Die Taubheit war ihr oft sehr unbequem, da sie die Einwendungen und

Bemerkungen nicht hören konnte, die man ihr machte, und sie war daher

gewöhnt, ihrem eigenen Kopfe zu folgen. Als sie von Italien zurückkam,

gab sie wöchentlich musikalische Soiréen, bei denen Ida mit ihrer

anmuthigen Persönlichkeit und ihrer schönen Stimme die Hauptrolle

spielte. In Italien giebt man solche Gesellschaften, ohne die Gäste

mit etwas Anderem als einem Glase Eiswasser, oder höchstens einer

Portion Eis zu tractiren. Das wollte Frau Brun hier einführen. Sie

war aber auch die Einzige in der ganzen Gesellschaft, der es gefiel.

Der Concertmeister =Schall=, der es übernommen hatte, diese Concerte

zu dirigiren, sagte ihr gerade heraus, daß man hier zu Lande daran

gewöhnt sei, Abendbrod zu essen. Was geschieht? Bei dem nächsten

Concert führt der Diener ihn in ein kleines Zimmer, wo ein elegantes

Souper angerichtet war; aber -- nur für ihn! Erst als er sich, wie

Don Juan, weigerte, sich allein an den Tisch zu setzen, wurde es Frau

Brun einleuchtend, daß sie mit der Einrichtung der Speiseanstalt etwas

mehr ins Große gehen müsse, und bei dem nächsten Concerte fehlte auch

Nichts, um die Gäste sowohl körperlich, als geistig zu erquicken. Bei

solchen Concerten saß sie zuweilen mit einem Stäbchen im Munde, das

den Resonanzboden des Instruments berührte, wenn dasselbe von einem

Virtuosen, z. B. als =Moscheles= da war, gespielt wurde. =Siboni= löste

Schall als ihren Concertmeister ab. Nun wurden lauter moderne Sachen

gesungen. Wenn sie mitunter einmal aus alter Liebe zu dem herrlichen

Schultz Etwas von ihm vortragen ließ, so wurde das auch als etwas

Lächerliches betrachtet, in das man sich finden müsse.

=Ida= war ein anmuthiges Mädchen, blendend weiß, schlank, wie eine

Nymphe, mit einem ovalen, regelmäßigen, blondlockigen Kopfe und einem

Gesicht, dessen muntere Freundlichkeit auf uns Alle Eindruck machte,

obgleich ihre blaßblauen Augen nicht feurig funkelten. Mein Vetter,

der Maler, Professor =Lund=, brachte sie bewußt oder unbewußt auf den

meisten seiner Bilder an. Die Mutter war ganz verliebt in ihre Tochter

und sah in ihr ein Genie, was sie doch nicht war; für Poesie hatte Ida

nicht viel Sinn, obgleich sie gern über das Lustige lachte, und wenn

sie gleich schön sang, so war ihr musikalischer Geschmack doch durchaus

modern. In Italien hatte sie auch von der Lady Hamilton gelernt,

schöne malerische Stellungen auszuführen, was sie freilich in dem

Lenze der Jugend mit ihrer Nymphengestalt besser kleidete, als Madame

Händel-Schütz mit ihrem schwerfälligen Körper, nachdem sie schon fast

verblüht war.

Es vergingen einige Jahre und Ida hatte in der ganzen Zeit, so viel

ich weiß, keinen Freier gehabt. Sie selbst war nicht erotischer Natur,

sondern etwas undinenmäßig kalt. Da kam der österreichische Minister

Graf =Bombelles=. Seine Jugend war dahin; er war durchaus nicht hübsch,

sondern bleich und sehr pockennarbig. Er hatte eine heisere Stimme; war

aber ein heller Kopf, ein lustiger, munterer Mann. Er verliebte sich

sterblich in Ida und suchte sie auf alle Weise zu gewinnen. Eines Abends

z. B. sprang er, als sie von einer Gesellschaft nach Hause fuhr, auf

ihren Wagen, und half ihr als Diener beim Aussteigen. Das Ende vom Liede

war, daß er sie zur Frau bekam und mit ihr fortreiste; und Sophienholm

war nicht mehr Sophienholm, nachdem es seine Nachtigall verloren hatte.

Einige Jahre lang kam ich auch nicht zu Bruns; aber das hatte einen

andern Grund. In der schlimmsten Baggesen'schen Zeit traf ich ihn als

Frau Brun's alten Freund dort, und das störte mir den Genuß ihrer

Gesellschaft. Da sie das nun wohl merken mochte, fiel sie auf einen

wunderlichen Gedanken. Sie hatte ihrem Portier befohlen, daß er, wenn

Baggesen da sei, mir sagen solle, sie wäre nicht zu Hause, und ebenso

umgekehrt zu Baggesen, wenn ich dort war. Dadurch glaubte sie nun eine

bewaffnete Neutralität gestiftet zu haben, die nach dem Sinne beider

feindlichen Mächte sein müsse; und ich glaube auch, daß Baggesen sich

darein fand; denn sie klagte später nur über mich, der ich fortblieb,

sobald ich das wunderliche Portierarrangement erfahren hatte.

* * * * *

[Sidenote: Angenehme Ueberraschungen.]

Mehrere angenehme Ueberraschungen wurden mir in den Jahren 1838 und 39

bereitet. Man wird sich erinnern, daß der Bischof Münter, mir, als ich

Ritter vom Nordsternorden geworden war, sagte: »Der König kann es nicht

leiden«! und ich hatte später Ursache, ihm zu glauben; denn drei Mal

war ich von der Universitätsdirection meiner Anciennetät als Professor

zufolge zum Etatsrath vorgeschlagen, ohne daß ich es wurde; und ich

weiß, daß alle Betreffenden sich darüber wunderten. Vielleicht hat der

selige König geglaubt, daß ich selbst mich um jenen Orden bemüht habe.

Die Wunde des verlorenen Norwegens war noch nicht geheilt -- und die

Unzufriedenheit des Königs läßt sich menschlich erklären. Aber sein

gutes Herz gestattete ihm doch nicht lange dem Unschuldigen zu grollen.

Im Jahre 1838 wohnten die königlichen Herrschaften nicht auf

Friedrichsberg; das Schloß stand leer, und ich bekam so große Lust,

wieder einmal dort zu wohnen, daß ich dem Triebe nicht widerstehen

konnte, meinen Wunsch gegen den Oberhofmarschall auszusprechen. Er trug

dieses darauf dem Könige vor und brachte mir die angenehme Nachricht,

die ich gar nicht erwartet hatte, daß der König es gleich erlaubt

und gesagt hätte: er könne ganz gut begreifen, daß ich wünschte,

wieder einmal da zu wohnen, wo ich meine Kindheit verlebt, und wo er

mich gekannt hätte, als ich nicht größer, als =so= war! Hier machte

er mit der Hand eine Bewegung nach der Erde zu. -- Ich zog also mit

meiner lieben Marie hinaus und lebte in schönen Jugenderinnerungen

mit dem theuren Kinde, das mich (was ich damals noch nicht wußte)

bald verlassen sollte; ich ging, von vergangener Zeit träumend, umher

und besuchte täglich die Portraits meiner ältesten Geliebten in den

königlichen Zimmern. Die Vergangenheit stand wieder so klar vor mir,

daß ich Lust bekam, mein Leben ausführlicher und vollständiger, als

das erste Mal zu schreiben, und ich begann die gegenwärtige Ausgabe.

Damals vollendete ich nur die Periode meiner Kindheit. Manche Stelle

zeugt von diesem meinen letzten Aufenthalte auf dem Schlosse, z. B. die

genaue Beschreibung und das Urtheil über das große Gemälde von Rubens,

das, von Lorenzen copirt, in dem Zimmer der Königin hing. Täglich ging

ich mit meiner Maria im Garten und im Südfelde spazieren, wie ich es

gethan hatte, als sie klein war. In diesem Sommer schrieb ich auch die

Tragödie: »Knud der Große«.

In unserer ländlichen Einsamkeit wurden wir durch die freudige Nachricht

überrascht, daß =Thorwaldsen= nach Dänemark komme, um sein übriges Leben

bei uns zuzubringen.

Sein Empfang ist eine historische Scene, deren Schilderung nicht in ein

idyllisches Gemälde gehört. Ich war auch auf der Rhede in einem Boote,

um ihn zu begrüßen, was mir wegen des großen Schwarmes von Fahrzeugen

doch nicht glückte; aber ich sah ihn ziemlich fern in dem Königsboote

sitzen, und entdeckte da bereits, daß sein Haar, welches früher (nach

seinem eigenen lustigen Ausdrucke) gepudert gewesen, nun schneeweiß

geworden war.

* * * * *

In diesem Jahre ernannte mich König Friedrich VI., ohne einen Vorschlag

von Seiten der Universität, als ich es am wenigsten erwartete, zum

Etatsrath.

* * * * *

Im Jahre 1839 fiel es meinem Freunde =Bournonville= ein, meinen

=Aladdin= zur Aufführung auf dem Theater einzurichten. Mit dem ihm

eigenen Geschmacke wählte er die Musiknummern, componirte schöne Tänze

zu den Feenscenen und Aufzügen und tanzte selbst vortrefflich darin. Ich

hatte ihm und =Overskou= die Vollmacht gegeben, das Stück nach Gutdünken

zu kürzen und zusammenzuziehen. So wurde es wiederholt mit vielem

Beifall gegeben und verschaffte mir eine so reiche Einnahme, daß ich

eine Freude genießen konnte, die mir in meinem ganzen Ehestandsleben nur

ein einziges Mal, vor 22 Jahren, zu Theil geworden war, und an der ich

jetzt auf dem Schlosse Geschmack gefunden hatte: einen Sommer mit meiner

ganzen Familie auf dem Lande zuzubringen.

* * * * *

[Sidenote: Tod Friedrich des Sechsten.]

Gegen Ende dieses Jahres starb auch König Friedrich VI. Ich schrieb als

Universitätsprogramm ein Gedicht über ihn, und es wurde mir übertragen,

die Trauercantate zu verfassen, welche bei seiner Beisetzung in der

Roeskilder Domkirche aufgeführt wurde. Ich war mit dort, und bei einer

schneidenden Kälte bei dem Probst =Hertz= einquartirt, wo ich diese

Nacht dem lieben Gott für Etwas dankte, das ich sonst verabscheute,

nämlich für ein paar warme Federkissen. Mit meiner Cantate, zu der

Weyse die Musik geschrieben hatte, war ich selbst nicht recht zufrieden.

Im Programm hatte ich das ganze preiswürdige Leben Friedrich's VI. in

naiven Knüttelversen besprochen; aber sein Tod versetzte mich nicht in

eine höhere Begeisterung. Auch die alte Einrichtung von Solo, Duett,

Recitativ und Chor genirte mich. Später schrieb Heiberg eine Cantate

für die Universität, welche besser war, als die meinige; Weyse's Musik

war auch besser, besonders fand sich ein Duett von unvergleichlicher

Schönheit darin.

* * * * *

[Sidenote: Brief des Kronprinzen Oskar.]

Im Jahre 1840 zeigte Tegnér mir in einem sehr freundschaftlichen Briefe

an, daß mir König Karl Johann das Großkreuz des Nordsternordens ertheilt

habe, und ich erhielt auch bald das Diplom. Zu gleicher Zeit sandte

der Kronprinz mir eine goldene Medaille mit seinem Brustbilde und der

Inschrift: _Memoriae pignus_, nebst folgenden Zeilen:

»Herr Etatsrath Oehlenschläger! Durch mehrfache wichtige Geschäfte

abgehalten, sah ich mich länger, als ich wollte und wünschte, der Freude

beraubt, Ihnen meine Dankbarkeit für das schmeichelhafte Gedicht zu

bezeugen, das Sie mir letzthin, von Ihren ins Deutsche übertragenen

Arbeiten begleitet, zugeeignet haben«.

»Mehrere unter diesen sind mir zwar alte und liebe Bekannte, aber als

Geschenk des Verfassers haben sie für mich einen neuen und erhöhten

Werth. Ueber das schöne Gedicht darf zwar Der, welcher der Gegenstand

desselben ist, nicht urtheilen, aber ich kann es mir doch nicht

versagen, Ihnen, Herr Etatsrath, meinen Dank für die freundschaftliche

Gesinnung auszusprechen, die sich darin zeigt, und die ich mit

derselben Aufrichtigkeit, wenn auch in einfacheren Worten, erwidere.

Das Andenken an unsere Begegnung in Christiania bereitet mir stets

Freude, und ich rief es mir aufs Neue ins Gedächtniß zurück, als Ihr

Sohn mich besuchte. Ich hoffe, daß er meine Grüße bestellt hat, und daß

Sie, Herr Etatsrath, bald Ihr Versprechen, Ihre schwedischen Freunde

zu besuchen, erfüllen werden. Indem ich mit Freude diese Gelegenheit

benutze, Sie meiner Freundschaft und Hochachtung zu versichern, bitte

ich Sie, die beifolgende Medaille anzunehmen, welche, wie ich hoffe,

Sie an Denjenigen erinnern wird, der, wie ich, Ihren Geist und Ihre

Eigenschaften, Herr Etatsrath, so hochschätzt.

Stockholm, den 8. Mai 1840.

=Oskar=«.

* * * * *

[Sidenote: König Christian der Achte.]

In diesem Sommer wurde König Christian VIII. und Königin Karolina

Amalia auf Friedrichsborg mit vieler Pracht gekrönt. Die Ritter

vom Elephantenorden und die Großkreuze des Dannebrog waren in

purpurrothen und citrongelben Sammetmänteln, weißen Seidentricots und

großen Federhüten gekleidet. Die Meisten nahmen sich in dieser ihnen

ungewohnten Tracht eigenthümlich aus.

Der König machte mich in diesem Jahre, am Tage seiner silbernen

Hochzeit, zum Dannebrogsmann. Ich hatte auf seinen Befehl eine

Tischcantate zum Krönungsfeste gedichtet, die, von =Fröhlich= componirt,

bei Tafel aufgeführt wurde. Aber die Unmasse von Menschen, die hin- und

herging, um zu sehen, wie die Majestäten von den Staatsministern bedient

wurden, kümmerten sich nur wenig um die Musik; die Herrschaften saßen am

andern Ende des Rittersaales; die Teller klirrten, die Menge lärmte, und

ich glaube, daß Keiner, mit Ausnahme der Spielenden und Singenden, die

Cantate gehört hat. Ich war selbst im Saale, hörte sie aber nicht.

[Sidenote: Zusammenleben mit Thorwaldsen.]

Steffens war auch zugegen. Der König hatte ihn mit seiner Familie

nach Dänemark eingeladen und bezahlte die Reise. Ich besuchte mit

Thorwaldsen, Steffens und Grundtvig den Baron =Stampe= auf Nysöe. Schon

früher war ich einige Male mit Thorwaldsen dort gewesen. Des Abends,

wenn wir nicht Lotto spielten (das einzige Spiel, an dem Thorwaldsen

Theil nahm, wo er aber auch ein sehr leidenschaftlicher Spieler war

und sich ebenso sehr freute, wenn er einige Schillinge gewonnen, als

wenn er eine bedeutende Summe für seine Arbeiten bekommen hatte), mußte

ich ihnen Etwas aus Holberg oder meinen eigenen Arbeiten vorlesen,

und dann war er ein aufmerksamer Zuhörer. Er liebte überhaupt das

Schauspiel sehr; in Kopenhagen saßen wir fast jeden Abend im Theater

neben einander. Er konnte herzlich lachen und bei den rührenden

Stellen rannen ihm die Thränen an den Wangen herab. Er hatte oft davon

gesprochen, meine Büste zu modelliren; aber es verzögerte sich immer und

ich mochte nicht daran erinnern. Endlich machte die Baronesse Stampe

kurzen Prozeß damit. Sie bestellte bei dem Tischler ein Brett mit einem

Stift darin, ließ ein Gefäß mit nassem Ton heraufbringen, formte mit

ihren eigenen Händen einen großen Klumpen davon mit einem Hals wie an

einer Flasche, und aus dieser Erde schuf Thorwaldsen seinen Adam, d. h.

meine Büste. Den nächsten Tag hatte er keine Lust, daran zu arbeiten,

und entschuldigte sich damit, daß er nicht recht aufgelegt sei. Als ich

dann wieder zu ihm kam, componirte er die Skizze zu einem Taufengel. Ich

fand es sehr natürlich, daß er lieber an einem Taufengel als an einem

getauften Poeten arbeiten wollte.

Den nächsten Tag dagegen war er fleißig an der Büste beschäftigt und

machte sie fertig. Er modellirte auch ein Basrelief von Steffens, als

derselbe hier war. Bei Tische hielt Steffens Vorlesungen, die weder

Grundtvig noch mir gefielen. Mein Verhältniß zu meinem alten Freunde

war ganz wunderlicher Art. Er übersprang ganz die 37 Jahre, die wir

getrennt gewesen waren und sprach mit mir noch immer, wie mit seinem

Schüler vom Jahre 1803. Ich fand mich darein; einstmals gingen wir

im Südfelde zusammen spazieren und es freute mich, alte Erinnerungen

wieder heraufzubeschwören. In diesen Gefühlen sympathisirten wir

brüderlich. Seine Frau war auch hier; die schöne Hanna Reichardt hatte

sich außerordentlich gut conservirt; wir waren stets gute Freunde. Seine

Tochter =Klärchen= hatte viel von dem Geiste des Vaters geerbt. Verstand

und Herz standen bei ihr in seltener Harmonie. -- In diesem Jahre

feierte auch meine Tochter Marie ihre Hochzeit mit dem Doctor =Wollert

Konow= aus Norwegen.

* * * * *

[Sidenote: Tod meiner Frau.]

Im Jahre 1841 dichtete ich =Dina=. Ich las meiner Frau und meinen

Kindern die drei ersten Acte in demselben Zimmer vor, in welchem sie

in kurzer Zeit als eine Leiche stehen sollte. Noch hatten wir keine

Ahnung davon, obgleich sie in den letzten Jahren ihre Gesundheit

verloren hatte. Sie konnte Nachts nicht schlafen. Die Folge davon

war, daß sie oft am Tage einschlummerte und nicht recht an Dem Theil

nehmen konnte, was uns Anderen interessirte. Meine Dichtungen hörte

sie stets mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Da ich an dem

fünften Acte von Dina arbeitete, konnte ich ihr noch das Meiste davon

vorlesen. Das Letzte, was sie hörte, war Eleonore Christine's Monolog,

wo sie aus Liebe zu Mann und Kindern beschließt, das geliebte Vaterland

zu verlassen. Da füllten sich Christiane's große blaue Augen, die

trotz aller Schwäche noch nicht den Stempel ihrer frühern Schönheit

verloren hatten, mit Thränen. Und das war der Abschied dieser edlen

Seele vom Dichter und Gatten, denn später ergriff die Lähmung und das

Fieber des Todes sie und machte ihren Geist unempfänglich für zarte,

rührende Eindrücke. Selbst der kleine Enkel konnte sie nicht recht

erfreuen. Sie war oft vom Schwindel geplagt gewesen; ein krampfhaftes

Zucken des Mundes und der Augenliden ließ einen apoplectischen Anfall

befürchten. Das würde, sagten die Aerzte, sie, wenn auch langsamer, dem

Tode zugeführt haben. Nun endigte gutmüthige Dienstfertigkeit, die ein

Charakterzug bei ihr war, plötzlich ihr Leben. Eine arme Frau, die im

Hause zuweilen waschen und dergleichen half, wurde krank. Christiane

besuchte sie und bekam den Typhus! An dem letzten Tage ihres Lebens

wo ich sie sah, lag sie wie in einer Betäubung, kannte mich kaum

und als ich mit unterdrücktem Gefühl ihr Lebewohl sagte, machte sie

eine mechanische Bewegung mit der Hand nach dem Munde zu. Ich ging

untröstlich nach Friedrichsberg hinaus; aber da hatte ich keine Hütte

mehr, keinen Winkel, in den ich mich hinsetzen und über meine Einsamkeit

trauern konnte. Der Kaufmann Melchior, den ich früher von einer edeln

Seite kennen gelernt hatte, erlaubte mir in einem Hause zu wohnen, das

er in der Friedrichsberger Allee besaß, bis ich andere Zimmer finden

würde. Kaum war ich dort hinaus, als mein Sohn Wilhelm mir die Nachricht

von dem Tode seiner Mutter brachte.

In dieser Trauer kam Bröndsted zu mir und fragte mich mit seiner

gewöhnlichen herzlichen Bereitwilligkeit, ob er mir irgend einen Dienst

leisten könne? »Ja,« antwortete ich, »das kannst Du. In diesem Hause

kann ich nur einige Tage bleiben; ich weiß, daß das Schloßverwalterhaus

leer steht. Da verbrachte ich, als mein seliger Vater noch lebte,

manchen Sommer, und es würde mir Trost gewähren, wenn ich die Erlaubniß

erhielte, jetzt wieder dort zu wohnen. Aber ich bin zu betrübt und

niedergeschlagen, als daß ich zum König gehen und ihn darum bitten

könnte. Willst Du es für mich thun«? -- »»Ja, mit größtem Vergnügen!««

-- Er ging. Den Tag darauf kam er wieder und brachte mir einen Brief,

den der König mir geschrieben hatte, in welchem stand, daß es Sr.

Majestät freue, meine Trauer lindern zu können, und daß er gleich

Befehl gegeben habe, daß das Schloßverwalterhaus mir für diesen Sommer

eingeräumt werde. Dafür hatte ich nun meinen guten Bröndsted zu danken,

wenigstens dafür, daß es so schnell geschah; denn mir selbst wäre es in

meiner Gemüthsbewegung unmöglich gewesen zum Könige zu gehen.

[Sidenote: Meine Tochter zieht nach Norwegen.]

Ich zog nun mit meinen Söhnen in das Schloßverwalterhaus. Mein

Schwiegersohn Konow und meine Tochter wohnten in der Stadt. Er hatte

erst die Absicht gehabt, sich ein Gut in Dänemark zu kaufen. Aber da er

keins fand, was ihm convenirte, und da wohl auch der freiheitsliebende

Norweger sich nicht dazu entschließen konnte, Unterthan eines

souverainen Königs zu werden (damals zeigte sich viel Gährung und

Opposition hier im Lande), so beschloß er ein schönes Gut, =Steen=, zwei

Meilen von seiner Vaterstadt Bergen, zu kaufen. Nun sollte ich also

auch, wenngleich, gottlob nicht für stets, meine Maria verlieren.

Die traurigen, stillen Vormittage in der ersten Zeit nach Christiane's

Tod (mich trennte nur ein breiter Platz von dem Kirchhofe auf dem

sie begraben war) brachte ich damit zu, alle ihre Briefe zu lesen,

wodurch ich mich gleichsam in meine erste Jugend zurückversetzte und

das entschwundene Leben noch ein Mal mit ihr durchlebte. Ich miethete

Zimmer für den Winter, besuchte die lieben Neuvermählten, und ihre

Nähe erquickte mich sehr, bis die Abschiedsstunde kam, wo ich meine

schmerzlichen Gefühle bemeistern mußte. Die Trauer wurde durch den

tröstlichen Gedanken gemindert, daß ich sie, unserer Verabredung gemäß,

bald in Norwegen besuchen würde.

Bevor sie aber abreisten, versuchte eine Zahl der begabtesten und

gebildetsten jungen Männer des Vaterlandes, mich dadurch zu trösten, daß

sie mir einen neuen ehrenvollen Beweis ihrer Achtung gaben. Ich erhielt

folgenden Brief:

»Der Studentenverein an Adam Oehlenschläger!

Sie vollenden heute das 62. Jahr ihres Lebens, welches dem Dienste

der Musen geheiligt war, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit ihrem

Namen Unsterblichkeit verleihen wird. Gegen diese muß eine wenn auch

noch so kräftig ausgesprochene Anerkennung eines kleinen Kreises der

Gegenwart einem Nichts gleich sein; aber eine Gesellschaft junger

Musensöhne, welche Sie in einer Reihe von Jahren mit Freuden unter

sich gesehen hat, fühlt die Pflicht auszusprechen, daß sie es für eine

Ehre für die Gesellschaft hält, Sie zu deren Mitgliedern zu zählen.

Der Studentenverein bittet Sie daher, den Platz als Ehrenmitglied der

Gesellschaft anzunehmen, und indem wir, die Vorsteher des Vereins, Ihnen

dies, laut uns gegebenem Auftrage, mittheilen, konnten wir dem Drange

nicht widerstehen, Ihnen persönlich unsere Freude darüber auszusprechen,

daß uns die Ehre zu Theil geworden ist, diese Handlung der Gerechtigkeit

gegen den ersten Dichter unseres Vaterlandes zu vollziehen.

Das Seniorat des Studentenvereins am 14. Nov. 1841«.

Diese Huldigung war früher nur Rahbek und Thorwaldsen zu Theil geworden,

und es fand in Folge derselben ein schönes Fest Statt.

* * * * *

In demselben Jahre wurde ich Commandeur des Dannebrogordens. Kurz

darauf ward ich auch Mitglied der niederländischen Gesellschaft der

Wissenschaften, und erhielt die große goldene Medaille der schwedischen

Akademie für Geist und Geschmack (_för Snille och Smak_).

* * * * *

[Sidenote: Gnade des Königs.]

Der König hatte mir erlaubt, »diesen Sommer« im Schloßverwalterhause zu

wohnen. Ich wünschte nun sehr, daß diese Erlaubniß auf mehrere Sommer

ausgedehnt werden möchte. Als ich ihm für seine Güte dankte, fragte er,

ob nicht auch ein Garten dabei sei, und ob ich diesen pflege? Dies gab

mir die beste Gelegenheit, meine Bitte anzubringen. Ich antwortete, daß

ich ihn sehr gern pflegen würde, wenn ich hoffen könnte, in der Zukunft

auch die Früchte zu ernten. Der König antwortete: »Wenn es möglich sei,

sollte ich die Erlaubniß erhalten, dort wohnen zu bleiben«, und als ich

in dem muntern Tone, in dem er mich gern sprechen hörte, antwortete:

»für Ew. Majestät ist sehr Viel möglich«, erlaubte er mir die Wohnung zu

behalten. Ungefähr um dieselbe Zeit starb die Conferenzräthin =Jessen=,

welche nach dem Tode ihres Mannes auf dem im Friedrichsberger Garten,

von üppigen Gebüschen und Bäumen verborgen gelegenen Fasanenhofe wohnen

geblieben war. Der Oberhofmarschall =Levetzau=, den ich von Jugend auf

kannte, und der stets freundlich mit mir gewesen war, erzählte mir, daß

der König mir erlaubt habe, zu wohnen, wo ich es selbst am liebsten

wünschte: entweder im Schloßverwalterhause oder auf dem Fasanenhofe. Als

ein Freund des Alten, an das sich viele liebe Erinnerungen knüpften, zog

ich es zuerst vor, da zu bleiben, wo ich war; als mir aber der Marschall

lächelnd rieth, erst den Fasanenhof anzusehen, that ich es und schwankte

nicht länger.

[Sidenote: Tod Wullf's und Bröndsted's.]

In dieser Zeit traten kurz nach einander zwei traurige Todesfälle ein,

welche mir zwei meiner besten Freunde raubten. Zuerst starb plötzlich

mein lieber Peter =Wullf=. Ich hatte ihn im Jahre 1814 als Capitain

und Lehrer der Seecadetten kennen gelernt. Unsere Freundschaft wurde

in der Baggesen'schen Periode geknüpft, in welcher Wulff sich uns warm

angeschlossen hatte.

Er schrieb schöne Gedichte, und setzte die Foersom'sche Uebersetzung

des Shakespeare zwar nicht mit der Virtuosität Foersom's, aber doch

lobenswerth fort. Jetzt war er Contreadmiral und Generaladjutant. Seine

gute Frau hatte er einige Jahre vorher verloren. In dem liebenswürdigen

Kreise seiner Familie verlebte ich viel heitere Tage. Weyse war auch ein

Freund des Hauses und erquickte uns oft durch seine schönen Phantasieen

am Fortepiano.

Der gute Wulff litt zuweilen an einem leichten Podagra, war aber niemals

eigentlich krank. Eines Abends im Theater fühlte er sich nicht recht

wohl, ging hinaus, nahm eine Droschke, um nach Hause zu fahren, und ehe

er nach der Cadetten-Akademie kam, -- war er todt!

[Sidenote: Tod Bröndsted's.]

Im folgenden Jahre hatte mein lieber Bröndsted ein ähnliches Schicksal.

Von Natur war er riesenstark und genoß einer vortrefflichen Gesundheit.

Aber er war vollblütig und bedurfte der Bewegung. Da er nun viel

saß und nach alter Gewohnheit immer lange zögerte ehe er sich in

Bewegung setzte, so beeilte er sich dann um so mehr zu Pferde, denn

er ritt lieber, als er ging. Ein paar Jahre wohnte er des Sommers auf

Friedrichsberg, wo ich ihn und seine liebenswürdigen Töchter Friederike

und Marie häufig besuchte. Die armen Mädchen gingen oft des Abends um

sieben, halb acht Uhr auf die Landstraße, um nach ihrem Vater zu sehen,

der noch nicht zum Mittagsessen gekommen war. Wenn sie ihn dann in

weiter Ferne herangalopiren sahen, freuten sie sich. Leider sollte diese

Freude bald in Trauer verwandelt werden.

In Kopenhagen wollte er eines Tags zu einem der Thore hinaus reiten. Auf

der Esplanade begegnete ihm der Etatsrath, späterer Minister =Bang=.

Sie hielten an und sprachen mit einander. Das Gespräch war zu Ende und

Bröndsted wollte weiter reiten, als er, gutmüthig und höflich wie er

stets war, den unglücklichen Einfall bekam, Bang für eine Abhandlung zu

danken, die dieser kurz zuvor geschrieben hatte. Rasch und kühn warf er

das Pferd herum; aber bei dieser Bewegung fiel er ab. Er war zwar an

das Reiten gewöhnt; aber da er kurz und untersetzt war, konnte er sich

nicht fest genug halten. Er bekam einen fürchterlichen Schlag, wobei

er wohl merkte, daß Etwas in seinem Körper zerbrach. Er hatte noch so

viel Kraft, daß er sich mit Hülfe eines Andern nach dem nahe gelegenen

Friedrichshospital schleppen konnte. In den ersten Tagen schien es, als

ob die Gefahr nicht sehr groß sei; nun aber schwoll der Körper auf, und

er starb glücklicherweise plötzlich, wobei er von heftigen Schmerzen

verschont blieb. Das Becken war ihm gebrochen! und doch hatte er

Muskelkraft und Körperstärke genug gehabt, um von der Esplanade nach dem

Hospital zu gehen. Armer Bröndsted! wie viele Gefahren hast Du in Deinem

Leben besiegt! auf Felsen und Bergen in der dunkeln Nacht bist Du an

tiefen Abhängen vorübergeritten -- und es hatte Dich Nichts betroffen!

Und nun solltest Du an einem schönen, stillen, hellen Tage unter den

freundlichen Bäumen in einer schönen Allee der Hauptstadt Deines

Vaterlandes stürzen!

* * * * *

[Sidenote: Die Aufführung von Dina.]

Ehe ich nach Norwegen reiste, wurde Dina aufgeführt und machte

vorzüglich durch das vortreffliche Spiel der Frau Heiberg Glück. Das

Stück wurde sehr gelobt; die Tadler hielten sich nun daran, »daß ich

der Geschichte Gewalt angethan, Ulfeld als zu schlecht und Dina als

zu gut gezeichnet hätte; daß sie eine niedere Verbrecherin sei«. Aber

Alles, was zu Ulfeld's Lob gesagt werden kann, habe ich ihm im Stücke

gelassen; ich habe ihn nur auch mit seinen Schattenseiten gezeichnet.

Daß ich durch die Idealisirung Dina's der Geschichte zu nahe getreten

sei, können nur Thoren sagen. Dina ist gar keine historische Person.

Ihr Auftreten ist eine Privatanekdote in Ulfeld's Leben; wenn diese

mir Veranlassung dazu gegeben hat, und es mir geglückt ist, aus einem

groben Feuerstein einen Diamanten herauszuschlagen, so ist dies ein

Gewinn für die Poesie und kein Verlust für die Geschichte. Die strenge

historische Wahrheit würde bei den meisten Stoffen die Dichterschönheit

unmöglich machen. Hakon Jarl schlachtete thatsächlich seinen Sohn ohne

Liebe; er verbarg sich, ehe er von seinem Diener gemordet wurde, in

einem Schweinestalle; Palnatoke erschoß den Harald Blauzahn von hinten

in einem Walde, wo derselbe bei einer gewissen Verrichtung saß; Hagbarth

schlich sich nach der Kämpeweise nach Signe's Kammer und lag bei ihr,

als er ergriffen wurde. Habe ich auch hier die Geschichte verunstaltet?

Sophokles sagte zum Euripides: »=Du= zeichnest Deine Helden, wie sie

sind, =ich= wie sie sein sollten«. »Aber«, wird man sagen, »Du hast

Ulfeld eines Meuchelmordes beschuldigt«. Das habe ich nicht gethan.

Dina hat ihn dessen beschuldigt; selbst als sie zum Tode ging berief

sie ihn noch vor Gottes Richterstuhl, und das Ganze blieb -- ein

ewiges =Geheimniß=. -- Dies genügte dem Dichter. Ich habe jenes Motiv,

welches die Triebfeder meines Werkes war, soviel als möglich moderirt.

Es ist nur ein flüchtiger Gedanke des erhitzten Ulfeld, wird aber von

der tragischen Nemesis festgehalten. Die Möglichkeit eines solchen

Gedankens lag nicht außerhalb Ulfeld's Charakters, er war bei all seinen

glänzenden großen Eigenschaften herrschsüchtig und rachgierig; und wenn

gleich die Humanität gebot, seine Schandsäule niederzureißen, so wird

doch die historische Wahrheit selbst nie leugnen können, daß zu großer

Ehrgeiz und Stolz, sowie Mangel an Edelmuth und echter Tugend ihn zum

Landesverrath getrieben haben.

* * * * *

[Sidenote: Ole Bull.]

Im Juni reiste ich mit meinem jüngsten Sohne Wilhelm nach Norwegen.

Als Reisegefährte folgte uns der Violinist =Ole Bull=, der durch sein

seltenes Talent einen nicht nur europäischen, sondern einen Weltruhm

erlangte. Ich hatte oft Gelegenheit gehabt, diesen großen Künstler

zu bewundern, aber auch mich über ihn zu wundern. Sein Leben ist

merkwürdig: wie er als ein armer, unbekannter Musiker durch Paris

kam, und von der äußersten Noth getrieben, beabsichtigte, in der

Verzweiflung sein Leben zu enden, als er gerettet, gekannt, gehört,

anerkannt, geliebt, verheirathet, und sich durch seine Concerte bald

ein erkleckliches Vermögen erwarb. Seine musikalischen Leistungen

waren ein Ausdruck seines eigenen Charakters; eine eigenthümliche

Mischung von liebenswürdiger kindlicher Gutmüthigkeit und Milde, die

oft durch eine unruhige Heftigkeit unterbrochen wurde. So wechselten

die schönsten, schmelzendsten Töne und genialsten Phantasien mit einem

plötzlichen, gellen Schreien der Saiten ab. Es war gleichsam, als ob

Bull ein Vergnügen daran fand, mit launischem Wankelmuth die milde

feierliche Stimmung zu vernichten, die er selbst erweckt hatte, und

dieselben Zuhörer, die er soeben noch entzückte, durch eine Bizarrerie

zu verletzen, die nicht ihn beherrschte, sondern die er in stolzer Laune

hervorrief, wenn er wollte. Er kam mir oft wie ein Maler vor, der uns

ein schönes Bild zeigt, das er soeben vollendet, und in dem Augenblicke,

wo wir es genauer betrachten wollen, mit einem Pinsel darüber hinfährt

und es wieder verwischt. Doch muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren

lassen. Wir hörten manch' herrliches Stück, das nicht auf diese Weise

abgebrochen wurde; und es ist höchst wahrscheinlich, daß diese Manier

ihn im reifen Alter ganz verlassen hat. Keiner spielte ein Adagio von

Mozart so anmuthig, wie er, hier verleugneten sich ganz jene grellen

Töne einer zu heftigen Persönlichkeit. Ich sage, daß er ebenso in

seinem Leben war: er machte zuweilen das Gute schlimm; aber mit der

Kindlichkeit, die dem kräftigen, schönen, jungen Norweger so gut stand,

war es ihm auch leicht, das Schlimme wieder gut zu machen.

Als er mir ein Mal auf dem Schiffe mißfallen hatte, weil er zu

übertrieben auf die Schweden loszog, und ich fortging und mich auf eine

Bank abseits setzte, kam er bald nachher auf allen Vieren kriechend und

bellte mich wie ein Hund an. Das war nun eine ebenso originelle wie

liebenswürdige Art, die Versöhnung herbeizuführen, und den Verstimmten

zum Lachen zu bringen. Er besuchte mich mehrere Male in Kopenhagen. In

Christiania, wo seine kleine hübsche Frau wohnte, die sich als Pariserin

nicht recht in den Norden finden konnte, war ich zu Mittag bei ihm,

und als wir reisten, war er so gut, uns einen seiner Wagen zur Fahrt

nach Bergen, seiner Vaterstadt, zu leihen, wohin er auch bald reisen

wollte. Er war außerordentlich stark; seine Arme waren wie von Eisen

gegossen, und es ist wohl möglich, daß es seine allzu große Körperkraft

war, die zuweilen ungeduldig die milden Töne unterbrach, während er mit

dem Haupte schüttelte, daß ihm die Haare in die schönen braunen Augen

fielen. Ein Beweis für seine Gutmüthigkeit ist, daß er mir seinen besten

Wagen zu dieser Reise lieh. Er selbst beabsichtigte, in einem Wagen

mit drei Rädern zu fahren; als man ihm aber vorstellte, wie gefährlich

dies sei, wählte er einen großen Wagen, der nicht ordentlich die Spur

hielt, und mit dem er auch ein Mal umwarf und beinahe den Hals gebrochen

hätte. Als er vor dem Könige in Kopenhagen spielte, und Friedrich VI.

ihn fragte, von wem er seine Kunst gelernt habe, antwortete er: »Von den

norwegischen Felsen, Ew. Majestät!« Der König, der an solche poetische

Redensarten nicht gewöhnt war, und den Namen eines Menschen erwartet

hatte, setzte das Gespräch nicht weiter fort.

* * * * *

[Sidenote: Norwegische Bekanntschaften.]

In Christiania besuchte ich meine alten Freunde und Gönner. Der Einzige,

den ich nicht so fand, wie ich ihn verlassen hatte, war =Sverdrup=,

der an Augenschwäche litt, und den ich nie wieder sah. Die Studenten

begrüßten mich eines Abends im Hôtel du Nord mit einem Ständchen. Ich

machte die Bekanntschaft =Schweigaard's=, eines der brillantesten

Köpfe des Nordens, der Genie und Kenntnisse mit einem edlen Herzen

verband, =Dahl= kam uns mit der alten Freundschaft entgegen, und seine

gute Frau erquickte uns unter Andern mit schöner italienischer Musik.

=Collets= empfing mich mit unveränderter Herzlichkeit. Auch meinen

alten Reisekamerad =Krog= sah ich wieder, und lernte seinen Vater, den

Staatsrath kennen, der, als ich das erste Mal Norwegen besuchte, in

Schweden gewesen war.

Der Statthalter Baron =Lövenskjold= erwies mir viel Freundlichkeit

und Ehre. Am Namenstage des Königs waren wir bei ihm zu Tisch, und

bei dem dritten Toast bat er mich, Dänemark Norwegens brüderlichen

Gruß zu bringen. Fünf Jahre darauf sah ich seinen Sohn in Dänemark;

der begeisterte, tapfere Norweger kam her, um unter dem Dannebrog

für die Sache unsers Vaterlands zu kämpfen. Seine ehrliche, derbe,

herzliche Freundlichkeit rührte uns Alle. Er war oft bei mir auf dem

Fasanenhofe. Als ich in die Stadt gezogen war, kam der Diener eines

Tages herein und sagte: »Herr! draußen steht ein Soldat, der mit Ihnen

zu sprechen wünscht.« Ich ging hinaus. Die Gardinen waren der Sonne

wegen herabgelassen; ich konnte das Gesicht nicht recht erkennen, und

sah nur einen Soldaten in seinem groben Rock, mit Patrontasche und

Säbel, der ehrerbietig an den Czako faßte. Es war Lövenskjold, der in

den Kampf ging. Nachdem er sich bereits durch Tapferkeit ausgezeichnet

und Dannebrogsmann geworden war, besuchte er uns wieder; wir hatten die

Freude, ihn im Soldatenrocke an unserm Tisch zu sehen und auf sein Wohl

zu trinken, ehe er seinem ehrenvollen Tode entgegenging. Er steht vor

meiner Seele als ein schönes Ideal all' der edlen Norweger und Schweden,

die mit ihrem Bruderherzen für uns stritten, und ihr Blut für uns wagten

und vergossen.

* * * * *

[Sidenote: Reise nach Bergen.]

Den Reiseplan nach Bergen hatte uns unser Freund =Holger Collet=

aufgeschrieben; und da der Staatsrath =Sibbern= einen Tag vorher eine

weite Strecke auf demselben Wege gefahren war, so hatte er Pferde

für uns bestellt. Holger hatte uns aber zu kurze Zeit gelassen, und

obgleich wir eilten, so mußten wir doch an ein paar Orten doppelt

bezahlen, weil man uns zur bestimmten Zeit vergebens erwartet. Der

Weg führt größtentheils an Abgründen entlang, doch ereignen sich

selten Unglücksfälle; denn die norwegischen Pferde sind ebenso wie die

italienischen Esel daran gewöhnt, die Felsen auf und ab zu klettern.

Zwei Dinge gehören zu den wichtigen Erfordernissen einer Reise in

Norwegen: ein guter Kutscher und ein Cabriolet. Ersteren verschafften

wir uns; aber statt des Cabriolets bekamen wir Bull's Chaise. Da diese

nun ziemlich hoch war, so war sie auch gefährlicher; hatte aber auch

wieder den Vortheil, daß sie beim Regen zugemacht werden, und daß man

mehr darin mit sich führen konnte. Im Anfange erschien mir die Nähe des

Abgrundes etwas bedenklich; aber man gewöhnt sich an Alles und es währte

nicht lange, so ließ ich den lieben Herrgott sorgen und schlief ganz

ruhig in dem bequemen Wagen. Selbst eine Stelle, wo ein paar Tage vorher

eine Karre mit einem Pferde herabgestürzt war, machte keinen Eindruck

auf mich.

Wir machten unsere Reise in vier bis fünf Tagen. Ich will hier nicht

all' die Ruhepunkte aufzählen, sondern nur einiges Charakteristischen,

dessen ich mich entsinne, Erwähnung thun. Am ersten Abend kamen wir in

ein Haus, wo der Wirth und die Wirthin, obgleich Bauersleute, meine

Biographie und mein Freia's Altar gelesen hatten, und sich alle Mühe

gaben, uns nach besten Kräften zu bewirthen. Zu dem Ende brateten sie

ein Spanferkel, das sie auf den Tisch setzten. Unglücklicherweise

aber konnte ich Nichts davon genießen; denn es ist mir stets zuwider

gewesen, von einem Spanferkel zu essen, das mit Kopf und Schwanz und

geschlossenen Augen, fast als ob es noch lebte auf den Tisch kommt. Das

Gefühl von einer Art Kanibalismus bei dem Genusse eines, wenn auch nicht

Mitmenschen, so doch Mitgeschöpfes macht mir die Mahlzeit widerlich. Es

darf keine Spur des verschwundenen Lebens mehr vorhanden sein, wenn die

Fleischspeise schmecken soll. Nur durch diesen Selbstbetrug versöhnt

sich unser, wenn auch nicht ethischer, so doch ästhetischer Sinn mit den

Forderungen der Natur. Indessen kostete ich doch von der Speise, um den

braven Leuten nicht zu mißfallen, die uns so gern Etwas zu Gute thun

wollten.

Der Wagen wankte oft an steilen Punkten; das störte mich aber doch

nicht in der Betrachtung der wunderbaren Natur. Norwegen besteht mit

Ausnahme einiger großen Thäler aus lauter Felsen, zwischen deren

Spalten die Flüsse dahinströmen. Zwischen dem Fluß auf der einen

Seite und dem Felsen auf der andern erstreckt sich ein breiter oder

schmaler Erdstreifen mit Ackerboden und einem Fahrwege zwischen sich

und dem Flusse. =Das= ist Norwegen! Man hat so viel von dem kalten

unfruchtbaren Klima gesprochen; nicht das Klima im Ganzen genommen ist

es, das Norwegens Unfruchtbarkeit verursacht; hieran sind größtentheils

die unglücklichen einzelnen Nachtfröste schuld. Eine einzige Nacht

kann die Ernte eines ganzen Jahres zerstören. Was Norwegen besonders

fehlt, ist =Erde=. Steine können nicht zu Brot werden, und Norwegen

besteht größtentheils aus Steinen und Wasser. Aber wenn eine Zaubermacht

die gegen Süden gewandten Bergabhänge hinreichend mit fruchtbarer

Erde bedecken könnte, so würde Norwegen ein Paradies werden; denn das

Klima auf der Süd- und auf der Nordseite des Berges ist durchaus

verschieden. Wo die Sonne in dem Thale scheint, welches die Felsen vor

Stürmen schützen und die Sonnenwärme verstärken, indem sie die Strahlen

zurückwerfen, würde fruchtbare Erde den Fleiß des Landmannes durch die

reichste Ernte belohnen.

Unser Kutscher fuhr rasch. Aber ein Mal hatte er schlechte Pferde

bekommen, und wollte auf einer unwegsamen Stelle sie mit der Peitsche

vorwärts zwingen, was wir ihm aber untersagten. Die Bauern umgaben uns

in großen Haufen, darunter war auch ein baumstarker großer Bauer mit

finsterm Gesicht, der sich uns erbittert und drohend mit wilden Blicken

näherte. Glücklicherweise kam der Prediger dazu, der ihn beruhigte,

sonst wäre es dem Kutscher und uns vielleicht auch schlecht gegangen.

Dies war der erste und letzte Norweger auf meiner Reise, der sich mir

unfreundlich zeigte.

Wir näherten uns dem Filefjeld, dessen Kamm jetzt, in der Mitte des

Sommers noch an vielen Stellen mit Schnee bedeckt war. Hier aßen wir

einen guten Rennthierbraten, und ein starker Bauer trug mich auf seinem

Rücken durch den Schnee; doch nicht ganz ohne Schwierigkeit; denn ich

war nicht so leicht, als er geglaubt hatte.

Von dort kamen wir nach dem Leerthale, wo Manöver gewesen war. Die

Soldaten mußten von fernen Gegenden dorthin ziehen, um einen flachen

Raum von genügender Ausdehnung zu finden, auf dem sie marschiren und

exerciren konnten.

Von hier fuhren wir mit einer Abtheilung norwegischer Soldaten auf einem

Dampfschiffe nach Bergen wo uns meine geliebte Maria und ihr Mann auf

einem Boote im Hafen entgegenkamen. In dem Augenblick, wo ich aus dem

Schiff ins Boot steigen sollte, mußte ich, als ich mein geliebtes Kind

wiedersah, meine Gefühle unterdrücken, um nicht ins Wasser zu fallen.

In der Stadt erwartete uns ihr Wagen, und nun fuhren wir rasch den

herrlichen Weg entlang bergauf, bergab nach =Steen=.

[Sidenote: Aufenthalt bei meiner Tochter.]

Bei der Einfahrt in Konow's Gut stand in dem Thore das Kindermädchen

mit dem kleinen =Harald=, der seinen Großvater an der Grenze empfangen

sollte. Durch eine lange Allee mit gut bebauten Feldern zu beiden

Seiten, von nackten, hohen Riesenfelsen begrenzt, kamen wir nach dem

traulich und schön eingerichteten Hause. Hier verbrachte ich sechs

glückliche Wochen im Schooße meiner Familie. Meine Maria spielte mir

täglich einige der Mozart'schen und Beethoven'schen Compositionen vor,

die ich stets so gern hörte, und ich ging daran, meine Tragödie »Erik

Glipping« zu vollenden, die ich bereits im Fasanenhofe begonnen hatte.

In Bergen besuchte ich den herrlichen =Christie=, der Stiftsamtmann

gewesen, Staatsminister hätte werden können, sich aber mit dem Amte

eines Zollinspectors begnügte, und einer der Begründer der norwegischen

Constitution war.

Es währte nicht lange, so erhielt ich eine Einladung von Bergens

Einwohnern aus allen Classen zu einem Feste im Locale der dramatischen

Gesellschaft. Ich wurde von den Stiftsamtmännern Hagerup und Christie,

dem Amtmann Schütz und den Directoren der Gesellschaft empfangen, und

in des Prinzen Oskar Loge hinaufgeführt. Ungefähr fünfhundert Personen

empfingen mich mit einem Liede und einem schönen Prologe von meinem

alten Freunde, dem Oberlehrer =Lyder Sagen=. Später war Souper und Ball

für über hundert Personen. Ich sprach meinen Dank für diese Ehre in

einem Gedichte aus, das in meinen Sammlungen abgedruckt ist. Aber es

blieb nicht dabei; die edlen Bergener erwiesen mir auf mehrere Arten

ihre Zuneigung.

Je mehr sich die Abreise näherte, desto schwerer athmeten Maria und

ich, und manche Thränen wischten wir fort, die sich am Ende doch nicht

mehr verbergen ließen. Wir hatten Beide versucht unser Gefühl zu

unterdrücken, wenn vom Abschiede die Rede war; aber wir wußten wohl, was

wir einander waren, und der Gedanke an die schwere Trennung, die uns

bevorstand, erschütterte uns. Eines Vormittags, als Konow und William

ausgegangen waren, hatte ich mich in mein Zimmer gesetzt und las; als

ich zu Maria hineinkam, fand ich sie an ihrem Nähtische still weinend.

Ich fragte sie besorgt um die Ursache? »Du gehst von mir weg und liest,«

sagte sie, »während ich hier allein bin. Dazu hast Du Zeit genug, wenn

uns mehr als eine Thür trennt.« In solchen Zügen äußerte sich ihr

schönes Herz.

In ein paar Bäume auf dem Wege nach der See zu hatte ich einige Worte

eingeschnitten; gleich vornan in einen: »Lebe wohl!« und weiter

unten am Strande: »Auf Wiedersehn!« Nun schnitten wir auch unsere

Namen in einen Baum im Garten. Bei dieser Gelegenheit darf ich eines

poetischen Charakters nicht vergessen. Die Sage von den Hausgeistern ist

hinreichend bekannt: es sind gute, unschuldige Wesen, die mit größter

Bescheidenheit nur wenig von Dem genießen, was man ihnen anbietet, und

mit größter Freude allen nur möglichen Nutzen im Hause thun, während sie

sich an die Familie anschließen. Freilich haben sie etwas Wunderliches

an sich, aber das wird hinreichend durch ihr muntres Wesen und ihre

innige Gutmüthigkeit ersetzt. Solch' einen Hausgeist besitzt Steen im

=Onkel Jahn=. Ohne an den Speculationen und dem Handelsfleiße seiner

Brüder, wodurch diese reiche Männer wurden, Theil zu nehmen, führte er

ein abenteuerliches Leben, ging in seiner Jugend auf die See, und schloß

sich später als ein reisendes Mitglied den Familien an. Auf Steen ist

er der Abgott der Kinder, denn er lebt mit ihnen wie ein Kind, erzählt

ihnen Märchen, spielt ihnen auf der Violine und der Mundharmonika vor,

und sie haben kein Spiel, an dem er nicht Theil nähme. Aber er kann auch

schmieden, zimmern und dem Hauswesen nützen.

Als nun Maria und ich zum Abschiede unsere Namen in einen Baum

geschnitten hatten, fand Onkel Jahn die Idee so hübsch, daß er Lust

bekam, auch den seinigen daneben zu stellen. Als ihm aber später

Jemand sagte, daß sein Name nicht dahin paße, wollte er ihn durchaus

wieder wegschneiden, und es kostete viele Mühe, ihn zu bewegen, daß er

denselben stehen ließ.

So riß ich mich denn also aus den Armen meiner geliebten Maria. Um uns

zu trösten, versprach der gute Konow, sie bald mit dem kleinen Harald

nach Dänemark zu bringen. Und er hielt mehr, als er versprochen hatte,

denn Harald kam mit noch zwei Brüdern.

* * * * *

[Sidenote: Rückreise nach Kopenhagen.]

Das Wetter war herrlich, es ging kein Wind, darum kümmerte sich aber das

Dampfschiff nicht. Ich starrte lange nach der Küste hinüber, als ich an

Steen vorüber fuhr, aber es war zu weit, um Jemanden sehen zu können,

und das war recht gut; denn der Anblick der Geliebten würde die Wunde

nur wieder aufgerissen haben. Beim Vorübersegeln betrachtete ich die

große, schöne Stadt, die zwischen nackten Felsen eingeklammert liegt.

Auch Norwegen hat in früheren Zeiten durch die Deutschen gelitten. Hier

setzten sich die Hanse-Kaufleute fest und belästigten lange die Bergener

Bürger. Die alten Heldenkönige, die hier gestrahlt hatten, wurden

vergessen, selbst ihre Grabmäler in den Kirchen sind zerstört, und

keiner wußte, wo sie gestanden hatten. Die nackten Felsen machten einen

traurigen Eindruck; doch würden die der Stadt zunächst gelegenen nicht

so unfruchtbar sein, wenn sie vor dem Viehe geschützt worden wären, das

die hervorsproßenden Keime abnagt, wenn man das Ackerland nicht einhegt.

Auf dem eingehegten Gute des Stiftsamtmanns Hagerup z. B. erstreckte

sich das Grüne ein gutes Stück den Berg empor.

Um mich zu erheitern, hatte das Schicksal uns den herrlichen

=Rosenkilde= auf das Schiff geführt. Diesen vortrefflichen Schauspieler,

ebenso ausgezeichnet durch seinen Humor wie durch sein Herz, der sich

auch im »Fest der Freunde« als ein guter Dichter bewährt hat, kannte

ich bereits seit meiner Jugend, wo er oft bei Madame Möller in der

Weststraße aß. Er war auf einer Kunstreise begriffen, und kam von

Drontheim. Das Wetter war so schön und ruhig, daß wir auf dem Verdecke

Karten spielen konnten. Eine große Anzahl norwegischer Matrosen wurden

auf dem Schiffe transportirt; jetzt hatten wir Gelegenheit, norwegische

Seeleute zu sehen, sowie auf der Fahrt vom Leerthale nach Bergen

Soldaten. Des Abends legten sie sich bis früh auf dem Decke zur Ruhe,

und wenn wir Andern, die wir später zu Bette gingen, über das Verdeck

gehen wollten, mußten wir über die schlafenden Matrosen wegschreiten.

Ich fragte einmal den Capitain im Scherz, ob er nicht fürchtete, daß sie

Aufruhr machen könnten? »Davor bin ich von moralischer Seite sicher,«

sagte er. -- »»Genügt das?«« fragte ich. -- Er zeigte auf fünf bis sechs

Männer, die Riesen nichts nachgaben, und sagte: »Auf diese kann ich mich

in jedem Falle verlassen.«

Es geht sehr langsam auf dieser Reise, weil man zwischen unzähligen

Scheeren und Bänken in der Nähe kleiner Felseninseln dahin fahren muß.

Ueberall gebraucht man Lootsen. Wir näherten uns einmal zwei solchen

Straßen, deren eine breit, die andere sehr eng war. Aber gerade durch

diese letztere mußten wir fahren, denn in der andern wären wir auf den

Grund gelaufen.

In Stavanger, wo das Schiff sich einen Tag aufhielt, war ich in der

Kirche, und sah das Taufbecken, in dem Steffens getauft worden war. Er

kam ein Jahr alt mit seinen Eltern nach Dänemark; sie hatten gerade ein

Jahr in Norwegen gelebt. Erst als Jüngling besuchte er Norwegen wieder;

indessen hatte er doch das Recht Norwegen sein Vaterland zu nennen.

* * * * *

[Sidenote: Thorwaldsen.]

Im Jahre 1844 verlor Dänemark seinen =Thorwaldsen=. Er war ein paar

Jahre vorher wieder in Italien gewesen. Sein Herz schwebte zwischen

Süden und Norden. In Italien hatte er sein Leben von der ersten Jugend

an bis zum Alter zugebracht. Dort hatte er sein Genie entwickelt,

dort war er groß und weltberühmt geworden. Aber obgleich er Italien

liebte, und die griechischen Werke ihm heilige Götterbilder für

Studium und Kunst wurden, so brachte er nach Rom doch eine so stark

nordische Persönlichkeit mit, daß weder Zeit noch Raum ihr Gepräge

verwischen konnten, und wenn er uns besuchte, so war er in Wort und

That, als ob er nie fern gewesen wäre. Thorwaldsen hatte, wie die

meisten Künstler seiner Zeit, keine wissenschaftliche Erziehung gehabt.

Sprachen waren nicht seine Sache; selbst seine eigne Muttersprache

redete er schlecht; aber er war ein unvergleichlicher Meister in der

Fingersprache. Wenn eine Sprache so vortrefflich ist, daß man in

derselben das Höchste und Beste ausdrücken kann, und wenn man dies

thut, so ist man beredt, selbst wenn man auch stumm wäre. Die Sprache

selbst ist nur ein sinnliches Mittel um die Gedanken des Geistes und

die Gefühle der Seele auszudrücken; unzählige Menschen schreien und

grunzen, trotz ihrer Sprache, wie die Thiere, zwitschern wie die Vögel,

schwatzen wie Staarmätze und Papageien. Wenn Mozart und Thorwaldsen die

höchste Intelligenz in Tönen und Bildern ausdrücken, so hat weder die

tiefsinnige noch die flache Metaphysik Recht, ihre Ideen undeutlich

und dunkel zu nennen, weil sie dieselben nicht in Begriffe aufzulösen

verstehen. Diese Begriffsauflöserei, diese bornirte Logik hat oft durch

triviale Spitzfindigkeit die Begeisterung vernichtet, den Eindruck

geschwächt und der Flachheit einen breiten Weg geöffnet, um den guten

Geschmack durch Sophismen und Wortklauberei zu verderben. Die gesunde

Logik, die wahre Philosophie steht in dem innigsten Verhältnisse zu

Kunst und Genie, wie Minerva zu den Musen; wir sprechen hier nur von

dem Misbrauche, der sich am Häufigsten findet. Auf eine naive, aber

gerade richtige Weise entwickelte sich Thorwaldsen's Kunst, stets auf

dem praktischen Wege. -- Man erzählt sich eine hübsche Geschichte,

wie ein Deutscher, der sich seinen Kunstgeschmack durch Theorien und

Abstractionen gebildet, zu ihm kam, kurz bevor er nach Rom reiste

und als er eben ein paar Figuren componirt hatte, die für sein Alter

merkwürdig schön waren. Der Fremde wollte wissen, welchen Weg er

gegangen sei, welche Werke er studirt habe, um zum Ziele zu gelangen.

Thorwaldsen, der all' das gelehrte Geschwätz nicht verstand, starrte ihn

lange verblüfft an und sagte endlich: »Ach so! Sie wollen wissen, wie

ich die Statue gemacht habe?« -- »»Ja, das möchte ich gern wissen!«« --

»Das will ich Ihnen sagen,« antwortete Thorwaldsen, der sich alle Mühe

gab, recht deutlich zu sein, damit der Fremde ihn verstehen könne; --

»ich nahm ein Bret, bohrte ein Loch hinein, steckte dann eine Stange

in das Loch, nahm feuchten Thon, den ich um die Stange legte -- =und

dann machte ich sie=!« Welch unbewußte herrliche Satire liegt in dieser

scheinbaren Einfalt!

Aber Thorwaldsen wurde, als er nach Rom kam, ein gelehrter Grieche,

denn er studirte die griechische Bildhauerkunst mit einer Tiefe und

Gründlichkeit, von der kein griechischer Philolog eine Ahnung hatte.

Canova war sein großer Vorgänger; ihm, dem Italiener und Römer, dem

klugen Weltmanne, war es viel leichter als Thorwaldsen geworden, sich

berühmt zu machen. Seine prächtigen Ateliers lockten die reiche _beau

monde_ herbei; lange Zeit standen Thorwaldsen's Meisterwerke unter

elenden Bretterschuppen; er selbst war unordentlich gekleidet, sprach

die fremden Sprachen schlecht -- und war ein Däne! Was konnte man aus

Dänemark erwarten? Aber echte Kenner ließen sich doch nicht durch den

Schein blenden. Der reiche Engländer =Hope= bestellte eine Marmorstatue

seines Jason, dessen Thonmodell er, in seiner Verzweiflung, im Begriff

war in Stücke zu schlagen, als er nach Hause reisen wollte, weil er

keinen Käufer fand. Und nun währte es nicht lange, so überstrahlte

er in den Augen wahrer Kunstkenner Canova. Aber man darf doch nicht

vergessen, daß Canova der Erste war, der den schönen, guten Geschmack

zurückbrachte. War er etwas zu kokett und sinnlich in seinen Werken, so

war die Thorwaldsen'sche Keuschheit vielleicht zuweilen etwas zu kalt,

und daß Jener der Vorgänger gewesen, darf man nie vergessen! Voß's

=Louise= steht an poetischem Werthe unter Göthe's Hermann und Dorothea;

aber Göthe hätte Hermann und Dorothea schwerlich gedichtet, wenn Voß

nicht vorher seine Louise geschrieben hätte. Während Thorwaldsen lebte

und wirkte, besaß er am Ende seiner Laufbahn eine unbegrenzte Celebrität

und Autorität. Später hat man in Deutschland auch angefangen, ihn zu

bekritteln. Er könne sich nur in das Griechische versetzen; nicht die

Kunst in die Gegenwart hinüberführen; trotz der göttlichen Apostel und

des Taufengels war er nicht christlich genug; eigentlich sei er ganz

besonders groß nur im Basrelief u. s. w. -- Mir that es nur leid, daß

er nicht die Götter des Nordens verherrlichte, da er doch aus Island

stammte. Aber es ist gut, daß auch der Zukunft etwas zu thun übrig

bleibt und vielleicht setzt =Jerichau= fort, was =Freund= und =Bissen=

so gut begonnen haben.

Auf Nysöe bei Baron =Stampe= war ich oft mit ihm zusammen. Die

Baronesse hatte ihm ein hübsches Atelier im Garten bauen lassen, und da

vollendete er, im letzten Sommer, den er dort zubrachte, seine eigene

Statue. Wie ein echter Baulundur steht er mit Hammer und Meißel da.

Den letzten Winter und den letzten Tag seines Lebens war ich auch bei

Stampe in Kopenhagen mit ihm zusammen. Er aß und trank gut, befand sich

vollkommen wohl, saß mit mir auf dem Sopha und scherzte nach Tische beim

Kaffee. Es stand ein Korb mit Visitenkarten auf dem Tische, in dem wir

herumwühlten. »In alten Tagen«, sagte Thorwaldsen, »hatte man solche

Visitenkarten nicht; da schrieb man die Namen auf wirkliche Karten.«

Einmal hatte sich eine Familie ein ganzes Spiel solcher Visitenkarten

gesammelt, mit denen sie des Abends wieder spielten, wenn sie keine

andern Karten hatten. »Ich kann nicht stechen«! sagte der Eine bei

einer Partie. »»So gieb schlechtes Zeug zu««! sagte sein Aide, und da

warf er den »Herzog von Württemberg« drauf. Während dessen wühlte ich

im Korbe umher, und fand eine Karte, auf der ein Name so klein gedruckt

war, daß man ihn kaum lesen konnte; sie war aber wieder von einem

Anderen benutzt worden, der seinen Namen sehr groß auf die Rückseite

geschrieben hatte. »Hier ist eine Karte«, sagte ich, indem ich sie

Thorwaldsen hinreichte, »die man recht gut gebrauchen könnte, wenn man

Trumpf zugeben wollte«. Er sah auf den kleingedruckten Namen, konnte

ihn aber nicht lesen. »Kehre sie um«! sagte ich. Er that es und las:

»Thorwaldsen«. So scherzten wir mit einander. Aber plötzlich sagte er

ganz ernst: »»Oehlenschläger! den kleinen Genius der Poesie, den ich

gemacht habe, habe ich zu einer Medaille für Dich bestimmt««. -- »O,

mein guter Thorwaldsen«! sagte ich nun in ganz anderm Tone; »das ist

zu viel«! -- »»Nein, das ist es nicht««, entgegnete er, indem er sich

erhob. Das waren die letzten Worte, die er an mich richtete. Wir gingen

nach Hause; er wollte ins Theater, und es war ein Zufall, daß ich ihn

nicht begleitete. Im Schauspielhause starb er; als eine schöne Symphonie

gespielt war, sank sein Haupt herab, und er gab den Geist auf, -- ohne

Angst, ohne Schmerzen und Krankenlager, wie er es gewünscht hatte.

Im täglichen Umgange war Thorwaldsen mild und freundlich; doch konnte

er auch verdrießlich sein; gegen mich war er es aber nie. Einige

beschuldigten ihn des Geizes, und wer ihn nur aus einzelnen Zügen

kannte, mochte vielleicht Grund dazu haben; aber man kann den Mann

nicht geizig nennen, der oft für hohen Preis so viele Arbeiten von

andern Künstlern kaufte, um diese zu unterstützen; ja sogar zuweilen

mittelmäßige Werke (was seine Gemäldesammlung zeigt) nur um den

Bedürftigen zu helfen. Dagegen liebte Thorwaldsen nicht die täglichen

Ausgaben. Eine arme Jugend hatte ihn daran gewöhnt, sich Vieles zu

versagen, ohne es zu vermissen, und später, als Alle darin wetteiferten,

ihm Aufmerksamkeit zu erweisen, gewöhnte er sich zuletzt so daran,

daß es ihm gar nicht einfiel, sie zu vergelten. Er liebte es nicht,

Bedienten Trinkgelder zu geben, und es circuliren in Bezug darauf

manche lustige Anekdoten. Er las nicht viel, ja man kann fast sagen,

gar nichts, denn es kostete ihm Anstrengung. Im täglichen Verkehre

hatte er Italienisch und Deutsch gelernt, sprach es aber mit dem

schlechtesten Accent aus. Wenn er etwas componiren wollte, so las er

ein paar Seiten in Voß's Homer oder benutzte höchstens eine Mythologie.

Bei Stampe mußte ich ihm oft aus Holberg's Comödien und meinen Werken

vorlesen. Man pflegte seine außerordentliche Bescheidenheit zu rühmen.

Da er stets als ein unerreichbarer Meister betrachtet wurde, der nicht

den geringsten Tadel verdiene, so ist es natürlich, daß er dieser

Bewunderung mit einer gewissen schüchternen Verschämtheit begegnete.

Das Genie kommt von Gott, und wenn das Werk gelungen ist, so steht der

Meister mit einer kindlichen Naivetät da, die wohl auch Bescheidenheit

genannt werden kann. Aber Thorwaldsen war so klar in seiner Kunst, daß

er sehr wohl wußte, was er sei. Gegen Canova war er streng. »Sieh«,

sagte er einmal in Rom zu mir, als wir das Atelier des großen Italieners

besuchten -- »der Riese da steht so schlecht auf seinen Füßen, daß

er umfällt, wenn ich ihn mit dem Finger berühre. -- Diese Gewänder

sind Kohlblätter! -- Da haut ein Fechter auf den andern ein, während

dieser auf der Erde liegt; ein Straßenjunge würde doch warten bis er

aufgestanden ist«. -- Einmal saß er mit einem andern tüchtigen Bildhauer

bei der Flasche. Sie hatten Beide etwas tief ins Glas geschaut. »Hör'

'mal, Thorwaldsen«! sagte der Andere nun munter, »Du bist ein großer

Künstler, ein außerordentliches Genie; aber verzeih, daß ich Dir's

sage -- in Marmor kannst Du eigentlich doch nicht hauen«. -- »»Sieh««,

antwortete Thorwaldsen, »»wenn Du mir beide Hände auf den Rücken bindest

und ich den Marmor mit meinen Zähnen nicht besser beiße, als Du ihn

hauen kannst, so sollst Du mich einen Pfuscher nennen««! -- Um dies zu

verstehen, muß man wissen, daß Thorwaldsen mit dem reichen Genie und

der großen Erfindungsgabe lieber seine Gestalten in Thon modellirte,

was dann doch das eigentliche Kunstwerk war, als eine Copie davon in

Marmor zu hauen, was eine beschwerliche und fast ängstliche Arbeit ist;

denn theils kann man unerwartet auf blaue Adern im Marmorblock stoßen,

theils kann ein einziger Fehlschlag die Statue verderben. Aber da die

Marmorstatue für die Ewigkeit ist, so muß der Künstler sich darein

finden, und das that Thorwaldsen auch, und er konnte den Marmor bis zur

höchsten Vollendung bearbeiten, obgleich er in einzelnen Werken, bei

denen die Idee die Hauptsache ist, das Rasche und Kühne dem Glatten und

Gezierten vorzog.

Von Dem, was rings um ihn vorging, wußte er nicht immer Bescheid.

Als man ihm bei seiner Ankunft die Pferde vom Wagen spannte und ihn

nach Charlottenburg zog, wußte er nichts davon, bis man es ihm später

erzählte.

Von seinem fürstlichen Begräbnisse, zu dem ich eine Cantate geschrieben

hatte, die mit Gläser's Musik in der Frauenkirche aufgeführt wurde,

spreche ich nicht. Dies ist ein Akt, der der Geschichte angehört und nie

vergessen wird. Das Volk geleitete ihn; sein König kam der Procession

in der Kirche entgegen. Dänemark trauerte, freute sich aber in seinem

Schmerz über den großen Künstler, der nie sterben konnte. Später schrieb

ich ein Gedicht: »Das letzte Lebewohl«, das König Christian mich bat,

an seiner Tafel vorzulesen, wo die Mitglieder der Akademie der Künste

versammelt waren. Alle Lakaien und Diener mußten hinausgehen. Der

Oberhofmarschall holte selbst den alten Rheinwein, mit dem, nach alter

Väter Weise, ein prächtiges Trinkhorn gefüllt wurde; und während das

Horn, nachdem zuerst der König daraus getrunken hatte, von Mund zu Mund

ging, las der Skalde das Gedicht vor.

* * * * *

In demselben Jahre wurde ich Ehrenmitglied der Akademie der Künste.

Ich glaube, daß dies damals ganz besonders aus Pietät für Thorwaldsen

geschah, da man wußte, daß es sein Wunsch und Wille gewesen sei.

Mitglied der Gesellschaft der Wissenschaften in Kopenhagen wurde ich

nie. So viel ich merken konnte, kam dies daher, weil man fürchtete, daß

ich nicht einstimmig gewählt werden möchte und glaubte, daß es mir auf

andere Weise nicht Freude bereiten würde.

[Sidenote: Reise ins Ausland.]

In diesem Jahre verkaufte ich das Verlagsrecht meiner Werke auf zehn

Jahre an den Universitätsbuchhändler =Höst=, und sah mich dadurch in

den Stand gesetzt, wieder mit meinem jüngsten Sohne =William= eine

Reise ins Ausland zu machen. Auf dieser Reise schrieb ich meinen andern

Kindern Briefe, aus welchen ich Bruchstücke mittheilen werde, um die

charakteristischen Züge zu bewahren und dem Leser den frischen Eindruck

der Reise zu verschaffen, wie er damals, ungestört und ungeschwächt

durch spätere Ereignisse, auf =mich= einwirkte.

* * * * *

[Sidenote: Berlin.]

Berlin, den 9. Mai 1844.

Beim herrlichsten Wetter kamen wir um zwölf Uhr des nächsten Morgens

nach unserer Abfahrt aus Kopenhagen, in Stettin an. Hier nun sahen

wir das Mirakel, denn so kann man es wohl nennen, wenn man zum ersten

Mal auf der Eisenbahn fährt. Es war mir wie Aladdin zu Muthe, als er

vom Geist des Ringes durch die Luft geführt wurde -- nur ging es viel

bequemer und nicht so gewaltig auf und ab. Freilich sah ich nicht

so viel wie Aladdin, erstens weil die Wände des Wagens mich daran

verhinderten, und zweitens, weil auch nichts zu sehen war. Berlin liegt,

wie Palmyra, in einer Wüste -- damit seine schönen Paläste und Gebäude

nicht durch die Natur verdunkelt würden. Wie möchten sie sich z. B.

neben den Felsen Thelemarkens ausnehmen? Zwischen den Sandkörnern der

Mark-Brandenburg aber sind sie wahre Riesen.

Am zweiten Tage meiner Reise saß ich bereits hier in Berlin und trank

Thee. Am folgenden Tage (den 2. Mai) gingen wir zu Steffens, wo es

von Fremden wimmelte, da -- sein Geburtstag war. Ich sagte natürlich

gleich, daß ich auch von Kopenhagen gekommen sei, um ihm zu gratuliren.

Von dort ging ich zu Tieck, den ich zwar recht wohl, aber doch tief

zusammengeknickt, und die Gräfin Finkenstein neben ihm mit einem grünen

Schirm vor den Augen fand. Er erkannte mich nicht gleich, freute sich

aber dann sehr und lud mich zu Tisch ein, wobei wir Steffens' Geburtstag

feierten. -- Am Sonntag fuhren wir auf der Eisenbahn nach Potsdam, um

dem Baron Humboldt den Brief unsers Königs zu überreichen. Humboldt

empfing mich sehr freundlich und ging gleich zu seinem Könige hinauf,

um ihm zu sagen, daß ich anwesend, und einen Augenblick darauf kam er

zurück, um mich zu ihm zu führen und mir zu sagen, daß ich zur Tafel

geladen sei. Der König empfing mich mit großer Freundlichkeit, und ich

sprach über Vieles mit ihm. -- Humboldt fuhr mit uns, wie der König es

bestimmt hatte, nach Sanssouci, und zeigte uns die Reliquien Friedrich's

des Großen. -- Nach der Tafel sprach ich mit der Königin, die sehr

liebenswürdig ist, mit dem Prinzen Wilhelm und dessen Gemahlin. Als

der König hörte, daß ich Dina mitgebracht hätte, lud er mich ein, es

Dienstag Abend vorzulesen. Am bestimmten Tage fuhr ich Vormittags nach

Potsdam. Steffens sollte beim Könige speisen. Nach der Tafel erzählte

er, daß ich auch hatte dort sein sollen, daß es aber vergessen worden

sei. Der König hatte Steffens zu meiner Vorlesung eingeladen. Dem König

und der Königin gefiel das Stück, und er äußerte oft seinen lebhaften

Beifall während des Vorlesens. Als wir gehen wollten -- es war eine

ziemlich große Gesellschaft -- rief er mit lauter Stimme: »Baron

Humboldt! Sorgen Sie als Ordenskanzler dafür, daß =der= Orden _pour le

merite_, den Thorwaldsen getragen hat, Oehlenschläger gegeben werde!

Es wird mich freuen, wenn er gerade =diesen= trägt«! Ihr könnt Euch

meine Gefühle bei dieser großen Ehrenbezeugung vorstellen -- die um so

größer durch die Worte des Königs und seinen Wunsch wurden, daß ich

=Thorwaldsen's= Orden erben solle. Ich dankte ihm mit gerührtem Herzen.

Am Abend war es zu spät nach Berlin zu kommen, Steffens und ich blieben

deshalb im Gasthof zum Einsiedler, wo wir, wie in alten Tagen -- in

demselben Zimmer zusammen schliefen, und dann am nächsten Morgen nach

Berlin fuhren. -- --

* * * * *

[Sidenote: Dresden.]

Dresden, den 27. Mai.

-- -- Wir waren oft bei Tieck; in einer großen Gesellschaft zu Ehren

des 81jährigen Bildhauer =Schadow= im Wintergarten, einem herrlichen

Gebäude, wo es aber besonders schön im Winter sein muß, wenn man von

Blumen umgeben ist; jetzt steht der Frühling selbst in all seiner

Pracht und beschämt die schönste Kunst. -- Bei dem Könige waren wir

zum dritten Male in Potsdam zu Mittag. Er bat mich freundlich, bald

wieder zu kommen. Es rührte mich innig, von dem alten, großen Humboldt

zu scheiden, der sich wie ein Vater gegen mich bewiesen, und dessen

Herz ich gewonnen habe. Die Prinzessin Wilhelm kam uns gleichfalls sehr

liebevoll entgegen, sie bat mich, Etwas in ihr Stammbuch zu schreiben

und ich schrieb nach Goethe's Gedicht im Wilhelm Meister Folgendes

hinein:

Was hör' ich draußen vor dem Thor,

Was in der Ferne schallen?

Laßt den Gesang zu unserm Ohr

Im Saale widerhallen!

Der König sprach's; der Kanzler kam,

In Schutz er selbst den Sänger nahm;

Der Kanzler war ein Weiser.

Gegrüßet seid, ihr edeln Herrn!

Gegrüßt ihr schönen Damen!

Welch reicher Himmel, Stern bei Stern!

Wer kennet ihre Namen!

Im Saal voll Pracht und Herrlichkeit,

Lies dein Gedicht! Hier ist nicht Zeit

Sich staunend zu ergötzen.

Laut sein Gedicht der Sänger las,

Will Beifall gern gewinnen;

Der König ihm zur Seite saß,

Nah saßen die Fürstinnen.

Der König, dem es wohl gefiel,

Ließ ihm zu Ehren für sein Spiel

Ein goldnes Kleinod reichen.

Und warum sollt' ich wünschen nicht

Den Lohn der Dichterblüthe?

Nicht blos wer eine Lanze bricht

Genießt des Königs Güte.

Der Kanzler braucht nicht meinen Schmuck,

Er hat der Herrlichkeit genug:

Es freut ihn meine Freude.

Gerührt leer' ich den Becher aus

Und wünsch Euch mit Entzücken:

Das ganze königliche Haus

Gott mög' es hoch beglücken!

Ergeht's Euch wohl, so denkt an mich

Und danket Gott so warm, als ich

Für Eure Güt' Euch danke!

Bei Tieck hörten wir »Ritter Blaubart«, »Fortunat«, »der Kaufmann von

Venedig«, »der Däumling« und Aeschylos' »Eumeniden« vorlesen. Der

Theaterdirector, Herr von Küstner, nahm eigenhändig eine Abschrift von

»Dina«; wir verließen Berlin und gelangten am Pfingstabend in Dresden

an, wo wir jetzt in Stadt Rom, der lieben Gemäldegalerie gegenüber

wohnen, und wo ich nun wieder andachtvoll vor Raphael's und Correggio's

ewigen Meisterwerken gestanden. Ich besuchte sogleich den Theaterchef,

Geheimrath von Lüttichau, bei welchem wir Shakespeare's Uebersetzer, den

Grafen Wolf Baudissin, trafen.

Dresden, den 12. Juni.

Es giebt zwei Arten Briefe zu schreiben. Die eine, wenn der Brief sofort

abgehen muß -- und dann wird die Erzählung eigentlich nur das Gerippe

der Reise; die andere, wenn man sich Zeit nehmen kann, und alsdann kann

man -- um bei dem Gleichnisse zu bleiben -- dem Gerippe Muskeln, Adern,

Nerven und Haut anlegen, und -- wenn man selbst etwas Athem in seinen

geistigen Lungen hat -- auch der Nase des Reisegerippes einen lebendigen

Geist einhauchen. Da ich nun heute Vormittag Zeit habe, -- denn ich

werde nicht, wie sonst um ein Uhr, sondern um drei Uhr speisen, weil ich

von dem Prinzen Johann im Pirna'schen Garten zu Mittag eingeladen bin,

-- so will ich etwas mit Euch plaudern, meine lieben Kinder.

Es geht in der Natur, wie in der Kunst; sie wirkt am stärksten durch

die Contraste; so z. B. kann man sich nichts Verschiedenartigeres

denken, als Preußen und Sachsen. In Mark Brandenburg -- namentlich

um Berlin -- ist weiter nichts als Sand, Wasser, die Linden und der

Thiergarten -- in Sachsen die schönste Natur, die man sich denken kann.

Wir waren letzthin in Tharand, in einem anmuthigen, engen Thale, von

steilen Gebirgen umgeben, mit der üppigsten Vegetation. Dort saßen wir

an der Sonnenseite vor dem Hause und aßen zu Mittag. Was aber Häuser,

Paläste, Einrichtungen und Militair betrifft, steht Preußen weit

über Sachsen. Man muß die herrliche Haltung, den schönen Wuchs, das

stolze, kriegerische Aussehen bei den Nachkommen Friedrich's II. und

Blücher's bewundern. -- Hier in Sachsen sehen die Soldaten erbärmlich

aus! Gestern, als es regnete, und ich mit aufgespanntem Regenschirme

dahineilte, hätte ich beinahe einer kleinen Schildwache in einem grauen

Kittel, die ich fast gar nicht gesehen hatte, die Mütze vom Kopfe

gestoßen; ich griff an den Hut und bat um Vergebung.

Letzthin sahen wir den Sommernachtstraum, den Lüttichau, glaube ich, die

Artigkeit hatte, meinetwegen aufführen zu lassen. Felix Mendelsohn's

Musik ist unvergleichlich -- die Decorationen sind prachtvoll und das

Spiel im Ganzen genommen, recht gut. Es hatten sich viele Zuschauer

eingefunden; aber die Leute wissen nicht recht, was sie zu diesen

alten Späßen und Schwänken sagen sollen, und dieselben, welche die

Schauspieler in Töpfer's und Raupach's Stücken hervorrufen, schämen sich

-- mit gutem Grunde -- Shakespeare zu applaudiren.

Wir haben jetzt auch Antigone hier gesehen und das Stück hat mich

außerordentlich erfreut, mehr als der Sommernachtstraum. Das Theater war

ganz im griechischen Style eingerichtet. Auf einer großen Erhöhung stand

der Palast mit seiner Vorhalle; von hier aus führten Stufen zu einem

Platze mit dem Altar und zu diesem hin bewegte sich der Chor von einer

noch niedrigern Stelle aus. Das Licht kam von oben; eine bewegliche Wand

von unten anstatt des Vorhanges. Architektur und Trachten ausgezeichnet.

Fräulein Beyer als Antigone edel und rührend; etwas mehr Kraft hätte

man wünschen können. Es machte auf mich einen tiefen Eindruck, dieses

drittehalbtausend Jahre alte Meisterwerk zu sehen. Die Musik von

Mendelssohn ist unvergleichlich. Was der Chor singt, kann man allerdings

nicht verstehen, wenn man es nicht liest, wenn einem aber die Situation

und der Hauptgedanke bekannt ist, drückt die Musik Alles bis zur

Vollkommenheit aus.

Wir haben die Bekanntschaft eines großen Theiles der vornehmsten und

gebildetsten Damen Dresdens gemacht, die Prinzessinnen von Holstein,

die Fürstin Löwenstein, Generalin von der Decken, Gräfin Lynar, Frau

Förster, und man muß jeden Abend nach dem Theater in der Gesellschaft

erscheinen. Wir haben einen schönen Abend beim Hofrath Winkler

verbracht. Auch bei einer Gräfin Eggloffstein sind wir eingeladen

gewesen, die ungeachtet ihrer vornehmen Verhältnisse -- sie war lange

Zeit Hofdame -- sich der Malerkunst ganz hingegeben und schöne Sachen

ausgeführt hat. Sie bat mich, für ihr Album mich zeichnen zu dürfen. Den

vortrefflichen Maler Hübner und das anmuthige Fräulein Beyer haben wir

auch besucht.

Ein sehr liebenswürdiger, dienstwilliger Mann Namens Kraukling, Director

des Museum, lange Jahre Herausgeber der Morgenzeitung, ein guter Freund

von Tieck, hat mir einen Verleger für meinen Oervarodd und meine

deutsche Uebersetzung von Wessel's »Liebe ohne Strümpfe« verschafft. --

Uebermorgen früh reisen wir mit dem Dampfschiffe nach Teplitz und von

dort über Prag nach Wien.

[Sidenote: Prag.]

Wien, den 23. Juni.

-- -- Prag, diese große schöne Stadt kennt Ihr ja Alle; und wenn der

liebe Gott sie nicht kennt, so thut es doch der heilige Nepomuk.

Derselbe wird hier in seinem silbernen Sarge im Dome eifriger angebetet,

als unser Herr Gott in den meisten andern Ländern.

Wir besuchten alle mögliche Kirchen, die sich durch Schönheit,

Pracht und Größe auszeichneten, bis auf die Judenkirche, welche wie

ein Schweinestall aussah; aber es ist ein antiker, merkwürdiger

Schweinestall; er soll seine vierzehnhundert Jahre alt sein. Er müßte

eigentlich in einem Museum für Alterthümer aufgestellt werden. Der König

von Preußen ist ja mit einem guten Beispiele vorangegangen, indem er für

Brandenburg die alte norwegische Kirche gekauft hat; und Brandenburg

kann sie nöthig haben, denn die Religion drückt es nicht.

Wir waren auch in Mönchs- und Nonnenklöstern. Wir sahen eine Menge von

kostbaren Monstranzen, die von einem Riesenmönche vorgezeigt wurden,

der demjenigen in Walter Scott's Roman glich. Einige Spitzbuben

hatten vor wenigen Monaten versucht, die Mönche todtzuschlagen, um

die Kirchenjuwelen zu rauben; deshalb stand nun dieser mit seiner

körperlichen Kraft vor dem Eingange als Schutz.

Wir sahen auch Wallenstein's Palast, Graf Nostiz' schöne Gemäldegalerie,

und im Theater den Freischütz. In der Theinkirche erblickten wir auch

unsern guten alten ehrlichen Tycho de Brahe, er lehnte sich in voller

Rüstung und mit Metallschienen -- nicht allein um die Nase[1] -- an

einen braunen Leichenstein, der in die Säule festgemauert war.

[1] Tycho Brahe hatte bekanntlich eine silberne Nase, da sie ihm in

einem Duell verstümmelt worden war.

Auf unseren Wanderungen hörten wir die Harfenistinnen schöne böhmische

Volkslieder singen -- das heißt Melodien, denn vom Texte verstand ich

natürlicherweise kein Wort.

Weil wir von Sprachen reden, muß ich auch eine Anekdote aus Prag

erzählen, die uns in dem Prämonstratenserkloster passirte, während uns

der Guardian oder was er sonst war, umherführte. Als er hörte, daß ich

Professor sei, betrachtete er mich auch als einen Gelehrten und bat mich

inständig, ihm zu sagen, in welcher Sprache ein Buch der Bibliothek

geschrieben, über welches ihn noch Keiner hätte belehren können. Ich

stand wie auf Kohlen; denn obgleich ich, wie Holberg's Jeppe »lange

Jahre bei der Malice gestanden und meine Sprachen gelernt habe«, so war

ich doch in Zweifel, ob meine Gelehrsamkeit sich soweit erstreckte,

daß ich ihm sagen konnte, was kein Anderer wußte. Genug, das Buch

wurde hervorgeholt, und denkt Euch einmal, es war Dänisch, eine alte

Uebersetzung eines französischen Schäfergedichts. Jetzt werdet Ihr wohl

begreifen, daß ich meine ungeheure Erudition in den glänzendsten Farben

spielen ließ, so daß der Guardian über meine Gelehrsamkeit Augen und

Ohren aufsperrte.

Endlich sind wir jetzt in Wien und wohnen »Zum Erzherzog Karl«. Wir

haben unsern Minister Löwenstern besucht. Herr von Holbein hat, ohne

noch das Stück zu kennen, »Dina« hier zur Aufführung angenommen. Alles

würde jetzt hier gut und angenehm sein, wenn nicht die Hitze uns den

Genuß verdürbe; sie hindert uns aber, den größten Theil des Tages zu

benutzen. Alles, was vornehm ist, rüstet sich zur Abreise oder ist schon

abgereist. Aber Fürst Metternich ist doch noch hier und Löwenstern hat

mir versprochen, mich zu ihm zu führen. Im Burgtheater sah ich den

ersten Abend »Die beiden Klingsberge«, von Kotzebue, eines seiner besten

Stücke, ganz vorzüglich gespielt, besonders von Laroche. Ich glaube, daß

es auf die Länge -- aller Flausen ungeachtet -- mehr Freude gewähren

wird, den lustigen Kotzebue als den trockenen Scribe zu sehen. Gestern

Abend sahen wir drei Akte von Don Carlos. Laroche war als König Philipp,

-- der bestgezeichnete Charakter des Stückes, -- wieder sehr gut; Posa

-- der schon aus Schiller's Hand zu modern und subjectiv hervorgegangen

ist, -- wurde von einem Schreier verdorben. Dieses Stück hat in seinem

Sujet und in allen den linkischen »Liebesgeschichten« für mich immer

etwas Unangenehmes gehabt, wenn es auch große Schönheiten besitzt; für

die Bühne ist es von Anfang an nicht bestimmt, und es verliert durch das

Zuschneiden.

[Sidenote: Wien.]

Wien, den 1. Juli.

Jetzt bin ich acht Tage in dem deutschen Paris gewesen, und konnte

gern, was mich betrifft, weiter reisen, aber William ist solider und

wünscht eine längere Bekanntschaft mit der Herrlichkeit dieser Welt.

Der Grund, warum ich mich hier nicht angezogen fühle, ist theils, daß

das Burgtheater geschlossen wird, und dann, daß es hier so fürchterlich

heiß und so entsetzlich theuer ist, besonders das Fahren, und zu Fuße

kann ich in dieser drückenden Hitze nicht weit gehen. Die Folgen hiervon

sind, daß ich ganze Vormittage auf meinem Zimmer geblieben, nachdem ich

alle möglichen Manövers mit Oeffnen der Fenster und Thüren, Herablassen

der Rouleaux, Wasser- und Eau de Colognebesprengungen auf dem Fußboden

versucht habe -- und Bücher aus der Leihbibliothek gelesen. »Das haben

wir nun zwar Alles besser und bequemer zu Hause«. Aber Ihr müßt Euch

doch auch nicht vorstellen, daß ich -- wie der selige Professor Mynster

in seiner Jugend -- acht Tage im Bette hier in Wien gelegen habe, um

Jean Paul zu lesen. Ich bin trotz Allem viel umhergestreift. Als ein

Beispiel der hiesigen Preise will ich nur anführen, daß wir bis jetzt

für zwei Tassen Thee mit Butter und Brod fast zwei Thaler Dänisch

bezahlt haben; jetzt trinken wir Bier. Deutschland ist ein Bierland und

selbst in den Weingegenden hat das Bier dermaßen um sich gegriffen, daß

man fast keinen Wein trinkt. Das Bier ist in unsern Tagen Mode geworden,

es drückt die Begeisterung und den Geschmack der Zeit aus; es ist die

Hyppokrene des Tages.

Wien, den 4. Juli.

Ich bin zu Mittag bei dem Fürsten Metternich gewesen; der Ton bei dem

Mittagstische war munterer und ungenirter als am Abende. Die Fürstin

war sehr freundlich. Vor Tische zeigte sie mir einen Papagei aus

Neuholland, dessen Brust mit hellen rosenrothen Federn bedeckt war und

der allerlei Künste machen konnte: wie todt auf dem Tische liegen,

mit dem Schnabel an ihrer Hand hängen, schaukeln wenn sie ihn bei den

Füßen faßte. Sie ist eine sehr schöne Frau -- die vierte des Fürsten

Metternich -- und dieses Exercitium mit dem Vogel hätte ein treffliches

Genrebild abgegeben. Nach Tische spazierten wir im Garten, der Fürst

war sehr freundlich und mild, aber zu einem eigentlichen Gespräche

zwischen uns kam es nicht. Ich erzählte von Norwegen, und brachte auch

ein paar Anekdoten, die ihn ergötzten. Im Garten stießen wir auf eine

Hecke, hinter welcher sich ein Stück Land befand, wo große Haufen Erde

als Gebirge, große Steine als Felsen umherlagen, und auch ein kleiner

See mit seinem Kanale gegraben war. Hier spielten seine Kinder, und

fuhren Erde in Schubkarren, und der Gärtner half ihnen eine kleine Welt

schaffen. Es war mir ein sonderbares Gefühl, den großen Politiker,

der so viel Einfluß in Europa hat, in dieser kleinen Kinderwelt zu

betrachten, wie er dem Gärtner sehr anempfahl: »Sie müssen ihnen da

noch einen Wasserfall machen! Einen Wasserfall müssen sie durchaus noch

haben«. Er wird jetzt alt; aber er hat ein herrliches, bedeutsames

Gesicht; man sieht, daß er sehr schön gewesen. Er legte seine Hand ganz

freundlich auf meine Schulter und lächelte, wenn ich dies oder jenes

erzählte.

Den 12. Juli.

Wir sind bei dem Grafen Dietrichstein gewesen. Wir trafen die Familie

desselben allein und unter derselben den Fürsten Dietrichstein, einen

alten, freundlichen, weißhaarigen Mann. Den gelehrten Orientalisten

Baron Hammer besuchten wir auch. Ich las ihm meine »Dina« vor. Er

hatte vor Kurzem seine Frau verloren und war sehr betrübt. »Es ist der

erste frohe Tag, den unser Vater seit dem Tode der Mutter gehabt«,

sagte der Sohn. Auch den Dichter Grillparzer habe ich getroffen,

eine liebenswürdige Persönlichkeit, und bei dem Erzherzog Karl war

ich in Baden zur Tafel geladen. Er und die Prinzessin waren höchst

liebenswürdig und einfach. Ich saß neben dem Prinzen und wir sprachen

unaufhörlich während der Mahlzeit. Als er hörte, daß ich einen Sohn

bei mir hätte, sagte er: »Ach warum haben Sie ihn nicht mit hieher

gebracht«. Er wohnt in einem Feenpalaste; in einem Paradiese. -- Ein

tüchtiger Maler, Namens Ammerling hat mich gemalt; ich habe ihm nur

zweimal gesessen. In Blunck's Atelier freuten wir uns über seine geniale

Darstellung der allegorischen Bilder: die vier Menschenalter, --

vielleicht etwas zu allegorisch. Italienische und deutsche Opern haben

wir gehört, wo Madame Heinefetter aus voller Kehle schrie. Letzthin

hatten wir eines Nachmittags einen hohen Berg erstiegen; man forderte,

ich sollte die Aussicht über Wien bewundern. Ich wischte den Schweiß von

meiner Stirn und seufzte: »Ja hier ist es in der That allerliebst«. Mir

fallen bei dergleichen Veranlassungen immer die Worte des Evangeliums

ein: »Und der Teufel führte ihn auf einen hohen Berg, und wies ihm alle

Reiche der ganzen Welt in einem Augenblick.«

Heute Abend bin ich zu einer Gesellschaft eingeladen, die mir vor dem

Abschiede noch eine Ehre zu erweisen wünscht.

Den 13. Juli.

Die Ehre war allerdings so groß wie möglich. Ein großer Saal und

zwei Zimmer waren voll von Gästen. Der Schauspieler Anschütz, der

mir gegenüber saß, recitirte mit lauter Stimme fünf bis sechs schöne

Gedichte an mich und ebenso viele Male wurde meine Gesundheit

ausgebracht und von lautem Beifallsrufe begleitet. Der Dichter

Grillparzer, der neben mir saß, überreichte mir einen Lorbeerkranz,

und mein freundlicher Bewunderer -- ich kann sagen, mein wahrer Freund

-- Graf Dietrichstein, saß an meiner andern Seite. Das Bild von mir,

das Ammerling gemalt hat, war im Saale aufgestellt. Kurz, mir wurde

alle mögliche Ehre erwiesen. -- Gott segne Euch Alle, meine Freunde!

-- Morgen früh werden wir abreisen. Heute packen wir ein, machen

einige Abschiedsvisiten, und dann -- lebe wohl Wien, für diesmal und

wahrscheinlich für ewig.

* * * * *

[Sidenote: Gedicht von Anschütz.]

Anschütz selbst hatte zu dem oben erwähnten Feste folgenden Trinkspruch

gedichtet:

Ein Mann, der aufgeblüht im rauhen Norden,

Und dort zum Götterlieblinge geworden,

Griff jüngst zum Wanderstabe und beschloß

Für kurze Zeit die Heimath zu vertauschen

Mit fremden Land, um frei und fessellos

Des Nachbarvolkes Treiben zu belauschen.

Gedacht, und rasch gethan. Und siehe da!

Kaum, daß er sich im Nachbarlande sah,

Umströmt' ihn Jung und Alt, drückt ihm die Hand

Denn wer vergäß' ihn, der ihn je gekannt!

Bei seinem anspruchslos-bescheidnen Willen

Kann er die innere Größe nicht verhüllen.

Und wie die Glorie aus Allegri's Nacht

Zur Glorie der Unsterblichkeit ihm ward,

So strahlet um =sein= Haupt in Götterpracht

Die Wunderlampe Aladin's ihr Licht.

Hrolf, Krak, Correggio, Palnatoke's Fahrt,

Stärkodder, Hakon Jarl -- wer nennt die Namen

Die er in einen Kranz zusammenflicht,

Und die durch ihn Unsterblichkeit bekamen!

Und nicht genug, daß ein unsterblich Leben

Ihm sein Genie im Vaterland gegeben,

In fremder Zunge trug er's übers Meer

Zu uns, zu den Beneidenswerthen her,

Und kann's ihn wundern, daß im Flammentriebe

Der Freundschaft, sich ein Volk ihm zugewendet,

Dem er die gleichgetheilte Bruderliebe

Wie seinem eigenen Vaterland gespendet?

Ist uns nicht diese Liebe doppelt Pflicht

Um etwas ihm den Kummer zu versüßen,

Der jüngst ihn traf mit lastendem Gewicht?

Er sah des Freundes Aug' im Tod sich schließen,

Den unter Tausenden er sich erwählt,

Weil er ihn gleich gestimmt fand, gleich beseelt,

Und Hand in Hand mit ihm am fernen Nord

Der Kunst eröffnet einen Friedensport.

Denn wie das Himmelsbild der Dioskuren

Auf offnem Meer des Schiffers Leitstern ist,

Durch Well' und Sturm ihn tragend, also fuhren

Die beiden an dem Himmel zweier Künste

Als Leiter hin, von Staunenden begrüßt,

Die auf dem Meer durch feuchte Nebeldünste

Umsonst dem Zwillingspaare nachgestrebt.

Der Eine ist der Heimath zugeschwebt,

Und nur der heiße Wunsch bleibt uns zurück,

Daß spät sie einst vereine das Geschick.

Drum Alle, die mein Auge sieht vereint,

Die ein Gedanke zu begeistern scheint,

Zum Becher greift! mit durstig langen Zügen

Leert bis zum Grunde ihn, reiht Euch mir an,

Ein Losungswort mag jede Brust durchfliegen:

»Ein Lebehoch dem nordisch-deutschen Mann!«

[Sidenote: Gedicht von Frankl.]

Von den übrigen bei dieser Gelegenheit gesprochenen Gedichten, möge hier

folgendes von =Ludwig Aug. Frankl= Platz finden:

=Bei Enthüllung des Bildes von Ammerling.=

Ein Bild entroll' ich Euch aus hohem Norden;

Es harrt das Volk im alten Dom zu Lund --

Lautlos ist's in den Hallen rings geworden;

Erwartungsvolle Feier giebt sich kund.

Ein Priesterskalde tritt jetzt zum Altare

Dort kniet ein Mann mit bleichem Angesicht,

Und drückt ihm einen Lorber in die Haare,

Den =Einzler= Gunst nicht, den sein =Volk= ihm flicht.

Und lauter Jubel schallt und freud'ges Rufen

Und der gekrönte Dichterkönig hebt

Sich fromm erschüttert von des Altars Stufen,

Von seines Geistes Majestät belebt.

Heil, wo der Dichter nicht im Leben einsam

Ein unverstandner Fremdling, ein Komet,

Wenn, was er fühlt, ein Blitz plötzlich gemeinsam,

Elektrisch durch die Herzen Aller geht!

Gern kehrt der Genius in eine Brust ein,

Die stark empfindet, was in Vielen lebt,

Heil, wo das Lied, das tönende Bewußtsein

Von einem Volk, sich als Choral erhebt.

Die =eigne= Lust, das =eigene= Zerwürfniß

Klingt schön zu eines edlen Dichters Harf' --

Ihr wißt, dort wird das Lied nicht zum Bedürfniß,

Wo's nicht des =Volkes= Sinn dolmetschen darf.

Seht hier den Mann, sein edles Haupt beglückte

Im nordisch alten Dom der grüne Kranz.

In diesem schönen Dichterkreise schmückte

Symbolisch sich ein Volk mit eignem Glanz.

Genügt es ihm, daß er =ein= Volk bezwungen?

Als er die schöne Kraft in sich gewahrt.

Da sang er frisch und klangvoll in zwei Zungen,

Der =erste= Doppelzüngler =edler= Art.

Noch glänzt sein Auge hell und jugendprächtig,

Aladdin's Lampe hat es sanft verklärt,

Noch regt in ihm die Schöpferkraft sich mächtig;

=Solch= schönes Leben ist des Lebens werth.

Wie jenes Meisters, auch entstammt dem Norden,

Der andere von dem Dioskurenpaar

Dem lebend schon Unsterblichkeit geworden,

Der ein Homer in Marmor war.

Leb wohl! Froh wirst Du in der Heimath leben

Es trägt =Dein= Schiff =auch= eines Cäsar's Glück,

Uns bleibt, wenn fernhin seine Segel schwanden,

Erinn'rung und Dein edles Bild zurück.

Der Dichter Grillparzer schrieb in des dänischen Dichters Stammbuch:

Was frag' ich viel um Nord und Süd,

Streng abgetheilt nach Grenzen und Revieren,

Wenn so wie Du der Norden glüht,

Des Südens Dichter aber frieren.

Baron Hammer schrieb:

Dich grüßten als Skalden aus Oesterreichs Halden

Die Sänger in jubelndem Chor;

Als Orientalen zum andertmalen

Begrüßt Dich der Hammer des Thor.

Da jene als Riesen des Liedes Dich priesen

Zweizüngig im edelsten Sinn,

Grüß' ich Dich Waräger als feurigen Träger

Der Lampe des Aladdin.

[Sidenote: Ischl. Salzburg.]

[Sidenote: Mozart's Standbild.]

München, den 27. Juli.

Die Tour nach Linz auf der Donau war sehr schön. Durch reizende Gegenden

gelangten wir nach Ischl, einem ganz modernen, aber auch sehr schönen

Badeorte, der jetzt ein Sammelplatz der vornehmen Welt ist. Fürst

Metternich war auch hier angelangt. Man sagte mir im Wirthshause, daß

sein Bediente zweimal da gewesen sei und nach mir gefragt habe. Es

regnete und ich ließ mich -- das erste und vielleicht das letzte Mal in

meinem Leben -- in einer Portechaise nach seiner Villa tragen, aber --

er war nicht zu Hause und das war recht gut; denn ich glaube, daß wir

Beide niemals in ein ordentliches Gespräch gekommen wären, da unsere

Naturen und Ansichten gar zu verschieden sind. Von hier gingen wir nach

Salzburg. Man kann aber nicht immer gutes Wetter beanspruchen, jetzt

wurde es regnerisch, und der Nebel hing an den Bergen, welches uns im

Genusse der schönen Fernsichten sehr beeinträchtigte -- doch klärte sich

der Himmel gegen Abend auf. Am nächsten Morgen in Salzburg regnete es

wieder. Wir wohnten -- wie in Wien -- im »Erzherzog Karl« am Markte.

Ich blickte aus dem Fenster und wurde eine große herrliche Broncestatue

gewahr. Denkt Euch meine Gefühle, als ich die Entdeckung machte: dieses

königliche Denkmal sei -- Mozart! Zwar wußte ich, daß man ihm ein

solches errichtet hatte, aber ich glaubte es nicht so groß und kostbar.

Also hier stand er herrlich -- von Schwanthaler -- und ich blickte in

dasselbe offne, freundliche, kräftige, sanguinisch-gefühlvolle Antlitz,

umgeben von den vollen zurückgestrichenen Haaren, das wir so viele Jahre

auf dem kleinen Kupferstiche bewunderten, den ich von unserm seligen

Vater geerbt; ich sah ihn wieder, wie er über dem alten Pianoforte

meiner seligen Schwester Sophie hing; demselben, an dem die selige Lotte

und meine -- Gott sei gedankt! -- frische und gesunde Marie, während

zehn Jahre sich übten. Von dem liebevollsten Gefühle getrieben, ergriff

ich die Feder, und vermochte es aber nur schwach in folgenden Zeilen

auszudrücken:

Mozart! stehst Du dort ein König, schön im Bronce, groß,

An dem Ort, wo Du geboren, wo so klein Dein Loos?

Als Du lebtest, Wen'ge kannten Dich, der oft verkannt;

So verwechselt stets der Haufe Glas mit Diamant!

Heiße Thränen muß ich weinen. Ach, nach Deinem Tod

Bauten sie Dir diese Säule, Dankbarkeit gebot;

Sie ließ Deinen Namen steigen aus dem trüben Dunst;

Denn Natur ist ew'ge Schwester von der ew'gen Kunst.

Mozart! mein geliebter Bruder! Ach -- ein schwach Gedicht

Weih' ich Dir. Mit Augen sah ich Dich im Leben nicht;

Aber meine Ohren hörten, und mein Herz empfand! --

Nord und Süd? Wir hatten beide doch =ein= Vaterland.

Dank für Deine schönen Töne! Wie ein Zauber fällt

Deiner Flöte Lieder in Aladdin's Zauberwelt.

Melpomene hört' ich warnen in Erinnyenklang,

Als den schönen frechen Sünder Höllenglut verschlang.

Und die Lust des heitern Lebens, bunt und leicht und froh,

Als zum Ideal erhoben Frankreichs Figaro,

Hört' ich staunend -- und der Liebe zarte Tändelei,

Als Susanna Du, Zerlina, rufest hold herbei.

Und wo Deine Lieder tönten, stark und süß und weich,

Wolfgang Amadeus Mozart! kannten wir Dich gleich.

O wie oft hast Du entzücket Nordens Dichterherz!

Und nun steh' ich hier und weine vor dem kalten Erz.

* * * * *

Freut Euch Oesterreich und Salzburg! Stolz wohl könnt Ihr sein,

Weimar trägt nicht größre Namen auf dem Leichenstein.

Wie in Mekka, in Medina treu der Pilger steht,

Andachtsvoll neig' ich mich dankbar vor dem Tonprophet!

Auch Heydn liegt hier begraben. Es sind hier gleichfalls viele herrliche

Denkmäler des Alterthums, unter andern eine in den Felsen gemauerte

Höhle, die dem ersten Eremiten im vierten Jahrhundert gehört hat. Der

jähe Fels erstreckt sich bis an die Häuserreihe der Stadt. Aber ich

will nicht in detaillirte Beschreibungen verfallen -- das thun Andere

viel besser als ich -- aus bereits gedruckten Büchern. Auch will ich

nicht Veranlassung nehmen, die Geschichte Becker's oder eines Andern

abzuschreiben. Ihr sollt mich in meinen Briefskizzen ganz und gar so

erblicken, wie ich alter poetischer Knabe in meinem fünfundsechzigsten

Jahre zu guter Letzt durch Deutschland und Frankreich u. s. w.

wandere. Wie ich auch immer mehr und mehr dieses hochweise Kritisiren

hasse! Nein! wie ein Kind gehe ich wiederum jetzt hier in München

und erstaune, freue mich und werde von den unsterblichen Kunstwerken

hingerissen, welche die Welt und künftige Zeiten dem Kunstenthusiasmus

eines Königs zu danken haben. Ich bin kein Kritikaster, wenn man mir

auch einen Fehler an Sachen zeigen will, die ihre großen Schönheiten

besitzen; einen solchen Fehler hinterher zu entdecken ist leicht; aber

fast unmöglich ihm da zuvorzukommen, wo so viel Großes und Herrliches

plötzlich, wie durch einen Zauberschlag entsteht. Ich lasse mich auch

nicht auf bürgerliche, wenn auch gegründete Klagen über einseitige

Richtungen ein, unter welchen das Ganze leidet. Gott weiß es, daß Keiner

seinen Nächsten mehr als ich liebt; aber ich weiß auch, daß lange

Zeiten verstrichen, in welchen das Spießbürgerthum auf Kosten der Kunst

und alles höheren Geistigen blühete; wenn jetzt vielleicht hier das

Umgekehrte der Fall ist, so thut es mir leid, aber wenn die Jetztzeit

kein Wort mehr zu uns redet, weil sie verschwunden und vergessen sein

wird, so stehen diese herrlichen Werke noch für die Ewigkeit da.

[Sidenote: Die Kunst in München.]

Wir haben die großen Maler Kaulbach und Heß in ihren Ateliers besucht,

auch in Schwanthaler's Atelier sind wir gewesen. Er selbst war nach

Italien gereist. Was soll ich sagen von diesen herrlichen steinernen,

oft marmornen Gebäuden mit ihren Säulen, Fresken und Goldzierrathen,

mit ihren Schätzen von Gemälden und Bildhauerarbeiten. Hier gäbe es

ein ganzes Jahr für jeden Tag etwas zu sehen -- und wir müssen Alles in

wenigen Tagen durchfliegen. Kaulbach und Heß sind große Meister; sie

sind Cornelius ebenbürtig. Schwanthaler steht in genialer Production

gewiß nicht weit hinter Thorwaldsen. Die Pinakothek besitzt einen

großen Reichthum vorzüglicher Gemälde; aber Verschiedenes, das man für

Werke Correggio's, Leonardo da Vinci's u. A. ausgiebt, ist schwerlich

von diesen Meistern. Ich wunderte mich, als man mir einige kindische

Schmierereien von Cimabue und Giotto zeigte; aber Dr. Ernst Förster

(Herausgeber des Cotta'schen Kunstblattes) versicherte mir später, es

sei nicht von ihnen und zeigte mir Zeichnungen, die er in Italien nach

ihnen gemacht hatte, welche ganz anders waren. Der Commissionsrath

Waagen, den wir von Berlin und Dresden kannten, erzeigte uns große

Freundschaft, begleitete uns täglich auf unsern Wanderungen, und wir

haben einen Abend bei ihm verbracht, wo ich meine Dina vorlas. Gestern

Abend waren wir bei Förster, dessen freundliche, geistreiche Frau eine

Tochter Jean Paul's ist. Es freute mich von seiner Tochter die Worte

zu hören: »Er achtete Sie nicht blos als Dichter -- er =liebte= Sie.«

Ich habe die Bekanntschaft des berühmten Philologen Thiersch gemacht;

er kam mir außerordentlich freundlich entgegen, und als ich unseren

Madvig nannte, sagte er: »Der ist unser größte Lateiner.« -- Es kitzelte

mich in die Seele hinein, dies zu hören. Unser kleines Dänemark besitzt

doch auch Leute, von denen sich jeder in seiner Richtung auszeichnet.

Letzthin kam ein alter Mann, um mich zu besuchen; blickte mich mit

seinen großen Augen an, und sagte freundlich: »Kennen Sie mich nicht

wieder?« Ich mußte verneinen; er aber erwiderte: »Und ich kannte Sie

sogleich -- Sie haben sich in den achtundzwanzig Jahren gar nicht

verändert«. Es war der Baron Hormayr, der jetzt bairischer Gesandter in

Hamburg ist. Er machte mir ein Geschenk mit seinem letzten Werke.

Den 30. Juli.

Gestern hatte man mir zu Ehren eine kleine Stunde außerhalb der Stadt

eine Gesellschaft eingeladen und ein Fest veranstaltet, das sehr schön

und ehrend war. Ich saß auf derselben Stelle, wo Thorwaldsen bei einer

ähnlichen Gelegenheit gesessen hatte. Ein Becher nach dem andern wurde

auf dänische und deutsche Bruderschaft geleert und drei Gedichte an mich

wurden recitirt.

Heute habe ich das Schloß gesehen. Es ist schön und königlich, und die

Hände herrlicher Künstler haben auch für die Ehre deutscher Dichter

Sorge getragen: Göthe's, Schiller's, Tieck's, Wieland's. In der That,

die Namen Cornelius, Kaulbach, Heß, Schnorr, Schwanthaler sind große

Namen und der macht sich selbst nur klein, der sie verkleinern will! --

Heute Abend habe ich ein Stück von Töpfer gesehen: »Karl XII. Heimkehr«,

das miserabel ging und in welchem Karl XII. von einer Person gespielt

wurde, die wie ein altes zahnloses Weib aussah. Morgen reisen wir nach

Augsburg, um von dort nach Nürnberg zu gehen.

[Sidenote: Augsburg. Nürnberg.]

Paris, den 25. August.

Wir verließen einander in München, das sich immer mehr und mehr

seines Namens würdig macht, da das Mönchswesen strebt die Oberhand zu

gewinnen. Der gute König Ludwig hat so sehr viele schöne katholische

Kirchen gebaut, in welchen die großen Künstler Engel und Heilige in

übernatürlicher Größe auf goldenem Grunde gemalt haben. Da die Theater

jetzt fertig sind, wird er auch in diesen die alten Mysterien aufführen

lassen, und deshalb mystificirt er das Volk; ich kann es sonst nicht

begreifen; daß es persönliche Bigotterie sein sollte, glaube ich nicht,

und politisch ist es auch nicht.

Wir zogen also nach Augsburg, wo wir einen Tag verweilten, von dort

alsdann nach Nürnberg, das ich noch nicht auf irgend einer meiner

Reisen gesehen hatte. Ich sehnte mich nach dieser mittelalterlichen

Stadt, ich gedachte daselbst einige Tage zu verweilen, wie früher in

ihrer Schwesterstadt, Florenz, in Italien. Dort hatte ich nur mit

Dante, Giotto, Brunelleschi, Benvenuto, Michel Angelo gelebt, hier

wollte ich es nur mit Albrecht Dürer, Willibald Pirkheimer, Hans

Sachs. Aber -- der Mensch denkt, Gott lenkt. In Florenz stahl mir der

Wirth einige Louisd'or; hier bekam ich einen unerwarteten Besuch von

meinem alten, langweiligen Verwandten, den ich aber der Verwandtschaft

wegen nicht die Thüre weisen konnte -- mein guter, ehrwürdiger Herr

Podagra. Ich war des Nachts im feuchten Wetter gereist und deshalb nahm

Herr Podagra Veranlassung, mich mit seinem Besuche zu beehren, der

eben so lange dauerte, als Gott brauchte um die Welt zu erschaffen,

nämlich sechs volle Tage, während welcher ich im Wirthshause sitzen

und mich langweilen mußte. Glücklicherweise war in Nürnberg doch eine

Leihbibliothek. Ich las wiederum O'Meara's Buch über Napoleon, der auf

Helena saß, von einem ärgeren Podagra heimgesucht, als das meinige war.

-- Nach sechstägigem Schiffbruche auf dieser Sandklippe wurde mein

Schiff wieder flott, und ich nahm wieder den Wanderstab zur Hand. Ob

nun aber das Podagra oder etwas Anderes mich grämlich gemacht hat, --

genug, Nürnberg amüsirte mich lange nicht so sehr als das Spielzeug,

das ich in meiner Kindheit von dort erhalten hatte. Zwar waren dort

viele schöne alterthümliche Gebäude -- der herrliche Brunnen auf dem

Markte, eine große Menge Bilder aus der alten deutschen Schule; wir

fuhren auch nach der Mäusefalle, wo Hans Sachs starb; aber -- das

kleinliche Philisterthum unserer Zeit, und besonders der Mangel an einer

schönen Natur der Umgegend, machte mir den Aufenthalt bis auf einige

herrliche Augenblicke unangenehm. Ich sehnte mich außerordentlich,

wenigstens in einen schönen Garten hinaus. Unser Lohndiener versicherte

uns, daß wir auf der Eisenbahn schnell einen herrlichen Ort erreichen

würden -- Fürth. Wir befolgten denn auch seinen Rath und kamen --

wie soll ichs aber beschreiben? -- an einen Ort, wo man unter einigen

wenigen niederträchtigen Bäumen kaum einen Schatten von Schatten finde

konnte; aber Bier gab es in Fülle. Ich war nahe daran, aus der Haut

zu fahren, als ich, während William mit dem Lohndiener umherlief um

die Unmerkwürdigkeiten des Ortes zu besehen, allein auf einem Stuhle

dasaß mit meinem Seidel vor mir auf einem andern Stuhle (weil der Tisch

über alle Beschreibung von Bier pichte) und meine Verzweiflung in Bier

ertrank.

[Sidenote: Frankfurt.]

-- -- Frankfurt gehört nicht allein dem Mittelalter, sondern auch der

jetzigen Zeit und da ich in der jetzigen Zeit lebe, so lebte ich auch

etwas auf, als wir hier ankamen. Ich sah das noch schöne Haus, wo

Goethe's Eltern gewohnt, und wo es ihm vom Anfange an so gut gegangen

war. Nimmer konnte er sagen, daß er sein Brod mit Thränen aß und deshalb

kannte er wohl auch nicht ganz »die himmlischen Mächte«, sondern

gelangte nicht weiter als bis zu Jupiter, und bildete zuletzt sich

selbst ein, er sei ein Jupiter. Aber mit kindlich treuem Gefühl für den

großen Dichter betrat ich die Schwelle des Hauses und faßte den Griff

der Thüre, den seine junge, kecke Hand so oft erfaßt und dachte: »wäre

er immer doch ein frankfurter Doktor geblieben, statt eine weimar'sche

Excellenz, so wäre er excellenter gewesen.« Aber Gott segne ihn für all

das Schöne, das er geschaffen und die Freude, die er mir und vielen

Andern gewährt hat. Ich sah den alten Rathhaussaal u. s. w. und mein

Genuß ward erhöhet, wenn ich dachte: auch diese Dinge haben Goethe's

schöne junge Augen erblickt. Hier bekam er die ersten Ideen zu seinem

Werther, Götz, Faust. Ich liebe ihn mehr, als ich oft selbst weiß: »O

Neigung sage, wie hast du so tief im Herzen dich versteckt? wer hat

dich, die verborgen schlief, geweckt? Ja Liebe, du wohl unsterblich

bist!« -- Aber ich hätte auch verdient, daß er mich geliebt hätte --

und es schmerzt mich bitter, jedes Mal, wenn ich diese Liebe vermisse.

Jetzt wäre es doch vorbei gewesen! Und wo ich tiefe Sympathie finde, da

finde ich auch Liebe in seinen Werken. -- In der Bildergalerie fanden

wir schöne Gemälde von Lessing, der seinem Namen Ehre macht. Auf dem

Kirchhofe sahen wir Thorwaldsen's Basrelief in der Bethmann'schen Gruft.

-- Jetzt ging es also wieder nach Köln auf dem Rheine. Ja, gewiß ist er

ein herrlicher schöner Strom und die Ruinen üben eine großartige Wirkung

aus. Aber ich vermag nicht mehr die jugendliche Trauer über den Verlust

jener Zeit zu theilen, ich kann nicht mit Friedrich Schlegel ausrufen:

Du freundlich ernste, starke Woge,

Vaterland am lieben Rheine,

Sieh' die Thränen muß ich weinen

Weil das Alles nun verloren.

Die Burgen, so die Ritter sich erkoren,

Traurig aus dem Wasser ragen,

Wo in schönen Vorzeitstagen

Hohe Helden muthig lebten,

Voll von Ruhm und Ehre strebten u. s. w.

[Sidenote: Der Rhein.]

Die meisten dieser Burgen waren Raubschlösser. Sie sind niemals

schöner gewesen, als gerade jetzt. Die Raupe ist aus der Seidenlarve

herausgetreten und jetzt kann das poetische Gefühl sich ein schönes

Kleid daraus spinnen. -- Das Dampfschiff gleitet mit großer

Schnelligkeit dahin, besonders, wenn es mit dem Strome geht. Es ist

doch eine herrliche Erfindung um von einem Orte zum andern zu gelangen.

Allerdings Veranlassung zu Reiseabenteuern giebt sie nicht. Früher, wenn

Reisende sich auf einem Schiffe oder einem Postwagen begegneten, war es

fast, als wenn Robinsone sich auf einer Insel trafen; jetzt ist es, als

wenn Fremde in einer Restauration, bei einem Billard, oder auf einer

Promenade zusammentreffen. Aber -- Der, welcher fremde Bekanntschaften

sucht, findet sie dessenungeachtet; -- und jetzt ist man auch nicht

=gezwungen=, Bekanntschaften zu machen, sondern man kann, wenn man will,

=allein= reisen, selbst mitten in dem großen Getümmel, etwas worauf ich

für meinen Theil viel Werth lege.

[Sidenote: Köln. Paris.]

Und so gelangten wir in Köln an. -- Welch ein wunderbares Werk ist doch

der Dom! Ein echtes Bild der menschlichen Thätigkeit; das Höchste,

das Herrlichste im Verein mit dem Unvollendeten, die schönste Kunst

halbfertig. Dieser Chor, den der =Ketzer= Friedrich Wilhelm restauriren,

wieder vergolden und malen ließ, ist über alle Beschreibung. Das

Wunderbare hier ist nicht das Große, das Kühne; denn das finden wir auch

an indischen und egyptischen Gebäuden, und in der römischen Baukunst

ging die griechische Schönheit zum Heroisch-Riesenhaften über. Nein,

es ist die echte -- wie soll ich sie nennen -- Humanität, die herab

von diesen Säulen und Gewölben lächelt; in dieser Hoheit ist ein süßer

himmlischer Friede, eine Sicherheit verborgen, wie in der Seele, wenn

sie sich unschuldig und gut fühlt. Nicht die Schwärmerei oder geistige

Trunkenheit des Mittelalters haben sie aufgeführt; diese Verhältnisse

sind in einer hohen, rein menschlichen Seele entstanden. In dieser

religiösen Erhebung ist Sittsamkeit und Tugend. Es ist sonderbar; aber

es ist doch wahr! Deshalb ist auch all das Große hier so anmuthig;

später, als der Chor fertig war, trieben die Mönche ihr Gaukelspiel.

Es ergreift Einem ein sonderbares Gefühl, wenn man in der heiligen

Dreikönigsgruft vor Gold, Silber und köstlichen Edelsteinen steht, wo

Alles echt ist, nur nicht die heiligen drei Könige. Aber auf den alten

Notenpulten liegen die ältesten Notenhefte, Pergamentfolianten. Sie

rührten mich mehr, denn die heiligen drei Könige. -- --

[Sidenote: Paris.]

Ueber Lüttich und Brüssel ging es nun nach Paris, aber sonderbar genug,

nicht auf Eisenbahnen, sondern auf einer Diligence Tag und Nacht, und

nun befanden wir uns denn in dieser merkwürdigen, großen Stadt, wo ich

einige Jahre meiner schönsten Jugend verlebt und einige meiner besten

Werke geschrieben habe. Wir stiegen im Hotel de Valois ab und begaben

uns gleich des Abends in die große Oper, wo wir _Robert le diable_ sahen

und gute Sänger hörten. Am nächsten Tage aber hatte das abscheuliche

Podagra sich wieder eingefunden, wahrscheinlich aus derselben Ursache

wie letzthin, weil ich des Nachts im feuchten Wetter gereist war. Um es

etwas besser zu bekommen, wechselten wir gleich das Logis und wohnen

jetzt in Rue Richelieu Nro. 3. Hier bin ich nun wieder seit vier Tagen

auf den Grund gerathen und zwar dem Theater français gegenüber. Nur

zwanzig Schritte vom Eingange muß ich sitzen und sehen, wie die Leute

sich auf der andern Seite der Straße in das Schauspielhaus drängen, weil

die Rachel spielt. Aber heute befinde ich mich doch besser; die Sonne

scheint, das Wetter scheint gut zu werden und es wird dann wohl auch

bald mit mir gut werden, vielleicht heute noch.

Den 8. October.

Gestern beendete ich »Das Gespenst auf Herluf'sholm«. Und als das

Manuscript fertig war, nahm ich es, wie gewöhnlich in die Hand und hielt

es in die Höhe, indem ich bei mir selbst sagte: »Da ist wieder eine

Arbeit fertig,« Aber was geschah! Ich fing wie ein Kind zu weinen an und

war betrübt, weil es jetzt fertig war und mich verlassen sollte. Ihr

werdet sehen, daß es sehr national ist. Die Liebe zum Vaterlande und zu

meinen Kindern ist die Ydun, die mich begeistert hat. Jean Paul sagt

irgendwo, daß, wenn er einen Roman geschrieben, er oft so von der Heldin

desselben eingenommen worden, daß es ihn zuletzt schmerzte, Abschied

von ihr zu nehmen. Etwas Aehnliches habe ich oft gefühlt, und dieses

Gefühl wird um so inniger im fremden Lande. Das Heimweh, das meine

Jugend begleitete, fühle ich noch. Wenn dieses Gefühl, das der Grundton

meiner =Seele= ist, immer die Oberhand gewänne, würde ich in eine

krankhafte, schwache Sentimentalität verfallen; aber -- da mein =Geist=

kühn, munter und thätig ist, während meine Seele treu ihrer alten Liebe

bleibt -- so =lebe= ich auch noch immer fort, nehme an allem Schönen,

Großen und Interessanten, das mir begegnet, Theil. Selbst an einem

fröhlichen Mahl in guter Gesellschaft kann ich so vollständig Theil

nehmen, wie ein sanguinischer Prälat -- und Keiner würde mir ansehen,

daß ich vielleicht am Morgen desselben Tages mit Abälard geweint, oder

mit Dante die Augenbrauen melancholisch zusammengezogen. Kurz, es geht

mir wie dem berühmten französischen Schauspieler Chenard, während

der Revolutionszeit im Jakobinerklub. Gewiß, der Dichter muß diese

Flexibilität mit dem Schauspieler theilen; sein Vortheil ist nur der,

daß sie viel größer und mit mehr Selbstständigkeit verknüpft ist. Das

heißt nicht Einseitigkeit, sondern Vielseitigkeit. Diese Vielseitigkeit

verbietet ihm es ausschließlich mit irgend einer einzelnen Partei

der Zeit zu halten, aber er hält es mit dem Guten bei ihnen Allen in

Ewigkeit.

[Sidenote: Bild von Paris.]

[Sidenote: Charakter der Franzosen.]

Meine Lebens-Erinnerungen - Band 4 · 第 4 / 30 题