äußerst gastfreie Landrichter Hoffmann näherte sich in einem Boote dem
Dampfschiff, um uns zu empfangen. Im Wagen des Landrichters fuhr ich mit
meiner Reisegesellschaft in die Stadt. Wie wohlgestimmt fühlte ich mich
gleich bei diesem heitern Mann! Die fremde Küste übte, in der schönsten
Jahreszeit vor uns ausgebreitet, ihre Zaubermacht auf uns aus. Wir waren
von lauter zuvorkommenden Schweden umgeben; der früher dem dänischen Ohr
so feindlich klingende Dialekt schmeichelte sich mit allem Wohlklange
ein. Mein lustiger, herzlicher Wirth bewohnt ein Haus, das, wenn auch
nicht regelmäßig, doch behaglich ist. Eine Menge Zimmer hängen voll
von Kupferstichen und Gemälden; gute Möbel standen überall, und ein
mechanischer Canarienvogel in einem Bauer wurde gleich in Bewegung
gesetzt und mußte uns etwas vorpfeifen. Kleine Tannenzweige waren auf
die Dielen gestreut. Dies ist ein allgemeiner Brauch in Schweden, und
ich möchte ihn um Vieles nicht entbehren; es versetzte meine Einbildung
ganz in das Land der Tannen- und Fichtenwälder.
Später gingen wir mit dem Probst =Gullander= in die Kirche, die
ich so oft vom Friedrichsberger Hügel gesehen hatte. Hier traf ich
Leichensteine und Tafeln voll von dänischen Grabschriften. Die Bauern
in Schoonen haben noch sehr viel von unserer Sprache, und die andern
Schweden sagen von ihnen, daß sie Dänisch sprechen. Der Knudsaal auf dem
Stadthause, groß und schön gebaut, erinnerte gleichfalls an Dänemark;
in der Vorhalle hängen die Bilder der Königin Margaretha und aller
dänischen Unionskönige, und im Saale selbst ist der Hintergrund mit
einem Bild geschmückt, das den König Knud den Heiligen in Lebensgröße
darstellt. Ich sah auch die Portraits Karl XII. und Gustav III., beides
schöne junge Köpfe; aber man kann sich keinen größern Gegensatz denken,
von trotziger Ehrlichkeit und feiner List, die sich unter der Maske der
Höflichkeit verbirgt.
Unser guter Landrichter fuhr uns darauf nach Lund, wo wir in dem Hause
des verstorbenen Professors =Lidbeck= abstiegen, und wo der Adjunct
=Wieselgren= mich bewirthete. Nach der Mahlzeit kam eine Deputation
Lunder Studenten, schwarz gekleidet, mit Degen an der Seite, und luden
mich ein, in nächster Woche dem Rectorwechsel und der Magisterpromotion
beizuwohnen. Professor =Engeström= führte mich darauf in die Bibliothek,
in das Museum und endlich in den botanischen Garten, wo die Studenten
in einem Pavillon sich versammelt hatten. -- Engeström sagte mir hier
einige ehrende Worte; alsdann wurde ein vierstimmiges Lied gesungen.
Darauf ging ich mit Engeström zu Professor =Lindfors=, der Kindtaufe
hatte und mich bei dieser Gelegenheit bei sich zu sehen wünschte.
Wenn ich kurz zuvor in dem Pavillon die begeisterte akademische
Jugend kennen gelernt hatte, so erfreute es mich hier, bei einem
kleinen Feste, fast alle Professoren zusammen zu sehen und mit einigen
Bekanntschaft zu machen, unter Anderen mit einem alten ehrwürdigen
Juristen, der mir sagte: »Ich kenne auch Kopenhagen, aber nur aus dem
vorigen Jahrhundert.« Die idyllische Weise, wie solche Feste gefeiert
werden in dem mit Blumen geschmückten Zimmer, wo der Wirth selbst mit
dem Präsentirteller umhergeht und den Gästen Wein anbietet, erinnerte
mich an meine Jugend, als ähnliche alte Gebräuche auch noch bei uns
stattfanden und die Herzlichkeit und Festlichkeit noch nicht ganz und
gar durch das galante und vornehme Element verdrängt waren.
Nun fuhr ich mit meiner Gesellschaft wieder nach Malmöe und glaubte
Alles sei vorbei; aber wie ward ich überrascht, als ich eine weite
Strecke von der Stadt entfernt alle Studenten wiedersah; als der Adjunct
der theologischen Facultät =Thestrup= an den Wagen trat und in einer
begeisterten Rede im Namen der Schweden für den Genuß dankte, den
ihnen meine Schriften bereitet hätten. Unter einem oft wiederholten
Hurrah fuhr ich tief bewegt davon, es erschien mir wie ein Traum.
Ich, der zu Hause soviel Verfolgungen hatte erleiden müssen, der
unaufhörlich in öffentlichen Blättern getadelt, der jeden Augenblick
auf der Bühne angegriffen wurde, der nicht mehr in der galanten Welt
Mode war, ich ward hier so aufgenommen! -- Aber ich wurde deshalb
nicht undankbar gegen mein geliebtes Dänemark. Die schöne Flamme eines
begeisterten Augenblickes ergriff mich, aber ich vergaß nicht, daß es
ein begeisterter Augenblick war; ich wußte, daß ich auch daheim Freunde
hatte.
[Sidenote: Der Dichter und die Eitelkeit.]
Wenn man einander doch recht verstehen wollte! Viele glauben, daß wir
Dichter, als höchst eitle Wesen stets Weihrauch verlangen; daß wir nicht
glücklich seien, wenn nicht von uns gesprochen wird. Durchaus nicht!
das allzugroße Lob ängstigt im Gegentheil, weil wir fürchten, daß die
Tadelsucht auf den Augenblick, sich zu rächen harre. Wären wir doch
so glücklich, eine ruhige, unerschütterliche Achtung, wie ein anderer
ehrlicher Bürger im Staate zu genießen, der sich durch die Handlungen
seines Lebens Zutrauen erworben hat. Aber nein! Erst zweifelt man, daß
wir Dichter =seien=, und kaum haben wir dies bewiesen, so zweifelt man,
daß wir es =bleiben= werden. Mit jedem neuen Werke müssen wir, wie vom
Anfang an, Alles beweisen. Und gefällt ein Werk nicht, so übertäubt der
Tadel eine Zeit lang alles frühere Lob. Alle Halbgebildeten wollen uns
unsere Kunst lehren; eine Menge Leser trauen sich zu uns als Richter
=übersehen= zu können. Also sind wir in unserer eignen Kunst die am
Verstande Aermsten! Jean Paul sagt: »Wer sich, wie Adelung das Genie
ohne Verstand denkt, der denkt es wirklich ohne Verstand! -- Aber das
geschieht doch oft. Die Reife und Menschenkenntniß, der Scharfsinn und
die Urtheilskraft, die dazu gehören ein großes Dichterwerk zu beginnen
und zu vollenden, kommen nicht in Betracht. »Es =glückt uns= zuweilen,«
heißt es, -- »und häufiger =mißglückt= es.« »Wir sind große Kinder, die
mit verbundenen Augen in das Glücksspiel des Genie's hineingreifen;
Fruchtbäume, die reife oder unreife Früchte, gerade wie es sich trifft,
den vernünftigen, gebildeten, geschmackvollen Essern darbieten!« --
Und mit dieser Achtung, die fast an Verachtung grenzt, sollten wir uns
begnügen lassen! -- denn was ist ein Künstler, wenn er nicht einmal ein
Mann ist? Und was ist ein Mann, ohne Vernunft, ohne Geschmack, ohne
Sicherheit in seiner Kunst? Ich will nicht ausführlicher erinnern, was
ich durch unbilliges Herunterreißen gelitten habe; ich will nur noch
erzählen, daß auch meine Kinder von anderen Kindern Hohn und Spott
ertragen mußten, weil sie einen solchen Vater hatten. Das war auch ganz
natürlich, denn Kinder sprechen nach, was sie von den Aeltern hören.
Aber diese Stimmung war, Gott sei Dank, schon ziemlich vorüber. Heute
hatte mein Sohn Freude an seinem Vater, und meine guten Landsleute
hatten sich auch gefreut, was sie bei der Heimkehr mir durch ein Vivat
kundgaben; auch das Jahr darauf ehrten mich dänische Studenten an meinem
Geburtstage durch ein Hoch.
* * * * *
Nach oben gethaner Aeußerung hoffe ich, daß man mich weder der Eitelkeit
noch des Hochmuthes beschuldigen wird, wenn ich mich künftig öfter bei
der Güte und Ehre aufhalte, die mir daheim und in der Fremde erwiesen
worden, ebenso wie ich früher oft bei der Feindseligkeit und dem Undank
weilte, die ich ertragen mußte. Man hat mich zuweilen der Eitelkeit und
Eigenliebe angeklagt. Es dürfte bei dieser Gelegenheit wohl der Ort
sein, von diesen Fehlern und der Anwendung auf mich zu sprechen. Daß ich
ehrlich und aufrichtig bin, glaube ich durch mein ganzes Leben bewiesen
zu haben. Wir wollen erst die Eitelkeit vornehmen. Die eigentliche
Eitelkeit besteht darin, daß man sich mit Kleinigkeiten brüstet, oder
scheinen will, was man nicht ist. Diese Eitelkeit trifft mich nicht: ich
hatte stets einen Abscheu davor, mich mit fremden Federn zu schmücken.
In meiner Jugend suchte ich mein Aeußeres so hübsch als möglich zu
machen; aber das war nicht Eitelkeit, um zu glänzen, sondern um den
Damen zu gefallen, die mir stets außerordentlich gefielen. Diese Lust zu
gefallen, die ja jedem Dichter bei seinen Werken vorschwebt, ist nicht
Eitelkeit, sondern ein ganz natürlicher Trieb. Wozu sollte man sie sonst
veröffentlichen? Ich leugne nicht, daß es Dichter giebt, selbst einige
mit scharfem Verstande und viel Phantasie, die mit Recht eitel genannt
werden können, weil sie mehr an sich selbst als an ihr Werk denken, aber
derjenige, der mit warmem Herzen seine geistigen Erzeugnisse mehr als
sich selbst liebt, wünscht ja nichts Anderes als Sympathie zu finden,
das heißt Liebe und Harmonie in der Gedanken- und Gefühlsweise, und das
ist nicht Eitelkeit: das ist eine der unentbehrlichsten Grundtriebe
der Natur. Diese Lust zu gefallen leitet, mit Tüchtigkeit verbunden,
zu all den liebenswürdigen, erquickenden Verhältnissen im Leben, die
der kalte Egoist, der hochmüthig schweigt und sich selbst genügt, weder
kennt noch zu denen er beiträgt. Er ist der wirkliche Eitle, denn er
strebt nach einem Nichts, das weder Realität noch Idealität hat. -- Was
nun die Selbstliebe betrifft, so ist diese auch natürlich, wenn sie
mit Liebe zu allem Guten außer uns verbunden ist. Als Christus sagte:
»Liebe deinen Nächsten wie dich selbst,« räumte er der Selbstliebe eine
bedeutende Stelle ein. Wer nicht sich selbst und Andere belügt, gesteht
auch, daß er sie hat. Sie ist genau mit dem Selbsterhaltungstriebe
verbunden. Daß die heroische Selbstaufopferung für Andere etwas Großes
und Erhabenes ist, das bei weitem nicht Alle besitzen, leugne ich nicht;
die verschiedenen Tugenden strahlen in verschiedenen Richtungen; der
Künstler ist meist gewöhnt, seine Lebenskraft seinem Werke zu opfern;
doch kann auch er, wenn es die Noth verlangt und die Begeisterung ihn
entflammt, Leben und Blut für Vaterland, Gesundheit, Glück und Freude,
für seine Lieben aufopfern.
Es giebt noch mehrere Gründe das zu besprechen, was ich nun künftig
besprechen werde. Es verschweigen, hieße meiner Biographie ihren halben
Stoff rauben, hieße undankbar sein gegen die vielen Edlen, die dazu
beigetragen haben, mir mein Leben zu versüßen; würde Züge vernichten und
verwischen, die zur Charakteristik des Zeitalters gehören.
* * * * *
[Sidenote: Zweite Fahrt nach Schweden.]
Ich reiste also den Sonntag darauf mit meiner Familie nach Malmöe.
Es war, als ob das Schicksal bestimmt hatte, daß ich die wenigen
Tage, die ich in Schweden zubrachte, Zeuge der verschiedenartigsten
Auftritte menschlicher Zustände, Leidenschaften und Gefühle sein
sollte. Herr Crysander, Vorsteher des Irrenhauses, zeigte uns diese
Anstalt; und hier sahen wir travestirte tragische Masken genug in
einem lustigen Tanze. Einen eingebildeten Gott, eine 70jährige alte
Jungfrau, die noch wie eine Hamlet'sche Ophelia mit Blumen und bunten
Lappen schwärmte, einen verrückten Gelehrten, der täglich einen Bogen
voll Krimskrams schrieb u. s. w. -- Diese Scene wechselte mit einer
durchaus entgegengesetzten Art. Der hochverdiente Landeshauptmann Baron
Klinteberg war gestorben. So wie ich in der vorigen Woche eine Einladung
in Lund zu einer Kindtaufe erhielt, so bekam ich hier eine zu einer
Beerdigung. Eigentlich war es eine Beisetzung, denn die Leiche wurde
Abends in eine Kapelle gebracht, um später beerdigt zu werden. Ich trat
in den dunkeln Saal, wo schwarze Vorhänge das blendende Tageslicht
verdeckten, und schwache Wachskerzen ihren Schimmer über den schwarzen
Sarg warfen. Die angesehenen Männer der Gegend standen stumm in einem
Kreise, der Propst Gullander trat hervor und sprach kräftig und rührend.
Das Gefühl, daß ich hier als Lutheraner unter Lutheranern stand, die
fast meine Sprache redeten, und ungefähr unsere Religionsbräuche hatten,
brachte mich den Schweden noch näher; aber hauptsächlich daß ich mich
als Christ und Mensch unter christlichen Menschen an einem Sarge befand!
-- Der edle Sohn, der durch den Tod seines edlen Vaters vernichtet war,
rührte mein Herz, und ich fand es so schön, daß, als der Sarg auf den
Leichenwagen getragen werden sollte, er selbst, nach dem Gebrauch des
Landes, anfaßte und die Leiche des Vaters hinabtragen half, indem er
sein Haupt über den Deckel hinbeugte und ihn mit Thränen benetzte.
[Sidenote: Ernste und heitere Eindrücke.]
Welch ein Unterschied! als ich später in der herrlichsten Abendröthe,
im Treiben munterer Menschen, nach dem Hafen hinunter zum Dampfschiff
ging, das gepfropft voll unter einem brüderlichen Hurrah von Dänen und
Schweden nach Kopenhagen zurückkehrte.
Den Tag darauf aßen wir bei Kammerrath Qvenzel, wo die besten Männer
Malmö's versammelt waren, und mir wieder ein Lied zu Ehren sangen.
Ich saß neben der anmuthigen Frau Kiellander, einer jungen Dame
voll Talenten und feiner Bildung. Ich ahnte nicht an diesem warmen
Sommertage, daß sie den Winter darauf mit ihrem Manne und ihrem Kinde in
den kalten Wogen unter dem Eise den Tod finden würde! --
* * * * *
[Sidenote: Lund. Tegnér.]
Nachmittags fuhren wir nach Lund, um das Concert von Fräulein =Schoulz=
in dem alten Dom zu hören. Mit welcher Ehrfurcht betrat ich diesen
Tempel! Eines der größten Denkmäler dänischer Geschichte. Absalon's,
Anders Sunesen's und Saxos Heimath, von wo die älteste dänische
Wissenschaftlichkeit ausging. Ich erhob die Augen mit Ehrfurcht zu
der heiligen Wölbung, unter welcher der Staub so vieler dänischer
Ritter und Geistlichen ruht. Ich sah in der Krypta den versteinerten
Zauberer Finn die Säule umklammern, und oben in dem innern Chor stand
der heilige Laurentius aus Erz gegossen, auf einer Säule, seinen Rost
in der Hand haltend. In dem äußern Chor der Kirche war eine Erhöhung
mit reichen Blumengewinden und Kränzen zum heutigen Feste gebaut. Aber
heute Abend benutzte sie das junge schwedische Fräulein, und schlug wie
eine Nachtigall ihre reinen Triller unter der Wölbung in die Abendröthe
hinaus, zur Freude für die vielen Menschen, welche die Kirche anfüllten.
Hier traf ich meinen Freund, den Bischof Tegnér wieder, der mich
verschiedene Male in Kopenhagen besucht hatte.
Wir aßen Abends zusammen bei der Frau Bischof Faxe, und wurden durch
die Studenten vom Tisch in den Lustgarten gerufen, um ein Vivat zu
empfangen, das sich verstärkte, als wir unsern Dank und unsere Gefühle
in einigen herzlichen Worten aussprachen.
* * * * *
[Sidenote: Akademische Feierlichkeit.]
Am nächsten Tage verkündete der tiefe, starke Glockenklang vom Thurme
des ehrwürdigen Doms herab die Feierlichkeit. Man versammelte sich im
Museum; die ganze gelehrte Welt aus den südlichen schwedischen Provinzen
war zugegen und auch ein Theil der Honoratioren aus der Nachbarschaft.
Der Zug ging in folgender Ordnung zur Kirche: erst zwei kleine,
hübsche, weißgekleidete Mädchen mit herabhängenden Locken, welche
Körbe mit Lorbeerkränzen trugen; dann die jungen Gelehrten paarweise,
die zu Magistern creirt werden sollten. -- Nun bahnten die Pedelle,
mit silbernen Sceptern in den Händen einer neuen Abtheilung den Weg,
dessen erstes Paar war: Tegnér, der als Bischof in Wexiö für den
abwesenden Schoonen'schen Bischof Faxe an der Stelle des Patrons Sr.
königlichen Hoheit des Kronprinzen, dem Feste beiwohnte; neben ihm ging
der _Rector magnificus_ Engeström in rothem Sammtmantel und mit einem
goldgallonirten runden Sammthut. Darauf kam der oberste Befehlshaber
Schoonen's, Generallieutenant Baron Cederström, neben dem man mir
einen Platz angewiesen hatte, dann folgte Baron Gustav Gyllenkrok,
Generaladjutant Oberst Clairfeldt und alle Professoren und Adjuncten
paarweise.
Wir gingen Alle, außer dem Bischof und dem Rector, mit entblößtem Haupte
in die Kirche. Es war eine starke Sommerhitze, und ich mußte meinen Hut
oft als Sonnenschirm über meinen Scheitel halten. Auf dem Wege, während
der Zug sich Schritt vor Schritt durch die Stadt bewegte, hatte ich
Gelegenheit die Bekanntschaft meines edlen Nachbars, General Cederströms
zu machen; sein herrliches offenes Antlitz hatte mir gleich Vertrauen
eingeflößt, und ich fand mich nicht getäuscht. Unsere Herzen kamen
sich entgegen und ich merkte, daß es den edlen Kriegsmann erfreute,
den dänischen Dichter durch einen Platz an seiner Seite zu ehren. So
fand ich auch die anderen schwedischen Herren. Unter dem Geläute der
Glocken und dem Donner der Kanonen traten wir in die Domkirche ein, die,
obgleich sie voll Menschen war, doch durch ihre Kühlung erquickte.
[Sidenote: Tegnér krönt mich als Dichter.]
Tegnér hatte mir vorher gesagt, was er beabsichtige. »Zum Doctor kann
ich Dich nicht ohne Wissen des Patrons creiren,« sagte er: »aber er
wird Nichts dagegen haben, wenn ich Dich als =Dichter= kröne«.
Nachdem er das Fest mit einer schwedischen Rede in Hexametern begonnen,
und zum Schluß den Rector gebeten hatte, die Magisterpromotion zu
beginnen, wandte er sich an mich, der zu seiner Seite am Hochaltare
stand und sagte, erst zu Engeström und dann zu mir, mit lauter Stimme
vor der Versammlung;
Aber bevor Du den Lorbeer vertheilst, so schenke mir einen.
Nicht für mich; in dem einen jedoch will adeln ich Alle.
Nordens Sängermonarch ist hier, der =Adam= der Skalden.
Erbe des Throns im Reich des Gesangs, denn der Thron er ist =Göthe's=.
Wüßte doch Oskar darum, im Namen des Theuern geschäh es.
Nun nicht ist's in dem seinen, noch minder in meinem, es ist im
Namen des ew'gen Gesangs, lauttönend in Hakon und Helge,
Daß ich Dir biete den Kranz; er wuchs wo Saxo gelebt hat.
Hin sind die Zeiten der Trennung -- im Reiche des Geistes, dem freien
Sollten ja nimmer sie sein -- und verschwisterte Lieder ertönen
Ueber den Sund und entzücken uns jetzt, und vor allen die Deinen.
Drum beut Svea den Kranz Dir -- ich sprech' im Namen von Svea:
Nimm von dem Bruder ihn an, und trag ihn zur Ehre des Tages.
Mit diesen Worten setzte er unter dem Schall der Pauken, Trompeten und
dem Donner der Kanonen einen Lorbeerkranz auf mein Haupt.
Alle lächelten mir dabei freundlich zu; ich war tief bewegt, faßte mich
aber, und sprach ein Gedicht, das ich aus Dankbarkeit für all' die
Güte und Ehre geschrieben hatte, die man mir bei meinem ersten Besuche
erwiesen hatte; und in dem Dom von Lund ertönte wieder nach Verlauf
von mehrern Hundert Jahren die dänische Sprache mit lauter Stimme von
begeisterten Lippen.
Daß Tegnér sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht hatte, zeigte der
Ausfall, da seine schwedische Majestät einige Monate darauf mich mit dem
Nordsternorden beehrte, und seine königliche Hoheit der Kronprinz seine
Einwilligung dazu gab, daß die Universität Lund mir das philosophische
Doctordiplom sandte.
Mittags nach der Promotion war große Studentengesellschaft in Lund, zu
der die Honoratioren und Professoren eingeladen wurden. Ich ging zuvor
in den Saal, um mir einen kühlen Platz zu suchen, aber es traf sich
so, daß gerade die Ehrenplätze von der Sonne beschienen waren, und es
gab dort keine Rouleaux. Das würde mir nun alle Freude gestört haben;
aber kaum merkte man meine Noth in der Sonnenhitze, als einige rasche
Hände ein paar Rouleaux improvisirten, was eine bedeutende Erleichterung
verursachte, um so mehr, als ich -- nach Tegnér's Beispiel -- gewagt
hatte, mein Halstuch abzubinden.
Hier wurden nun wieder Toaste ausgebracht. Als wir vom Tische aufstehen
wollten, ergriffen mich ein Dutzend Musensöhne bei den Beinen und hoben
mich auf ihre Schultern; das ist hier zu Lande Gebrauch, wenn man Jemand
eine ganz besondere Ehre erweisen will. Dasselbe war wieder unten im
Lusthause im botanischen Garten beim Kaffee der Fall, wo Professor
Agardh mich durch eine kleine Rede ehrte.
Am Abend wagte ich mich, der fürchterlichen Hitze wegen, fast nicht
auf den Ball. Ich ging in den Lustgarten hinab, setzte mich unter die
großen schattigen Bäume und ließ mich mit ein paar stillen, freundlichen
Bürgern in ein Gespräch ein, die auch dorthin gekommen waren, um sich in
der Abendkühle zu erquicken.
[Sidenote: Rückreise.]
Ziemlich spät am nächsten Nachmittage fuhren wir im Wagen des
Landrichters nach Malmöe. Ein kleiner, schelmischer Kobold, der
wahrscheinlich meinte, daß wir Schoonen nicht ohne irgend einen Unfall
verlassen dürften, zerbrach an unserm Wagen die Axe; aber es war nur
eine Viertelstunde Weges von Malmöe. In der schönen Sommernacht genossen
wir nun erst recht die Kühle und hatten einen angenehmen Spaziergang.
Am nächsten Tage segelten wir mit dem Packetboote bei gutem Winde nach
Kopenhagen, und eine Lustreise war damit beendigt, die mir und meiner
Familie unvergeßlich bleiben wird.
* * * * *
Ebenso glaube ich, daß viele Dänen freundlich des Besuchs gedenken
werden, den der Dichter Axel's und Frithiofs mit Agardh, Thestrup
und vielen Einwohnern Schoonen's, uns kurz darauf im Thiergarten bei
Bellevüe machten, wo wir Gelegenheit hatten, unseren Nachbarn für all'
die Gastfreundschaft, die wir bei ihnen genossen hatten, auch einige
Freundlichkeit zu erweisen.
* * * * *
[Sidenote: Der Bischof Münter.]
[Sidenote: Wunderlichkeiten des Bischofs Münter.]
Unsere bisherige Wohnung in der Breiten-Straße war uns zu klein
geworden; der Bischof Münter, der stets freundlich gegen uns gewesen
war, und den ich oft bei seiner Schwester, Frau Brun, sah, überließ
uns gern, unter günstigen Bedingungen, seine Parterre-Etage, die groß
genug für uns war. Dieser feurige, gutmüthige Mann lebte mit seiner
Gelehrsamkeit und Phantasie größtentheils in den südlichen Ländern,
wohin die Theologie und Philosophie ihm winkten. Ich hatte seine
Abhandlungen von den »Karthageniensern« und »der Stellung des Weibes in
den ersten christlichen Jahrhunderten« mit vielem Interesse gelesen.
Nur Schade, daß man so wenig erfahren kann, wo die Geschichte schweigt.
Sollte man es für möglich halten, wenn man es nicht wüßte, daß man die
Sprache eines Volks, welches an Stärke und weltgeschichtlicher Bedeutung
mit den Römern wetteiferte, nur aus einer Replik in einem Lustspiele
jener Zeit kennt? -- Münter's Kirchengeschichte war auch sehr geachtet.
Seine Uebersetzung der Offenbarung Johannis ist von einem guten Vorwort
über die erste christliche Poesie begleitet und in der in Hexametern
geschriebenen Uebersetzung erkennt man den würdigen Schüler Klopstock's.
Münter liebte sehr die historischen Reliquien aus alter Zeit, er
hatte eine Menge Steine mit Hieroglyphen aus Egypten, Mauersteine mit
Verzierungen aus Babylon, Steine mit Fischen von den ersten christlichen
Grabmälern her, Pagoden u. s. w. Dies Alles schenkte er dem Vaterlande
und ließ es in die Wände der Amtswohnung des Bischofs einmauern. Eines
Tages ließ er eine Pagode, die mit gekreuzten Beinen dasaß, in eine
Nische setzen, die über einer Thür angebracht war. Etwas Zerstreutes
hatte Münter immer in seinem Wesen gehabt. Er stand lange da und starrte
die Pagode und die Nische an, endlich rief er dem Maurergesellen, der
neben ihm stand, eifrig zu: »Die Nische ist zu niedrig; die Pagode
hat keinen Platz, wenn sie aufstehen will«! »»Ew. Hochehrwürden««!
antwortete der Maurergeselle ganz ernst, »»das thut sie wohl nicht««.
Mit dieser Zerstreutheit verband Münter eine sanguinische Zuversicht,
daß Alles was geschehen möchte gut ausfallen würde, die ihn selten
verließ. Eines Mittags kam Sophie, seine Tochter, zu uns herunter, und
theilte uns ganz erschreckt mit, daß ihrer Schwester Ida eine Fischgräte
in den Hals gekommen sei. Ich eilte hinauf. Ein Barbier war bereits
geholt und stand mit einem langen Fischbeine da und sondirte Ida's Hals,
wobei ich, so wenig sie auch einer Wölfin glich, doch an die äsopische
Fabel vom Wolfe und Kranich dachte. Ich wollte fragen, wie es gehe, als
der Bischof mir entgegentrat. Er stand mit einer Correktur, die er sehr
aufmerksam las, mitten im Zimmer, und rief in einem Tone, der zeigte,
wie tief er in seiner Arbeit versunken sei: »Oehlenschläger! soll hier
ein Komma stehen, oder nicht«? »»Ew. Hochehrwürden««! antwortete ich
ernst: »»wir wollen uns doch erst nach dem Komma umsehen, das Ihrer
Tochter im Halse steckt««. »O«, antwortete er ganz ruhig, »das wird sich
schon wieder geben«. Und das war auch der Fall; aber das konnte er doch
nicht so bestimmt voraus wissen. Er hatte auch gleich nach dem Barbier
geschickt. Als dieser die Operation zur Zufriedenheit aller Theile
gemacht hatte, schenkte ihm der Bischof ein Glas Wein aus der Flasche
ein, die noch auf dem Mittagstische stand; und als der Barbier es mit
einer tiefen Verbeugung und den Worten leerte: »Ew. Eminenz«! belohnte
Münter ihn mit einem freundlichen väterlichen Lächeln.
Gerade so wie Bittermann im Menschenhaß und Reue und wie Bröndsted,
stand Münter mit der ganzen Welt in Correspondenz; nur mit dem
Unterschiede, daß die erstere erlogen, die beiden letzteren aber
wirkliche waren. Das kam nun Keinem wunderbarer vor als mir, der ich
das entschiedene Extrem davon abgab. Bröndsted hatte mir während unsers
Aufenthalts in Paris einen Widerwillen gegen diese Passion beigebracht.
Oft, wenn ich zu ihm kam, hatte er nicht Zeit mit mir zu sprechen, weil
er Briefe schreiben mußte, sodaß ich, als ich einmal ärgerlich darüber
aus dem Zimmer ging, sagte: »Ich wollte wünschen, ich wäre der abwesende
correspondirende Freund«! Eines Tags begegnete ich Münter mit einem
versiegelten Packet auf der Treppe, das ihm unfrankirt aus Italien
geschickt worden war und einen Louisd'or kostete. »Ich weiß nun, daß
es Nichts werth ist«! rief er verzweifelt. »»So schicken Sie es doch
uneröffnet zurück, Hochehrwürden««! Aber das konnte er nicht über's Herz
bringen. Er war auch neugierig zu wissen, was darin sei, bezahlte seinen
Louisd'or, und fand -- eine langweilige italienische Doctordissertation.
Er hatte mich sehr lieb, als ich aber Ritter vom Nordstern wurde, sagte
er mir in einem Tone, als ob er mir eine Reprimande geben wollte: »Der
König liebt das nicht«! Ich antwortete ihm, daß ich keine Schritte
gethan hätte, um den Orden zu bekommen, und daß Bischof Tegnér mir
geschrieben: »König Karl Johann hat hierdurch nur Schwedens Wunsch
erfüllt«.
[Sidenote: Tod des Bischofs Münter.]
Wenige Jahre darauf kam Ida eines Abends zu uns herunter und sagte, daß
ein apoplectischer Anfall ihren Vater getroffen habe. Ich eilte hinauf,
nahm ihn in meine Arme, er war noch bei Bewußtsein, wurde zu Bett
gebracht, starb aber in der folgenden Nacht.
Er war in der letzten Zeit nicht auf Rosen gewandelt; mit
bewundernswürdiger Geduld aber hatte er ein schweres Hauskreuz getragen.
Seine edle Gattin -- mit ebenso viel Verstand, wie Gemüth begabt --
verfiel in eine tiefe Melancholie, die bis zu ihrem Tode währte.
Nach Münters Tode wurde P. E. Müller Bischof, und ich blieb in dem
Bischofshause wohnen. Man wünschte eine Büste von dem Dahingegangenen
zu besitzen; =Freund= nahm eine Todtenmaske ab, und mußte sich nun mit
einem Portrait von Hornemann und seinem eigenen Gedächtnisse helfen.
Alles ging recht gut, bis auf die Augen. Da gab ihm ein Freund den Rath:
»Die Augen«, sagte er, »sind ja noch da, frisch und klar; Sie brauchen
Sie nur zu kopiren«. Das war ein Räthsel! Die Augen des todten Münter
lebten noch! Aber der Freund hatte ganz recht. Er meinte die Augen von
Frau =Friederike Brun=, die denen ihres seligen Bruders auf ein Haar
glichen. Freund brachte die nach der Schwester modellirten Augen an der
Büste des Bruders an, und Keiner zweifelte, daß es seine eigenen seien.
Die sehr ähnliche in Marmor ausgeführte Büste wurde der Universität
geschenkt, und im Consistorium aufgestellt.
* * * * *
[Sidenote: Ein sonderbarer Besuch.]
Ein Bekannter des Bischofs Münter machte mir in diesen Jahren einmal
einen Besuch. Es war ein großer, stattlicher Schwede, der mir beim
Eintritt seinen Namen nannte, den ich aber nicht verstand. Da ich mich
nun genirte, ihn wieder darnach zu fragen, hoffte ich ihn im Laufe
des Gesprächs nochmals zu hören, oder ihn durch Eins oder das Andere
errathen zu können. Er sagte, daß er gekommen sei, um mich zu fragen,
was ich von dem Stoffe zu einem Vaudeville halte, das er zu schreiben
gedenke. Er erzählte es mir; es war recht hübsch, und ich hielt daran
fest und dachte: es ist also ein Vaudevillendichter. Darauf sprach er
von Münter, als von einem alten Freunde: »ich muß Ihnen sagen«, fuhr
er fort, »daß ich auch Theologie studirt und die Offenbarung Johannis
übersetzt habe«. -- Ein Vaudevillendichter, dachte ich nun, der auch
Theolog ist. »Münter ist auch Freimaurer«, fuhr er fort, »all seine
Freimaurerei hat er von mir gelernt, denn ich bin Meister vom Stuhl«.
Jetzt rechnete ich im Kopfe weiter zusammen: Vaudevillendichter,
Theolog, Meister vom Stuhl. -- Nun sprach er vom König Karl Johann,
den er sehr lobte, und sagte: »Ich kenne ihn gut! Ich habe manches
Glas mit ihm geleert«. Ich sagte: Vaudevillendichter, Theolog, Meister
vom Stuhle, und ein Freund von Karl Johann. Er fuhr fort: »Hier in
Dänemark tragen die Leute nicht ihre Orden; morgen gehe ich in die
Kirche, da lege ich die meinigen an«. »»Das können Sie auch sehr gut««,
antwortete ich, und er fuhr fort: »Ich habe sie alle mit«! Ich sagte:
Vaudevillendichter, Theolog, Meister vom Stuhl, Karl Johann's intimer
Freund, Seraphimritter. Endlich sprach der Fremde von seinem Sohne, den
er daran erinnert hatte, daß ihr Stammvater zu den Ersten gehört habe,
welche bei der Eroberung Jerusalems die Mauern dieser Stadt bestiegen.
Nun wurde mir klar, daß es der Graf =von Saltza= sein müsse. Und der war
es auch.
Als wir nun bekannt miteinander geworden waren, führte er mich zu seiner
Familie nach dem Hôtel du Nord. Dort traf ich den schönen alten Grafen
de la Gardie, dessen Bekanntschaft ich in Ramlöse gemacht hatte, und
der mir erzählte, daß sein Ururgroßvater bei der Belagerung Kopenhagens
Einer der Ersten auf dem Walle gewesen sei. Es war auch ein Baron
Bannér dort, von dem Saltza scherzend erzählte, daß er von einem Koch
abstamme, der bei einer wichtigen Gelegenheit den Seinigen dadurch den
Sieg verschafft hatte, daß er seine Schürze und den Küchenbesen als
Banner benutzte, und so die Fliehenden zurückrief. Später nahm Saltza
mich in sein Zimmer, zeigte mir verschiedene fromme Bücher, und äußerte
religiöse Ansichten, in die ich mich nicht weiter mit ihm einließ.
* * * * *
[Sidenote: Schwedische Bekanntschaften.]
Da ich hier von Schweden spreche, muß ich noch einige von den lieben
Freunden nennen, die von Zeit zu Zeit über den Sund kamen, um uns
zu besuchen. Schon im Jahre 1819 lernte ich =Beskow= kennen, der
später einer meiner besten Freunde wurde, und auf den ich im Folgenden
zurückkomme. =Tegnér= trat als ein munterer, rothwangiger, goldlockiger
Jüngling bei mir ein, als ich schon ein paar Jahre Professor gewesen
war. Früher hatte ich den noch blonderen =Ling=, Dichter und
Fechtmeister gesehen, der in seiner Gylfe, Phantasie und Sinn für
altnordische Poesie zeigte, ohne doch eigentlich den richtigen Ton in
der Darstellung gefunden zu haben. =Geijer= schenkte mir in späteren
Jahren auch einen kurzen Besuch, aber wir lernten einander doch nicht
recht persönlich kennen. Er hatte meine früheren Arbeiten gelesen,
später, vielleicht durch den häufigen Tadel bewogen den er über mich
gehört hatte, sagte er selbst in einer Schrift, die von ihm erschien,
daß er mir nicht weiter gefolgt sei. Obgleich er die harten Angriffe
mißbilligt, so scheint es doch, als ob sie ihm das Zutrauen zu meiner
Entwickelung geraubt hätten und er mich deßhalb fallen ließ. Ich selbst
lernte diesen ausgezeichneten Mann erst kennen und schätzen, als ich
seine =Chronik des schwedischen Reiches= las; philosophisch-dichterisch
hat er die älteste Mythologie und Sagengeschichte des Nordens aufgefaßt,
wie noch kein Anderer. Der Geschichtsschreiber Geijer war auch Dichter,
hat gute Lieder geschrieben und selbst reizende Melodieen dazu
componirt. Später besuchte mich =Fryxell=, und ich wurde sehr für diesen
liebenswürdigen Mann eingenommen, durch dessen vortrefflich geschriebene
Geschichte ich Schweden erst recht kennen gelernt habe.
* * * * *
[Sidenote: Frederik Classon Horn.]
Noch muß ich hier des unglücklichen Grafen =Frederik Classon Horn=
erwähnen, der als Theilnehmer an dem Königsmorde Gustavs des Dritten
nach Dänemark floh, wo er unter dem Namen Classon mehrere Jahre ein
armes, kummervolles Leben führte. Ich lernte ihn bei Rahbeks kennen,
und er besuchte mich. Er war auch Dichter, blies vortrefflich die
Flöte und soll ein vorzüglicher Mathematiker gewesen sein. Obgleich
er mir nie recht seine Reue über das Verbrechen eingestehen wollte,
und, wenn man von Gustav III. sprach, sagte: »Das war, hol' mich
der Teufel, ein sakermentscher Ränkemacher«, so konnte man doch die
Gebeugtheit an seinem ganzen Wesen erkennen, denn Horn war weit davon
entfernt, ein grausamer, blutdürstiger Mensch zu sein; phantastische
Freiheitsschwärmerei mit persönlicher Unzufriedenheit verbunden,
hatte ihn, ebenso wie Ribbing, mit Ankarström in Verbindung gebracht,
der Gustavs eigentlicher Feind war. Die alten Aristokraten, Pechlin
und Liljehorn, benutzten diese demokratisch gesinnten Jüngeren als
ihre Handlanger, obgleich beide Parteien von entgegengesetzten
Motiven getrieben wurden. -- Als die Gefangenen im Correctionshause
auf Christianshafen Aufruhr gemacht hatten, und mehrere von ihnen
hingerichtet waren, schlug Steffen Heger, der viel mit Horn umging,
ihm vor, daß sie eines Nachmittags hinausgehen wollten, um die Köpfe
der Hingerichteten auf den Stangen zu sehen. Der phantastische Horn
war gleich dazu bereit. Auf der Richtstätte beobachtete Heger, welchen
Eindruck es auf ihn machte. Er stand lange still da, und starrte auf
die leblosen Köpfe; darauf sagte er leise, indem er fortging: »Ich
bin«, indem er den Zeigefinger in den Mund steckte, »hol' mich der
Teufel! auch nicht weit davon entfernt gewesen«! -- Ich beklagte
oft diesen unglücklichen Mann, wenn ich mit ihm zusammen war und
ihn betrachtete, ohne daß er es merkte. Er war groß und schlank,
hatte ein sehr ausdrucksvolles Gesicht, Adlernase und feurige Augen,
aus denen Begeisterung und Milde sprach. Ich stellte ihn mir als
Minister mit Ordensband und Sternen vor, eine Stellung, die er in
seinen Verhältnissen leicht hätte erreichen können, wenn nicht die
verbrecherische That ihn in Armuth und Elend gestürzt hätte: ein
Zustand, den er nach Allem, was geschehen war, doch ein Glück nennen
mußte, da er dem Schafote entging. Gewiß muß etwas Schiefes in der Natur
und ein Mangel an höherm Humanitätsgefühl in der Seele sein, die sich
verlocken und verblenden läßt, einen Meuchelmord zu begehen.
Er schenkte mir seine Gedichte, in die er schrieb: »Meine Thränen bei
Deinem Correggio waren ohne Zweifel ein Deiner würdigeres Opfer als
diese Blätter«.
* * * * *
Mit =Berzelius= machte ich keine nähere Bekanntschaft. Er besuchte mich
einmal den Tag vor seiner Abreise, und da er hörte, daß ich im Theater
sei, sagte er: »Ja, ja, das ist nun =sein= Laboratorium«.
* * * * *
[Sidenote: Kammerherr Ries.]
[Sidenote: Anekdoten von Christian VII.]
Eines merkwürdigen Mannes muß ich hier erwähnen, den ich von meiner
frühen Jugend her kannte, und dessen Bekanntschaft jetzt erneuert wurde.
Es war der Kammerherr =Ries=. Er war Christian VII. dienstthuender
Cavalier gewesen, und ich sah ihn täglich mit dem Könige spazieren
gehen. Im Anfange meiner Dichterperiode besuchte ich ihn auf dem
Friedrichsberger Schloß; er hatte meine Arbeiten gern, war selbst
deutscher Dichter, und ich übersetzte ein paar seiner Stücke ins
Dänische. Nun vergingen wohl zwanzig Jahre, ehe wir uns wiedersahen.
Er war nach Christian VII. Tode Zollbeamter auf Fehmarn geworden. Er
war mir stets gefolgt, seine Liebe zu meinen Schriften war gestiegen;
beim Eintreten in mein Zimmer fiel er mir um den Hals und bat mich in
dem kräftigen, herzlichen Tone, den ich von Alters her kannte, ihn Du
zu nennen. Wir wurden bald Freunde und Vertraute, obgleich er um eine
gute Zahl von Jahren älter war als ich. Er war ein großer, starker
Mann, der seine Jugend unter dem Militair zugebracht hatte; sein
ausdrucksvolles Gesicht war derb und ehrlich; ich nannte ihn meinen Götz
von Berlichingen. Er hatte viel mit Christian VII. zusammen gelebt; ich
bat ihn, seine Memoiren zu schreiben, die gewiß viel Interesse gehabt
haben würden, er versprach es, aber es wurde nie Etwas daraus. Es war
wohl auch noch zu früh, damals Etwas zu erzählen, was übrigens Alle
wußten. Die Geistesschwäche des Königs hatte den sonderbaren Charakter,
daß der äußere Anstand aufrecht erhalten werden konnte, ohne daß man
ihn von seinem Hof zu entfernen, oder ihn abzusetzen brauchte; der
Kronprinz, sein Erbe, wurde schon bei seinen Lebzeiten sein Nachfolger.
Er war es, der die Macht in Händen hatte; Alles ging nach ihm, Alles
bestimmte er, nur mußte Christian unterschreiben. Zuweilen hielt dies
ziemlich schwer, wenn man ihn aber das drohende Wort »Absetzung« ins
Ohr flüsterte, so wurde ihm angst, und er that, was man wollte. Kleine
Neckereien, eine Folge seiner Krankheit, suchte man durch Vorsicht zu
verhindern. So waren die Pagen instruirt, bei der Tafel seinen Stuhl
festzuhalten, wenn er zuweilen aufstehen wollte, um die Andern am Essen
zu verhindern. Einen und den andern Pagenstreich dagegen konnte man doch
nicht hintertreiben. Es war am Hofe verboten, mit ihm zu reden, und ihm
zu antworten, wenn er fragte; nichtsdestoweniger hatte ihn ein Page doch
einmal in einen Winkel zu locken gewußt, und ihm gesagt: »Verrückter
_rex_! mach' mich zum Kammerjunker«. -- Bei dieser Gelegenheit will ich
auch erwähnen, wie er einmal einen Kammerherrn creirte. Er war genöthigt
worden, die Kammerherrnbestallung für einen Mann zu unterschreiben, den
er nicht leiden konnte. In demselben Augenblicke kam einer der niedern
Hausofficianten ins Kabinet, in seiner gelben Jacke, die Mütze mit des
Königs Namenszuge auf dem Kopfe, mit einer Tracht Brennholz auf dem
Rücken, das er beim Kamine niederlegte. »Du, höre mal«! rief der König:
»willst Du Kammerherr sein«? Auf die wiederholte Frage antwortete der
Knecht, daß es nicht so übel wäre, wenn er es werden könnte. »Nichts
ist leichter«! antwortete der König, »folge mir«! Es war gerade eine
Versammlung des Hofes in dem großen Saal neben dem Kabinete. Der König
faßte den Hausknecht bei der Hand, öffnete die Thür, trat in die
Mitte der Versammlung ein und rief mit lauter Stimme: »Ich ernenne
diesen Mann zu meinem Kammerherrn«. Der Marschall nahm später den Mann
zu sich hinauf; dieser sah selbst ein, daß er nicht zum Kammerherrn
paßte, und daß ihm mit einer Würde nicht gedient sein könne, zu deren
Aufrechterhaltung ihm die Mittel fehlten; und er war deshalb sehr
erfreut über die Nachricht, daß man, in Betracht der gnädigen Gesinnung,
welche Sr. Majestät gegen ihn gezeigt habe, ihm ein schönes Bauerngut
kaufen wolle. -- Aber Christian hatte auch seine lichten Augenblicke.
Einmal in einer ähnlichen Abendgesellschaft trat er mitten unter den
großen Hofschwarm, machte ein Zeichen mit der Hand und rief: Ruhe!
Und als Alle vor Verwunderung und Bestürzung schwiegen, declamirte er
laut, deutlich, vortrefflich und mit tiefem Ernste Klopstock's Ode an
die Fürsten. Als es geschehen war, lachte er laut und ging wieder. --
In seiner Jugend hatte er (ebenso wie Gustav III. in Schweden, den er
Vetter Don Quixote nannte) viel scenisches Talent gehabt, und soll den
Orosman in Voltaire's Zaïre gut gespielt haben.
Ries versuchte auf alle Weise, ihn zu zerstreuen und zu unterhalten, so
gut er konnte. Er war mitten im Treiben des Hofes sein einziger Umgang.
Sie spielten täglich Billard zusammen; der König wollte immer hoch
spielen. Ries that als ob er sich darin fand, und gewann scheinbar große
Summen. Wenn er dann sagte: »Wollen Ew. Majestät nicht die Gnade haben
mich zu bezahlen, ich brauche Geld«, so antwortete der König schlau:
»Sprecht mit dem Kronprinzen«!
Aber obgleich nun Christian VII. auf seine Art Ries lieb hatte, und
vom Morgen bis zum Abend mit ihm lebte, so war Christian doch so kalt,
gefühllos und feig geworden, daß es ihn gar nicht geschmerzt hätte, wenn
man ihm eines Tages erzählt haben würde: »Ries ist gefangen«! »Und«,
sagte dieser, »hätte er gehört, daß ich hingerichtet werden sollte,
so würde er nicht nach der Ursache gefragt, oder irgend einen Schritt
gethan haben, um mich zu retten«.
Ries starb vor ein paar Jahren; in seinen Gedichten war Phantasie und
Kraft, er hatte etwas »Bürger'sches«, und die Romanze glückte ihm am
besten.
* * * * *
[Sidenote: Commandeur Sölling.]
Ein Mann, dessen ich mich gerade wegen seiner außerordentlichen
Verschiedenheit von Ries bei dieser Gelegenheit erinnere, und der
mich oft besuchte, war Commandeur =Sölling=. Keiner leugnet, daß der
dänische Matrose stets etwas ganz besonderes Charakteristisches gehabt
habe. So lange das deutsche Element hier in Dänemark herrschte, war der
Seeetat fast das Einzige, was das nationale Gefühl repräsentirte. Unsere
alten Wikingszüge, Knud's, Svend Gabelbart's, Waldemar's und Absalon's
Heldenzüge, und (nachdem die unglückselige lübecker Zeit vorüber war,
wo die deutschen Krämer auf ihren Schiffen hersegelten und uns in Zucht
hielten) das Andenken an die Juels Hvidtfeldt, Adeler, und Tordenskjold
frischte das alte nationale Gefühl auf. Diesem Gefühle setzte die
Schlacht am 2. April 1801 die Krone auf, bei welcher Gelegenheit Nelson
sagte: (Siehe: _Southey, Life of Nelson_): »Die Franzosen schlagen sich
gut; aber das Feuer, das die Dänen vier Stunden lang ausgehalten haben,
würden jene nicht eine einzige ertragen haben.«
Das muntere, schnelle, stolze, unerschrockene, launige, oft witzige
Wesen, das sich so vielfach bei dem dänischen Matrosen zeigt, fand
sich auch bei vielen der Officiere. Englisch und Französisch wurde
auf der Seecadettenakademie gelehrt, aber nicht Deutsch. Mit dem
Deutschen hatten die Söhne des Meeres Nichts zu thun; sie trugen kein
Von vor ihrem Namen, und selbst der Adelige legte als Marineofficier
das seinige ab. Ein gewisses Verspotten der Convenienz gehörte mit zu
diesem Tone. Allmälig hörte dieser auf; Sölling aber war noch eines
der Exemplare, die dieses Gepräge behalten hatten, er setzte es fort,
und das stand dem kleinen gewandten, feurigen Seemanne gut, man mußte
es ihm verzeihen, daß er das Wesen bisweilen mit einer Art Coquetterie
übertrieb, und es ein Bischen zu lange als alter Mann fortsetzte. -- Ein
paar Anekdoten von ihm fallen mir ein. Als er ein Mal aus Westindien von
einer mißglückten Speculation heimkehrte (die dänischen Marineofficiere
hatten damals das Recht Handel zu treiben), bei seiner hübschen Frau auf
Fredensburg zum Kaffee war und sie ihm ein paar Henkeltassen vorsetzte,
sagte er: »Nein, liebes Kind, dazu haben wir, hol mich der Teufel, die
Mittel nicht!« Damit brach er die Henkel von der Kaffeetasse ab. -- In
der Operette =Peter's Hochzeit= kommt ein schöner Seemannschor vor,
der vor mehreren Jahren bei der Aufführung auf Verlangen des Publikums
wiederholt wurde; denn obgleich es eigentlich nicht gestattet war,
sich nach dem Dacaporuf zu richten, so fand hier eine Ausnahme statt,
und es wurde nicht als eine Wiederholung aus Kunstgenuß, sondern --
was es auch war -- aus Vaterlandsbegeisterung betrachtet. Es ist sehr
möglich, daß Sölling auch damals Derjenige war, der Dacapo gerufen
hatte. Das war aber schon lange her. Nun sollte wieder Peter's Hochzeit
aufgeführt werden, und er ging hin, um sein Dacapo wieder zu rufen, da
er aber nicht musikalisch war, so hatte er vergessen, daß die Strophen
des Chores mehrere Male wiederholt werden. Kaum waren sie das erste
Mal gesungen, so stand er im Parterre auf (ich war selbst zugegen) und
rief sehr höflich, aber mit durchdringender Donnerstimme: »Dürften
wir Sie wohl bitten, das noch ein Mal zu singen?« Da die Wiederholung
gleich kam, so nahm man weiter keine Rücksicht auf die Aufforderung
und setzte den Chor fort. Sölling aber ließ sich nicht abschrecken,
und als er merkte, daß es wirklich zu Ende sei, bat er noch ein Mal
darum, und sein Wunsch wurde erfüllt. -- Sölling hatte sich dadurch
bei der Marine verdient gemacht, daß er die bedeckten Lootsenboote
in Norwegen einführte, wodurch jährlich viele Menschenleben gerettet
wurden. Hier stiftete er die =Bombenbüchse=, eine Anstalt in der
alte Seeleute Aufnahme fanden. Wegen der Concerte, die jährlich zum
Besten dieser Stiftung gegeben wurden, kam Sölling oft zu mir, um sich
Lieder schreiben zu lassen. Bei solchen Gelegenheiten hatten wir lange
Gespräche, in denen er mir seine Schicksale und Abenteuer erzählte.
Diese Erzählung begleitete er stets sehr lebhaft mit starken Bewegungen
und Ausdrücken. Einmal stand er mit mir am Fenster meines Zimmers, das
nach der Universität zu lag. Hier erzählte er mir eine Geschichte, die
ich vergessen habe, wie er einmal an einer Thüre gelauscht und durch
eine Spalte in der Diele geblickt habe, um Etwas zu erfahren. »Ich zog
den Rock aus, sagte er« (dabei that er es), »warf mich auf die Erde«
(dieselbe Bewegung), »und sah durch die Spalte!« (da legte er das
Gesicht gegen meine Thür). »»Lieber Herr Commandeur!«« sagte ich: »»ich
verstehe Sie auch ohne das. Was sollen die Leute denken, wenn man, von
der Straße aus, sieht, daß Ihr Rock ausgezogen wird und Sie auf den
Boden stürzen, während ich neben Ihnen stehe? Man muß ja glauben, daß
ich Sie in meinem eigenen Hause überfalle und plündere. Und wenn nun
Jemand kommt und die Thüre öffnet, so schlägt er Sie vor die Stirn.««
»O, es ist nicht so gefährlich,« sagte er, und sprang wieder auf.
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Leipzig.]
[Sidenote: Dresden. Dr. Carus.]
Im Jahre 1830 machte der Buchhändler Heinrich Brockhaus mit seiner
Frau eine Reise nach Kopenhagen. Er besuchte mich. Frau Brockhaus und
meine Tochter Charlotte wurden bald sehr gute Freundinnen, und da sie
mich baten, diese mit nach Leipzig nehmen zu können, und mich, sie im
nächsten Sommer abzuholen, willigte ich gern ein. Ich traf dort im Juni
1831, wie es verabredet war, ein. Während dieser Zeit hatte Charlotte
Deutsch wie eine Eingeborne gelernt, und corrigirte mich zuweilen,
wenn ich Danismen sagte. Ich hatte auch den =Fischer= übersetzt und
umgearbeitet, den, da er nicht zum Accord mit Max gehörte, Brockhaus
verlegte. Prinz Friedrich von Sachsen war damals in Leipzig und hatte
die Revue über die Communalgarde abgehalten. Friedrich Brockhaus war
hier sein Adjutant. Der Prinz lud mich Abends im Theater in seine Loge
ein, und ich versprach ihm, meine Aufwartung zu machen, wenn ich nach
Dresden kommen würde. Als wir von Leipzig abreisten, begleitete uns
Charlotte's Freundin, Fräulein Ottilie Wagner, eine Schwester der Frau
Brockhaus, nach Kopenhagen. Wir reisten zuerst nach Dresden und dann
nach Berlin; aber ich hatte nicht Zeit, mich an diesen Orten lange
aufzuhalten, da ich nach Hause mußte, um das Rectorat zu übernehmen. In
Dresden war ich einmal bei dem Prinzen Friedrich zu Mittag. Hier traf
ich den berühmten Dr. med. Carus, der in Dresden für eines der größten
ästhetischen Lichter galt, und ein specieller Freund von Tieck war.
Er kam mir nicht sehr freundlich entgegen, opponirte vornehm, und als
die Rede auf Thorwaldsen kam, sagte Herr Carus, daß Thorwaldsen kein
Bildhauer sei; er sei mehr Maler, und deshalb sei auch das Basrelief,
das sich der Malerei mehr nähere, ihm am besten geglückt. Ich erstaunte
höchlichst, und antwortete nur: »Wenn Thorwaldsen nicht Bildhauer ist,
dann weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist.« Ich erinnerte mich meines
Gesprächs vor 15 Jahren mit Tieck, als er sagte: »Wenn Canova ein
Bildhauer ist, so weiß ich nicht, was ein Bildhauer ist« und ich dachte:
»Ihr guten Leute; wüßtet Ihr nur was Ihr selbst seid.« Ich konnte leicht
einsehen, daß ich als Dichter nicht viel in Carus' Augen gelten konnte,
da mein großer Landsmann so abgefertigt wurde.
[Sidenote: Zusammentreffen mit Tieck.]
Aber Tieck fand ich sehr liebenswürdig, er kam mir freundlich entgegen
und das rührte mich. Ich las ihm meinen Fischer und die Drillingsbrüder
von Damask vor, die ihm gefielen. Ich dedicirte ihm beide Stücke mit
folgendem Gedicht:
»Zu meinen Kindermärchen kehr ich wieder;
Doch kann der Mensch nicht aus sich selbst heraus.
Noch schwingt die Phantasie leicht ihr Gefieder,
Doch hat der Dichter Kinder, Weib und Haus.
Nicht mehr Aladdin er die Lampe scheuert,
Ein Fischer, harrt er an dem Strande dreist;
Hat sich das hübsche Wunder doch erneuert?
Zog er in seinem Netz hinauf den Geist?
Doch -- wie die alten Bilder mich besuchen,
Und bringen wieder manch verschwund'nes Glück,
Kehrt auch lebendig -- unter meinen Buchen --
Des Freund's Erinnerung mir treu zurück.
Dir reich ich gern, was in den letzten Träumen --
Zu sehn die nord'sche Muse sich gewagt,
»Ich habe nie verlangt, daß allen Bäumen
Dieselbe Rinde wachse,« Lessing sagt.
Doch edler =Tieck=! wenn auch in ein'gen Dingen
Verschieden, stehen wir uns gar nicht fern:
Den Hippogryph mit breiten bunten Schwingen
Wir reiten nach dem Wunderlande gern.
Hast mir den Weg gezeigt, vom edlen Britten
In Sturm und Sommernacht vorher geritten:
Mein Tieck, ich seh' Dich wieder, helle Thränen
Stehn mir im Auge; Du bist wieder mein.
Holberg's Apostel und Du Freund der Dänen
Du hast nicht aufgehört mein Freund zu sein!« -- --
Tieck schrieb in mein Stammbuch:
Freud' ist mir jetzt geworden,
Es bringt mir lieben Gruß,
Der Dichter aus dem Norden,
Und seinen Bruderkuß.
Er sprach: Warum denn richten?
Da noch die Kraft gesund?
Weit besser klingt das Dichten
Von einem Sängermund.
So darf der Dichter sprechen,
Dem hold die Muse lacht;
Er wird die Lorbeern brechen,
Die sie ihm zugedacht.
Dein freundliches Gemüthe
Hat sich mir längst bewährt;
Mit Deines Kindes Blüthe
Bist Du zurückgekehrt.
Sie spricht des Vaters Wahrheit,
Sie lächelt seinen Blick;
So bleibt denn Lieb' und Klarheit
Der Zukunft auch zurück.
Und neu mit Dir verbunden
Reich ich die Freundes-Hand,
Wie wir uns früh gefunden,
Hast Du mich nie verkannt.
Wir Sanges-Brüder wallten
Durch manchen schönen Raum,
Lebendig festzuhalten
Des Lebens Wunder-Traum.
Seh' ich einst Deine Auen?
Kehrst Du zu unsern Gauen?
Grüß ich Dich dorten, hie?
Doch, wie sich's mag gestalten,
Wir bleiben stets die Alten!
Entfremdet sind wir nie!!«
Dein treuer Freund und Bruder
=Ludwig Tieck=.
[Sidenote: Burgstorph. Rumohr.]
So verbrachte ich einige schöne Tage mit Tieck; ja eines Abends nahm er
sogar meine deutsche Uebersetzung des Holberg hervor und las uns ein
Stück daraus vor, während er sich gewöhnlich an die alte Uebersetzung
zu halten pflegte, was er auch wohl später wieder that. Die pedantische
Weitläufigkeit im Styl und die Plumpheit in den Ausdrücken, die Holberg
selbst weit übersteigen, waren für ihn, der das Original nicht kannte,
nicht abstoßend. Tieck war als vortrefflicher Vorleser bekannt; dieses
Talent hatte er entwickelt, als er eine Reihe von Jahren, als die Gicht
ihn am Gehen verhinderte, fast jeden Abend in einem Kreise von Freunden
oder Reisenden, die ihn besuchten, eins oder das andere Dichterwerk
vorlas. Die Aerzte hatten ihm diese körperliche Anstrengung gerathen,
die also ebenso nützlich für ihn, wie angenehm für Andere wurde. Es
war für ihn ein doppelter Nutzen; denn er machte sich dadurch eine
große Menge von Freunden verbunden, welche seine Gastfreundschaft,
und jeden Abend eine so schöne Unterhaltung in seinem Hause genossen.
Freilich mußte es ihm viel kosten; oft waren zwanzig und mehr Menschen
jeden Abend zum Thee da. Ob Tieck damals eine Pension hatte, weiß ich
nicht. Er schrieb jedes Jahr eine Novelle für Brockhaus' Urania, die
ihm sehr gut honorirt wurde. Aber er stand in einem andern merkwürdigen
Verhältnisse, das so charakterisch war, daß es hier besprochen zu
werden verdient. Durch seine außerordentliche Persönlichkeit -- er
hatte ein schönes Gesicht, dessen große, braune, feurige, und wenn er
wollte, milde Augen, welche Alle einnahmen, die ihm begegneten -- durch
seine Beredtsamkeit, die oft satyrisch und polemisch war, schuf er
sich eine große Partei. Da er nun ganz sein eigener Herr war, kein Amt
hatte, durchaus nicht von der Zeit abhing, und sehr viel Lust spürte,
umherzureisen, und Kunstwerke und Naturschönheiten zu sehen, so fand er
sehr leicht junge enthusiastische Freunde, die nichts mehr wünschten,
als in dem innigsten Verhältnisse mit ihm zu stehen, und das Leben
mit ihm zu theilen. So fand er früh einen Baron =Burgstorph=, später
den berühmten =Rumohr=, die beide reich waren, und eine Freude daran
fanden, Das herbeizuschaffen, was Tieck fehlte. Auf diese Art reiste
er wahrscheinlich nach Italien. Daß Rumohr später Tieck nicht leiden
konnte, beweist Nichts, da Rumohr ein Sonderling und rechthaberisch
hinsichtlich seiner Kunsturtheile war (wenn auch wirklich ein seltener
Kunstkenner); er wollte auch Poet, wenigstens Novellenschreiber sein,
und hat als solcher wahrscheinlich Tieck nicht gefallen. In spätern
Jahren hatte sich eine Gräfin Finkenstein aus einer der ersten
preußischen Familien der Tieck'schen ganz angeschlossen. Tieck's Frau
war eine Tochter des Predigers Alberti, seine Töchter, Dorothea und
Agnes, waren bereits erwachsen. Nun lebten sie mehrere Jahre zusammen,
und die Einladungen von Tieck geschahen stets im Namen der Gräfin von
Finkenstein. Sie freute sich während der Vorlesungen zugegenzusein, und
ihre Augen beobachteten die der Zuhörer, um zu sehen, welchen Eindruck
der Vortrag ihres Lieblings auf sie machte.
[Sidenote: Gräfin Finkenstein. Böttiger.]
Tieck las den Holberg mit seiner gewöhnlichen Virtuosität und Laune vor;
aber es fehlte ihm natürlich Etwas vom nationalen Elemente. Ich hätte
gern auch einmal ein Stück von Holberg vorgelesen, um Tieck eine Idee
von der Art und Weise zu geben, wie wir Dänen den Dichter auffassen;
auch mir ist zu Hause Beifall beim Vorlesen von Dichterwerken geworden,
obwohl ich nur selten las. Aber -- ich merkte wohl, daß Tieck ein
Bedürfniß hatte, selbst zu lesen, und sprach also nicht davon. Wenn es
Dramen waren, so ging es gut; zuweilen aber las er ganz lange Novellen
vor, und das war zu viel. Auch glückte ihm das Komische viel besser als
das Tragische, wobei er nicht selten in einen trockenen, manirirten Ton
verfiel. Wenn nun hiezu kam, daß die Fenster selbst in den Hundstagen
geschlossen werden mußten, so verursachte mir das eine Betäubung, die
zuweilen in unbezwinglichen Schlummer überging.
In Dresden besuchte ich auch meinen alten Freund =Böttiger=. Seit dem
gestiefelten Kater, in welchem Stücke Böttiger eine persönliche Rolle
spielt, war kein gutes Vernehmen zwischen ihm und Tieck gewesen, wobei
die Schuld wohl mehr an diesem als an jenem liegen mochte. Tieck sprach
stets mit Geringschätzung von Böttiger, der vorsichtige, artige, alte
Mann dagegen wägte stets seine Worte ab. Nur einmal, da es ungeheuer
heiß war, sagte er mit schelmischem Lächeln: »Sie sollen Tieck heute
Abend hören! Sie Glücklicher«!
In mein Stammbuch schrieb er:
»Zweizüngig ward einst Ennius genannt
Auch Du, mein Freund, hast, wie bekannt,
Unsterblichkeit Dir in zwei Schwesterzungen
Mit aller Musen Gunst errungen.
Teutonia und Daniska legt' ein Lorbeerreis
Dir auf die Wiege. Wer möcht' nicht um diesen Preis
Zweizüngler sein in biedrer Männer Kreis?«
* * * * *
In Berlin ging ich gleich zu meinem alten Gönner, dem Grafen Bernstorff,
der nun preußischer Minister war. Er kam mir mit offenen Armen entgegen,
und sagte, indem er auf den Tisch zeigte: »Da liegen Sie! Ich habe mich
gerade in diesen Tagen mit Ihnen beschäftigt«. Es war meine Deutsch
geschriebene Selbstbiographie, mit der meine Werke bei Max anfingen.
* * * * *
[Sidenote: Berlin. Wilhelm von Humboldt.]
Ein paar Tage darauf fuhr ich nach Tegel hinaus, um den Staatsminister
Wilhelm von Humboldt, nicht als Minister, sondern als Gelehrten, als
Aesthethiker, und als Schiller's vieljährigen vertrauten Freund, zu
besuchen. Es hatte sich bisher in meinem Leben noch nicht so gefügt, daß
ich mit diesem seltenen Manne zusammengetroffen war. Seine Frau hatte
ich in Rom 1809 sehr gut gekannt, wo ich sie zuweilen mit Frau Brun und
Thorwaldsen besuchte.
Als ich nach Tegel in den kleinen Lusthain kam, der an das Haus stößt,
wo er wohnte, stand Graf Raczynski da und zeichnete eine Waldpartie. Er
war mehrere Jahre preußischer Minister in Kopenhagen, wo er mich gleich
besuchte und mich zu seinem gastlichen Tische einlud. Er war reich, ein
Pole von Geburt, Kunstkenner, Freund der Poesie, und zeichnete selbst.
-- Als ich ihm erzählte, daß ich Humboldt besuchen wolle, sagte er
mir, daß er bereits dort gewesen, aber nicht angenommen worden sei.
Ich wollte wieder umkehren; aber Raczynski sagte: »Nein, gehen Sie
nur! Sie werden schon vorgelassen«! Er meinte wohl, daß, obgleich der
Minister nicht für den Minister zu Hause sein wollte, um sich nicht mit
Staatsangelegenheiten beschäftigen zu müssen, er doch gerade dadurch
als Gelehrter und Kunstfreund eine Musezeit gewonnen hätte, die er dem
Dichter schenken könne. Und das war auch der Fall. Humboldt kam mir wie
ein alter Freund entgegen, ergriff meine beiden Hände, sah mich lange
und freundlich mit seinen großen geistvollen Augen an, indem er ausrief:
»Oehlenschläger«!
Wir hatten nun ein langes Gespräch, und ich mußte mit ihm durch den Wald
zum prächtigen Grabmal seiner Frau gehen. Auf dem Wege stand Raczynski
noch immer und zeichnete. Humboldt grüßte ihn freundlich, ohne das
Gespräch zu unterbrechen, und ging weiter. Dies war das erste und letzte
Mal, daß ich diesen ausgezeichneten Mann sah.
* * * * *
[Sidenote: Raczynski. Stieglitz.]
Mit Raczynski war ich im Theater und sah Devrient den Shylok und Madame
Stich die Portia in Shakespeare's Kaufmann von Venedig spielen. Ich
bewunderte hier die letzten Strahlen des großen Künstlergenies, das sich
seinem Ende näherte. Madame Stich war anmuthig und herrlich als Portia.
--
Einen angenehmen Abend brachte ich bei einer Familie zu, die später
durch ihr unglückliches Geschick berühmt geworden. Es war dies beim
Doctor Stieglitz und seiner jungen reizenden Frau. Hier traf ich auch
Theodor Mundt als ganz jungen Mann. Er hat später in einer Schrift das
unglückliche Ereigniß erzählt. Die junge Charlotte Stieglitz liebte
ihren Mann sehr, und er sie; aber doch glaubte sie, von einer stillen,
sonderbaren Schwärmerei ergriffen, daß sie ihn nicht glücklich mache.
Sie sprach nicht darüber, und er hatte keine Ahnung von Dem, was in
ihrem Innern vorging. Einmal, als er in Gesellschaft gehen wollte,
hatte sie sich zu entschuldigen gewußt. Als er nach Hause kam, fand
er das Haus in der gewöhnlichen Ordnung, aber seine Frau hatte sich
zu Bett gelegt. Er näherte sich dem Bette, das auch sehr reinlich mit
feinen, weißen Laken bedeckt war. Sie lag lächelnd in graciösem Negligée
da. Aber einige Blutflecken erschreckten ihn, und als er die Decke
zurückschlug, sah er die schöne Charlotte Stieglitz mit einem Dolche in
der Brust in ihrem Blute schwimmen.
* * * * *
[Sidenote: Prometheus. Tordenskjold.]
Bei meiner Rückkehr in die Heimath wurde ich Rector, und war in den
Jahren 1831, 32 und 33 sehr fleißig. Ich schrieb und hielt zwei
lateinische Reden, gab die Monatsschrift =Prometheus= heraus, wobei ich
nur wenig Hülfe hatte, und in der Vieles Original war; außerdem schrieb
ich die Tragödien =Tordenskjold= und =Königin Margareta=.
Prometheus enthält unter Anderm Novellen vom Herausgeber, Urtheile
über Heiberg's, Overskou's und Hertz's dramatische Arbeiten, die
Vertheidigung Thomas Thaarup's gegen Molbech's Herabsetzung, eine
Widerlegung der Beurtheilung desselben über Balder's Tod von Ewald u.
a. m. Aber hiervon will ich keine Auszüge geben, da ich, wenn diese
ausführlichere Lebensbeschreibung erschienen ist, gedenke, meine
=ästethischen Abhandlungen= in einem besondern Bande herauszugeben.
* * * * *
[Sidenote: Meine Tochter Charlotte.]
Fräulein Ottilie Wagner, welche mit von Leipzig gekommen war, blieb
ein Jahr bei uns und war Charlotte's vertraute Freundin. -- Ich muß
nun Etwas von diesem lieben Kinde, das mich so früh verließ, sprechen.
Alle, die sie kannten, waren von ihrem Wesen und ihren Fähigkeiten
eingenommen. Auf der Reise hatte sie auf Jeden, dem sie begegnete, einen
angenehmen Eindruck gemacht, unter Anderen auf Tieck, was man aus dem
Gedichte sieht, das er mir schrieb. Sie hatte viele Fertigkeiten, tanzte
hübsch, spielte gut das Piano, sang mit Leichtigkeit und Grazie alle
Mozart'schen und Rossini'schen Arien. Sie sprach Deutsch so gut wie
Dänisch, konnte Französisch und Englisch, wie auch etwas Italienisch;
alle weiblichen Arbeiten gingen ihr leicht von Händen. Sie war witzig,
begeistert und oft beredt; aber eigentlich munter war sie nicht, und
es fehlte ihr die im Leben nöthige Besonnenheit und Ruhe; sie nahm
auch keine Rücksicht auf Verhältnisse; was sie wollte, das wollte sie.
Wenn Alles nach ihrem Wunsche ging, war sie kindlich und sanft; aber
Widerstand konnte sie zu einer Leidenschaftlichkeit bringen, die keine
Vernunftgründe mehr annahm.
Liebe zur Poesie und Schauspielkunst hatte sie von mir geerbt; sie
sah den jungen =Ludwig Phister=, der gerade damals anfing sich
auszuzeichnen; er besuchte uns zuweilen, hörte sie singen und wurde
von ihr eingenommen. Sie gewann ihn lieb, wollte ihr Schicksal mit ihm
theilen, und betrat als seine Gattin selbst auf kurze Zeit die Bühne.
Ich sah ein, daß es damit keinen Bestand haben würde. Obgleich sie das
Hegersche Talent geerbt hatte, Leuten ihre Stimme nachzumachen, sodaß
ihre Freunde und Freundinnen sich gruppenweise um sie versammelten, wenn
sie ihnen dies Vergnügen bereitete, so besaß sie doch wohl kaum ein
eigentliches Talent für die Bühne. Hatte sie auch viele Jahre hindurch
als Dilettantin die größten Arien schön gesungen, so war dies doch für
eine Künstlerin nicht genügend; es fehlte ihr die nöthige Schule, und
=Siboni=, der sie sonst sehr lieb hatte, durfte sie doch nur in der
kleinen Partie der =Fanchon= auftreten lassen. Und selbst hier hätte sie
beinahe nicht ausgereicht; denn als sie eine kleine Arie singen sollte,
vergaß sie gleich einzufallen und verneigte sich bittend gegen den
Concertmeister =Schall=, welcher dirigirte. Aber er konnte nicht noch
einmal anfangen, und schüttelte mit dem Kopfe. Nun faßte sie sich, fiel
rasch im nächsten Tacte ein, und sang ihre Arie so gut, daß sie einen
stürmischen Beifall erhielt, der kaum enden wollte. Aber sowohl sie als
auch wir Anderen fühlten wohl, daß dieser Ausbruch des Publikums nicht
als Beifall für die Sängerin, sondern als Theilnahme für die Tochter des
Dichters betrachtet werden mußte. Sie wurde selbst bald dieser Versuche
müde und trat zurück.
* * * * *
[Sidenote: Plan Norwegen zu besuchen.]
Ich hatte einen so freundlichen Empfang in Schweden gefunden, daß
die Lust, Norwegen einmal zu sehen, natürlich in mir erwachen mußte.
Ich zweifelte nicht daran, daß ich auch dort Freunde finden würde.
Freilich war eine Zeitlang nach Norwegens Vereinigung mit Schweden
eine eigenthümliche Stimmung gegen Dänemark und Alles was Dänisch
war, eingetreten, sodaß dies fast von einem solchen Versuche hätte
abschrecken können. Aber diese Verachtung, die fast in Haß überging,
fand sich nur bei einigen exaltirten jungen Leuten, die freilich in
den ersten Jahren den Ton angaben. Nun hatte der Sturm sich gelegt,
Billigkeit war an seine Stelle getreten, die Stimme der Aelteren wurde
wieder gehört. Von der Zeit an, wo ich denken konnte, bis zum Jahre
1814, d. h. von meinen frühsten Kinderjahren an bis in mein reifes
Mannesalter, war ich gewohnt gewesen, die Norweger als meine Landsleute
und Norwegen halb als mein Vaterland zu betrachten. Deshalb entstand
auch, wenn ich dichtete, niemals in meinem Herzen die Frage, ob die
Scene in Dänemark oder in Norwegen, ob der Held ein Norweger oder
ein Däne sein solle. Und trotz der politischen Trennung ist dieses
Gefühl bei mir nie erstorben, weil die Sprache und Literatur und viele
Familienverhältnisse uns stets geistig verbinden.
Bei Rahbeks war ich als Jüngling gewöhnt begabte junge Norweger zu
sehen. Das rasche, stolze Wesen der Bergbewohner sagte uns zu, weil
es mit inniger Gutmüthigkeit verbunden war. Wenn sie uns recht kennen
gelernt hatten, liebten sie uns. Ueber ihr zuweilen zu weit getriebenes
Selbstgefühl scherzten wir. Eines Abends sagte Camma in dem muntern
Tone, der ihr so gut stand, zu einem jungen norwegischen Maler Kalmeier:
»Ich mag die Norweger sehr gern, wenn sie nur nicht so großmäulig wären;
doch Kalmeier macht eine Ausnahme«. -- »»Ich wär nicht großmäulig««?
fragte Kalmeier in demselben lustigen Tone: »»ich bin es gerade erst
recht««!
Meine Freundschaft zu den vielen Norwegern, mit denen ich in
verschiedenen Zeiten verkehrt hatte, machte, daß ich Norwegen stets
liebte. Baldur der Gute und die Götter des Nordens gehören ja ebenso
sehr Norwegen, wie Dänemark; Hakon Jarl, Axel, Hagbarth, Stärkodder,
Tordenskjold sind norwegische Helden. Ich meinte es sei unvernünftig
und herzlos, wenn man diese Gedichte, als etwas der norwegischen
Literatur Fremdes, von ihr trennen wollte. Aber es gab auch Niemanden,
der das that, und als ich in das liebe Felsenland kam, fand ich die
freundlichste Aufnahme.
In einem Gedichte, =die Reise nach Norwegen=, habe ich poetisch
beschrieben, was mir dort begegnet; in meinen gesammelten Schriften
habe ich diese Gedichte getrennt; einige stehen unter den lyrischen
Gedichten, andere unter den Romanzen.
* * * * *
[Sidenote: Reise nach Norwegen.]
In Christiania traf ich einige alte Bekannte wieder, die hier meine
Freunde wurden, unter Anderen den Staatsrath =Treschow=, die Professoren
=Sverdrup= und =Schjelderup=. Wir waren Alle vor etwa zwanzig Jahren
Collegen an der Kopenhagener Universität gewesen. Treschow war mir
früh dadurch merkwürdig, daß er bereits Rosing's Rector gewesen war,
als dieser in Drontheim die Schule besuchte. Ich machte dem Prinzen
Oskar meine Aufwartung, um ihm für die Gnade zu danken, die er mir
erwiesen hatte. Der schöne junge Fürst kam mir freundlich entgegen,
und ich lernte in ihm bald den vertrauten Freund der Musen kennen. Ich
war zweimal bei ihm zur Tafel. Ryge war nach Christiania gekommen und
Hakon Jarl sollte aufgeführt werden. Prinz Oskar lud mich ein, ihm in
seine Loge zu folgen; aber ich verstand ihn nicht recht und glaubte,
ich sollte mich beim Theater einfinden. Ich stand und wartete, aber
der Wagen des Prinzen kam noch immer nicht. Endlich spazierten seine
Cavaliere nach dem Theater und wunderten sich, mich an der Thür stehen
zu sehen; sie erzählten mir, daß der Prinz mich im Hôtel mit seinem
Wagen erwarte. Nun wurde ich sehr verlegen und bat einen der Cavaliere,
der ohnehin zurückkehren wollte, mich zu entschuldigen und dem Prinzen
zu sagen, daß ich seine Einladung mißverstanden hätte, mich aber
jetzt schäme wieder durch die Stadt zurückzugehen. Der Prinz lachte
und nahm meine Entschuldigung freundlich auf; ich war bei ihm in der
Loge und Ryge spielte seinen Hakon, aber nicht ganz mit dem Leben, wie
gewöhnlich, da es ihm an Unterstützung bei seinen Mitspielern fehlte.
Bei dieser Gelegenheit merkte ich im Laufe des Gesprächs während des
Schauspiels, daß der Prinz Oskar seinen Suorro Sturleson und seine
isländischen Sagen trotz Einem kannte.
* * * * *
[Sidenote: Ehrenvolle Aufnahme.]
Ein paar Tage darauf kamen die Professoren =Sverdrup=, =Hersleb= und
=Hansteen= zu mir ins Hôtel du Nord, um als Deputation der Universität,
der Männer des Storthings und der Stadt mich zu einem Festmahle
einzuladen. Ich habe beschlossen, im Verlauf dieser Biographie, mit
Ausnahme der historisch merkwürdigen Gedichte, alle diejenigen zu
überspringen, welche mich bei dieser und ähnlichen Gelegenheiten ehrten;
deshalb lasse ich hier auch Welhaven's schönes Lied aus. Was ich aber
nicht über mich gewinnen kann auszulassen, ist Sverdrup's Rede. Dieser
seltene, schöne, kräftige Norweger, von griechischem Geiste gebildet,
einer der ersten Staatsbürger des Landes, der in der Katastrophe von
1814 großen Einfluß auf König Christian gehabt, und ihn unter Anderm
dazu vermocht hatte, als er nach Drontheim zur Krönung reiste, keinen
Anspruch auf die Souverainetät zu machen; -- dieser Mann ehrte mich
bei dem Feste durch eine Rede, welche ich ebenso hoch stelle, wie die
Ordensdecoration eines Fürsten, und sie deshalb nicht entbehren möchte.
Ich besitze sie von seiner eigener Hand; meine Leser sollen sie kennen
lernen, und ich drucke sie deshalb hier ab.
»In seinem Zeitalter ausgezeichnet durch große und seltene Dichtergaben,
und als Lehrer und Meister seiner und aller künftigen Zeiten
dazustehen, ist groß und herrlich, und weckt Aller Bewunderung. Wenn
diese herrlichsten Gaben des menschlichen Geistes sich aus einem
frommen und tiefen Gemüthe entwickelt haben, so strahlen sie in mildem
Glanze der Liebe und gewinnen alle Herzen. Lebhafte Anerkennung von
dem hohen Werthe des großen Dichters unsers Nordens, Dankbarkeit
und Liebe, haben heute diese Gesellschaft norwegischer Männer und
Jünglinge versammelt, welche ihre Dankbarkeit und ihre hohe Achtung
vor dem Dichter Adam Oehlenschläger an den Tag legen möchten, der uns
zuerst die großen, geistigen Schätze kennen lehrte, welche unsere
Vorfahren uns hinterlassen haben, und in unserer eigenen Heimath
unserm Blicke eine neue und große Welt der Poesie, der Wissenschaft
und Kunst öffnete; der mit dem Falkenblicke des Genie's durchschaute,
mit der lebhaftesten Phantasie vereinigte und in den kräftigsten,
anmuthigsten und schmelzendsten Tönen sang, was unsere Vorfahren
geahnt, gedacht, gehandelt und gelitten haben. Empfange, edler Dichter,
den ungeheucheltsten Beweis unserer Hochachtung und Liebe, und sei
willkommen, herzlich willkommen in dem alten Felsenlande unserer Väter«!
[Sidenote: Festmahl.]
Es war mir bei diesem Mahle lieb, als ich dankbar einen Toast auf
Norwegens Wohl ausbringen wollte, denselben mit einem herrlichen,
norwegischen Liede aus älterer Zeit begleiten zu können, das Keiner der
Anwesenden, außer mir, auswendig wußte, weshalb ich es auch vor der
ganzen Gesellschaft allein sang; es war das herrliche Volkslied =Nordahl
Bruun's=: »Wohn' ich auf dem hohen Fels u. s. w.«. Ein schöneres giebt
es nicht, und schon durch dieses allein hat sich der Verfasser einen
verdienten Namen unter den norwegischen Dichtern erworben. Zarine und
Einar Tambeskjälver konnten ihn ihm nicht verschaffen; und seine andern
Gesänge stehen weit unter jenem.
* * * * *
In Opslo besuchte ich den ehrwürdigen Bischof =Sörensen=. Seinen
Fenstern gerade gegenüber hatte die Kirche gestanden, wo Sigurd, der
Jerusalemsfahrer, begraben war. Wir spielten l'Hombre zusammen; ich war
unglücklich gewesen und hatte verloren; es war unbedeutend, denn ich
spiele nie hoch; aber der gute alte Bischof wollte wahrscheinlich, daß
ich auch nicht das Geringste in seinem Hause verlieren sollte, weshalb
er, als das Spiel zu Ende war, alle Marken untereinander warf.
In Opslo begegnete ich einigen so zerlumpten Armen, wie ich sie nie
früher gesehen hatte. Einige taumelten umher und konnten kaum stehen.
Ich glaubte sie wären krank, hörte aber zu meiner Beruhigung, daß sie
nur betrunken seien.
* * * * *
[Sidenote: Reise in das Innere Norwegens.]
Ich beschloß eine Reise ins Land, wenn gleich diesmal nur ins
Christianiastift zu machen. Mein Freund, der Buchhändler =Dahl=, der mir
stets die größte Zuneigung gezeigt hatte (ich kannte ihn von Kindheit
an), übernahm, als Reisegefährte, die nothwendigen Geschäfte.
Ich sah zuerst den herrlichen =Krogklev=, der zwar nicht zu den wilden,
großen Gebirgsgegenden gehört, welche sich im Stift Bergen, besonders
in Telemarken finden; aber er ist schön und malerisch, man kann leicht
von der Hauptstadt dahin gelangen, und er wird in Norwegen, sowie der
Rigi in der Schweiz, von allen Reisenden besucht. Der Krogklev hat vor
den wilden Berggegenden das voraus, daß er eine hohe, kühne Natur mit
ruhiger Thalschönheit vereinigt, denn durch seine Riesenspalten sieht
man (bei Sonnenschein) das ganze, lachende, fruchtbare Ringerike, wo
Halfdan Svarte's Haupt mitten auf dem Felde begraben liegt, und von dort
kamen wir nach dem Predigerhause in Norderhoug, das durch die Sage von
der tapfern Anna Kolbjörnsen verherrlicht ist.
Die Ströme und Wasserfälle, Ringerike und Modun, die zwei
Skjutszwillinge, die mich fuhren, das schöne norwegische Bauermädchen
in der Hütte, Sct. Olaf's alte Sage, die man überall hört, wo ein
Felsstück seltsam hervorspringt, meine Fahrt in die Kongsberger Grube
hinab, wo ich vor Müdigkeit fast nicht wieder hinaufgekommen wäre, mein
Besuch in Drammen bei dem gastfreien Amtmann Blom, wo ich mein Bild
an der Wand, einen alten Jugendfreund Wulfsberg bei Tisch, und in der
Kirche Erinnerungen der Kindheit fand; -- das Alles findet sich zugleich
mit meinem dankbaren Lebewohl in dem Gedichte: »Die Reise nach Norwegen«
besungen.
* * * * *
[Sidenote: Ein Brief des Kronprinzen Oskar.]
Sobald das oben genannte Werk gedruckt war, sandte ich meinem
königlichen Gönner, dem Kronprinzen Oskar, ein Exemplar desselben. Sr.
Majestät wird gewiß nicht zürnen oder es ungnädig aufnehmen, daß ich den
Brief, mit dem er mich beehrte, hier abdrucke; ich kann mir die Freude
nicht versagen, die mir erwiesene Ehre zu veröffentlichen, und die
Nachwelt soll den Ton kennen lernen, in dem ein erhabener Fürst zu einem
Künstler sprach.
Stockholm, den 28. Februar 1830.
»Herr Professor Oehlenschläger! Mit wahrhafter Freude habe ich die mir
übersandte Reise in Norwegen gelesen, welche nicht allein so schöne
Bilder von der Natur und dem Volke des Nordens bringt, wie man sie vom
Verfasser des Hakon Jarl erwarten konnte, sondern welche auch in mir
die Erinnerung an die angenehmen Stunden wiedererweckt hat, welche
ich im vergangenen Sommer in Norwegen zubrachte. Unter die vielen
Veranlassungen zur Freude, welche ich daselbst gefunden, zähle ich auch
die Befriedigung, einen Mann persönlich kennen gelernt zu haben, dessen
allgemein geachtete Schriften mir so lange bekannt waren, und mir so
viele Genüsse bereiteten. Der ungetheilte Beifall, den Ihre Arbeiten,
Herr Professor, hier in Schweden gefunden haben, muß Sie überzeugen,
daß wir mit Freuden den Sänger =Helge's= und der =Götter des Nordens=
bei uns sehen würden; und indem ich Sie an Ihr Versprechen erinnere,
uns einmal zu besuchen, wiederhole ich, was ich mündlich in Norwegen
äußerte, daß Sie uns herzlich willkommen sein werden, wenn die Umstände
es Ihnen gestatten, diese Reise zu unternehmen.
Ich benutze mit Freuden diese Gelegenheit, Sie, Herr Professor, meiner
besondern Hochachtung und aufrichtigen Freundschaft zu versichern.
=Oskar=«.
* * * * *
[Sidenote: Veränderungen in meinem häuslichen Leben.]
In diesem Jahre starb mein Freund, der Bischof =Peter Erasmus Müller=,
der sich durch seine vortreffliche Sagenbibliothek und andere Schriften
so verdient um die nordische Literatur gemacht hat. Nun wurde der
Confessionarius Dr. Jakob Peter Mynster Bischof und mußte seinen
Amtsantritt mit dem traurigen Geschäfte beginnen, einen seiner ältesten
Freunde aus seinem Paradiese oder dem Bischofshause zu jagen. Es war
nicht anders möglich, da die Wittwe des Bischofs in den Zimmern wohnen
sollte, die ich früher inne hatte. Ich zog also nach der Weststraße,
wo es lange nicht so schön war. Aber ich wollte gern in der Nähe des
Westthores wohnen, um leicht nach Friedrichsberg hinauskommen zu können,
wo ich jeden Nachmittag meinen Thee trank. Die Weststraße bot mir
überhaupt liebe Erinnerungen dar; dort hatte ich in meiner Jugend fünf
Jahre gelebt, den Aladdin und mehrere andere Dichtungen geschrieben;
dort hatten Oersteds gewohnt, und mir war im Kreise meiner lieben
Schwester manche frohe Stunde daselbst verstrichen.
Aber es hatte bei dieser Ortsveränderung nicht sein Bewenden, eine
andere viel größere, geistige Veränderung sollte in mein Leben
eingreifen; ich sollte wieder einen Schmerz und eine Wehmuth gleich
denen bei Sophia's und Camma's Tod empfinden; meine =Charlotte= folgte
ihnen.
[Sidenote: Tod meiner Tochter Charlotte.]
Das Jahr vorher hatte sie eine Tochter geboren, die nach ihrer seligen
Tante genannt wurde; nun war sie wieder guter Hoffnung und sehr
schwächlich. Ihre frühere, blühende Gesundheit war dahin. Ich besuchte
sie täglich nach der Entbindung, und hatte doch noch Hoffnung. Ich
hatte gerade kurz vorher meinen Sokrates geschrieben, mußte ihr Viel
davon erzählen, und besonders =Daphne= beschäftigte ihre Phantasie.
Das letzte Mal, als ich sie besuchte, war sie dem Tode nahe. Ich hatte
ihr einmal von Herder erzählt, der, als er seinem Ende nahe war, einen
Freund gebeten hatte: »Sage mir einen großen Gedanken«! Nun flüsterte
sie mir freundlich zu: »Sage mir einen Trost«! Ach, ich konnte in diesem
Augenblicke Nichts sagen. Ich drückte ihre Hand mit einem liebevollen
Vaterblick und ging. Als ich das nächste Mal wieder kam, bedurfte
sie keines Trostes mehr. Das bleiche Antlitz zeigte keinen Zug von
Schmerz oder Kummer. Die hohe, schöne Ruhe lag darauf, die man in den
griechischen Marmorköpfen bewundert, aber es lag noch mehr, es lag etwas
Himmlisches darin.
Am Beerdigungstage, als ihre Leiche fast bedeckt von Hyacinthen
war, welche die Freundinnen reichlich in dem frühen kurzen Lenze
gesandt hatten, beschien die Sonne noch einmal ihre herrliche Stirn,
die ich küßte, ehe der Schreiner den Deckel des Sarges aufnagelte.
Der gute Mynster hielt eine schöne Gedächtnißrede über sie in der
Friedrichsberger Kirche, wobei er auf den Vers von Salis hindeutete:
Das arme Herz hienieden
Von manchem Sturm bewegt,
Erlangt den wahren Frieden
Nur wo es nicht mehr schlägt.
Charlotte's Tod versetzte meine Seele eine Zeitlang wieder in den
wehmüthigen Zustand, der ein starker Zug meines Charakters ist und der
in unglücklichen Augenblicken oft die Ueberhand nahm, mich aber nie
so beherrschte, daß er mir meine Kraft geraubt und meinem Geiste eine
Einseitigkeit gegeben hätte, die ihn unfähig gemacht haben würde, als
echter Dichter das Menschenleben zu fühlen, zu schauen und darzustellen.
Hierdurch unterscheidet das gesunde Gefühl sich von der schwachen,
krankhaften Gerührtheit, die man später, sehr unphilosophisch, mit jenem
vermischt und mit Verachtung Sentimentalität genannt hat; aber nur die
krankhafte Sentimentalität muß verworfen und verachtet werden; die
gesunde ist die Wirkung vom gemüthlichen Theile des Menschenwesens, sie
ist der negative, empfängliche, leidende Theil, dessen Organ wir Seele
nennen, sowie der Geist das Organ für den positiven, handelnden ist.
Es muß in unserm Ich sowohl ein Activum, wie ein Passivum existiren.
Dieses Letztere spricht seine höchste Idealität im Christenthum
aus; ohne das würden wir bei aller Kraft Heiden bleiben, und wenn
diese Kraft nicht durch Liebe, Selbstverleugnung, Hoffnung und Trost
geleitet wird, so werden wir wieder zu wilden Barbaren. Diese Gedanken
sollten einleuchtend scheinen. Christus lehrte sie uns mit himmlischer
Begeisterung. Aber die Menschen haben stets einen dämonischen Hang, das
milde Gefühl zu verachten, und selbst viele Begabte suchen sie aus der
Philosophie, der Religion, der Poesie und also -- wenn es ihnen glückte
-- aus dem Leben selbst zu verdrängen. Aber es glückt ihnen nicht! Die
Vernunft wird doch die Oberhand behalten; und die Vernunft ist die
harmonische Verbindung von Verstand und Herz, von Geist und Seele.
Ich besuchte also nach dem Tode der lieben Dahingeschiedenen den
Kirchhof recht oft, und setzte auf ihren Leichenstein (ohne zu wissen,
oder mich zu erinnern, daß David Dasselbe von seinem Sohne gesagt
hatte): »Sie kommt nicht mehr zu uns, aber wir kommen zu ihr«!
* * * * *
[Sidenote: Besuch beim Prinzen Christian.]
Von diesen allzuhäufigen Kirchhofbesuchen brachte mich nun eine sehr
herzliche und ehrende Einladung des Prinzen Christian ab: ihn in Odensee
auf Fühnen, wo er Gouverneur war, zu besuchen.
Mein Aufenthalt daselbst war sehr angenehm; und ich hatte, indem
ich einen Monat lang vom Morgen bis zum Abend mit ihm umging, recht
Gelegenheit, seinen milden, freundlichen Charakter kennen zu lernen, der
mit Kenntnissen nach allen Richtungen und einer Intelligenz verbunden
war, die unter Fürsten ihres Gleichen sucht.
Eines Morgens -- ich bin nie eigentlich ein Freund der frühen
Morgenstunden gewesen -- erschreckte mich der Lakai, als ich noch in
Morpheus' Arme lag, indem er mich mit den Worten weckte: »Se. königl.
Hoheit, die im Garten spazieren geht, wünscht, daß Sie ein Wenig zu
ihm herunterkommen mögen«. Ich warf mich eilig in die Kleider und kam,
sobald ich konnte, d. h. nach einer Viertelstunde. Der Prinz, der wohl
von meiner Langschläferei gehört haben mochte, kam mir lächelnd in einer
herrlichen Allee entgegen, in der er mit einem Buche auf- und abging,
und mit seinem Stock auf eine Schnecke zeigte, die ich beinahe zertreten
hätte, als ich mich ihm näherte. Ich ging oft mit ihm in diesen kühlen
Alleen im heißen Sommer; aber eines Tages, als es unerträglich heiß
war, sagte er: »Nun wollen wir einmal hinausgehen, und die Wegearbeit
besehen«. Und nun mußte ich ihm in der brennenden Mittagshitze auf die
Landstraße folgen, wo wir vor los umherliegenden Steinen kaum vorwärts
kommen konnten. Als er die Arbeit angesehen, und mit den Steinsetzern
gesprochen hatte, gingen wir wieder in den schattigen Garten zurück. »Es
war draußen heiß«, sagte er lächelnd. -- »»Hier ists freilich besser,
Ew. königliche Hoheit««! antwortete ich.
Er vereinigte in Odensee das Wesen des Fürsten mit der bequemen
Freiheit des Privatmannes. Mittags war er in Uniform; dann wurden die
Gäste zur Tafel gezogen, und Alles war königlich. Aber am Abend hatte
er es so eingerichtet, daß bei seinem Gouvernementssecretair, Herrn
Etatsrath Holten, Soirée war. Hierher kam er dann selbst als Gast im
schwarzen Frack. Zur Abendgesellschaft waren alle Stände eingeladen:
Gutsbesitzer, Officiere, Beamte und Bürger aus der Stadt. Wenn ich
das Tabackrauchen ausnehme, so ging es hier zu, wie in jeder andern
bürgerlichen Gesellschaft auf dem Lande.
Der Prinz nahm an dem Kartenspiel Theil. Am ersten Abend, wo ich da
war, und er mich nicht sah, fragte er Holten: »Wo ist Oehlenschläger«?
-- »»Er sitzt im andern Zimmer und spielt l'Hombre««! -- »Spielen Sie
l'Hombre«, sagte der Prinz, als ich zu ihm hineinkam, »dann sollten Sie
doch eigentlich mit uns spielen«. -- »»Nein««, antwortete ich, »»Ew.
königl. Hoheit spielen nicht =mein= Spiel; ich spiele nie höher, als
vier Points zu einem Schilling««.
* * * * *
[Sidenote: Der Herzog von Augustenburg.]
Der Herzog von Augustenburg besuchte den Prinz Christian in Odensee.
Hier sah er mich. Sein Vater hatte mein Glück gemacht, indem er den
König auf Schimmelmann's Empfehlung vermochte, mich als Professor an
der Kopenhagener Universität anzustellen. Kein Wunder, daß ich dem
Sohne dankbar entgegen kam. -- Er bat mich, ihn einmal zu besuchen,
und hiervon nahm Prinz Christian Veranlassung, mich mitzunehmen, als
er nach Alsen fuhr. Wer ahnte damals, was leider später geschehen
ist? Ich war der Gast des Herzogs von Augustenburg; obgleich er etwas
Kaltes und Stolzes hatte, das die Herzen nicht gewann, so war er doch
sehr artig und zuvorkommend. Schön war er auch und von der Natur reich
begabt. Obgleich man stets merkte, daß er sich als eine fürstliche
Person fühle, war doch etwas Burschikoses in seinem Wesen. Er war
durchaus der Gegensatz des Prinzen Christian. Dieser hatte, ohne
Stolz zu zeigen, einen Tact, durch den der richtige Ton zwischen ihm
und seiner Umgebung stets auf eine natürliche Weise aufrechterhalten
wurde. Prinz Christian war ein fleißiger Beobachter alles Dessen, was
geschah; er hörte gern Andere sprechen; das Geistreiche interessirte,
das Schöne rührte ihn; heiterer Humor konnte ihn herzlich lachen machen.
Der Herzog hatte diese Aufmerksamkeit für Andere nicht; er war stets
eifrig mit seinen eigenen Ideen beschäftigt, und seine Conversation
bestand eigentlich darin, daß er diese mit einem festen Glauben an
ihre Richtigkeit mittheilte. Prinz Christian konnte den Taback nicht
ausstehen; der Herzog hatte eine Tabagie _à la_ Friedrich Wilhelm I.,
wo er seine Vorlesungen hielt. Ob diese damals bereits politischer
Natur waren, will ich ungesagt sein lassen, denn ich rauche auch nicht
Taback und war nur einmal in der Tabagie, als der Herzog selbst mir auf
dem Vorsaale nachkam und mich hineinholte. Von Poesie und Kunst war
nicht die Rede. Als ich sagte, daß ich zum Prinzen und der Prinzessin
heruntergehen müsse, um Helge vorzulesen, antwortete er: »O das eilt
nicht; Sie können noch ein Bischen warten, bis der Prinz zum Thee alle
seine zwölf Zwiebacke verzehrt haben wird«. Ich dachte: Zwölf kleine
Zwiebacke sind kein großes Abendbrod. Auch anderer Spott blieb nicht
aus. Mittags bei Tische, gewöhnlich, wenn der Herzog nach Art der
englischen Lords selbst den Braten vorschnitt, begannen die Sticheleien
gegen den Prinzen Christian (auch zuweilen gegen die Prinzessin), und
es ging oft so weit, daß ich dachte: wird der Prinz nun nicht aufstehen
und fortgehen? Aber er fand sich sehr geduldig darein. Nur einmal, als
wir uns eines Morgens, wie gewöhnlich, die Vollblutpferde des Herzogs
in ihren hübschen Ständen besahen, legte Prinz Christian seine Hand auf
meine Schulter und sagte: »Nun sind wir in unserm Elemente«!
Zu Caroline Amaliens Geburtstag brachte der Herzog meine Gesundheit aus
und forderte die andern Herrschaften auf, ein Gleiches zu thun. Ich
habe später oft hieran gedacht, und mich darüber gewundert. Ich wußte,
daß der Herzog sich nicht viel um Poesie kümmere; ich glaube er hat nur
wenig von meinen Schriften gelesen, und doch bekam er diesen Einfall! --
Aber ich fühlte mich nicht recht heimisch auf Augustenburg, obgleich der
Herzog in gutem Vernehmen mit der Herzogin lebte, die sehr liebenswürdig
war und reizende Kinder hatte. Das gespannte Verhältniß zwischen Prinz
Christian und ihm peinigte mich. Ich war froh, als ich fort war, zählte
die Tage bis zu meiner Abreise, und athmete erst wieder leicht, als ich
Abschied genommen hatte und von dannen fuhr.
* * * * *
[Sidenote: Güte des Prinzen Christian.]
Als Prinz Christian und die Prinzessin auch nach Seeland zurückkamen,
war ich eines Tages bei ihnen auf Sorgenfrei zu Tafel. Nach der Mahlzeit
sagte mir der Marschall, daß Ihre königlichen Hoheiten mit mir im
Gemache der Prinzessin sprechen wollten. Auf dem Wege dorthin begegnete
ich dem Prinzen, der ein großes Gemälde trug. Es war ein Bild von
=Södring=, Axel und Valborg's Grab, das ein junges Bauernpaar mit Rosen
bekränzt. Der Prinz stellte es vor mir auf, zog ein Blatt Papier hervor
und las, augenscheinlich bewegt, ein von ihm selbst verfaßtes Gedicht
vor, welches in Uebersetzung lautet:
Du schauest hier schön Valborg's Grab,
Mit Blüthenkränzen reich geschmückt;
Das Brautpaar ihr die Kränze gab
In Liebeslust so hoch beglückt.
So steigt Vergangenheit hernieder
Und strahlt uns durch die Liebe wieder.
* * * * *
Doch, wer hat Worte ihr gegeben?
Wer führte sie von Norge's Felsenland,
Wo sich die Eschenbäume hoch erheben
Zu trüber Lust uns her nach Dän'marks Strand?
Wer anders war's, als Oehlenschläger, Du?
Von Deinen Lippen klang das Lied uns zu.
Empfang, was Deine Dichtung rief in's Leben,
Wenn die Begeisterung in des Künstlers Hand
Durch Farbengluth ein neues Sein gegeben
Dem, was im hohen Dichtergeist entstand.
Nimm es vom Freunde als ein Angedenken,
Dem Deine Liebe frohe Stunden schenken!
Dem Dichter Adam Oehlenschläger gewidmet von
=Christian Frederik=.
Dieses Gedicht überreichte mir der gute Fürst, nachdem er es mir
vorgelesen hatte, umarmte und küßte mich, und die Prinzessin reichte mir
freundlich die Hand.
* * * * *
[Sidenote: Tod Karl Heger's.]
Kaum saß ich zu Hause in Ruhe, so wurde der Himmel meines Glücks
wieder durch Wolken verdunkelt. Eines Abends, als beide Oersteds mich
besuchten, kam eine Ordonnanz vom Prinzen Christian, um zu melden, daß
mein lieber Schwager und treuer Freund, Karl Heger, plötzlich gestorben
sei. Ich habe in einem Gedichte über ihn Alles gesagt, was ich von
diesem edlen, seltenen Menschen sagen konnte. Er war Bibliothekar des
Prinzen und sehr bei ihm beliebt. Eine Stunde vorher war er noch bei
dem Prinzen gewesen, als Jemand zu ihm kam. Dieser sah ihn in seinem
Lehnstuhle, mit dem neuen Testamente auf dem Schooße dasitzen. So war er
sanft hinübergeschlummert. Er wurde auf dem Friedrichsberger Kirchhofe
neben Camma und Rahbek beerdigt.
* * * * *
[Sidenote: Die Kritik über Sokrates.]
Mein Sokrates sollte nun aufgeführt werden. Ich war überzeugt, daß
Ryge diese Rolle vortrefflich spielen würde, und er soll es auch
gethan haben; ich sah die ersten Vorstellungen nicht, und das Stück
wurde nur zweimal aufgeführt, es machte kein Glück. Der ganze damals
herrschende Ton verwarf es, und kein einziger Aesthetiker stand
öffentlich mir zur Seite, außer Wilster in Soröe. In der Monatsschrift
für Literatur erschien eine Recension, die mit Verstand, Sachkenntniß,
Achtung und Wohlwollen, aber kalt und tadelnd geschrieben war, trotz
der Zugeständnisse des Guten, die mir der Verfasser weder vorenthalten
konnte noch wollte. Diese Kritik trug mehr das Gepräge des Philologen
und Antiquars, als eines reifen Geschmackrichters. Obwohl zugestanden
wurde, daß das Stück seine Entstehung dem Dichtergeiste und einem
sorgfältigen Studium verdanke, so genügte es doch nicht, weil es nicht
das Product vieljähriger gründlicher Gelehrsamkeit war, und weil sich
Dies und Jenes den Ideen und Gefühlen der Gegenwart fügte. Danach durfte
ein Dichter niemals eine Sage des Alterthums behandeln, und von diesem
Standpunkte aus betrachtet, müßten all' meine nordischen Heldendramen
verworfen werden. Meine Fähigkeiten wurden auch darin besprochen, und
-- nach der damals gebräuchlichen Weise -- nannte man mein allzusehr
überwiegendes Gefühl für das Gute »die Wollust des Guten«, und tadelte
es als zu einseitig für echt dichterische Compositionen, wenngleich es
persönlich zu achten sei. Ich hatte Aristophanes Unrecht gethan, indem
ich ihn selbst die Anwendung des Namens Sokrates' zu seinem Lustspiele
»die Wolken« eine jugendliche Unbesonnenheit nennen ließ. Was noch mehr
dazu beitrug, die Leser gegen mein Stück zu stimmen, war eine deutsche
Abhandlung des Professor Forchhammer in Kiel, welche damals erschien,
und in der er bewies, daß Sokrates wirklich ein Empörer gewesen, und ihm
also kein Unrecht geschehen sei.
* * * * *
[Sidenote: Der Geschmack damaliger Zeit.]
Da ich hier nun wieder zu einem Ruhepunkte in meiner Dichterbahn
gelange, so will ich hieran einen Ueberblick über den Geschmack knüpfen,
der damals herrschte und den ich eine Zeitlang vergebens bekämpfte.
Wir haben in dem Vorigen gesehen, wie Göthe, Tieck -- die romantische
Schule -- gegen das Rührende in der Poesie als gegen etwas Schwaches
und Weichliches polemisirten. Eine Zeitlang später hatten sich
phantastische Convulsionen in Werner's, Müllner's, Grillparzer's und
den französischen Stücken Victor Hugo's bewegt: hier galt es nicht, wie
Aristoteles es nennt, die Leidenschaften durch Schreck und Mitleid =zu
läutern=, sondern vorzüglich durch brillante Schilderungen bewunderter
Laster gespannt und nervenerschüttert zu werden. Von der andern Seite
schwebte die unschuldige, naive Dichtkunst in Gefahr, durch glänzende
Talente mit außerordentlicher Sprachfertigkeit verdrängt zu werden.
An der Spitze dieser steht Lord Byron als ein wirklicher Dichter.
Aber drücken sich nicht Egoismus, Sinnlichkeit, Stolz und Verachtung
in allen Werken seiner hinreißenden Beredtsamkeit aus? Schöne, tiefe
Gedanken, eine lebhafte Phantasie, eine starke, wichtige Begeisterung
findet sich gewiß darin; aber stets hört man den englischen Lord, der,
während er sich selbst der Laster beschuldigt, doch stolz auf alle
Andere und alle bürgerlichen Verhältnisse herabblickt. Es ist der
blasirte Jüngling, der die Sinnengluth hinreißend, nie aber die wahre
Liebe schildert, und schließlich von den Frauen sagt: »Wenn sie einen
Spiegel und ein Zuckerplätzchen haben, so sind sie zufrieden«. Byron
ist ein vortrefflicher poetischer Landschaftsmaler; aber die poetische
Landschaftsmalerei ist ein untergeordnetes Genre. Echt dramatisch
konnte er nie werden; denn die einzige Person, die er recht episch und
dramatisch schildert, war, wie gesagt, Lord Byron, sei dies nun als
Childe Harold, Don Juan, Manfred oder in einer andern Gestalt. Und
doch blickt er mit tiefer Verachtung auf seinen Landsmann, den Stolz
Englands, den göttlichen Shakespeare herab und spricht von ihm in einem
Briefe an die Lady Betterton, als von einem Pöbeldichter. Daß aber Byron
bei seiner Jugend und Schönheit (bis auf den Klumpfuß), seinem Genie,
seiner englischen Lordschaft, seiner Tapferkeit, seiner persönlichen
Entschiedenheit und endlich bei seiner lobenswerthen Begeisterung für
die griechische Sache, welche damals Europa's höchstes Interesse weckte,
eine glänzende Epoche machen mußte, ist ganz natürlich, und ich mißgönne
ihm seinen Lorbeer nicht, den er, wenn auch Alles, was hier gesagt, wahr
ist, doch verdient. Der unglückliche Klumpfuß hat gewiß nicht wenig zu
dem Stolz und Spleen beigetragen, der ihn unablässig peinigte und sein
Leben verkürzte.
In Deutschland spielte Graf Platen eine Art Byron. Sie hatten das
gemein, daß der Eine Lord, der Andere Graf und Beide vorzügliche
Künstler in der Behandlung der Sprache waren. Platen hat ebenso wie
Byron einige schöne Sachen geschrieben; aber sein Stolz war kälter
und unangenehmer, und er legte seine Gedanken in elegante, polirte
Versformen, wie in Marmorsarkophage.
Noch zwei deutsche Aesthetiker, von denen Einer ein begabter Dichter
war, äußerten sich damals mit der ganzen Kraft der Beredtsamkeit,
vornehm, polemisch und mit der Verachtung gegen alles Geltende, wie sie
damals Mode war. Dies waren =Börne= und =Heine=. Ihr Adel war älter, als
der Byron's und Platen's, denn sie stammten von David und Salomon ab; da
man aber diesen Stammbaum nicht anerkannte, so erweckte das einen Depit
in ihrem Wesen und ihrem Styl, der sie oft mehr als billig erbitterte.
Heine hatte alle Ingredienzien zu einem wahren Dichter, mit Ausnahme
des treuen Herzens, des männlichen Charakters, des wahren Ernstes
und tiefer Ehrfurcht vor dem Heiligen. Was übrigens Phantasie,
augenblickliches Gefühl, Verstand und besonders Witz hervorbringen kann,
darin excellirte er und riß die Jugend hin. Seine Phantasie und sein
Witz erfreuten auch mich. Der Ton in seinen lyrischen Gedichten ist,
trotz all' seiner Kühnheit, nicht originell, sondern ahmt unbewußt den
Ton von Göthe's jüngern Gedichten nach, in denen sich auch eine gewisse
stolze Verachtung gegen die Umgebung, aber gewiß viel mehr Herz zeigt.
=Rückert= florirte damals auch; aber obgleich ich seinen Blumenflor
bewunderte, konnte ich mich doch aus Mangel an frischer Luft nicht lange
in seinen Treibhäusern aufhalten, in denen mir die Blumen über den Kopf
wuchsen.
Bei uns hatten sich mehrere Dichter mit Recht geltend gemacht.
=Heiberg's= Vaudevillen gehörten zur Tagesordnung. Als Professor
der dänischen Sprache in Kiel hatte er eine nordische Mythologie
herausgegeben, in der er besonders Rücksicht auf meine Götter des
Nordens genommen und viele Stellen daraus vortrefflich übersetzt hatte;
aber nun gefiel ich ihm nicht mehr; er war ein eifriger Hegelianer
geworden, und da meine Werke nicht den Hegel'schen Bedingungen
genügten, so schätzte er wohl eins und das andere davon, betrachtete
aber alles Andere mit Ausnahme der ältesten Arbeiten als mißglückt. Das
thaten Mehrere. Sie trennten das Gute, das ich hervorgebracht hatte,
von dem Mißglückten, das allein ich nun schuf; sie theilten mein Leben
in zwei Theile; nur in der ersten Periode hatte ich dichterisch gelebt;
nun war der Dichter todt; mit seinem Gespenst wollten sie Nichts zu thun
haben und verstanden sich, ihrer eigenen Einbildung nach, viel besser
auf den wahren Oehlenschläger, als der arme Geist, der nach seinem Tode
spukte.
So stand ich also allein da. =Hauch=, der auch lange leiden mußte, weil
er zu meiner Schule gehörte, richtete sich etwas nach der Zeit, und
vermied so den Tadel. Einige, die vielleicht an mir sahen, wie wenig ein
Dichtername zu bedeuten habe, traten anonym hervor und zogen aus dieser
Namenlosigkeit großen Vortheil. So galt =Overskou's= Comödie »Oststraße
und Weststraße« als ein Meisterstück, dem nichts gleiche, =bis= man den
Verfasser kannte; später hatte das wirklich gute Stück Mühe genug, sich
zu halten. =Hertz's= »Gespensterbriefe«, die auch anonym erschienen,
machten Furore. Sie waren in einer witzigen, eleganten Sprache, mit
vielen freien und geistreichen Bemerkungen geschrieben; aber der
Geschmack, für den sie kämpften, berührte eigentlich nur die Form; und
als Form wurde wieder hauptsächlich die schöne Sprachform angesehen.
Der Kern eines Gedichtes, die viel wesentlichere =Form des Stoffes=,
kam nicht in Betracht. Das Gespenst, welches hier herauf beschworen und
gewissermaßen als Heiliger und Schutzgeist angebetet wurde, um den guten
Geschmack wieder herzustellen, war -- merkwürdiger Weise -- der selige
Baggesen! Und was noch merkwürdiger war, viele gebildete und verständige
Leser, die wenige Jahre vorher Baggesen getadelt und gemißbilligt
hatten, nahmen dies für gute Waare an und schworen wieder zu Baggesen's
Fahne.
Der talentvolle Hertz hatte einige Stücke geschrieben und schrieb
deren noch mehrere. Mir gefiel er am besten in seinen Lustspielen,
besonders in der =Sparkasse= und in der =Debatte= im »=Polizeifreund=«.
In =Svend Düring's Haus= ist viel Schönes, besonders der schwärmerische
Charakter der Liebhaberin, der von Frau Heiberg vortrefflich dargestellt
wurde. Die Mutterliebe, welche in der alten herrlichen Kämpeweise die
Hauptrolle spielt, hat in Hertz's Stück wenig zu bedeuten. Die Kinder
leiden nicht Noth und das Gespenst kommt nicht, um sie zu pflegen,
sondern um Wehe über ihre Stiefmutter zu rufen. Die Musik von Herrn Rung
ist schön und that ihre Wirkung, besonders in den Gespensterscenen.
Hertz hatte die Kämpeweisen fleißig studirt und viele Redensarten und
Ausdrücke derselben in seiner gereimten Tragödie angebracht. Wilster
sagt in seiner Uebersetzung des Euripides: »Neuere Dichter haben
zuweilen den Uebergang des Dialogs zu lyrischem Schwunge durch die
Anwendung des Reimes ausgedrückt. Am schönsten hat Oehlenschläger
diese tragische Lyrik in der Königin Margarete behandelt, wo er die
Scenen zwischen Ingeborg und Oluf in dem herrlichen alten Versmaße der
Kämpeweisen gedichtet hat. Diese Idee ist, wie bekannt, im Großen in
Svend Düring's Haus ausgeführt«.
Aber obgleich nun die Anonymität damals von guter Wirkung gewesen war,
so bedienten sich doch nicht Alle derselben; im Gegentheil wirkte einer
unserer Dichter, der in gewisser Richtung sich wohlverdienten Ruhm
erworben hat, gerade außerordentlich viel durch seine Persönlichkeit.
Die subjektiv-originelle Auffassung des Mährchenhaften war so ganz
mit =Andersen's= Wesen verwachsen, daß er selbst richtig fühlte, die
persönliche Mitteilung vollende, so zu sagen, seine Dichtung, weshalb er
auch auf alle Weise, durch Bekanntschaften, Besuche und häufige Reisen
in ein persönliches Verhältniß zu seinen Lesern zu kommen und ihnen
mündlich das Werk mitzutheilen suchte. Und es ist nicht zu leugnen, daß
es dadurch etwas an Naivetät und Humor gewann, den das gedruckte Wort
nicht ganz hervorzurufen vermochte. Freilich könnte man sagen, daß dies
ebenso mit jedem Dichterwerke geht, wenn der Dichter die Gabe hat,
gut vorzulesen; was aber dabei verloren oder gewonnen wird, entspringt
doch mehr oder weniger aus der Natur der Dichtung. =Christian Winther=
und =Paludan Müller= schrieben auch unter eigenem Namen und machten dem
Namen Ehre.
[Sidenote: Die Kritik über »Sokrates«.]
Aber ich kehre wieder zu Sokrates zurück.
Was hatte mich veranlaßt, diesen Stoff zu behandeln? Die Lust, mich
durch eigene Productivität originell zu zeigen, konnte es nicht sein;
denn das ganze Zeitalter in Griechenland, in dem Sokrates lebte,
steht ja in der Geschichte genau ausgemalt da; er selbst tritt bei
Plato und Xenophon so bestimmt und charakteristisch hervor, daß etwas
Selbstgemachtes hier ganz thöricht und geschmacklos gewesen wäre. Aber
der wahre Dichter singt nicht aus Eitelkeit und Egoismus, sondern aus
Liebe zum Gegenstande. Ich liebte Sokrates; meine Phantasie, mein
Gedanke, mein Gefühl empfanden Lust, sich mit ihm zu beschäftigen.
Ich wollte das Zeitalter, den Plato, den Xenophon studiren, und das
wurde mir erst recht möglich, als ich dieses Studium in Verbindung mit
meiner eigenen Kunst brachte; die Activität, die dabei meinen Geist
in Bewegung setzte, verlieh ihm erst die wahre Kraft, den Gegenstand
zu erfassen. Außerdem -- eine historische Person muß so bestimmt
und deutlich hervortreten, als möglich -- gehört doch Dichtergeist
dazu, ihn auf die Scene zu bringen, ihn sich in selbst erfundener,
dramatischer Composition bewegen zu lassen. Es ist so, als ob man ein
vortreffliches Gemälde sähe, das ein Zauberer durch seinen Stab aus dem
Rahmen heraustreten und sich in verschiedenen Gemüthszuständen bewegen
ließe, ohne daß dadurch das Bild die richtige Zeichnung verlöre. Ich
wollte Kampf und Versöhnung zwischen dem ethischen und ästhetischen
Princip, in Sokrates und Aristophanes darstellen. In Xantippe und Daphne
fand ich Gelegenheit, von mir selbst erfundene Charaktere zu zeichnen.
Und obgleich mein Stück nicht das Produkt eigentlicher Gelehrsamkeit
war (ich habe mich niemals für ein Stockgelehrten ausgegeben), so
darf ich doch behaupten, daß hier nicht die Gelehrsamkeit in Betracht
kam, sondern das dichterische Talent, verbunden mit den historischen
Charakteren und der tragischen Handlung. Wenn diese so wirkte, wie sie
wirken sollte, so würde es vielleicht nicht so übel gewesen sein, das
große Publikum (hier ist nicht von einzelnen Gelehrten die Rede) über
ein Zeitalter zu unterrichten, das so wichtig, so lehrreich war, und so
großen Einfluß auf alle folgenden Zeiten gehabt hat.
Ich hatte doch die Genugthuung, daß ein Mann, der sich in dieser
Angelegenheit, was Gelehrsamkeit und Kenntniß der griechischen Literatur
betraf, mit dem Besten messen konnte, mein Freund =Bröndsted=, Professor
der griechischen Sprache, eine poetische Natur, ein warmes, edles Herz,
ein Mann, der lange in Griechenland gelebt, und die Sprache wie seine
Muttersprache gelernt hatte, mir zu meinem Geburtstage einen Ring mit
dem Bilde des Sokrates und von einem Gedichte begleitet, worin er sich
in anerkennendster Weise aussprach, übersandte.
Ein großer Uebelstand für mich war der, daß mir, da mehrere meiner neuen
Stücke nur einige Male gegeben wurden und ich dadurch meine Einnahme
verlor, das nothwendige Geld fehlte; und da die Stücke aus demselben
Grunde auch keinen guten Absatz hatten, und ich außerdem ein schlechter
Buchhändler war, so kam ich in Schulden, die bedeutend wuchsen, und um
so empfindlicher wurden, da ich keinen Ausweg zu ihrer Bezahlung sah.
Denn auch der Absatz meiner deutschen Schriften verringerte sich zum
Theil durch den fortgesetzten Tadel in der Heimath, der auch in deutsche
Blätter überging. =Max=, der vor wenigen Jahren noch so zuvorkommend
gewesen war, sandte mir die Uebersetzung von =Olaf dem Heiligen=,
den =italienischen Räubern= und =Tordenskjold= als Werke zurück, die
meiner nicht würdig seien. =Campe= in Hamburg verlegte sie doch; er
setzte aber bei dem Verlage gewiß zu. In den Blättern für literarische
Unterhaltung stand eine Recension von einigen Zeilen über diese Stücke.
Einen Beweis (und zwar den einzigen), wie tief ich als dramatischer
Verfasser gesunken sei, zog der Recensent daraus, daß ich in einer
Parenthese in meinem Tordenskjold =Stahl in einer Terz ausfallen lasse,
welche Tordenskjold parirt=. Man sollte es nicht für möglich halten, daß
eine solche Bêtise in einem Blatte aufgenommen werden konnte, das in
allgemeiner Achtung stand; aber es verhält sich doch so.
Um nun einiges Geld zu bekommen, übersetzte ich durcheinander all' die
Stücke fürs Theater, die der Directeur Collin mir schaffte. Einige von
diesen waren doch von Bedeutung; so legte ich den Text in den Partituren
zur italienischen Norma, dem deutschen Freischütz und dem englischen
Oberon dänische Worte unter.
* * * * *
[Sidenote: Frau Friederike Brun.]
In diesem Jahre starb auch meine Freundin Frau =Friederike Brun=,
mit der ich so viele angenehme Stunden verlebt hatte. Von diesem
ausgezeichnetem Weib muß ich umständlicher sprechen. Sie war eine
Tochter des Predigers der deutschen Petrikirche in Kopenhagen, des Dr.
Münter, der, wie er es sicher hoffte, Struensee bekehrt hatte, wie man
dies in der Bekehrungsgeschichte lesen kann, die Münter nach dem Tode
des Unglücklichen herausgab. Daß Struensee, als Gefangener, da er sich
seinem Ende näherte, in dem Gespräch mit dem begabten, von Religion
begeisterten, durch die Wissenschaft gründlich gebildeten Münter seine
flache Voltaire'sche Philosophie aufgab, die ihn gelehrt hatte, daß
der Mensch eine Maschine sei, deren geistiges Leben zugleich mit dem
irdischen aufhöre, ist ganz natürlich und wahrscheinlich. Es kann nicht
geleugnet werden, daß zu einer Zeit, wo das Deutsche hier im Lande die
Ueberhand gewonnen hatte, die begabtesten Deutschen, welche hier ihr
Glück machten, sich wirklich durch eine höhere Bildung auszeichneten,
als die Dänen. Bernstorff war ein ausgezeichneter Minister; Klopstock,
Deutschlands großer Dichter, besuchte uns auch und schrieb einige
Gesänge der Messiade in Kopenhagen bei seinem Freunde, dem Prokanzler
=Cramer=, dessen Haus der Sitz der Musen war, in das auch der ältere
Schlegel kam, der den nordischen Aufseher schrieb, in welchem er seine
Landsleute mit dem dänischen Guten bekannt zu machen suchte. Nach
Bernstorff zeichnete sich der jüngere =Schimmelmann= als Liebling der
Musen und als Mäcen aus. Cramer's Tochter verheirathete sich später mit
Schimmelmann's Secretair =Kirstein=. Schiller schickte aus Dankbarkeit
Schimmelmann (der während seiner Krankheit zugleich mit dem Herzoge von
Augustenburg für ihn gesorgt hatte) seine Tragödien, ehe sie gedruckt
wurden. In diesen Zirkeln wuchs die junge liebenswürdige Friederike
Münter auf. Und man kann diesen Deutschen nicht den Vorwurf machen,
daß sie das dänische Gute ignorirt hätten. Schlegel war Holberg's
eifriger Apostel und hat gewiß dazu beigetragen, daß =Schröder= dessen
Stücke auf die deutsche Bühne brachte und selbst so meisterhaft darin
spielte. Als Ewald starb, streute die junge Friederike Münter Blumen
auf sein Grab; und ihr Bruder (der Bischof) war Ewald's warmer Freund.
Aber es ist natürlich, daß ihre ganze Umgebung, ihre Ehe und späteren
Reisen sie Deutsch ausbildeten, und sie selbst Dichterin wurde. Ihre
Ehe war merkwürdig. Es würde einem Lustspieldichter schwer werden,
einen komischeren Contrast zwischen einem Ehepaare herauszufinden,
als den zwischen der mit Salis und Matthisson innig sympathisirenden
Friederike Münter und dem fast ausschließlich mit Gelderwerb und
Handelsspeculationen beschäftigten =Constantin Brun=. Er fing als armer
Commis an, aber er war ein hübscher junger Mann und ein gewandter
Kopf. Münter war ein Freund des alten Schimmelmann, und dieser hatte
viele Handelsverhältnisse ganz in seiner Hand. Brun machte der jungen
Friederike den Hof, wurde ihr Mann und durch Schimmelmann's Hülfe kam er
gleich in gute Handelsverhältnisse, die er mit seinem großen Erwerbgenie
benutzte, so daß es nicht lange währte, bis er reich wurde. So habe
ich ihn kennen gelernt; er äußerte bei jeder Gelegenheit seinen Spott
und sein Mißvergnügen über die poetischen Narrheiten seiner Frau, wie
er sie nannte. Es war nicht zu leugnen, daß sie etwas zu sentimental
war; an Oekonomie dachte sie nicht, und unglücklicher Weise wurde sie
von einer Taubheit heimgesucht, die in späteren Jahren zunahm. Aber
diese Taubheit hatte doch auch ihre gute Seite: sie konnte ihren Mann
nicht schelten hören; und dessen Handelsgeist hatte wiederum seine gute
Seite: er machte sie zu einer reichen Frau, und sie würde weder alle
einsichtsvollen Männer und Frauen Europa's mit so vieler Einsicht und
Urtheilsfähigkeit, noch die Natur mit so vielem poetischen Malertalent
kennen gelernt haben, wenn sie nicht durch das Vermögen ihres Mannes
die Mittel erlangt hätte, eine Reise nach der andern und besonders
nach ihrem lieben Italien zu machen. Constantin schalt und brummte,
aber sie hörte es nicht. Eines schönen Tages stand ich neben ihm auf
Sophienholm in Frederiksdal. »Ist das nun nicht ein herrlicher schöner
Ort«? fragte er mich -- »und doch will sie wieder aus dem Lande fort.
Es ist rein um toll zu werden«. Aber das Beste dabei war, daß er
sie, trotz all' des Lärmens, den er machte, doch thun ließ, was sie
wollte, und es, trotz all' der Klagen über die vielen Ausgaben, doch
seiner Eitelkeit schmeichelte, das eleganteste und angenehmste Haus
in Kopenhagen zu machen, wozu Er das Geld, seine Frau Geist, Grazie
und Anmuth beisteuerte. Keines von Beiden konnte entbehrt werden. Ganz
psychologisch merkwürdig war der Geist der Sparsamkeit, der bei ihm zum
Instinkt geworden war, wie bei einem Eichhörnchen das Sammeln der Nüsse
in einem hohlen Baum. Er zeigte uns nämlich eine große Schublade voll
Zucker. Diesen Zucker hatte er in der Harmonie zum Kaffee, den er dort
jeden Nachmittag trank, bekommen; jeden Tag aber sparte er einige Stücke
und nahm sie in der Tasche mit nach Hause. Es war in seinem Charakter
ein naiv-komisches Element. Einmal kam ein Mann zu ihm und bat ihn um
ein Gelddarlehn. Brun versicherte, er hätte Nichts, und um es ihm zu
beweisen, öffnete er seine Schatulle, zog alle Schubläden heraus und
zeigte ihm, daß kein Geld darin sei.
Was Frau Brun betraf, so machte sie durch ihre liebenswürdige
Persönlichkeit, ihren ausgezeichneten Geist und durch die, bei einem
Weibe seltenen, Kenntnisse Eroberungen, wohin sie kam, vom Palast bis
zur Hütte, und es gab damals fast keine einzige männliche und weibliche
Berühmtheit in Dänemark, Deutschland, der Schweiz und Italien, die
sie nicht kannte, mit der sie nicht in freundschaftlicher Verbindung
gestanden und deren Wesen sie nicht mehr oder weniger mit Phantasie
und Verstand erfaßt hätte, und durch charakteristische lebendige Züge
zu schildern vermochte. Dies trug sehr viel dazu bei, ihren Umgang
angenehm zu machen; man hörte sie gern erzählen; und als ihre Taubheit
zunahm, war sie auch interessanter im zusammenhängenderen Vortrage, als
im Gespräche. An Dem, was rund um sie her vorging, konnte sie nicht
recht Theil nehmen. Sie war von jungen Damen umringt, denn außer ihren
eigenen Töchtern und Nichten hielten sich auch zwei Töchter des in
Paris verstorbenen Ministers =Dreyer= in ihrem Hause auf. Sie waren
in einer pariser Pensionsanstalt erzogen; die älteste, =Mariquita=,
war sehr begabt; in diesem Zirkel bekam der junge =Ludwig Heiberg=,
den man im Scherz »_l'enfant_« nannte, und der oft zu Bruns kam, seine
erste Politur. Daß nun die gute Frau Brun, die so in ihren eigenen
Gedanken vertieft war, die neuste Zeit nicht recht kannte und zuweilen
etwas zu sentimental war, der lieben leichtsinnigen Jugend mitunter,
wenn nicht Ursache, so doch Veranlassung zum Lachen gab, kann man sich
leicht denken. Es ging der guten Dichterin wie es Jedermann unter den
sündigen Menschenkindern ging: die Fehler fallen viel leichter in die
Augen, als die Vorzüge. So ging es auch in Italien, wo ich mit ihr
zusammen war. »Gott hat mir die Gnade erwiesen«, sagte sie einmal in
einem Concert, »daß ich für Musik nicht taub bin«. -- »Die Gnade hat
Gott ihr nicht erwiesen«, sagte der Maler =Christel Riepenhausen=, der
ein großer Schelm war; denn als wir einmal in einem Passionsconcert
zusammen waren, das mit einem starken Chore anfing, fragte sie mich,
nachdem der Chor gesungen war: »Geht's nicht bald an?« Ich entschuldigte
diese anscheinend komische Unwahrheit mit einer Delikatesse von ihrer
Seite, die man mißverstand; sie meine, es würde ihren Freunden lieber
sein und den eigenen Genuß nicht stören, wenn sie glaubten, daß auch
ihre Freundin Theil daran nehmen könne. Man hielt sie auch für geizig,
obgleich sie es nicht war. In der für Dänemark schlimmsten Finanzperiode
reiste sie nach Italien. Das kostete schon viel und ihr guter Mann
fand sich darein; daß er ihr aber Summen gegeben hätte, um Kunstwerke
zu kaufen, daran war nicht zu denken. Doch waren die Künstler in Rom
unzufrieden damit, daß sie es nicht that. Ich besuchte einmal mit ihr
den berühmten Landschaftsmaler =Reinhart=, eine kräftige, derbe Gestalt.
Er besaß ein Buch, was sie gern lesen wollte, und sie bat ihn, es ihr
zu leihen. »Ja,« rief er mit fast zürnender Donnerstimme, »Sie können
es nehmen; aber Sie sollen es mir wiedergeben; denn ich bin arm und
Sie sind reich.« -- »»Der gute Reinhart,«« sagte sie milde mit einem
versöhnenden Lächeln.