Wikingsfahrten durchzog, und in allen Landen, die er eroberte und sich
zinspflichtig machte. Er war ein Held nach Wodans Sinn.
Einmal aber war's, daß er nach Upsala in Schweden zog, eine alte Buße
einzufordern für den Vater, den die Schweden dort einst erschlagen
hatten. Sein Heer litt Hunger und Durst, und nirgend war Herberge.
Plötzlich stand ein Gehöft vor ihnen, und ein Bauer, Hrani geheißen,
lud sie zu sich ein. Aber als die Hungernden und Durstenden sich
gelagert hatten, entzog ihnen der Bauer Speise, Trank und Herdfeuer
und beriet den König, nur die mit sich zu führen, die diese Probe ohne
Murren bestanden hätten. Da waren es nur die zwölf Eidgesellen, und
Hrolf Kraki ritt mit seinen Zwölfen weiter an des Schwedenkönigs Hof,
der sie in ihrer Herberge ohne Brot und Wasser einmauern ließ und
nach qualvollen Tagen Feuer an das Gebäude legen ließ. Hrolf Kraki und
seine zwölf Gesellen besannen sich nicht lang. Sie warfen sich mit der
Wucht ihrer Körper, als wäre es nur ein einziger Körper, gegen die
Wand, daß die Mauer zusammenbrach und sie ins Feuer, aber auch ins
Freie stürzten. Ein furchtbares Blutbad richteten die Wilden unter den
Schweden an und kehrten, mit Schätzen beladen, zum Gehöft des Bauern
Hrani zurück.
Hrani blickte sie strahlend an. Und er holte ein altes Gewaffe hervor,
ein Schwert, einen Schild und eine Brünne, und bot alles dem König
Hrolf Kraki als Gastgeschenk. Aber der Übermütige wies das uralte
Gewaffe lachend zurück.
»Unweise bist du,« zürnte der Bauer, »du wirst es zu spät erkennen,«
und er kündigte ihnen die Herberge auf.
Als König Hrolf mit seinen zwölf Gesellen nun durch die dunkle Nacht
ritt, erkannte sein Geist, daß der Bauer Hrani Wodan selbst gewesen
war, der ihm mit geweihten Waffen ein langes Leben verleihen wollte,
und er wandte sein Roß und sprengte zurück. Wie er aber auch suchte,
Gehöft und Bauer blieben verschwunden. Nun wollte Wodan sein Leben
früher als bisher.
In Dänemark saß Hrolf Kraki und regierte ohne Krieg. Da gedachte seiner
Schwester Mann, es sei an der Zeit, die Krone zu stehlen, und er kam
mit einem unabsehbaren Gefolge und lud sich bei ihm freundlich zu Gast.
In der Nacht aber ließ er alles Lebendige in der Burg niedermetzeln,
und nur den zwölf Eidgesellen gelang es, sich zur Schlafkammer ihres
Königs durchzuschlagen. Noch einmal tranken sie wie in Jugendtagen aus
demselben Horn sich zu und erneuerten den alten Schwur. Dann warfen sie
sich singend auf den Feind, erschlugen die Hälfte und sanken erst zu
Tode, als keine heile Stelle mehr an ihrem Körper war.
Trunken lehnte der Verräter auf König Hrolf Krakis Thron. »Ist noch ein
Mann übrig von meines Schwähers Gesindel?« Und die Tür öffnete sich,
und ein alter einäugiger Kämpe trat herein. Der sprach: »Hier ist noch
einer,« und stieß ihm das Schwert durch den Hals. --
Hochgefeiert saß der Dänenkönig Hrolf Kraki unter den Einheriern an der
Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
* * * * *
Da saß auch ein Schwedenheld, König _Beowulf_. Abenteuerlustig und
furchtlos war er gewesen, wie kaum ein anderer. Dem Stamm der Wägmunde
gehörte er an, die ihren Stammbaum bis auf die Götter führten. Und eine
Tat, der Götter würdig, hatte er getan.
Von dem scheußlichen Meerriesen _Grendel_ ging zu jener Zeit erneut
Gerücht durch alle Lande. Der Dänenkönig Hrodgar hatte nahe dem Meere
eine herrliche Halle aufführen lassen für Helden und Sänger, und
Lachen und Lebensfreude scholl weit über die Wasser. Da tappte bei
Nacht aus den Nebeln der Meere lüstern der Meerriese Grendel hervor,
und das Ungeheuer würgte dreißig der sorglos schlafenden Helden und
schleppte die Leichen in sein Versteck. Nacht für Nacht schlich er auf
Nebelschuhen in den Saal, kein Stahl ritzte seine Haut, kein Männerherz
konnte ihm widerstehen. Verödet lag die herrliche Halle bald, und wer
sie betrat, der wurde bei Nacht erwürgt und ausgesogen. Laut jammerte
das dänische Volk und rief nach dem Retter.
Das hörte der starke Beowulf in Schweden, der nichts von Gruseln
kannte und nur das Zupacken, wie es der Donnerer liebte. Als halber
Knabe noch hatte er fünf Tage und Nächte ohne Unterbrechung schwimmend
im Meere zugebracht, um Abenteuer zu bestehen, auf dem Meeresgrunde
Wasserungetüme erlegt und von den nadelspitzen Klippen neun
Wassermänner heruntergestochen, bis ihn eine Woge glücklich wieder ans
Land geworfen hatte. Nun zog Beowulf in seiner stärksten Manneskraft
aus, den scheusäligen Unhold Grendel zu bekämpfen, und er nahm vierzehn
unerschrockene Männer mit sich.
Da des Meerriesen Haut kein Stahl durchdrang, so beschloß der kühne
Schwede, ihm waffenlos und nur mit den bloßen Fäusten zu begegnen.
Seine Gefährten schliefen in der Halle, die der Dänenkönig Hrodgar mit
allen seinen Helden und Höflingen am Abend verlassen hatte. Beowulf lag
zwischen den Seinen mit wachen Augen. Dunkle Nebel stiegen vom Moor
und Sumpf und schlichen wie Pesthauch ins Gemach. Das war Grendels
Atem. Jetzt tappte er selbst heran, zerbrach den Türriegel, schlürfte
in den Saal, ergriff den ersten der Schlafenden, riß ihn in Stücke
und sog das Blut aus. Jetzt griff er mit der Krallenhand nach dem
zweiten. Der zweite war Beowulf. Blitzschnell packte Beowulf zu und
packte so furchtbar stark, daß er dem Ungetüm alle Finger der Hand
zerbrach. Brüllend wollte der Meerriese fliehen, aber Beowulf hielt
fest. Aus dem Saale wollte Grendel, aber Beowulf stemmte den Fuß
gegen die Mauer und hielt des Riesen Handgelenk in seinen Fäusten
wie in einem Schraubstock. Da rissen des Riesen Achselsehnen von der
übergewaltigen Anstrengung, der Arm riß in der Wurzel aus und blieb mit
der Riesenfaust in Beowulfs Händen. Der nagelte die Faust unter dem
Jubel der erwachten Gefährten an die Saaldecke, während der Riese, der
sich hastig verbluten mußte, durch den Nebel taumelte und schwand.
Ein großes Gelage gaben die fröhlichen Dänen dem siegreichen Kämpen
und füllten ihm und seinen Gefährten die Schilde mit Gold. Die Nacht
über blieben alle und dachten nicht mehr an die Furcht, als sie sich
auf die Polster streckten. Aber da tappte im Nebel Grendels Mutter
einher, ein wölfisches Ungeheuer. Mit stickigem Atem kam sie, den Tod
des Sohnes zu rächen, und ergriff und zermalmte einen der dänischen
Edelinge. Vom wilden Waffenlärm erschreckt, entfloh die Mörderin in
ihren Unterschlupf.
Beowulf verfolgte ihre Spur. Immer unheimlicher wurde der Weg, immer
schauriger der Wald, immer sumpfiger der schwankende Boden, den das
Meer unterhöhlte. Feuerflammen tanzten auf den Fluten, ekelhaft Gewürm
spreizte sich auf den Klippen, Riesenkrebse und boshafte Nixe. Hier war
der Eingang zu Grendels Behausung, und Beowulf tauchte ohne Zögern
in die Schrecken der See. Sofort fiel ihn mit Scheeren und Zangen das
Wassergetier an, aber seine gute Brünne widerstand, und er tauchte
tiefer zu Grund. Jetzt packte ihn die Wölfin, Grendels Mutter, bei den
Beinen und schleifte ihn in eine wasserleere Grotte. Aufsprang der
Held und warf sich mit Macht auf das geifernde Wolfsweib. Aber seine
Kräfte ließen nach, und schon schien es, als müsse er der rasenden
Unholdin erliegen. Ein Riesenschwert erblickte er an der Wand. Er riß
es herunter und stach nach der Wölfin. Die scharfe Spitze ritzte nicht
ihre Haut. Da überkam ihn der Berserkerzorn, und er packte das Schwert
bei der Klinge und holte aus und zerschmetterte mit dem Knauf der
wölfischen Riesin das Rückgrat, daß sie winselnd verendete. Und nun
gewahrte er auch den Körper des toten Grendel und schnitt ihm den Kopf
ab und stieg nach mühseligem Suchen und Wandern vom Meeresgrund auf zu
den stürmisch jubelnden Gefährten.
Heimgekehrt nach Schweden, verübte er als hochsinniger König viele
Heldentaten bis in sein Alter, und die letzte war, daß er, der Greis,
einen menschenmordenden Drachen erlegte, den die Jünglinge und Männer
flohen. Den überreichen Hort schenkte er den Schweden als letzte
Königsgabe. Er selbst aber verschied an den Wunden des Kampfes und
wurde zu Hronesnäß auf dem Holzstoß verbrannt, während aller Augen
weinten. Über seiner Asche ward ein gewaltiger Hügel getürmt, und als
Beowulfs Burg blickte das Heldenmal über die See, allen Wikingen ein
ehrfürchtig Zeichen. --
Hochgefeiert saß der Schwedenkönig Beowulf unter den Einheriern an der
Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten. --
* * * * *
Da saßen auch die Norwegerkönige _Harald Harfagar_, das ist Harald
Schönhaar, und _Erik Blutaxt_ und _Hakon der Gute_, die Haraldssöhne.
In einem Meer von Blut hatte Harald Harfagar den Übermut der
norwegischen Großen erstickt und mit fester Faust ein norwegisches
Reich unter seinem Zepter errichtet. In einem Meer von Blut hatte des
Schönhaars Sohn, Erik Blutaxt, gewatet, bis er aus dem Lande weichen
mußte und auf wilder Wikingsfahrt in England ein neues Reich gewann. In
neuem Kampf gegen Englands König fiel er und nahm fünf Könige mit in
den Tod und tausende von Mannen. Wodan selbst befahl, ihn festlich zu
empfangen, Bragi, der Dichtergott, griff begeistert in die Saiten, und
König Sigmund vom Rhein erhob sich mit Sinfiötli, seinem Sohn, Erik
Blutaxt entgegenzugehen.
»Nur eins sage mir, Wodan,« bat König Sigmund, »weshalb nahmst du dem
blutigen Erik den Sieg, da er dich doch der kühnste der Könige dünkt?«
Da sprach Wodan und sah ihm fest in die Augen: »Weil es ungewiß ist,
wann der graue Wolf zum Sitze der Götter kommt.«
Und Sigmund wußte, daß Allvater vom heulenden Fenriswolf und vom
letzten Kampfe gesprochen hatte und schritt mit Sinfiötli zum Tor und
bewillkommnete jubelnd Erik Blutaxt und die fünf Könige, die ihm folgen
mußten, und den Heerbann der Helden.
Und wieder stand Wodan aufhorchend in Walhall und wies Bragi an, den
Dichtergott, und Hermod, den Götterboten, vors Tor zu schreiten und den
Haraldssohn Hakon festlich zu empfangen. Abgeirrt von den alten Göttern
war Hakon, als er an seines Bruders Erik Statt das Zepter von Norwegen
ergriff, aber heimgefunden hatte er vor der letzten Schlacht zu dem
Glauben an Wodan. Darum wollte ihn Allvater besonders ehren. Seine
Walküren sandte er auf die rauchende Walstatt, auf der König Hakon mit
den Erikssöhnen rang, die aus England heimgekehrt waren, und alles
Volk kämpfte für seinen König, den es um seiner Guttaten willen liebte.
König Hakon rief zu Wodan und hörte die Walküren rauschen. Und er hörte
ihr Jauchzen: »Nun wächst der Götter Glück, weil die Waltenden Hakon
mit einem großen Heere zu sich heim entboten.«
Siegreich blieb König Hakon in der Schlacht, aber von Wunden bedeckt,
lag er auf dem Schilde. Freunde und Feinde umdrängten den Sterbenden,
um noch einen Blick aus seinen Augen zu erhaschen, der der beste König
war in Norwegen, und kein besserer war nach ihm.
Blutbespritzt stand der König mit seinen Mannen an der Pforte Walhalls,
von Hermod geleitet, von Bragi mit Heldenliedern begrüßt.
»Helme und Brünnen wollen wir anbehalten und das Schwert nicht von uns
tun,« sprach der König zu Wodan. »Es ist gut, bereit zu sein.« Und
Wodan nickte, denn er kannte die Nähe der Stunde.
Hochgefeiert saßen Norwegens Könige, Harald Harfagar, Erik Blutaxt
und Hakon der Gute, unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die
Nordmänner Odin nannten. --
* * * * *
Noch einer aber saß unter dem Hunderttausend. Der war aus Westfalenland
und hieß _Hermann, der Cherusker_. In Germanien war er aufgestanden,
als es keinen Mann gab, die deutschen Gaue von der alles erdrosselnden
Römerherrschaft zu befreien. Er, der Einzige, rief die hadernden
Stämme zusammen und rief den Mannesmut und den Heldenzorn an in den
erloschenen Gemütern. Er, der Einzige, zeigte den verzagten Deutschen,
was Schwerter wert sind in der Hand von Männern, denen die Ehre lieber
ist als das Leben. Und sie ballten sich zusammen und erschlugen im
Teutoburger Wald das römische Heer, mehr denn zwanzigtausend Mann. Der
Befreier des Vaterlandes wurde der Cheruskerfürst und ward zum Dank von
Neidlingen erdolcht. --
Auf dem Ehrenplatz an der Einheriertafel in Walhall saß Hermann, der
Cherusker, und keinen liebte Wodan wie ihn. -- --
Um Baldur.
»Gut ist's, bereit zu sein.«
Am Tische der Einherier war das Wort gefallen. Wodan wußte es lange.
Und er wußte die Vorzeichen, die das Nahen der Stunde kündigten. Wenn
das volle Licht getötet wird von der blinden Nacht, wenn der sonnenlose
Winter die Lichtzeiten Frühling und Sommer vernichtet haben wird.
Noch lebte der Gott des lachenden Frühlings und der Sommerhöhe, noch
lebte Baldur, der fleckenlose. Auf seiner himmlischen Burg Breidablick,
dem Breitglanz des Himmels, lebte er mit seinem süßen Weibe Nanna,
die da war wie eine Blume zwischen Blüte und Frucht, und das Glück
der Wärme ging von ihm aus. Alle liebten sie ihn, die Götter wie die
Menschen, und selbst die Riesen der Eisländer waren ihm zugetan, da
auch sie seines Lichtes und seiner Wärme bedurften. Lebensfröhlichkeit
war, wo Baldur erschien, selige Hoffnung, Liebe zur Arbeit, Glaube an
eine höhere Welt. Die Menschen hoben die Häupter, blickten lächelnd in
das Licht und ließen ihren Arbeitsgeist bestrahlen zu höheren Dingen.
Da wuchs aus dem Werktag der Feiertag und aus dem Feiertag wuchsen die
Künste, die wiederum den Werktag veredelten, und Baldur war es, der
allen Empfindungen des Geistes und der Seele zur höheren Weihe verhalf.
Solange Baldur lebte, wuchs die Welt und in der Welt die Gesittung.
Nun war es seit etlicher Zeit, daß Baldur am Tage schwermütig
dahinschritt und in der Nacht von beängstigenden Träumen zerquält
wurde. Schnell merkten es die Götter, denn das glückliche Lachen tönte
nicht mehr von Breidablick über Asgards Fluren hin, bald merkten es
auch die Menschen, denn der Frühling kam karg und der Sommer ohne
Freude, und selbst die Riesen spähten unruhig nach dem bißchen Licht
und Wärme ihres Himmels aus. Trübsinn zog in die Gemüter der Asen, und
sie erforschten den traurigen Baldur, bis er ihnen alle seine Träume
und Gedanken offenbarte.
Frigg, die stillsorgende Himmelsmutter und Mutter Baldurs, faßte sich
zuerst. Ihr Sohn war in Gefahr. Also galt es, nicht zu beratschlagen,
wie die Männer taten, sondern zu handeln. Und sie machte sich auf
und ging zu allem, was da lebte und webte, wuchs und beharrte, zu
Menschen und Riesen und Alben, zu Feuer und Wasser und Erde, zu Erzen
und Steinen, Pflanzen und Giften und zu sämtlichem Getier, und alles
nahm sie in feierlichen Eid, dem Leib und Leben Baldurs nimmermehr
zu schaden. Da war große Freude, als die stillsorgende Himmelsmutter
wiederkehrte und in Asgard Baldurs Unverletzlichkeit verkünden konnte.
Wie die Kinder wurden die Götter in ihrer Ausgelassenheit, und sie
trieben Spiele und Scherze mit Baldur, um den Zauber zu erproben. Nur
Loki stand mißgünstig zur Seite, wenn die Götter mit Geren und Pfeilen
auf Baldur schossen, mit Schwertern und Steinen nach ihm zielten, ohne
dem leuchtenden Gott auch nur das geringste Leid antun zu können. Denn
Loki empfand, daß seine neidische Seele nur noch tiefer in den Schatten
sinke vor Baldurs sonnenreiner Klarheit.
Allvater Wodan aber schritt sinnend aus dem Kreise der Fröhlichen und
sattelte seinen Hengst Sleipnir. Denn er vermochte nicht freier zu
atmen trotz der Eide, die Frigg, seine Gemahlin, genommen hatte, weil
er die Zukunft kannte und wußte, daß sich das Schicksal nicht betrügen
ließe. Nur eine Gegenprobe zu dem eigenen Wissen wollte er machen und
in die finstere Hel, das Reich der Todesgöttin, reiten.
»Wir reiten zur _Wolwa_, der Weissagerin, die jenseit der Hel im Grabe
ruht,« sprach er zu seinem Rosse, und Sleipnir schoß wie ein Vogel
hinab gen Niflheim. Geifernd bellte der blutige Hund der Hel, doch
Wodan achtete seiner nicht und ritt durch die dunklen Schrecknisse, bis
er am Rande des Totenreichs das Grab der Wolwa fand. Hier saß er ab und
sang der Hexe den Leichenzauber, bis sie sich widerwillig erhob.
»Tot war ich lange. Was willst du von mir?«
»Antwort will ich, für wen im Hause der Hel die Bänke mit glitzernden
Brünnen, und mit Gold die Dielen belegt sind!«
»Für Baldur geschah's. Auf ihn wartet das Methorn der Hel. Laß mich
schweigen.«
»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer es ist, der Baldurs Blut
vergießen wird.«
»Hödur heißt er. Nun begehr ich zu schweigen.«
»Noch schweigst du nicht. Wissen will ich, wer die Blutrache nimmt für
die ruchlose Tat.«
»Ried wird Wodan den Wali gebären. Eine Nacht nur alt, zieht er aus in
den Kampf. Das Haupt nicht kämmt er, die Hände nicht wäscht er, bis
Baldurs Mörder im Blute liegt. Nicht gerne sprach ich, begehr nun zu
schweigen.«
Erschauernd hatte die Wolwa Wodan erkannt, den alten Schöpfer der Welt.
»Kein anderer Mann soll wieder mich wecken, bis von den Fesseln Loki
sich löst und die Feinde kommen zum Sturze der Götter!« rief sie mit
letzter Kraft und sank in das Grab zurück. --
Wodan ritt heim. Er hatte die Probe auf sein Wissen gemacht, und sein
Wissen war Wahrheit.
Immer noch trieben die Götter auf Asgards Wiesen mit Baldur die
fröhlichen Kampfspiele. Immer noch ging Loki neidverzehrt umher. Eine
neue Arglist sann er aus, und er humpelte in Gestalt einer alten
Dienerin zu Frigg, der stillsorgenden Himmelsmutter, und plauderte mit
ihr.
»Welch ein Wunder ist es mit Baldur, unserm Liebling. Nichts und nichts
auf der Welt vermag ihm zu schaden.«
»Ich nahm alle Dinge in Eid, wie Mütter tun,« erwiderte freundlich
Frigg und zählte sie alle her, bei denen sie gewesen war.
»Vergaßest du auch nichts? Hast du auch nichts übersehen?«
»Nichts übersah ich. Nur die Mistel ließ ich aus, die in den Bäumen
wuchert. Kaum hat sie das eigene Leben.«
Loki aber begab sich alsbald in den Wald und fand die unscheinbare
Mistel, die nur im Winter blüht, und schnitt sie ab und fertigte aus
der Ranke einen dünnen, scharfen Ger. Und er kehrte zurück in den Kreis
der Götter, die lachend auf Baldur, den lichten Gott des Frühlings und
der Sommerhöhe, ihre Speere schossen, und traf auf den blinden Hödur,
den Gott der Nächte und des sonnenlosen Winters.
»Weshalb bleibst du dem Spiele fern?« fragte der Arglistige. »Auf,
versuch deine Kunst.«
»Ich bin blind,« klagte Hödur, »sehe das Ziel nicht und führe keine
Waffe.«
Da drückte ihm Loki den Ger aus Mistelzweig in die Hand und lenkte
seinen Arm. Mächtig warf der blinde Hödur, pfeifend durchschnitt der
dünne scharfe Ger die Luft, durchbohrte Baldurs Leib und Leben.
Entsetzen lähmte die Glieder der Götter. Kein Laut entrang sich ihrem
Munde. Tot war Baldur, und ein Mord war geschehen im Himmel. Und
plötzlich war ein wildes Weinen in ganz Asgard.
An der heiligen Freistätte durften die Götter die Übeltäter nicht
greifen. Hastig entwich Loki, und Hödur stand wie versteinert. Frigg
aber, die Schmerzensmutter, wischte zuerst die Tränen vom Angesicht.
»Zur bleichen Hel ist Baldur gefahren, mein liebster Sohn. Wer reitet
den Weg und bittet ihn los von der Hel gegen alles Lösegeld, das sie
verlangt? Wer fürchtet sich nicht und reitet um meiner Liebe willen?«
Da trat Hermod vor, Wodans schneller Sohn, und das schnellste Roß wurde
gebracht, Sleipnir, Wodans achtfüßiger Hengst. Und Hermod schwang sich
in den Sattel und trat den Helritt an.
Denn das verlangte die unerbittliche Gerechtigkeit, der auch die Götter
unterworfen waren, daß die Seele dessen, der in Asgard verschied,
zur Hel mußte. Wie wäre es sonst ein Sterben für die Asgardbewohner
gewesen, wenn sie in derselben Stunde des Todes in Walhall auferstanden
wären und wiederum unter Göttern und Helden gesessen hätten! Wer von
den Göttern fiel, schied aus. Er gehörte der Hel. So verlangte es die
ausgleichende Gerechtigkeit.
»Blutrache«, war der Götter erster Gedanke, als sie zur Besinnung
kamen. Bei Göttern und Menschen, soweit es Männer waren, gab es kein
heiliger Wort. Und sie blickten einander in die Augen, wer sie üben
solle.
»Mein ist die Rache,« sprach Allvater, »aus meinem Blute wird Baldur
gerächt werden. Euch aber brauch ich zu anderen Taten.« Und er ging hin
und fand die riesische Jungfrau _Ried_, die sich zu den Asen hielt, und
sie gebar ihm in selber Nacht einen Knaben, den Wodanssohn _Wali_.
In selbiger Nacht wuchs Wali zu seiner ganzen Manneskraft auf, und er
kämmte nicht sein Haar und wusch nicht seine Hände, bis er wichtigeres
vollbracht hatte, das Wichtigste, das dem Bruder ziemte. Hödur,
Baldurs Mörder, suchte er auf und traf den Unglücklichen am Rande der
Morgendämmerung und erwürgte ihn. --
Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
Wetterleuchten.
Die Asen aber trugen Baldurs Leiche ans Meer und betteten sie hoch oben
auf dem Holzstoß, den sie auf des toten Gottes Luftschiff Hringhorn
geschichtet hatten. Wodan kam mit seinen Raben und Wölfen, und Frigg
kam mit ihm und die Schar der Walküren. Mit seinem Bockgespann brauste
der Donnerer herbei, Freyer fuhr mit seinem goldborstigen Eber, dem
Geschenk der Zwerge, Heimdall, der getreue Himmelswächter, ritt seinen
schnellen Hengst, und die liebliche Freya lenkte ihr Katzengespann. Zu
Fuß, zu Roß und zu Wagen kamen die Götter und Göttinnen alle, und viel
trauerndes Volk der Riesen und Alben kam, das, obschon es im ständigen
Kampfe mit den Asen lag, den einzigen Baldur ausnahm aus aller
Feindschaft. Die Himmel weinten, die Erde erschauerte im Schmerz, und
ein wildes Klagen erschütterte die ganze Natur.
Nanna aber, Baldurs geliebtes Weib, die in des Gottes leuchtender und
wärmender Liebe wie eine Blume gewesen war zwischen Blüte und Frucht,
vermochte ihr Leid nicht mehr zu fassen. »Baldur!« schrie sie auf, daß
der Schrei des Namens wie aller Klagen Klage durch die Welten lief, und
in diesem einen Schrei brach ihr das Herz.
Da legten die Götter Nannas Blumenleiche auf den Holzstoß, und sie lag
zur Seite des Geliebten, dem Frühling und Sommer das Leben waren.
Auf runden Hölzern ruhte das Schiff, um schnell in das Meer gerollt zu
werden. Aber von allen Opfergaben war es so schwer, daß es sich nicht
von der Stelle bewegte, denn auch Baldurs Sonnenroß, aufgezäumt in
seinem blitzenden Geschirr, war auf den Scheiterhaufen geführt worden
und Schätze über Schätze aus allen Landen. So sehr ward Baldur geliebt.
Die Riesen rieten in der Not der Götter, die Stärkste der Starken, das
Riesenweib Hyrockin, holen zu lassen. Das Weib kam angesprengt auf
einem gewaltigen Wolf, dem sie statt eines Zaumes eine Natter durch
das Maul gezogen hatte, um den Göttern furchtbarer zu erscheinen. Und
um die Götter mit ihrer Kraft zu schrecken, stieß sie, während vier
Berserker ihren Wolf kaum auf dem Boden halten konnten, das Schiff mit
einem so unbändigen Ruck ins Wasser, daß die Holzrollen Feuer spien und
fast das ganze Schiff mit seiner heiligen Ladung vom unheiligen Feuer
verzehrt worden wäre.
Blut trat dem Donnerer in die Augen. Er hob den Hammer, um die
Unverschämte zu zerschmettern. Aber die Götter fielen ihm in den Arm,
und die Riesen baten für ihr Leben, da ihr freies Geleit zugesichert
sei. Da ließ er sie laufen.
Im Wasser schwamm das Schiff mit der teueren Last. Noch einmal nahm
Wodan Abschied von dem schönen Leib des Sohnes und legte ihm als letzte
Gabe den kostbaren Ring Draupnir auf den Holzstoß, den Tröpfler, das
Geschenk der Zwerge, dem jede neunte Nacht acht neue Ringe enttropften.
Dann trat der Donnerer an den Holzstoß und weihte die Götterleichen mit
dem Zeichen des Hammers.
Alsbald entzündeten die Asen die Scheiter mit dem heiligen Feuer aus
Asgard, und das Schiff fuhr wie eine Fackel hinaus auf das dunkle Meer,
immer weiter und weiter, bis es in Flammen verging.
Fröstelnd kehrten die Asen, fröstelnd kehrten die Riesen und Albe heim.
Wie in Todesfrost erschauerten die Menschen.
Immer aber und immer noch kreiste Nannas Schrei um Baldur durch die
Welt und wollte nimmer vergehen. --
Neun Tage und neun Nächte ritt Hermod zur Hel. Er stob dahin, daß
aus den acht Hufen Sleipnirs Funkengarben sprangen wie wirres
Wetterleuchten. Das war das einzige Licht, das ihm den Weg erleuchtete
durch die gräßliche Finsternis der Unterwelt.