auf dieser Strecke angesiedelten Mühlen dem Hochwasser zum Opfer
gefallen, darunter die eben erst nach einer Feuersbrunst wieder
aufgebaute Köhlermühle. Dicht dabei, wo am Ende des Waldes von rechts
her der wilde Nasenbach im steinigen Bette zur Gottleuba herabstürzt,
ist etwas Besonderes zu beobachten. Ein neben dem Bachbett in alten
Zeiten angelegter, aber längst trocken liegender Teich hat einen
berasten Damm hinterlassen, der sich quer über die ganze Talaue legt.
Hier staute sich das Hochwasser mächtig an, bis es ihm gelang, in
den Damm eine breite, vier Meter tiefe Bresche zu legen. Durch diese
Bresche stürmte dann mehrere Minuten lang eine jener verhängnisvollen
Stoßwellen vorwärts, die weithin wirkend das größte Unheil, namentlich
den Einsturz von Häusern und den Verlust von Menschenleben verursacht
haben. In Klein-Liebenau ließen wir den Wagen zurück und durchwanderten
von hier aus das lange, sich an der Gottleuba aufwärts ziehende
böhmische Dorf Schönwald. Im Ganzen sind hier sechsundzwanzig Häuser
von den Wasserfluten vertilgt oder doch so beschädigt worden, daß
Neubauten an ihre Stelle treten müssen. Auch hier kann man beobachten,
wie die von den alten Ansiedlern in richtiger Schätzung der Gefahr
nur ein wenig aus der Flutrinne gerückten Höfe unbeschädigt sind, ja
selbst von den älteren Häusern an der Straße, die nur ihre schmale
Giebelseite dem anstürmenden Wasser darboten, sind die meisten
leidlich erhalten; wo aber ein törichter Baumeister die Langseite des
Hauses der Wasserrichtung entgegenstellte, ist meist alles verloren.
Die Wiederherstellungsarbeiten haben in der Tschechoslowakei später
begonnen als auf sächsischer Seite, aber sie sind jetzt in vollem Gange
und werden, soweit ich es zu beurteilen vermag, nach guten Plänen
ausgeführt. Vor allem ist man bemüht, das Bachbett zu vertiefen.
Die aus dem Bachbette herausgeholten großen Steine bilden das beste
Material zur Befestigung der Straße und für die Grundmauern der Häuser.
Besonders wertvoll war es mir, die beiden _Einbruchstellen_ zu sehen,
durch die das auf der Hochfläche zwischen dem Mückenberg und dem
Sattelberg aufgetroffene Wasser in den Schönwalder Talabschnitt der
Gottleuba eingeströmt ist. Beide sind verhältnismäßig flache Mulden und
stellen die Verbindung mit der genannten Hochfläche her. Die obere ist
der vom Schönwalder Oberdorf rechts abzweigende Nitschmüllergrund. Die
hier einflutende Wassermasse war nicht allzu bedeutend. Sie vermochte
nur das Bachbett der Gottleuba etwas aufzureißen: Keine Brücke,
geschweige denn ein Haus wurde im oberen Schönwald beschädigt.
Anders bei der zweiten Einbruchsstelle: dem Klepschgrund. Er führte
die größte Masse des Wassers in der Mitte des Dorfes – unweit des
trefflichen Gasthauses Stadt Wien – der Gottleuba zu. Der Klepschbach
enthält in der Regel nur eine mäßige Wassermenge, an seinem unteren
Ende ist er sogar versumpft und mit Binsen bewachsen. Aber in der Nacht
vom 8. zum 9. Juli war er ein brüllendes Ungeheuer. Von dem Punkte an,
wo sich seine Fluten mit denen des Oberdorfes vereinten, beginnt das
Werk der Zerstörung am Bachufer, den Brücken, den Bäumen und vor allem
an den entgegenstehenden Häusern. (Abb. 36.) Die wilde Flut wuchs, je
tiefer sie kam, durch ihre seitlichen Zuflüsse: den Grenzbach (beim
deutschen Zollhause in Klein-Liebenau), durch den Nasenbach (im Walde
an der Köhlermühle) und weiterhin immer mehr, bis sie ihr grausiges
Werk vollbracht hatte.
Wenn sich die Gefährdung des Gottleubatales und des ebenso stark
mitgenommenen Müglitztales in Zukunft bessern soll, d. h. wenn eine
gleichmäßigere Verteilung der Wasserabflüsse herbeigeführt und damit
der empfindliche Wassermangel im Hochsommer ebenso vermieden werden
soll wie die Hochwassergefahr, so würde ich nicht in erster Linie
an Talsperren denken (s. den Artikel im Dresdner Anzeiger vom 3.
November 1927), die wieder andere Schäden mit sich bringen und bei
Wetterkatastrophen (man denke nur an Erdstöße) auch nicht absolut
zuverlässig sind, sondern an die Wiederaufforstung großer Flächen im
Quellgebiet beider Flüsse. Diese Wiederaufforstung kann natürlich nur
unter Mitwirkung der Tschechoslowakei erzielt werden, die aber von
einer solchen Gesundung der Landschaft ebensoviel Nutzen haben würde
wie das Deutsche Reich. Sodann müssen alle die Flußauen der Gottleuba
und der Müglitz überquerenden Dammbauten, sei es der Eisenbahn, sei
es der Straßen oder Teiche und ebenso die dicht an den Wasserläufen
angelegten Lagerstätten von Stämmen für die Holzsägewerke beseitigt
werden. Endlich müssen alle die mit der Erteilung von Baugenehmigungen
beauftragten Behörden die in den alten Ortsplänen niedergelegten
Erfahrungen und Siedlungsregeln unserer Vorfahren sorgfältig studieren
und bei jeder Baugenehmigung die eventuell mögliche Hochwassergefahr
in erster Linie berücksichtigen. Die Flußaue im engeren Sinne des
Wortes muß möglichst von Bebauung und Holzlagerung freibleiben, und wo
diese Aue schon durch zusammenhängende Bauten überquert sein sollte,
muß mindestens für sehr weiträumige Durchlässe, unter Umständen unter
Abbruch eines Gebäudeteiles, gesorgt werden.
Im Text gebrauchte Abkürzungen: _Meiche_, Pirna = _Alfred
Meiche_, Historisch-topographische Beschreibung der
Amtshauptmannschaft Pirna, Dresden 1927. – ~Monum. Germ.
Script.~ = ~Monumenta Germaniae, Scriptores etc.~ – ~NAS~
= Neues Archiv für Sächsische Geschichte. – ~CDS~ = ~Code
diplomaticus Saxoniae~. – _O. E. Schmidt_, Kurs. Streifz. =
_Otto Eduard Schmidt_, Kursächsische Streifzüge. – Mitt. S. H.
= Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz.
Schutzwaldanlagen im östlichen Erzgebirge
Eine Anregung von Oberforstmeister i. R. _Pause_, Dresden
Das namenlose Unglück, das die Hochwasserkatastrophe über die
Bevölkerung des Gottleuba- und Müglitztales mit den geforderten
Menschenopfern und den angerichteten Verwüstungen heraufbeschworen
hat, darf sich niemals wiederholen, das ist der große Schluß, der
aus der furchtbaren Nacht vom 8. zum 9. Juli 1927 gezogen wird. Den
Millionenopfern der Wiederherstellungsarbeiten werden solche der
Vorbeugung auf dem Fuße folgen. Dem Vernehmen nach sollen in den
heimgesuchten Tälern im Laufe des nächsten Jahrzehntes drei Talsperren,
und zwar zwei im Müglitz- und eine im Gottleubatale entstehen mit einem
veranschlagten Kostenaufwande von 30 Millionen Reichsmark, der sich
erfahrungsgemäß bei Ausführung erheblich erhöhen dürfte.
Der Landesverein Sächsischer Heimatschutz hat nie ein Hehl aus seinen
Bedenken gegen eine zu weitgehende Ausdehnung dieser Kunstleistungen
der Wasserbautechnik und gegen die Verwandlung des Talbodens unserer
reizvollen Gebirgstäler in Betten langgestreckter Seen gemacht. Er
hat diese Bedenken auch gelegentlich frei und offen ausgesprochen
und diese Stauanlagen bekämpft, es sei denn, daß ein Lebensbedürfnis
einer Gegend oder eines Stadtkreises oder der Wirtschaft ihre Gründung
rechtfertigte. Unter dieser Voraussetzung wußte der Heimatschutz
recht wohl seine Auffassungen über die Erhaltung des Heimatbildes und
des Bestehenden in der Natur zurückzustellen. Ihm fehlt es mithin
durchaus nicht an Verständnis für Förderungen der Sicherheit, wie
sie sich gebieterisch aus den schmerzlichen Ereignissen der letzten
Vergangenheit im Gottleuba- und Müglitztal ergeben.
Dessenungeachtet möchte er davor warnen, bei Lösung derartiger
Sicherheitsfragen gewissermaßen einen Zwangskurs einzuhalten und lenkt
deshalb die Blicke auf das bayrische Hochland und das österreichische
Alpenland, deren ungestüme Bergwässer menschliche Kraft und Kunst
meist nicht mit Talsperren zu bändigen sucht, sondern mit Hilfe von
Wildbachverbauungen, die den Lauf der an Steilhängen zu Tale fließenden
Gewässer mit Erfolg mäßigen und verlangsamen. Aus der Gewalt, mit der
unser Gottleuba- und Müglitzbach samt ihren Zuflüssen jeden ihrem Lauf
angetanen Zwang unter wilder Kraftentfaltung abschüttelten, lassen sich
bestimmte Folgerungen ableiten, und zwar: Einlenkung und Rückverlegung
der Talwässer in ihren selbstgewählten Lauf und in ihre natürliche
Richtung; Ausbau der Wasserbetten, damit auch hochangeschwollene
Wassermassen einen möglichst ungehemmten Abfluß nehmen können;
stufenweiser Ausbau der Bachsohle an Steilhängen und endlich Vornahme
von Veränderungen in der Bodenbenutzung des Einzugsgebietes der
Wasserläufe. Auch hierin würde ein Mittel zur Verhütung plötzlichen
starken Anschwellens der Gewässer zu erblicken sein. Dieser
Umgestaltung der Bodenkultur seien einige Betrachtungen gewidmet.
Von allen den vielen Wanderern, die es drängte, teilnehmend die
Stätten der Verwüstung aufzusuchen, werden nur wenige in den Oberlauf
der Schadenbäche und in jenes Ursprungsgebiet vorgedrungen sein,
in dem sich die Quellenarme bilden und wo die ersten Zuflüsse
entstehen. Der Weg führt bei dem _Müglitzbach_ nach den Ortschaften
Kratzhammer, Müglitz und jenseits der Landesgrenze nach Ebersdorf und
Voitsdorf. Er wendet sich sodann nach dem umliegenden Berggelände,
das rechtsseitig in und nach Fürstenwalde und dem Haberfeldwald,
linksseitig nach Gottgetreu und Fürstenau ansteigt. Im Quellengebiet
des _Gottleubabaches_ bieten das Wanderziel die Orte Oelsengrund,
Kleinliebenau und die tschechische Ortschaft Schönwald, sowie die
Berghöhen zwischen Oelsen und dem Sattelbergstock am rechten Ufer und
die Hochebene zwischen Liebenau und Streckenwald am linken Ufer der
Gottleuba.
Betrachten wir nun die Schadengebiete näher. Die ersten Zerstörungen
hat die bei Vorderzinnwald entspringende _Müglitz_ in ihrem Oberlauf
am eigenen Bachbett und in dessen Umgebung kurz nach Berührung des
Nordausganges des tschechoslowakischen Dorfes Voitsdorf angerichtet.
Dort nimmt sie ihren ersten, diese Ortschaft in ganzer Länge
durchströmenden Zufluß auf. Unmittelbar nach dieser Vereinigung
beginnt das Vernichtungswerk. Ähnlich liegen die Verhältnisse im
oberen _Gottleubatal_. Auch die junge, unweit vom Südostausgange des
tschechischen Dorfes Schönwald aus den Waldbergen abfließende Gottleuba
hat zunächst, etwa bis zur Mitte dieses langausgestreckten Dorfes
keinerlei Schaden verursacht, bis dann der Einlauf ihrer linksseitigen
Quellarme sie in einen rasenden Strom verwandelte. Um daher die
Bedeutung des Einzugsgebietes beurteilen zu lernen, müssen diese ersten
Zuflüsse, die das Verhängnis geradezu heraufbeschworen haben, von
ihrer Einmündung in den Talbächen bis herauf zu dem Berglande, dem sie
entströmen, verfolgt und einer Betrachtung unterzogen werden. Aus den
zerstörten Ufern, aus den Schuttmassen und aus jenen schweren durch
Überflutung an Häusern und Straßen hervorgerufenen Schadenwirkungen
läßt sich ein Rückschluß ziehen auf die namenlose Schnelligkeit, mit
der sich gewaltige Wassermassen in den sonst schwachen Rinnsalen
ansammelten. Bezeichnend hierfür ist der bei Kratzhammer in die Müglitz
einmündende Fürstenwalder Dorfbach, dessen ungestümer Abfluß zugleich
den Beweis liefert, wie eine Stauanlage, selbst wenn sie unweit der
Quelle gelegen ist, dennoch die im Ablauf gehemmten und schließlich
durchbrechenden Wasserfluten zu einer verheerenden Gewalt zu steigern
vermag. Ein äußerst wirkungsvolles Bild raschen, das Bett aufreißenden
und das Grundgestein aufwühlenden Zuzugs von Wasser in weiten Talmulden
bietet der sich bei dem Orte Müglitz in den gleichnamigen Bach
ergießende Sörnitz- oder Schwarzbach, dessen Ursprung im Sumpfgebiet
der Schwarzen Wiesen liegt und der vom Haberfeldwalde her im
Mittelwiesenbach einen Zufluß erhält. Arge Uferzerreißungen sind auch
an den linksseitigen Nebenflüssen der oberen Gottleuba wahrzunehmen: an
dem den Harthewald durchfließenden tiefeingefurchten Nasenbach, an dem
bei Kleinliebenau einmündenden Grenzbach, dessen Zerstörungswerk in der
Talmulde unweit Rudolphsdorf beginnt und sich mit zunehmendem Gefälle
und schluchtartiger Ausformung des Geländes steigert; an den Gewässern
in den weiten Talmulden des Klöppisch-, Dicks- und Nitschmüllergrundes,
die im Dorfgebiet von Schönwald der Gottleuba ihr Wasser zuführen. Von
dem sich rechtsseitig aufbauenden Berglande hat die Gottleuba scheinbar
keinen starken Zulauf erhalten. Das Bachbett des an der Schafbrücke
einmündenden Oelsener Dorfbaches weist keine Anzeichen eingetretener
starker Anschwellung des Wasserlaufs auf und die Uferschäden an dem in
Oelsengrund eintretenden Bergbach halten sich in erträglichen Grenzen.
Alles, was die genannten Bergwässer und ihre zahlreichen Quell- und
Nebenarme von ihren Ufern, von den leider dort vielfach angehäuften
Steinhalden und dem aufgewühlten Bachboden an Steinblöcken,
Gerölle, Sand- und Erdmassen loszureißen vermochten und was die
ausgetretenen Fluten sonst noch niederwarfen und fortrissen, das
staute sich unterwegs an Uferstrecken mit abnehmendem Gefälle und
zuletzt, vielfach in weitem Ausgreifen über die Uferlinien hinaus,
nach der Einmündungsstelle im Tale zu an und vermehrte dadurch jene
Abflußhemmungen, in deren schließlicher Überwindung zugleich eine
unheimliche Steigerung der Stoßkraft des abströmenden Talwassers lag.
Oft verwandelten jene von den Höhen herabstürzenden angeschwollenen
Bergwässer auch die Talwiesen im Einmündungsgebiet in wahre
Trümmerfelder. Mit dieser kurzen Schilderung dürfte ein Streiflicht
auf die ausschlaggebende Bedeutung des Einzugsgebietes bei derartigen
Elementarereignissen geworfen sein. Ganz offensichtlich ist aus dem
Zustand der Wasserläufe zu erkennen, daß in der Schreckensnacht
vom 8. zum 9. Juli die Hauptwassermassen auf dem Höhenrücken des
Haberfeldwaldes und bei Rudolphsdorf niedergegangen sind.
Unterziehen wir nun das _Haupteinzugsgebiet_ der Müglitz und Gottleuba
auf seine Beschaffenheit hin einer näheren Betrachtung, so fällt der
weitgehende Mangel an Bewaldung auf der ganzen Hochebene auf. Das
Kammgebiet weist eigentlich nur einen zusammenhängenden Bergwald,
den Haberfeldwald zwischen Streckenwald und Fürstenwald auf; außer
ihm treten nur kleine Waldgruppen auf der Hochebene hervor. Auf
tschechischer Seite sind selbst die Abdachungen dieses Hochlandes nach
den beiden Hauptflußtälern zu entweder unbestockt oder nur mit schmalen
Waldstreifen bestanden, während auf dem sächsischen Gebiet die meist
steil abfallenden Talwände mit wenigen Ausnahmen ausreichend Wald
tragen, der mitunter, z. B. beim Harthewald – südlich vom Oelsengrund
gelegen – auch auf die Hochebene übergreift.
[Illustration: _Das Ursprungsgebiet des Hochwassers vom Juli 1927 im
östlich. Erzgebirge_]
In diesem Mangel an Bewaldung auf Höhenlagen von sechshundert bis
siebenhundert Meter Meereshöhe mit ihren reichen Niederschlägen
darf eine der Ursachen für die grenzenlose Auswirkung der
Unwetterkatastrophe im östlichen Erzgebirge erblickt werden. Auf den
Wald als Regulator der atmosphärischen Niederschläge und dadurch auch
des Standes der fließenden Gewässer soll hier nicht näher eingegangen
werden. Die Anlage von Waldungen in einem solchen Umfange, daß die
zeitliche Verteilung der im Verlaufe eines Jahres fallenden Regenmengen
beeinflußt werden könnte, scheidet im vorliegenden Falle vollkommen
aus. Es ist mehr an den Wald als Zerstäuber des auf das Kronendach
niederrinnenden Regens sowie als bodenbindenden Vegetationsüberzug
oder als mechanisches Hindernis für raschen Abfluß der zur Erde
gelangten Regen- und auf dem Boden abziehenden Schneeschmelzwässer
zu denken. Als ein Abflußhindernis erweisen sich bereits jugendliche
Waldbestände, während später, bei lichterem Stande der Stämme und bei
geeigneter Mischung der Holzarten die Bodenflora und sich einstellendes
Strauchwerk dafür sorgen, daß selbst stärkere Niederschläge mehr
absickern als abfließen und infolge des verlangsamten Abflusses
teilweise auch in die Bodenkrume einzudringen vermögen. Diese
selbst wird infolge des starken Wasserbedürfnisses der Waldbestände
aufnahmefähiger für Wasser. Auf diese Vorteile einer Waldbestockung
kann selbst bei einer räumlichen Beschränkung der Waldanlagen gerechnet
werden.
Bei Behandlung der Aufforstungsfrage darf keinesfalls übersehen
werden, daß das ganze Einzugsgebiet besiedelt ist und daß sowohl auf
den Hochebenen, wie in den Gründen und an den Abhängen Feld- und
Wiesenbau getrieben wird. Daß Boden und Klima im Verein mit einem
starken Mangel an Arbeitskräften den Landwirtschaftsbetrieb auf dem
Gebirgskamme erschweren und nicht gewinnbringend gestalten, bedarf
keines näheren Nachweises. Besonders ärmlich gestaltet sich der
Wiesenbau in den häufig nassen und zur Versäuerung, ja zur Versumpfung
neigenden muldenförmigen Geländeeinbuchtungen und in den Kammgegenden.
Die wirtschaftliche Lage der bäuerlichen Bevölkerung läßt es nicht
zu, mit kostspieligen künstlichen Düngemitteln die Wuchsleistungen
des Wiesenlandes zu fördern. Und so überziehen vielfach Sauergräser,
Spagnummoose, ab und zu auch wertloses Strauchwerk die Wiesengründe,
deren geringwertigste die Besitzer sich nicht scheuen, unabgemäht
liegen zu lassen. Die Einschaltung von Feldbau von fünf zu fünf
Jahren ist das einzigste Mittel, um den erschöpften Wiesenboden etwas
zu verbessern. Die Mißernten bei dem an und für sich kärglichen
Körnerfruchtbau sind hinlänglich bekannt; die Schwierigkeiten, die
der oft zähe und zur Vernassung neigende Boden dem Kartoffelbau
entgegensetzt, nicht minder. Dessenungeachtet hängt der Bergbauer
an seiner Scholle und an seinem Betriebe. Das karge Land wird, wie
sich ein Beobachter dieser Gegend treffend ausdrückte, durch das
vom Wirtschafter und seiner Familie im Schweiße des Angesichts
alljährlich im Boden investierte, aber von diesem nicht zurückgegebene
Arbeitskapital in seinen Augen immer wertvoller und die Verbindung mit
ihm immer enger und inniger.
Mit diesen wirtschaftlichen Zuständen und Auffassungen der Bewohner
muß bei der Überführung in Wald gerechnet werden. Wie ein Blick auf
die Meßtischblätter Fürstenwald und Berggießhübel lehrt, weist die
Besitzverteilung eine langgestreckte Hufenform auf. In langgezogenen
Streifen läuft der Einzelbesitz von den besiedelten Taleinschnitten
aufwärts nach den Höhen und so ließen sich zunächst die rauhen
entlegensten Hochlagen _für eine Aufforstung im Zusammenhange_
gewinnen, ohne den Wirtschaftsbetrieb des Einzelbesitzers merklich in
Mitleidenschaft zu ziehen oder gar brach zu legen. In anderen Teilen
des Erzgebirges hat sich der Übergang von Feld- in Waldbau in ähnlicher
Weise vollzogen, nicht zum Nachteile des verbleibenden, leichter und
besser zu bewirtschaftenden Besitzes. Die wellige Bodenausformung
schafft oft kammartig heraustretendes Land oder flachgründige steinige
Flächen, wo der Waldbau einsetzen könnte. Und umgekehrt fehlt es
nicht an moorigen Senken, in denen selbst eine Bodenmelioration kaum
zu Erfolgen führen würde, während bei geeigneter Auswahl der Holzarten
eine Waldvegetation Fuß zu fassen vermöchte. Infolge ihres Überflusses
an Feuchtigkeit von Rinnsalen durchzogen, sind jene Moormulden das
Mutterland der oben geschilderten Quellarme und daher vom Standpunkt
einer günstigen Wasserverteilung aus vornehmlich in Wald überzuführen.
Endlich kommen stellenweise noch vorhandene, steil abfallende, magere
Hanglagen für den Waldanbau in Betracht. Im allgemeinen darf bei aller
Rücksicht auf einen ordnungsgemäßen Weiterbetrieb der Landwirtschaft
mit der Aufforstung nicht in eine Kleinflächenwirtschaft verfallen
werden. Auf diesem Wege ließe sich weder ein verlangsamter Wasserabfluß
erreichen, noch genügende Sicherheit für den Neuwald gegen die
Wirkungen von Stürmen und Schneewettern schaffen.
Um auch Aufforstungsvorschläge zu machen, sei auf einige wichtige
Einzugsgebiete hingewiesen:
1. Auf den südlichsten Ausläufer der Fürstenwalder Flur
von der Landesgrenze bis einschließlich des steilen
Südeinhanges nach dem Mittelwiesenbach, wodurch der
Müglitzhangwald und der Haberfeldwald in Verbindung
zueinander treten würden.
2. In Fürstenwalder und Rudolphsdorfer Flur auf eine
Verbindung des Harthe- und Haberfeldwaldes längs der
Landesgrenze unter Freilassung der besseren Lagen von
Rudolphsdorf. Dabei würde diese Grenzrandaufforstung
Ausbuchtungen von genügender Breite zu beiden Seiten
der Quellarme des Grenzbaches in Richtung nach der die
Wasserscheide bildenden Dresdener Straße zu erhalten müssen.
3. In Breitenauer und Oelsener Flur auf Verbreiterung der
Steilrandbestockung am Gottleubahang nach der Hochebene zu.
Der zu begründende Wald würde nicht ausschließlich als Wirtschaftswald,
sondern auch als _Schutzwald_ anzusehen sein. Wohlgeschlossene
gleichwüchsige Fichtenbestände zu erziehen, über deren mit einer
gleichmäßigen Nadelschicht überzogenen Bodengrund das Regen- und
Schneeschmelzwasser glatt hinwegrieselt, wäre kaum vereinbar mit dem
erstrebten Ziele, ebensowenig eine Schlagführung unter Freilegung
größerer Flächen. Die mit der Aufforstung in diesen Gegenden zu
verfolgenden Wirtschaftsziele weichen daher von denen einer lediglich
auf Gewinn gerichteten Waldbehandlung innerhalb bestimmter Grenzen ab.
Es handelt sich zweifellos auch um die Schaffung eines ganz besonderen
zweckdienlichen Waldzustandes. Das soll nur angedeutet werden, um
damit zu begründen, daß die _Neuschöpfung von Kammschutzwaldungen ganz
ausschließlich Sache des Staates sein muß_. In diesen Schutzgebieten
muß der volkswirtschaftlich tauglichste Zustand mit Nachdruck,
aber gleichwohl ohne wirtschaftliche und soziale Erschütterung
der Eigentümer des benötigten Bodenraumes angestrebt werden. Auf
unüberwindliche Schwierigkeiten dürfte eine geeignete Scheidung
von Landwirtschafts- und Waldland kaum stoßen, sofern angemessene
Geldentschädigungen für das abverlangte Land gewährt werden. Eine
Rechnung über den entstehenden Aufwand aufzumachen, ist erst möglich,
wenn ein ungefährer Überblick über das Aufforstungsgelände gewonnen
ist. Kauf und Aufforstung der oben bezeichneten Aufforstungsgebiete von
ungefähr 3,5 Hundert Hektar Flächenumfang würden etwa einen Aufwand
von ½ Million Reichsmark hervorrufen. Sehr erwünscht wäre ein Vorgehen
in gleicher Richtung im Nachbarlande, und es dürfte kaum zu umgehen
sein, daß beide Staatsverwaltungen sich in Verbindung setzen und die
Aufforstungsbestrebungen gemeinsam verfolgen. In der Tschechoslowakei
käme das Land um Ebersdorf, ferner der Gegend zwischen Streckenwald und
Schönwald, sowie endlich der Steilhang längs des Grenzbaches und vom
Sattelbergstock nach der Gottleuba bis in die Umgegend von Oelsengrund
in Betracht.
Die gegebenen Darlegungen sollen und können nur _Anregungen_ sein
und vermögen nur einen der Wege anzudeuten, die uns in Zukunft vor
Elementarereignissen mit so erschütterndem Ausgange zu bewahren
imstande sind. Die Natur ist in diesem Sommer in unserem lieben
östlichen Erzgebirge einmal mit aller Gewalt aus den Fugen gegangen;
versuchen wir es, derartige, weiten Strecken unseres Landes zum
Verderben gereichende, alle Fesseln sprengende Kraftentfaltungen
des abfließenden Wassers auch durch Anwendung von _natürlichen_
Gegenmitteln für die Zukunft zu verhindern. Daß dieses Bergland in
alter Zeit mehr bewaldet gewesen ist als jetzt, dürfte kaum bezweifelt
werden können und so stünden wir mit jener beklagenswerten Heimsuchung
vor einer jener Folgeerscheinungen, die viele Länder, in denen im
Mittelalter die Bergwälder verschwanden, veröden ließen oder ständiger
Überschwemmungsgefahr aussetzen. Darum wollen wir unverzüglich Hand
anlegen zur Begründung von Schutzwaldungen im Einzugsgebiet der Müglitz
und Gottleuba und in verständnisvollem Vorgehen eine Brücke schlagen
von der landwirtschaftlichen zur forstlichen Bodenkultur.
Katastrophenbekämpfung an Mittelgebirgsflüssen
Von Regierungsbaurat Dr.-Ing. _Hans Dreyer_, München
Die in verschiedenen Gegenden Deutschlands immer wieder auftretenden
schweren Hochwasserkatastrophen wecken das Interesse weiter Kreise an
den technischen Maßnahmen zum Schutz der menschlichen Siedelungen, der
Kulturgründe und Verkehrsstraßen vor derartigen Elementarereignissen.
Insbesondere legen die Vernichtung so vieler Menschenleben und die
großen Schäden, wie sie neuerdings im östlichen Erzgebirge zu beklagen
sind, die Frage nahe, welche Vorsorge an den Flüssen des Mittelgebirges
gegen eine Wiederholung solcher Katastrophen getroffen werden kann. Die
Beurteilung der zweckmäßigsten technischen Abwehrmaßnahmen setzt die
Kenntnis der =Entstehungsursachen der Katastrophen= voraus, die in den
einzelnen Gebieten durchaus verschieden sein können.