Lokis Brut zu ermorden, widerstand ihnen an geheiligter Himmelsstätte.
Aber unschädlich sollte sie gemacht werden. Und Wodan packte die
Schlange und schleuderte sie in das Meer, das sich brausend um Midgard
schlingt, und die _Midgardschlange_ dehnte ihren eklen Leib, daß er
rund um die Erde reichte und das Meer erfüllte, und sie biß sich mit
scharfem Gebiß in den eigenen Schwanz, also, daß sie einen ungeheuren
Ring bildete. Das grausige Weib, die _Hel_, verbannte Wodan in die
tiefste Tiefe von Niflheim und setzte sie über die Totenwelt, in die
nur gelangte, der an schleichendem Alter und Krankheiten aller Art,
nicht aber an ehrlichen Schlachtenwunden gestorben war. Und Hel trat
die Herrschaft an und war eine unerbittliche Forderin des Todes.
Noch war der _Fenriswolf_ zurückgeblieben. Erst trieben die Götter
ihren Scherz mit dem Wilden. Aber das Ungetüm wuchs mit jeder Nacht und
drohte jeden zu verschlingen, der sich ihm näherte. Da hielten es die
Götter bald für rätlich, ihn in Fesseln zu legen.
Sie wanden eine Schlinge, fesselten sich selber damit und zerrissen sie
vor des Wolfes Augen.
»Nun, Fenris,« sprachen sie, »bist du auch so stark, so tue es nach.«
Der Wolf ließ sich binden und sprengte die Fessel mit einem Ruck.
Da wanden die Asen eine dreifach starke Schlinge und reizten den Wolf,
bis er sich wieder binden und schnüren ließ. Dreimal mußte der Wolf
anrücken. Dann sprang die Fessel in Stücke.
Zu den kunstreichen Zwergen sandte Wodan und befahl ihnen, eine
Fessel herzustellen, die nicht zu lockern sei. Und die Zwerge suchten
die seltensten Stoffe aus aller Welt zusammen, Barthaare eines
Weibes, Wurzelfasern eines Felsen, Sehnenfäden eines Bären, mischten
alles mit dem Speichel eines Vogels, dem Atem eines Fisches, der
Geräuschlosigkeit einer Katze und wanden eine schmiegsame Fessel
daraus, die sich umso stärker zusammenzog, je heftiger man gegen sie
anging. Und die Fessel hieß Gleipnir.
An einen weltfernen, einsamen Ort begaben sich die Götter und nahmen
den Fenriswolf wie zur Begleitung und Unterhaltung mit sich. Dort
wiesen sie ihm die Fessel und reizten ihn wie schon zu zweien Malen,
seine Kraft zu erproben. Aber der Wolf war mißtrauisch geworden und
wollte nicht.
»Welch einen Feigling führen wir in unserer Mitte,« höhnten die Götter
ihn aus.
Der Wolf wurde ärgerlich und wollte den Vorwurf nicht auf sich sitzen
lassen.
»Ich fürchte mich vor nichts,« grollte er, »aber ihr könntet mich bös
verzaubern, während ich beschäftigt bin, die Fesseln zu sprengen.
Lege mir also einer von euch die rechte Hand in den Rachen, damit das
Wagestück ordnungsmäßig vonstatten geht. Ich beiße sie ab, wenn ihr
Zaubereien treibt.«
Verblüfft sahen sich die Götter an. Die Schwerthand wünschte nicht
einer zu opfern. Da trat heißen Angesichtes der tapfere Ziu vor,
den die Nordmänner Tyr nannten und dem die jungen Krieger als ihrem
Schlachtengott in blanken Schwertertänzen huldigten; er schob dem
Untier wortlos die Rechte in den Rachen. Nun ließ der Fenriswolf
das Abenteuer geschehen. Aber als ihn die Fessel Gleipnir wie mit
Schlangenarmen umwand, daß ihm der ohnmächtige Schweiß aus allen
Poren brach und er spürte, daß seine Kraft überwältigt sei, als die
Götter die Fessel im Grunde der Erde verankerten, so daß er nimmer los
konnte, schnappte er zornwütig zu und biß Tyr, der nicht mit der Wimper
zuckte, die rechte Hand ab. So gab der Gott selber seine Buße. Dem
Wolf aber, der alles um sich her zu verschlingen drohte und mit seinem
durchdringenden Geheul Lebende und Tote erschreckte, stießen die Asen
ein Schwert zwischen die aufgerissenen Kiefern, daß das Geheul erstarb
und nur der Geifer des Wütenden in Strömen hervorschoß. Dann ließen sie
ihn in der Einsamkeit. --
Wieder saß in Asgard Wodan, der Odin der Nordmänner, und lange währte
sein Gespräch mit Donar, dem donnernden Thor, der nach ihm der
mächtigste war, der Mann der Tat. Ernst blickte Thor, und er nickte zu
allem, was Allvater sprach.
»Das Schicksal der Götter,« sprach Allvater, »liegt in der Götter
eigener Hand. Mut schreckt es zurück.«
»Es ist wie bei den Menschen,« sprach Thor. »Jeder ist Herr seines
Schicksals, solange er um sich schlägt.«
»Herrscher und Führer,« sprach Allvater, »sitzen auf weithin sichtbaren
Stühlen. All ihr Tun ist leicht zu übersehen, und es ist leicht darum,
sie anzugreifen.«
»So sollen sie,« sprach Thor, »nicht auf den Angriff warten, sondern
den Angriff vorantragen.«
»Du bist des Vaters echter Sohn,« schloß Allvater. »So gehe denn hin
und forsche den Feind in seinem Lager aus.«
Asathor schirrte seine Böcke in den Wagen. Er schnallte den
Stärkegürtel um, der seine Kraft verdreifachte, und legte die
Eisenhandschuhe an, mit denen er den Stiel seines Hammers Mjolnir
fassen konnte, wenn der Hammer mitsamt dem Stiel glühend geworden war
in der Hitze des Kampfes. Den Hammer selbst barg er am Busen. Dann lud
er Loki zum Fahrtgenossen.
»Es ist besser, ich habe dich bei mir, als daß du in Asgard Schabernack
treibst.« Und Loki, dem das Schicksal seiner Brut vor ängstlichen Augen
stand, sagte ihm gute Reisekameradschaft zu.
Gen Utgard ging die Fahrt, und am Abend des ersten Tages hatten sie
den Rand der bewohnten Erde am Meeresstrande erreicht und luden sich
bei einem Bauern zur Nacht ein. Schwer hatten die Felder des Bauern
mit den unwirtlichen Mächten aus dem jenseitigen Utgard zu kämpfen,
und um die Armut des Mannes zu schonen, schlachtete Thor seine Böcke
zur Abendmahlzeit, gebot aber jedem in der Familie, die Knochen fein
säuberlich zu behandeln und unversehrt auf die Bockfelle zu legen. So
sättigten sich alle und dankten dem gütigen Spender. Loki aber trieb
es schon wieder, dem starken Gott Verlegenheiten zu schaffen, und er
beschwatzte den Sohn des Bauern, ein Schenkelknöchlein zu öffnen und
das leckere Mark herauszusaugen.
In der Morgenfrühe stand der Donnerer zur Weiterfahrt bereit. Er
beschrieb mit dem Hammer sein Zeichen über Felle und Knochen, und
augenblicks standen die Böcke fahrtbereit im Geschirr. Der eine Bock
aber lahmte ein wenig und hinderte die schnelle Fahrt.
Thor griff nach seinem Hammer. Seine Augen blitzten vor Zorn und
sein Rotbart sträubte sich. Da erkannten ihn die Bauersleute als den
Gewaltigen, der ihre Äcker und ihr Leben schützte, und sie umfaßten
seine Knie und blickten ihn aus treuen Augen an.
»Asathor, es ist nicht unsere Schuld. Der, den du bei dir führst,
erlaubte unserem Sohne _Thjalfi_, den Knochen zu öffnen und das Mark zu
saugen. Nimm unseren Sohn Thjalfi zur Sühne als deinen Diener mit dir.
Keinen schnelleren im Lauf findest du unter den Menschen.«
Der Donnerer nahm die Sühne an und reichte die Hand freundlich zum
Abschied. Und zu Loki gewandt, meinte er lächelnd: »Ich sehe, daß du
lieber läufst, als fährst. Es wird ein beschwerlicher Marsch werden,
der Schweiß kostet und Blasen unter den Füßen, aber du hast es gewollt.
Auf, Thjalfi!«
Und er ließ das Bockgespann bei dem Bauern, daß er es bis zu seiner
Rückkehr gut verpflege und den Schaden heile.
Durch das Meer schwamm Thor mit Loki und Thjalfi, und er wanderte mit
ihnen durch die Wälderwildnis von Utgard, daß Loki oft erseufzte.
Und sie fanden nichts Lebendiges und keine Herberge. Erst in dunkler
Nacht stießen sie auf eine Behausung. Aber statt durch eine Tür
mußten sie durch eine Art großen Schuppens kriechen und zählten vier
langgestreckte Hallen mit einer fünften gekrümmten als Nebengelaß.
Todmüde sanken sie in Schlaf. Plötzlich fuhren sie wieder empor. Das
Haus schwankte unter einem greulichen Sturmgezeter wie ein Schiff, das
kieloben zu gehen droht, und sie retteten sich eilends ins Freie und
wachten den Morgen heran.
Am Morgen machte sich Thor auf Kundschaft. Er ging dem Sturmgezeter
nach und stieß bald auf einen Riesen, der den Wald mit seinem
Schnarchen füllte wie die Sturmtrompeten die Luft, und Thor nahm
seinen Hammer. Im selben Augenblicke sprang der Riese auf und war so
bergehoch, daß Thor kaum zu seinem Haupte hinaufzusehen vermochte
und den Hammerwurf unterließ. »Ich suche meinen Handschuh,« knurrte
der Riese, spähte umher und hob die Behausung auf mit den vier
langgestreckten Sälen und dem fünften als Nebengelaß. Thor machte runde
Augen. Im Handschuh des Riesen hatte er mit seinen Gesellen genächtigt.
Der Riese aber machte sich gutmütig mit den fremden Wanderern bekannt,
nannte sich selber _Skrymir_, das ist so viel wie Großmaul, und meinte,
auf den Donnerer weisend. »Dieser da ist unverkennbar. Es ist Asathor,
der den Hammer führt.« Und er erbot sich, ihnen den Weg zur Königsburg
in Utgard zu weisen.
»Ihr seid für den Marsch zu sehr mit euren Vorratssäcken belastet,«
meinte er bei der gemeinsamen Wanderung. »Gebt mir die Bündel. Einem
Kerl wie mir macht es nichts aus.« Und er öffnete den eigenen Rucksack,
packte die Bündel seiner Begleiter hinein, schnürte den Sack zu und
warf ihn wie eine Feder über die Schulter. Damit waren die drei
Wanderer wohl zufrieden. Weniger zufrieden aber waren sie, daß sie
mit den Riesenbeinen Schritt halten und einen ganzen Tag lang, bis
zum Einbruch der Nacht, Jagdhunden gleich hinter Skrymir durch nicht
endenwollende Waldwildnisse rennen und stolpern mußten, ohne essen
oder trinken zu können. Und als der Riese endlich Halt machte, weil es
pechdunkel im Walde geworden war, und die drei Gesellen atemlos bei
ihm anlangten, hatte sich Skrymir bereits in das Moos gebettet und
schnarchte, daß die Baumwipfel brausten und die Vögel aus den Nestern
stürzten.
Loki drehte sich vor Hunger auf einem Beine und verwünschte die
verunglückte Reise. Thjalfi, der Läufer, ließ die ausgetrocknete Zunge
bis zum Kinn hinunterhängen. Thor aber donnerte sie an: »Nie hilft
schimpfen zum Ziel oder schweigendes Ertragen! Regt die Hände! Packt
an!« Und sie packten zu dritt des Riesen Rucksack und wälzten ihn
herum und mühten und mühten sich vergebens, die Verschnürung zu öffnen.
Thor griff nach dem Hammer.
»Wach auf, du Schnarcher,« rief er, »wir verhungern!« Und er schlug ihm
den Hammer auf den Schädel, daß der Wald wie von einer Pauke erdröhnte.
Der Riese wischte schlaftrunken über seine Stirn. »Es ist mir ein Blatt
auf den Kopf gefallen,« murmelte er, und schon schnarchte er weiter.
Thor stutzte. Dann sammelte er eine Zeit lang weise seine Kräfte, hob
den Hammer und jagte ihn in Skrymirs Wirbel, daß von dem Gedröhne die
Berge hüpften.
Wieder fuhr sich der Riese schlaftrunken über den Kopf. »Diesmal
ist mir eine Eichel auf den Kopf gehüpft,« murmelte er, und schon
schnarchte er weiter.
Sprachlos starrte der Donnerer auf den ungeheuren Mann, bei dem selbst
sein Hammer versagte.
»Laß ab,« bat Loki in Ängsten, »hier findest du leicht deinen Meister.
Laß uns umkehren und nimmer wiederkommen.«
Mit einer Handbewegung tat Thor den Schwätzer ab. Bis es dämmerte,
ruhte er. Dann erhob er sich neu gestärkt, ließ so schnell den Hammer
kreisen, daß er Blitze schoß, und schmetterte ihn mit Donnergekrach
tief in des Riesen Schläfenbein.
Der aber wurde munter und sprang auf die Füße. Mit der Hand wischte er
sich den Kopf.
»Pfui! Pfui! Da hat ein Vogel mir 'was auf den Kopf klatschen lassen.
Ich mach mich davon.«
»Erst zeig den Weg zu Ende!« verlangte Thor.
Der Riese sah die von den Nachtwachen, von Hunger und Durst Ermüdeten
forschend an. »Wenn ihr auf eurer Reise besteht, so sei's. Aber ich
warne euch. Der König _Utgardloki_, zu dem ihr wollt, gebietet über
Riesenkerle, gegen die ich nur ein Kinderspaß bin. Seid also fein
bescheiden an seinem Hof, haltet die Zunge im Zaum und überhebt euch
nicht, damit ihr halbwegs gesund von dannen schlüpft. Ich an eurer
Stelle trollte mich schleunigst und setzte meinen guten Namen nicht
aufs Spiel.«
»Schweig, du Großmaul,« gebot Thor, »und weise den Weg.«
Da deutete Skrymir auf eine Waldlichtung, schulterte seinen Sack und
verschwand zwischen den Bäumen.
Ohne Zögern marschierte Thor auf die Waldlichtung zu, ob auch Loki
ihn anflehte, das Abenteuer auf günstigere Zeiten zu verschieben. Und
als sie die Waldlichtung erreicht hatten, sprang vor ihnen auf einem
Felsen Utgardlokis Burg bis in die Wolken, von einem Eisengitter dicht
verschlossen. Kein Wächter meldete sich, als sie riefen.
»Wir sind so klein wie die Ameisen vor diesem Riesenwall,« jammerte
Loki.
»Auch Kleinheit kann vom Flecke helfen,« entgegnete Thor. »Sieh her!«
Und er zwängte sich leicht durch die Gitterstäbe und half den Gefährten
nach. So kamen sie in den Burghof, auf den die Königshalle mündete, und
Thor führte die Gefährten hocherhobenen Hauptes in die Halle.
Auf erhabenem Throne, die Schar seiner Riesenmannen um sich, saß in
dunkler Pracht der König Utgardloki. Er zwinkerte mit den Augen, als
vermöge er nicht recht zu erkennen, was sich über den Boden zu seinen
Füßen auf ihn zu bewege.
»Ei, du putziger Kleiner,« rief er dem Donnerer zu, »was bist denn du
für ein Kerlchen?«
»Ich bin Donar, der Ase, den sie den Thor nennen. Ich komme, dich zu
besuchen.«
»Kleiner Scherzbold,« spottete der Riesenkönig, »Asathor willst du
sein? Den hatte ich mir als einen Mann gedacht, immerhin mir bis
zum Bauche. Doch vielleicht -- wer weiß es -- kannst du mit deinen
Gefährten da allerlei Taten, die euch ein Wettspiel mit meinen Mannen
suchen lassen.« Und er lachte, daß sein Bauch schütterte.
Der hungernde Loki sprang vor.
»Ich vermesse mich,« rief der Listige, »jeden zu schlagen, der es mit
mir im Essen aufnehmen will. Und sei sein Magen so lang, daß ich selbst
darin wohnen könnte.«
Die Wette machte dem König Spaß, und er winkte einem seiner Hofleute,
den er Logi rief, sich bereit zu machen. Da wurde zwischen die beiden
Kämpen ein Trog geschoben, bis zum Rande gehäuft mit Rindervierteln,
und Loki, der Ase, setzte sich an das eine Ende des Troges, und Logi,
der Riese, an das andere. Dann gab der König das Zeichen. Und sie
aßen und fraßen, daß ihnen die Augen aus den Höhlen quollen und den
Zuschauern die Haare zu Berge standen, und als sie in der Mitte des
Troges mit den Köpfen aneinanderprallten, war der Trog bis auf den
Boden leer, und sie leckten sich die Lippen.
Der König kam und sah in den Trog hinein. Da lagen in der Hälfte, die
Loki, der Ase, leergezehrt hatte, die Knochen abgenagt und ausgesogen
bis aufs Mark. Logi, der Riese, aber hatte die Knochen samt dem
Fleisch verschlungen und seinen halben Holztrog obendrein. Darum wurde
der Riese für den Sieger erklärt. Loki war es einerlei. Er war satt
geworden.
Und der König wandte sich an Thjalfi und fragte ihn, in welcher Kunst
er sich etwas zutraue.
»Ich bin ein Schnelläufer,« antwortete der Jüngling, »stellt mich auf
die Probe.«
Der König rief einen Diener, den er Hugi nannte, und alle gingen sie
auf ein weites Feld. Der Knabe rannte wie der Wind nach dem Ziel, aber
Hugi flog ihm voraus und kehrte zu ihm zurück, und Thjalfi mußte sich
geschlagen geben.
Nun wandte sich der König Utgardloki dem Donnerer zu.
»Die Reihe ist an dir. Beweise uns die überlegene Kunst der Asen und
wähle selber.«
Da wählte Asathor das Trinkhorn. Denn er war ein Zecher, der alles
Lebende unter die Bänke trank.
So saßen sie in der Halle auf der Metbank nieder, und Utgardloki hieß
das Horn bringen.
»Sieh dir meine Mannen an, Thor. Sie leeren dies Horn auf einen Zug,
wenn sie bei Laune sind. Sicherlich aber in zwei Zügen. Wer es aber mit
dreien nicht zu leeren vermag, der läßt das Trinken den Männern und
schleicht sich hinaus zu den zullenden Knaben.«
»Laß dein törichtes Reden,« sprach Asathor und hob dürstend das Horn,
daß der Inhalt in Strömen in ihn hineinlief und alle Mannen die Hälse
reckten. Aber als er tiefatmend das Horn absetzte und hineinblickte,
bemerkte er zu seiner Bestürzung, daß das Getränk nicht um eines
Fingers Breite abgenommen hatte.
»Du bist weise,« sagte Utgardloki. »Du hast zunächst nur eine Kostprobe
nehmen wollen.«
Zornig setzte Thor das Horn zum zweiten Male an. Aber nur der Innenrand
des Hornes war freigelegt.
»Nun hast du dir zur Genüge den Mund ausgespült,« heuchelte der
Riesenkönig. »Bist du nun endlich auf den Geschmack gekommen, so
trinke!«
Asathors Antlitz färbte sich so rot wie sein Bart. Er packte das
Trinkhorn, daß es knirschte. Und zum dritten Zuge hob er es an den
Mund und sog und sog, daß ihm die Adern wie Stricke über den Schläfen
schwollen, und stürzte und stürzte, daß es wie Meerflut in seinem
Halse rauschte, und setzte endlich ab. Da war der Trank im Horn weit
zurückgegangen, aber ausgetrunken war er nicht.
»Du bist heute nicht durstig,« meinte Utgardloki, der mit allen seinen
Mannen ein wenig blaß geworden war bei des Gottes wildempörtem Zuge.
»Vielleicht gefällt es dir, dich an ein Spiel zu machen, wie es unsere
Jungmannen zu ihrem Vergnügen treiben, nämlich meine große Katze vom
Boden zu heben. Es wird für deine Kraft eher passen.«
Der Donnerer spürte den Hohn. Aber er zügelte seinen Zorn. Er ergriff
die Riesenkatze, die sich auf den Fliesen sonnte, am Bauchfell und
glaubte sie zu heben, aber die Katze hatte nur einen Buckel gemacht. Er
biß die Zähne zusammen und rüttelte das Vieh, das sich steif auf den
Beinen sperrte, zusammen. Und dann glückte es ihm, ein Bein der Katze
hochzuheben und nicht mehr.
Der Riesenkönig lächelte wie in Mitleiden. »Es ist nicht recht von mir,
dich mit deinem schwachen Körper an Aufgaben zu stellen, die meine
Leute mit ihren Riesenkräften spielend lösen. In Asgard magst du der
stärkste sein. Hier kommst du, wie du selber siehst, nicht in Betracht.«
»Stelle mir einen Gegner,« brüllte Thor auf in schäumender Wut, »jeden
von euch, wer es auch sei. Ich will ihn im Ringkampf werfen, daß er das
Aufstehen auf immer vergißt.«
Die Riesen rührten sich nicht. Und erst nach einer Pause sprach
Utgardloki sanft:
»Die Bärenkraft meiner Männer scheint mir zu unsanft für dich. Versuche
es zuerst mit einem Weibe. Ruft mir einmal meine alte Amme Elli her.
Sie genügt für diesen Fall.«
[Illustration: »Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
stolperte ...«]
Die Alte kam grinsend auf den Asen zu, und Thor nahm den Ringkampf
auf. Mit geschlossenen Augen, wortlos vor Grimm, rang er, daß ihm die
Muskeln auf den Armen zu tanzenden Ballen wurden. Er bekam das Weib
nicht unter. Da stellte ihm die Alte jählings ein Bein, über das er
stolperte und auf ein Knie stürzte. Schon war er wieder auf den Füßen,
als Utgardloki die Kämpfer trennte und den schäumenden Asen für besiegt
erklärte.
»Nun aber wollen wir uns zum Mahle setzen und auch den Becher kreisen
lassen, denn ihr habt euch nach euren Kräften gut gehalten.«
Das gnädige Lob vermochte nichts über den Donnerer. Speise und Trank
mundeten ihm nicht, und er war froh, als alle zur Ruhe gingen. In der
Frühe wollte er mit seinen Gesellen fort.
Der König der Riesen und Trolle, Utgardloki, stand am Burgtor, als die
Wanderer am Morgen Abschied nahmen. »Nun werde ich euch wohl niemals
wiedersehen,« sagte er bedauernd.
»Nicht eher, als bis ich meiner Kräfte wieder Herr und Meister bin,«
entgegnete Thor finster.
Der König hob beschwörend die Hand.
»Stärkster der Asen, du hast gesehen, daß deine Kräfte bei uns nicht
für eine Katze und ein altes Weib ausreichen. Ich aber will dir mehr
sagen: dein Geist reichte noch um vieles weniger aus. Eitel Blendwerk
habe ich dir vorgemacht, und du bist ihm nicht auf die Spur gekommen.
Ich wußte von deinem Nahen. Als Riese Skrymir begegnete ich dir im
Walde und suchte dir deine Abenteuer zu verleiden, indem ich dich in
die Irre führte und dich hungern und dürsten ließ. Mein Bündel war mit
Eisenklammern verschlossen statt mit Stricken. Dreimal schlugst du
mir auf den Schädel, und jeder Schlag hätte mich zermalmt. Aber ich
hielt mir jedesmal einen Felsblock vor, und du merktest es nicht und
schlugst Löcher in den Stein so tief wie ein Brunnenloch. Nie sah ich
einen einzelnen Mann fressen, wie der verhungerte Loki fraß. Aber mein
Logi war kein Mann, sondern wildes Feuer, das den Fraß mitsamt dem
Trog verzehrte. Nie sah ich einen Menschen rennen, wie der Thjalfi
rannte. Aber mein Hugi war der hin und her jagende Gedanke. Dann hobst
du das Trinkhorn und merktest nicht, daß ich seine gewundene Spitze
tief in das Weltmeer versenkt hatte. Meiner Treu, du hast die Flut so
niedergetrunken, daß von heute ein Zustand im Meere eingetreten ist,
den man die Ebbe nennen wird. Als du die Katze beim Bauchfell packtest,
merktest du nicht, daß du die Midgardschlange gepackt hattest, die wie
ein Ring um die Erde liegt. Als du der Katze das Hinterbein hobst,
hattest du schon den Schwanz der Schlange aus dem Meere emporgerissen.
Die alte Amme Elli aber, du blinder Thor, war das Alter, das keiner
überwindet und dem keiner stand hält. Dir mußte sie erst ein Bein
stellen, und trotzdem --«
Thors Gestalt begann zu wachsen. Jedes Haar in seinem Rotbart richtete
sich steil empor. Seine Hand tastete nach dem Hammer.
Utgardloki, der König der Riesen und der zaubergewandten Trolle, ließ
kein Auge von ihm. Seine Stimme wurde kreischend. Der Triumph über
seinen Sieg raubte ihm die Vernunft.
»Hör mich zu Ende, schneller Gott. Wir haben dich und deine Asenkraft
jämmerlich betrogen und werden es wieder und wieder tun. Nimm dein
Erlebnis als Warnung! Kehre nie zu uns zurück! Wir machen deinem
Schädel neues Blendwerk vor, daß du wie ein brüllend Tier in der Irre
läufst und das Gelächter der Welt dich nach Hause hetzt. Schau her und
such die Burg von Utgard!«
Thor schwang den Hammer. Jäh hielt er ein, denn er hätte ihn ins
Wesenlose geschleudert. Die ragende Burg zerfloß vor seinen sehenden
Augen in Nebelstreifen. Und wo der König Utgardloki gestanden hatte,
zog ein dampfender Schwaden durch die Luft. -- --
Zornigen Mutes wanderte der Donnerer dem Meere zu. Seine Begleiter
folgten ihm scheu. Und der Zorn verwandelte sich in Nachdenklichkeit
und befreite sich in einem fröhlichen Götterlachen.
»Ich habe eine Lehre erhalten,« sprach der starke Ase, »und eine Lehre
ist so viel wie ein Sieg. Denn eine Lehre ist die Gebärmutter neuer
Taten.«
»Wie nennt sich die Lehre?« fragte Loki und schlich sich horchend
herbei.
»Wenn du zu Spitzbuben gehst, _schlag zu_, bevor sie dich prellen,«
antwortete Thor, schwamm, von seinen Begleitern gefolgt, durch das
Meer, fand bei den Bauern am Erdenrand seine geheilten Böcke wieder
und fuhr, durch die Wolken donnernd, heim gen Asgard.
Lange weilte er bei Wodan im Gespräch, und als er ihn hochgemut
verlassen hatte, begab sich Allvater zu der Göttin Saga kühlem Saal,
über den die Wogen rauschten, und trank mit ihr aus goldenen Gefäßen,
während er in Dichterworten sprach und Saga sang. -- --
Im Zeichen des Hammers.
Immer mehr häuften sich die Klagen über die Gewalttaten der
Riesenmächte. Seit sie die Asen in Schuld verstrickt wußten, seit sie
an den Himmlischen Schwächen und Fehler erkannt hatten, seit sie in dem
gefürchteten Donnerer, nach Thors Fahrt zu Utgardloki, nichts anderes
als einen Tölpel von Bauerngott zu erkennen glaubten und in dem Asen
Loki oft genug einen stillen Verbündeten, wuchs ihre freche Anmaßung
zur Unerträglichkeit, und besonders die Menschen hatten unter ihren
räuberischen Übergriffen schwer zu leiden.
Der Donnerer aber hatte die erhaltene Lehre nicht vergessen. Tag und
Nacht war er auf der Fahrt, und wohin ihn sein Bockgespann nicht
trug, dorthin wanderte er mit seinem Hammer zu Fuß. Reißende Ströme
durchwatete er, steile Felsenhäupter erklomm er, um der Räuber und
Mörder der Menschen habhaft zu werden. Wo immer er sie antraf, stellte
er sie wortlos zum Kampf und zerschmetterte ihnen mit seinem Hammer den
Schädel. Da die Säufer und Fresser aber, die Thursen und Joten, Scharen
von Kindern erzeugten, die in wenig Nächten stark und dick wie ihre
Väter waren, so hatte der Hammer Tag und Nacht zu tun, ohne daß er die
furchtbare Arbeit vollauf zu bewältigen vermochte. Und der Donnerer sah
die wachsende Gefahr, wie Allvater Wodan am Brunnen Mimirs, mit stiller
Sorge und schlug um so unerbittlicher drauflos, um Luft zu schaffen und
den Göttern Zeit.
Nach _Freya_ stand der gierige Sinn der Riesen. Ihre strahlende
Wärme brauchten sie für ihr kaltes Reich und ihre Lieblichkeit zur
Auffrischung ihres Wesens. Dessen waren die Götter sich wohl bewußt,
und sie hatten Ursache genug, offene und versteckte Angriffe zu
erwarten und abzuschlagen. Im übrigen aber schützte sie Thors Hammer.
Um so furchtbarer war darum die Bestürzung, als eines Morgens der
Hammer verschwunden war. Der Donnerer hatte ihn in einer Nacht, die
er daheim verbringen konnte, neben sich auf dem Lager gehabt. Als
er erwachte, griff er, wie stets zuerst, nach dem Stil. Er tastete
vergebens. Mit einem Satz war er auf den Beinen, suchte sein Haus ab
und donnerte die Götter aus dem Schlummer. »Wer hat mir den Schabernack
angetan? Das ist kein Scherzspiel, und ich will es nicht leiden!«