das Reich der Hel von allen anderen Reichen trennt, und die goldene
Giollbrücke krachte in allen Fugen, als Sleipnirs Hufe über die
Planken donnerten. Eine Jungfrau erschien, Modgud mit Namen, das ist
»Seelenkampf«, die warf sich dem Reiter entgegen. »Wer bist du, und was
suchst du Lebender im Reich der Toten?«
»Ich bin Hermod, Wodans Sohn, und suche Baldur, meinen Bruder.«
»Ich dachte es mir, daß du kein Gewöhnlicher bist,« entgegnete Modgud
besänftigt. »Fünf Haufen Toter ritten gestern über die Brücke, aber
die Hufe aller ihrer Rosse donnerten nicht so auf der Brücke, als die
deines einzigen.«
»Sahst du auch Baldur reiten?« drängte der Ase sie.
»Wohl sah ich Baldur. Er ritt zur Ehrenhalle der Hel, wo sie selber
thront.« Und sie wies ihm den Weg.
Weiter sprengte Hermod den Helweg durch die Finsternis und gelangte an
ein haushohes Eisengitter, das die Wohnung der Hel umschloß. Siebenfach
verriegelt war die Pforte und sonst kein Eingang und Ausgang.
»Sleipnir, es gilt!« hauchte Hermod dem Hengste ins Ohr und nahm ihn
zum Sprunge zurück. Und Wodans Jagdpferd setzte an und setzte im
Steilsprung über das Gitter und hielt wie aus Stein vor Hels Halle.
Dankbar klopfte ihm Hermod den Hals. Dann trat er ein.
Den Asenmut nahm Hermod zusammen, als er das Bild, das dort sich ihm
bot, erblickte.
Zur Hälfte schwarz, zur Hälfte fleischfarben, saß die grausige Hel mit
hängendem Kopf und klaffenden Kiefern auf ihrem Thron. Unerbittlich war
ihr Gesicht. Und um die Erbarmungslose geschart, saßen mit tottraurigen
Augen Könige und Helden, die den Strohtod gestorben waren an Krankheit
oder Altersschwäche, und nicht den Jubeltod im Schlachtenwetter, in
dem die Walküren zu Walhall entbieten.
So still und traurig war es, daß man die Tropfen von den Steinwänden
fallen hörte in grauenhaft eintöniger Wiederkehr.
Auf hohem Ehrensitz, die Bank mit goldenen Brünnen, den Boden
mit goldenen Fliesen belegt, saß traumverloren Baldur, von Nanna
umschlungen. Vor ihm stand der Metkrug, wie vor den Königen und Helden,
aber unberührt hatte ihn der Träumer gelassen. Des Gottes Geist träumte
in die Zukunft.
Zu dem stillgewordenen Bruder trat Hermod und setzte sich zu ihm. Die
ganze Nacht sprach er zu ihm über das Weh der Welt und über die Wünsche
Friggs, den Sohn wiederkehren zu sehen zum Besten aller Wesen. Und
Baldur hörte ihm zu und spann seine Gedanken.
Als der Tag anbrach, ging Hermod zum Throne der Hel.
»Wisse,« sprach er zu ihr, »daß ich dir die Wünsche der mächtigen Asen
bringe, Baldur heimzusenden nach Asgard. Seit er schied, ist die Welt
von Schmerzen erschüttert und will nicht mehr leben. Was aber sind
die Götter, was bist auch du ohne die immer sich neugebärende Welt!
Verzichte auf dein Recht auf Baldur, und die Menschen werden dich
lieben, wie sie Baldur lieben.«
»Deine Worte klingen gut,« antwortete die finstere Hel, »aber der
Bittende hat tausend Gründe, wo das Recht nur einen hat. Trotzdem:
ich will deine Gründe erproben. Wenn alle Wesen und Dinge der Welt
um Baldur als den geliebtesten und unersetzlichen weinen, so soll er
heimkehren in das Licht. Weigert ein Einziges Liebe und Tränen, so muß
er bleiben. Geh hin und künd es den Göttern.«
Und Hermod ging und nahm fröhlichen Abschied von Baldur, und Baldur gab
ihm für Wodan den Ring Draupnir, den Tröpfler, zurück, da es im Reiche
der Hel kein Verwenden für ihn gäbe. Und Nanna gab von den reichen
Opfergaben, die ihren Holzstoß geschmückt hatten, Gewänder und Gewebe
für Frigg und Freya und die Göttinnen alle. Hochgemut ritt Hermod den
Helweg zurück, wußte er doch, daß alle Welt um Baldur weinte und weiter
weinen würde, um Baldur, den jeder lieben mußte.
Wieder griff Sleipnir aus und donnerte den Helweg entlang. Und
Hermod sah die Scharen der Müden und Stillen des Weges ziehn, die
sich freuten, im Reiche der Hel die Ruhe zu finden, aber er sah
auch die Scharen der Meineidigen und Mörder, und der Landesverräter,
die schlimmer als Mörder und Meineidige sind, und sie durften nicht
über die Brücke des Totenstromes Gioll hinüberwandern und mußten mit
nackten Füßen durch das Flußbett waten, das mit hunderttausend scharfen
Schwerterspitzen gespickt war. Brünstige Giftschlangen lauerten in Hels
Reich auf die, die um eigenen Vorteils willen das Leben der Völker
vergiftet hatten.
»Sleipnir, greif aus,« schmeichelte Hermod dem Hengst, und der Hengst
verstand und stob durch die Hel und das ganze, unendliche Niflheim
und gewann die Oberwelt und stürmte, die Wolkenrosse weit hinter sich
lassend, nach Asgard hinauf, wo die Götter harrten.
Da herrschte Freude in allen Hallen, als Hels hoffnungsvoll klingender
Spruch offenbar wurde, und alsobald eilten die Boten durch Himmel und
Erde und Jotunheim und forderten die Tränen von den Lebendigen und von
allen leblosen Dingen. Und die Menschen weinten mit den Göttern, und
die Riesen weinten mit den Alben, von den Bäumen und Blumen tropften
die Tränen, und selbst die Steine weinten, da Baldurs Sommer ihre
Winternässe nicht mehr hinwegnahm.
Loki saß in einer Höhle und fürchtete fiebernd für sein Neidlingswerk.
Er nahm die Gestalt eines Riesenweibes an und nannte sich Thock, als
die Boten der Asen bei ihm einkehrten, das ist: das Dunkel.
Und die Boten sprachen: »Du bist das letzte Wesen, das wir fanden und
noch nicht baten. So bitten wir auch dich: Weine, weine um Baldurs, des
Vielgeliebten, Tod und Wiederkehr.«
Die Riesin Thock wiegte kaum den Kopf.
»Ich heiße das Dunkel und dämmere im Dunkel dahin. Was schiert mich
der lichte Baldur! Sein Leben hat so wenig Nutzen für mich wie sein
Sterben, und mein Auge hat keine Tränen. Hel behalte ihr Eigentum.«
Sie verschwand in der Tiefe der Klüfte, und die Boten erkannten
entsetzt, daß es Loki gewesen war.
Gebrochen kehrten sie heim durch die Tränenbäche der Welt, die umsonst
geflossen waren, und kündeten den Göttern das Geschehnis. In tiefem
Schweigen vernahmen es die Asen. Sie blickten auf Wodan, den Vater. Der
saß wie aus Stein, nur sein Einauge blitzte. Endlich erhob er sich.
»Die als Götter gelebt haben, müssen auch als Götter zu sterben wissen.
Sprecht es weiter.«
Und er hüllte sich in Mantel und Hut, um Mimirs stillen Quell
aufzusuchen. --
Ein Gastmahl bot Ägir, der Beherrscher der Meere, den Asen an, um sie
seiner Freundschaft zu versichern. Und sie gingen alle hin, die Götter
und Göttinnen, auf ein paar Stunden anderen Sinnes zu werden. Denn
Ägirs kristallene Halle war eine Freistatt, und Frevel war, sie durch
Streit zu entweihen.
So saßen sie bei dem Meerbeherrscher und freuten sich des Mahles und
des Metes, und nur der Donnerer war abwesend. Plötzlich aber vernahmen
sie heftigen Wortwechsel und sahen Loki, der sich die unantastbare
Freistatt zu nutze machte und einzutreten begehrte. Als ihm der
Türhüter den Zutritt um des Friedens willen Diener wehrte, schlug ihn
der erboste Loki so hart, daß der treue entseelt zu Boden sank.
In wilderwachtem Grimm sprangen die Asen auf und griffen zu den Waffen,
den Bösewicht unschädlich zu machen. Der aber berief sich höhnend
auf die Heiligkeit der Freistätte und erzwang sich seinen Platz an
der Tafel. Und während er frech zugriff und den Metkrug leerte wie
ein gerngesehener Gast, überschüttete er Götter und Göttinnen mit
Schmähreden, warf dem einen Ungerechtigkeit, Treulosigkeit, dem anderen
Feigheit, Gier, Geilheit den Dritten vor und zieh die Göttinnen der
Schamlosigkeit, der Unzucht und aller Weiberuntugenden von tausenden
von Jahren. Seine Lästerzunge lief wie ein Rad. Er wußte, daß er
verfemt war, und wollte darum Gift und Galle seiner verdorbenen Seele
über die früheren Bank- und Fahrtgenossen ausspritzen, bevor er auf
immer verschwinden mußte. Er schonte selbst die Himmelsmutter nicht und
nicht die goldhaarige Sif, als Sifs Gatte, der Donnerer, eintrat und
der Lästerzunge Einhalt gebot.
»Du willst mir gebieten?« höhnte ihn Loki, »du, der sich im Däumling
eines Riesenhandschuhs verkroch?«
Schweigend griff der Donnerer nach dem Hammer Mjolnir. Die Sprache
verstand der Verräter.
»Zum letzten Male sitzt ihr bei Ägir zum Trunk! Das letzte Bier hat er
euch gebraut! Feuer soll bald diese Halle verzehren, wie euch Asen der
Wolf verschlingen wird und Muspels Feuer und meine Tochter, die Hel!«
Kreischend schrie er seine Verwünschungen, und bevor die Götter einen
Gedanken zu fassen vermochten, stürzte er sich in Gestalt eines Lachses
ins Wasser und war verschwunden.
Die Asen machten sich auf.
»Der Tod wäre zu große Wohltat für solchen Bösewicht,« und sie kamen
überein, ihn zu fangen und so zu fesseln, daß sein Weiterleben eine
einzige Kette von Qualen bilden solle.
Von seinem Hochsitz aus blickte Wodan forschend in die Welt. Und er
gewahrte Loki in einem Hause mitten in der Felsenwildnis sitzen, und
das Haus war über einen Sturzbach gebaut und trug Fenster in allen
vier Wänden. Beständig auf der Hut, lugte Loki rastlos nach allen
Himmelsrichtungen aus und flocht dabei ein Netz, um Fische ins Garn zu
locken.
Jäh sprang er auf. Er hatte das Nahen der Asen erspäht. Und mit einem
Satz war er als Lachs in dem Sturzbach verschwunden.
Da fanden die Asen das Netz und nahmen es und zogen es quer durch den
Sturzbach. Zweimal schnellte sich der Lachs über das Hindernis und
verschwand in der Tiefe. Beim dritten Male geriet er in das Netz und
hätte das Netz mit sich weggerissen, wenn nicht der Donnerer, der bis
zur Brust im Wasser stand, zugegriffen und den Lachs beim Schwanze
erwischt hätte. Da half kein Drehen und Winden, des starken Asen Faust
riß ihn aus dem Netz, das sich der Böse selber gefertigt hatte.
Loki, der Verderber des Himmels und der Erden, lag vor den Göttern.
Das Urteil war bald gefällt. In der Felsenwildnis, in die er sich
begeben hatte, schmiedete man ihn an, den nackten Rücken auf den
messerscharfen Felsenkanten, ihn, der vom Gott zum Unhold gesunken
war. Sein verzerrtes Antlitz richtete man nach oben, daß er es nicht
nach rechts, nicht nach links zu wenden vermochte, und befestigte
über seinem Gesicht eine ekele Schlange, die ihm unaufhörlich die
Gifttropfen ihres Schlundes wie brennendes Feuer ins Gesicht fallen
ließ. Verlassen und verloren sollte er liegen und Qualen leiden bis an
der Welt Ende.
Die rächenden Götter waren heimgekehrt. Schaurig lag die Felseneinöde,
durchgellt von den Schreien des Verdammten. --
Da tastete es auf nackten Sohlen durch die Felsenwildnis. Da
huschte es auf blutigen Füßen durch das messerscharfe Gestein,
und weitaufgerissene Frauenaugen suchten und suchten den Ort der
Verdammnis, bis sie ihn fanden. Weiter huschte die Frau, bis sie neben
dem Körper des Gefesselten niederglitt.
Das war _Signy_, des Bösen mißhandeltes Eheweib, dessen treues Werben
er immerdar verspottet und mit Untreue gelohnt hatte. Was wußte Signy
davon und von allen ihren Leiden? Sie sah nur den Mann, den sie geliebt
hatte in seiner Schönheit und in seinen Fehlern, und den sie heute in
seiner Qual mehr noch lieben mußte als je zuvor. Signy allein war zu
ihm gekommen.
An seinen Fesseln biß und zerrte sie, ohne sie um Haaresbreite zu
lockern. Ohnmächtig sank sie zuletzt in die Felsen. Aber das Brüllen
des Verurteilten jagte sie wieder auf. Die Gifttropfen der Schlange
zerbrannten und zerfraßen Loki das Gesicht. Und Signy ergriff einen
Scherben und hockte sich neben den Mann und fing in ihrem Scherben die
Gifttropfen auf, die niederfielen.
War die Schale gefüllt, so mußte sie sich einen Herzschlag lang wenden
und die Schale entleeren. Dann fielen die Tropfen aus der Giftschlange
Schlund aufs neue dem Elenden in die Augenhöhlen, daß er aufbrüllte vor
wahnsinnigem Schmerz und sich in den Fesseln bäumte, daß die Menschen
in allen Ländern erschrocken niederfielen und meinten, ein Erdbeben
erschüttere die Grundfesten der Welt.
Und wieder saß Signy, die Treue, neben dem ungetreuen Manne und hielt
ihm die Schale vor das Gesicht, wieder und wieder, in unermüdlicher
Geduld.
Der letzte Kampf.
Eiskalt ward es auf Erden. Baldur war tot, und Frühling und Sommer
starben hastig ihm nach. Jäh brach der Winter herein, ein Winter,
wie er nie erlebt wurde, seitdem die Welt erschaffen war. Die Bäume
platzten auf in dem scharfen Frost, und ihr Saft rann die Stämme hinab,
gefror und verstopfte die Poren. Die Pflanzen und Blumen traf's bis in
den Wurzelstock, und die Kälte preßte ihnen die letzten Tränen aus und
ließ sie vergehn wie zersplittertes Glas. Selbst die Steine schwitzten
ihr weißes Blut, dehnten sich in klingenden Seufzern und zersprangen zu
Staub.
Baldur war tot, und es war nicht Frühling und nicht Sommer mehr.
Frost lief durch die Welt, und er tötete die Äcker, die Wiesen, die
Wälder. Im Starrkrampf lag das Leben.
Und als müsse ein Leichentuch her, Tod und Sterben zu decken, setzte
ein Schneesturm ein, der unaufhörlich tobte, unaufhörlich seine weißen
Massen auf die Erde schleuderte. So dicht brausten und wirbelten die
Flocken, daß aller Raum zwischen Himmel und Erde ausgefüllt schien, daß
die Sonne vom Himmel verschwand und der Tag von der Nacht verschlungen
blieb in der immerwährenden Finsternis.
Drei Jahre lang dauerte der eine Winter, den kein Frühling milderte,
kein Sommer durchbrach. Drei Jahre, die nicht enden wollten, gingen
dahin in einem einzigen Winter.
Da türmte sich das Eis zu Gletschern und rückte vor, von den Eisriesen
gepeitscht, die nach dem Licht verlangten. Da begann das Feuer in
Muspelheim, das hinter Eisesmauern keinen Ausweg fand, zu kochen und zu
zischen, und seine eingeschlossenen Dämpfe suchten sich zu entladen.
Bis zu den Wolken sprang der Gischt des Meeres, das enger und enger
zusammengetrieben wurde in seinem Becken. --
Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
Er sah die Menschen dem heraufziehenden Schicksal unterliegen. Baldur
war tot, und alle Gesittung starb ihm nach. Frost und Hunger und
Finsternis machten aus Menschen gierige Tiere, die da raubten und
mordeten und plünderten, nur um des eigenen Bauches willen. Alle Bande
des Blutes, alle Bande der Gesetze brachen. Brüder erlegten Brüder,
Ehen wurden gebrochen, Unzucht herrschte und Faustrecht. Ganze Stämme
zogen aus und warfen sich blutgierig auf friedliche Nachbarstämme, um
sie zu vertilgen. Schlachten wurden geschlagen aus roher Mordlust und
nicht um Heldenehren willen. Ehre der Väter war eine Sage, und Macht
ging vor Recht. Beilzeit war und Schwertzeit, Windzeit und Wolfzeit.
Nicht einer schonte des anderen mehr, und jedermanns Hand war wider
jedermanns Hand.
Von seinem Hochsitz aus sah es Allvater, und er sah mehr.
Er sah zwei Wölfe der Riesen am Himmel jagen, und der eine jagte
die Sonne, der andere den Mond. So stark waren sie geworden, weil
die Menschen ihre Toten unbeerdigt ließen und die Wölfe sich vom
Leichenfleische mästeten. Schon kamen sie den Fliehenden nahe
und packten sie in der Flanke, daß Sonnenfinsternis wurde und
Mondfinsternis und die Menschen der Erde aufheulten in irrsinniger
Wirrnis. Noch einmal rissen sich Sonne und Mond los von ihren
Bedrängern und stürmten weiter durch die mit ihnen jagenden Wolken, daß
ihre Lichter aufblitzten und verschwanden und ihre Schatten im Taumel
über die Erde tanzten.
Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
Dann warf sich Wodan wie in alten Tagen auf sein Sturmroß und jagte
hinaus an der Spitze seines Geisterheeres mit Hussa, Horridoh und
Peitschengeknall und säuberte die Lüfte vom tollsten Spuk, und die
Menschen hielten ihn und seine wilde Jagd für der Spuke größten. Hinter
ihm aber ballte es sich wieder zusammen und stürmte in Wut und Wirrnis,
und Allvater saß auf dem Hochsitz und sah und wußte alles.
Und er sah, wie die Feuer in Muspelheim sich zur Siedehitze
gesteigert hatten, und er erhob sich und sah, wie sie, zu aller Kraft
zusammengefaßt, sich donnernd entluden und die lastenden Gletscherberge
sprengten und in wildgewordener Freiheit ihre Flammen über die Erde
und gen Himmel schlugen. In allen Fugen erkrachte die Welt, das feste
Land hob und senkte sich wie tobende Meeresflut, Klüfte verschlangen
die entwurzelten Wälder, Berge türmten sich über Berge und stürzten in
die kochende See, und die See flutete über und ersäufte die Küsten, die
Midgardschlange stieg geifernd empor, suchte das Land und wälzte sich
vorwärts, und die Sterne fielen erloschen vom Himmel.
Und in die grausenden, brausenden Schrecknisse hinein, über sie hinweg
und sie alle übertönend, schrie wie ein Adlerschrei lang und gellend
ein Hornruf.
Heimdalls Horn!
Heimdalls Horn rief die Asen, rief die Einherier, rief alle
Asgardmänner auf zum letzten Kampf.
Da eilten die Götter, Wodans letztes Gebot zu empfangen, und umstanden,
tief atmend, den Vater der Schöpfung.
Und Allvater sprach:
»Götter sterben nicht. Götter und Helden erstehen neu, wenn sie sich
würdig erwiesen. Würde ist nicht das bißchen Tugend des Tages. Würde
ist, für sein Leben und Schaffen sterben können. Das allein macht
_un_sterblich. Wohlauf denn, ihr Asen und ihr Helden alle, nun folgt
mir nach in die Unsterblichkeit.«
Da waffneten sich Götter und Helden mit ihren besten Waffen, in
unabsehbaren Scharen zogen die Einherier aus, und mit den Walküren
ritten die Göttinnen, den Ger in der Faust. --
Der rote Hahn des Riesenreiches krähte in den Morgen und rief die
Schläfer wach, wie der goldene Hahn krähte in Asgard und der nußbraune
Hahn in der Hel.
Ganz Riesenheim tobte in hellem Aufruhr. In Scharen krochen
Schwarzalben und Trolle aus Klüften und Schluchten und spornten
kreischend die Riesen an.
Die jauchzten auf, als der Wirbel der Flut, aus der die Midgardschlange
sich wälzte, das Schiff _Naglfar_ flottmachte, das Nagelschiff,
das aus den unbeschnittenen Nägeln der Toten erbaut wurde. Nie wäre
es fertig geworden, hätte Baldur gelebt. Denn die Gewissenspflicht
gebot den Menschen, ihren Toten vor der letzten Ausfahrt die Nägel zu
beschneiden, damit die finsteren Mächte sie ihnen nicht nehmen konnten
zum Bau von Naglfar. Wer aber von den Menschen fragte noch nach der
Pflege der Toten? Beilzeit war und Wolfzeit.
Der Reifriesenfürst _Hrymir_ bemannte das Schiff und steuerte die
Tausende gegen Asgard. --
Aufs neue stöhnt von der Entladung der Flammen, die Eis und Stein
durchbrechen, die Welt in allen Fugen. Ein Sterbeschauer durchbebt die
Weltesche Yggdrasil, und die Brunnen an ihren Wurzeln schäumen über.
Zum letzten Mal beugt sich Wodan über den Brunnen Mimirs und raunt mit
dem Haupte des Urweisen. Dann schreitet er einsam nach Asgard zurück,
bindet den Goldhelm unter dem Kinn und greift nach dem Speere Gungnir.
Er kennt sein Schicksal. Sein Einauge blickt groß und königlich. --
Ein neuer Donnerschlag erschüttert das Weltall. Die Flammen haben die
Gewalt. Schlag folgt auf Schlag, ein tosendes Erdbeben dem anderen,
daß kein Felsen auf dem andern bleibt. Ein Jubelgeheul macht die
Lüfte erdröhnen. _Loki_ ist losgekommen! Die Felswand ist geborsten,
die seine Fesseln hielt, die Fesseln sind zerplatzt! Hinstürmt er zur
Hel, seiner grausigen Tochter, und ruft die Mörder und Schufte, die
Meineidigen und die Hochverräter der Helleute auf zum Kampf gegen die
Götter. Entvölkert ist Hel, denn die guten Geister sind geflüchtet im
blutigen Wirrsal der Geschehnisse. Aber mit wüstem Totenvolk überladen,
steuert Loki das Schiff der Hel gegen Asgard.
Und _Fenris_ ist los, der wahnsinnige Wolf, wie Loki, sein Vater,
loskam. Blutigen Schaum an den Lefzen, jedes Haar gesträubt, kommt
er gerannt, und Loki schreit ihm zu und nimmt ihn an Bord des
Höllenschiffes.
Blitzend aber reitet der schwarze _Surtur_ heran, der Fürst der
zerstörenden Feuergewalten. Auf tausenden von Flammenrossen folgen ihm
die Seinen. Über die Brücke Bilfrost reiten sie gegen Asgard, und die
Himmelsbrücke birst unter den Hufen ihrer Pferde.
In Rauch und Flammen gehüllt, kreist die entsetzte Erde, und die Zwerge
hasten an den verschütteten Höhlen auf und nieder und suchen wimmernd
den Eingang.
Zum zweiten Male stößt Heimdall ins Horn, gellend und gebietend wie
Adlerruf. Da ordnen sich die Scharen der Asen und Einherier.
Und zum dritten und letzten Male stößt Heimdall ins Horn. »Vorwärts,
ihr Asengötter, vorwärts, ihr Einherierhelden, in die Unsterblichkeit!«
Aufsprangen die fünfhundertundvierzig Türen Walhalls. Und die
Wodansmänner zogen aus zu Fuß, zu Roß und zu Wagen, und Walvater Wodan
führte sie.
Auf dem Sturmroß Sleipnir ritt er in schimmernder Brünne, den Goldhelm
auf dem Haupt, den Todesspeer in der Hand. An seiner Seite schritt
wuchtenden Ganges der Donnerer, den Hammer Mjolnir in der Faust.
Unbeirrt ihnen nach alle die anderen, die Todesmutigen. --
Auf der Ebene Wigrid, dem Kampfreitplatz vor Walhall, treffen sie auf
den Feind, der wie nimmer sich erschöpfende Wasserfluten anschwillt und
vorwärtsdrängt. Hoch hebt sich Wodan in den Steigbügel. Sein Einauge
funkelt und blitzt. Und zischend fährt sein Todesspeer als erster
Kampfgruß über die Köpfe der Drängenden.
Schon sind die Massen im Kampf. Surturs Feuerreiter verbrennen Wiesen
und Weiden. Aber die Einherier fürchten nicht Flammen noch Rauch.
Nicht umsonst ist Sigurd durch die wabernde Lohe zu Brynhild, der
Walküre geritten, nicht umsonst kämpften die Helden alle in brennenden
Hallen. Mit dem Blute der Erschlagenen dämpfen sie die Glut des
Kampfplatzes und werfen die Brandreiter zurück.
Mit den Riesen vermengen sich die Leute der Hel und wüten wie Tiere.
Felsen schleudern die Riesen, die zermalmend niederschmettern, und
die Helleute geben den Verwundeten den Rest mit dem feigen Dolch. Der
Donnerer sieht es. Schon ist er mitten unter ihnen. Von den Riesen
kennt er die meisten. Nun lernen sie seinen Hammer kennen. Der krachte
in die Schädeldecken und fuhr im Schwung in des Gottes Faust zurück,
um sie im Schwunge wieder zu verlassen und Schädel zu zertrümmern,
Schädel, nichts als Schädel.
Wo die Gefahr am größten war, dorthin spornte Wodan sein Roß. Mit dem
Schwerte schlug er die Gefährten aus den blutigen Knäueln heraus,
sammelte die Aufatmenden um sich und führte sie aufs neue ins
Handgemenge. Mit der Peitsche holte er die Schwarzalben und tückischen
Trolle aus der Luft, daß sie wimmernd verschieden. Wo Wodan ritt,
häuften sich Leichen.
Und plötzlich erschauert die Welt, wie sie nie erschauert war.
Der _Fenriswolf_ rennt. Alle Grenzen hat seine losgelöste Wut
überschritten. Mit aufgerissenem Rachen rennt er, daß sein Unterkiefer
über die Erde fegt und sein Oberkiefer die Wolken durchstößt. Alles
schlingt er herunter, was zwischen Himmel und Erde ist.
Da packt selbst die Tapfersten lähmendes Grauen, und die Schar der
Asen, die Haufen der Einherier weichen zurück. Wodan sieht es. Er weiß,
das Werk der Götter ist noch nicht vollbracht. Kein neuer Himmel kann
sein, wenn die alten Unholde bleiben.
Ein Opfer muß her!
Wer bringt das Opfer, das ein Leben verlangt?
Der Führer bringt es, wer sonst?
Dem rasenden Wolfe entgegen wirft sich Wodan, der Eine allein. Er
schwingt sich vom Roß, und der wütende Wolf schlingt den ledigen
Hengst. Wodan greift an. Er hemmt des Untieres Lauf und bringt es aus
der Bahn. Asen und Einherier sammeln sich. Sie kommen zu sich und
sehen: es gibt keine Gefahr, die ein Mutiger nicht angehen kann. Das
aber hat Walvater gewollt. Dafür ist die Preisgabe des besten Lebens
nicht zu groß. Im Kampf mit dem Fenriswolf endet das seine. Wodans
Königsseele weicht ins All. --
Widar gewahrt es, der »Gott mit dem Schuh«, der Wodanssohn. Nun kommt
ihm der Schuh, der das Leder aller Länder als Opfergaben trägt, wohl
zu statten. Er tritt dem Wolf in den Rachen und stemmt ihm mit dem
zentnerschweren, undurchdringlichen Schuh den geifernden Unterkiefer
auf dem Erdboden fest. Mit der Linken packt er den Oberkiefer. Die
Rechte, die Schwerthand, hält die zweischneidige Klinge. Weit aus holt
Widar und stößt dem Untier das Schwert bis an den Knauf durch den
Rachen ins Herz. Blutrache! Blutrache für Allvater Wodan.