_Vor allem ist vorzubeugen, daß sich lokale Aufstauungen des

Hochwassers, Verklausungen usw. an engen oder scharf gekrümmten

Flußstellen, Brücken, Wehren und sonstigen Einbauten bilden können. Man

darf nicht davor zurückschrecken, zu enge Brücken- und Wehröffnungen

zu erweitern, feste Wehre in bewegliche umzubauen, gefährliche

Anlagen ganz zu entfernen. (Vorsorglich muß natürlich der Einbau

von Häusern, Lagerplätzen usw. in das gefährdete Gebiet unterbunden

werden.) Das Abflußprofil ist von allen Störungen zu befreien. Scharfe

Flußkrümmungen sind abzuflachen; Ufer und – wenn erforderlich – Sohle

des Flusses müssen an den gefährdeten Stellen gesichert werden, damit

schädlichen Sohleneintiefungen und Uferanbrüchen vorgebeugt wird.

Wo die Ufer zu niedrig sind oder die Sohle sich aufgehöht hat, kann

zwecks Absenkung des Hochwasserspiegels eine künstliche örtliche

Sohlenvertiefung zum Ziele führen, die erreicht wird durch Baggerungen

oder Einschränkungsbauten. Zur Absenkung des Hochwasserspiegels

kommen ferner lokale Flußbettverbreiterungen in Betracht. Vielfach

ist hierzu nicht einmal eine fortlaufende Flußbettkorrektion oder

eine durchgehende Bettverbreiterung erforderlich; es können rein

örtliche Maßnahmen genügen._ Allerdings ist zu prüfen, ob sie nicht

den unterhalb folgenden Flußstrecken schädlich werden (Auflandungen

und dergleichen). Die zweckmäßigsten Maßnahmen, die hier nur kurz

angedeutet werden können, sind in jedem Falle der Natur, d. h. dem

Flusse selbst, abzusehen. Sie werden bei folgerichtiger Anwendung

gemäß den Erfahrungen des Flußbaus vollen Erfolg zeitigen. Sie

erfordern verhältnismäßig geringe Aufwendungen und stören bei

vernünftiger Durchführung das Landschaftsbild in den meisten Fällen

nicht wesentlich. Zum Schutz gefährdeter Ortschaften kann eine

seitliche Ableitung sich als zweckmäßig erweisen, dergestalt, daß

beim Überschreiten eines gewissen Wasserstandes die schädlichen

Wassermengen selbsttätig über einen Überlauf stürzen und dann in einer

Flutmulde oder – in engen Tälern – durch einen kurzen Umgehungsstollen

unschädlich um die gefährdete Siedelung herumgeführt werden. – Der

Hochwasserschutz durch Flußverbauung ist z. B. in Bayern mit Erfolg in

den Vordergrund gerückt. Sie bildet auch die Voraussetzungen für die

Anordnung von _Hochwasserdämmen_.

Hochwasserdämme deichen das zu schützende Gebiet aus. Man kann hierzu

Überlaufdämme wählen, die das Gelände nur vor den niedrigeren, ständig

wiederkehrenden Hochwässern schützen. Treten Katastrophenhochwässer

ein, so fließt eine entsprechende Wassermenge über. Das überströmende

Wasser, der eigentliche Flutscheitel, bedeckt nun zwar das ausgedeichte

Gebiet. Es kann an den Kulturen immer noch gewisse Schäden verursachen;

diese stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den bisherigen und

können daher in vielen Fällen in Kauf genommen werden. Da ferner das

übergelaufene Wasser seiner ursprünglichen Gewalt beraubt ist, kann

es keine Katastrophen mehr herbeiführen. Überlaufdämme sind gerade in

Mittelgebirgstälern, wo vielfach für Volldämme kein Platz ist und der

Fluß wenigstens bei den häufigeren niedrigeren Hochwässern in seinem

Bett zusammengefaßt werden kann, oft mit Vorteil anzuwenden. Sie sind

besonders dort am Platze, wo die häufigen Sommerhochwässer niedriger

sind als die Winterhochwässer und wesentliche Teile der Grundstücke

nicht gerade hochwertig sind. Überlaufdämme sind nicht unwesentlich

billiger als Volldämme und erfordern vor allem nicht wie diese ein

ausgedehntes Vorland zur Abführung des größtmöglichen Hochwassers,

entziehen also der ständigen Nutzung nicht so umfangreiche Flächen wie

die Volldämme. Sie haben den Nachteil, daß das übergetretene Wasser

nach Ablauf des Katastrophenhochwassers langsamer als vorher in das

Bett zurückfließt. Auch ist in Tälern mit starkem Gefälle Vorkehrung zu

treffen, daß sich hinter den Dämmen keine Rinnen ausbilden, die durch

Fortschlemmen von Humus usw. nicht unerheblichen Schaden verursachen

können.

Die Krone der Volldämme muß entsprechend hoch über den größtmöglichen

Hochwasserstand angeordnet werden. Damit das Hochwasser zwischen den

Dämmen nicht zu stark zusammengefaßt und damit die Kraft des Wassers

auf ein für den Bestand von Flußsohle und Ufer gefährliches Maß

gesteigert wird, ist durchwegs zwischen Uferlinie und Hochwasserdämmen

ein hinreichend breites Vorland freizulassen. Diese Forderung

wird in engen Mittelgebirgstälern, wenn nicht sehr kostspielige

Sicherungsmaßnahmen in einzelnen Fällen in Kauf genommen werden können,

vielfach zum Verzicht auf Volldämme zwingen, die zudem scharfen

Flußkrümmungen nicht zu folgen vermögen und daher nicht unerhebliche

Gebiete der ständigen Überflutung preisgeben müssen. Für den lokalen

Schutz von Ortschaften sind Volldämme jedoch meistens nicht zu

entbehren. – Bei allen Hochwasserdämmen ist zu untersuchen, ob durch

sie nicht infolge der Ausschaltung größerer Inundationsgebiete die

Hochwasserverhältnisse flußabwärts wesentlich verschlechtert werden, in

derselben Weise wie es zum Beispiel durch Entwässerung und Kultivierung

von Mooren häufig genug eintritt. – Auch Hochwasserdammanlagen wirken

im allgemeinen bei entsprechender Linienführung wenig störend auf das

Landschaftsbild.

Hand in Hand mit allen Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen sollte in

den gefährdeten Tälern ein Hochwassernachrichtendienst gehen. Er

bezweckt, die ankommenden Wellen flußabwärts anzukündigen, so daß

die Bevölkerung rechtzeitig Vorkehrungen treffen kann. An den kurzen

Mittelgebirgsflüssen wird allerdings wegen dem raschen Anlaufen

der Hochwasserwellen eine derartige Ankündigung kaum früh genug

eintreffen. Es wird also in manchen gefährdeten Tälern von dieser

Einrichtung nicht viel erwartet werden dürfen. An ihre Stelle kann

dann der _meteorologische Hochwasserwarnungsdienst_ treten, der

die hochwassergefährlichen Wetterlagen anzeigt. Für die einzelnen

Flüsse ist jedenfalls die Zweckmäßigkeit eines entsprechenden

Nachrichtendienstes zu prüfen.

* * * * *

Bei der außerordentlichen Mannigfaltigkeit des Aufbaues und

Ablaufes der Hochwässer können allgemein für jeden Fluß anwendbare

Vorbeugungs- und Schutzmaßnahmen selbstverständlich nicht angegeben

werden. Den besonderen örtlichen Verhältnissen muß in jedem Fall

Rechnung getragen werden. Vielfach kann man sich nicht auf eine der

möglichen Maßnahmen beschränken, sondern muß mehrere gleichzeitig

anwenden. Zu warnen ist eindringlich davor, in einer Zurückhaltung

der schädlichen Wassermengen, z. B. durch Talsperrenanlagen, ein

überall anwendbares Allheilmittel zu sehen. Eine Überschätzung der

Wirkung von Talsperrenanlagen für eine Katastrophenbekämpfung ist

keinesfalls unbedenklich. _Als die erfolgreichste und vielfach

wohlfeilste Maßnahme, die auch bei Talsperrenanlagen in den meisten

Fällen nicht entbehrt werden kann und daher stets in erster Linie

angewendet werden sollte, die ferner am wenigsten in die bestehenden

Verhältnisse eingreift, hat sich an Mittelgebirgsflüssen vorwiegend

die Flußverbauung erwiesen, die den Flutwellen einen ungehinderten

und unschädlichen Abfluß sichert; dabei ist erforderlich, die Natur

zu beobachten, ihr nicht entgegenzuarbeiten, sondern sie vielmehr

weitgehend zu unterstützen. Festzustellen ist jedenfalls, daß die

Technik über Mittel verfügt, die nach menschlichem Ermessen schweren

Hochwasserkatastrophen vorzubeugen vermögen. Die Entscheidung über

die Zweckmäßigkeit der in jedem besonderen Fall geeigneten Maßnahmen

setzt eine sorgfältige Prüfung voraus, bei der man sich vor einseitiger

Nachahmung der vielleicht an anderen Gewässern unter ganz bestimmten

Voraussetzungen bewährten Vorkehrungen zu hüten hat._

[Illustration: =In Liebstadt, Verwüstungen des Seidewitzbaches=, einem

Nebenarm der Gottleuba]

[Illustration: =Unbewaldete Hochfläche mit Sattelberg= (rechts), =links

der Taleinschnitt in den Oelsengrund=]

Wassernot im Oelsengrunde

Erlebtes von _Georg Marschner_, Dresden

Mit seinem Oberlaufe durchfließt der Gottleubabach, von der

Landesgrenze bis zur Stadt Gottleuba, den ob seiner Blütenpracht und

seltenen Pflanzen allen Pflanzenfreunden und Botanikern wohlbekannten

Oelsengrund. In ihm liegt nahe der Landesgrenze das nur wenige Gehöfte

und einige Mühlen zählende Dörflein gleichen Namens.

Über diesen stillen Weiler spannte sich am 8. Juli 1927 blauer Himmel,

und Sonnenschein erfüllte das blühende, waldumrauschte Tal. Die

Heuernte hatte begonnen. Viele fleißige Hände regten sich, den seltenen

Sonnentag zum Bergen des reichen Erntesegens zu nützen.

Da ballten sich gegen einviertel vier Uhr nachmittags wieder dunkle

Wolkenmassen am Horizonte zusammen. Schneller läuft die Erntearbeit,

und nur zu bald steigern fernes Donnergrollen und vereinzelt fallende

Regentropfen ihren Rhythmus zu jener Hast, die denn immer mit

Peitschenknallen und rasselnden Wagen Vorspiel und Einleitung von

Gewitterentladungen ist.

Klatschender Regen läßt bald das kurze Vorspiel verstummen, und mit

zuckenden Blitzen und dröhnenden Donnerschlägen setzt jene gewaltige

Sinfonie entfesselter Naturgewalten ein, deren erschütternder Eindruck

vom Gleichklang zur Erde stürzender Wassermassen erhöht und verstärkt

wird. Immer erneut zucken grelle Blitze, und duckend erwartet der

machtlos lauschende Mensch den folgenden schmetternden Donnerschlag.

Das Auge vermag die sprühend graue Wand herniederströmender

Wassermassen nicht mehr zu durchdringen und in einzelne Elemente

aufzulösen. Das Ohr wird gemartert von den furchtbaren Lauten, die,

sich überstürzend und durchdringend, das Tal erfüllen.

Endlose drei Stunden währt dieses entsetzliche Toben fesselloser

Naturkräfte. Jedes Rinnsal wurde längst zum reißenden Strome. Der sonst

so friedsame Gottleubabach stürzt als wilde Flut, die weiten Wiesenauen

des Oelsengrundes mit schlammigen Wassermassen füllend, schäumend und

wühlend zu Tale.

Wassernot – wer könnte diesen Schreckensruf talwärts tragen, zu den

einzelnen Mühlen, zu den unten im Tale liegenden Siedlungen. Niemand

wagt und niemand vermag sich auszudenken, wie die ungeheuren, rasenden

Wasserfluten durch das dichtbesiedelte untere Gottleubatal kommen

sollen.

Wassernot – der Fernsprecher bleibt stumm. Die Fernsprechleitung nach

der etwa sechs Kilometer weiter unten im Tale liegenden Stadt Gottleuba

führt nicht im Tale abwärts, sondern geht über Lauenstein und das

Müglitztal. Seit Stunden versagt sie den Dienst, sie ist wohl längst

zerstört. Auf Augenblicke noch hängt der Blick hoffnungsvoll an der das

Tal in gefahrloser Höhe überspannenden Antenne, die den Rundfunk, den

erdumspannenden, so oft hier Kunde geben ließ von Geschehnissen aus

aller Welt – dann versinkt die bange Sorge für die Menschen da unten im

Tale in dem furchtbaren Geschehen ringsum. –

Gegen sieben Uhr abends lassen Regen und Donnerrollen nach. Aufatmend

finden sich die wenigen Bewohner des Dorfes am Rande der in rasender

Eile zu Tale stürzenden Wasserfluten zusammen. Schaudern und Bewundern

ringen in der Menschenbrust um die Oberhand angesichts des tosenden und

wühlenden Stromes, der auf selbstgesuchter Bahn, über Wege und Brücken,

über Felder und Wiesen, durch Höfe und Häuser donnernd und brausend

dahinjagt. Die Baumreihen von Eschen und Erlen, die dem bescheidenen

Bächlein sonst das Geleite gaben, sind längst ihres Amtes als Wegweiser

enthoben. Gewaltsam und gebieterisch haben die an Urweltstage

gemahnenden Wasserfluten ihr von ehernen Naturgesetzen vorgezeichnetes

jahrtausendaltes Bett wieder in Besitz genommen. Die Fesseln sind

gesprengt, die kultivierende Menschenhand dieser freien Tochter der

Natur seit langem angelegt hat.

In den dampfenden, grauen Schleier über dem rauschenden und brausenden

Tale senkt sich die Nacht. Die Fluten gehen ein wenig zurück.

Noch immer erfüllt von Unruhe geht einer nach dem andern in seine

schützende Behausung. Lichter flammen auf. Bald jedoch ein leises

Flackern, noch ein kurzer Schein und dann tiefe Finsternis. Die

Lichtleitung ist zerstört. –

Ins Rauschen und Brausen mischt sich wieder Donnergrollen, und Blitze

erhellen abermals in immer kürzeren Pausen das fließende Tal. Der Regen

setzt wieder ein, steigert sich immer mehr, und das Unsagbare, das

Unbeschreibliche ist nicht mehr aufzuhalten.

Wasserfluten stürzen vom Himmel, Blitze zucken, Donnerschläge dröhnen.

Das rauschende Tal brüllt, ins Brausen mischt sich Poltern, es

hämmert, es schlägt, es kracht. Niemand kann sagen wo. Überall. Vor

den Fenstern, im Hofe, auf den Dächern, im Tale. Unbekannte Töne, nie

gehörte Laute schmettern durchs Ohr in die Menschenseele. Das Auge

taucht in finstere Nacht, und nur das Ohr vermittelt den Zusammenhang

mit der von erschütternden Schauertönen erfüllten Außenwelt. Klein,

ohnmächtig, hilflos lauscht der Mensch dieser urgewaltigen Sprache der

Natur. Jetzt wollte manches Herze zagen, manches Auge füllten Tränen.

Das Toben der entfesselten Elemente erreichte gegen einhalb elf

Uhr seinen Höhepunkt. Verstummte – und im nächsten Augenblicke

durchschauerte ein ungeheures, gleichtönendes Rauschen und Brausen das

in schwarze Nacht gehüllte Tal.

Das unsagbar große, von Urweltsschauern durchzitterte nächtliche Drama

war hier bei uns im Oelsengrunde zu Ende. Die Wasserlawine wälzte sich

im Tale abwärts. –

Und mit dem Gleichklange des machtvollen Rauschens und Brausens begann

das Nachspiel dieser katastrophalen Talumbildung.

Dem ungeheuren Drucke der anstürmenden Wasserfluten, dem Rammen

und Stoßen entwurzelter Bäume, mitgerissener Stämme und Balken

waren alle Hindernisse gewichen. Wenige Schritte vom schützenden

Gehöft hatten Straßendamm, Brücke und Gartenmauer die Wassermassen

gestaut. Anschwimmende Bäume und Sträucher, Bretter und Balken, Teile

zerstörter Häuser, Hausrat, Heu und Gras erhöhten und verdichteten

diesen Staudamm, der dann im Höhepunkte der Flut zerbrach und samt

Straßendamm, Brücke und Gartenmauer mit den angestauten Wassermassen

gleich einer furchtbaren Lawine alles vernichtend und zerstörend

talwärts riß.

Hier mag die ungeheure Wasserwelle, die kaum tausend Meter talwärts

bei der Paustmühle und dann immer wieder aus gleichen und ähnlichen

Ursachen sich vervielfachend und wachsend, in ihren letzten, unfaßbar

großen Auswirkungen die Stadt Berggießhübel in einen Trümmerhaufen

verwandelte und so viele Menschenleben vernichtete, ihren Ausgang

genommen haben.

Die Schreckensnacht ging zu Ende. Es kam der Morgen und mit ihm das

Furchtbarste.

Nur zögernd lüftet die ruhig und erhaben am blauen Himmelsdom

aufsteigende Sonne den grauen Schleier aus Wasserdampf und Nebel. In

grausamer Unerbittlichkeit enthüllt der junge Tag dem entsetzten Auge

Bilder dämonischer Zerstörung. Zagend irrt der Blick im zertrümmerten

Tale, und nur widerstrebend vermag Menschengeist das entsetzliche

Vernichtungswerk zu fassen.

Ein neues Blatt im Buche der Natur liegt aufgeschlagen vor uns. Voll

Entsetzen der Inhalt. Was Menschenfleiß und Menschengeist geschaffen in

Jahrhunderten, zerstörten rohe Erdenkräfte in wenigen Stunden. Hilflos

steht der Mensch auf seiner geschändeten Scholle – schaudernd sieht er

seine Werke und bewundernd untergehn.

Verschwunden sind Wege und Brücken, Mühlen und Häuser zerstört, Bäume

und Sträucher abgetrieben. Das Bachbett ist zugeschüttet. In den

fruchtbaren Wiesenauen gähnen tiefe Löcher und gurgelnde Schluchten.

Dazwischen trostlose Trümmerflächen von Steingeröll und riesenhaften

Felsblöcken. Haushohe Haufen entwurzelter Bäume, untermischt mit Resten

menschlicher Wohnstätten, mit Stämmen, Brettern und Balken, mit Hausrat

und Geräten, alles verfilzt und verkittet mit angeschwommenem Heu.

Hier auf grüner Insel, inmitten der tosenden Flut ein Pferd, dort eine

Kuh. Angehörige werden gesucht. Verstörte Menschen klettern durch das

Wirrsal der Trümmerstätte. Ein kurzer Blick, ein Händedruck, und mit

zusammengepreßten Lippen geht es weiter, irrend, suchend – talauf,

talab. Und durch dieses Chaos von Trümmern rauscht im neuen Bett das

zum Strom gewordene Bächlein, im hindernisbefreiten Laufe dahin.

Still steht der Lauf täglicher Arbeit. Das furchtbare nächtliche

Erlebnis lähmt die sonst so fleißigen Hände und lastet mit dumpfem

Drucke auf jeder Seele.

Abgeschlossen von der Außenwelt, ohne Straßen, ohne Brücken, ohne

Licht, ohne Fernsprecher, die meisten auch ohne Trinkwasser, liegt das

Dörflein inmitten des in Trümmer gesunkenen Tales.

Beherzte dringen aufwärts im Tale und abwärts. Erschütternd ist das

Gesehene und Gehörte, erschreckend die Kunde der ersten Entdecker

unserer Not. Am zweiten Tage kommt die Zeitung und unterrichtet uns

vom Umfange der Katastrophe. Da preist wohl mancher das Schicksal, das

ihn und seine Lieben vor kaltem Wassertod bewahrte, und mit innigem

Mitgefühl und Dank im Herzen geben die Bewohner den beiden Todesopfern

aus ihrer Mitte das letzte Geleite.

Bange Tage zagender Hilflosigkeit und vergeblichen Ausschauens nach

Hilfe vergehen.

Täglich überfliegt in unerreichbarer blauer Ferne ein Flugzeug unseren

abgelegenen Winkel mit seiner der Öffentlichkeit nach Tagen noch

unbekannten Not.

Was bedeutet’s, daß einzelne Menschen durch die Lüfte sich tragen

lassen und Flugzeuge und Luftschiffe die Ozeane und die leeren

Eisregionen der Pole stürmen, – wenn diese grandiose Erfindung nicht

die Aufgabe hat, Kunde zu holen und Hilfe zu bringen, wo Menschen in

Gefahr sind.

Was bedeutet’s, daß uns im entlegenen Gebirgstal der Rundfunk römische

Musik, pariser Operetten und das Glockengeläute von Brüssel hören ließ,

– wenn seine Zauberwellen es nicht vermögen, Warnungs- und Hilferufe

dahin zu tragen, wo Menschenleben in Gefahr und Volk in Not ist.

Was gelten die Wunderwerke großstädtischer Fernsprechzentralen dort,

wo Hunderttausende Menschen beieinander wohnen, – wenn besiedelten

Erzgebirgstälern mit reißenden und wilden Bergbächen heute noch die

sichere Sprechleitung talabwärts fehlt, an der ein einziger Mann zu

Zeiten kostbare Menschenleben vor Verderben bewahren könnte.

Seit Jahren rief man nach einer Talsperre. – Dachte niemand daran,

einen sicheren Wassermeldedienst im Tale einzurichten, zum Heile der

dort wohnenden Menschen?

Zu spät ist es. Wenn aber denkender Menschengeist sich nun erst

recht müht, seine Errungenschaften mehr als bisher in den Dienst der

Nächstenhilfe zu stellen, dann werden die furchtbaren Lehren dieser

Wasserkatastrophe nicht umsonst gewesen sein.

Endlich nach vier langen Tagen kommt die so sehnlich erwartete Hilfe

auch ins obere Gottleubatal. Mit dem Eintreffen der wackeren zwanzig

Mann Landespolizei aus Riesa am Abend des 12. Juli schwindet das

hilflose Zagen vor der Größe des Unglücks. Der Bann ist gebrochen,

der hemmend und lähmend auf allen gelegen. Noch am Abend setzt

beherztes Schaffen ein. Stege werden gebaut und die schlimmsten

Hemmnisse geräumt. Immer neue Scharen von Helfern strömen ins Tal.

Verkehrshindernisse werden beseitigt, Notbrücken gezimmert und Straßen

aufgeschüttet. Frohes Hoffen beseelt alle.

Aber nur zu bald verebbt das mit bewundernswerter Größe einsetzende

Hilfswerk und bricht unerwartet ab. –

Nun ist es wieder still im Tale. Seit Monaten schon rührt sich keine

Hand zu aufbauender, schädenheilender Arbeit hier im Oelsengrund.

Kostbare Zeit ist verstrichen, und nur zu bald wird Schnee und Eis das

verwüstete Tal mitleidsvoll verdecken.

Fast könnte man glauben, daß das so verheißungsvolle Hilfswerk an

seiner eigenen Größe ins Stocken kam. Und mich will dünken, daß in dem

so viel bedauerten Schönwald, jenseits der Landesgrenze, das anfänglich

zögernd einsetzende Hilfswerk doch noch einen erfolgreichen Fortgang

genommen hat. Dort nützte die erstarkte Hilfe die günstige Zeit der

Herbstmonate zum endgültigen Aufbau des Zerstörten. –

Mit Sorgen sehen die vom Hochwasser so schwer heimgesuchten Bewohner

von Oelsengrund und dem noch weiter oben im Tale liegenden Ortsteile

Klein-Liebenau dem hier oft fünf oder sechs Monate dauernden Winter

entgegen. Bei aller dankbaren Anerkennung der geleisteten Hilfe ist

doch dringenden Lebensnotwendigkeiten nicht Genüge geleistet.

Der Lebensfaden der Orte, die Talstraße nach der Stadt Gottleuba,

liegt noch in Trümmern, kein lebenswichtiger Mühlenbetrieb wurde

in Gang gebracht. Im November ist die Herstellung eines schmalen

Fahrweges durch den Oelsengrund in Angriff genommen worden. Wohl führt

ein steiler Fahrweg über die Oelsener Höhe und das Dorf Oelsen nach

der Stadt Gottleuba, aber gleich nach den ersten Schneefällen ist er

verweht und vereist. Er wird dann unfahrbar für lange Zeit. Wie aber

sollen die Bewohner dahinten im Tale ihre Lebensbedürfnisse decken,

wie sollen sie ihre kargen Erzeugnisse, ihr Getreide, ihre Kartoffeln,

ihr Vieh zum Markte bringen? Wie soll ärztliche Hilfe hier hinter die

verschneiten Berge kommen?

Zwei Besitzer von Mühlen bauen jetzt mit eigenen Arbeitskräften die

zerstörten Wehre, Mühlgräben und Mahlgänge auf, und es ist recht zu

wünschen, daß nicht ein früher Winter die Arbeiten unterbricht und

damit die Lage der so Hartbetroffenen noch mehr verschärft.

Unvergeßlich groß war das Erleben in der Schreckensnacht vom 8. Juli

1927. Ich sah und ich hörte, wie eine Stätte in Trümmer sank, die mir

so vieles gab, die mir lieb und teuer war seit langen Jahren. Ich hörte

die allmächtige Natur in ihrem Zorne, ich sah ihr schreckliches Werk.

Fast müßig erscheint der Streit um die Ursachen der Katastrophe und die

Mittel zu ihrer Verhütung.

Ein anderes Tal, ein neuer Wasserlauf wurde in der Nacht des 8. Juli

1927 unter erschütternden Wehen geboren. Die von den Fluten gegrabene

Wasserrinne ist der Rohbau des künftigen Flußlaufes, der ausgehoben

und verbessert, niemals aber wieder eingeengt und verdämmt werden darf.

So lange die Zuflußgebiete auf den Höhen des Erzgebirges ohne Wald

sind, bleibt die Abflußregelung der dort niedergehenden Wassermassen

das einfachste und sicherste Mittel, ähnlichen Auswirkungen

vorzubeugen. Denn nicht der Abfluß der großen Wassermengen an sich

hätte die ungeheuren Schäden verursacht, sondern das ruckartige

Abstürzen der Fluten, infolge ganz ungenügenden Abflußraumes, hat das

beispiellose Zerstörungswerk vollbracht. Noch heute lassen sich im

Gottleubatale die Stellen nachweisen, wo sich diese Staudämme bildeten,

die dann zerbrechend die Katastrophe talwärts sandten. Überall aber

sind es Gebilde von Menschenhand, denen diese verhängnisvollen

Talverstopfungen und ihre grauenhaften Folgen zugeschrieben werden

müssen.

[Illustration: Abb. 1. =Landschaft mit dem Sernitzbach bei

Fürstenwalde–Müglitz Ursprungsgebiet des Unwetters=]

[Illustration: Abb. 2. =Im Quellgebiet der Müglitz bei Fürstenau= (in

der Ferne Sächsisch-Zinnwald)]

[Illustration: Abb. 3. =Am Sernitzbach, im Ursprungsgebiet des

Unwetters bei Fürstenwalde–Müglitz=]

[Illustration: Abb. 4. =Am Sernitzbach, bei Fürstenwalde–Müglitz, im

Ursprungsgebiet des Unwetters=]

[Illustration: Abb. 5. =Der Sernitzbach. Im Ursprungsgebiet des

Unwetters zwischen Fürstenwalde–Müglitz=]

[Illustration: Abb. 6. =Mündung des Sernitzbaches in die Müglitz= bei

dem Ort Müglitz]

[Illustration: Abb. 7. =Beginn der Zerstörung durch den Dorfbach in

Fürstenwalde nach dem Dammbruch des Dorfteiches=]

[Illustration: Abb. 8. =Zusammenfluß von Dorfbach mit Müglitz bei

Fürstenwalde-Kratzhammer Beginn des umfangreichen Zerstörungswerkes

durch die Fluten der vereinten Gewässer=]

[Illustration: Abb. 9. =Am Zusammenfluß der Müglitz und des roten

Wassers. Bahnhof Lauenstein.= In dieser Breite wühlten die Fluten ihren

Weg. Das rote Wasser kommt von Altenberg her und hat seinen Namen durch

die es rötenden Abwässer der Zinnwäsche]

[Illustration: Abb. 10. =Am Zusammenfluß der Müglitz und dem roten

Wasser am Bahnhof in Lauenstein=]

[Illustration: Abb. 11. =Das Leinbrocksche Sägewerk bei Bärenstein=

(Müglitztal), dessen gesamtes Holzlager weggeschwemmt wurde. (Siehe

unten)]

[Illustration: Abb. 12. =Bei Bärenstein.= Haushoch türmten sich an der

Müglitz die angeschwemmten Holzmassen auf, einen undurchdringlichen

Staudamm bildend; verheerend wuchs die Wasserkraft nach dem Durchbruch]

[Illustration: Abb. 13. =Das Müglitztal nach der Hochflut bei

Bärenhecke-Johnsbach.= Im Mittelbild sichtbare Verstopfung neben der

verschwundenen Brücke (jetzt neue Notbrücke)]

[Illustration: Abb. 14. =Das Müglitztal nach der Hochflut bei

Bärenhecke-Johnsbach= Die ganze Talbreite ein einziges Trümmerfeld]

[Illustration: Abb. 15. =Müglitztal an der Leglermühle bei

Bärenhecke-Johnsbach=]

[Illustration: Abb. 16. =Die vom Hochwasser zerstörte alte Lohmühle

(Leglermühle) bei Bärenhecke-Johnsbach.= (Müglitztal)]

[Illustration: Abb. 17. =Die Verwüstungen des Müglitztales bei

Bärenklau.= Man achte auf die große Breite, die der Bach, zum Strome

angewachsen, einnahm]

[Illustration: Abb. 18. =Völlig veränderte Landschaft bei Bärenklau.=

Die Fluten legten den nackten Felsengrund bloß]

[Illustration: Abb. 19. =Die alte Büttnermühle bei Glashütte=

(Müglitztal). Das Loch in der Mauer verursachte ein Baumstamm, der die

Mauern an beiden Seiten durchstieß]

[Illustration: Abb. 20. =Zerstörte Brücke bei Glashütte=]

[Illustration: Abb. 21. =Der von den Fluten ins Müglitztal geworfene

Abendzug in Glashütte=]

[Illustration: Abb. 22. =In Glashütte. Vom Bahnhof weggeschwemmte

Bahnwagen, zwischen Hausmauer und Kurfürst-Moritz-Brücke eingeklemmt=]

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 9–12 · 第 5 / 6 段