Gedruckt bei Dr. Kurt Säuberlich in Leipzig

Das grüne Holz.

Fuxloh lag ganz hinten in der Welt zwischen den Örtern Blaustauden und

Grillenöd, abseits von den breiten Straßen duckte es sich verloren in

den Wäldern, ein gar rauhes Dorf voller Tannen. Obst trug dort nur ein

einziger Mostbirnbaum, der über hundert Jahre alt war, doch waren seine

Birnen so grausam herb, daß man schreien mußte, wenn man hineinbiß.

Sonst gediehen nur noch ein paar Vogelbeerbäume und Elexstauden

droben an den felsigen Wegen. Aber in ihrem Schatten blühte die

weltentlegenste Einfalt in tausend Blumen aus.

Heute findet man das Dorf nimmer, die Wälder sind darüber gewachsen.

Der Fuxloher Wind blies scharf und brannte den Bauern den Schlund aus.

Drum war in dem Ort der Durst daheim. Besonders vorzeiten blieben die

Männer oft wochenlang auf der Wirtsbank, sie knöpften sich den Latz

vom Hosenboden ab und saßen auf dem rohen Fleisch, um das Hirschleder

zu schonen. Am Samstag brachten ihnen die Weiber frische Hemden ins

Wirtshaus. Und hie und da banden sich die Säufer mit Stierketten

aneinander, daß keiner sich heimlich von der nassen Mette wegschleiche

und sie alle gemeinsam in des Rausches Elend fuhren.

Dazumal waren die Fuxloher als grobe Schelme, Wilderer und Raufer

verrufen, im Lauf der Zeiten aber verloren sie allmählich den übeln

Leumund. Es geschah kaum mehr, daß einer den Grenzstein in des Nachbarn

Acker rückte, Rösser wurden überhaupt nimmer gestohlen, und selten nur

weckte einen nachts das alte Raubschützenblut aus der Rast, daß er

aufsprang und an der bayrischen Grenze irgendwo auf einer Waldschneise

einen Bock niederknallte.

Nur im Dullhäubelhof hatte sich die alte Art der Fuxloher treulich

erhalten.

In einer Schlucht am Wolfsbach, wohin die Bauern vom Dorf herab immer

die Gänse trieben, daß sie schwimmen lernten, lag das Gehöft mit dem

moosgrünen Schopfdach, darunter an die Mauer ein verschmitztes Gesicht

gemalt war mit dem Spruch:

Gott, gib jedem Lumpenhund

zehnmal mehr, als er mir gunnt!

Vor langer Zeit, als die ungarische Königin Resel mit dem Preußen Krieg

führte, hauste der Pankraz Dullhäubel auf dem Hof. Bei dem kehrte der

Reichtum ein. Den Kopf deckte er sich allweil mit einem dreieckigen

Hut, an seinem Rock glänzten mehr Knöpfe, als Tage im Jahr waren. Er

ließ das Geld springen und hatte die nötige Münze dazu, denn er war ein

Werber, und damals, wo Soldaten gegen Preuß und Türk sein mußten, da

lohnte sich sein falsches Gewerb. Manch armen Schlucker fing er, der

sich über die Grenze herüber verirrt hatte, und der wurde ohne Erbarmen

ins Regiment gestoßen, und viele hatte der Pankraz am Gewissen, die im

Krieg auf der blutigen Fleischbank verdarben.

Dazumal kam auch ein Erdspiegel ins Haus, der Pankraz handelte ihn

einem wallischen Juden ab, und die Fuxloher fürchteten jetzt den Bauer,

der das zauberische Gerät verborgen hielt und dadurch Macht gewann über

alle andern.

Aber einmal fing er mit seinen Helfershelfern einen Handwerksburschen

und kettete ihm die Hände, und als er ihn gen Hirschenbrunn führte, um

ihn dort zu stellen, mußte er sich unterwegs bücken, die Schuhschnalle

zu schließen, die ihm aufgesprungen war. Den Augenblick nutzte der

Gefangene aus, er schlug dem Werber die Fesseln auf den Schädel, daß er

hin war.

Ein arger Vogel legt ein arges Ei.

Der Nachkömmling des Pankraz war der Servaz Dullhäubel. Der trieb sich

in grünen Jahren in den Wäldern des Lusens umher und schoß die stolzen

Hirsche und die starken Bären. Das Wildern fiel ihm leicht, da er sich

dazu himmlische Hilfe zu sichern wußte: er schaffte oft des Nachts ein

Wildbret in die Blaustaudner Pfarrküche, und dafür schloß der damalige

Geistliche ihn und seine Wege täglich ins Meßgebet ein.

Als dem Servaz einmal von einem Jäger der Fuß krumm geschossen wurde,

mußte er das freie Wildschützleben lassen, aber sein zorniges Blut

gab ihm keine Ruhe, und er wurde der wildeste Raufer waldauf und

waldab. Wenn er zum Kirchweihtanz ging, gab ihm die Bäurin immer sein

Totenhemd mit. Die Haut war ihm von Messern zerstochen, der Schädel

zerschrammt von splitternden Krügen, das eine Ohr abgebissen, die Zähne

eingeschlagen. Mit heraushängenden Därmen schleppte er sich einst von

Fuxloh nach Blaustauden zum Balbierer, dort schob er fein lind das

Gedärm zurück in seine alte Stätte, steckte Speck in das Loch und nähte

es sich selber mit des Balbierers Nadel zu. Die Naht hielt hernach noch

dreißig Jahre.

Er rühmte sich oft, der Richter solle ihm in seinem Buch ein Gesetzlein

vorweisen, danach er noch nicht abgestraft wäre. Kurz vor seinem

Absterben noch erschlug er auf der Kegelbahn den Waldheger von Daxloh

mit einem Kegel.

Der Apfel rollt nicht weit vom Baum.

Der Nachkömmling des Servaz war der Bonifaz Dullhäubel. Der hatte es

wiederum auf das Bier und den groben Bauernwein abgesehen und soff und

schlampampte, daß es ihm schier zu den Ohren herausrann. Fuhr er mit

dem Rössel in die Stadt, so schob er dort Kegel auf volle Flaschen

und streute das Geld den Kellnerinnen hin. Bei jedem Krug, der ihm

vorgesetzt wurde, tat er einen von den fünfundzwanzig Gupfknöpfen an

seinem Brustfleck auf; war die Weste ganz offen, so zahlte er seine

Schuld, knöpfelte wieder zu und hub von frischem an. So wurde er auch

in der größten Zeche nicht irr. Wenn er keinen Trunk mehr bewältigen

konnte, so bahrten Wirt und Hausknecht ihn auf seinem Wagen auf, das

Rössel zog an und trabte mit dem Schlafenden durch Wald und Sternschein

heim. Doch hielt es vor jedem Wirtshaus an, beim grünen Kuckuck, beim

Posthorn, bei der Siebenkittelwirtin, bei der Mausfalle, beim blauen

Mondschein, und wie die Einkehrstätten alle hießen, und der Trunkene

reckte sich aus dem Schlaf und gröhlte: »He, Wirt, füll nach!«

Ein anderes Anwesen wäre unter den Hammer gekommen, der Dullhäubelhof

aber hielt den Säufer aus. Viel Grund und Boden und Holz und Vieh

gehörten dazu, und die Bauern hätten noch viel reicher sein können,

wenn es sie darnach gelüstet hätte. Denn der Pankraz, der Guckähnel,

hatte einen schönen Schimmel im Stall stehen, und der Waldfürst hätte

das schneeblührieselweiße Roß gar gern geritten und dafür den ganzen

weitmächtigen Wald bis zum Lusen hingegeben. Der Pankraz aber hätte

nimmer getauscht, und wenn der Fürst vor ihm auf den Knieen gerutscht

wäre.

Wie gelebt, so gestorben. Vor lauter Gesundheittrinken kam der Bonifaz

Dullhäubel um die Gesundheit.

Die Fuxloher mähten gerade die Wiesen, da kroch der Bonifaz in der

Scheuer des Wirtes »zum pfalzenden Hahn« ins Heu, seinen schweren

Rausch zu verschlafen, und die Mäher verschütteten ihn aus Übermut

unter dem Heu. Sie vergaßen ihn aber hernach in ihrer heißen Arbeit und

erinnerten sich erst, als die Bäurin ins Dorf kam und nach dem Bonifaz

fragte. Schnell räumten sie das Heu weg; da lag der Vergrabene mit

lustigem Gesicht, aber erstickt. Weil die Burschen den Weg zum Gericht

scheuten, so halfen sie sich, wie sie es verstanden: sie schlugen einen

Haken in die Scheuer, wo sie am finstersten war, hängten den Toten dran

und drückten ihm seinen breiten filzenen Scheibenhut in die Stirn. Dann

schrieen sie das Unglück im Dorf aus: »Leut, Leut, der Bonifaz hat sich

aufgehängt!« Und weil eben ein Sturm anfing, glaubten die Fuxloher

ihnen gern und sahen mit Grausen, wie der Strick sich dem Bonifaz um

Hals und Bart schnürte, und der Totengräber in Blaustauden drunten grub

das Grab um drei Schuh tiefer als sonst, daß der Bonifaz nimmer heraus

und umgehen könne.

Die Bäurin gab ihm den Scheibenhut mit in die Truhe. Sie meinte, in

der Ewigkeit sei es hübsch lüftig, und der Selige sei allweil heikel

gewesen auf den Zugwind. Auch steckte sie ihm die Pfeife ins Maul, er

möge sich jenseits etwas vorqualmen, daß ihm Zeit und Ewigkeit besser

vergingen. Sie war ein fürsorgliches Weib, die Sodonia.

Wie die alten Vögel pfeifen, so stümpern die jungen.

Der Nachkömmling des Bonifaz war der Isidor Dullhäubel. Der schlug

sich, als er zur Mannheit kam, mit einem Stein die vordersten Zähne

aus, womit die Soldaten das Papier von den Patronen reißen, daß das

Pulver ins Gewehr rinne. So blieb der Isidor vor dem Krieg verschont.

Der neue Bauer meinte, ein richtiger Mann müsse neun Kinder zeugen,

und da mußte nicht bloß seine Bäurin daran glauben, sondern auch alle

Mägde, die auf dem Hofe dienten. Die Kinder außerhalb der Ehe wuchsen

frisch und fröhlich heran, die eheleiblichen aber wurden nicht alt.

Sein Weib, die Sanna, sorgte sich nicht um die Brut, sie schlief gern

und schlief allweil ein, wenn sie säugte, und der Säugling fiel ihr

dabei oft aus dem Schoß. So blieben ihr, ein einziges ausgenommen,

keine Kinder, trotzdem daß sie sehr fruchtbar war und nur Zwillinge und

Drillinge gebären konnte.

Sie grämte sich nicht um die Liebschaften des Bauers. Doch die Sodonia,

die Altbäurin, war ob der heidnischen Vielweiberei ihres Sohnes schwer

bekümmert. Aber wenn ihm wieder einmal ein Staudenkind auf die Welt kam

und die Sodonia ihm es als Sünde heftig verwies, lachte er nur: »Fürs

Lebendigmachen ist noch keiner gestraft worden.«

Der Isidor Dullhäubel führte allzeit sein Tabakglas mit, und weit

und breit tat es ihm keiner gleich im Schnupfen. Nicht einmal der

Blaustaudner Schulmeister, der, selbst wenn er die Orgel zum Hochamt

schlug, den Tabak nicht völlig entbehren konnte und darum auch beim

Spiel allweil ein braunes Häuflein auf dem Handrücken trug und die Nase

oft und oft inbrünstig dazu niederstoßen ließ und mitten in Gottes

Lobpreisung andächtig hineinschnupfte.

Als der Isidor noch frommer war, schnupfte er in den Fasten nicht, so

sehr es ihn auch lüstete; er tat sich einen Abbruch, um Gott wohl zu

gefallen. Erst am letzten Kartag, wenn der Pfarrer sang: »Christ ist

erstanden!«, da nahm er sich wieder das erste Schnüpflein. Als aber

am Auferstehungstag einmal der Geistliche kein Ende fand und Gebet

an Gebet, Litanei an Litanei knüpfte und nimmer in den Erlösungsruf

ausbrach, schlug sich der Isidor ungestüm den Tabak auf die Hand:

»Ob der Herrgott auferstanden ist oder nit, -- ich schnupf!« Seither

fastete seine Nase nimmer, und wenn ihm einer dies als Laster

vorrückte, wehrte er sich: »Das Schnupfen ist keine Sünd. Der Pfarrer

Eusebius hat seine Tabakdose sogar auf dem heiligen Kelch zum Altar

getragen. Freilich hat der mit seiner geistlichen Nase nur Spaniol

mögen, und ich schnupf brasilianischen Tabak. Aber unser Herrgott kennt

keinen Unterschied.«

Dazumal, als sie den alten Bonifaz vom Nagel herunternahmen, lümmelte

der Isidor mit seinem Nachbar, dem Mußmüller, im »pfalzenden Hahn«,

ließ sich von ihm über den Tod seines Vaters trösten und lüpfte eifrig

den Krug.

»Sei froh, daß er hin ist,« redete der Müller. »Es ist dein Glück,

daß er im Ausgeding gesessen ist, er hätt dir sonst den ganzen Hof

versoffen.«

Der Isidor schaute finster. »Soviel kann keiner versaufen, als ich hab.

Und vergönn es ihm, neid es ihm nit in die Grube nach!«

»Dullhäubel,« der Müller hob beschwörend die Stimme, »Dullhäubel, ich

weiß es: der Durst schluckt den Bach samt der Mühl.«

»Deinen Bach freilich, Gori, der hat kein Wasser,« grinste der Bauer.

»In aller Früh gehst du aus, schlagst mit der Stange den Tau von den

Erlen, daß du Wasser aufs Rad kriegst.«

In des Mußmüllers Stirn schnitten sich zwei scharfe senkrechte Falten,

er packte das Stutzenglas und hieb es dem Isidor auf den Schädel, daß

die Scherben flogen. Jetzt hob auch der Bauer sein Glas und trümmerte

es dem Müller auf das Hirn. Das alles geschah ohne sonderlichen Lärm.

Derweil der Wirt neue Gläser holte, saßen sie blutig und lachten.

»Nix für ungut, Müllner.«

»Tu her ein Schnöpflein, Isidor, daß wir einen andern Sinn kriegen!«

Der Bauer zog von dem blauen, geschliffenen Tabakglas den Stöpsel weg,

den er aus Weiberhaaren geflochten hatte, und die zwei kräftigten sich

an dem scharfen Brasil.

Der Wirt stolperte in die Stube. »Dullhäubel, dein Weib hat sich ein

ungeschicktes Wochenbett ausgesucht. Gerad vor der Kapelle hat die

Wehstund sie angepackt.«

Der Bauer pfiff halblaut vor sich hin; die Hand, die sich mit einem

Schnöpflein heben wollte, sank ihm.

»Sie ist über den Erhängten zu stark erschrocken,« redete die Wirtin

zum Fenster herein.

Der Müller riet: »Nachbar, drück die Knie zusamm, daß sie leichter

niederkommt!«

»Bei der Kapelle?« besann sich der Bauer. »Das ist kein ungeschickter

Ort, Wirt. Da springt der heilige Blaumantel heraus und steht ihr bei.«

»Wir Weiber helfen uns schon selber,« schwätzte die Wirtin. »Ich für

mein Teil komm um einen weißen Laib Brot nieder, ich geh dreimal in der

Stube hin und her und beutel das Kind ab.«

Der Isidor blähte sich auf. »Studieren muß er, der Bub. Ein hoher Herr

soll er werden; Steuern soll er einmal ausschreiben, den Müllnern und

den Wirtsleuten!« lächelte er mit pfiffigem Querblick.

»Was? Mir neue Steuern?« brauste der Gori. »Jetzt, wo wir Müllner so

schwer geschädigt sind von den neuen Zeiten? Alle Gerechtigkeit haben

sie uns genommen. Früher haben wir im Bach fischen dürfen, so weit

unsereiner den Hammer hat werfen können. Heut nimmer. Früher ist meine

Mühl eine Zwangmühl gewesen; heut schafft ein jeder sein Korn nach

Trippstrill und Schlampampen.«

»Dullhäubel, drei Buben!« rief die Wirtin in die Stube.

»Sakerment, wie viel?« Der Bauer hielt wie schwerhörig die Hand ans Ohr.

»Drei Buben. Bis jetzt.«

Fuxloh; oder, Die Taten und Anschläge des Kasper Dullhäubel: Ein Schelmenroman · 第 6 / 62 题