleich an seine Höllenfahrt und kroch plärrend
unters Bett.
Als die aufgeschreckten Nachbarn in die Stube leuchteten, fanden sie
einen halbverwesten Geißbock.
Der Grazian wollte sich den Fastenbraten und den daran hängenden Spott
nicht gefallen lassen und übergab die Sache dem Gericht. Der Täter aber
kam nicht auf, trotzdem daß alles mit den Fingern auf ihn hätte weisen
können.
Damals geigte die Sodonia dem Kasper tüchtig die Wahrheit, und es
schien, als ginge der Bursch in sich und verabscheue seinen Wandel, der
die Leute ärgerte.
Er stellte sich Tauben ein, züchtete sie und handelte damit und redete
von nichts mehr als von Schopf- und Kropf- und Trommeltauben, von
rotgesudelten und schwarzgesudelten, spiegelnden und rauhfüßeten Tauben
und pfiff den Vögeln den ganzen Tag und lockte sie, die über den First
des väterlichen Hauses trippelten.
Und in der Zeit dieser zärtlichen, weichen, sehnsüchtigen Pfiffe, und
während er die Spiele und Scherze der Vögel betrachtete, wie der Tauber
sein Weiblein umtanzte und girrend scharwenzelte und sie am Schnabel
zog, und wie die beiden beleidigt und dann wieder schön mit einander
taten, da wurde das Blut des Kasper ganz wunderlich, und er konnte sich
selber nicht begreifen.
Und einmal, der Mond blinkte in die Stube, wo Bauer und Bäurin in dem
breiten Himmelbett schliefen, da tappte sich der Kasper zur Tür. Aber
er stieß an einen Stuhl, und der Bauer fuhr auf und sah den Burschen
schleichen.
»Wohin denn, Bub?«
»Vater, heiraten möcht ich,« lallte der Kasper halb im Schlaf.
»Du hast recht. Heut noch nit, aber morgen, Bub. Und jetzt leg dich nur
wieder!«