Über seinem Haupte vernahm er ein Rauschen und ein wunderbares Singen

und Klingen. Über seinem Haupte flog die Walküre Kara und hielt vor

Helgi den Schild, daß kein Schwert ihn schneiden, kein Speer ihn

ritzen, keine Axt ihn zerspalten konnte. Und aus Karas Munde drang ein

Lied, ein wildes, seliges Zauberlied, daß den Feinden die Arme sanken,

und sie wie in Fesseln lauschen mußten. Über das feindliche Heer hin

brausten die Zauberweisen, und hinter ihnen drein stürmte Helgi, der

glückselige Mann, und schwang das Schwert und mähte die Gebannten

nieder.

Wodan saß auf seinem Hochsitz und lächelte. Jetzt streckte er die Hand.

Da hob Helgi das Schwert, um einem riesenhaften Feind das Haupt vor die

Füße zu werfen, und schwang das Schwert zu hoch. Ein Schwanenschrei

gellte durch die Luft. Das Zauberlied war verstummt.

Vor Helgis Füße sank im zerfetzten Fluggewand die Walküre. Im Jauchzen

des Kampfes hatte der Held der Schildmaid nicht acht gehabt und die

Geliebte ins Herz getroffen.

Tot war sein Liebesglück, zu Ende sein Schlachtenglück.

Noch immer lächelte Wodan sein seltsames Lächeln. Dann erhob er sich,

hieß den Helden nach Walhall entbieten und Kara seine Wegweiserin sein.

Im Goldhelm und blauen Königsmantel empfing er den gewaltigen Recken.

»Auf daß du auch in Walhall ein so fröhlicher Kämpe seist, wie auf der

Walstatt auf Erden, geb ich dir die Hellschimmernde zur Schenkin,«

sprach er und wies ihm seinen Platz unter den besten der Einherier.

Da lachte Helgi, der Haddingenheld, daß es durch alle Hausungen der

Götter schallte, und führte sein Mädchen stolz an die Tafel der Zecher,

die dem Paare donnernden Heilgruß entboten.

Wodan aber hatte eines Helden Seele an sich geschmiedet für alle

Ewigkeit.

Unter den Einheriern.

Männer, Männer! war Wodans einziger Gedanke geworden. Männer im Himmel

und auf Erden. Männer der Tat, die wiederum Heldengeschlechter zeugten,

Helden, die durch Tat und Todesverachtung auf Erden schon heranrückten

an die Götter und im Himmel Wodans Söhne wurden. Was sonst brauchte

die Welt, als Männer, wenn die Schicksalsstunde nahte, Männer, die

Mannesehre über alles stellten, bereit allzeit, ihr Leben in die

Schanze zu schlagen, um noch sterbend den feindlichen Mächten Abbruch

zu tun und den Ruhm zu retten.

Manche seiner Wunschmädchen gebaren den Irdischen Helden; er selber

zeugte auf seinen Wanderungen manches Heldengeschlecht und war anderen

ein väterlicher Freund. Ein Freund jedoch, der sich unerbittlich selbst

bezahlt machte und seine Schützlinge zu der Stunde, die ihm die rechte

schien, auf der Höhe ihrer Kraft oder nach einem schlachtenreichen

Leben, das Tausende nach Walhall gesandt hatte, einholte zu den

Einheriern. So unerbittlich wie das Schicksal, das die Götter bedrohte,

so unerbittlich war Wodan in der Wahl der Mittel, dem unabwendbaren

Schicksal den letzten Ruhm abzugewinnen und, wenn es ihn schon

untergehen hieß, nur als Sieger über die Unheilsmächte unterzugehen. Im

letzten großen Atemzuge noch Schöpfer einer neuen, kommenden Welt.

Darum war vom Tode gezeichnet, wer Wodans Freund auf der Erde hieß.

Aber auch vom Ruhme bekränzt und durch die Sänger aller Zeiten zur

Unsterblichkeit erhoben.

Wer aber ein Mann sich fühlte in germanischen Landen, der zögerte

keinen Herzschlag lang und wählte Wodan für sich und seine

Geschlechter. Lieber als ein königlich Volk mit seinen Göttern

untergehen, denn als namenloser Sklave fronen. Und es waren die

Besten Germaniens, die sich als Einherier in Walhall auf Wodans

Bänken sammelten und nach ihrem irdischen Tode noch ihre Namen

ehrfurchtgebietender und strahlender hielten, als alle die lebenden

Weichlinge und Feiglinge zusammen.

* * * * *

Da saßen auf bevorzugten Platzen Helden und Heerkönige. Da saß

_Sigmund_ unter ihnen, der Rheinfranken König, der ein Sohn Wolsungs

war und von Wodans Blut. Denn Wodan selbst hatte den Wolsungenstamm

gezeugt in dem Wolsungen-Ahn Sigi, um den Tisch der Einherier zu

schmücken durch die Erziehung von Helden, Geschlechterreihen hindurch.

Jung war noch Sigmund, als sein Vater Wolsung die Tochter _Signy_ dem

ungeliebten König Siggeir von Gautland vermählte. In der Festhalle

Wolsungs saßen die Männer beisammen, und die Franken und die Gauten

erzählten von der Abkunft ihrer Geschlechter. Plötzlich verstummte

jedes Getön. Ein hochgewachsener Alter, einäugig, in breitrandigem Hut

und blauem Mantel, war unbemerkt von den Wachen in die Halle getreten

und auf den Eichbaum zugeschritten, der mitten in der Halle wuchs und

seinen Wipfel über das Dach breitete. Ein Schwert trug er unterm Arm,

und er nahm es und stieß die Klinge bis ans Heft in den eisenharten

Stamm.

»Kein besser Schwert als dies! Dem Besten nur gehör es an! Wer es

herauszuziehen vermag, der führe es!«

Der Einäugige sprach es, blickte sich im Kreise um und ging aus der

Halle, wie er gekommen war, unbemerkt.

»Wodan, der Wolsungen Stammvater, kam zum Hochzeitsfest,« raunten die

Rheinfranken. Und es herrschte langes Schweigen und seltsames Grübeln

im Saal. Dann aber traten die Männer an den Baum.

Wolsung packte den Schwertgriff und rüttelte daran. Umsonst. Seine

stärksten Helden nach ihm. Vergeblich. Sein Schwiegersohn, der

Gautenkönig Siggeir zog und riß in wilder Wut. Das Schwert rührte sich

nicht. Sigmund, der junge, trat heran. Mit leichtem Ruck riß er das

Schwert aus dem Stamm und schwang das Aufblitzende durch die Halle.

Ruhm brachte ihm Wodans Schwert und ein schweres Heldenleben. Siggeir

forderte den Stahl von dem jungen Schwager, der das Begehr lachend

abwehrte. Da lud Siggeir den König Wolsung und seine ganze Sippe

nach Gautland und erschlug sie alle trotz flehentlicher Bitten der

Wolsungentochter Signy, seines Gemahls, bis auf Sigmund, dem er das

Schwert Gram -- das ist »Zorn« -- entwendet hatte. Ihn ließ er im

finstern Wald in eine Erdhöhle werfen, wo er ohne Heldenehre schmählich

verkommen sollte. Signy aber liebte den strahlenden Bruder Sigmund so

heiß, daß sie sich nächtens heimlich zu ihm schlich und ihn tränkte

und pflegte und koste. Und sie schenkte ihm einen Knaben, der hieß

_Sinfiötli_, und Sigmund und Sinfiötli lebten im Walde wie die

Werwölfe, unbändig, furchtlos und riesenstark, bis Sigmund die Stunde

für gekommen erachtete, nach Germanengebot Blutrache zu nehmen an dem

Mörder seines Vaters Wolsung.

Der erste Anschlag mißglückte. Siggeirs spielender Knabe entdeckte die

wilden Männer hinter einer Mettonne, und der König ließ die Beiden

einmauern wie wilde Tiere, beider Gelaß durch einen Felsen voneinander

getrennt. Noch einmal kam Signy, Sigmunds Schwester, bei der Nacht.

Sie kam bis an die Grube ihres Sohnes Sinfiötli und ließ hastig einen

Strohbund hinuntergleiten. Als der riesenstarke Knabe ihn öffnete,

fand er darin Sigmunds Schwert Gram. Er packte es beim Knauf, setzte

die Spitze gegen die trennende Felswand und drückte, daß ihm die Adern

an den Schläfen zu platzen drohten. Da schnitt das Schwert durch den

Felsen, und der Sohn drückte, bis der Vater es in seiner Grube an

der Spitze zu fassen kriegte, und nun sägten Vater und Sohn mit des

Schwertes Schärfe den Felsen durch, bis sie zueinander kriechen und

Sigmund auf Sinfiötlis Schultern aus der Grube steigen konnte. Dann zog

Sigmund den Sohn am Schwerte hinaus.

Durch die Nacht schritten sie zur Halle König Siggeirs und legten Feuer

an. An der Tür des flammenumlohten Hauses hielten sie mit dem Schwerte

Wacht, daß nichts Lebendiges heraus konnte. Nur Signy, die Königin,

riefen sie. Aber die Königin wehrte der Rettung.

»Im Leben durfte ich Wolsungs Tochter sein und auf Blutrache für den

Vater bedacht. Im Tode gehör ich an meines Mannes, des Königs, Seite,

ob ich ihn liebe oder nicht.«

So entgegnete die königliche Frau und starb den Flammentod mit König

Siggeir und seiner ganzen Sippe.

Heim segelte Sigmund an der Spitze eines Heeres und gewann mit

Waffengewalt das Land der Wolsungen zurück. Mit der Königstochter

_Borghild von Bralund_ vermählte sich König Sigmund, und sie gebar ihm

einen Sohn, _Helgi_, als Sigmund, wie immer, auf Heldenfahrten war.

Und Wodan sandte seine Raben, dem Knaben der Wolsungen Kriegsglück zu

weissagen. Fünfzehn Lenze zählte Helgi, als er mit seinem Stiefbruder

Sinfiötli auszog gegen König Hunding, der Wolsungen Erbfeind und

Länderräuber, und ihn mit eigener Hand in der Schlacht erlegte. _Helgi

Hundingstöter_ riefen ihn seitdem die Helden, und die Sänger sangen

seinen Namen.

Die Hundingssöhne begehrten Buße von Helgi für den Vatermord.

»Gewärtigt wilde Wetter, graue Gere und Wodans Gram!« ließ der junge

Fürst ihnen vermelden und rückte mit einem Heere gegen die Stürmenden

an. Unbekümmert um den Hagel der Gere und Pfeile rückte er vor. Über

seinem Haupte war ein Rauschen wie von Schwanenflügeln. Neun Walküren

schwebten schirmend über ihm, von der Schildmaid _Sigrun_ geführt. Da

schüttelte Helgi seine Locken und jauchzte Sigrun zu und brach wie ein

Wolf in die Feinde, erschlug ihren Bannerträger und die meisten der

Hundingssöhne.

[Illustration: »Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die

Walstatt.«]

Als Sieger schritt Helgi Hundingstöter über die Walstatt. Sein Arm lag

um Sigrun, die Schildmaid.

»Ich liebe dich,« sagte er, und sie antwortete ihm: »Auch ich liebe nur

dich. Doch bin ich dem König Hödbrod angelobt, der mich jenseit der See

erwartet. Hilf mir von ihm.«

Da sammelte Helgi Hundingstöter sein Heer zum anderen Male und stieß

die Drachenschiffe ins Meer und fuhr aus um sein Liebesglück. Das

sah des Seebeherrschers Ägir wildes Weib Ran, und sie sandte ihre

Wogentöchter aus, die die Schiffe auf den Rücken nahmen und das

Fürstenschiff hoch zu den Wolken werfen sollten, um es als Wrack

hinabzuziehen. Schon hatte die leichengierige Ran ihre Klauen in den

Schiffsrand geschlagen, um die Helden zu schlingen, da war ein Rauschen

über den Masten wie von Schwanenflügeln, und Helgi Hundingstöter

blickte empor und gewahrte die neun Walküren, von Sigrun stürmisch

geführt. Und die Schildmaid schlug der rasenden Ran das Schiff aus

der Hand und brachte den Helden mit seinem ganzen Heere glücklich an

Land. Eine furchtbare Schlacht entbrannte. Mit König Hödbrod und seinen

Brüdern ritt und stritt auch König Högni, der Vater der Schildmaid.

Aber Helgi Hundingstöter, von Sinfiötli geleitet, durchbrach den Keil

des feindlichen Heeres, erschlug König Hödbrod und seine Brüder,

erschlug auch König Högni und schonte nur Högnis Sohn Dag. Sinfiötli

aber würgte die anderen Häuptlinge, daß sie nimmer die Sonne sahen.

Auf der blutigen Walstatt traf Helgi Hundingstöter Sigrun. Ob ihr

auch über den Tod ihres Vaters die Tränen aus den Augen stürzten, sie

kränzte den Sieger und gab sich ihm, auf ihr Walkürenkleid für immer

verzichtend, als Weib. Nie war ein glücklicheres Paar in nordischen

Landen.

Dag aber, Sigruns Bruder, flehte Wodan an um Vaterrache. Und Wodan

gedachte der Wolsungen und gedachte seiner Einherier. Da lieh er Dag

seinen Todesspeer Gungnir, und Dag lauerte Helgi im Walde auf und

rannte ihm den Todesspeer durch den Rücken.

Unstillbar war Sigruns Schmerz um den Heißgeliebten. Sie richtete ein

Lager in der Grabkammer, breit genug für sich und ihren abgeschiedenen

Helden, und saß am Hügel und weinte blutige Tränen. Um Mitternacht

klirrte es von Waffen in der Luft. Aufgeweckt, sah sie Helgi

Hundingstöter mit großem Geleite durch die Lüfte niederreiten und sah

den Geliebten die Grabkammer betreten. Da warf sich Wodans einstige

Schildmaid dem Heimgekehrten ans Herz und küßte ihm Augen, Mund und

Hände. Und Helgi sprach: »Deine Tränen haben mich aus Wodans seligem

Saal zurückgerufen. Sie brennen mir wie Feuertropfen auf der Brust, daß

ich mit den Helden Walhalls nicht fröhlich werden kann. Warum weinst

du so sehr, da dein Geliebter der Ewigkeit Ruhm gewann?« Und Sigrun

schmiegte sich an sein Herz und sprach: »Nun will ich nie mehr klagen

und still bei dir liegen.«

Als fahl der erste Frühschein über den Himmel glitt, schied Helgi

Hundingstöter für immer und jagte frohgemut mit seinen Begleitern gen

Walhall zurück, von Wodan freudig empfangen. Sigrun aber legte sich

zum Sterben und lag in der Kammer angeschmiegt an den irdischen Leib

ihres toten Gemahls. --

Sinfiötli hatte inzwischen nicht gefeiert. Während Vater Sigmund zu

Ehren Wodans auf Wikingsfahrten war, hatte auch er Kämpfe auf Kämpfe

bestanden und, um Hand und Kronland einer Königin zu gewinnen, seiner

Stiefmutter Borghild von Barlunds Bruder im Zweikampf erschlagen. Rache

schwur ihm Sigmunds Weib, Buße an Leib und Leben. Doch Sigmund kehrte

heim und wehrte ihr und erklärte sich bereit, selber Buße zu zahlen,

auf daß Sinfiötli, den er brennend liebte, frei sei. Da mußte sich die

Königin zufrieden geben, aber beim Leichenmahl für den erstochenen

Bruder reichte sie Sinfiötli im Trinkhorn vergifteten Met. Dreimal

weigerte sich Sinfiötli zu trinken, und Sigmund, dem keinerlei Gift

Schaden tat, trank ihm zu. Da trank auch Sinfiötli und stürzte tot zu

Boden.

Aufheulte Sigmund vor Weh. Sein Weib verstieß er, und den Sohn, den

Gefährten aus wilden Wolfstagen, nahm er in die Arme und irrte durch

das Land, bis er zur Nachtzeit an einen breiten Strom kam. Dort fand

er einen Fergen warten, einen einäugigen Alten in blauem Mantel und

breitrandigem Hut. Der nahm die Heldenleiche in sein Schiff, aber dem

klagenden Vater wehrte er den Zutritt und führte das Schiff schnell

über den dunklen Strom.

Lange starrte Sigmund in die Dunkelheit. Er wußte, daß es Wodan war,

der Wolsungen Ahn, der den Helden Sinfiötli der grausamen Hel entführte

und ihn nach Walhall an die Tafel der Einherier brachte. Da wurde sein

Gemüt fröhlich. Und so alt er war, er ritt aufs neue und ritt in des

Königs Eylimi Land, dessen Tochter _Hiördis_ die schönste aller Frauen

war, und warb um ihre Hand. Mit ihm aber warb auch der König Lyngi, ein

Hundingssohn. Die schöne Hiördis wählte nicht lange, sie wählte den

Ruhmgekrönten trotz seines Alters und wurde König Sigmunds Eheweib.

Wutbebend sammelte Lyngi, der Hundingssohn, ein Heer und überfiel

Sigmund in seinen Landen. Der ließ schleunigst Weib und kostbarste

Habe in den Wald schaffen und drang an der Spitze seiner Mannen der

Übermacht entgegen. Silberweiß flog ihm das Haar im Wind. Aber sein

Arm schwang das Wodansschwert Gram, und wo der König Sigmund den

Seinen voranschritt, da bahnte er eine blutige Gasse, und immer weiter

watete der Wolsung, alles niederschmetternd, durch das Blut. Schon war

der Sieg sein, da trat ihm ein alter Kämpe entgegen, einäugig, in

breitrandigem Hut und blauem Mantel. Der fällte den Speer gegen ihn,

und König Sigmunds Schwert zersprang an dem Speer in Stücke. Mit allen

seinen Helden wurde Sigmund im Kampfe erschlagen. Wodan selbst hatte

ihn nach Walhall entboten.

Ein Kind Sigmunds trug Hiördis unter dem Herzen. Als es zur Welt kam,

war es ein goldblonder Knabe von schlankem Wuchs, und sie nannte ihn

_Sigurd_. Noch war Sigurd ein Knabe, als er ein Roß verlangte, das

er sich unter den Hengsten aus der Weide wählen durfte. Ein alter

Mann kam über die Weide, einäugig, in blauem Mantel und breitrandigem

Hut. Der trieb die Rosse in den vorüberrauschenden Strom, aber nur

ein junger Grauhengst schwamm quer hindurch, die anderen schwammen

das Ufer entlang. »Den nimm,« riet der Einäugige. »Er stammt von

Sleipnir, dem Hengste Wodans.« Da nahm ihn Sigurd und nannte ihn nach

seiner grauen Farbe Grani. Auch ein Schwert forderte er, und als sein

kräftiger Arm jede Klinge am Amboß zerschlug, gab ihm die Mutter die

Stücke des Wodanschwertes Gram, das Erbe seines Vaters Sigmund, und ein

kunstreicher Zwerg schmiedete ihm daraus aufs neue eine unbesiegbare

Waffe. Dann rüstete Sigurd Drachenschiffe und fuhr mit einer Schar

auserwählter Männer ins Reich der Hundingssöhne, als echter Wolsung

zuerst Blutrache zu nehmen für den erschlagenen Vater Sigmund.

Stürmisch war die See und gefahrvoll die Fahrt. Aber da war der alte

Einäugige wieder, der sprang in Sigurds Schiff und steuerte es sicher

durch den Wogenbraus und lehrte den feurigen Jüngling auf dem Wege

tiefe Geheimnisse der Kriegskunst. Kaum, daß Sigurd erwarten konnte, an

Land zu gelangen.

König Lyngi, der Hunding, zog dem Wolsung entgegen. Eine mörderische

Schlacht hob an, bis Sigurd, alles niedermähend, zum Banner König

Lyngis drang und im furchtbaren Zweikampf mit seinem Schwerte Gram den

Hunding vom Wirbel bis zum Sitz in zwei Teile spaltete.

Allein zog er weiter auf Abenteuer und erlegte auf ragendem Rheinfelsen

den Drachen Fafnir, den Hüter der Schätze, die einst die drei

wandernden Götter Wodan, Hönir und Loki einem Riesen als Buße für den

irrig erschlagenen Sohn geleistet hatten, und er aß das Drachenherz und

trank das Drachenblut und verstand mit einem Male die Stimme der Vögel,

die von der allerschönsten Maid sangen, von Brynhild, der Wunschmaid

in der wabernden Lohe. Wie lachte da Sigurds Jünglingsherz.

Auf seinem Hengste Grani, das gute Schwert Gram an der Seite, ritt er

durchs Land, bis er den Feuerschein gewahrte, und sprengte furchtlos

durch die Flammen, die über seinem Haupte zusammenschlugen, und

gelangte zu der schönen Schlafenden, die er erschauernd auf den Mund

küßte. »Sigurd bin ich, der Wolsung! Wach auf, Brynhild, und werde mein

Weib!«

Mit staunenden Augen richtete sich Brynhild empor.

»Ein Furchtloser ist gekommen, ein Furchtloser! Allvater sei Dank für

meine Erlösung!«

Und sie legte dem liebeglühenden Jüngling beide Arme um den Hals und

erzählte ihm von ihrer Herkunft und ihrem langen Harren, und sie

tauschten heiße Schwüre und verlobten sich einander.

Noch einmal wollte er vor der Hochzeit in die Welt, Heldenruhm

heimzubringen, und er kam auf seiner Fahrt zu König Gibich, der drei

Söhne besaß und eine Tochter. Die Königin aber wünschte sich den

herrlichen Helden zum Eidam, denn seine Kraft erschien ihr gefährlich

für das Reich und sein reiches Goldgut angenehm für des Hauses Schatz.

Einen Vergessenheitstrunk gab sie Sigurd zu trinken, also, daß er

Brynhild vergaß und die Gibichentochter zum Weibe nahm. Als dann der

alte König Gibich gestorben war, wünschte der junge König die schöne

und reiche Brynhild zu freien, und Sigurd, der nichts mehr wußte von

seinem einst beschworenen Verlöbnis, ließ sich bereden und tauschte mit

dem König die Gestalt und gewann ihm Brynhild. Das tat er zu seinem

Verderben.

Die stolze Wunschtochter Wodans, das Weib des Gibichensohns, kam hinter

den Betrug. Denn ihr Gatte war lässig, und Sigurd erfüllte die Lande

mit seinen Heldentaten. Ein Streit brach aus zwischen der Stolzen und

Sigurds Weib, und Brynhild, die verhöhnte, beschloß Sigurds Tod. Da

ging sie hin und warb einen Getreuen. Und der Getreue fragte nicht

viel und nahm einen Speer und stieß ihn Sigurd, der Brynhild vergessen

hatte, in den Rücken.

Die stolze Schildmaid aber hatte Sigurds nicht vergessen. Als der

Holzstoß lohte, der des Helden Leiche trug, warf sie sich zu Sigurd

in die Flammen, barg sein Haupt an ihrer Brust und starb, ihren

furchtlosen Erwecker in den Armen. --

Hochgefeiert saßen die Wolsungen, die Helden vom Rhein, saßen Wolsung

und König Sigmund, saßen Helgi, der Hundingstöter, Sinfiötli und

Sigurd Drachentöter unter den Einheriern an der Tafel Wodans, den die

Nordmänner Odin nannten.

* * * * *

Da saß der Dänenkönig _Harald Hildetand_, das ist »Eberzahn«. Blutjung

war er mit seinen Drachenschiffen ausgefahren, um sich in Dänemark,

seines Vaters Landen, die Krone aufs Haupt setzen zu lassen, als ein

wütender Seesturm ihn überfiel und seine Krieger verzagten. Harald

Hildetand verlor den Mut nicht einen Pulsschlag lang. Laut rief er

Wodan an und weihte sich ihm und sein ganzes Heer, wenn Walvater einst

sein irdisch Werk für abgeschlossen erachte. Und als er aufblickte --

siehe da stand ein einäugiger Alter in Wetterhut und Wettermantel am

Steuer, und das Schiff flog wie ein Falke über das Meer und in den

dänischen Hafen.

Gekrönt war Harald, der Eberzahn, von den glücklichen Dänen. Hildetand,

Eberzahn, nannten sie ihn, weil ihm zwei schimmernde Schneidezähne

wie Eberzähne wuchsen. Aber die Schweden, die das Land widerrechtlich

in ihrem Besitz gehalten hatten, wollten es nicht leichten Kaufes

aufgeben, sondern zogen ein so übermächtiges Heer zusammen, daß der

Dänenschar graute. Wieder rief der junge König Wodan an und weihte ihm

sein Leben aufs neue. Und aus der Reihe der Krieger trat der Einäugige

im blauen Mantel und trat heimlich belehrend zu Harald Hildetand und

stellte das Kriegsvolk keilförmig auf in Gestalt eines Eberrüssels. Den

Schild warf der junge Held hinweg, packte in jede Hand ein Schwert,

sprang an die Spitze des Keiles und ließ die Hörner blasen. Und der

Keil drang in das Schwedenheer und dehnte sich und sprengte es in

Fetzen auseinander. Und vorn an der Spitze schritt Harald Hildetand

und schnitt mit seinen Schwertern wie mit Sensen nach links und rechts

die Garben und weihte die Haufen der Toten Wodan. Das war für Walvater

willkommene Beute.

Hundert Kriegszüge und Wikingsfahrten unternahm Harald Hildetand Wodan

zu Ehren, und fünfzig Jahre der Regierung schenkte ihm Allvater.

Dann aber wünschte er den Helden zu holen. Er nahm die Gestalt von

Harald Hildetands vertrautestem Manne an, dem Ratgeber Brugi, der mit

einer Geheimbotschaft zu Haralds Neffen Sigurd Ring gefahren und auf

der Reise ertrunken war. Harald Hildetand selbst hatte den tapferen

Neffen zum König über Schweden eingesetzt. Als Brugi kehrte Wodan nach

Dänemark zurück und säete Feindschaft zwischen Harald Hildetand und

Sigurd Ring, die nur das Schwert lösen konnte. Sieben Jahre rüsteten

Schweden und Dänen zum Entscheidungskampf, so groß war der Haß

geworden und der glühende Wille, den anderen für immer zu vernichten.

Und nach sieben Jahren trafen sich die Heere aus dem Brawallafeld in

schwedischen Südlanden.

Blind war König Harald Hildetand geworden von der Zahl der Jahre und

ein Greis. Kein Roß vermochte er mehr zu besteigen. Aber auf einen

Schlachtwagen ließ er sich heben und hob das Schwert. »Vorwärts, ihr

Dänen! Vorwärts mit Wodan!« Da rannten seine Dänen an.

»Ich höre ihr Jauchzen nicht mehr,« murmelte der blinde Greis nach

einer Weile. »Wie kämpft der Feind?«

Und Brugi, der neben ihm hielt, erwiderte lachend: »Er kämpft in der

Keilform des Eberrüssels!«

Harald Hildetand fuhr zusammen. Nur ihm und Wodan war dies Geheimnis

der Schlachtordnung bekannt. Der da zu ihm sprach, war nicht Brugi,

es war Wodan selber. Wodan rief ihn. Und er hob das blinde Haupt und

machte sich ruhig zum Sterben bereit.

Der Friese Ubbi jedoch, Harald Hildetands treuster und tapferster Held,

wollte nichts vom geruhigen Sterben wissen. Wie ein Berserker warf

er sich mit seiner mächtigen Streitaxt in den schwedischen Keil und

zerspaltete die Schädel und Rückenwirbel, als spalte er Eichenklötze.

Dreimal schlug er hin und zurück eine dampfende Bahn aus Blut, Gehirn

und Knochen und jauchzte Harald Hildetand »Heil!«, wenn er zurückkam.

Zu Dutzenden ließen die Schwedenhäuptlinge ihr Leben, schon wandten

sich Heeresteile zur Flucht. Da befahl Sigurd Ring seinen sämtlichen

Bogenschützen, nur auf den Friesen zu zielen, und von den Pfeilen

gefiedert wie ein Aar stürzte Ubbi, der getreueste Mann, zusammen und

hauchte seine Seele aus.

Harald Hildetand vernahm die Botschaft. Hochaufgerichtet gab er seinen

Wagenrossen die Zügel frei, daß sie ihn mitten in die Feinde führten.

Blinden Auges mähte er, wie als Jüngling in jeder Hand ein Schwert,

nach links und nach rechts in die Feindeshaufen. Da sprang Wodan in

Brugis Gestalt auf den Wagen und zerschmetterte mit einem Streitkolben

Harald Hildetands Haupt. Keine fremde Hand sollte die Silberlocken

seines Schützlings berühren. »Dank dir, Wodan,« lächelte sterbend der

König.

Hochgefeiert saß König Harald Hildetand, der Däne, unter den Einheriern

an der Tafel Wodans, den die Nordmänner Odin nannten.

* * * * *

Da saß auch ein anderer Dänenkönig, _Hrolf Kraki_. Der hatte, als er

erst zwölf Jahre zählte, die Größe und Kraft eines erwachsenen Mannes

und wurde darum Kraki, die »Stange«, zubenannt. In heißer Jugendlust

schwur er mit zwölf seiner tapfersten Recken zu Wodan, daß sie jeden

Kampf gemeinsam bestehen und nur zusammen sterben wollten. Das hörte

Walvater gern, denn er gedachte seiner Einherier.

Germaniens Götter · 第 7 / 10 段