Die Tür knarrte, und auf der Schwelle stand die Hebamme mit einem
mächtigen Wickelpolster, drin zwei Büblein kläglich winselten. Eine
Magd trug das dritte Kind.
»Drei Buben, Bauer!« meldete die Hebamme. »Eine harte Geburt! Gerad vor
der Kapelle.«
Der Isidor Dullhäubel ergrimmte. »Hat er ihr also nit geholfen, der
Blaumantel? Da steht er schon so lang auf meinem Grund, und jetzt, wo
meine Buben anrücken, jetzt rührt und ruckt er sich nit. Jetzt reicht
er keine Hand.«
»Er ist halt ein Heiliger und keine Hebmutter,« beschwichtigte ihn der
Müller.
Aber der Bauer eiferte: »Ist doch schon die Muttergottes selber aus
ihrem silbernen Gewölk gestiegen und den Weibern beigesprungen in ihrer
Stund! Hätt nit der Tropf auch aus seiner Kapelle treten können?!«
»Wischt euch das Blut ab, Männer,« sagte die Hebamme, »und geht gleich
mit zur Taufe, daß die Würmer nit als Heiden absterben. Daß sie ins
Engelreich kommen und drüben einen Namen tragen. Der ist traurig dran,
der keinen Namen führt. Und die Drillinge werden nit lang leben, es
sind Siebenmonatkinder.«
Die zwei Männer standen auf und wankten mürrisch den Weibern nach ins
Pfarrdorf Blaustauden hinunter.
Dort in der Kirche legte die Hebfrau ihr Paar dem Müller in die Arme,
derweil der Bauer den einschichtigen Sprößling hielt. So traten sie zu
dem Taufstein.
Der Pfarrer ließ nicht lange warten.
»Hollah, drei auf einem Schub!« lachte er. »Die drei Eismänner haben
schon auf deinem Hof gehaust, sind wunderliche Heilige gewesen,
Dullhäubel. Taufen wir die da nach den drei Königen!«
Und er taufte sie Kasper, Melcher und Balthauser. Die Büblein hielten
sich mäuselstill, und erst, als bei der Taufe des Kasper, den der Bauer
selber hielt, der geistliche Herr fragte: »Widersagst du dem Teufel?«
da schrie der Bub gar mörderlich auf, als sei er von dem besessen, dem
er absagen sollte, und sei mit der Taufe gar nicht einverstanden.
»Halt das Maul, Kerl, oder ich schlag dir die Zähne ein!« drohte der
Pfarrer.
»Segnet ihn mir gut ein, Hochwürden, den Kasper!« bat der Bauer. »Spart
kein Wasser nit!«
Als die Männer den Weibern wieder die Täuflinge überließen, merkten
sie, daß der Melcher und der Balthauser kein Schnäuferlein mehr
taten. Der Müller mochte sie wohl ein wenig zu fest an sich gedrückt
haben, und es war ungewiß, ob sie getauft oder heidnisch ins Jenseits
eingefahren waren.
Der Bauer aber freute sich an dem Kasper. Der hielt die lebendigen
Augen offen und sah scharf darein. »Der hat gescheite Augen,«
frohlockte der Alte, »das ist ein Kreuzköpfel.«
»Er ist zu früh auf die Welt gekommen, der Spitzbub,« sagte die
Hebamme. »Ich will ihn auf der Schaufel dreimal in den Backofen
schieben, dann geratet er. Und gespieben hat er auch schon. Speibendes
Kind, bleibendes Kind!«
Der Isidor ließ im Wirtshaus noch einen gezuckerten Wein auftragen,
wie ihn die Weiber gern mögen, hernach schickte er die zwei mit dem
Lebendigen und den Toten heim.
Er selber trollte erst spät seinem Hof zu.
Vor der Kapelle rastete er. Der Mond lugte glashell hinein.
»Blaumantel, ob du schon schlafst?«
Der hölzerne Heilige drin redete nicht und deutete nicht.
»Geh, reck die Nase her und schnupf, heiliger Blaumantel!« spottete
Isidor. Er tappte sich zu dem Heiligen hin und schüttete ihm das
Tabakglas in den Bart.
Da nieste es auf einmal so schrecklich auf, daß die Kapelle zitterte.
Mit schlotternden Knieen floh der Bauer. Und eine grobe Stimme schrie
hinter ihm her: »Du wirst deine Schnutel, deine Schnufel nimmer lang
tragen!«
Was der beleidigte Heilige geweissagt hatte, das geschah. In ein paar
Jahren starb dem Isidor Dullhäubel die Nase am lebendigen Leib ab, wie
eine Blume an der grünen Staude verwelkt, und weil er hörte, daß die
alten Ritter, wenn ihnen die Hand abgehauen worden war, sich für die
fleischene eine eiserne an den Arm hatten schnallen lassen, so suchte
er einen Kupferschmied heim, und der setzte ihm eine kupferne Nase
zwischen die Augen.
Doch das Leben freute ihn nimmer, seit er nimmer schnupfen konnte, und
er vergaß es dem Blaumantel nicht, daß er ihn um das eindringlichste
Ergötzen seines Lebens betrogen hatte; schimpfend stampfte er an ihm
vorbei und rückte den Hut nimmer.
Als der Kasper so hoch wie der Stubentisch war, und sich schon selber
die Tür auftun konnte und ganz listig schon aus den engen Augen
herauslugte, da stellte der Bauer ihn vor die Kapelle und schalt
unflätig hinein. So keimte in dem kleinen Kasper ein Widerwille auf,
und der wuchs, als die Altbäurin Sodonia dem Buben, wenn er etwas
Schlechtes getan, mit dem Zorn des Heiligen drohte und diesen als
Vorbild eines wohlgefälligen Wandels hinstellte.
Die Alte rüstete den Heiligen mit der Pracht der wunderlichsten Wunder
aus und dichtete ihm alle Gewalt über Himmel, Hölle und Welt zu, so daß
der Herrgott, an ihm gemessen, nur ein ohnmächtiger Schatten schien.
Vor seinem Zauber wurde der Gichtbruch tanzend und wanderte der Lahme,
versiegte alles Gebrest; Stumme lobsangen ihn, Blinde wurden geheilt an
dem Schimmer seines blauen Mantels.
Der Kasper lehnte oft vor der Kapelle und staunte voll Angst und Trutz
hinein.
Am Bach, in dem gemauerten Häuslein, hinter der Gittertür geborgen vor
Regen und Schnee, hatte der Heilige seinen Unterschlupf. Mit krausem,
rotem Schädel, mit strengen, quellenden Augen und langer Nase stand er
drin, das Haupt geneigt unter der Last des Heiligenscheines, am Kinn
angeleimt einen fuchsfarbenen Bart aus Menschenhaar, den Mund weit
offen und die Arme abwehrend von sich gestreckt, als seufze er: »Gott,
hüt mich frommen Bruder vor dieser Welt!«
»Dein Guckähnel hat ihm einmal frevelmütig den Bart gestutzt, aber
gleich ist er ihm wieder nachgewachsen, dem Heiligen,« erzählte die
Sodonia dem Buben.
»Warum ist er denn heilig?«
»Weil er in einem Felsenloch gehaust hat sein Lebtag.«
»Da ist der Fuchs auch ein heiliger Mann, der schlaft auch in einem
Steinriegel hinter der Mühl.«
»Ein Vieh ist nit heilig,« sagte die Altbäurin verdrossen.
Der Kasper faltete die Stirn. »Woher ist der Blaumantel gekommen? Hat
er sich die Kapelle selber gebaut?«
Sie zog den Buben auf den Schoß und erzählte: »Gar überlang ist es
schon her, da haben die Hirten den hölzernen Heiligen in einem hohlen
Baum gefunden, da auf der Stelle, wo er jetzt steht. Sie haben ihn
nach Blaustauden geschafft und dort auf den Altar gestellt, aber er
ist davon und wieder zurück in seinen Baum. Jetzt haben sie ihn in die
Stadt gebracht, daß er nit in einen so langweiligen Einöd trauern müßt,
sondern ein paar ansehnliche Heilige um sich hätt, und daß er sich dran
gewöhnt, haben sie ihn in der ersten Nacht in eine Truhe unter Schloß
und Eisenband gelegt, und der Pfarrer und der Meßner haben sich darauf
gesetzt, daß der Vogel nit ausfliegt. Aber der Blaumantel hat die Truhe
gesprengt, Pfarrer und Meßner über den Haufen geworfen, und ist wieder
zurück in die Heimat. Er hat wollen in der Wildnis geehrt werden, wo er
gebetet und gebüßt hat. Da hat man über ihn die Kapelle gebaut.«
Der Kasper schielte mit den verzwinkerten Äuglein hinauf. »Mir hat aber
der Vater gesagt, die Fuxloher hätten den sakrischen Blaumantel auf der
Wallfahrt gestohlen, daß sie einen wohlfeilen Heiligen hätten. In einem
Sack hätten sie ihn daher gebracht.«
»Sei still, Bub,« warnte die Altbäurin, »sonst straft er dich auch.
Denk an dem Bauer seine Nase!«
»Meiner Nase darf er nix tun,« trotzte der Kasper.
»Still, still! Sonst kommt gar der Gankerl, steckt dich in den rußigen
Kessel, bratet dich, frißt dich.«
Es war, als würde dem Buben die kecke Rede vergolten, denn nach ein
paar Tagen wuchs ihm auf der Nasenspitze eine Warze, die ihm gar nicht
gut zu Gesicht stand. Das wurmte die Altbäurin, der an des Kasper
Sauberkeit gelegen war, aber das Hörnlein blieb, wie oft es auch mit
Wolfsmilch und mit Warzenkraut betupft, mit Fensterschweiß gewaschen
und mit Roßhaar gedrosselt wurde. Es frommte nicht heißes Schusterpech,
und als die Sodonia den Mißwuchs gar mit Zunder wegbrennen wollte,
brüllte der Bub entsetzlich und ließ keinen mehr an sich heran.
Da kam die Ulla daher, ein buckliges Bettelweiblein mit einem
kleinwinzigen Kopf, drin ein Hirn kaum Platz zu haben schien. Ihr
spitzes, haariges Kinn schlotterte, geschäftig drehte sie sich in der
Stube hin und her und knüpfte mit einem Faden fünf Knoten über der
Warze des Kasper, der sich wie verhext unter dem sonderbaren Tun des
Weibleins duckte. Nachher betete sie fünf Vaterunser und murmelte
noch ein Heimliches in sich hinein, daß den Buben ein Grausen anflog.
Schließlich humpelte sie hinters Haus, und wo die Tropfen vom Dach in
die Erde schlugen und eine Rinne gegraben hatten, dort verscharrte sie
den Faden.
Als der Mond neu wurde, war die Warze verschwunden, und der Kasper war
ein sauberer Bub mit blühroten Wangen, großem, kugelrundem Kopf und
flinken Füßen.
Die Ulla aber fürchtete er noch mehr als den Erdspiegel, der im Keller
unzugänglich verschlossen lag. Oft stahl er sich zu der verfallenen
Hütte der Alten und belauschte sie, wie sie zwischen den Felsen wilde
Kräuter brockte und eintrug, wie sie mit den Raben redete und den
Schlangen oder einer Staude etwas sagte oder gar einem Stein.
Sonst war er ein Waghals. Er ritt auf den Ochsen und Rössern, kletterte
auf die Tannen hinauf bis zur höchsten Spitze, rannte über den
Dachfirst, wo der Hauslauch grünte, und niemals stieß ihm ein Unglück
zu.
Nur einmal blieb ihm eine Bohne in der Nase stecken, sie wollte nicht
heraus und keimte schon.
»Sie wachst dir ins Hirn, Kasper,« jammerte die Altbäurin. »Der
Blaumantel wird dich ganz gewiß an der Nase verderben lassen. Ich seh
dich schon verkupfert.«
Der Bauer aber klemmte den Kasper zwischen die Kniee und drückte ihm
das Gesicht in eine Hand voll Tabak hinein. Da riß es dem Buben den
Kopf in die Höhe, er nieste sprühend, und die Bohne flog aus der Nase
an die Wand.
Jetzt haßte der Kasper den Blaumantel. Den heilsamen Tabak aber
begehrte er, und bald wußte er sich aus des Vaters ungenütztem Vorrat
den bräunlichen Staub zu verschaffen, der das Hirn so lieblich kitzelt
und erfrischt und das ganze Blut riegelt, wenn der Niesreiz von
inwendig her an die Nase herankriecht und schallend zerstäubt.
Weil der Kasper gar so waghalsig und ungebärdig aufwuchs und von den
Wipfeln schier nimmer herunter zu kriegen war, wo er die Krähennester
ausraubte, sorgte sich die Sodonia um des Enkels leibliches Wohl und
Seelenheil und fürchtete, er schlage allzusehr in die Art der Vorfahrer
am Dullhäubelhof.
Drum meinte sie zur Bäurin: »Du, Sanna, wir müssen den Daumen mehr auf
den Buben halten, daß er nit ausartet. Er hat nit Rast, nit Ruh, wie
aus Schlangenschwänzen ist er zusammgesetzt. Er zerreißt zu viel Hosen.«
Die Bäurin gähnte: »Das tut nix. Der Schneider bittet auch ums tägliche
Brot.«
Die Alte ließ nicht nach. »Der Kasper hat ein gutes Gemerk, wir sollten
ihm einen Schulmeister halten. Der Brunnkressenhannes wär ein gelehrter
Mann.« --
Da fand sich der Brunnkressenhannes im Hof ein.
Er war ein magerer, krummhälsiger Gesell, der den Bauern gegen einen
Jahrlohn das Vieh hütete. Auch bekam er alljährlich von der Gemeinde
ein neues Kuhhorn, und er prahlte oft, zu seinem Begräbnis brauche er
keine Musikanten, da würden alle Hirten aus dem Gebirg kommen und auf
den Hörnern, die in seiner Kammer hingen, ihm zu Grabe blasen.
Jetzt aber fragte ihn der Isidor Dullhäubel: »Hannes, kannst du
schreiben und lesen und rechnen?«
»Und singen auch,« nickte der Hannes stolz.
»Du sollst das alles unserm Kasper in den Kopf bringen. Triffst du das?«
Der Hirt bäumte sich auf. »Das vermag ich wohl. Ich hätt schier selber
in der Stadt die Schulmeisterprüfung hingelegt.«
»Warum hast du es nit getan?«
»Ei, da haben mich die Herren von der Schulmeisterschul gefragt,
was ich vom Specht wüßt. Ich hab langmächtig hin und her gedacht,
und zuletzt hab ich zugeben müssen, daß mir derselbige Specht ganz
unbekannt ist und daß ich ihnen überhaupt nix davon erzählen kann,
und wenn sie mich erschlagen. Da hat mich einer erschrecklich scharf
durch die Augengläser angeschaut und hat auf die Tür gedeutet. ›Behüt
Gott! Ich geh gern,‹ sag ich. Und wie ich glücklich draußen bin, steht
einer dort, der ist aus der Blaustaudner Pfarrei gewesen. ›Du,‹ sag
ich, ›hörst, jetzt gesteh mir auf dem Fleck, was ist denn das -- ein
Specht?‹ ›O du lieber Landsmann,‹ schreit der, ›du wirst doch schon
einmal einen Baumhackel gesehen haben?!‹ Nein, Dullhäubel, wenn ich
gewußt hätt, daß der Baumhackel in der Stadt sich Specht schreiben
laßt, den ganzen Tag hätt ich den studierten Herren davon erzählen
können.«
Der Dullhäubel holte den Hirschenbrunner Volkskalender vom
Fensterbrett, schlug ihn vorn auf und hielt ihn dem Hirten hin. »Jetzt
will ich mich überzeugen, ob du gut lesen kannst.«
Der Brunnkressenhannes holte aus der Brusttasche eine Brille herfür,
rüstete sich damit und setzte ein gelehrtes Gesicht auf.
»Mit Brillen lesen, ist keine Kunst,« rief der Bauer. »Das trifft ein
jeder.«
Der Hannes kehrte sich nicht dran und las langsam und gewichtig: »Sankt
Kilian stellt die Mäher an. Wann Maria im Regen übers Gebirg geht, dann
geht sie im Regen wieder zurück.«
Schnell deutete der Dullhäubel auf eine Eintragung, die auf der andern
Seite stand. »Ob du die Schrift auch verstehst?«
Der Brunnkreßner wischte mit dem Ärmel über die Nase und las: »Am
Montag nach Mariä Himmelfahrt ist der Kasper auf die Welt kommen. Den
Tag hernach ist unsere gelbfleckete Kuh, die Docke, beim Stier gewesen.«
»Selbes ist wahr,« freute sich der Bauer, »meine Mutter hat das
geschrieben. Die Zeit stimmt.«
Nun schlug er den Kalender hinten auf und hielt ihn lauernd dem Hirten
hin.
Der las: »Viehmärkte in Hirschenbrunn sind zu Georgi, am Tag vor Peter
und Pauli, zu Ägidi und zu Martini.«
Der Isidor wunderte sich über die Maßen. »Sakerment, wahr ist es,
vorn und hinten kann er lesen. Aber, Hannes, ich muß dich noch mehr
versuchen.«
Er rannte davon und kam nach einer hübschen Weile mit einem andern
Kalender zurück.
»Den hat mir der Mußmüllner geliehen, es ist ein Linzer Stadtkalender.
Ob du den auch verstehst?«
»Das wär nit schlecht.«
Der Hannes las, worauf des Dullhäubel derber Finger zeigte: »Ein Bauer
begehrte einen Viehpaß. Der Schreiber fragte: ›Auf wieviel Ochsen?‹ --
›Auf Zwei‹. -- ›Und der dritte treibt sie‹, lachte der Schreiber. --
›Und der vierte schreibt sie‹, lachte der Bauer.«
»Sakerment, ist das eine schöne, kurze Geschichte. Und ist sie auch
wahr? Und steht das wirklich so drin?« staunte der Dullhäubel.
»Ganz genau, ich beschwör dir es. Tausend Schwüre leg ich darauf ab in
einer Viertelstund!«
»So kannst du also einen jeden Kalender lesen vorn und hinten?«
»Oben und unten, geschrieben und gedruckt,« sagte der Hirt.
»Sakerment, wenn du jetzt noch die Gitarr zupfen könntest, du könntest
um die größte Schul einreichen,« meinte der Bauer.