Die Götter jedoch waren unschuldig an dem Verschwinden und blickten

dem Erzürnten offen in die Augen, ohne sich Rats zu wissen. Nur

Loki grinste ein wenig in sich hinein. Als ihn aber der Donnerer mit

zornfunkelnden Augen anfuhr, und die Götter klagend den Untergang

Asgards weissagten, wenn der schützende Hammer nicht zur Stelle

geschafft würde, wurde Loki geschmeidig, trat in den Kreis und gab sich

ein großes Ansehen.

»Obwohl ihr es euch nicht zugestehen wollt, daß ich der Klügste bin,

um nicht das winzigste Steinlein aus eurer Krone zu verlieren, will

ich euch noch einmal den Beweis liefern und euch damit zur Anerkennung

zwingen. Jammert weiter. Ich fahre in die Welt und suche den Hammer bei

Riesen und bei Zwergen, im Schoße der Erde und auf dem Meeresgrund. Und

ich werde ihn finden.«

Dann bat er Thor, ihm zu Freya das Geleit zu geben, denn er wünschte

sich Freyas Falkenkleid zur Reise zu leihen, war aber bei Freya um

seiner tückischen Liebeswerbungen willen nicht wohl gelitten. Freya

willfahrte auf der Stelle und gab das Kleid. »Und wenn es von Gold und

Silber wäre, ich gäb es her für den Hammer, der mich vor dem Begehr der

scheußlichen Riesen schützt.«

Loki legte es an und fuhr brausend von dannen. Er fuhr nicht in den

Schoß der Erde und nicht auf den Meeresgrund. Stracks fuhr er ins

Riesenland nach Jotunheim und fand den Riesenfürsten _Thrym_ vergnügt

seine Rosse striegeln und schmücken.

»Nun?« rief er dem heranbrausenden Loki entgegen. »Was jagt dich so

sturmschnell nach Jotunheim? Geht es den Asen nicht gut, und suchst du

ein Mittel gegen ihren Kopfschmerz?«

»Höre mich, Thrym,« sagte Loki schmeichelnd, »ich muß den Hammer wieder

holen. Käme ich ohne ihn heim, so möchte es mir auf ewige Zeiten übel

ergehen.«

»Ach nein,« sprach Thrym vergnügt, »den Hammer willst du zurück? Ich

bin froh, daß ich ihn habe.«

»Du kannst ihn ja doch nicht verwenden,« redete Loki ihm zu. »Nur in

des Donnerers Hand zeigt er seine Kraft.«

»Wohl, wohl,« nickte Thrym. »Und wenn er sich nicht in des Donnerers

Hand befindet, ist er nicht gefährlicher als ein kurzgestieltes Stück

alten Eisens. Damit ist viel gewonnen, wenn es zum Kampfe kommt.«

»Zum Kampfe um Freya, Thrym?«

»Um Freya, die liebliche, die süße. Aber es braucht nicht einmal zum

Kampfe zu kommen. Die Asen können ihre heilen Köpfe und ich mein

fröhliches Blut bewahren, wenn sie mir im Tausch Freya ausliefern

gegen Thors Hammer. Im Arme der Lieblichen verzichte ich auf den Ruhm,

euch zu prügeln.«

»Ich werde es gerne bestellen,« lächelte Loki schadenfroh und brauste

gen Asgard zurück. Großtuerisch trat er in den Kreis der Götter. »Wo

ist der Hammer?« donnerte Thor.

»Auf daß ihr seht, daß ich der Klügste bin -- der Hammer ist gefunden.

Bei Thrym liegt er, dem Riesenfürsten, zehn Klafter tief in der Erde

versteckt, und das Versteck weiß nur Thrym.«

»Was frohlockst du denn, Prahlhans, der Hammer sei gefunden?« schnob

der Donnerer.

»Weil ich,« versetzte Loki mit Wichtigkeit, »den Riesen bewog,

freiwillig den Hammer herauszugeben. Er will es tun, so ihr ihm im

Austausch Freya zum Weibe gebt.«

»Niemals,« rief Freya, die liebliche, entsetzt, »niemals lasse ich

meinen schlanken Leib an die Dickwänste verschachern!« Und die Götter

standen in tiefer Verlegenheit und wachsender Sorge.

Nur der Donnerer hatte sein Gleichgewicht wiedergefunden.

»Meine Lehre besagt,« sprach er grimmig, »wenn du zu Spitzbuben gehst,

schlag' zu, bevor sie dich prellen. Das gedenke ich auch diesmal zu

tun, und ich werde selber gehen.«

Da berieten die Götter heftig über die Ausführung der Reise, und

Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Sie werden dir wieder ein

Blendwerk vorgaukeln, wenn du offen als Asathor zu ihnen kommst. Drum

rate ich dir, lege Freyas Brautkleid an und umhülle dein Gesicht mit

Freyas bräutlichem Schleier, daß dich niemand erkennt und dich der

liebesblinde Thrym mit offenen Armen in seinen Saal aufnimmt. Das

andere bleibe dann leicht dir überlassen.«

Wohl wehrte sich der stolze Donnergott gewaltig gegen die weibische

Verkleidung, aber zuletzt mußte er sich dem Bitten und Drängen der Asen

fügen, da auch er keinen besseren Rat wußte, und er ließ sich in die

Weiberröcke zwängen, hing den klirrenden Schlüsselbund an, schmückte

Hals und Nacken mit dem leuchtenden Schmuck Brisingamen und wickelte

den Schleier dicht um Haupt und Feuerbart. Dann winkte er Loki.

»Du begleitest mich als meine Magd. Du sollst auch deine Freude haben.«

Und Loki mußte, obwohl er lieber beiseite geblieben wäre, in die

Magdkleider hinein und mit auf die Fahrt. Funkenstiebend flog des

Donnerers Bockgespann mit den Beiden durch die Lüfte.

»Sie kommt, sie kommt,« jubelte Thrym. »Freya, die liebliche, kommt,

mein Lager zu wärmen! Auf, schmückt mir den Hochzeitssaal, rüstet das

Mahl, schleppt Met herbei! Diese Nacht noch ruh ich am Herzen der

lieblichsten Göttin!«

Sie saßen beim Hochzeitsmahle, und neben dem Freudetrunkenen saß

Asathor im Brautgewand, das Antlitz dicht vom Schleier umhüllt. Wortlos

saß er im Saal, den wohl hundert Riesen und Riesinnen füllten, um sich

durch seine rauhe Sprache nicht zu verraten, aber er klimperte zuweilen

mit dem Schlüsselbund und zupfte die Steine seines Geschmeides hervor,

daß sie berauschend schimmerten und blitzten. Als aber das leckere Mahl

mitsamt dem Met aufgetragen wurde, vergaß er die Vorsicht, aß einen

ganzen Ochsen und acht Lachse auf einem Sitz und vertilgte dazu drei

mächtige Fässer Met.

Der Riesenfürst riß vor Staunen Mund und Nüstern auf. »Wie gefräßig das

Täubchen ist!«

Da sprang Loki dem Donnerer bei, Loki in der Magdkleidung, und er

flüsterte dem Riesen zu:

»Acht Tage hat Freya aus Sehnsucht nach dem heutigen Tage keinen

Bissen über die Lippen gebracht.«

Das tat dem eitlen Thrym in der Seele wohl, und er umfing zärtlich

das Bräutchen und wollte es küssen. Thor gab nur den oberen Teil des

Schleiers frei, und mit einem Schreckensschrei taumelte Thrym zurück,

als ihn ein paar wildfunkelnde Augen trafen.

Wieder begütigte Loki, Loki in der Magdkleidung, und er flüsterte dem

Riesen zu:

»Habt Ihr Freyas Augen gesehen? Acht Tage ist kein Schlaf

hineingekommen aus Sehnsucht nach Euch! Nimmer noch brannten

Frauenaugen in solcher Liebesglut.«

»Holt den Hammer,« brüllte der Riese in trunkener Lust, »holt den

Hammer Mjolnir! Im Zeichen des Hammers soll unser Ehebund gesegnet

werden, wie es bei den Göttern Brauch! Freu dich, mein Mädchen!«

Der Hammer wurde gebracht und in den Schoß der Braut gelegt. Da

klingelte Asathor nicht mehr mit dem Schlüsselring. Seine Hand

umspannte den geliebten Hammerstiel.

Und plötzlich warf er den Schleier zurück und zeigte sein flammendes

Angesicht mit dem roten, aufwärts gesträubten Feuerbart. Ein einziger

Schrei durchgellte den Saal. Und der Hammer sauste zuerst in Thryms,

des Riesenfürsten, Schädel und zermalmte ihn zu Brei. Und der Hammer

sauste durch den ganzen Saal, bald hierin, bald dorthin, und wer da

flüchten wollte, den holte er ein. Mitten im Saale stand der Donnerer

und schlug mit seinem Hammer Mjolnir die ganze Hochzeitsgesellschaft,

mehr als Hundert Riesen und Riesinnen, zu Tode. Wie feierte er mit

seinem Hammer das Wiedersehen! --

So groß wie die Freude in Asgard, so groß war die Wut im Jotenreich.

Da sie dieses Mal Freya nicht haben konnten, beschlossen die Riesen,

die Götter durch das Alter kraftlos zu machen und sich zu diesem Zwecke

_Iduns_ zu bemächtigen, des Dichtergottes Bragi Ehegemahl, die die

Äpfel der ewigen Jugend hütete. Doch die Jugendgöttin ging nicht über

Asgards Wiesen hinaus, und es mußte schon ein Ase gefangen werden zum

Austausch.

Es begab sich aber, daß Wodan mit anderen Göttern eine Fahrt durch die

Welt machte, und auch Loki gehörte der Reisegesellschaft an. An einem

Abend trieb sie der Hunger, sich auf einer entlegenen Weide einen

Ochsen zu greifen, und sie brieten ihn unter einer ragenden Eiche.

Aber so lange sie ihn auch brieten, das Fleisch wurde nicht gar. Da

gewahrten sie im Wipfel des Baumes einen Adler, der vor Freude mit

den Flügeln schlug und ihnen zurief: »Ich leid's nicht, daß euch der

Braten gerät! Oder ihr gebt mir so viel von dem Ochsen, als ich mag.«

Verwundert über das seltsame Abenteuer, sagten die Götter zu; der Adler

rauschte vom Wipfel nieder, und das Fleisch wurde gar. Der Adler jedoch

begehrte hämisch das Beste für sich und schlug seine Krallen in die

festen Lenden und den saftigen Bug. Da stieß ihm der gefräßige Loki

eine Eisenstange in den Bauch.

Die Stange aber blieb haften, so sehr Loki auch zog und rüttelte.

Und der Adler erhob sich und schleifte Loki hinter sich drein, durch

Stoppelfelder und Morast, durch stachliche Sträucher und scharfe

Felstrümmer, also daß der Tückegott jämmerlich geschunden wurde und arg

um Gnade flehte. Die Götter, die zurückgeblieben waren, hielten sich

den Leib vor Lachen über des Listigen Mißgeschick und vernahmen nicht,

was die Beiden verhandelten.

»Hör mich an,« rief der Adler. »Ich bin _Thjazzi_, der Riesenfürst. Du

sollst die Freiheit haben, wenn du mir versprichst, mir heimlich Idun

mit den Äpfeln zu bringen. Schwöre deine heiligsten Schwüre.« Und Loki

schwur, was von ihm verlangt wurde.

Die Götter lachten noch immer, als er wieder zu ihnen stieß.

»Lieblich schaust du aus, vorwitziger Loki. Man könnte dich als

Spatzenschreck in die Felder stellen.«

»Wartet ab, ob ihr nicht auch bald den Vogelscheuchen gleicht,« knurrte

Loki tückisch und gedachte der Idun und ihrer Jugendäpfel.

Nach Asgard heimgekehrt, machte er sich an die Jugendspendende listig

heran und erzählte ihr Wunderdinge von Äpfeln, die er ganz nahe Asgard

in einem Wäldchen vorgefunden habe, tausendmal schöner, als Iduns

Zauberäpfel, und stachelte ihre Neugier, mit ihm hinzulaufen und die

Äpfel zu vergleichen. Als aber die Göttin mit ihren Äpfeln in den Wald

gerannt kam, packte sie der Riese Thjazzi und brauste, als Adler, mit

seiner kostbaren Beute davon.

Ein Kurzes, und die Götter wunderten sich, daß die holden Göttinnen

abmagerten wie die Heuschrecken und Hängefalten bekamen und eselgraues

Haar. Und sie wollten von ihren Liebkosungen nichts mehr wissen. Die

Göttinnen aber zeigten mit Fingern auf die Kahlköpfe und Schmerbäuche

der Götter und zählten ihnen die Zahnlücken auf. Da gewahrten sie mit

Schrecken, daß sie alterten, und sie riefen nach Idun, um an ihren

Äpfeln die Jugend zurückzugewinnen. Aber Idun war in ganz Asgard nicht

zu finden.

Heimdall, der treue Wächter, sprach: »Ich sah sie mit Loki in den

Grenzwald gehen.«

Da bedrohten sie Loki mit allen Martern, und der Donnerer schwang den

Hammer über ihn, bis Loki gestand. »Ich habe dem Riesen meinen Eid

gehalten. Jetzt schwöre ich euch einen neuen Eid, sie wiederzuholen.«

Und er entlieh Freyas Falkengewand und sauste, als wäre Thors Hammer

hinter ihm, durch die Lüfte gen Jotunheim, wo er die weinende Idun

einsam in Thjazzis Halle fand, denn der Riese war auf das Meer hinaus,

für die Untröstliche ein leckeres Fischgericht zu holen.

Blitzschnell verzauberte Loki die lachende Idun in eine Haselnuß, barg

sie in seinen Falkenfängen und sauste mit ihr durch die Lüfte gen

Asgard davon.

Aber der Riese hörte auf dem Meere das Flügelsausen, nahm die Gestalt

eines Seeadlers an und brauste hinterdrein. Schon war Loki mit Idun

in Asgard angelangt, als der blindwütende Seeadler die Grenzscheide

überstürmte. Einen Scheiterhaufen entzündeten die Götter, und Thjazzi

flog geblendet hinein und verbrannte elendiglich.

Die Götter aber und Göttinnen schmausten wie Ausgehungerte von Iduns

Äpfeln; ihre Haut wurde wieder straff, ihre Körper schlank und stark,

ihre Augen glänzend und ihre Lippen rot. Und es war an dem Abend eitel

Liebesgirren in allen Kammern Asgards. --

Nur des Donnerers Hammer ruhte nicht. Wo die Menschen auf Erden von

Riesengewalten bedroht wurden, riefen sie nach dem Gott mit seiner

malmenden Waffe, wie die Asen selbst es taten, und Thor erschien wie

der Gewitterblitz und reinigte Land und Luft von den Unholden. Nie war

er daheim zu treffen, immer stand er irgendwo im Kampf, und so machte

sich Allvater Wodan einst allein auf den Weg, um einen Blick auf die

Kräfte des Riesenreiches zu gewinnen.

Auf seinem achtfüßigen Hengst Sleipnir jagte er hinaus nach Jotunheim,

und als er mancherlei gesehen hatte, kam er an dem Reiche _Hrungnirs_,

des mächtigsten und stärksten der Steinriesen, vorübergeritten, der ihn

anrief.

»Was reitest du für ein Roß, du Mann im Goldhelm? Es scheint mir kein

schlechtes.«

»Glaub's dir,« rief Wodan zurück. »Kein Roß im Riesenreich kommt ihm

im Wettlauf ans Schwanzhaar.«

»Hoho,« prahlte der Riese, »mein Hengst Gullfaxi wird es dem deinen

zeigen. Gib acht, ich fange dich ein wie eine Fliege.«

Und er warf sich auf den Hengst und jagte hinter Wodan drein, der ihm

lachend entkam.

In Asgard sprang Wodan vom Rossesrücken, Hrungnir aber war so tollen

Rittes, daß er die Grenzmark übersah und wie Wodan in Asgard landete,

von den Göttern umringt.

»Fürchte dich nicht,« riefen sie ihm zu, »du sollst unser Gast sein und

dich gesättigt heimwärts trollen.«

»Seh ich wie das Fürchten aus?« höhnte Hrungnir und schritt

unverschämten Ganges zur Halle. »Bringt mir die größte Kanne Met, daß

ich in etwa meinen Groll ersäufe.«

Da wurden ihm die Trinkhörner zugereicht, die nur Asathor allein zu

leeren verstand, und der Riese stürzte den Met so hastig durch den

Hals, daß er trunken wurde und in der Trunkenheit alle Götter des

Himmels bedrohte. »Dieses Walhall nehm ich in die hohle Hand und trag

es nach Jotunheim. Das ganze Asgard schmeiß ich ins Meer. Das ganze

Göttergesindel prügle ich zu Tode. Nein -- doch nicht das ganze.

Diese da, die mir den Met einschenkt, die liebliche Freya, und diese

da, die die Farbe des reifen Kornfelds im Goldhaar trägt, die üppige

Sif, sie nehme ich beide zu Frauen. Beide miteinander. Wer wagt und

widerspricht?«

Die Götter wichen zurück vor dem Wilden. Nur Freya schenkte ihm

lächelnd weiter ein. Aber das trunkene Toben des Riesen wurde so

lästerlich und sein Drohen so handgreiflich, daß einer der Asen des

Donnerers Namen rief. »Wäre doch Thor hier und lehrte ihn Anstand!«

Im selben Augenblick fuhr der Donnerer, der seinen Namensruf bis ans

Ende der Welt zu hören vermochte, wie der Blitz in den Saal und stand

vor des staunenden Hrungnirs Füßen.

»Fort, Freya,« gebot er, »es war gut gemeint, aber für Scheusale bist

du kein Schenkenmädchen.« Er wandte sich an den staunenden Riesen. »Was

saugst du mit deinem ungewaschnen Maul an meinen Methörnern, trunkener

Schuft?« Und er schlug ihm die Trinkhörner mit gewaltigem Schlage aus

den Händen, daß der Riese vom Met ganz übergossen saß. Dann holte der

Donnerer mit dem Hammer aus. »Jetzt aber sollst du die Zeche bezahlen.«

In des Riesen Hirn wurde es licht. Er sprang vom Sitz und hob die Hände

hoch.

»Gastrecht genieß ich in Walhall. Wodan selber lud mich zu Gast! Willst

du Asgards heiliges Gastrecht schänden?«

»Ich lud dich nicht!« donnerte Thor. »Mach mir nicht lange Umstände!«

»Feigling!« schrie der Riese. »Du wagst dich an den waffenlosen Mann?

Vor allen Göttern fordere ich dich zum Zweikampf zu gegebener Frist,

wenn du Mut im Leibe hast!«

Da ließ Thor den Hammer sinken.

»Trolle dich schleunigst. Ich nehme die Herausforderung an. Auf der

Grenzscheide zwischen Asgard und Jotunheim treffe ich dich heute in

dreien Tagen.«

Pünktlich nach dreien Tagen war der Donnerer zur Stelle, und sein

Diener Thjalfi war als Zeuge bei ihm. Die Freunde Hrungnirs aber

hatten einen neun Meilen hohen Riesen aus Lehm aufgebaut, ihm das Herz

einer Stute eingesetzt und ihn mit fürchterlichen Waffen versehen, als

Beistand Hrungnirs.

Thjalfi lief dem Donnerer voraus.

»Wahre dich, Hrungnir,« schrie er. »Der Ase kommt unter der Erde her

und haut dir die Füße weg.«

Da warf der Riese schnell den Schild nieder und sprang mit den Füßen

drauf, um sich zu schützen. Aber der Donnerer kam durch die Luft und

schwang den Hammer, und der Riese warf ihm mit wilder Wucht einen

felsengroßen Wetzstein entgegen, der den sausenden Hammer traf. Doch

war der Hammer so unwiderstehlich geschleudert, daß der Wetzstein in

tausend Stücke splitterte und der Steinkopf Hrungnirs zermalmt durch

die Lüfte flog. Von einem Steinsplitter war auch Thor in der Stirn

getroffen, so daß er vornüber stürzte, und als Hrungnir sank, wälzte

sich ein Bein des Erschlagenen über des Donnerers Hals.

Der neun Meilen lange Lehmriese mit dem Stutenherz wollte Fersengeld

geben, aber der wackere Thjalfi, der Schnelläufer, holte ihn ein und

haute ihn in die Kniekehlen, daß er stürzte und zerbarst. Vergebens

jedoch mühte sich Thjalfi, das ungetüme Bein des erschlagenen Hrungnir

von seines Herrn Hals zu wälzen, und die Götter, die er zur Hilfe rief,

vermochten es nicht besser.

Es war aber zu der Zeit, daß dem Donnerer der Sohn _Magni_ geboren war.

Der kam herbeigelaufen, obwohl er erst drei Nächte zählte, und warf das

Riesenbein zornig von des Vaters Hals. »Schade, mein Vater, daß ich

nicht früher zur Stelle sein konnte. Ich hätte dir den Kerl mit der

nackten Faust erschlagen.«

Da erhob sich Thor und nahm seinen Sohn ungestüm in die Arme.

»Mein Blut wird im Himmel und auf Erden nicht untergehen. Immer wieder

werden Männer erstehen. Männer in der Not. Männer der Tat!« --

Des Donnerers Name ging wie Todesschauern durch das Riesenreich. Manche

der Thursenfürsten suchten sich freundlich zu den Asen zu stellen, und

_Ägir_, der Herrscher der offenen Meere, lud sie zu einem fröhlichen

Umtrunk in sein Reich. Als aber die Götter kamen, war nichts zum Feste

vorbereitet, und Ägir versuchte es mit einer Ausrede. Es sei kein

Braukessel vorhanden, der das nötige Maß hielte.

Thor aber hatte keine Lust, auf den Männertrunk zu verzichten, und der

Schwertgott Ziu, den die Nordmänner Tyr nannten, pflichtete ihm bei,

denn er wußte einen Kessel.

»_Hymir_«, so kündete er, »heißt der Beherrscher des Eismeeres. Der

Gedanke der Weltseele, der mich in der Urzeit gebar und mir die

schneidige Schärfe des Sonnenschwertes verlieh, diese göttliche

Mutter wurde von dem Eisriesen Hymir geraubt und zu seinem Weibe

gemacht, damit die schneidende Schärfe des Eises auch einen Abglanz

der Sonne erhalte. So schenkt die goldene Frau dem Eismeere Hymir die

Mitternachtsonne. Mir blieb sie mütterlich gewogen, und wenn wir Hymir,

der den gewaltigsten Braukessel besitzt und seine Verwendung der Welt

vorenthält, den Kessel abzufordern vermögen, so ist es nicht nur uns,

sondern der ganzen Welt zum Gewinn. Möge mich der Donnerer mit seinem

Hammer auf der Fahrt ins Eis begleiten.«

Da war der Donnerer wohl zufrieden. Mehr noch, als seinen Durst zu

stillen, freute es ihn, die Menschheit neuer Segnungen teilhaftig

werden zu lassen, und schleunigst umgürtete er sich mit dem

Stärkegürtel, steckte den Hammer handgerecht und brauste auf seinem

Bockgespann mit dem Fahrtgenossen davon.

In seiner unwirtlichen kristallenen Halle, die sich auf meterdicken

Eissäulen wölbte, war Hymir bei der Ankunft der Gäste nicht anwesend.

Gütig nahm die stille Göttin der Mitternachtsonne den Wunsch des

geliebten Sohnes aus der Urzeit entgegen, bewirtete ihn und Asathor

und verbarg sie einstweilen hinter einer mächtigen Eissäule, als

Hymir von der Walfischjagd zurückkehrte. Kaum jedoch hatte sie dem

Riesen den Wunsch der Asen nach dem Kessel überbracht, als Hymir den

Aufenthaltsort der Götter witterte und seinen schneidenden Frostblick

so scharf durch die meterdicke Eissäule sandte, daß die Säule zerbarst

und zersplitterte und die Asen sich dem Wüterich preisgegeben sahen.

Bevor aber Hymir zugreifen konnte, hatte der Donnerer seinen Hammer

wurfbereit. Da wurde der Riese zugänglicher und lud knurrend die

Gäste zu Tisch. Der fröhliche Donnerer aber verspeiste zwei Ochsen

auf einem Sitz, also daß dem geizigen Hymir graute und er den starken

Asen aufforderte, am Morgen mit ihm zur Auffüllung der Vorräte auf

den Fischfang zu fahren. Dort gedachte er sich des Widerwärtigen zu

entledigen.

Als der Donnerer am nächsten Morgen mit dem Eisriesen zu Schiff ging,

bat er Hymir um einen Köder für seine Angelschnur. »Such ihn dir

selber!« hauchte ihn der frostige Gastgeber an. Der Donnerer wandte

sich um, packte einen der Stiere Hymirs, riß ihm mit einem einzigen

Ruck das Haupt ab und steckte es als Köder an die Angelschnur. Dann

fuhr er mit dem fassungslos dreinschauenden Riesen ins Meer hinaus,

und sie warfen ihre Angelschnüre. Frohlockend zog der Riese ein

paar mächtige Wale ins Boot. Der Ase aber ruderte weiter hinaus ins

Meer, und obschon der Eisriese zornig widerriet, aus Furcht vor der

Midgardschlange in den offenen Gewässern, warf der Donnerer im Schwung

den Stierkopf in die Flut, und schon hatte die wütende Schlange den

Köder verschluckt und suchte an der Leine das Boot mitsamt seinen

Insassen zu sich hinunter zu ziehen.

Der starke Ase nahm seine ganze Kraft zusammen. Er hielt die Schnur

mit eisernen Fäusten und stemmte sich mit den Füßen so unwiderstehlich

gegen die Planken des Fahrzeuges, daß beide Beine durch den Boden

durchbrachen und er mit den Füßen auf den Meeresgrund geriet.

»Desto besser,« lachte Asathor, »hier steh ich nur umso fester.« Und

er holte die Schnur in gewaltigen Zügen an sich heran, bis sich der

scheusälige Kopf des Ungetüms über Wasser hob. Mit furchtbaren Augen

starrten sich die beiden Feinde an. Dann hob der Ase den Hammer, um der

Weltschlange den Schädel zu zerschmettern. Der Riese aber, der sein

Schiff verloren wähnte, durchschnitt in Todesangst die Angelschnur, und

die unheilvolle Feindin der Götter und Menschen verschwand spurlos in

der Tiefe.

Unwirsch wandte sich der Donnerer dem hilfeschreienden Riesen zu. Aber

als er ihn im Wasser sinken sah, gedachte er des Kessels und packte den

Riesen mitsamt dem Boot und der Walfischbeute, warf alles über die

Schulter und watete an Land zurück.

»Nun gib den Kessel,« gebot er in der Halle.

Noch einmal suchte der Riese den Asen zu überlisten. Er reichte ihm

seinen Trinkbecher dar zu einem Wettspiel. Könne der Ase den Kelch

zerschmettern, so sei der Kessel frei. Sonst aber bliebe der Kessel, wo

und wie er sich befände.

Der Donnerer ging lachend auf den Handel ein. Aber die Felsen

zerbarsten, gegen die er das Trinkgefäß schmetterte, der Kelch blieb

heil. Da raunte ihm die gütige Göttin der Mitternachtssonne zu. »Härter

als alles ist Hymirs Schädel«, und der Donnerer verstand und schlug den

Kelch gegen des Eisriesen Haupt, und der Kelch sprang in tausend Stücke.

»Der Kessel ist mein,« sprach der Ase, und während sich Hymir die

zerbeulte Stirn an einem der Eispfeiler kühlte, griff Ziu, den die

Nordmänner den Tyr nannten, den Kessel an, ohne ihn aufrichten zu

können. Der Donnerer aber packte ihn und stülpte ihn sich wie eine

Mütze über den Kopf.

Gen Asgard richtete sich der Lauf des Bockgespannes. Doch Hymir war

zu sich gekommen, brüllte über sein Gebiet hin, daß aus allen Löchern

und Ritzen Riesen und Trolle kletterten, und umzingelte mit seiner

Unholdschar den vorwärtsstürmenden Wagen.

Thor gab Tyr die Zügel. Er selber faßte den Hammer. »Achtung, er

beißt!« donnerte er in den Haufen hinein, und der Hammer Mjolnir

zermalmte Hymir und nach ihm seiner ganzen Schar die Schädel.

So brachten der Donnerer und sein Schwertgenosse den Kessel heim, und

als sie ihn in Ägirs Halle schafften, war er so groß, daß das freie

Meer sich weitete zugunsten aller Schiffahrt, und dem starren und

vernichtenden Eismeer sein tiefstes Becken genommen war.

* * * * *

Germaniens Götter · 第 5 / 10 段