Unter dem Schutze dieses festen Platzes wurden, obwohl die urkundlichen

Erwähnungen erst aus späterer Zeit vorliegen, doch vielleicht schon

im zwölften oder dreizehnten Jahrhundert links der Müglitz die mit

Waldhufen ausgestatteten Reihendörfer Falkenhain und Maxen, rechts des

Flusses Burkhardtswalde, Biensdorf (Behemersdorf), eine Doppelsiedlung,

bestehend aus einem sackförmigen Rundling und einem Reihendorfe, und

Groß-Röhrsdorf (Rudigersdorf) begründet. Sie sind alle mit deutschen

Kolonisten besetzt worden, ihre Lokatoren hießen Falke, Max, Burkhard,

Böhme oder Böhmer und Rüdiger.

Im Gottleubatal und auf den benachbarten Anhöhen ist die erste

urkundlich bezeugte Siedlung das Dorf Oelsen, südlich von Gottleuba. Es

wird schon 1169 von Herzog Wladislaus in einer Urkunde erwähnt, durch

die er einen bei diesem Dorf gelegenen Wald (~silva iuxta Olesnice~)

den Johannitern zueignet. Vermutlich waren diese geistlich-ritterlichen

Herren auch Gründer des von Böhmen her soweit in den Grenzwald

vorgeschobenen Dorfes Oelsen, das, ein mit Waldhufen ausgestattetes

Reihendorf, sicherlich, trotz seines tschechischen Namens, mit

deutschen Kolonisten aus dem nördlichen Böhmen besetzt war. Das Dorf

hieß wohl eigentlich Eliradorf = Erlendorf, die tschechische Umnennung

entsprach einem oft sonst vorkommenden Brauche der böhmischen Kanzlei.

Die Gründung von Oelsen ist wohl das älteste Zeugnis von einer

kolonisatorischen Tätigkeit der Johanniter im östlichen Erzgebirge.

Ob dieser Ritterorden im Auftrage des Böhmenkönigs noch andere

Kolonistendörfer in der Umgegend anlegte, etwa Markersbach, nordöstlich

von Oelsen, (~Marquardi villa~) auch ein Waldhufenreihendorf, – die

Markwart oder Marquart waren ein um die Einführung deutscher Kultur in

Böhmen verdientes Herrengeschlecht, vgl. Meiche, Pirna, S. 309 – oder

Hellendorf (Heldisdorf), wissen wir nicht. Dagegen wäre es möglich,

daß der böhmische Vorstoß in den Grenzwald einen meißnischen Gegenstoß

hervorgerufen hat, nämlich die Gründung von Erdmannsdorf (südöstlich

Gottleuba). Dieses Dorf (1379 zuerst erwähnt) ist allerdings nicht

mehr vorhanden, sondern im Hussitenkrieg untergegangen (seine Hufen

sind größtenteils zu Gottleuba geschlagen worden), aber von dem zu

diesem Dorfe gehörigen Schloß, Wachstein oder Fuhderberg (von dem

Flüßchen Fuhde so genannt), hat Schiffner um 1830 noch Reste der

Umwallung gesehen. Es könnte als Gegenpart gelten zu der böhmischen

Befestigung, die vermutlich auf dem Hügel am unteren Ende von Oelsen

lag, der das »amtssässige Rittergut, derer von Oelsnitz trug (Meiche,

S. 263). Beide Anlagen, die böhmische in Oelsen, wie die meißnische in

Erdmannsdorf, der Wachstein, waren Sicherungsstationen für den Verkehr

auf den Paßstraßen, die von Pirna und Dohna über Erdmannsdorf und

Oelsen einerseits nach Nollendorf oder zum Geiersberg und von beiden

Punkten in den Teplitzer Kessel hinunterleiteten. Sie waren nötig

als Übernachtungspunkte, da schwerbelastete Kaufmannswagen die lange

Strecke Pirna–Kulm durch ein Nachtquartier der Fuhrleute und Tiere

teilen mußten (O. E. Schmidt, Kurs. Streifz. V, S. 23). Erdmannsdorf

ist vermutlich erst angelegt worden, als die Meißner Markgrafen im

südlichen Nisan freiere Hand hatten: also in der Zeit, in der Heinrich

der Erlauchte Schloß Pirna besaß und das Dorf Pirna in eine befestigte

Stadt verwandelte, also etwa seit 1235. Um diese Zeit mag auch der

Ort Liebstadt entstanden sein, der etwa 1286 (~CDS~ IV, 1, 212) als

Stadt (~civitas~ Libenstat) bezeichnet wird. Das Schloß Liebstadt wird

zuerst 1455 in einem Gesamtlehnbrief für die von Bünau urkundlich

erwähnt, jedoch ist anzunehmen, daß der wichtige Fels am Seidewitztale,

der das Städtchen und auch die Eingänge zu drei Tälern beherrscht,

schon vorher eine Befestigung, etwa einen Wachturm getragen habe, an

dessen Stelle die Bünaus um 1450 das heutige Schloß erbauten. Der Name

Kuckuckstein tritt erst 1791 urkundlich auf. Fassen wir die bisherigen

Ergebnisse der Kolonisationsarbeit für unser Gebiet zusammen, so

kann man feststellen, daß bis zum Jahre 1240 die Kolonisation ein

ritterlich-bäuerliches Wesen zeigt. Sie hat wohl hie und da eine

Dorfflur in die vorher zusammenhängende Walddecke hineingerodet, aber

den alten Bestand des Waldes (~in nemore, quod est inter provinciam~

[Dalminze] ~et Bohemiam~ ~CDS~ I, 2 S. 210) zum größeren Teile nicht

angetastet.

Aber mit dem Jahre 1241 beginnt für unser Gebiet eine _zweite

Siedlungsepoche_, die, wenn auch nur langsam vorschreitend, doch

allmählich das Gesicht der Landschaft verändert. Im Jahre 1241 fanden

nämlich egerländische deutsche Bauern, in der »Zinnschlucht« unter dem

Mückenberg Zinnkristalle, granatfarbene durchsichtige »Graupen«, und

gründeten dort einen Bergort, der nach dem Funde Graupen benannt wurde.

Dieser erste europäische Zinnfund war damals von solcher Bedeutung,

daß, wie ein Pariser Chronist meldet, der Zinnpreis auf dem Weltmarkte

auf die Hälfte sank. Von Graupen aus wuchs der Zinnabbau auf die

Hochfläche hinauf und breitete sich im alten Grenzwalde nordwärts aus.

So entstand der weitverstreute böhmische Ort Zinnwald. Der Verfall

der kaiserlichen Gewalt war damals schon so stark, daß König Ottokar

II. weder eine kaiserliche Schenkung, noch eine Genehmigung zu dieser

bedeutenden Vorschiebung der böhmischen Grenze brauchte. Die alte

Reichsdomäne des Miriquidi war zum herrenlosen Kampfpreis zwischen

Böhmen und Meißen geworden. Deshalb beantwortete Markgraf Heinrich

der Erlauchte diesen zweiten böhmischen Vorstoß bald darauf mit einem

meißnischen. Im Müglitztale wurden durch zwei von ihm beauftragte

Vasallen die Burgen Bärenstein und Lauenstein gegründet, beide

Ausgangspunkte einer neuen Phase der Kolonisation, bei der sich aber

allmählich bergmännische Gesichtspunkte mit den bäuerlichen verbanden.

Von den Herren von Bernstein auf dem Bärenstein, die über das ungeheure

Waldgebiet vom Tal der wilden Weißeritz über das der roten Weißeritz

hinweg ostwärts bis über das Tal der Müglitz hinaus verfügten,

wurde zunächst das Dorf Bärenstein, ein Reihendorf, angelegt, das

sich in einem nahen Bachtale aufwärts zieht, ferner westlich der

Müglitz Johnsbach und Falkenhain, östlich der Müglitz Börnchen und

Walthersdorf; die Inhaber des noch südlicher gelegenen Lauenstein haben

natürlich auch kolonisiert, außerdem aber war ihnen der Grenzschutz

gegen Böhmen anvertraut, denn Lauenstein wird ausdrücklich als

meißnisches »Ortschloß« (Grenzschloß) bezeichnet (~NAS~ Bd. 48, S. 51).

Die Hoffnung, auch auf der meißnischen Seite des Gebirges Zinn zu

finden, blieb lange Zeit unerfüllt. Aber am Nordende der Flur von

Erdmannsdorf (S. 370) fand sich ein ganzer Berg mit eisenhaltigem

Gestein, unweit davon auch Kupfer und etwas Silber. Das Berggeschrei

davon lockte außer Bergleuten aus Freiberg und Ehrenfriedersdorf auch

solche aus dem nördlichen Thüringen oder dem Harz herbei. Deshalb

erhielt der kleine Bergort, der nördlich von Erdmannsdorf entstand,

den Namen Gottleben (Gottleuba), d. h. Leben (Heim) des Goto, wie

das thüringische Memmleben das Heim des Memmo bedeutet, und dieser

Name übertrug sich auch auf das vorüberrauschende, forellenreiche

Wasser bis hinauf zu seiner hinter Schönwald gelegenen Quelle. Wir

kennen nicht die Zeit und die näheren Umstände der Gründung des neuen

Bergortes. Aber da schon 1379 in einer Verpfändungsurkunde des Königs

Wenzel als selbständiges Pfandobjekt »Gottleeb« angeführt wird und

schon um 1386 ein landesherrlicher Vogt in Gottleuba zur Regelung

der Bergwerksverhältnisse erforderlich war, so kann man immerhin

schätzungsweise annehmen, daß der Bergbau dort ein Jahrhundert zuvor,

also noch in den Zeiten Heinrichs des Erlauchten begonnen habe. Am 28.

September 1405 wird mit Pirna, das im Jahre 1298 an König Wenzel von

Böhmen verkauft worden war, auch das »stetchen Gottloybe« (~CDS~ II, 5,

381 und ~I B.~ II, 468) durch den meißnischen Markgrafen Wilhelm von

Jan von Wartenberg auf Tetschen gegen dreitausend Schock Groschen als

Pfand zurückgenommen. Man darf deshalb wohl annehmen, daß Gottleuba

1298 auch mit Pirna an Böhmen verkauft worden war. Damit stimmen die

zahlreichen Erwähnungen Gottleubas in böhmischen Urkunden zwischen 1363

und 1405 (s. Meiche, Pirna, S. 88). Wie bei Weesenstein behaupteten

in der Tagung zu Laun 1454 die böhmischen Unterhändler »Gotlebe stat«

gehöre als Erbe der Krone Böhmen (weil es mit Pirna in aller Form

dorthin verkauft worden war, und der Rückkauf zunächst nur in Form

einer Verpfändung erfolgt war, der allerdings keine Einlösung folgte),

die Sachsen dagegen sagten: »die Gotleube gehört gein Pirne«. Gerade

diese enge Verbindung mit Pirna, die sich auch in einem Bergzins

und anderen Abgaben ausdrückt, die Gottleuba an das Schloß zu Pirna

entrichten mußte, bringt mich dazu, gegen Meiche (S. 88 und 227 f.) an

der ursprünglichen Zugehörigkeit von Pirna und Gottleuba zum Gau Nisan

und damit zur Mark Meißen festzuhalten. Die zeitweise Zugehörigkeit

der Kirchen von Gottleuba zum Dekanat Aussig und damit zur Erzdiözese

Prag (1363) ist nicht der ursprüngliche Zustand, sondern die Folge des

Verkaufs an Böhmen, die wieder beseitigt wird nach dem Rückkauf: 1425

sind die Meißner Markgrafen Patrone der Kirche zu Gottleuba.

Später als das Städtchen Gottleuba ist der von der Gottleuba

umflossene »Eyßenberg« in Gießhübel = Berggießhübel« fündig geworden,

dessen abgebaute Stollen den Eindruck erwecken, als ob hier sehr

viele Jahrhunderte Bergbau getrieben worden sei. Aber von einem

»tausendjährigen« Eisenabbau, der demnach bis in die wendische

Zeit zurückreichen müßte, kann nicht die Rede sein. Denn die erste

urkundliche Erwähnung von »Gißhobel« stammt erst aus dem Jahre 1450,

noch 1501 heißt es »Gishobell das durff« und erst 1542 »das stetlein«.

Überdies war es kirchlich ein Filial von Gottleuba und wurde erst

1676 selbständige Parochie. Da es in seiner älteren Zeit durchaus als

ein Anhängsel an Gottleuba erscheint, müßte es am 28. April 1379, als

König Wenzel die »Gottleeb« an Thimo von Colditz verpfändete, mit

erwähnt sein. Es war aber damals noch gar nicht vorhanden. Wir werden

also seinen Ursprung nicht über das Jahr 1400 zurückrücken dürfen.

Der Name Gießhübel, der sich überdies auch für ein Dorf am Fuße des

kleinen Zschirnsteins findet (Gizobel 1379), bedeutet den Berg, wo Erz

geschmolzen und gegossen wird. Nach des Petrus Albinus »Bergchronika«

galten im sechzehnten Jahrhundert die auf dem Berggießhübel gegossenen

eisernen Öfen als die besten.

Endlich kam auch für das Müglitztal und seine Umgebung die große

Stunde, wo die Bergheiligen den emsigen Suchern gnädig waren: als etwa

im Jahre 1440 »in der Zinnkluft am Geysingsberge« (d. i. in der Nähe

der großen Pinge bei Altenberg) zutage liegendes Zinn gefunden und

zunächst in sogenannten »Wäschen« gewonnen wurde. Wenn der Fundort

»am Geysingsberge« benannt war, so ist daraus zu schließen, daß der

Eisenbergbau an den Abhängen dieses Berges schon früher in Gang

gekommen und der Berg von dem Eisenschmelzen den Namen Geysingsberg =

Gießingsberg bekommen hatte, der dasselbe bedeutet wie Gießhübel. In

der Tat gab es am Ostabhange des Geysings da, wo dann die Bergstädte

Alt- und Neu-Geysing entstanden, einige Eisenhämmer, die älter waren

als der dort betriebene Zinnbergbau.

Wir stehen damit am Auftakt _der dritten Siedlungsepoche_ unseres

Gebietes, der zweiten bergmännischen, in der sich aber die

Verhältnisse insofern verkehren, als von nun an nicht mehr von einer

bäuerlich-bergmännischen die Rede ist, sondern von einer bergmännischen

schlechthin, vor der die hie und da sich anhängende bäuerliche Siedlung

ganz in den Hintergrund tritt. Diese Siedlungsepoche, anhebend mit dem

Fündigwerden des Altenberger Zinns und sich großartiger fortsetzend

in der Aufdeckung der neuen Silberreviere von Schneeberg, Annaberg,

Marienberg, Joachimstal u. a., fällt die Zeit von 1440 bis 1560 und

hat mehr als die beiden ersten Siedlungsepochen zusammengenommen das

Antlitz des Gebirges, insbesondere das unseres Hochwassergebietes

verändert. Denn die zuerst genannten Anfänge, die zumeist auf dem Grund

und Boden derer von Bernstein lagen, fanden rasche und reiche Förderung

durch den Grundherrn (Walzig von Bernstein), durch den Landesherrn,

der sich durch Ankauf eines Viertels der Bärensteiner Herrschaft über

seine Regalien hinaus an der Ausbeute beteiligte und durch die auf

solche Gelegenheiten lauernde Unternehmerschaft der Bergherren aus

Graupen und Freiberg: der Röling, Müntzer, Glatz, Schwerzel, Raupenest,

Kölbel u. a.

Bald ist das zutage liegende Metall aufgearbeitet. Jetzt heißt

es Gruben teufen, Schächte und Stollen durch Holzausbau fahrbar

machen, Wasserläufe durch geschickte Grabenführung herbeilocken,

die die Pochwerke treiben und durch Hebewerke die wilden Bergwässer

bezwingen, ebenso Schmelzöfen und Schmelzhütten errichten und andere

Erzaufbereitungsanlagen schaffen. Alle die hierzu nötigen Bauhölzer

und alle die Holzmassen, die für die Erzeugung der zum Schmelzen

nötigen Holzkohlen von den Köhlern angefordert werden, werden den

Bärensteinschen Wäldern entnommen und zwar fast ohne Entschädigung

des Grundherrn. Ganze große Waldstrecken sinken im Laufe der ersten

Jahrzehnte des Betriebes dahin. Aber das wird schlimmer, als sich der

Bergbau im Müglitztale bis unterhalb Glashütte verzweigt, gleichzeitig

die Hochfläche in der Richtung auf den Mückenberg (sächsisch Zinnwald),

und vom Gottleubatal aus die Hochfläche von Streckenwalde ersteigt,

bis er sich mit den böhmischen bergmännischen Anlagen begegnet.

Überall lichten sich unter den Ansprüchen der Bergleute die Wälder.

Und wie spornte der eine Zweig des Bergbaus den andern zu besonderen

Anstrengungen: so wird 1508 »dem Bergmeister uffm Gyßhübel befohlen,

darauf zu achten, daß die Hämmermeister gut eyßen machen (nicht eyn

boße [böses] eyßen), damit dye vom Aldenberge und ander dye des

gebrauchen, versorgt seyn«.

Es waren meist recht wenig nutzbringende und nicht lange aushaltende

bergmännische Anlagen, die damals wie Pilze aus der Erde schossen,

aber das Bergbaufieber hatte alle Kreise und alle Gegenden des Gebirgs

ergriffen. Man sehe nur die Bilder des Altars der Bergleute in der

Annaberger Kirche an oder das von uns schon im XIII. Bande der Mitt. S.

H., S. 112 veröffentlichte Bild aus dem Bärensteiner Schlosse, auf dem

ein gewissenhafter Schulmeister 1684 alle die Schächte und Stollen der

Umgegend eingezeichnet hat.

Aber nicht nur die bergmännischen Betriebe an sich verlangten sehr viel

Holz. Die Bergleute wollten auch wohnen und essen. Und so wurden denn

in Höhenlagen von siebenhundert bis neunhundert Metern, wo auf einen

lohnenden Ackerbau schlechterdings nicht mehr zu rechnen war, doch

langgestreckte Straßen- und Reihendörfer gerodet, damit die Bergleute

der benachbarten Gruben und Hammerwerke jeder sein Häuschen hätte und

sich womöglich eine Kuh oder einige Ziegen halten könnte. So entstanden

im Quellgebiet der Müglitz die Dörfer Fürstenau und Fürstenwalde,

Müglitz, Voitsdorf und Ebersdorf und im Quellgebiet der Gottleuba

Streckenwald und Peterswald und dabei wurden eben diese Quellgebiete

so entwaldet, daß heute in dem Zuflußgelände beider Bäche zwischen

dem Mückenberg und Sattelberg zwar vierhundert Quadratkilometer

Wiesenfläche, aber im Ganzen nur vierzig Quadratkilometer Wald zu

finden sind. Während in den alten Zeiten vor der bergmännischen

Kolonisation sommerliche Gewittergüsse und herbstliche Dauerregen

großenteils von der zusammenhängenden, wie ein Riesenschwamm wirkenden

Walddecke der Hochfläche nördlich des Mückenbergs aufgenommen und von

ihren moosigen Humusschichten teils aufgesogen, teils verdunstet,

teils dahin und dorthin weitergeleitet wurden, prasseln diese Regen

jetzt auf eine viel weniger durchlässige Wiesenfläche auf und rasen

von da in mächtig anschwellenden Strömen durch kahle Schluchten oder

über steinige Halden in die tieferen Lagen des Müglitz- und des

Gottleubatales hinunter und geberden sich dort, noch durch die seitlich

einströmenden Wasserläufe verstärkt, wie die Titanen der Urzeit, alles

vor sich niederwerfend und das ermordete Kulturgelände mit einer

Schicht von Schlamm und Steinen überdeckend.

Es ist gewiß kein Zufall, daß die ersten Nachrichten von katastrophalen

Hochwässern etwa ein Menschenalter nach dem Beginn der dritten,

vorwiegend bergmännischen Kolonisationsepoche unseres Gebirges, also

um 1480 anheben. Von diesem Jahre, und zwar vom 13. Dezember 1480

berichtet eine Notiz in den Pirnaer Ratsakten: Nachdem eine Flut der

Gottlowbe den Weg, der vor langen Jahren aus der Kohlmühle »an dem

wassir die Gottlowbe gnant hinabe zcu Cleyne Lorentz moll (Mühle)

gegangen«, vollständig zerstört hat, erwirbt der Rat Gelände …

unterhalb der Viehleite zur Anlegung einer neuen Straße …

Aus der großen Zahl der Hochwasserfluten, die seitdem die Täler der

Müglitz, Gottleuba und der benachbarten, bei Königstein mündenden

Biela heimgesucht haben, will ich, außer der noch unvergessenen von

1897, nur die von 1552 hervorheben, weil sie an Umfang des Unglückes

der Katastrophe von 1927 fast gleichgekommen zu sein scheint. Die von

Richard Flachs 1914 herausgegebene »Petermanns Pirnische Chronik (1729)

schreibt S. 223: Anno 1552 hat ein Wolkenbruch durch das Mühlwasser

(Biela) beim Königstein das Mühlhaus und in die hundert Personen

ersäuft, auch sieben Bauern, so unterwegs (nach Pirna zu gehen) im

nächsten Dorfe in ein Haus eingetreten, samt dem Hause weggeführet.

Das Kind aber, so damals auf der Elbe von Königstein [in seiner Wiege]

geschwommen kommen, in Pirna lebendig und unversehrt den 15. November

aufgefangen worden«. Wenn diese Hochflut vom 15. November 1552, die

außer im Bielatale sicherlich auch im benachbarten Tal der Gottleuba,

vielleicht auch im Müglitztal tobte, hundert Menschen hinweggerafft

hat, so ist diese Verlustzahl im Verhältnis zur weit dünneren

Bevölkerung der damaligen Zeit eher größer als die Verlustzahl von

hundertvierundvierzig Menschen bei der Katastrophe von 1927.

Doch nun genug von der Geschichte. Indes ist der kleine Ausflug in

das Geschichtliche, den wir unternommen haben, vielleicht nicht

ganz ertragslos gewesen, weil er uns zeigt, wie die gegenwärtigen

Verhältnisse entstanden sind und uns damit Möglichkeiten andeutet, wie

man für die Zukunft eine Besserung herbeiführen könnte.

Ich füge noch einige Beobachtungen hinzu, die sich mir darboten, als

ich am 22. Oktober durch das Gottleubatal teils fuhr, teils wanderte.

Wir erreichen im Kraftwagen über Pirna und Zehista auf einer

waldumsäumten Straße das Tal der Gottleuba und bald darauf das so

schwer betroffene Berggießhübel (S. 373). Überall sehen wir zwischen

den Spuren der furchtbaren Verwüstung den Neubau der Straße, des

Bachbettes, der Häuser. Dann kommen wir auf engen Nebenwegen, da

die eigentliche Straße zerstört ist, nach Gottleuba, das dieselben

Eindrücke bietet wie Berggießhübel und auf südwärts ansteigender Straße

in das Dorf Oelsen. Von der Höhe am Ende des Dorfes öffnet sich ein

herrlicher Blick auf den Oelsengrund, den teils dunkler Nadelwald,

teils buntfarbiges Laubgehölz umrahmt; aus den Wiesen in der Tiefe

leuchtet scharlachrotes Kirschlaub. Die Fahrt hinunter in den Grund

muß, da die Talstraße vernichtet ist, auf einem zwar aussichtsreichen,

aber für den Kraftwagen zu engen Wege erfolgen, einem uns begegnenden

Einspänner können wir nur unter großen Schwierigkeiten ausweichen.

Unser erstes Ziel unten im Flußtal ist das dem Heimatschutz gehörige

Hammergut Oelsengrund. Es ist bei dem Hochwasser sehr glimpflich

weggekommen. Nur der in neuerer Zeit in die Flußaue vorgeschobene

Garten ist verwüstet, die sämtlichen Gebäude und Ställe und der

Hauptteil der Flur (28 Hektar), die sich die Anhöhe hinaufziehenden

berühmten Trollblumenwiesen, sind unversehrt geblieben. Überhaupt

kann man im Gottleubatal beobachten, daß die größeren und älteren

Bauerngehöfte sich meist an den hochwasserfreien Rändern des Tales

angesiedelt haben, während die Häusler sich die Baustelle unten in

der Flußaue wählen mußten oder sich aus Gründen des Verkehrs und

der Bequemlichkeit den Siedlungsplatz an der Talstraße aussuchten,

ein Beispiel, das leider die neuzeitlichen Baumeister nachgeahmt

haben. Irgendwo war sogar eine zusammenhängende Reihe von ganz neuen

Siedlungshäusern in der Breitlinie der Talsohle, rechtwinklig zur

Stromrichtung aufmarschiert; sie ist natürlich dem Hochwasser zum

Opfer gefallen und hat durch ihren sinnlosen Widerstand gegen die

andrängenden Fluten das Unglück auch für andere vergrößert.

Es empfiehlt sich für den, der das Wüten des Hochwassers genauer

kennenlernen will, einmal eine stark zerstörte Uferstelle gründlich zu

untersuchen. Ich tat es mit Hilfe des Verwalters des Hammergutes etwa

vierhundert Meter abwärts vom Gute in der Mitte der großen eirunden

Ausbuchtung, die der Bach hier geschaffen hat. Dort hat das Hochwasser

am linken Ufer etwa einen Meter unter der Grasnarbe der Wiese ein altes

Lager starker Balken aufgedeckt, das sich rechtwinklig zur Richtung des

Baches in den Wiesengrund hineinzieht. Die Balken, in Zwischenräumen

liegend, sind etwa sechzig Zentimeter breit, fünfzig Zentimeter hoch

und oben am vorderen Ende mit Zapfenlöchern (zwanzig Zentimeter im

Geviert) versehen. In einigen dieser Zapfenlöcher stehen viereckige

Holzstempel aufrecht, an einer anderen Stelle dicht nebeneinander zwei

kreisrunde Holzstempel (vierzig bis fünfzig Zentimeter im Durchmesser),

in die Balkenköpfe eingelassen. Diese Stempel trugen wohl die eisernen

Ambosse des alten, längst verschwundenen Hammerwerks, dessen bisher

unbekannte Lage durch diesen Fund festgestellt ist. Eine etwa zehn

Zentimeter dicke Kohlen- und Ascheschicht liegt in zusammenhängender

Masse unmittelbar über den Balken, offenbar der Fußboden der alten

Hammerschmiede. (Abb. 50.) Das Eisen, das hier verarbeitet wurde,

kam wohl aus den Gruben und Schmelzöfen des nahen Gottleuba oder aus

Berggießhübel. Von dieser Stelle dreißig Meter aufwärts spießen am

rechten Ufer zwei schräg zum Wasser gerichtete, etwa fünfundzwanzig

Zentimeter starke Balken heraus, vermutlich der Rest eines

Brückenjoches. Leider wurden sie abgesägt, so daß jetzt nur noch die

Stümpfe sichtbar sind.

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XVI, Heft 9–12 · 第 2 / 6 段