Göttern und Menschen zu scheuchen. Selbst für Loki, den Arglistigen,
stand er ein, weil er dennoch ein Ase war. Wohl hatte Loki aufs neue
Tücke geübt und der schlummernden Freya das lichtspendende Halsband
Brisingamen entwendet. Eben noch vermochte Heimdall, der treue Wächter,
dem Flüchtigen nachzusetzen und ihn mit seinem guten Schwerte zu
stellen. Loki aber entschlüpfte dem Schwertstreich als geschmeidige
Robbe und tauchte in See. Doch schon war auch Heimdall in Robbengestalt
in See getaucht, und die Robbe ergriff die andere beim Genick und biß
sie dermaßen zu schanden, daß Loki, als er sich schleunigst wieder
zurückverwandelte, im Gesicht und an den Gliedern zerschunden war, als
hätte er in einem Brennesselfeld genächtigt, und reumütig das Halsband
der Freya herausgab.
Der Donnerer wußte um diese Streiche und um manche andere. Aber im
Stich ließ er auch den Heimtücker und Schadenfrohen nicht, der zu den
Asen zählte. So ehrlich dachte Asathor.
Loki gedachte zur Abwechslung zu dem Glutriesen _Geirröd_ zu fahren,
wie der Donnerer zu dem Eisriesen Hymir gefahren war. Er entnahm Freya
das Falkengewand und flog hinaus, bis er Geirröds Dachstuhl fand und
neugierig durch die Esse schaute. »Fangt mir den seltenen Vogel«,
befahl Geirröd seinen Riesen, und die ungeschlachten Kerle kletterten
so täppisch an den Hauswänden hinauf, daß Loki seine helle Freude hatte
und, um sie zu ärgern, in Ruhe sitzen blieb. Als endlich einer der
riesigen Gesellen die Hand nach ihm strecken konnte, hob er voll Spott
die Flügel, um sich nachlässig zu verabschieden -- aber o Schreck, die
Beine klebten fest. Er war dem Riesen auf den Vogelleim gegangen. Vom
Dachstuhl heruntergeholt, weigerte sich der sonderbare Vogel, Namen und
Herkunft zu nennen, und Geirröd sperrte ihn drei Monate lang in einen
engen Käfig, bis er sich vor Hunger krümmte. Da wurde er mitteilsamer
und gab Auskunft.
»Ei,« schmunzelte der Glutriese, »ich wüßte schon einen Handel, der dir
die Freiheit schenken könnte. Wenn an deiner Statt der Donnerer, dieser
verhaßteste aller Asen, zu mir kommen würde, ohne seinen Hammer, ohne
seinen Stärkegürtel, so brauchtest du nicht zurückzukehren.«
Loki nahm Urlaub von dem Riesen und kehrte nach Asgard heim. Schweigend
hörte der Donnerer den Geängstigten an. Und er rüstete sich zum
Aufbruch.
»Du gehörst zu uns,« sagte er nur. »Trotz deiner sündhaften Fehler. Ich
will dir noch einmal zeigen, was wahre Kameradschaft ist.«
Am Abend kehrte der Ase waffenlos mit Loki bei der Erdriesin
_Grid_ ein. Die hatte vor Zeiten dem Wodan einen Sohn geboren, den
schweigsamen aber bärenstarken Widar, »den Asen mit dem Schuh«, wie ihn
die Götter nannten. Denn er trug einen Schuh aus aller Länder Leder,
der undurchdringlich war.
»Sei auf der Hut, du Starker,« warnte die Asenfreundin den furchtlosen
Gott. »Geirröd ist der Bösartigsten einer und sucht dich zu verderben.
Er wird keinen Zauber und keine Hinterlist scheuen, um dich, den
Schrecken des Riesenreiches, auf immer zu vernichten.«
»Wenn ich Loki frei bekommen soll von seinem Wort,« entgegnete der
Donnerer, »so muß ich ohne meinen Hammer, ohne meinen Stärkegürtel bei
Geirröd erscheinen. Es wird ein schwer Stück Arbeit werden.«
»So lautet der Vertrag,« sprach die Asenfreundin nachdenklich. »Aber
höre! Auch ich besitze einen Stärkegürtel, auch ich besitze feuerfeste
Handschuhe. Davon verlautet nichts im Vertrag. Einen Hammer kann
ich dir nicht schaffen, aber meinen Stab sollst du zu Gürtel und
Handschuhen nehmen. Das wird dir dienen.«
Der kluge Vorschlag leuchtete dem Donnerer ein, und er schloß die weise
Frau lachend in die Arme.
In der Frühe des Tages zog er mit Loki weiter und kam an den Grenzfluß
von Geirröds Reich. Auf Grids Stab gestützt, stieg er unbekümmert in
die tiefen Wasser, und Loki klammerte sich fest an seinen Gürtel. Aber
als sie die Mitte des Stromes erreicht hatten, stürzte plötzlich eine
wilde Wogenflut über sie her und suchte sie zu ersäufen. Der Donnerer
blickte nach oben. Und er gewahrte, wie stromauf eine der Riesentöchter
Geirröds breitbeinig über dem Flusse hockte und die Wasser anschwellen
ließ. »Pfui, du Freche!« schrie der Donnerer, warf und traf sie mit
einem Felsstück gegen die Schenkel, daß sie in die eigenen Wasser
purzelte. Ein Vogelbeerbaum reckte dem Donnergott hilfreich vom Ufer
seine Äste entgegen. Sie ergriff er und zog sich mit Loki ans Land. Von
jener Stunde an ist der Vogelbeerbaum dem Donnergott heilig.
In Geirröds Gehöft angelangt, wurde dem starken Asen zuerst ein Gemach
angewiesen und ein Stuhl zum Ausruhen. Kaum aber hatte er sich gesetzt,
so hob sich der Stuhl schnell in die Höhe, und des Gottes Schädel
wäre an der eisernen Decke des Gemachs zerquetscht worden, hätte der
Donnerer nicht Grids Stab gehabt. Den hob er hoch und stemmte ihn gegen
die Decke und drückte den Stuhl mit Gewalt auf den Boden zurück. Ein
Knacken und Krachen erfolgte wie von zermalmenden Knochen. Todesgeheul.
Und dann tiefe Stille.
Der Ase sprang vom Stuhl und forschte nach. Da hatten die beiden
Riesentöchter Geirröds unter dem Stuhle gehockt und den Gast zu
zerquetschen versucht. Nun aber lagen sie beide tot und mit gebrochenem
Rückgrat.
Ein Bote stand unter der Tür und forderte den Donnergott zu einem
Wettkampf mit Geirröd, dem ungezähmten Glutriesen, in die Halle. In
einer mächtigen Esse lag ein weißglühendes Eisenstück. Das griff
Geirröd mit einer Zange heraus und schleuderte es dem Donnerer gegen
den Kopf. Der Ase aber haschte es mit den feuerfesten Handschuhen
der Freundin Grid, wog es in der Hand und holte aus. Wohl flüchtete
sich Geirröd hinter die dickste Steinsäule der Halle -- dem Donnerer
war, als führte er seinen Hammer, und mit solcher Wucht warf er den
weißglühenden Eisenklotz, daß die zerschmetterte Säule mitsamt dem
Eisenklotz dem Riesen in den Leib fuhr und seinen Leichnam gleich einen
Klafter tief in der Erde begrub.
Ohne weiteres kehrte der Donnerer zu der Erdriesin Grid zurück, und der
befreite Loki trabte hinter ihm drein. Und als Thor der Asenfreundin
Stab, Gürtel und Handschuhe zurückerstattet und ihr eine Nacht lang
zärtlich wie ein Bär die Backen gestreichelt hatte, fuhr er mit Loki
gen Asgard, und Loki vergaß ihm den Dank zu sagen.
Was kümmerte das Asathor! Er holte sich nur seinen Hammer Mjolnir und
fuhr wieder hinaus zu neuen Kämpfen, um Göttern und Menschen Luft zu
schaffen vor dem drohenden Schicksal.
Wodans Wunschmädchen.
Mehr als alle die anderen Götter kämpfte Wodan um das Schicksal
Asgards und seiner Bewohner. Nicht allein mit dem todbringenden Speer
Gungnir, den er über die Heereswogen schleuderte, um seinen Anhängern
auf Erden den Sieg zu verleihen oder sich die Besten und Tapfersten
für Walhall zu erkiesen. Seine Gedanken holten weiter aus, suchten die
Wurzel der Dinge auf und begannen die Fäden der Schicksalsgöttinnen zu
dehnen und zu längen. Der König der Götter nahm sein Amt als Pflicht,
Verantwortung und Fürsorge.
Wodan wußte von keiner Erholung. Er wußte nur, daß an einem
Schicksalstag das Ende hereinbrechen würde und der Götter letzter
Kampf. Und gerade weil er es wußte, wurde ihm königlich zumut. Die
letzte Schlacht sollte ihn und die Götter gewappnet finden. Waren sie
dem Untergang geweiht, so sollte bis zum letzten Atemzug gekämpft,
mit den letzten furchtbaren Schwerthieben noch die Welt von den
Unholden der Dunkelmächte gereinigt werden. Das waren Wodans königliche
Heldengedanken.
Alles Wissen mußte er besitzen von Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft. Keine Mühe war ihm zu groß, es zu erwerben, um danach die
Fäden seiner Gedanken spinnen zu können. Am Fuße der Weltesche saß er
bei den Nornen, den Schicksalsmädchen Urd, Werdandi und Skuld, und
forschte, was sie über Leben und Sterben seiner Menschen beschlossen
hatten. Am Brunnen Mimirs raunte er mit dem Haupte des Urzeitweisen,
um aller Geschehnisse Ursprung zu erkunden und ihre verwundbaren
Stellen. Ja selbst die Toten rief er ins Leben zurück, damit sie ihm
das Zukünftige, das sie früher erschaut hatten als die Lebenden,
aussagten, und oft lagerte er sich auf den Richtplätzen, unter den
Galgen der Gehenkten, und beschwor sie so zauberkräftig, daß die armen
Seelen ihm anhingen und in allen Dingen zu willen waren. Wenn dann die
Herbststürme erbrausten, setzte er sich an ihre Spitze und raste mit
ihnen in wilden Jagdzügen durch die Luft, um sie bei kriegerischer
Laune und Wildheit zu erhalten. Für die Stunde des Kampfes.
Zum Wanderer war Wodan geworden, und er ging zu den Lebenden und
prüfte sie auf ihr Heldentum und merkte sich die Unerschrockenen und
Schwertkundigen. Den herabfallenden Hut tief in die Stirn gedrückt,
den verwitterten blauen Mantel um sich geschlagen, wanderte der
Einäugige durch die Welt und sah mit tausend Augen. Über Meere und
Ströme fuhr er mit dem Wunderboot Skidbladnir, einst dem Freyer
geschenkt von den Zwergen, das ohne Wind und gegen jeden Wind fuhr
und sich zusammenfalten und in der Manteltasche bergen ließ. Zu allen
Stämmen kam er, die den Göttern in Asgard opferten, und er nannte sie,
die kriegerischen Blutes und heldischen Mutes den Ger schwangen, den
Jagd- und Schlachtenspeer, die Ger-Mannen, die Germanen. Oft blieb er
in ihren Gehöften zur Nacht, veredelte ihr Blut und ihren Sinn und
zeugte neue Heldengeschlechter, würdig, einzureiten in Walhall. Für den
letzten Kampf.
»Kampf« hieß die letzte Schicksalslosung der Götter und der Menschen.
Wenn am letzten Tage aller Dinge Surt losbrach, der König der
Feuergeister in Muspelheim, wenn die Riesen aus Jotunheim anstürmten
mit den Trollen aus Utgard, wenn der wütende Fenriswolf seine Bande
zerriß, die giftgeifernde Midgardschlange sich heranwälzte und die
dunkle Hel mit aufgerissenem Schlund Leichen schlang, hieß die Losung:
Kampf dem Verhängnis! Daher liebte Wodan schon heute die Kämpfe auf
Erden und begünstigte sie als Vorbereitung für den letzten schwersten
Kampf.
Die Heerkönige der Germanen wünschte er in Walhall und ihre
Heldenscharen, ungezählte Tapfere, Tausende und Hunderttausende.
Zuvor sollten sie Bankgenossen sein beim Met, einst aber seine
Schwertgenossen. Alle die Ger-Mannen, die auf Erden rühmlichen
Waffentod erlitten hatten.
Hoch und herrlich war Walhall gebaut, seine Wände aus Speeren, seine
Dächer aus Schilden, und statt der weichlichen Polsterung schmückten
die Bänke im Saal schimmernde Brünnen. Wodans Zeichen, Wolf und Adler,
hingen über dem Eingang. Doch hatte der Saal noch fünfhundertundvierzig
Türen, eine jede für den Auszug von achthundert gewappneten Streitern
berechnet. Und am Abend blitzte das Licht spiegelblanker Schwerter
durch die Halle, als wäre sie von Fackeln erleuchtet.
Hierher kamen die Tapfern, die auf Erden ihren Kampfwunden erlegen
waren, hierher und in den Saal Wingolf, die Halle der Göttinnen. Und
sie wurden von den Göttern, die sie mit offenen Armen empfingen, die
»_Einherier_« genannt, die »göttlichen Streiter«.
Allvater selber wählte sie aus, die auf der Walstatt fielen. Walvater
hieß er darum, und Walsöhne, Wunschsöhne, die er nach Walhall berief.
Oft rief er sie selber, wenn er auf seinem Hengste Sleipnir, den
goldblitzenden Flügelhelm auf dem Haupt und den Todesspeer Gungnir
in der Faust, über die ringenden Heere brauste. Kein herrlicheres
Männerlos, als Wodans Ruf nach Walhall teilhaftig zu werden! Oft auch,
wenn andere und dringendere Verrichtungen ihn hinderten, sandte Wodan
seine Saaltöchter aus, seine Schildmädchen und Wunschmädchen, die
_Walküren_, Sieg und Tod zu verleihen und die Auserwählten nach Walhall
zu rufen.
Auf stürmenden Wolkenrossen jagen sie dahin, den jungfräulichen Leib
von schimmernder Brünne umpanzert, den leuchtenden Helm in das goldrot
flatternde Haar gedrückt, den Schild am Armgelenk, den flammenden Speer
wurfgerecht in der Faust. Überirdisch schön und die Sehnsucht der
Helden, die nach ihnen verlangen, das Wunschziel der irdischen Frauen,
die in Helm und Harnisch den Männern folgen in die Schlacht oder auf
wilde Wikingsfahrt.
In der heiligen Dreizahl stürmen die Walküren dahin, zu dritt oder
zu zweimal Drei, dreimal Drei oder zu Zwölf. Sie entscheiden die
Schlachten, ihr Speer bringt den Tod, aber neue Wonnen bringt er mit
dem Tod -- den Ruf nach Walhall. Wunschlos und nach des Schicksals
Vorschrift müssen die Walküren entscheiden. Jungfräulich müssen sie
sein und dürfen niemanden angehören als den Helden in Walhall, den
Einheriern. Wer sich von den Schildmädchen gegen Wodans Gebot vergeht,
wird in Schlaf versenkt oder verbannt. --
Mehr als bisher sah man in diesen Zeiten, da Wodan als Wanderer die
Welt durchzog und bei Königen und Kriegern nach Helden forschte, die
Walküren reiten. Denn mehr als bisher herrschte auf Erden der Krieg,
verlangten die Männer, die die höchsten Mannesehren ersehnten, nach
Walhall, horchten sie auf den Schrei der Walküren, auf den sausenden
Speer, der sie entbot. Dann machten sich die Geister der Gefallenen auf
den Weg, durchwateten einen reißenden Strom und pochten an die heilige
Totenpforte _Walgrind_, die Eingangspforte zu Walhall. Von Walküren
geleitet, traten sie in den Saal, vom jubelnden Zuruf der versammelten
Einherier umbraust, von den Göttern gerühmt und bewillkommnet.
Selig saßen sie nieder auf den Bänken und nahmen aus den Händen der
Schildmädchen den schäumenden Humpen Met, der aus dem Euter der Ziege
_Heidrun_ auf Walhalls gewölbtem Dache floß, ohne je zu versiegen, oder
den saftigen Braten vom Eber _Sanhrimnir_, der sich täglich erneuerte.
War Wodan in Asgard, so thronte er unter ihnen, doch aß er nicht und
gab das Fleisch seinen Jagdwölfen. Nur dem Wein sprach er zu, der
göttlichsten aller Gaben.
Frühmorgens ritten die Einherier hinaus auf die Wiesen zum Kampfspiel.
Da pfiffen die Klingen, da sausten die Speere, da wurde mancher Schild
zerbeult und aus manchem Helm Funken geschlagen. Purpurne Wunden gab es
und Heldentod, aber wenn der Abend nahte und das Göttermahl, sprangen
Tote und Verwundete heil und gesund wieder auf die Füße, schüttelten
sich strahlend die Hände und saßen Schulter an Schulter auf der
Zecherbank. Die Wunschmädchen reichten ihnen den Trunk, lehnten sich
an sie und horchten ihren brausenden Gesängen. Dann sang auch Bragi,
der Dichtergott, und er sang den Ruhm der Einherier, daß aller Augen
leuchteten und der Wunschmädchen Hände ihre Häupter liebkosten.
Eine Seligkeit war es, in Walhall zu hausen, und die Sehnsucht aller
Männer. Wodan aber sorgte wohl, daß sein Heerbann wuchs. Wodan, der
Walvater und Allvater. Er sorgte für den letzten Kampf.
Immer kriegerischer wurde der Sinn der Völker. Auf weiten Wikingfahrten
fuhren sie über die See, sie kämpften an Land, wo ein Schlachtfeld
sich bot. Schutzgeister schuf Wodan seinen Lieblingen, die ihnen
vor sehenden Augen erschienen, ihnen rieten und sie schirmten. Das
waren die _Fylgien_, die Seelenfrauen. Aber auch Wolfsgestalt und
Bärengestalt verlieh er oft den Kämpfern, daß sie wie wild und besessen
in die Feinde stürmten und alles niederrissen. _Werwölfe_ nannte man
die Wolfshäutigen und _Berserker_ die Bärenhäutigen, die aus- und
einfuhren in Tier- und Menschengestalt und dem Schlachtengott Scharen
von Einheriern zuführten. Wie Wodan sie liebte! -- -- --
Wieder und wieder mußten die Walküren reiten, wenn Wodan von den
Nornen oder von Mimirs Brunnen kam. Oft auch eilten sie frei und ohne
Geheiß hinaus, lagerten die Nacht vor der Schlacht in einer Hütte
auf der Walstatt und woben aus Schwertern und Speeren heimlich das
Schicksalsgewebe für Heerkönige und Krieger. Dann rauschte ihr dunkles
Lied wie suchender Sturm durch die Nacht:
»Mit Schwertern schlagen wir dies Siegesgewebe. Wir kamen zu weben mit
gezogenen Schwertern. Schaft wird zerkrachen, Schild wird zerbersten,
die Axt in die Rüstung dringen. Winden wir, winden wir das Gewebe des
Speeres! Folgen wir dem König, dem siegreichen Helden! Blutige Schilde
wird man sehen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres. Voran
wollen wir gehen und in die Schlachtreihe schreiten, wo unsere Freunde
die Waffen kreuzen. Winden wir, winden wir das Gewebe des Speeres, wo
die Fahnen kämpfender Männer wehen! Nicht lassen wir zu, daß ihr Leben
vergehe. Die Walküren haben des Kampfes Kür. Die Freunde sollen siegen
und die Feinde unterliegen. Das Gewebe ist gewoben, das Feld gerötet.
Schrecklich zu sehen, ziehen blutige Wolken am Himmel. So singen dem
König wir Siegeslieder und reiten auf schnaubenden Hengsten, die
Schwerter gezogen, fort von hier.«
Wie Blitz und Wetterleuchten über der tobenden Männerschlacht, so
jagten sie auf ihren Wolkenrossen, Flammen auf den Spitzen ihrer
Speere, über die Reihen der Kämpfer hin, hemmten den Anlauf der Feinde,
verwirrten seine Linien, fesselten die Gefangenen, befreiten die
Freunde und warfen den, dem sie das Schicksal gewoben, durchbohrt vom
Roß.
* * * * *
Krieg war entbrannt zwischen den Königen _Hialmgunnar_ und _Agnar_. Der
alte König Hialmgunnar, ein fester Degen, bat Wodan um Gunst und Sieg
und versprach ihm ein blutig Schlachtfeld. Da lachte Wodan das Herz im
Leibe, und er sagte ihm Sieg und Leben zu. Seine Wunschmädchen rief er
herbei und hieß sie reiten für König Hialmgunnar, den Alten, und befahl
_Brynhild_, der Walküren Führerin, den Agnar zu fällen und sein Heer in
die Flucht zu jagen.
[Illustration: »Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte an ihm
vorbei.«]
Jubelnd stürmten die kampffrohen Walküren von dannen und suchten die
Walstatt auf. Hart rang der jugendblonde Agnar gegen den wütigen
Greis. Schlachtrufe schreiend, warfen sich die Walküren auf des
jungen Königs Heer und jagten es in Verwirrung. Nun hatte Brynhild
ihr Opfer erreicht. Einsam kämpfte der Jüngling mit dem Mute der
Verzweiflung, von den Menschen verlassen, von den Göttern aufgegeben
und von nicht einer der Schildjungfrauen beschirmt. Schon hob
Brynhild den todbringenden Speer. Da gewahrte der junge König sie
mit hellseherischem Blick, mit dem man den nahenden Tod erschaut,
und des Jünglings Augen brannten mit der heißen Liebe am Leben in
den staunenden Augen der Jungfrau Wodans. Ein Ruck ging durch den
Mädchenkörper der Reiterin. Sie richtete die Lanze hoch auf und jagte
an ihm vorbei.
»Was tust du?« wirbelte es ihr durch das Hirn. »Du handelst wider
Wodans Gebot!«
Sie riß den Hengst herum und fällte den Speer zum zweiten Male. Aber
Agnar blickte sie an in heller Bewunderung und dachte nicht mehr an
sein bedrohtes Leben. Da jagte sie zum zweiten Male an ihm vorüber und
vergaß Wodans Gebot über den begeisterten Jünglingsaugen.
Zum dritten und letzten Male hetzte sie den Hengst zum Ansprung.
»Er ist so jung, so schön,« murmelten ihre Lippen, »und Hialmgunnar ist
alt und greis und hat das Leben gelebt. O Agnar, wie ich dein junges
Leben liebe.« --
Und plötzlich tat sie einen Schrei, der wild über die Walstatt gellte,
stürmte zwischen die kämpfenden Könige und stieß dem alten König
Hialmgunnar den Todesspeer mitten durch die Halsbrünne.
Die Königsleiche lag auf dem Feld. Als Sieger jagte Agnar die Feinde
von dannen. --
Staunend fuhr Wodan von seinem Hochsitz. Mit einem Blicke sah er, was
geschehen war. Er rief nach seinem Rosse Sleipnir und jagte wie der
Sturm zur Erde nieder. Dort fand er Brynhild traurig an den Speer
gelehnt.
»Leg dein Walkürenkleid ab, unbotmäßig Mädchen,« rief er ihr zornig zu
und sprang vom Rosse. »Was will dein töricht Mädchenherz dreinreden,
wenn es sich um Allvaters unerforschliche Wege handelt? Walküre bist
du gewesen für Zeit und Ewigkeit. Den Rausch des Schlachtenglücks,
die seligen Wonnen Walhalls nehme ich von dir und gebe dir dafür, was
du gewollt: das bißchen Menschenglück und das bißchen Liebeswonne.
Vermählen soll sich dein jungfräulicher Leib einem irdischen Mann! Ich
stoße dich aus!«
»Allvater!« bat Brynhild mit zuckenden Lippen.
»Du warst mein Lieblingsmädchen unter allen meinen Wunschtöchtern,«
sprach Wodan leise. »Dennoch -- ich kann dich nicht schirmen gegen mein
eigenes Wort. Beuge dich zu mir. Ich will in barmherzigen Schlaf dich
senken.«
»Allvater,« flehte Brynhild, »laß kein anderer mich als Gemahl berühren
denn ein furchtloser Held.«
Stumm nickte ihr Wodan Gewähr. Und sie beugte sich zu ihm, und er stach
sie mit seinem Schlafdorn in die Schläfe, daß sie schlummernd zu seinen
Füßen hinsank. Wodan aber gedachte seines Versprechens vom furchtlosen
Helden und zog eine wabernde Lohe rings um den Platz, auf dem Brynhild
schlummernd lag. Nur ein Held, der das Fürchten nicht kannte und das
Sterben verlachte, würde die Flamme durchreiten. Und sinnend und
forschend ritt Wodan heim nach Walhall. --
Wieder flogen Walküren aus, und sie kamen an eine Bucht und legten ihre
Schwanengewänder ab, um zu baden. Im Laube versteckt aber saß _Wölund_,
der kunstreiche Schmied, den sie auch _Wieland_ nannten, mit seinen
Brüdern, und sie nahmen den Jungfrauen heimlich die Gewänder weg und
zwangen sie so in ihren Dienst. Neun Jahre lehrten die Himmelsmädchen
die Brüder alle Geheimnisse, bis sie die verborgenen Gewänder
wiederfanden und sich im Schwanenkleid auf und gen Asgard schwangen.
Wieland aber wurde tiefsinnig aus Liebe nach dem entschwundenen
Himmelsglück, und die Gemeinschaft der Menschen war ihm unerträglich.
Als sein Feind, der König Nidung, ihn durch List gefangengenommen
und ihm die Sehnen an den Füßen durchschnitten hatte, damit er nicht
entfliehen könne und ihm Schwerter und Kostbarkeiten schmieden
müsse, soviel er begehre, fertigte Wieland nach dem Schwanengewand
seiner entschwundenen Liebe, dessen Geheimnisse er wieder und wieder
durchforscht hatte, in jahrelanger Arbeit ein Flügelkleid für sich
selbst, spannte es um seinen zermarterten Körper und flog mit glühendem
Geist gen Himmel. So gewaltig wirkte der Walküre Zauber auf den nach
dem Höchsten strebenden Mann. --
Wieder aber flogen Walküren aus und trafen auf einen jungen Königssohn,
den die Stiefmutter Knechtesdienste verrichten und bei Nacht die Herden
hüten ließ, damit er blöde würde und dem Thron ungefährlich. _Svanhvit_
war die Führerin, und als sie mit ihren Gefährtinnen auf das Feld kam,
sahen sie in der Ferne Unholde und Gespenster gegen den einsamen Knaben
reiten. Der aber weidete ruhig seine Herden. »Verberge dich,« rief sie
ihm zu, »die Nachtmare kommen über dich!«
Der Königsknabe hob lächelnd die Augen zu der eifrigen Warnerin.
»Soll ich mich etwa fürchten, wunderbare Jungfrau?«
»Ich bin's, die für dich fürchtet, du Lieber,« rief die Walküre,
gerührt von so viel Knabenreinheit, »und ich leihe dir mein eigenes
Schwert, damit du um dich schlagen kannst. Ich aber will dir zusehen
und mich an dir freuen.«
Strahlend nahm der Schäfer das Schwert und wog es in den Händen. Die
Blödigkeit des Hirten schwand aus seinen Mienen, das Königsblut schoß
ihm ins Gesicht. Mitten auf dem Weg, den die Unholde kamen, stand er
und schwang lachend das Schwert und schlug um sich die ganze Nacht,
bis beim Morgengrauen das letzte Nachtgespenst zur Strecke gebracht
war. Und er zog weiter und warf sich zum rechtmäßigen König auf, und
Svanhvit stand ihm zur Seite und weckte alle seine Heldenkräfte, bis er
den Thron gewann. Da legte die in Liebe entbrannte Walküre freiwillig
das Flügelkleid ab und blieb bei ihm als seine Königin.
Wodan saß auf seinem Hochsitz, und seine Raben hatten ihm alles
zugetragen. Er nickte nur vor sich hin. --
Und wieder flogen Walküren aus, stürmten auf schnaubenden Hengsten
zur Erde hinab, in den Männerkampf, brausten im Schwanengefieder zu
Häupten ihrer Helden. Schwerter sangen und Gere klangen allüberall.
Denn _Helgi_, der Haddingenheld, focht in vielen Schlachten wider König
_Hromund_.
_Kara_, die hellschimmernde Wunschmaid, führte die Schwestern. Aber als
sie den Haddingenheld zum ersten Male fechten gesehen hatte in seiner
Kühnheit und Wildheit, verlor sie ihr Herz an den stürmischen Mann und
schenkte sich ihm als Geliebte.
Anderen Tages tobte die Entscheidungsschlacht.
Glückseligen Gesichtes schwang Helgi, der Haddingenheld, sein Schwert,
und wo es in die Brünnen biß, da biß der Tod. Heißen Herzens schlug
Helgi in den Feind, denn er dachte an Kara, die ihn umhalsen würde nach
des Tages Blutarbeit. Wie sie ihn in der Nacht umhalst hatte.