von
Adam Oehlenschläger.
Deutsche Originalausgabe.
Vierter Band.
Leipzig
Verlag von Carl B. Lorck.
1850.
* * * * *
Vorbemerkung.
Nur wenige Worte erlaube ich mir diesem vierten und letzten Bande der
Erinnerungen vorauszuschicken.
Das eigene Manuscript des Verfassers endigt mit dem Anfang der
Reise im Jahre 1844, Seite 151. Bei der Darstellung seiner spätern
Lebensereignisse habe ich diejenigen seiner Briefe benutzt, die
in meinem Besitze waren, und Auszüge aus denselben gemacht, je
nachdem sie mir passend schienen. In diesen Briefen spiegelt sich
seine Individualität so klar und lebendig in den verschiedensten
Lebensverhältnissen ab, daß der Leser aus denselben ein weit besseres
Bild von ihm erhalten wird, als eine noch so treue Erzählung, selbst
wenn mir eine solche glücken könnte, zu geben vermöchte. Die Auszüge
enthalten hauptsächlich, was das eigene Leben des Dichters, seine
Urtheile und Ansichten über wichtige Zeitverhältnisse und Begebenheiten,
Persönlichkeiten, Kunstwerke u. dgl. betrifft. Sollte man auch finden,
daß einzelne kleine Züge hätten weggelassen werden können, so muß ich
dazu bemerken, daß ich es für meine Pflicht hielt, mich nicht so sehr
von Privatrücksichten leiten zu lassen, und daß ich dies und jenes
beibehalten habe, was, wenngleich für die Gegenwart von wenigerem
Interesse, einem kommenden Geschlechte von Nutzen sein und Aufklärungen
geben kann, die man möglicherweise sonst vermissen würde.
Kopenhagen, im März 1851.
$Johannes Oehlenschläger.$
* * * * *
[Sidenote: Literarische Fehde.]
Ich hätte noch auf ein Jahr mit Bertouch leicht und angenehm nach
Italien reisen können; aber das Heimweh, das mich vor neun Jahren in
Rom ergriff, und mich verhinderte, Neapel zu sehen, ergriff mich nun
wieder, und verhinderte mich Rom noch einmal zu sehen. Obgleich ich
gewissermaßen durch einen freiwilligen Ostracismus aus meinem Vaterlande
geflohen war, um den Haß meiner Feinde zu dämpfen, und ich gewiß klug
gethan hätte, noch länger fortzubleiben, so konnte ich es doch nicht;
ich sehnte mich nach meinem Hause, meinen Kindern; ich konnte nicht
länger ohne sie sein. Ich schlug deßhalb Herrn Hjort (jetzt Professor
in Sorde) vor, an meiner Statt zu reisen, und da er und Bertouch damit
zufrieden waren, zog ich das häusliche Glück im Kreise meiner Lieben
vor; aber es zog wieder von mehreren Seiten ein Ungewitter am Horizonte
meines Glückes auf.
Baggesen hatte, während ich fort war, ein Singspiel, =die Zauberharfe=,
geschrieben, welche Kuhlau componirte. Aus »Holger Danske« und »Erik
dem Guten« hatte man bereits gesehen, wie wenig er sich zu dramatischer
Dichtung eignete; nun da er »Ludlam's Höhle« und »die Räuberburg« als
die elendesten Pfuscherarbeiten heruntergerissen hatte, verlangte man
natürlich mehr von ihm, und es wurde doch noch weniger. Und hierzu kam
noch das Gerücht, daß das Stück nicht Original von ihm sei, sondern
daß er es nach einem ihm von einem Andern anvertrauten Manuscripte
umgearbeitet habe. Baggesen bewies juridisch sein Recht an dem Stücke;
und wenn man es ihm ästethisch absprechen wollte, so konnte dies meiner
Ansicht nach nur geschehen, weil es zu mittelmäßig war. Da er nun
mehrere Jahre hindurch fast ausschließlich meine dramatischen Werke als
der Bühne unwürdig heruntergerissen hatte, so war es ganz natürlich, daß
man mit seinem Benehmen unzufrieden war, und wenn es für das Auspfeifen
überhaupt eine Entschuldigung giebt, so fand sie sich gewiß hier. Das
Schlimmste war, daß Kuhlau's schöne Musik dabei ein gleiches Schicksal
leiden mußte; und besser wäre es freilich gewesen, wenn man -- was man
auch Kuhlau's Genie schuldete -- das Auspfeifen unterlassen hätte; um so
mehr, als es über Den ausging, den man rächen wollte. Kurz nach meiner
Rückkehr sollte Herr Violoncellist Funk ein Benefiz haben. Bei solchen
Gelegenheiten wird ein beliebtes Stück gewählt, das Zulauf hat. Da dies
nun mit Ludlam's Höhle der Fall war, so wählte er es. Aber das war ein
gefundenes Fressen, für meine Feinde. Nun pfiffen sie auch hier; und so
ging es mir wie Lars in Freia's Altar, dem Bilbo eine Ohrfeige giebt,
weil Clotilde ihm einen Korb gegeben hat. Dergleichen geschieht oft im
menschlichen Leben. Das Beste war, daß die Ohrfeige, die mir bestimmt
war, weil Thalia Baggesen einen Korb gegeben hatte, mich nicht traf.
* * * * *
[Sidenote: Todesfälle.]
Aber bald sollte ich einen wirklichen Kummer erleiden. Meine geliebte
Schwester Sophia, deren Munterkeit und Lebenskraft so lange gegen den
Stoß angekämpft hatte, den sie in dem unglückseligen Scharlachfieber
bekommen, mußte endlich unterliegen. Bis zur letzten Zeit war sie die
Seele ihres Kreises. Nun kam ein hitziges Fieber und riß sie fort. Das
letzte Mal, wo ich sie besuchte, saß sie aufrecht im Bette und sprach
irre. »Gott segne Dich, meine gute Schwester,« sagte ich beim Abschiede.
»Ja,« sagte sie, indem sie auf mich hinstarrte, »das wäre nicht so
übel!« -- Ich glaubte doch noch nicht, daß sie sterben würde. O. H.
Mynster, ihr Arzt, meinte auch, daß nicht alle Hoffnung verloren sei.
Ich ging zwar betrübt, aber doch ruhig nach Hause; es ist nicht meine
Art, die Hoffnung aufzugeben, ehe sie mich ganz entschieden verläßt.
Ich wollte nach meiner Gewohnheit ein Wenig ins Theater gehen, um mich
zu zerstreuen, als mich in demselben Augenblicke eine erschütternde
Traurigkeit befiel. Ich ging in mein kleines Zimmer, warf mich auf die
Knie und rief weinend: »Ach, meine geliebte Schwester! Nun stirbst
Du gewiß in diesem Augenblicke! Habe Dank für alle Deine Liebe und
schwesterliche Hingebung! Gott erfreue Dich in seinem Himmel!« Eine
Stunde darauf kam die Nachricht ihres Todes. Sie war gerade in jenem
Augenblicke entschlummert.
* * * * *
Im October desselben Jahres verlor ich zwei meiner besten Freunde,
=Ole Hieronymus Mynster= und =Michael Rosing=. Rosing war viele Jahre
hindurch körperlich gelähmt gewesen. Ich besuchte ihn oft und las ihm
die Tragödien vor, in denen er leider nicht mehr spielen konnte, die er
aber, wie es seine bald funkelnden, bald thränenvollen Augen bezeugten,
gut verstand. Wenn ich meine Visiten hübsch regelmäßig wiederholte,
sagte er beim Eintreten: »Guten Tag, mein Sohn!« wenn ich aber zu lange
fort blieb, sagte er: »Guten Tag, Herr Professor!« Bei seiner Beerdigung
begegnete ich Rahbek auf der Treppe allein. Wir hatten seit der fatalen
Freia's-Altars-Fehde nicht wieder mit einander gesprochen. Ich fiel
ihm um den Hals, und nun waren wir die alten Freunde. Mynster wurde an
demselben Tage, wie Rosing beerdigt und ich folgte ihnen Beiden zu ihrer
letzten Ruhestätte.
Mein William hatte einen braunen Fleck auf dem Kinn, den ich gern
beseitigt gesehen hätte. Ich hatte gehört, daß es hälfe, wenn man ihn
mit dem Finger einer Leiche berührte, und wollte dieses Experiment
versuchen. Ich fragte den kleinen vierjährigen Knaben, ob wir Mynster
besuchen wollten. Das Kind wußte nicht, daß Mynster todt sei und konnte
sich überhaupt noch keinen Begriff vom Tode machen. Mit Erlaubniß der
Familie traten wir in die Leichenkammer. Es war dasselbe Haus, in dem
der Verstorbene und ich so oft lustig mit einander gescherzt hatten.
Nun lag er still und ernst da, als ich das Tuch zurückschlug: »Der
gute Mynster schläft!« sagte ich leise, »komm, William, willst Du ihn
sehen?« -- Der Knabe näherte sich furchtsam, ich berührte sein Kinn mit
dem kalten Finger der Leiche, und wir eilten fort. Erst auf der Straße
fragte William: »Vater: warum war Professor Mynster so weiß im Gesicht?«
Ich gab ihm eine beruhigende Antwort. Die Kur half nicht; erst ein paar
Jahr später verschwand der braune Fleck durch Hülfe des Professors
Jakobsen, und hinterließ nur eine unbedeutende Narbe.
* * * * *
[Sidenote: Der kleine Hirtenknabe.]
Wenn die lieben Todten uns verlassen, knüpft uns das Band fester an die
Lebenden. Das Jahr vorher hatte ich meine Tragödie =die Blutbrüder=,
schön gebunden von Paris, ebenso wie mehrere Jahre vorher =Hakon=
und andere nach Hause geschickt. Meine Frau hatte mir von der Freude
geschrieben, die sie, Karl Heger, Boye und Hauch durch die plötzliche
Ueberraschung gehabt haben, und ich beschloß selbst ein Mal, Zeuge einer
solchen zu sein. Auf Friedrichsberg, wo Madame Voigt, die Wittwe des
Schloßverwalters die Güte hatte, mir einige Jahre hindurch Zimmer für
den Sommer zu überlassen, schrieb ich den =kleinen Hirtenknaben=, ließ
ihn hübsch einbinden, und packte ihn mit einem Briefe ein, als ob er mit
der Post von Paris käme. Eines Freitags nach Tisch, als die Leute beim
Kaffee saßen, kam das Mädchen herein und brachte der Frau vom Hause das
Paket. -- Sie machte große Augen, wurde angenehm überrascht, und nun
konnte ich, nachdem ich mich an der Verwunderung Aller geweidet hatte,
mich selbst hinsetzen und ihnen das Stück vorlesen. -- In demselben
Jahre, am 3. September, schenkte mir Gott als Ersatz für so viele
Verluste, meine jüngste Tochter Maria Louise.
Eine neue Bekanntschaft, die ich in der letzten Zeit gemacht hatte, und
die zu einer wahren Freundschaft wurde, war die der liebenswürdigen
Generalin =Hegermann-Lindenkrone=, vielleicht das poetischeste weibliche
Gemüth, das Dänemark besessen hat; und in ihrem Familienkreise fand ich
durchaus das Gepräge des freundlichen Geistes, der ihre Gedichte beseelt.
Im Jahre 1818 schrieb ich noch das Lustspiel =Robinson in England=. Ich
hatte auch die Freude, unsern großen Landsmann Thorwaldsen wieder im
Vaterlande zu sehen. Wir wetteiferten Alle, ihm zu huldigen, und bei dem
Feste auf der Schießbahn, hielt ich eine Rede, und dichtete ein Lied,
welches bei Tisch gesungen wurde, und sich in meinen Werken abgedruckt
findet.
* * * * *
[Sidenote: Die Götter des Nordens.]
=Die Götter des Nordens=, eins meiner Hauptwerke, wurde im Jahre 1819
gedichtet. Ich wandte hier ebenso wie in Helge verschiedene Versarten
zu diesen zwar zusammenhängenden, aber im Charakter und Wesen sehr
abweichenden Fabeln an. Thor's Reise nach Jothunheim (bereits im Jahre
1805 gedichtet) diente dem Ganzen als Einleitung.
Am 28. November starb mein Waulundur, Christiane's Vater, mein alter
Freund der Conferenzrath Hans Heger, mit dem ich mehrere Jahre hindurch
in kindlichster Vertraulichkeit gelebt hatte. Er liebte mich wie ein
Vater, und jedes Lorbeerblatt, das ich gewann, war, als ob er es selbst
gewonnen. Der, welcher meine Gefühle für ihn näher kennen zu lernen
wünscht, den verweise ich auf das Gedicht, welches ich bei seinem Tode,
und auf ein anderes, welches ich kurz vorher zu seinem Jubelfeste
schrieb. Beide befinden sich in meinen Werken.
* * * * *
[Sidenote: Tordenskjold. Erik und Abel.]
Meine folgenden Arbeiten (1820) war das Singspiel =Tordenskjold= und
die Tragödie =Erik und Abel=. -- Tordenskjold wurde angenommen und
honorirt, aber nicht aufgeführt. Es hieß: »daß dieses Stück nicht
aufgeführt werden könne, weil König Friedrich IV. darin auftrete.« Die
Erlaubniß, dänische Könige auf die Bühne zu bringen, ging nicht weiter,
als bis zur Souverainetät. Christian IV. konnte folglich auftreten,
aber Friedrich IV. nicht. Außerdem =sang= er im Stücke. Mir wäre Nichts
leichter gewesen, als dieses Lied zu streichen; ja mit geringer Mühe
hätte ich auch das Stück so umarbeiten können, daß der König nicht darin
auftrat; aber dadurch hätte die Scene mit Tordenskjold an dramatischer
Wirkung verloren; außerdem wußte ich, daß nicht =deßhalb= das Stück
verworfen wurde, und als nun mein Freund Collin als Theaterdirector an
betreffender Stelle darauf aufmerksam machte, daß das Stück angenommen
sei, und daß es nicht anginge, mir meine Einnahme zu entziehen, so
erhielt ich vierhundert Thaler, und war froh, da ich gern allen Chikanen
ausweichen mochte, denen ich ausgesetzt war, wenn meine Stücke gespielt
wurden, aber nicht das Geld entbehren konnte. Außerdem wußte ich, daß
eigentlich nicht der angeführten Gründe wegen das Stück verworfen
wurde; aber Rahbek vertraute mir, daß es folgendermaßen zusammenhänge:
Ich hatte das Stück bei Schimmelmann's in einer großen Gesellschaft
vorgelesen, wo Hofdamen und Hofherren zuhörten, und diesen gefielen die
Scenen mit dem Matrosen nicht, der von Tordenskjold's Extraction von dem
Kutscher der vornehmen Frau, u. s. w. spricht.
»Hättest du Ihnen wenigstens Namen als _species_ gegeben,« sagte
Rahbek, »so hätten sie es vielleicht gehen lassen; aber nun wurde der
vernünftige und der unvernünftige Hofmann als Genus genannt, und das
konnte man nicht leiden.« Das Stück wurde also nicht gegeben, und harrt
noch eines guten Componisten, um vielleicht zu einer Zeit zu gefallen,
wo dergleichen Einwendungen nicht mehr gemacht werden.
[Sidenote: Tod Thaarup's.]
Man las das Stück mit Vergnügen; ich hatte es Thaarup dedicirt, und
hatte die Freude, diesen edlen Dichtergreis ganz zu gewinnen, der sich
eine Zeitlang zur Partei meiner Gegner geschlagen hatte. In seinem
letzten Lebensjahre besuchte er mich oft. Schon früher hatte sein gutes
Herz und seine poetische Natur das Widerstreben oft besiegt, welches
der Aeltere zuweilen empfindet, den Jüngern anzuerkennen. -- Als ich
das erste Mal ins Ausland reiste, sagte er zu Steffen Heger: »Wenn die
Deutschen ihn nur nicht verderben!« Heger las ihm als Antwort Etwas aus
meinem Aladdin vor, und als Thaarup es gehört hatte, strich er sich
auf seine gewöhnliche humoristische Weise das Kinn und sagte: »Laß ihn
nur gehen! er wird sich schon hüten!« -- Ich hatte stets den Dichter
des Erntefestes geliebt, und als er kurz darauf starb, schrieb ich aus
vollem Herzen:
So lang noch Fischerdörfer stehn
Am dän'schen Strand beim Meerestang,
So lang noch Wellen rauschend gehn,
Stirbt, =Ewald=, nimmer dein Gesang.
Doch, =Thaarup=! auch =dein= Bildniß lebt,
Dein Lied klingt immer frisch und neu,
So lang noch wer die Sense hebt,
Und mäht das reiche, duft'ge Heu.
Und weht die Fahne stolz und frei,
Das weiße Kreuz auf rothem Grund,
So denkt, der Dän' des Lieds dabei
Das ihr zu Ehren sang dein Mund.
* * * * *
Ungefähr zu derselben Zeit gewann das Theater und besonders meine Stücke
sehr viel durch das Erscheinen der beiden großen Talente Fräulein
=Brenöe= und Herrn =Nielsen= auf dem Theater. =Foersom= war vor drei
Jahren gestorben; in Ryge hatten wir den Mann, den charakteristischen
Helden, den Greis für die Tragödie, aber es fehlte uns noch der Held als
Liebhaber und die Liebhaberin. -- Diesen Mangel füllten Herr Nielsen und
Fräulein Brenöe aus. -- Nielsen trat als =Axel= auf, zeigte was wir von
ihm erwarten konnten und hatte unsere Erwartungen nicht getäuscht. Unter
Fräulein Brenöe's ersten Rollen war Sophia in Erik und Abel, in der sie
gleich die anmuthige und gefühlvolle Natur an den Tag legte, durch die
wir später immer gerührt wurden. Ihr Genie für die Bühne zeigte sich
bald in großem Umfange.
* * * * *
[Sidenote: Erik und Abel.]
Der kleine Hirtenknabe hatte Glück gemacht. Erik und Abel machte es auch
(1821). =Feindliche Brüder= tragisch darzustellen, ist ein alter Stoff,
an dem sich auch Neuere versucht haben. Wenn aber La Harpe von _Racine's
frères ennemis_ sagt: _Sujet, qui ne pouvait guère réussir sur notre
théâtre; ni l'un, ni l'autre des deux frères ne peut inspirer d'interet;
tous deux sont à peu près également coupables, également odieux etc._
-- so paßt das nicht auf Erik und Abel. Der Erstere kommt seinem Bruder
versöhnlich entgegen und rührt uns, da er in einem frommen Augenblicke
ohne es zu ahnen von der Hand des Meuchelmörders fällt. An dem
unglücklichen Abel rächt sich später, eben so rührend, das erwachende
Gewissen. Der bloße =Haß= kann nie tragisch sein, ebensowenig, wie
irgend ein anderes Laster; aber der Kampf des Hasses, des Lasters mit
den edlern Eigenschaften in der Brust des Menschen, der Sieg oder die
Niederlage desselben, dichterisch dargestellt, interessirt, begeistert
und rührt.
* * * * *
[Sidenote: Ich falle durch.]
In dieser Zeit war ich zwei Mal in Lebensgefahr, und das
merkwürdigerweise auf der Bühne in meinen eigenen Stücken. Eines
Abends, als der kleine Hirtenknabe aufgeführt wurde, und ich gegen meine
Gewohnheit auf die Bühne gegangen war, um mit Ryge zu sprechen, stürzte
eine der größten Coulissen dicht an meinem Kopfe nieder. Wäre sie zwei
Zoll näher gekommen, so hätte sie mich getödtet, und man hätte dann bei
dem Aufgange des Vorhangs die Blutspur dem Publikum zeigen können; wo
der Dichter des kleinen Hirtenknaben sein Leben beschlossen hat. -- Das
zweite Mal war es auf einem Privattheater. Ich war wieder in Borup's
Gesellschaft eingetreten, und spielte zuweilen, wenn auch selten mit.
Nun wollte man daselbst einmal Correggio aufführen, und wünschte, daß
ich Michel Angelo's Rolle spielen solle. Ich that es; aber obgleich
mein Spiel nicht mißfiel, so fiel ich doch in meinem eigenen Stücke
durch. Ich ging nämlich beim Schluß des dritten Actes zur linken Seite
hinaus, wo ich vorher nicht gewesen war. Einen einzigen Schritt weit
von der Coulisse war eine Oeffnung nach dem Keller mit einer schmalen
Treppe auf der entgegengesetzten Seite. Ich ahnte eine solche Fallgrube
nicht, stürzte die Treppe hinab, und kam glücklicherweise davon, indem
ich mir nur Haut und Fleisch am Schienbein verletzte. Es war doch
ziemlich schlimm; denn ich konnte drei Wochen lang nicht gehen. Wenn
ich einen Schritt mehr seitwärts getreten wäre, so wäre ich in den
Keller gestürzt, und hätte wahrscheinlich den Hals gebrochen. -- Als
ich nach überstandener Gefahr und glücklich hergestellt, meinem Freunde
J. P. Mynster dies Ereigniß und den ähnlichen Unfall erzählte, den
ich vor zwölf Jahren in Italien zwischen dem vierten und fünften Acte
Correggio's, den ich damals schrieb, in der Cascade in Tivoli gehabt
hatte, sagte er: »Nun ja! das nächste Mal kommt es also zwischen dem
zweiten und dritten Acte!«
In diesem Jahre verließ uns mein Freund Hauch, um ins Ausland zu reisen.
* * * * *
[Sidenote: Holberg's Jubelfest.]
Im Jahre 1822 sollte Holbergs Jubelfest begangen werden. Es war 100
Jahre, seitdem der große Dichter Dänemark durch seine erste Komödie, den
politischen Kannegießer, erfreut hatte; und dieser =Dichter= Holberg
war derselbe =Professor= Holberg, der Dänemark seine historischen Werke
geschenkt hatte; und dieser =Professor= Holberg war derselbe =Baron=
Holberg, der Dänemark seine Baronie Soröe verehrt hatte. Ursachen genug,
sich seiner mit Dankbarkeit zu erinnern. Und doch war der Enthusiasmus
nicht sonderlich groß. Die =Damen= können Holberg nicht leiden, weil
er plump ist, weil keine Liebe in seinen Lustspielen vorkommt, und
die Damen haben in Sachen des Geschmackes einen entschiedenen Einfluß
auf die =Männer=. Was die Plumpheiten betrifft, so ist es leicht, die
schlimmsten bei der Aufführung fortzulassen; und von der Liebe ist
eigentlich auch nicht die Rede; aber Holberg's Stücken fehlt eine
gewisse galante Plaisanterie; es wird nicht die Cour in ihnen gemacht,
und das ist das Unglück! Wollten doch unsere Modedamen, die sich sonst
soviel nach den Pariserinnen richten, von ihnen unsern Holberg so achten
lernen, wie jene ihren Moliere schätzen; und wo die Dame, die Molière's
muntern Witz und gesunde Satyre nicht zu schätzen weiß, für eine Gans
gehalten wird.
Doch waren Leute genug von Geschmack und Verstand beiderlei Geschlechts
in Kopenhagen, um das Fest zu feiern. Es wurde mir übertragen, ein
dramatisches Vorspiel zu schreiben, und ich hatte die Freude, vier
Abende kurz hinter einander die Anwesenden für unsern unsterblichen
Dichter zu begeistern.
* * * * *
[Sidenote: Robinson in England.]
Da dieses Jubelfest so die Herzen im Tempel Apollo's verschmolzen hatte,
schien es mir, daß es einmal Zeit sei, =Robinson in England= spielen
zu lassen. Freilich hatte ich gehört, daß Mehrere unzufrieden mit der
Theescene im Stück seien, weil sie darin Beziehungen auf sich zu finden
glaubten. Ein Dichter kann nicht aus dem Nichts schaffen, und eine
Satyre, die nicht die Mißbräuche der Zeit trifft, ist ohne Salz; aber
ich war mir bewußt, daß sich keine Persönlichkeiten im Stücke fanden,
und viele, die es gelesen, wünschten es aufgeführt zu sehen.
Rahbek, mit dem ich bei der Beerdigung unseres gemeinsamen Freundes O.
H. Mynster wieder ganz versöhnt worden war, schrieb mir folgenden Brief
darüber:
»Ich danke Dir für Dein Lustspiel, das ich gleich zu lesen anfing,
das ich nicht von mir legen konnte, bis ich es ausgelesen hatte, und
ich beeile mich es Dir zu senden, damit es gedruckt, angenommen und
aufgeführt werden könne, da wir so lange keine gute Originalcomödie
gehabt haben.
Ich habe Dir, wie Du siehst, bereits gesagt, daß Deine Komödie =gut=
ist, und trage kein Bedenken, hinzuzufügen, daß der ganze Theil, der
zwischen Selkirk, William, Betty, Defoe und Sir Robert Edgarson,
außerordentlich schön ist; nur möchte ich Du wolltest Peter, wie die
Gärtner es nennen, =strafen=, d. h. etwas beschneiden. -- Ich muß
übrigens bei dieser Gelegenheit bemerken, daß, wie ich stets die
drei ersten Acte Deines Correggio's für einen Nathan der Weise über
=Kunst= gehalten habe, so finde ich, daß die Scene im Gelehrtenklub
ein lucianischer Dialog über sogenannte =Kritik=, oder ein lehrreicher
Commentar über Lessing's Worte sei, daß der, welcher eine Art von
Kunstschönheiten schätzen könne, sei es als Dichter oder in andern
Künsten, sich darum nicht einbilden darf, daß er alle zu beurtheilen
verstehe; da es keine schlechtere aber auch keine gewöhnlichere Kritik
giebt als die, welche incommensurable Größen mit derselben Elle mißt.
Also -- »_Courage, mon ami! Voilà la bonne comédie, et peut-être
quelque-chose de mieux!_«
Ich ließ also das Stück aufführen, und es gewann großen Beifall.
Ein ausgezeichnetes Talent wurde erst bei dieser Gelegenheit erkannt und
geschätzt. Unser witziger komischer =Rosenkilde= erwarb sich als Peter
reichen Applaus.
Aber -- es war ganz richtig -- die =Theescene= konnte man nicht leiden,
und obgleich sie ganz ohne Persönlichkeiten war, so wollte man doch
Persönlichkeiten darin finden. Dies genügte einer gewissen Partei, mich
zu kränken und Lärm im Stücke zu machen. Die unsinnigste Einrichtung,
welche der Unverschämtheit und Ungerechtigkeit eine Hinterthür im
Tempel der Musen öffnet, von der aus sie, ohne das geringste Risiko,
ihres Sieges sicher, Geschmack und Genie verhöhnen können, fand früher
im Theater und findet leider noch jetzt darin statt. Aus alten Zeiten
her, wo man das Theater wie eine Bretterbude betrachtete, in welcher
Menschen, die nicht auf qualificirte Achtung rechnen durften, sich dazu
hergaben, die Leute wie andere Gaukler zu amüsiren, und wo die Stücke,
welche man spielte, als eine Art Spaß betrachtet wurden, die nur hierzu
daseien, und also von den Launen der hohen Herrscher (des Publikums)
abhingen, nahm man an, daß das tyrannische Recht, das Urtheil über
Leben und Tod eines Stückes zu fällen, mit den paar Groschen bezahlt
sei, die man für ein Billet gegeben hatte. Dieses Recht wird noch jetzt
geachtet. Jeder hat das Recht, sein Urtheil zu fällen. Das mag nun
sein, und obgleich das Pfeifen im Theater eine alte Unsitte ist, die
abgeschafft werden sollte, so könnte man sich doch wohl hierein finden,
wenn es so eingerichtet wäre, daß das Publikum selbst das Urtheil
fällen dürfte. Und aus Achtung für das Publikum ist ja diese Erlaubniß
gegeben, sodaß die öffentliche Meinung den Ausschlag geben kann. Aber
in der Art der Erlaubniß, die hier herrscht, liegt eine ebenso große
Beleidigung gegen das Publikum, wie gegen den Dichter, der das Stück
geschrieben hat. In Paris (von wo wir doch, was die Theatereinrichtung
betrifft, unsere ganze Weisheit geholt haben) ist es ganz anders. Dort
ist dieser Streit zwischen den Meinungen so gestattet, daß es ein
wirklicher Streit wird, der sich mehr oder weniger auf ein ästethisches
Urtheil stützt. Dort pfeift man in einem Stücke gleich an den Stellen,
von denen man glaubt, daß sie es verdienen. Wenn diese Stellen nun von
einer andern Partei in Schutz genommen werden, so kommt es darauf an,
welche von beiden die siegende ist. Es trifft sich äußerst selten, daß
die Meinungen gerade gleich getheilt sind. Die stärkere Partei siegt,
die schwächere muß schweigen, und wenn das nicht geschieht, so heißt es:
»_A la porte!_« und die Spectakelmacher müssen hinaus, wenn sie nicht
ruhig sein wollen. So vermag das Stück zu siegen, und das Publikum das
Stück bis zu Ende zu sehen. Hier ist keins von beiden möglich; erst wenn
der Vorhang fällt, ist es zu pfeifen erlaubt, früher zehn, jetzt fünf
Minuten, bis das Gongon ertönt, dann kommt die Polizei und bringt die
noch Pfeifenden fort. Aber in fünf Minuten können zwei, drei Menschen
mit gellenden Pfeifen in größter Ruhe und unter dem Schutze der Polizei
dem ganzen Publikum opponiren; und da das Schrillen der Pfeifen viel
stärker ist als das Händeklatschen, so kann es dem Ohre so erscheinen
als wenn der Kampf fast gleich wäre. Dies kann so oft wiederholt werden
als Jemand Lust dazu hat, und das Pfeifen gilt nur den Dichtern, nie
den Schauspielern; denn da erst gepfiffen werden darf, wenn der Vorhang
gefallen ist, so kann der Tadel nie diese treffen.
So wurde auch einige Abende hintereinander von einigen Wenigen nach der
Vorstellung von =Robinson in England= gepfiffen, während ein stürmischer
Beifall des ganzen Hauses vergebens suchte, sie zu unterdrücken. Ich war
selbst im Parket zugegen und blickte mit Gleichmuth auf die Pfeifenden,
bis Collin mich einmal bat, fortzubleiben, um sie nicht zu irritiren.
Das that ich denn auch, und so hörten sie endlich zu pfeifen auf, und
das Stück wurde in aller Ruhe gespielt.
* * * * *
Ich hatte bisher fast alle meine dänischen Dramen und Erzählungen in
das Deutsche übersetzt, auch einige lyrische; an das Epische wagte ich
mich nicht. Nun bekam ich Lust, das neuere deutsche Publikum mit unserm
großen Holberg bekannt zu machen. Herr Brockhaus in Leipzig übernahm
den Verlag.
[Sidenote: Die Inseln im Südmeer.]
Und als ich wieder in die Uebung gekommen war, soviel Deutsch zu
schreiben, bekam ich Lust, wieder einmal Etwas von vorn herein in
dieser Sprache zu dichten, was, seit dem Correggio, nicht geschehen
war. Ich bearbeitete mein altes Lieblingsbuch =Albertus Julius= ganz
frei, und benutzte nur seine guten Hauptsituationen. Der Stoff gab mir
Gelegenheit, eine Menge Charaktere zu schildern; poetische Begebenheiten
zu erfinden und sie in natürliche Verbindung zu bringen. Man muß die
=Inseln im Südmeer= nicht wie einen einzelnen Roman, sondern wie einen
Cyklus von Erzählungen betrachten; nicht in einer losen Verbindung (wie
in Tausend und einer Nacht oder wie in Boccaccio's Decameron), sondern
im innern poetischen Zusammenhang und in einem Vereinigungspunkt von
gemeinsamem Interesse. -- Ueber dieses Werk erschienen in Deutschland
drei für mich ehrenvolle Recensionen; einige andere rissen es herunter.
In Dänemark wollten die Inseln im Südmeer lange Zeit nicht schmecken.
Ich hatte die dänische Uebersetzung auf Subscription erscheinen lassen;
glaubte man vielleicht, es koste zu viel und sei zu viel auf ein Mal zu
lesen? ich weiß es nicht; genug, man war mit dem Buche unzufrieden, und
ich glaube ganz besonders die, welche es nicht gelesen hatten.
Uebrigens will ich gern gestehen, daß die Inseln im Südmeer einen
üblichen Fehler von Romandichtungen hatten, das Werk war zu weitläufig.
Ein Drittheil hätte zum Vortheil des Werkes fortgelassen werden können.
Dies ist bei den neuen Auflagen sowohl im Dänischen wie im Deutschen
geschehen.
[Sidenote: Brief an Walter Scott.]
Obgleich ich nun in diesen größtentheils erotischen Erzählungen
keineswegs Walter Scott nachzuahmen suchte, der fast gar nicht erotisch
ist, so wird doch das folgende Fragment eines Briefes, den ich diesem
großen Mann mit meinen Schriften ungefähr zu derselben Zeit sandte,
da ich meinen Roman dichtete, den Leser überzeugen, wie sehr ich ihn
bewunderte und liebte.
»Dem herrlichen Dichter, mit dem ich in vertrauter Bekanntschaft
gelebt habe, danke ich einen mehrjährigen Genuß, ohne ihn jemals mit
meinen irdischen Augen gesehen, ohne jemals seine Stimme gehört oder
einen Druck seiner Hand empfangen zu haben. Ich kenne ihn nicht, aber
ich kenne seinen rothhaarigen Campbell mit den langen Armen und der
ausgedehnten Wirksamkeit; seine holde Diana Vernon, die in ihrer Kälte,
wie der Mond leuchtet; seinen kräftig-schrecklichen Mac Merilles; seinen
in seiner Unbedeutendheit höchst poetischen Simson mit den schiefen
Beinen; seinen königlichen Bettler in dem zerfetzten Gewande. Ich sehe
seine entsetzlichen Schwärmer in der dunkeln Hütte, wie sie auf die Uhr
blicken und sie auf Zwölf stellen, damit sie ihre Opfer tödten können.
Ich sehe Allen Mac Auley in seinen Plaid gehüllt mit stolzem, gerührtem
Seherblick, einen wunderbaren Gegensatz, wie ein Funke in der Asche
zu der fast erloschenen Flamme des Alterthums, zu dem sanguinischen,
launischen Egoisten Dalgetty bilden. Ich sehe Maria Stuart, frei selbst
als Gefangene, in ihrer Anmuth, und Elisabeth in ihrem eifersüchtigen
Geistesgefängniß auf dem Throne. Ich finde dem Herzog von Argyle in
dem schönsten Verhältniß zu der heroisch anmuthigen Jenny Deans. Die
jüdische Madonna Rebecca erweicht mein Herz; und in der Schilderung
ihres Vaters und des Narren Wamba, finde ich -- wie in Allem --
Shakespeare's Landsmann und Nachkommen. Der stolze Fergus rührt mich auf
dem Wagen zur Richtstätte. Ich bin heimisch in Schottland, ohne dort
gewesen zu sein; ich kenne die einsamen Wege über die Moräste des Landes
hin nach den fernen Bergen; die Hütten mit ihren Rauchsäulen, die Felsen
mit ihren Höhlen, den Bach mit seinen Elfen, das Kloster mit seinen
Mönchen, die Burg mit ihren Rittern. Ja selbst in Glasgow habe ich einen
vertrauten Freund in dem liebenswürdigen, thätigen Spießbürger Jarwin.«
»In allen diesen Gestalten treffe ich stets einen in den verschiedensten
Gesichten sich offenbarenden Genius, den großen Dichter selbst; und
diesem schreibe ich diese Zeilen, um ihm meine Gefühle an den Tag zu
legen.«
[Sidenote: Walter Scott.]
Walter Scott gestand bekanntlich damals noch nicht, daß er der Verfasser
der Romane sei; von seinen andern Poesien hatte ich in meinem Briefe
nicht viel gesprochen. Er konnte mir also nur durch dritte Hand als
Anonymus danken; das that er denn auch auf das Freundlichste und sagte
mir viel Verbindliches, indem er mir auch seine Werke, sowohl die
Gedichte, wie die Romane sandte.
Wir schrieben uns später einige Male. Sir Walter Scott wollte mir
einen englischen Verleger für die Inseln im Südmeere verschaffen,
die Herr Gillies nach dem deutschen Manuscripte, das ich ihm sandte,
zu übersetzen versprochen hatte. Aber obgleich ich oft ehrenvoll im
Edinburgh Magazine besprochen und stückweise übersetzt war, und obgleich
Sir Walter Scott eine Vorrede zu meinem Romane schreiben wollte, gelang
es ihm doch nicht, einen Verleger zu finden, der soviel bezahlen wollte,
daß Herr Gillies und ich Vortheil davon haben konnten, wenn wir das
Honorar theilten. Walter Scott, dem es leid that, nicht durchführen
zu können, was er gehofft und wozu er mich selbst aufgemuntert hatte,
schrieb an Feldborg, der damals in London war und meine Commission
übernommen hatte: »_Mr. Cadel says, =no German Work= has ever stood
the expence of translating; and we know how very small that is. In
short, I had the mortification to see, that he is not in humour with
the undertaking. I wish, you would look into Constables shop, and talk
with Cadel on the subject. He will tell you, that I offered to do any
thing in my power, to make the British public acquainted with Mr.
Oehlenschlaegers merit, and I will turn your evidence, that the matter
does not miscarry for lack of zeal on my part._«
Uebrigens war für meinen Antheil nur die Rede von hundert Pfund. Kurze
Zeit darauf hatte Sir Walter Scott selbst das Unglück, durch den
Bankerott des Herrn Constable ein bedeutendes Vermögen zu verlieren,
aber er verschmerzte seinen Verlust und hat uns später mit mehreren
Werken erfreut, unter denen z. B. Quentin Durward und das schöne
Mädchen von Perth sich mit jedem seiner besten Werke aus früherer Zelt
sicherlich messen können.
* * * * *
[Sidenote: Johann Ludwig Heiberg.]
Indessen versahen andere Dichter die dänische Literatur und Bühne
reichlich mit ihren Werken.
=Ludwig Heiberg= hatte bereits im Jahre 1814 sein Marionettentheater
herausgegeben. Ein paar Jahr, bevor es gedruckt wurde, sah ich eins
dieser Stücke, ich glaube Don Juan, bei seiner Mutter, Frau Gyllembourg,
aufführen, und der poetische Geist und Ton darin, überraschte mich
und gefiel mir ganz besonders. Das Stück wurde gut gespielt, woran
ohne Zweifel der Dichter selbst Theil nahm. Es war auch wirklich etwas
Kindliches darin, das mich rührte. Dies kam vielleicht zum Theil von
der Erinnerung vergangener Jahre, wo der Dichter selbst Kind bei seiner
Mutter gewesen war, deren Weihnachtsfeier, mit ihren Geschenken und
Spielen sich diesem Marionettenspiele näherten, theils rührte mich
das =Kunstkindliche= im Marionettenspiele selbst, die Erinnerungen
an Kasperle im Thiergarten u. s. w. Vor mehreren Jahren hatte ich in
Halle die Marionettentragödie Faust gesehen, in der sehr viel Gutes
ist, besonders in den tragikomischen Scenen, und die Lessing in
seiner Dramaturgie lobt. Und so mangelhaft es auch ist, könnte man
doch wünschen, tragische Werke öfter so aufführen zu sehen; man müßte
dann aber auch selbst soviel Phantasie mitbringen, daß sie die sonst
unaufhörlich gestörte Illusion ersetzen kann.
Um ein großes tragisches Drama mit vielen Personen aufzuführen, wird
ein großes Personal von so poetisch gebildeten Menschen erfordert, wie
man sie selten findet. Im Marionettenspiele kann man sich die Diction
von =wenigen= unsichtbar Spielenden meisterlich gesprochen denken, die
mehrere Rollen ausführen. So wurde es ein Zwischending von Vorlesung
und einem Bilde fürs Auge, mit dem man doch nicht zu scharf sehen, oder
es bewaffnen durfte, wenn man nicht den Mangel der Pantomime entdecken
wollte.
Als Heiberg diese Stücke: =Don Juan= und =Töpfer Walter=, drucken
ließ, nannte er sie noch: Marionettentheater, weil er meinte, »daß der
kindliche Geist der der eigentliche Charakter des Marionettentheaters
ist, sich mehr oder weniger sichtbar durch dasselbe ziehe«. Aber hierin
kann ich doch nicht mit ihm einig sein. Erstens liegt kein kindlicher
Geist in irgend einem der Stücke des alten Marionettentheaters
selbst; es war die =Kunst= in der Kindheit, die etwas Naives in ihren
gestrandeten Versuchen und ihrer kecken Unwissenheit hatte. Diese
Heiberg'schen Stücke sind, wenn man sie =liest=, durchaus nicht
kindlich. Das erste: =Don Juan=, ist eine sehr gute freie Behandlung
von Molière's Drama, besonders in den komischen Partieen. Aber ein
Schauspiel, das Laster, Verbrechen, Ausschweifungen, Leichtfertigkeit
und Spott, Scherz, Abscheu und Entsetzen darüber darstellt, kann doch
nicht kindlich genannt werden. Der =Töpfer Walter= ist ohne Zweifel
eine der poetischsten Dichtungen Heiberg's; besonders ist die Scene mit
Walter und Ulf, wo der erste Gott und der Natur eine ewige Freundschaft
schwört, sublim und tragisch erschütternd. Aber wenn man die Stellen
ausnimmt, wo Doctor Pancreas Prügel bekommt, ist doch Nichts darin,
das an das Marionettenspiel erinnert. Das Verhältniß zwischen Rosa
und Walter ist anmuthig und rührend; aber merkwürdig ist es, wie der
junge Dichter bereits hier fürchtet sentimental zu sein, sodaß er sich
(mit der später so sehr gepriesenen Ironie) beeilt, den Eindruck auf
den Leser zu vernichten, den seine Begeisterung geweckt hat, indem er
Harlekin mit einer Plattitüde das Stück beschließen läßt.
Ein paar Jahr später erschien Heiberg's =Weihnachtsscherz und
Neujahrsspiele=, eine Fortsetzung meines Sct. Hansspieles. Dieses Stück
steht ohne Zweifel den frühern um Vieles nach. Es ist in seiner ganzen
Composition eine Nachahmung von Tieck's »gestiefeltem Kater«, »Zerbino«
und der »verkehrten Welt«. Der ganze Spaß, die Illusion aufzuheben,
und die Zuschauer selbst mit in die Handlung zu verwickeln, ist nach
Tieck. Doch fehlt es mehreren Scenen nicht an Witz und Humor. Die kleine
Nanine tritt schön und ergreifend auf; doch verschwindet dies, wenn
sie in den Himmel kommt, und die Engel das irdische Weihnachtsspiel
nur fortsetzen, das doch wohl eine Ahnung von etwas viel Höherm
jenseits sein soll. Die Satyre über den Mangel an Fleisch und Blut in
der =Ingemann'schen Blanca= ist treffend. In einem Dialoge, der sich
nicht genügend in Kraft und Begeisterung erhebt, entwickelt sich ein
dem Gil Blas entnommener Stoff der auf die Menge durch schöne lyrische
Stellen wirkte, in dem aber der Haupteindruck doch peinlich wird,
weil es ein Unglück ist, das durch Intrigue oder Mißverständnis ohne
Entwickelung großer und interessanter Charaktere geschieht. Dem milden,
ruhigen Ingemann, der die Literatur durch so viele schöne, besonders
elegische Gedichte bereichert, und viele Leser dadurch erfreut hat, daß
er in seinen dichterischen Erzählungen den Volkston zu treffen wußte,
fehlt das Feuer, der Pathos, den die Tragödie nicht entbehren kann.
Bei dem Norweger =Boye=, der kurz darauf mehrere Dramen für die Bühne
dichtete, finden wir Feuer und Pathos; dagegen wieder zu wenig Milde und
schaffende Phantasie.
* * * * *
[Sidenote: Zeuthen und Rahbek.]
[Sidenote: Schrödersee.]
In diese Jahre fiel meine Bekanntschaft mit der =Zeuthen'schen= Familie,
welche später als unsere Kinder aufwuchsen, durch das ganze Leben
fortgesetzt und zur Freundschaft wurde. Den alten Etatsrath Zeuthen
hatte ich bereits in meiner Kindheit gekannt, als er, ein eifriger
Freund der Schule für die Nachwelt sich derselben eifrig annahm und ich
oft beim Examen den muntern, imposanten Mann mit dem klugen Gesichte und
den feurigen braunen Augen als Director sah. Später in meiner Jugend,
als ich Rahbek's Freund wurde, hörte ich diesen und Andere oft Gutes
von Zeuthen reden; obwohl sie nicht miteinander umgingen. Zeuthen und
Rahbek waren beide Jütländer, aus den Dörfern, nach denen sie genannt
wurden. Sie waren beide mit dem reichen =Knud Lyne= verwandt, nach dem
Rahbek seine Vornamen empfing, und von dem er viel erbte; Zeuthen zwar
am meisten, aber Rahbek, soviel ich weiß, doch 12,000 Reichsbankthaler,
für damalige Zeit eine nicht unbedeutende Summe. Zeuthen, der Jurist,
später Assessor am Hof- und Stadtgericht und Geldmann war, schlug Rahbek
vor, sein Vermögen so zu verwalten, daß er gute Zinsen erhalten und
mit der Zeit durch Ankauf von Grundstücken gleich Zeuthen reich werden
sollte. Aber das wollte Rahbek durchaus nicht, er trug das Geld in der
Tasche; nach Rousseau'schen Ideen meinte er, Geld müsse ein gemeinsames
Eigenthum für Alle sein; mit diesen communistischen Grundsätzen lieh
er, oder richtiger gesagt, gab er seinen Freunden, was sie brauchten;
er selbst machte eine Reise ins Ausland auf eigene Kosten, ohne Buch
zu führen, oder auch nur etwas aufzuschreiben, und so währte es nicht
lange, bis der gute Rahbek nicht einen Schilling mehr besaß, und oft
in Verlegenheit gerieth, wenn die guten Freunde, an die er sich nun in
der Noth wenden mußte, seine communistischen Grundsätze nicht theilten.
Es währte dagegen nicht lange, als sich Zeuthen ein schönes Gut kaufen
konnte. Dergleichen mochte Rahbek aber nicht, das war ihm zu vornehm.
Daß zwei Menschen von so durchaus verschiedenem Character nicht Neigung
empfanden zusammen zu leben, ist begreiflich, doch achteten sie
gegenseitig ihre guten Eigenschaften und Zeuthen hatte auch Sinn für
die schönen Wissenschaften; obgleich man eigentlich nicht sagen konnte,
daß er ein Schöngeist war. In der ersten Zeit unserer Bekanntschaft
hatte er ein prächtiges Fest veranstaltet, was er häufig that. Hier fand
ich einen Mann bei Tisch, den ich oft in meiner Kindheit, in steifer
Uniform als Gardecapitain im Friedrichsberger Schloßhofe herumstiefeln
gesehen, und von dem ich damals nicht ahnte, daß ich jemals sein
Tischnachbar werden würde; er war der Kammerherr =Schrödersee=. Obgleich
ich glaube, daß er von einem gelehrten Großvater abstammte, hatte
Schrödersee in seiner Jugend doch dem Studentenwesen einen tödtlichen
Haß geschworen; er war ein sehr eleganter, steifer, gepuderter Officier;
an der Fehde, die zu Ewald's Zeit zwischen jungen Officieren und
Studenten, veranlaßt durch Bredal's dramatisches Journal, stattfand,
soll Schrödersee kräftig Theil genommen haben, und man glaubt, daß Ewald
eine Tirade in seinen brutalen Claqueurs auf ihn bezogen habe. Es war
recht merkwürdig mit diesen Lieutenants- und Studentenfehden, die sich
damals oft wiederholten; aber sie trugen doch alle nach und nach dazu
bei, die häßliche feindliche Trennung zwischen Kriegern und Gelehrten
aufzuheben, bis endlich die Jünglinge der militairischen Hochschule und
der Universität einander wie Brüder herzlich umarmten. Hierfür können
wir bereits Holberg danken, der in seinem Jakob v. Tyboe das _us_ und
das =von= verspottete. In Deutschland hielt sich diese Trennung bis in
die neuesten Zeiten aufrecht, aber aus einem ganz andern Grunde, hier
standen Adel und Bürgerschaft sich gegenüber; und hier ging es nicht wie
im Norden, wo dieses Vorurtheil sich niemals eingewurzelt hatte, wo das
deutsche »Von«, das uns von Holstein hergekommen war, sich nicht in die
Marine eingenistet hat, und wo der Adel seinen Todesstoß im Jahre 1660
erhielt. Aber um auf Schrödersee zurückzukommen, so beschuldigte man
ihn, in seiner Jugend zu jenen Bramarbasirern gehört zu haben. Wenn er
im Parquet mit seinem gepuderten Kopfe und seiner großen Nase dastand,
so blickte er oft auf eine Weise ins Parterre, welche die demokratischen
Köpfe daselbst verdroß. Aber Schrödersee war in der Periode, wo ich
ihn kannte, älter, zahmer und billigdenkender geworden. Wenn er auch
keine Kenntnisse hatte, so war er doch ein witziger Kopf. Als der
Danebrog-Orden auf mehrere Grade erweitert und er Ritter wurde, und man
ihm gratulirte, antwortete er: »Er ist noch sehr =jung=!« womit er
meinte, daß er, als ein alter Cavalier, auf einen höhern Grad gehofft
hatte. Als Graf Yoldy, früherer spanischer Minister, Oberkammerjunker
wurde, auf welchen Posten Schrödersee gehofft hatte, scherzte der König
einmal mit ihm und sagte: »Schrödersee! Ihr scheint mir in der letzten
Zeit so steif geworden zu sein«. »»Ew. Maj.««, antwortete Schrödersee,
»»das kommt daher, weil ich eine spanische Fliege im Nacken habe««. --
Hier bei Zeuthens richtete er eine Replik an mich, die sehr gutmüthig
und entschieden den Gegensatz von stolzer Eitelkeit war. Denn als der
Wirth, wie ich zum ersten Male bei ihm speiste, nach alter Sitte einen
Toast proponirte, »Denen zu Ehren, die die Kunst und Kultur im Lande
befördert hatten«, rief Schrödersee laut über den Tisch mir zu: »Der
Toast gilt uns Beiden«!
Einige Jahre darauf begegnete ich ihm wieder auf der Marmorbrücke beim
Christiansburger Schloß. »Wie befindet sich der Herr Kammerherr«? fragte
ich. »»Ach was, schlecht geht's mir««, antwortete er; »»ich bin ein
altes Pferd; den man eine Kugel durch den Kopf jagen muß««! Damit zeigte
er auf das Ohr, wo die Kugel hineingehen sollte, und verließ mich.
Wenige Tage darauf begegnete ich auf derselben Stelle dem Oberhofmeister
der Königin, Brockenhuus. Wir waren sehr gute Freunde vom Theater her,
wo er mir einmal gesagt hatte, als er von seinen Vorfahren sprach:
»Wir kamen mit Erik von Pommern hieher«. Bei dieser Begegnung auf
der Marmorbrücke wandte er sich nun wehmüthig nach dem Schloß zu und
sagte: »Sie können glauben, da habe ich viel Plaisir gehabt«! »»Nun««,
antwortete ich, »»Ew. Excellenz können noch viel Plaisir auf der Welt
haben««. »Ach«, seufzte er, »ich werde nie wieder soviel Plaisir
haben«. Er ging; ich stand einen Augenblick im Nachdenken versunken,
und gedachte der Zeit, wo ich als kleiner Knabe 1796 auf dieser Brücke
stand, in der finstern Nacht das Schloß mit den gelben, rothen und
blauen Flammen und mit der dunkeln Rauchwolke brennen und den Thurm
wanken und mit starkem Geräusche mit drei Donnerschlägen durch alle drei
Stockwerke hindurchstürzen sah. _Sic transit gloria mundi!_
[Sidenote: Die Familie Zeuthen.]
Der Leser verzeihe mir diese und ähnliche Ideenassociationen, welche
einige Gleichheit mit der lange gestatteten =lyrischen Unordnung= in der
Ode haben, und welche zu erwähnen zuläßt, was sonst nicht berührt werden
könnte, und das doch nicht ohne Interesse ist und dazu beiträgt, ein
Zeitgemälde zu vervollständigen.
Mehr als mit dem alten Zeuthen lebte ich mit seinem Sohne Wilhelm,
Assessor im Hof- und Stadtgericht, später im höchsten Gericht, und mit
dessen Frau und Schwester, die beide geistvolle und begabte Naturen
waren. Wilhelm Zeuthen wurde mein Freund; wir brachten mehrere Jahre
in traulichem Zusammenleben zu, und besuchten einander oft. Als seine
und meine Kinder aufwuchsen, dehnte sich die Freundschaft auch auf sie
aus, und wir brachten jeden Sommer mehrere Wochen bei ihm zu. Sein
jüngerer Bruder lebte im Auslande, und ich lernte ihn nie kennen.
Wilhelm Zeuthen war seinen Grundsätzen nach liberal; er liebte die
Poesie und zeigte mir große Zuneigung. Dieser schöne, starke, feurige,
junge Mann hatte dasselbe Unglück wie Bentzon: er hinkte etwas in
Folge eines unglücklichen Zufalls in der Kindheit. Dadurch fehlte ihm
die nothwendige Bewegung und das wurde ein Nagel zu seinem Sarge. Da
er nicht genug gehen konnte, so versuchte er zum Ersatz auf einem
kleinen Wagen ohne Federn zu fahren, der unmenschlich stieß. Einmal
lud er mich schelmisch ein, solch eine Spazierfahrt mitzumachen, ich
kannte den Wagen nicht, setzte mich hinauf, und wurde ganz entsetzlich
durchgeschüttelt, ohne sein Mitleiden zu erwecken, da er meinte, daß
mir, der etwas bequem sei, so etwas ganz gut bekommen würde. Er hatte
eine ganz herrliche Tenorstimme und erfreute mich oft durch seinen
Gesang. So lebten wir mehrere Sommer zusammen. Da starb er an einer
plötzlichen Krankheit in Kopenhagen. Er sollte auf dem Kirchhofe seines
Guts begraben werden, und seine Freunde zogen einen Tag vorher hinaus
um ihn zu Grabe zu geleiten. Welch' trauriges Gefühl, als wir hier als
Gäste zum letzten Male in seinem Hause schliefen. Wir saßen in der
Dämmerung noch beim Mittagstische -- da hörten wir einen Wagen auf dem
Hofe rollen. Es war der geschlossene Wagen mit der Leiche. Unser lieber
Wirth, unser lebensfroher, gastfreier Zeuthen saß nicht mehr unter uns
-- rothwangig mit den funkelnden, schönen, braunen Augen. Nun brachten
sie seinen entseelten Körper. Wir erhoben uns Alle schweigend, drückten
einander die Hände, und ich dachte: »Das ist das Loos des Schönen auf
der Erde«.
* * * * *
[Sidenote: Ich studire wieder Latein.]
Im Jahre 1820 lag es mir als Professor ob, das Universitätsprogramm zu
schreiben, und die lateinische Rede am Reformationsfeste zu halten. Ich
hatte eine Zeit lang vorher wieder die Römersprache vorgenommen, die
ich seit meiner juristischen Studienzeit versäumt hatte. Nun las ich
fleißig, besonders Cicero's Schriften, doch auch die Dichter, von denen
mich besonders Ovid interessirte, und ich gab Holberg fast Recht, daß
er der beste der römischen Poeten sei. Er hat nicht Virgil's Reinheit
und Klarheit, aber er ist origineller. Unter den Alten näherte er
sich am meisten den modernen Dichtern, weil er der Einzige ist, der
das Herz rührt. Das hat ihm eine gewisse Schule zur Last gelegt, und
ihm weiche Sentimentalität vorgeworfen. Daß diese ihn oft, besonders
in seinen Tristien hingerissen hatte, will ich gern zugestehen. Aber
es waren auch nicht solche Klagen, die mich rührten. Seinen schönen,
epischen Dichtungen Daphne, Philemon und Baucis, und besonders Pyramus
und Thisbe, diese antike Romeo und Julie waren es, die im Vortrage und
in der Schilderung der Göthe'schen Poesie gleichen. Da ich Dichtung und
Studium nicht gut von einander trennen konnte, so übersetzte ich diese
Sachen, ebenso wie ich vor einigen Jahren Horaz, Properz und Catull
übersetzt hatte.
Aber nun sollte ich selbst Lateinisch schreiben! Es gab freilich einen
bequemen Ausweg, dem es nicht an Beispielen fehlte, es von einem Andern
machen zu lassen. Aber da ich es niemals leiden konnte, eine Fertigkeit
vorzugeben, die ich nicht besaß, so beschloß ich lieber in Gottes Namen
in meinen alten Tagen (ich war damals 40 Jahre alt) wieder in die Schule
zu gehen, einen Lehrer im Lateinischen zu nehmen, und bei ihm täglich
zu arbeiten. Das that ich denn auch und Herr =Repp= half mir ein Jahr
lang treulich. Aber hier zeigte sich nun eine Eigenthümlichkeit, welche
mich verhinderte, die Sache zur Reife zu bringen. Es ist mir stets
unerträglich gewesen, viel Grammatik zu lernen; ohne diese hatte ich
meine Muttersprache, und merkwürdigerweise auch die deutsche gelernt,
in der ich nach dem Urtheil von Sachverständigen mit den Besten
wetteifern konnte, obgleich ich -- aus jenem Grunde -- niemals kleine
Fehler vermeiden konnte, die von Andern leicht geändert wurden. Mit
dem Allernothwendigsten, den Declinationen, den Conjugationen und den
wichtigsten Regeln versehen, begab ich mich auf das Glatteis des Styls,
wobei oft der komische, aber sehr natürliche Fall eintrat, daß ein Satz,
von dem mein Lehrer erklärte, daß er Ciceronianisch sei, mit einem argen
Sprachfehler abwechselte, den ich doch gleich selbst ändern konnte, wenn
ich darauf aufmerksam gemacht wurde. So saß ich also ein paar Jahre
und übte mich, erst mit Herrn Repp, später mit meinem Freunde, dem
Oberlehrer Olsen. Mit Repp fing ich auch an, Lateinisch zu sprechen,
wenn wir nach Friedrichsberg zusammen spazieren gingen. Ich entsinne
mich noch, daß ich ein Mal mit ihm in der Allee vor dem Kirchhofe bei
einem schwierigen Satze stehen blieb, und es hätte mich gar nicht
gewundert, wenn die Todten sich über meine Phrase im Grabe umgewendet
hätten.
Indessen bekam ich im Laufe eines Jahres noch einige Fertigkeit, und
flickte mein Programm und meine Rede zusammen, die von den Betreffenden
durchgesehen und gereinigt, nicht ganz zu verwerfen war, und sogar vom
Bischof Fogtmann der _=copia verborum=_ wegen gelobt ward, die sich
darin befand, was daher kam, weil ich unverdrossen mein Lexicon benutzt
hatte. Außerdem gehen Geschmack und Wahl der Worte aus einer Sprachform
in die andere über, und hierin kam mir meine Fertigkeit im Dänischen und
Deutschen zu Hülfe. Oft, wenn mir ein Wort fehlte, das meine Lehrer mir
gesagt hatten, schüttelte ich so lange mit dem Kopfe, bis das rechte
kam, in dem die feine Nüancirung ausgedrückt war, die ich bezeichnen
wollte. Ich kannte das Wort wohl, aber ich hatte es nicht gleich im
Gedächtniß zur Hand.
[Sidenote: Professorengesellschaften.]
Da ich nun einmal dabei bin, meiner lateinischen Arbeiten zu erwähnen,
und wohl kaum wieder darauf zurückkomme, will ich bemerken, daß ich
mehrere Jahre später, 1828 und 1829 zwei lateinische Reden als Dekan und
Prodekan; 1832 wieder zwei als Rector, 1834 eine als Dekan, und endlich
1847 eine ganz kleine in derselben Eigenschaft hielt; von diesen ließ
ich mir doch zwei von einem guten Freunde übersetzen, da mir schien, daß
ich mich lange genug mit einer Uebung herumgequält hatte, bei der doch
Nichts weiter herauskam.
* * * * *
Da ich hier einmal bei der Universität bin, will ich, ohne mich ängstlich
an die Chronologie zu halten, der =Professorengesellschaften= erwähnen,
die eine Zeitlang fortgesetzt wurden. Diese Professorengesellschaften
waren für mich die langweiligsten Gesellschaften, denen ich in meinem
ganzen Leben beigewohnt habe. Nicht als ob es an vortrefflichen,
geselligen Leuten gefehlt hätte; aber Ton und Einrichtung waren
im Ganzen nicht nach meinem Geschmack. Eigentlich waren lange
Abendgesellschaften, in denen weder musicirt noch Karten gespielt wurde,
nie nach meinem Sinn, selbst wenn Damen daran Theil nahmen. Hier waren
nun keine Damen, mit Ausnahme der Wirthin; es wurde Taback geraucht
und Punsch getrunken. An keinem von Beiden konnte ich Theil nehmen, da
ich in diesem Jahre starke Anfälle von Podagra bekam, welche Krankheit
mich zwar nicht verlassen hat, aber doch in der spätern Periode meines
Lebens viel milder geworden ist. Hierzu kam, daß ich verstimmt und
zurückhaltend in einer Zeit war, wo ich so viele Gegner hatte; meine
Collegen waren auch zum Theil aus Bescheidenheit und Delikatesse
zurückhaltend gegen mich. Aber selbst an und für sich hatte hier, wie
es wohl gewöhnlich der Fall ist, eine Versammlung von Gelehrten kein
besonderes gesellschaftliches Talent. Sie gingen meistens mit ihren
Pfeifen umher und unterhielten sich in einzelnem Gespräch. Sobald der
Anstand es gestattete, zog ich mich zurück und ich glaube, daß Mehrere
meinen Geschmack getheilt haben, weil die Gesellschaft in ein paar
Jahren ganz aufhörte. Junge Studenten, bei denen jeder Gegenstand neu
ist, und Veranlassung zum Gespräch giebt, können sich auf diese Weise
wohl unterhalten; aber wenn der Aeltere sich auf solche Art unterhalten
soll, so kann er auch mit Göthe sagen:
So gieb mir auch die Zeiten wieder,
Da ich noch selbst im Werden war.
Mit meinen Freunden, den Professoren Peter Erasmus Müller, Jens Möller
und dem Arzt, Etatsrath Herholdt, setzte ich den Umgang fort, und wir
spielten oft L'hombre zusammen. An P. E. Müller knüpfte mich besonders
unsere gemeinsame Liebe zu dem Altnordischen. Mein Jugendfreund J.
P. Münster, damals Prediger an der Frauenkirche, war auch in der
Professorengesellschaft gewesen; er heirathete eine Tochter des Bischofs
Münter, wir besuchten einander und sahen uns oft bei Rahbeks und Münters.
* * * * *
[Sidenote: Siboni.]
Ungefähr zu der Zelt kam ein Mann nach Kopenhagen, der Epoche in der
musikalischen Welt machte, der Gesanglehrer =Siboni=. König Christian
VIII. hatte, als Prinz, ihn in Italien kennen gelernt, wo Siboni sich
als Tenorist auszeichnete; später wurde er Singmeister, und fast ebenso
berühmt, wie jetzt Garcia geworden. Was Wunder daß man ihn unter sehr
günstigen Bedingungen nach Kopenhagen rief. Der große, sehr schöne,
kräftige Italiener kam, und machte gleich in der vornehmen Welt und
besonders bei den Damen großes Glück. In den ersten Jahren spielte er
zuweilen auch eine musikalische Heldenrolle auf der Bühne; aber obgleich
er wie ein Held aussah, und sich einen Theil von Talma's Manieren
angeeignet hatte, so ward ihm doch bisweilen die Stimme untreu, und wenn
er gleich den Mangel an Kraft im Tone durch Triller und Rouladen zu
verbergen suchte, so half das doch nicht viel, und er hörte bald selbst
auf, als Sänger zu wirken. Dagegen wurde er nun ein vortrefflicher
Gesanglehrer, dessen unser Theaterpersonal dringend bedurfte, auch
bildete er einige gute Schüler, obgleich sein Umgang mit den Großen, die
ihn Alle zum Privatlehrer für ihre Töchter haben wollten, ihm viele Zeit
raubte.
[Sidenote: Musikalische Zustände.]
Einige Jahre vorher war Rossini aufgetreten und setzte die Welt durch
sein Genie in Erstaunen. In seinen Opern hatte Siboni geglänzt, er
konnte sie auswendig, betete ihren Componisten an; was Wunder, daß er
versuchte, sie auf die dänische Bühne zu verpflanzen? Aber hier traf
er auf Widerstand. Weyse und später Kuhlau hatten auf die dänische
musikalische Welt eingewirkt, wo vorher Naumann, Schulz und Kuntzen
geblüht hatten. Fremde, welche diese nicht kannten, beschuldigten
die Dänen, unmusikalisch zu sein. Viel vortreffliche Stimmen haben
wir nicht gehabt; die rauhe Luft in der Nähe des Meeres, der häufige
Wind und Regen wirken nicht wohlthätig auf die Stimme ein; daß diese
Elemente aber auch auf das Ohr und die Seele in Bezug auf Empfängniß
musikalischer Eindrücke ungünstig einwirke, wäre wohl thöricht zu
behaupten. Das tiefe Gefühl für das Poetische in der Musik hat der
gebildete Däne wohl eben so gut, wie für die Poesie selbst; und
dramatische Musik, welche Leidenschaften, milde Gefühle und Charaktere
ausdrücken soll, muß immer poetisch sein.
Rossini, der schon als kleiner Knabe mit seiner Mutter auf dem Theater
sang, entwickelte früh sein Talent, aber erst später seinen Geschmack
und sein Gefühl. Nach vielen mittelmäßigen Versuchen componirte er die
Oper Tancred, die außerordentliches Glück machte. Es zeigte sich außer
der fruchtbaren Phantasie in der Erfindung von Melodieen, in Rossini's
Compositionen eine Richtung, welche neu war, und also Aufsehen machen,
eine Modesache werden und zur Nachahmung reizen mußte. Sowie Haydn
und Mozart den eigentlichen Gebrauch der Blasinstrumente in die Musik
einführten, so versuchte Rossini die menschliche Stimme selbst zu einem
Blasinstrumente zu machen. Kein Instrument erreicht die Menschenstimme
an Wohlklang; Rossini fand, daß besonders die Frauenstimme ebensogut wie
Oboe, Violine und Clarinette, die schwierigsten Passagen in der Musik
ausführen konnte. Nun componirte er Gesangsnummern, in denen Dieses
stattfand, wo der eigentliche Gesang ganz von Trillern, Rouladen u. s.
w. betäubt und verziert wurde, sodaß derselbe eine untergeordnete Rolle
spielte. In seinem Vaterlande fand er schöne Stimmen, die durch Uebung
vermochten, diese Compositionen mit größter Reinheit, Gewandtheit und
Stärke auszuführen. Was Wunder, daß diese neue Erfindung, dieser bisher
nicht dagewesene Genuß, eine außerordentliche Wirkung auf die Menge
ausübte, die überhaupt stets mehr von dem Sinnlichen als dem Geistigen
hingerissen wird. Ja selbst die tiefer und wahrer Fühlenden erstaunten
über diese neue Erfindung, und die seltene Virtuosität in der Ausführung
sagte ihnen im Anfange zu. Aber bald sahen alle wahren Kenner ein, daß
dieser Luxus, wenn er fortgesetzt und übertrieben würde, zum Untergange
des reinen Geschmackes und der wahren Musik beitragen müsse, weil
dieser sich zu sehr von der Natur entfernte. Die italienische Musik hat
oft an solchen Ausschweifungen und Uebertreibungen gelitten. Schon in
der Mitte des 16. Jahrhunderts wollte Papst Marcellus II. die entartete
Musik, als des Gottesdienstes unwürdig, aus der Kirche vertreiben, als
Palästrina sie rettete.
Der abscheuliche Mißbrauch, Castraten Liebhaber spielen zu lassen,
veränderte sich nun in Rossini's Zeit so weit, daß jetzt Frauenzimmer
mit starken Altstimmen Liebhaber spielten, denn wirkliche Männer
darin auftreten zu lassen -- zu einer solchen Trivialität konnte die
italienische Kunst sich nicht herablassen -- deshalb hatte stets ein
Frauenzimmer den Helden Tancred gespielt und gesungen, und das geschah
auch hier. Diese musikalische »Haupt- und Staatsaction« hat mir, trotz
aller seiner schönen Melodieen und seines brillanten Accompagnements nie
gefallen.
Da nun Siboni durchaus kein Interesse für die deutsche, französische
und dänische Musik hatte, da bei festlichen Gelegenheiten nur
Rossini'sche Opern aufgeführt wurden: so weckte dies das Mißvergnügen
des Nationalgefühls, und gab Veranlassung dazu, daß sich eine Partei
im Theater bildete, die, um sich zu rächen, stets die italienischen
Opern auspfiff, welche den Tag nach dem Feste aufgeführt wurden, was
gewiß sehr ungerecht war. Aber sie entschuldigte sich damit, daß sie
nicht die Musik, sondern die Wahl der Opern auspfiff. Der Hof stand
ganz auf Siboni's Seite; ich hatte gehört, daß der König böse auf mich
sei, weil er glaubte, daß ich Theil daran hätte; ich eilte zu ihm
hinauf, um ihn von meiner Unschuld zu überzeugen. »Ja,« sagte er, »ich
glaube wohl, daß Sie nicht unmittelbar daran Theil genommen haben, aber
doch mittelbar.« »»Weder mittelbar noch unmittelbar, Ew. Majestät!««
antwortete ich; »»ich hasse Spectakel im Tempel der Kunst zu sehr, und
habe selbst zu viel durch Kabalen gelitten, als daß ich sie gegen Andere
ausüben sollte.«« »Ja, ja!« antwortete er und legte die Hand auf meine
Schulter: »ich weiß, Sie sind ein braver Mann.« Damit ging ich.
Ich nannte es unbillig, daß man die Rossini'schen Opern auspfiff, und
das war es gewiß, wenn auch Dinge darin vorkamen, die gegen den guten
Geschmack und den natürlichen Sinn verstießen, und als es erst Mode
war, wurde, wie in der französischen Revolutionszeit, alle Musik, die
den aristokratischen (hier italienischen) Schnitt hatte, zur Guillotine
geschleppt. Es that mir unter Anderm sehr leid, daß wir nicht _La gazza
ladra_ zu hören bekamen, in welcher Oper auch das Sujet schön ist: eine
stehlende Elster, die ein unschuldiges Mädchen auf das Schaffot bringt,
aber sie im Augenblicke des Todes wieder rettet.
Bei Geheimrath Malling's hörte ich oft schöne Melodieen vortragen.
Die älteste Tochter (später Frau Professorin Hohlenberg), hatte eine
herrliche Stimme. In dieses Haus kamen auch Weyse und Siboni. Man
kann sich nicht zwei verschiedenere Menschen denken. Jener bleich,
kränklich, ein Sonderling, größtentheils fremde Musik verschmähend, und
aus der Wieland'schen Schule hervorgegangen, auch die meiste neuere
Poesie verdammend; aber Weyse war ein musikalisches Genie, phantasirte
unvergleichlich schön, war in Sprachen und selbst in Metaphysik
bewandert, witzig, schelmisch und unterhaltend, wenn er bei guter Laune
war. Er ging am liebsten mit ganz jungen Leuten um, hatte eine große
Anzahl von Freunden unter diesen, und spielte ihnen gern etwas vor. Er
war ein ausgezeichneter Virtuos auf dem Fortepiano gewesen; später gab
er sich nicht mehr damit ab; erst als =Moscheles= uns einmal besuchte,
bekam er Lust, sich wieder zu üben, und Moscheles erstaunte über seine
Fertigkeit, in der er selbst ihm nur wenig nachgab. Weyse war ein armer
Kaufmannslehrling in Altona; hier entdeckte der Professor Cramer in
Kiel sein musikalisches Genie und sandte ihn zum Kapellmeister Schulz
nach Kopenhagen. Weyse hatte sich selbst mit einer gewissen Fertigkeit
Klavierspielen gelehrt, Schulz mußte ihm erst den falschen Fingersatz
abgewöhnen und ihm den richtigen lehren. Uebrigens that er in den
ersten Jahren nicht viel, und Schulz soll einmal, unzufrieden darüber,
gesagt haben: »Wenn ich =sein= Genie hätte, was würde aus =mir= geworden
sein!« Er meinte nämlich, verbunden mit der Charakterstärke und dem
tiefen Gefühl, was er selbst hatte. Der Grundton in Weyse's Wesen war
eine muntere Schelmerei, ein origineller Humor, daher ist gewiß auch der
»Schlaftrunk« als seine beste dramatische Composition zu betrachten;
aber er besaß auch eine reiche träumerische Phantasie und ein fein
elegisch schwärmerisches Gefühl. Das Spukwesen in Ludlam's-Höhle
ist vortrefflich ausgedrückt, und in vielen Nummern zeigt sich auch
tiefes Gefühl und schöne Humanität. Selbst von Denen, welche Weyse als
Theatercomponisten nicht lieben, wurde doch seine Kirchenmusik sehr
geschätzt. In dieser zeigen sich gewiß die erwähnten Eigenschaften oft
mit den herrlichsten Harmonieen verbunden, welche darlegten, daß Weyse's
Compositionen ihre Nahrung ebenso sehr in der gründlichen Bach'schen
Schule, wie in der alten italienischen Kirchenmusik gefunden hatten,
und daß er ein würdiger Schüler von Schulz war; doch fehlte ihm das
warme Herz und die echte christliche Begeisterung desselben. In Weyse's
Kirchenmusik finde ich den religiösen Künstler mehr als den religiösen
Menschen; er ist auch nicht, wenngleich im Besitz viel reicherer
musikalischer Mittel, nicht so originell und melodienreich als Schulz.
Kuhlau war durchaus anders als Weyse. Letzterer, der fast von seiner
Kindheit auf hier gewesen war, war Dänisch geworden; Kuhlau blieb
immer Deutsch. Kuhlau war ein schöner Mann mit rothen Wangen, hatte
aber in seiner Jugend das Unglück gehabt, ein Auge zu verlieren. Er
gab sich weder mit fremden Sprachen noch Wissenschaften ab; er trank
sein Glas Wein, rauchte seine Pfeife Taback, war ein gelehrter Musiker
und componirte schöne Musik. In seiner Musik waren nicht der Duft, die
Schwärmerei, die geistigen Ahnungen, wie in Weyse's; aber mehr Körper,
stärkere Effecte, größerer Melodienreichthum, und mehr lebendige
dramatische Bewegung. Nach Kuntzen's Tod wäre es Weyse leicht geworden,
Kapellmeister zu werden, wenn er es darauf angelegt hätte. Aber er
war zu bequem für dieses Amt und verstand auch nicht, das Ganze mit
Kraft und Bestimmtheit in Ordnung zu erhalten. Kuhlau wurde es auch
nicht. =Schall= dagegen, der Concertmeister war, wurde nun Chef vom
Orchester, wozu er sich vortrefflich eignete; dagegen verachteten Weyse
und Kuhlau ihn als Componisten, woran sie gewiß Unrecht thaten. Kuhlau
sagte von ihm: »Er kann nicht acht Tacte nacheinander richtig setzen.«
Das war sehr übertrieben; aber es ist ganz gewiß, daß Schall von
Kindesbeinen auf beim Theater erst als Figurant, dann als Repetiteur,
endlich als Concertmeister durch practische Uebung einen großen Theil
Dessen ersetzte, was ihm als Theoretiker abging. Er war ein echt
musikalisches Genie; seine erste Arbeit, »=die Chinafahrer=« ist voller
Leben und Humor. Zur Balletcomposition hatte er ein entschiedenes
Talent. Zuerst zeigte er dies in kleinen komischen Balleten. Seine
Compositionen von Lagertha, Rolf Blaubart und Romeo sind vortrefflich;
und ungeachtet aller grammatikalischen Fehler (d. h. Fehler gegen den
Generalbaß; den Kirnberger konnte er nicht verstehen, als mein seliger
Schwiegervater ihm diesen lieh) waren seine Musikstücke voll Effect,
Melodie, Charakter, und einige von ihnen in einem tragischen Fluge und
einer Begeisterung, in der weder Weyse noch Kuhlau ihn erreichten. Aber
Galleotti, der die Ballete zu Schall's Musik componirt hatte, war nun
todt; die Ballete wurden nur selten aufgeführt und Bournonville, der
später Galleotti bedeutend überragte, war noch nicht aufgetreten.
* * * * *
Die vortrefflichen =französischen Singspiele= hatte unser Theater von
Monsigny's Deserteuren bis zu Boyeldieu's Rothkäppchen mit Glück
aufgeführt; nicht die stark pathetische Musik darf man in diesen Stücken
suchen; dagegen werden die Gefühle der Liebe, der Humanität, der
Munterkeit, eines milden Mitleides, echte französische Nationalität,
Anmuth und Naivetät in diesen originellen und schönen Compositionen
ausgedrückt, und das französische Singspiel ist gewiß eine der schönsten
Blumen in der französischen Kunst. Welche Namen begegnen uns hier nicht?
=Monsigny=, =Gretry=, =Daleyrac=, =Isouard=, =Mehul=, =Cherubini= (ganz
französisch in diesem Genre), =Boyeldieu=, sowie auch später =Auber=.
Und die Texte zu diesen Stücken sind oft vortrefflich, wenn auch nicht
von Seiten der Ausführung, so doch des Stoffes und der Situationen: der
Deserteur, der Böttcher, Felix, Zemire und Azor, Richard Löwenherz, die
kleinen Savoyarden, Joconde, der Schatz, Aschenbrödel, Rothkäppchen, die
weiße Dame, der neue Gutsbesitzer u. s. w. Der große =Gluck=, obgleich
ein Deutscher, hatte seine musikalischen Tragödien zu französischen
Texten gedichtet. In Mehul fand er einen großen und würdigen Nachfolger,
denn Joseph in Egypten verbindet die hohe Einfalt und den Pathos
Gluck's mit musikalischem Reichthum und Anwendung von Instrumenten der
neuern Periode. Auch Auber wußte sich dieses Pathos auf eine Weise zu
bedienen, die in die politische Stimmung eingriff, sodaß seine Stumme
von Portici der Vorläufer und Beförderer einer Revolution ward, sowie
eine Comödie, Figaro's Hochzeit, der einer frühern gewesen war. Durch
die schöne, genußreiche Verbindung von Poesie und Musik, von Schauspiel
und Oper, hatte sich die _Opéra comique_ in Paris stets ausgezeichnet,
und, was gute Schauspieler betraf, dem _Théâtre français_ fast stets
die Spitze geboten. Auch bei uns hatte das Talent in diesen Stücken,
von Frau Walters bis zu Madame Frydendahls, Gielstrup's, Knudsen's und
Frydendahl's Zeit geblüht. So war der Zustand auf unserer musikalischen
Bühne, als Siboni mit seinem mächtigen Rossini kam, der ganz Europa
eingenommen hatte, und nun auch uns einnahm.
Der Wessel'sche Vers:
Die theuren Dänen will ich preisen,
Wenn sie bescheiden sich erweisen,
Die Tugend trifft sich selten an.
Doch wenn sie gar zu weit getrieben,
Daß Dänen alles Fremde lieben,
Ich nenn' es keine Tugend dann,
Denn er erniedrigt jeden Mann.
paßte nun hier in Kopenhagen sowohl auf unsere, wie auf seine Zeit; aber
er konnte leicht mißverstanden werden. Es muß ein Unterschied zwischen
den =gebildeten Dänen= (der größte Theil war vom Mittelstande), und
zwischen den Vornehmen (der größte Theil war aus den Herzogthümern),
gemacht werden. Von Königin Margaretha's Zeit an, haben der Hof und
die Vornehmen stets Lust gehabt sich vom Volke durch die Sprache, erst
durch Deutsch, dann durch Französisch und Italienisch zu trennen.
Was mir besonders in Frankreich gefiel, war: daß das ganze Volk Eine
Sprache redete, und daß das Land keine Hofsprache hatte. Aber selbst
in Frankreich war die =italienische Oper=, wo das hohe Entrée den
Mittelstand verhinderte hinzukommen, der Sammelplatz für den Hof und die
_beau monde_. Hier sah man einander; die Oper war ein Sammelplatz, ein
Salon, eine Fortsetzung und Variation der Hofvergnügungen; die Kunst
wurde als etwas Untergeordnetes betrachtet, nur die Virtuosität war es,
mit der man sich die Zeit vertrieb, und die man aus Eitelkeit protegirte.
Aber Eins dürfen wir bei dieser Gelegenheit nicht vergessen: Christian
VIII. und seine holde Gemahlin, Caroline Amalie, waren in ihrer
schönsten Zeit im schönen Italien gewesen, wo Alle sie bewunderten
und darin wetteiferten, ihnen zu huldigen; hier hatten sie mehrere
Monate in dem herrlichen Neapel gelebt, und Rossini's Musik von den
größten Virtuosen vortragen gehört. Wie natürlich, daß sie einige Jahre
nach ihrer Heimkehr sich freuten, diese lieben Jugenderinnerungen zu
erneuern, die schöne Sprache wiederzuhören, mit der sie so vertraut
geworden waren? Hierzu kam, daß immer einige gute Sänger da waren, die
die italienische Kraft im Ton mitbrachten, welche unser Klima selten
zuläßt, und Madame =Forconi= war zu gleicher Zelt eine sehr gute
Schauspielerin voller Feuer und Gefühl.
Siboni war also eine Zeitlang hier der Herrscher über den Geschmack in
der Musik. Es ist natürlich, daß man mehrere komische Anecdoten von dem
feurigen Italiener erzählte, der auch gleichsam das Dänische auf seine
Lippen zwingen wollte, ehe er es konnte. Seine Unwissenheit in der
Sprache gab auch zuweilen Veranlassung zu lächerlichen Mißverständnissen.
Nun lernten wir also recht Rossini kennen, dessen Moses, Othello und
besonders Wilhelm Tell ihn von einer viel größern Seite zeigten, als
wir ihn anfangs gekannt hatten. Auch der herrliche Bellini, dessen
Norma eine unvergleichliche Musiktragödie ist, erfreute uns. Den
außerordentlichen Lärm und die Ausschmückungen durch Fiorituren vergab
man gern dem Genie, wenn nicht die wirkliche Schönheit dadurch übertäubt
und versteckt wurde, sowie später von Donizetti und besonders dem ebenso
lärmenden, wie melodie- und characterlosen Verdi, der Jericho's Mauern
durch Posaunentöne einstürzen läßt, wenn ein Mädchen eine süßliche
Liebesarie singt; dessen tragische und komische Musik ganz in demselben
Styl ist, und der das rothe Meer wie Eulenspiegel (aber ohne Witz) malt,
indem er die ganze Wand mit Zinnober bestreicht; fügt man nun noch
hinzu, daß diese lärmenden Opern nur einigermaßen damit entschuldigt
werden können, daß sie für ungewöhnlich große Schauspielhäuser componirt
sind, so fiel diese Entschuldigung ganz fort, wenn man sie in einem
kleinen eingeschlossenen Raume, wie unser Hoftheater, hören mußte, wo
sie -- was mich betrifft -- wie eine Bremse brummten, die Einem in's Ohr
gekommen war.
* * * * *
[Sidenote: Die Vaudevilles.]
Man erzählt von einem preußischen Prinzen, daß er, als er einmal aus
diesen Stücken herauskam, wo sein Ohr sehr gelitten hatte, sich an der
milden Einwirkung des Zapfenstreichs erquickte, der ihn auf der Straße
entgegenkam. Auf eine viel angenehmere Weise sorgte J. L. =Heiberg=
für unsere musikalische Erfrischung. Er verfaßte eine Reihe burlesker
Comödien, die er Vaudevilles nannte; aber sie standen sowohl im
komischen Humor, wie in musikalischer Beziehung, weit über den meisten
französischen Vaudevillen, von denen sich doch einige in der idyllischen
und historisch-charakteristischen Art auszeichneten; Heiberg's Stücke
waren alle Das, was die Franzosen =Farcen= nennen; aber meine Leser
wissen, daß ich mit dieser Benennung nichts Tadelndes verbinde, da ich,
im Gegentheil, selbst Schauspiele dieser Art gedichtet habe. Daß später
mein Freia's Altar, den ich wohl an die Seite der Heiberg'schen Farcen
zu stellen wage, in seiner fliegenden Post als ein jämmerliches Product
heruntergerissen wurde, darein mußte ich mich, wie in so vieles Andere
fügen. Diese Stücke sind ohne Zweifel im Besitz von Humor und luftigen
Situationen; hierzu kommt, daß sie in musikalischer Beziehung weit die
französischen Vaudevilles überragen, deren Dialog jeden Augenblick von
einem einzelnen Vers unterbrochen wird, welcher einen kleinen witzigen
Einfall (_pointe_) enthält, auf eine bekannte Melodie von Schauspielern
gesungen wird, die gar keine Sänger sind ja größtentheils nicht singen
=können=, und insofern gar keine Prätensionen machen, sodaß der Vortrag
bei ihren Liedern mehr Recitation als Gesang genannt werden kann. Auf
unserm Theater, wo Schauspiel und Singspiel verbunden sind, konnte
Heiberg wirkliche Sänger anwenden. Seine musikalische Bildung und
sein Geschmack gaben ihm Gelegenheit, ganz vortreffliche Musiknummern
zu wählen, die durchaus zum Gegenstande paßten, was nicht wenig zum
Erfolg der Stücke beitrug. Was ihnen aber noch mehr Beifall erwarb,
war die Art, wie sie nach den Talenten der Schauspieler berechnet
waren. So machte »König Salomon und Hutmacher Jürgen«, das in den
Hauptsituationen große Aehnlichkeit mit dem Singspiel: =der Einzug=, vom
Vater des Dichters, hatte, außerordentliches Glück, hauptsächlich durch
Ryge's vortrefflichen Juden. In den »Aprilnarren« stellte der herrliche
=Winslöw= einen ganz eigenthümlichen Charakter in Zierlich dar. In
»Der Recensent und das Thier« und in »die Unzertrennlichen« stand
Rosenkilde als ein würdiger Nebenbuhler Brünet's und Potier's in seinem
unvergleichlichen =Trop und Hummer= da. In »Die Dänen in Paris« und in
»Kjöge's Hauskreuz« bewunderten wir Phister's herrliche, vortreffliche,
dänische Bauerjungen. Was aber in diesen Stücken besonders dazu beitrug,
ihnen die außerordentliche Kraft, mit der sie wirkten, zu verleihen,
war: daß Thalia selbst vom Olymp herniederstieg und darin spielte. Sie
trat zuerst vermummt, wie eine kleine tanzende Terpsichore im Ballet
auf, und Heiberg war scharfblickend genug, um ihren Werth zu entdecken,
sich ihrer anzunehmen, sie erziehen und in seinen Stücken auftreten
zu lassen, wo sie alle Menschen durch ihre unbeschreibliche Grazie,
ihre muntere Schelmerei, ihre Anmuth und ihr Genie hinriß. Später hat
sie sein Leben als seine Gattin beglückt, und uns in vielen Rollen
Gelegenheit gegeben, ihre Reife zu bewundern. Auch meine Stücke hat sie
geehrt und ihnen genützt. Ihr Talent, einen liebenswürdigen Jungen zu
spielen, zeigte sich in dem »kleinen Schachspieler«; in »Gyda« war sie
die tragische, abgelebte Hexe, und in »Dina« und »Gudrun« das anmuthige,
blühende, eigenthümliche Weib.
* * * * *
Als ich eine Zeitlang Deutsch geschrieben hatte, gab ich meine dänischen
Gedichte in drei Bänden heraus und schrieb einige Singspiele, ehe ich
wieder größere Werke anfing. Es geht dem Dichter wie dem Maler; die
Einförmigkeit ermüdet, die Abwechselung stärkt. Ein thätiger Geist kann
nicht ganz ruhen. Aber es giebt eine leichtere Arbeit, die doch mehr
erquickt, als die bloße Ruhe. Diese Arbeit kann auch ein angenehmer
Genuß für den Leser und Zuschauer sein, dessen Geist nicht stets auf das
Höchste gespannt sein will. Wenn man den Strom tragisch herabstürzen,
die Quelle lyrisch durch Blumen dahin hüpfen gesehen, so kann man wohl
zuweilen dem ruhigen muntern Bache folgen, wie er mit kleinen Steinen
in seinem Bette spielt, oder im Schilfrohre schäumt. -- Aber diese
Freiheit versagte man mir. Ich durfte nicht komisch und lustig sein.
Ich sei nicht komisch, sagten meine Tadler. Aber sie sagten es zu
derselben Zeit, als sie behaupteten, daß ich auch nicht recht lyrisch,
oder episch, oder tragisch, oder überhaupt echt dramatisch sei, daß
all' meine Werke, bis auf die Romanzen, mehr oder weniger mißglückte
Versuche seien, denen es an Charakter, Composition, Gedankenreichthum
und Witz fehlte. Aber -- _mirabile dictu_ -- doch sei ich ein wahres
Genie und ein großer Dichter! -- Also nur die Phantasie und das Gefühl
sollten zuweilen unbewußt und wie im Traume über mich kommen und mich
den Parnaß, wie einen Nachtwandler das Dach, im Mondenscheine ersteigen
machen. Uebrigens war es merkwürdig, daß größtentheils Poeten, oder
Leute, die selbst Verse machten, mich so streng tadelten.
* * * * *
[Sidenote: Die Flucht aus dem Kloster.]
Ein Stück, welches mir wirklich mißglückte, war »Die Flucht aus dem
Kloster.« Eine kühne Idee verführte mich, es zu schreiben. Ich wollte
das Meiste von den Tönen in Mozart's _Cosi fan tutte_ mit menschlichem
Stoff verbinden, denn der Text, zu dem er die Musik componirt hatte,
war wirklich unter aller Kritik. Hier ist nicht die Rede von der
Ausführung oder von der poetischen Behandlung des Stoffes, sonst würde
auch die Zauberflöte unter aller Kritik sein. Aber all' die poetischen
Elemente: das Uebernatürliche, das Erhabene, das Erotische, das
Anmuthige, das Luftige und Naive bewegen sich in der Zauberflöte wie
in einem Traume, deutlich gemacht und poetisch ausgemalt durch die
Musik, und wenn man nicht Schikaneder's Unsinn liest, und dem Dialoge
nicht aufmerksam folgt, so genießt man durch Mozart, der hier zugleich
Dichter und Componist ist, die schönsten Märchen. Aber _Cosi fan
tutte_ ist lauter schwache Unnatur. Zwei Liebhaber kommen nach einer
fingirten Reise verkleidet zurück, um ihre Geliebten zu prüfen, ohne
daß diese sie kennen, und hierdurch entstehen buhlerische Coquetterien
(eine echte Wiener Torte), die nur den Wienern schmecken konnten. Aber
Mozart's Musik schmeckte Allen; denn wenn man sie hörte, waren diese
schönen Töne, in denen besonders das Adagio vorherrscht, voller Gefühl
und Wahrheit. Aber ein neues Stück zu einer großen fremden Musik mit
combinirten Nummern zu schreiben, wurde stets für eine Unmöglichkeit
gehalten; und ich überzeugte mich davon, obgleich ein großer Theil recht
gut ging und nur der letzte Act und der Schluß des Stückes sich nicht
fügen wollte. Es wurde doch vier Mal kurz hintereinander aufgeführt.
* * * * *
[Sidenote: Die Wäringer in Constantinopel.]
Im Jahre 1826 schrieb ich die =Wäringer in Constantinopel=, in denen das
herrliche Kleeblatt, Madame Werschall (jetzt Nielsen) als Maria, Ryge
als Eremit und Nielsen als Harald mich kräftig unterstützte. Das Stück
erwarb sich großen Beifall. Die folgende Tragödie: =Karl der Große= fand
auch Beifall, aber kein so volles Haus. Ryge war hier wieder herrlich
als Karl, nicht minder waren es Madame Werschall und Fräulein Pätges
(jetzt Frau Heiberg), als seine Töchter Imma und Bertha. Ich habe dieses
Stück vielfach umgearbeitet. Die Scene zwischen Karl und Wittekind
endigt jetzt die Tragödie. Die Episode mit Gottfried und dem Bilde des
Holger Danske ist aus dem Stücke herausgenommen und zu einem Nachspiel
gemacht.
Von den =Drillingsbrüdern von Damask=, wozu Kuhlau herrliche Musikpieçen
geschrieben hat, kann ich wohl sagen, daß sie nicht das Glück
machten, welches sie verdienten. Dies entsprang hauptsächlich aus der
Schwierigkeit, drei Schauspieler zu finden, die einander so glichen,
daß es natürlich war, wenn man den einen für den andern hielt. Man
wollte und konnte keine Masken gebrauchen; an die Leichtigkeit hingegen,
durch aufgeklebte Augenbrauen, Nasen und Bärte, die Aehnlichkeit
hervorzubringen, dachte man nicht. Winslöw war als Babekan und Madame
Werschall als Lyra vortrefflich. Ich übersetzte später dieses Stück ins
Deutsche; es erwarb sich Tieck's Beifall (ich hatte es ihm vorgelesen),
und er las es selbst häufig in seinen Abendgesellschaften vor.
In den =Longobarden=, einem Stücke in Einem Akte, das darauf folgte,
suchte ich Sophokles noch um einige Grade näher zu kommen, wie in Baldur
und Yrsa, obgleich der Stoff in Baldur großartiger und in Yrsa rührender
ist.
* * * * *
[Sidenote: Hrolf Krake.]
Im Jahre 1827 schrieb ich das Heldengedicht =Hrolf Krake=, der sich
von meinen beiden andern epischen Gedichten: Helge und die Götter des
Nordens, in Charakter und Colorit durchaus absondert, sowie auch diese
beiden untereinander verschieden sind. Die Romanzen in Helge sind kecke,
leicht hingeworfene Skizzen, starke Conturen der nordischen Natur und
äußerer Thaten, wobei wohl auch mit einzelnen deutlichen Zügen der
geistige Zustand angedeutet ist. Die Götter des Nordens sind große,
sorgfältig ausgeführte Phantasie- und Naturbilder für religiöse und
philosophische Ideen. Hrolf Krake nähert sich der Tragödie und ist mehr
ein eigentliches Epos. Hier wird zwar auch das alte Heldenleben in
epischer Vollständigkeit dargestellt; aber das Charakteristische, das
innere Menschliche ist die Hauptsache. Tugend und Laster, Charaktere,
milde Sitten und Barbarei kämpfen tragisch und rühren wie in der
Tragödie zu Schrecken und Mitleid.
Vor vielen Jahren war von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften
ein Preis für eine gute Epopöe ausgesetzt. Der Pastor =Jens Michael
Hertz= gab im Jahre 1804 sein in Hexametern geschriebenes =befreites
Israel= heraus. Obgleich nun die Richter meinten, sie dürften dem
Verfasser für das eingereichte Preisgedicht der epischen Poesie nicht
das ganze Honorar geben, so bekam er doch 600 Reichsthaler; 400 Thaler
waren also übrig geblieben, und erwarteten nach einem Verlauf von
23 Jahren den Würdigen, der sie verdienen könne. Ich hatte freilich
bereits die Götter des Nordens und Helge gedichtet; da diese Gedichte
aber nicht in Einem Versmaße zusammenhängen, sondern Cyklen mehrerer
(freilich zusammenhängender) Gedichte waren, so wagte ich nicht, um
die 400 Thaler zu bitten, da ich mich der Möglichkeit auszusetzen
befürchtete, daß man sagen könnte, es seien keine ordentlichen Epopöen.
Der Gebrauch, den Dichtern Honorar zu geben, die nicht darum ansuchten,
war in der Gesellschaft noch nicht eingeführt, und ich erhielt also
Nichts. Indessen lief mir doch das Wasser nach den 400 Thalern im Munde
zusammen, und obgleich Hrolf Krake kein wirklich =klassisches= Epopöe
war, da ich weder die Muse des Gesanges angerufen, noch Homer und
Virgil nachzuahmen, sondern im Gegentheil so originell und national,
als möglich zu sein versucht hatte, so dachte ich, daß es vielleicht
doch anginge, und reichte der Gesellschaft durch Rahbek, welcher ihr
Secretair war, das Gedicht ein.
Später hörte ich, daß Geheimrath Malling, der Präsident der
Gesellschaft, Mühe gehabt hatte, mit dem Metrum zurechtzukommen, das ich
im Hrolf Krake gewählt hatte; aber Hohlenberg, Professor der Theologie,
sein Schwiegersohn, war dem Gedichte zu Hülfe gekommen, hatte es ihm
vorgelesen; und hierdurch war er auf die Wirkung aufmerksam geworden,
die ich durch das Versmaaß hervorzubringen gesucht hatte. Helge und die
Götter des Nordens waren Verbindungen von mehr getrennten Gedichten,
deren Verschiedenheit in Inhalt und Wesen auch Verschiedenartigkeit
in Ton und Ausdruck erfordert. Hier kamen mir also die wechselnden
Versformen (und bei Helge sogar die Tragödienform) sehr zu Hülfe. Aber
Hrolf Krake war ein zusammenhängendes Ganze, bei dem der Grundton
nicht verändert werden durfte. Ich hatte mich also nach einer Versart
umgesehen, die durchweg gebraucht werden konnte; aber wie nun eine
solche finden? Den Hexameter wollte ich nicht wählen, um in meinem
Gedicht nicht das griechische Colorit vorwalten zu lassen. Man könnte
sagen: Warum gebrauchtest Du denn den Trimeter in vielen Deiner
nordischen Tragödien? ich antworte: Eine edle, große Sprachform =mußte=
ich haben; die alte, nordische Poesie besitzt keine solche dramatische
Form; der Trimeter hat eine hohe Einfalt, und das alte nordische
Heldenleben zeigt in seinen großen Thaten eine gewisse Aehnlichkeit mit
dem Altgriechischen; deßhalb ließ sich der Trimeter mit seiner kräftigen
Würde sehr gut in das Nordische überführen ohne dessen Eigenthümlichkeit
zu verwischen. Wenn ich nichts Anderes gehabt hätte, würde ich den
Hexameter auch hier gebraucht haben; aber wir hatten, wenn auch nicht
von der Edda und den Skalden her, so doch von den Kämpenweisen des
Mittelalters einen epischen Grundton, der weder verschmäht noch verkannt
werden durfte. Aber in den Kämpenweisen gehen die vier kurzen Zeilen zu
sehr in das Lyrische über, und ermüden das Ohr durch die Wiederholung.
In dem deutschen Nibelungenliede sind die Zeilen doppelt so lang und
nehmen doppelt so viel Stoff in sich auf; aber auch so schien mir
für ein großes Gedicht der Klang zu monoton wiederzukehren. Darin
besteht der Vorzug des Hexameters, daß er den Wohlklang des Verses der
Abwechselung der Prosa in Takt und Wortwendungen verbindet. Ich beschloß
nun in dem Hrolf Krake selbst ein ganz episches Versmaaß zu bilden,
indem ich die Verse, wie sie sich im Nibelungenliede finden, bald in
größeren, bald in kleineren Perioden verband; mit einem Aufenthalt in
den Zeilen, bald hier bald da, bald am Ende mit einem Reim; auf diese
Weise schaffte ich mir selbst einen Vers, der noch nicht gebraucht war,
und glaube dadurch auch die Versmonotonie vermieden zu haben, die sich
in den schönen Dichtungen Ariost's und Tasso's findet.
Hrolf Krake wurde von der Gesellschaft der schönen Wissenschaften gut
aufgenommen, und ich bekam die 400 Thaler.
* * * * *
[Sidenote: Baggesen's Tod.]
In dem Jahre wo ich Hrolf Krake schrieb, starb Baggesen in Deutschland.
In den späteren Jahren nach meiner =Erklärung an das Publikum= hatte er
aufgehört mich zu verfolgen. Der Tod versöhnt, und das ist das Schöne
am Tode, daß er die ganze Schattenseite des Menschen im Dunkel des
Grabes verschwinden läßt; die Lichtseite bleibt wie ein Lichtgenius
zurück, wie das Unsterbliche, das, wenn der Mensch sich ausgezeichnet
hat, nicht allein dem Himmel angehört, sondern auch etwas Himmlisches
auf der Erde zurückläßt. Und das war mit Baggesen gewiß der Fall.
Seine muntere Laune, sein Witz, seine augenblicklich aufflackernde
Begeisterung, seine Beredsamkeit, sein durch viele Reisen und geistige
Beschäftigung erworbenes Wissen und seine Menschenkenntniß, seine
unendliche Freundlichkeit und Ergebenheit, wenn er gut gegen Jemand
gestimmt war: alles Das mußte ihm Freunde und Bewunderer erwerben. Aber
was ihm leider fehlte, war Ausdauer in Gefühl, Ansichten und Handlungen,
und dieses Wanken störte die meisten schönen Verhältnisse in seinem
Leben, wenn sie eine Zelt lang gewährt hatten. Er hatte nicht männliche
Kraft genug, um seine Bestimmung recht zu erkennen und die Eitelkeit
trieb ihn zu sehr nach dem Scheine zu haschen, und sich selbst und
Andere durch Spitzfindigkeiten und Halbwahrheiten zu täuschen, die in
einem fieberhaft erregten Zustande zu Unwahrheiten und Sünden gegen
Recht und Billigkeit übergingen. Wenige Andere sind mehr von seinen
glänzenden guten Eigenschaften eingenommen gewesen, als ich. In Paris
lebten wir in brüderlichem Verhältnisse, erst in Kopenhagen wandte sich
das Blatt ganz. Wenn ich im Anfange etwas geduldig und vorsichtig gegen
ihn gewesen wäre, so würde er wohl nicht soweit gegangen sein. Eine
gewisse Heftigkeit und Stolz in meinem Wesen fachte damals das Feuer an.
Ich achtete vielleicht auch sein Genie zu wenig; erst mit den Jahren
kommt man zu der besonnenen Billigkeit, die Jedem sein Recht widerfahren
läßt und nicht von gewissen Vorurtheilen der Zeit beherrscht wird. Gegen
Ende unsers Zusammenlebens war der Bruch so gewaltig stark geworden,
daß erst der Tod eine Brücke über diesen Abgrund schlagen mußte. Das
war nun geschehen; der Eindruck der milden friedlichen Tage kehrte
zurück; die schöne Erinnerung rührte mich, und in diesem Gefühle schrieb
ich folgenden Prolog, der auf dem Theater bei seiner Gedächtnißfeier
gesprochen wurde.
Von wehmuthsvollem Schweigen tief durchdrungen
Stehn wir bei dieses Festes trübem Glanz;
Wer hat: »Als ich noch klein war« je gesungen,
Und gönnt der Dichterurne nicht den Kranz?
Wer ging zur Schul' in seiner Kindheit Tagen,
Den Kallundborg'sches Lied nicht froh gemacht?
Wer hat den schwarzen Schülerrock getragen,
Und über Jeppe's Scherze nicht gelacht?
Wer, dem die Liebe einst geflochten hätte
Den Kranz, als sie im Herzen ihm erwacht --
Wer sang mit =Baggesen= nicht Henriette,
Und von Lyciliens, von Selinens Macht?
Wer saß mit Freunden bei dem heitern Mahle,
Und hat sich mit dem Dichter nicht vereint:
»Daß stets das Weib in holder Anmuth strahle,
Daß Bacchus Freude bringt, wo er erscheint?«
Wer fühlt' die Wangen bei der Heimkehr glühen
Und stimmt' nicht jubelnd mit dem Sänger ein:
»Daß nirgends so die Rosen roth erblühen,
Und daß die Dornen nirgends gar so klein?«
Von Stadt zu Stadt wirst Du nicht weiter wallen,
Du muntrer Sänger mit dem heitern Sinn;
Die stumme Harfe trauert in den Hallen
Ihr Leben schwand mit Deinem Leben hin.
Wohl bist Du todt! Doch in dem sel'gen Schlummer
Ward Deinem Herzen Ruh', es blutet nicht.
Gleich Wolkenschatten schwand des Lebens Kummer,
Und herrlich strahlt Dir jetzt das ew'ge Licht.
Es schwindet mit dem Tod des Lebens Grauen.
Es schweigt der Sturm -- der Himmel strahlt im Glanz --
Und wenn wir weinend auf Dein Grab gleich schauen,
So tröstet uns darauf der Lorbeerkranz.
* * * * *
[Sidenote: Tod meines Vaters.]
Kurz darauf verlor ich meinen Vater. Dieser Greis zeichnete sich noch in
einem Alter von 79 Jahren durch Kraft und Munterkeit aus. Seine blauen
Augen strahlten, seine rothen Wangen glühten wie bei einem Jüngling. Wir
nannten ihn den Alten vom Berge. Mehrere Jahre hindurch war es meine
größte Freude, ihn am Sonntag mit Weib und Kindern zu besuchen, und die
Kleinen da spielen zu lassen, wo ich als Kind selbst gespielt. Er war
hitzig und aufbrausend, hatte aber das beste Herz, war versöhnlich,
zuvorkommend, wohlthätig und von Allen die ihn kannten, wegen seiner
Gutmüthigkeit und seines Humors geliebt. Er war eitel auf seinen Sohn;
aber als vernünftiger Vater, der seinen Sohn nicht verziehen wollte,
ließ er mich Nichts davon merken. Nur zuweilen überrumpelte ich sein
Gefühl, wenn er meine Gedichte gelesen hatte. Er unterhielt sich gern
mit Spaziergängern auf dem Schloßberge und besonders gern mit Studenten;
dann leitete er die Rede auf mich, und wenn sie etwas Gutes von mir
sagten, that es ihm wohl, da er sein Incognito noch unentdeckt glaubte.
Das wußten viele gute Menschen und machten dem Alten oft die unschuldige
Freude. Unser Freund Professor Sibbern schrieb vor einigen Jahren zu
seinem Geburtstage ein Gedicht, in dem folgende ehrende Worte standen.
Vor manchem andern schönen Loos',
Das aus der Götter reichem Schooß'
Dem Menschen fällt, erheb' ich Eins,
Das ist, verehrter Alter! Deins.
Dir ward ein ewig wahres Gut:
Die rege Lust, der leichte Muth,
Und zu dem losen, heitern Scherz
Der rechte Quell, das edle Herz!
Der Jugend frischer Lebenssaft,
Des Mannes starke, rasche Kraft,
Dazu des Alters Ehrentracht:
Der weißen Haare Silberpracht.
Er hatte viel natürlichen Witz, von dem ich einige Züge anführen
will. Als er einmal in der Stadt bei einer reichen Freundin zu Mittag
gespeist hatte, wo aber der Ueberfluß nicht stets mit Geschmack und
Ordnung vereinigt war, und wir nach der Rückkehr ihn fragten, wie es ihm
gegangen sei, antwortete er: »Vortrefflich, ich lebte grade so gut wie
Christus am Kreuze, ich bekam Essig und Myrrhen.« Der König kam einmal
hinaus, um eine Fuchsjagd im Südfelde zu halten. Die Treiber umringten
es klappernd. Am Eingange zum Südfelde stand mein Vater und machte als
Schloßverwalter die Honneurs. Der König ging voran und die Hofherren
folgten in geringem Abstande nach. »Guten Morgen, Oehlenschläger,«
rief der König, »sind viel Füchse im Südfelde?« -- »»Noch nicht, Euer
Majestät!«« antwortete mein Vater sich tief verbeugend, mit einem Blicke
auf die Hofherren, »»aber sie werden gleich kommen.«« Das Gelächter, das
Friedrich der Sechste aufschlug, zeigte, daß er ihn verstanden hatte.
-- Aber nicht immer gefielen dem Könige die Antworten des Alten. Als er
einmal mit ihm über einige Zimmer im Schlosse zur weiteren Benutzung
sprach, sagte mein Vater: »Euer Majestät! s' ist kein Loch mehr da,
groß genug, daß ein deutscher Prinz darin liegen könnte.« Mit ernster
Miene aber schonendem Tone, sagte der König zum Oberhofmarschall: »S'
ist Oehlenschläger!« Er meinte also, »dem man Etwas zu Gute halten
muß.« Als mein Vater einmal den König um freies Holz bat, fragte dieser
scherzend: »Sind Sie nicht Holzverwalter?« -- »»Ja, Euer Majestät!««
-- »Und Sie wollen mich glauben machen, Sie hätten nicht freies Holz?«
-- »»Vielen Dank, Euer Majestät!«« antwortete mein Vater, indem er
sich wegen der in scherzendem Tone gegebenen Erlaubniß tief verbeugte.
Mit seiner alten Magd hatte er, wenn er allein saß, viel komische
Gespräche. Als Organist an der Friedrichsberger Kirche war er gewohnt,
Begräbnisse mit derselben Munterkeit zu betrachten wie Hochzeiten
und Kindtaufen; denn bei solchen Gelegenheiten ertönte die Orgel
und war Etwas zu verdienen. Eine stille Beerdigung war früher eine
Strafe, die nur Selbstmörder und andere große Verbrecher traf. Eines
Winterabends sagte er zu dem Mädchen, die in demselben Zimmer spann,
wo er im Lehnstuhle las: »Hast Du Aeltern?« -- »»Nein!«« -- »Verwandte
und Freunde?« -- »»Nein!«« -- »Na, das hat nichts zu sagen, Du sollst
doch ehrlich begraben werden, wenn Du einmal stirbst, Du sollst einen
großen, festen Sarg von gutem Fichtenholz bekommen, und für ein hübsches
Leichenhemde will ich auch sorgen.« Das Mädchen dankte sehr, konnte
aber nicht begreifen, woher diese Güte käme, da ihr nicht das Geringste
fehlte, und sie zwanzig Jahre jünger war, als er. Aber es war, als er
da saß und las, ihm eingefallen, daß sich so etwas ereignen könne, und
so wollte er aus lauter Sorge für das arme Mädchen, da er fürchtete daß
die bevorstehenden Ausgaben bei der Beerdigung sie ängstigen könnten,
ihr den Stein vom Herzen nehmen. Auf diese Weise konnte er ihr nun nicht
helfen, da er früher als sie starb, aber er half ihr doch wirklich
während seiner Lebenszeit, und das auf eigene Weise. Er spielte in der
Lotterie. Der Collecteur wohnte in der Friedrichsberger Allee und
besuchte ihn mitunter des Vormittags. Als mein Vater sich einmal darüber
beklagte, daß er nie Etwas gewonnen hätte, rieth ihm der Andere, weiter
zu spielen, »man könne ja nicht wissen, ob das Glück sich nicht wenden
würde.« Mein Vater nahm also ein Loos, schenkte es aber dem Mädchen,
und diese gewann wirklich 500 Thaler. Einige Zeit darauf wurde derselbe
Collecteur ergriffen als Betrüger, der durch Taschenspielerkünste alle
Nummern ziehen konnte, die er wollte, und sich dadurch große Summen
angeeignet hatte, die er nachher wieder mit Dirnen und vornehmen Gästen
vergeudete. Zuweilen hatte er gute Freunde gewinnen lassen; es mußte
also meinem Vater lieb sein, daß er nicht gewonnen hatte, aber das
Mädchen nahm es nicht so genau und bekam auf diese Weise mehr als sie
zur anständigen Beerdigung brauchte.
Gegen das Ende seines letzten Lebensjahres begann mein Vater zu kränkeln
und litt oft an Erkältungen. Im Frühjahr 1827 bekam er das kalte
Fieber, das oft wiederkehrte, und in der Hitze desselben starb er in
einer frühen Morgenstunde. Als ich hinaus kam und seine freundliche
Leiche in der kleinen Kammer sah, wo ich als Knabe so viele Jahre neben
ihm geschlafen hatte, sang eine Nachtigall draußen im Baum. Und --
sonderbar -- ich habe nie, weder früher noch später, eine Nachtigall
daselbst gehört. Einige Tage später fuhr er den Hügel hinab, den er
so oft betreten hatte, und in der Kirche, in der er 46 Jahre lang die
Orgel gespielt und Psalmen gesungen hatte, wurde sein Sarg vor dem Altar
hingestellt, und sein würdiger Freund, Herr Hofprediger Schiödte, der,
obgleich ein jüngerer Mann, viele Jahre mit ihm umgegangen war, sprach
ehrende Worte an seiner Leiche.
* * * * *
Nun wurde mir also das Friedrichsberger Schloß, das mir während meines
ganzen Lebens meine eigentliche Heimath gewesen war, eine fremde
Stätte, und der liebe Heerd von einer andern Familie eingenommen.
Zufälligerweise geschahen gleich nach dem Tode meines Vaters viele
Veränderungen an dem Schlosse, dem Garten und der Landstraße, welche
viel dazu beitrugen, mir das Wohlbekannte fremd zu machen. Der kleine
Garten meines Vaters, den er aus einem Steinhaufen in ein fruchtbares
Plätzchen umgewandelt hatte, lag neben dem der Kronprinzessin. So
lange der Greis lebte, konnte sie es nicht über sich gewinnen, ihm
denselben zu entziehen, aber, als er nun todt war, wurde das Plankenwerk
fortgenommen, dieser Platz verändert und mit den übrigen Anlagen
verbunden. Einige Fruchtbäume blieben stehen, und hier muß ich einen
schönen Zug vom Herzen der Kronprinzessin anführen. -- Im nächsten Jahre
in der Kirschenzeit schickte sie meinen Kindern einen Korb mit Kirschen,
in welchem ein kleiner Zettel lag auf dem von ihrer Hand geschrieben
stand:
»Von des Großvaters Baum
=Caroline=«.
Ich habe diesen Zettel in mein Stammbuch geklebt.
* * * * *
[Sidenote: Carsten Hauch.]
Kurz nach dem Tode meines Vaters kam mein Freund =Carsten Hauch= von
seiner Reise ins Ausland zurück. Das Wiedersehen erfreute mich, denn ich
hatte lange den Umgang dieses herrlichen Freundes entbehrt. Seine Reise
hatte seine Kenntnisse vermehrt und erweitert, und ihn mit vielseitiger
Bildung bereichert; auch den Musen hatte er gehuldigt und brachte mehre
Dichtungen heim, die er in Italien geschrieben hatte. Von diesen gefiel
mir =Die Hamadryade= am Wenigsten; aber da Ludwig Tieck besonders dieses
Gedicht (das auch Deutsch geschrieben war) gelobt und sich erboten
hatte, es mit einer Vorrede herauszugeben -- was übrigens unterblieb, --
so wollte ich nicht widersprechen.
In =Tiberius= bewunderte ich das vortreffliche historische Portrait und
fand, daß Hauch den Tacitus meisterhaft in Poesie übertragen habe. In
diesem sowie in den übrigen Stücken herrscht eine edle Indignation über
die empörenden Laster der Erde, die sich in beißender, tragischer Satire
ausspricht. Die vielen schönen pathetischen Stellen, die originellen
Bilder, z. B. Gregor's Beschreibung der Kirche, Tiber's Monologe, zeugen
von wahrem Dichtergenie. Nur scheint es mir, als ob in diesen Tragödien
und später besonders in =Don Juan= zuviel Grau in Grau gemalt sei.
Daß er in seinem =babylonischen Thurmbau= (in dem übrigens viel
=Aristophanisches= ist) zu weit ging, muß mit der Heftigkeit
entschuldigt werden zu der man leicht verleitet wird, wenn man lange
vergebens gegen Unbilligkeit und Spott ankämpft.
* * * * *
[Sidenote: Meine gesammelten Werke.]
Im Mai 1828 erhielt ich vom Buchhändler Max in Breslau einen Brief,
der mich auf angenehme Weise überraschte. Als deutscher Verfasser
hatte ich in oft wechselnden Verhältnissen zu deutschen Buchhändlern
gestanden. Cotta kam mir liberal entgegen, bezahlte gut, that aber
nichts, meinen Büchern Absatz zu verschaffen. Er druckte sie, wie der
alte Brockhaus sagte, auf Löschpapier, ließ sie auf dem Boden liegen,
ohne recht für den Absatz zu sorgen, und sie dann in seinen eigenen
Blättern herunterreißen. Das Manuscript zum Palnatoke war ihm abhanden
gekommen, doch fand er es aber nach Jahren wieder. Meinen Correggio ließ
er auch mehrere Jahre liegen, ehe er ihn druckte. Kein ästhetisches Werk
in Deutschland hat größeres Glück gemacht. Correggio wurde auf allen
Theatern 30 Jahre lang gespielt, und Cotta, der keinen Contract mit
mir geschlossen, hat gewiß mehrere Auflagen davon gemacht. Uebrigens
glaube ich, daß er an den meisten meiner Arbeiten verloren hat; das
Altnordische schmeckte den Deutschen nicht. Zuletzt hatte weder er, noch
der jüngere Brockhaus Lust, meine Gedichte zu verlegen. Als ein Beispiel
hierfür mag dienen, daß mir Brockhaus die Uebersetzung meines Helge
zurücksandte, ohne das Werk verlegen zu wollen. Helge hatte ich nicht
ganz allein übersetzt; ein Herr Voß in der deutschen Kanzlei hatte
erst das Gedicht übersetzt und mir dann erlaubt, es ganz nach meinem
Sinne zu bearbeiten. Das hatte ich dann auch gethan. So ist Helge in der
Sammlung gedruckt, die später bei Max erschien, und so las Brockhaus das
Gedicht, wie er mir versicherte, mit großem Vergnügen. Aber er wagte
nicht, es zu verlegen, aus Furcht vor Mangel an Absatz. Die Uebersetzung
von Tegnér's Frithiof war in Aller Mund und erlebte eine Auflage nach
der andern; -- aber Helge wurde nie besprochen und stets nur von Wenigen
gelesen. Weshalb? theils wohl, weil die Kraft der Originalsprache
nicht darin war; das war aber auch bei den Uebersetzungen des Frithiof
nicht der Fall. Die Hauptursache war, daß Frithiof mit seiner
=sentimental-erotischen= Lyrik den Damen gefiel; dagegen hatten nur
wenige deutsche Männer Interesse für das =Episch-Heroische= in Helge.
Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, als Schriftsteller in
Deutschland ferner noch aufzutreten, als Max mir schrieb:
»Euer Wohlgeboren wollen mir vergönnen einige Zeilen an Sie richten zu
dürfen. Es betrifft Ihre Werke, welche vor vielen andern es verdienen,
vollständig gesammelt in einer neuen Ausgabe zu erscheinen. Erlauben
es Zeit und Verhältnisse an eine Gesammtausgabe Ihrer vortrefflichen
Schriften zu denken, so wage ich es mich als Verleger anzubieten, --
indem ich und meine Firma dadurch geehrt werden. Die Autoren sind einmal
die Sonnen der Buchhändler, diese erhalten nur Licht und Glanz durch
jene, und todt ist ihr Wirken, wird es nicht durch jene belebt«.
Das war nun eine erfreuliche Nachricht, und wir wurden bald einig.
* * * * *
[Sidenote: Camma Rahbek's Tod.]
Noch ein paar Jahre nach dem Tode meines Vaters blieb mir das Hügelhaus
in jeder Beziehung ungestört. Rahbeks hatten keine Kinder, sie lebten
in denselben Zimmern, auf dieselbe Weise, wie vor dreißig Jahren, wo
ich ihre Bekanntschaft machte. Eines Abends, im Jahre 1828, als ich
bei ihnen am Tische saß, schien es mir selbst so höchst wunderbar, daß
ich kein rechtes Vertrauen zur irdischen Beständigkeit fassen wollte,
sie erschien mir wie ein Blendwerk. Und das war es, denn kurz darauf
verschwand die schöne Seifenblase. Camma Rahbek's Husten nahm immer mehr
zu; sie hatte einige Jahre hindurch gekränkelt, und man gewöhnt sich
endlich an so Etwas, daß man sich nicht mehr darüber beunruhigt, weil
man immer hofft, daß es wenigstens beim Alten bleiben werde; aber der
Lampe fehlt es endlich an Oel und sie geht aus. Rahbek hat im letzten
Theil seiner Erinnerungen ihren Tod so anziehend und schön beschrieben,
daß ich nichts Besseres thun kann, als den Leser, der mehr von ihr
wissen will, darauf zu verweisen. Mein Freund, Bischof Mynster, hat uns
eine vortreffliche Charakteristik von Beiden gegeben.
Als in den letzten Tagen ihr Husten sich sehr verschlimmerte, schenkte
ihr Frau Brun eine hübsche Ziege, deren Milch sie trank, und die sie
zu ihrem Vergnügen im Zimmer hatte. Ich pflegte ihr sonst selten Etwas
von dem, was ich schrieb, vorzulesen, aber nun fühlte ich gleichsam
einen Drang dazu in der Ahnung, daß es das letzte Mal sei. Ich hatte
grade Karl den Großen vollendet, und Camma lag auf ihrem Sopha und
hörte zu, während Rahbek an ihrer Seite saß. Ich entsinne mich noch,
wie sie bei der Stelle zusammenschreckte, wo Wittekind Karl, der ihn
bittet, die Axt liegen zu lassen, mit einem donnernden: »Nein, Karl«!
antwortet. Sie folgte der Lectüre mit Theilnahme und Aufmerksamkeit.
Dies war aber auch unser letzter geistiger Verkehr hier auf Erden. In
der strengen Winterkälte bekam ich einen Podagraanfall; der starke Frost
hat vielleicht auch ihr Ende beschleunigt; sie starb und ich konnte
ihrem Sarge nicht folgen, aber ich schrieb ein Lied, das sich in meinen
Gedichten findet.
[Sidenote: Rahbek's Tod.]
Rahbek folgte seiner Camma ein Jahr darauf. Dieser merkwürdige Mann
hat viel zur Verbreitung der ästhetischen Kultur in seinem Vaterlande
beigetragen, obgleich er oft verkannt wurde, und, wie dies häufig der
Fall ist, viel von der Undankbarkeit einer jüngern Zeit litt. Rahbek's
Geist war nicht tief, seine Phantasie nicht feurig, sein Verstand
nicht scharf, aber mit einer außerordentlichen Liebe für den Theil
der Poesie, für den er sympathisirte, hatte er seine Empfänglichkeit
dafür, seine Einsicht darin durch unablässiges Studium und wiederholte
Lektüre ausgebildet. Mit feinem Scharfblicke, Witz und Beobachtungsgabe
ging er auf das Psychologische in den dichterischen Motiven ein; aber
obgleich Ewald ihn erst geweckt hatte, und er diesen Dichter stets
als unerreichbar groß ansah, so hatte doch Rahbek's eigene Natur ihm
besonders die Schilderungen des Lebens lieb gemacht, die sich in den
Iffland'schen Stücken finden, von denen wir nach seiner Zeit herrliche
Früchte in den von Heiberg herausgegebenen Alltagsgeschichten, kurz, in
dem poetischen Genrebild erhalten haben. In den besseren Iffland'schen
Stücken spielte Madame Rosing in Rahbek's jüngern Jahren ganz
vortrefflich; diese herrliche Künstlerin hatte einen tiefen Eindruck
auf Rahbek gemacht, er liebte sie mit platonischer Liebe, und das trug
gewiß nicht wenig dazu bei, ihn diese häuslichen Scenen lieb gewinnen
zu lassen, die sein erstes sentimentales Entzücken über Rousseau's neue
Heloise und Göthe's Werk verdrängte. Für das Pathetische hat er von
Natur weniger Interesse, obgleich das Große und Patriotische stets einen
tiefen Eindruck auf ihn machte. Aber in seiner witzigen kalten Stimmung
konnte er auch oft das Schwülstige und Uebertriebene auffinden, das er
ebenso sehr wie den Luxus und die Vornehmheit haßte.
Als Ryge einmal von Deutschland nach Hause kam, wo er Eßlair gesehen
hatte, und nun Hakon Jarl wieder spielte, meinte Rahbek, daß er wider
seine Gewohnheit ein Bischen zu stark auftrüge, und sagte, indem er ihn
fortwährend durch sein Perspectiv ansah: »Ja, das ist ganz gut, aber
die Natur ist nicht Deutsch«. Daß Rahbek witzig war, und daß seine
Trinklieder mit das Beste sind, was wir in dieser Art besitzen, darüber
sind Alle einig. Und ihm selbst lag doch nichts am Trinken, obgleich
er sich in seiner Jugend in Dreyer's Klub und in der Norwegischen
Gesellschaft aus Freundlichkeit und Nachgiebigkeit gegen die Anderen
bisweilen einen Rausch getrunken hatte. »Der Wein schmeckt mir
eigentlich wie Essig«, sagte er. Und darin hatte er Recht; denn =der=
Wein, den er in einzelnen Flaschen täglich nach dem Hügelhause aus der
Stadt holen ließ, hatte wirklich viel gemein mit dieser Säure. -- Rahbek
fehlte es an Charakterfestigkeit, so eigensinnig er auch war; eine
gewisse Schwäche des Geistes verhinderte ihn zuweilen ganz aufrichtig
zu sein; aber im Grunde war er ein sehr guter und sanfter Mensch. Er
hatte nicht nur Witz, sondern auch echtes Gefühl als Dichter in seiner
Bearbeitung von =Der Todten Wiederkehr=, seinem =Marienhügel= u. a. m.
an dem Tag gelegt. In seiner Persönlichkeit war sehr viel Komisches.
Zwei Dinge, zu denen die Natur ihm jede Fähigkeit versagt hatte, hatte
er am liebsten werden wollen, und beklagte immer, daß ihm die Umstände
dies versagt hätten, nämlich Soldat und Schauspieler. Im Studentencorps
war er stets ein eifriger Krieger; obgleich er nicht das Exercitium
lernen konnte, und selbst einmal gestand, »daß sie ihn zum Lieutenant
_à la Suite_ gemacht hätten, weil er nicht zum Gemeinen taugte«, trug
er doch noch beständig die Uniform, nachdem sie die Andern schon längst
abgelegt hatten. Comödie wollte er ungeheuer gern spielen. Einmal
sollte Robinson in England in Borups Gesellschaft aufgeführt werden.
Ich begegnete Rahbek sehr vergnügt auf der Straße. »Wo willst Du hin«?
fragte ich -- »»Ich will meine eigene Rolle spielen««. Es war die des
Magister Romanus. Rahbek meinte, daß ich in der Replik, wo von diesem
Magister gesagt wird, daß er für jede Meinung, die er sagte, wenn sie
noch so alltäglich sei, eine classische Autorität anführen müsse, auf
ihn gestichelt hätte.
[Sidenote: Zur Charakteristik Rahbek's.]
Rahbek war ein Cyniker; seiner Frau schenkte er oft schöne Kleider
und Putz; er selbst aber ging in einem groben dunkelblauen Rock und
kaufte sich erst einen neuen, wenn der alte ganz abgetragen war. Ich
sah ihn einmal, wie er auf offener Straße, vor einem Kleiderladen,
einen Rock anprobirte, den er kaufen wollte. Einen Regenschirm brauchte
er niemals; oft kam er durch und durch naß vom Hügelhause zur Stadt,
um Vorlesungen zu halten. Einmal wollte ihm der Pedell einen Rock
leihen, da er wie eine gebadete Maus aussah, aber er nahm ihn nicht an;
naß, wie er war, bestieg er das Katheder. Es wäre gewiß kein Wunder
gewesen, wenn er in diesem Zustande eine ziemlich trockene Vorlesung
gehalten hatte. Gastfrei empfing er seine Freunde bei seinen kleinen
Abendgesellschaften; aber wenn man den ganzen Weg gekommen war, ohne
beschmutzt worden zu sein, so konnte man dies doch unmöglich vermeiden,
wenn man dicht an seine Hausthür kam, die durch einen Tümpel verschanzt
war. Bischof Mynster schenkte Rahbek einmal etwas, das er selbst finden
sollte, zu seinem Geburtstage; wenn es aber Andere nicht gesagt hätten,
so würde er selbst es nicht entdeckt haben: es war nämlich ein eiserner
Abstreicher, den Mynster draußen vor der Thüre hatte anbringen lassen.
Als Rahbek todt war, that es den Leuten leid, zu hören, daß das liebe
Hügelhaus, welches so reich an schönen Erinnerungen war, eingerissen
und umgebaut werden sollte! Aber dies war wirklich durchaus nothwendig,
denn das Hügelhaus war eine elende Baracke, die nicht länger stehen
konnte. Bereits vor dreißig Jahren war es ein schlechtes Gebäude; aber
es lag anmuthig bei dem Südfelde (wohin Rahbek übrigens niemals einen
Fuß setzte) und er liebte die schöne Aussicht von dort. Eigentlich hatte
Pram diesen hübschen Landsitz gefunden und Rahbek vorgeschlagen, dort
mit ihm zu wohnen; denn von selbst wäre Dieser nicht darauf gefallen.
Eines komischen Scherzes von Pram entsinne ich mich, den Rahbek mir
erzählte. Als sie die Wohnung gemiethet hatten, ging Rahbek umher,
die Zimmer anzusehen, und als er zu dem Zimmer zurückkehrte, wo er
Pram verlassen hatte, lag dieser auf dem Rücken, alle Viere von sich
gestreckt, auf den Dielen. Rahbek wurde ängstlich und glaubte, Pram
hätte einen Anfall bekommen; dieser aber beruhigte ihn und sagte: »Mir
fehlt Nichts; ich habe mich nur so hingelegt, damit das Zimmer ein
Bischen höher wird«.
* * * * *
[Sidenote: Besuch in Schweden.]
Im Sommer 1829 bekam ich eines Tags einen Brief vom Literaten Ove
Thomsen, in dem er mir vorschlug, mit ihm eine Lustfahrt auf dem
Dampfschiffe nach Malmöe und Lund zu machen. -- Eine solche Aufforderung
war nöthig, denn sonst wäre es mir nicht eingefallen und ich hätte mich
mit meiner gewöhnlichen Abendpromenade nach Friedrichsberg begnügt.
Mit meinem jüngsten Sohne William machte ich nun diese schwedische
Reise, und als ich auf dem Schiffe stand und mich der fremden Küste
näherte, konnte ich selbst nicht begreifen, warum es mir nie eingefallen
war, öfter hinüber zu fahren. Von meiner frühesten Kindheit an hatte
vom Friedrichsberger Hügel aus stets die Schoonen'sche Landstrecke den
Horizont für mein Auge gebildet. Durch das Telescop meines Vaters hatte
ich oft nach Malmöe hinüber gesehen, wenn der Sonnenschein daselbst auf
den Kirchthurm fiel.
In dem Bade =Ramlöse= bei Helsingborg, war ich freilich schon gewesen.
Um einmal an einer gesellschaftlichen Unterhaltung an diesem Orte
Theil zu nehmen, und um das Gewimmel der Nachbarnation zu sehen, von
der ich nur Einzelne kannte, fuhr ich eines Tags hinüber, als ein Ball
stattfinden sollte. A. S. Oersted, Spieß, Winckler und noch viele Dänen
fuhren mit. Man hatte nicht den König =Karl Johann= zum Feste erwartet;
er kam, und dies veränderte die Situation etwas. Man hatte geglaubt, daß
der Ballsaal zu öffentlichem Gebrauche sei, nun kam der schwedische Hof,
aber die Fremden wurden sehr artig empfangen. Im Saal konnte freilich
Keiner in des Königs Quadrille tanzen, der ihm nicht vorgestellt
war, weshalb der Hofmarschall mit vieler Höflichkeit mehrere sich
eindrängende Gäste darauf aufmerksam machen mußte. Ich drängte mich
durch das Gewimmel, um in das Vorgemach zu kommen, das auch voller
Menschen war. Hier wollte ich an der Thüre stehen bleiben, um den König
zu sehen, wenn er vorbeiginge, weil ich doch diesen großen Helden und
ausgezeichneten Menschen einmal in meinem Leben zu sehen wünschte. Ich
hatte noch nicht lange gestanden, als sich ein Adjutant den Weg zu mir
bahnte, und mich fragte: »ob ich Oehlenschläger sei!« Ich antwortete:
»»Ja.«« »Dann habe ich den Befehl, Sie zu Se. Majestät zu bringen.«
Ich folgte ihm und stand vor Karl Johann's ausgezeichnetem Antlitz. Er
sprach sehr gnädig mit mir, und fragte mich unter Anderm, ob ich einige
schöne schwedische Damen gesehen habe. Als ich es bejahte, lud er mich
ein, da zu bleiben und mit zu Abend zu speisen. Ich saß lange und sprach
mit dem alten Grafen de la Gardie, später aber, als ich in den Pavillon
gehen wollte, um zu speisen, war dieser schon ganz besetzt, zum Theil
von Dänen, die wohl kaum eingeladen worden waren. Ich bekam nichts. Dies
gab mir Veranlassung, viele Jahre darauf den König Oskar zum Lachen
zu bringen, als ich ihm erzählte, daß ich einmal von einem Souper mit
trocknem Munde gehen mußte, obgleich sein hochseliger Vater mich selbst
eingeladen hätte.
* * * * *
[Sidenote: Lund.]