Da holte der Bauer weit aus und reichte dem Hannes einen schallenden
Hieb. »Ich vertrag viel, aber so arg laß ich mich nit narren, du
falscher Lügenteufel. Hab ich es doch erst heut wieder gesehen, wie
die Sonn aus der Erd heraus gerodelt ist! Und die Sonn steht nit, sie
geht; doppelt so geschwind geht sie wie ein Mensch.«
Der Hannes rieb sich die Wange. »Du bist ein grobes Wetter, Bauer.
Aber es hilft dir nix. Und die Gelehrten wissen allerhand, was dir
seltsam ist, und sie haben recht. Wie könnten sie sonst die Stund genau
ansagen, wo sich der Mondschein verfinstert?«
»Das nehmen sie ja aus dem Hirschenbrunner Kalender, du Narr!«
»Und wer macht denn den Kalender, he?«
»Den Kalender hat es allweil gegeben, du Narr. Hör mir auf mit deinen
neugescheiten Gelehrten! Die wissen am End gar, wann Gott die Welt
erschaffen hat.«
»Jawohl, Bauer, am dreizehnten März.«
Da schlug der Isidor Dullhäubel ein Kreuz, daß er sich dabei schier die
kupferne Nase aus dem Gesicht gerissen hätte, und ging und überließ den
Kasper seinem Schulmeister.
Der hob den Finger. »Jetzt, Bub, mußt du einen Spruch lernen. Sag mir
ihn nach!
Kind, horch, was dein Gewissen spricht
und handle so, dann fehlst du nicht!
Die innre Stimme ruft uns zu:
Böses meide! Gutes tu!«
Zeile um Zeile drillte er dem Schüler ein, und der konnte es bald
auswendig.
»So, jetzt lernen wir Lieder singen!«
Der Hannes zog das Maul schief, sah ins Gras und begann mit meckernden,
hohen Lauten:
»Morgens, wenn die Sonn aufgeht
und der Tau im Gras da steht,
treib ich mit verliebtem Schall
meine Viehlein aus dem Stall
auf die grüne Hutweid hin,
ob ich gleich ein Hirt nur bin.«
»Nun, Kasper, wie gefallt dir das Lied? Es hat eine recht sittsame
Weis.«
»Gar nit gefallt es mir,« rief das Bauernbüblein.
»Du Lump, du fauler, du geringschätziger!« tadelte gekränkt der Hannes.
»Du wirst auch einmal so ein Bauer werden, der alle Tag Sonntag und
alle Sonntag Kirchweih hat und nix tut, als an den Zäunen lehnen. Weißt
du vielleicht ein schöneres Lied?«
Der Bub ließ es sich nicht schaffen und gellte aus höchstem Hals:
»Ich schrei hü,
ich schrei ho,
ich schrei allweil
hüstaho!«
»Da loset dem jungen Dullhäubel zu, der braucht keinen Schulmeister
nimmer,« sagte der Hirt bissig.
Er kramte einen messingenen Ring heraus, das war seine Sonnenuhr,
stellte sie gegen das Licht und sah nach der Stunde.
»Bub,« meinte er, »meine Zeit ist da, mich schläfert. Nimm derweil das
Vieh in acht!«
Er unterwies den Kasper noch, wie er sich als Hirt zu halten habe,
verblümelte dabei seine Rede mit vielerlei nutzbaren Sprüchen, sank
dann auf einmal steif und mit gläsernen Augen ins Gras zurück und
schlief.
Der Kasper kümmerte sich nicht um das Vieh, sondern kitzelte die
Grillen aus ihren Nestern, und hernach fing er ein paar Bienen, sperrte
sie in ein Schachtel, und die war der Stall, dort sollten sie Honig
melken. Dann grub er ein tiefes Hummelnest aus. Eine Hummel entkam
ihm und irrte herum wie ein fliegendes Baßgeiglein, eine andere aber
ertappte er und steckte sie zu den Bienen, denen sollte sie der Weisel
sein. Auch die Hummelzellen gab er ihnen in den Stall, sie sollten
sich ihrer als Schüsseln und Bratscherben bedienen.
Bald war sein unruhiger Sinn des stillen Spieles überdrüssig, und er
schlich sich zu zwei weidenden Kühen hin und knüpfte ihnen die Schwänze
zusammen, und als er hernach böse zu summen anhob wie eine Blutfliege,
wurden die zwei Tiere vor Angst irr, sie wollten fliehen und konnten
nicht, sie versuchten sich zu scheiden, und es gelang nicht, das eine
zerrte hin, das andere zog her, sie sprangen immer närrischer.
Der Kasper ergötzte sich daran, und daß seine Lust noch höher steige,
stahl er dem Hirten das Horn und stieß mit aller Wut seines Atems
darein.
Der Brunnkressenhannes taumelte auf. Er sah, wie die Kühe mit
verknüpften Schwänzen, die eine rechts, die andere links, einen jungen
Ahorn schier umrissen. Verzweifelt griff er sich ins Haar, das so karg
stand wie der armen Leute Hafer.
»Herrgott von Blaustauden, laß nur die Schwänze nit reißen!« Mit diesem
und noch manch anderem Stoßgebet rannte er den Kühen zu Hilfe.
Da tauchte der Meßner Grazian aus einer Staude, ein spitzköpfiger,
einseitiger Mann; die eine Achsel stand ihm höher als die andere. Er
deutete mit krummem Finger auf den Kasper. »Das ist ein liederlicher
Bursche. Der wird es zu nix bringen.«
Der Bub blies mißtönig auf dem Stengel einer Ringelblume und schaute,
kalt bis ins mittelste Herz, zu, wie der Hannes die ungeduldigen Kühe
auseinander tat.
»Dem liederlichen Burschen wird es einmal schlecht gehen,« weissagte
der Meßner Grazian, »der wird noch einmal Mäus und Grillen fressen.«
Indes hatte der Hirt sein umständliches Amt vollbracht und fiel nun
mit einem heimtückischen Sprung über den Kasper her, lieh sich dessen
Ohrwäschlein aus, tappte ihm nach dem Schopf und riß ihm eine dicken
Schübel Haare aus. Dabei keuchte er: »Dank hab die Rut, sie macht das
Knäblein gut!« und der Kasper sollte den Spruch wiederholen. Der aber
stampfte und strodelte unter den Krallen seines Meisters und krähte wie
ein junger Rabe, der aus dem Nest gefallen ist.
Der Grazian hingegen predigte aus der Staude heraus: »Der liederliche
Bursche rennt dem Galgen zu, er kann ihn nimmer erwarten. Hau zu,
Hannes! Hau so viel Ruten an ihm ab, als auf einem Joch wachsen!« --
Damals endete das kurze Schulmeistertum des Brunnkreßners.
Der Isidor Dullhäubel nahm seinen Buben her. »Kasper, du wirst ein
großer Bauer wie ich. Du wirst einmal Vieh und Felder und Holz haben.
Holz macht die Erde stolz, und du kannst einmal stolz den Kopf heben,
und die andern Fuxloher Bauern werden nur Notleider gegen dich sein.
Lernen sollst du nit viel, es ist nit gesund. Wer viel weiß, wird nit
feist.«
»Zum Hannes geh ich nimmer,« trotzte der Bub.
»Du brauchst auch nit, Bub. Die richtige Meinung über die Welt bring
ich dir bei, und lesen und schreiben lernst du von der Altbäurin.«
Es war die lustigste Lehrzeit, die der Kasper bei seinem Vater
verlebte. Weil der Bauer glaubte, das Gedächtnis sei die wichtigste
Arbeit des Gehirns, so mußte der Bub die scheckigsten Lügenmärlein
auswendig lernen, davon die Geschichte vom brennenden Wasser, das mit
Feuer gelöscht worden ist, und von der papierenen Kapelle, drin der
hölzerne Pfarrer eine haselne Messe liest, noch am glaubwürdigsten
war. Hernach brachte der Dullhäubel seinem Schüler, der lebhaft wie
ein Hirschlein darein sah, manchen Spottreim und manchen spitzigen
Stichelschwank bei und erzählte ihm die Streiche, derer die Dörfer
diesseits und jenseits des Gebirges bezichtigt wurden, und bald wußte
der Kasper jedem Ort ein Narrenglöckel anzuhängen, und er spottete über
die Bärnloher, denen einmal ein Ochs auf den Kirchturm hinaufgestiegen
war, und über die Daxloher, wo die Kühe so bitterlich hungern, daß eine
der andern den Schwanz abfrißt. Quackten im Mai die Frösche, so lachte
der Kasper: »Die Grillnöder singen!« Und wenn die Blaustaudner Glocken
über den Wald herauf klangen, sang er:
»Die Blaustaudner läuten,
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm's Brot.«
Der Bub konnte auch bald so kunstvoll mit der Peitsche schnalzen wie
ein alter Fuhrknecht. Er schob die Finger ins Maul und pfiff schrill,
daß es den ganzen Wald Vogeltänd durchdrang und die Krähen in den
Nestern sich duckten.
Weil er den Großen und den Kleinen seine Sprüche und Stichelnamen
anhängte, traute sich schier niemand am Dullhäubelhof vorüber, und der
Kasper war von allen gefürchtet wie ein bissiger Enterich. Drum fand
er auch zu seinen Spielen keinen Gesellen.
Nur des Mußmüllers Gid, ein stämmiger, vertrotzter Bub, vertrug
sich mit ihm, und die zwei bauten Wasserräder in den Wolfsbach,
durchstöberten die Felder nach gesprenkelten Rebhuhneiern und die
Wipfel nach Nestern, fingen Schnerrer und Kranwitvögel, brieten und
fraßen sie, fischten und krebsten, schopften und prügelten sich
weidlich und söhnten sich wieder aus.
Die Nachbarsbuben waren bald nimmer zu trennen. Und kam einmal der
Gid nicht früh genug aus dem Haus, so stellte sich der Kasper vor des
Müllers Tür und lockte mit seiner feinsten Kehle durchs Schlüsselloch
hinein: »Müllnerin, wenn du den alten Mostbirnbaum magst, mein Vater
laßt dir ihn ausgraben. Ist der Gid nit daheim?«
Er tat so fein und so schmeichelnd, weil die Mühle der einzige Ort auf
der Welt war, der ihm unheimlich schien. Denn der Müller Gori drohte
oft den unbändigen Buben: »Ich laß den Wassermann los, er liegt in der
Kuchel im Ofenloch an der Kette.« Und sprang gar der schwarze Hund
Zikan, den einmal böhmische Komödianten zurückgelassen hatten, hinter
dem Ofen hervor und fletschte den Kasper an, da verzog er sich schnell
und blieb eine kleine Weile artig.
Aber das Blut der Buben verlangte allmählich nach verwegeneren Dingen,
und die vererbte Rauflust regte sich. So zogen sie oft an die Gemarkung
des Dorfes und forderten schreiend die Widersacher heraus.
»Salz in der Butten,
Mehl in der Gruben,
die Grillnöder sind
Hagbutzelbuben.«
Die Grillnöder Buben litten den Schimpf nicht, und sie trauten sich
über die Schmäher, und so kam es zu zerkratzten Gesichtern, verbeulten
Schädeln und blutigen Häuten, wobei aber der Kasper meist gesund
davonging, denn er hielt sich zur rechten Zeit zurück und überließ den
Hauptanteil an dem Streit dem Gid.
Der Müllerbub war auch weitaus stärker als Kasper. Nur im Gedächtnis
fehlte es ihm.
Einmal schickte der Mußmüller seinen Gid zum Schuster, und dort
richtete der Bub den Auftrag ganz verkehrt aus. »Gelobt sei Jesus
Christus, Schuster,« sagte er, »da schickt dir der Schuh ein paar
Müllner, er laßt dich gar schön doppeln, daß du ihn bitten tätst, und
daß du ihm morgen die Schuh machst, er will sie heut noch anlegen.«
Als der Kasper das erfuhr, kannte er die verdrehte Rede gleich
auswendig, und er schonte den eigenen Freund nicht und sagte sie ihm
allweil wieder ins Gesicht, so daß oft bitterer Unfriede wurde zwischen
den Buben und zwischen den Vätern, denn keiner, der Dullhäubel nicht
und der Mußmüller nicht, ließ etwas über seinen Sprößling kommen.
Bald traute sich der Kasper mit seinen Schwänken an die großen Leute.
So saß einmal der Schmied mit seinem Gesellen beim Mittag, die Suppe
rauchte, und das Weib schnittelte Brot in den Topf. Da sprang der
Kasper in die Stube und schrie: »Schmied, helft, helft, euer Brunn
brennt!« Hurtig rannten Meister und Meisterin und Gesell hinaus zum
Brunnen, und als die Genarrten zurück kamen und alle Sakermenter
schalten, stand ein Ochs in der Stube, der hatte die Suppe ausgesoffen
und leckte sich noch die Nasenlöcher. »Den Hammer her!« brüllte der
Schmied. Er hätte das Bürschlein mit den Ohren vor seine Werkstatt
genagelt, wenn es nicht gar so entsetzlich um Erbarmen gebettelt hätte.
Der Kasper lernte dazumal, daß die Leute alles und auch das
Unglaublichste glauben, man braucht es ihnen nur zu sagen.
Derlei Unfug trieb er noch viel. Der Bauer litt es und nahm lachend den
Missetäter in Schutz. Ein einziges Mal nur vergriff er sich an ihm.
Die Grillnöder Buben brachten dem Kasper einen seltsamen Schimpf auf.
»Erdspiegelbub! Erdspiegelbub!« kreischten sie und zeigten auf ihn. Er
konnte sich nicht wehren, weil er nicht wußte, was das Wort bedeutete.
Der Brunnkressenhannes sagte ihm hernach, daß im Dullhäubelhof in
einem schauerlichen Loch neben dem Krautkeller der Spiegel aufbewahrt
sei, drin alles offenbar werde, und in dessen Glas jeder Dieb und
Räubersknecht sich zeigen müsse, wenn es der Bauer verlange.
Er erzählte: »Vor alter Zeit ist mein Ähnel einmal durchs Gehölz
gefahren. Plötzlich geht der Wagen nimmer vom Fleck. Die Ochsen legen
sich ins Joch, daß sie züngeln und der Schweiß ihnen rinnt wie ein
Bach, der Ähnel haut mit dem Geißelstecken auf das arme Vieh los,
umsonst, der Wagen steht wie angefroren. Da nimmt er vor lauter Zorn
die Axt und haut sie ins Hinterrad. Gleich rollt der Wagen wieder
fort, als ob nix gewesen wär. Wie der Ähnel hernach zum Dullhäubelhof
kommt, hört er es drin ächzen. Er schaut nach. Da liegt der Servaz
Dullhäubel blutig im Keller bei dem Erdspiegel und sein Fuß abgehackt
neben ihm. Der Servaz hat in dem Glas meinen Ähnel fahren sehen, hat
ihm einen Possen tun wollen und den Fuß aufs hintere Rad in den Spiegel
gestellt. Und wie mein Vorfahr dreingehaut hat, hat er dem Servaz den
Fuß abgehackt. Er soll hernach krumm gegangen sein, der Servaz.«
Der Kasper schlich sich am selben Tag noch in den Keller. Aber die
Tür zum Erdspiegel war vernagelt, und als er sie aufsprengen wollte,
ertappte der Bauer den neugierigen Buben und legte ihn übers Knie.
Das war das erste und letzte Mal, daß der Kasper des Vaters Faust
spürte.
Als die Sodonia den Enkel in solchen Ränken und Schwänken aufwachsen
sah, kränkte sie sich arg. Sie machte sich wunderliche Gedanken über
ihn und fürchtete sogar eine Zeitlang, der Kasper sei ein Wechselbalg
und in der Wiege vertauscht worden, und darum habe er auch einen gar
so großen Kopf und ein so boshaftes Gemüt, und sie bereute, daß sie ihm
nicht gleich nach der Geburt Märzhasenaugen um den Hals gehängt hatte,
den höllischen Tausch zu hindern.
Nun wollte sie seinem Übermut stauen, indem sie ihm die ewigen Leiden
vorhielt. Sie blätterte mit ihm durch des Kapuziners Cochem »Goldenen
Himmelsschlüssel« und wies ihm drin die Bilder, wie die Sünder am
Bratspieß des Teufels gespickt wurden und ihnen der Leibhafte mit
feuriger Axt das Fleisch vom Bein metzgerte und das Glied aus dem
Gelenk riß, wie Nattern mit giftigen Zungen die Verdammten mitten ins
Herz stachen und schleimige Kröten ihnen ins Maul krochen, und wie ein
derart gepeinigter Mensch sich nicht helfen und nicht wehren konnte,
zumal da er durch den Bauch an den Erdboden genagelt war.
In des Vaters Cochem Höllenspiegel gilbten dürre, duftende Nußblätter.
Die Sodonia ließ den Buben oft daran riechen und sagte dazu traurig:
»Die Blätter wachsen nit in Fuxloh, sie wachsen in einem Land, wo die
Leut milder sind.« Die Alte hatte aus einem fernen Dorf aus dem Vorland
des Gebirges herauf geheiratet.
Obschon der Kasper sich in der Nacht abergläubisch fürchtete, am
lichten Tag schreckte ihn der Ahnin Warnung nicht, daß auch er einmal
in den Höllenkessel hinabquirlen und drunten brennen und braten
müsse. Er wurde im Gegenteil immer begieriger, die marterlichsten und
verwickeltsten Peinen des Satans kennen zu lernen, als wolle er diesem
einstmals als gelernter Gesell behilflich sein. Das merkte die Sodonia
mit blutendem Herzen, und sie hakte bald den Höllenspiegel zu und malte
den Teufel nimmer an die Mauer.
Der Kasper schlief in ihrer Kammer, und wenn er nachts aufkam, sagte
sie mit ihm das Einmaleins auf, um ihn von bösen Gedanken abzuhalten,
und lehrte ihn kopfrechnen. Auch die Schrift brachte sie ihm bei, und
beim Lesen zeigte er sich recht anstellig, dabei aber geschah der große
Fehler, daß das abgegriffene Buch, darin er lesen lernte, »Die lustigen
Streiche des Till Eulenspiegel« hieß.
Die einzige Hoffnung der Sodonia war, daß der mißratene Mensch sich
schon geraderecken werde, wenn er einmal die Lehren des Glaubens aus
berufenem Mund hören werde.
Und es kam die Zeit, da versammelte der Pfarrer Sebastian Knaupler die
Fuxloher Kinder vor der Kapelle des Blaumantels, um sie für die erste
Beicht würdig vorzubereiten. Er lehrte sie die himmelschreienden und
die lässigen Sünden hersagen, erzählte ihnen die biblischen Geschichten
und münzte, was er da an geistlichen Dingen vorbrachte, in fröhlichen
und handgreiflichen Augenschein um.
Also hob er, als er von der Sündflut erzählte, die Kutte immer höher
und höher, damit das steigende Wasser recht anschaulich den Kindern
ans Herz schwölle, kletterte schließlich, von den Buben gehoben, auf
die Kapelle, das wachsende Meer zu verdeutschen, und rang droben die
Hände. Dem Häuflein drunten ward angst, mit weiten Augen schauten sie
zu dem geistlichen Herrn auf und in ihren Hirnen dämmerte der Umfang
des Strafgerichtes.
Da riß ein Lärm die kleine Gemeinde aus den Schauernder Sündflut in das
alltägliche Fuxloh zurück.
Der Brunnkressenhannes, der dem Pfarrer Sebastian Knaupler das
schulmeisterliche Amt neidete, sah von der Viehweide nieder, tutete und
näselte:
»Auf der Wies und auch am Klee
ich so lange umher geh,
bis sich laßt ein Brünnlein finden,
daß mein Vieh daraus kann trinken,
allda setz ich mich in Ruh,
nehm die Schwegel, pfeif dazu.«
Wie neugierige Gänse reckten die Kinder die Hälse und lauschten dem
Störer. Der Pfarrer drohte: »Da alter Grillenkitzler, jetzt halt schon
einmal das Maul!«
Um die Sinne der Kinder wieder an sich zu reißen und die
bergüberschwellende Flut in einem verwogenen Bild auszulegen, packte
er den Ast über sich und schwang sich in die Föhre. Er glitt aber
dabei aus und stürzte. Zum Glück verhängte er sich mit den Füßen in
eine Astgabel, die Kutte sank ihm über den Kopf verhüllend nieder und
entblößte zwei dünne, borstige Beine, die von einem kurzen Lederhöslein
nur spärlich bedeckt waren. Aus der Kutte heraus flehte er gedämpft um
Hilfe.
Die Kinder meinten, das gehöre alles zu der biblischen Geschichte,
drum rührten sie sich nicht, warteten und staunten. Schließlich kam
der Hannes mit einer Leiter gelaufen und erlöste den Herrn Sebastian
Knaupler aus seinem absalomischen Zustand.
Der Pfarrer wischte sich den Schweiß. »Kinder, für heut ist es genug.
Habt ihr alles begriffen?«