Wie staunten die Götter über die Wunderwerke, über Sifs goldenes Haar,

über Wodans Todesspeer und über das zaubertätige Götterschiff. Mehr

aber noch staunten sie über den Ring Draupnir, den Tröpfler, den der

Zwerg Allvater Wodan zur Gabe brachte, über den rennenden Goldeber,

den er dem Wohltäter Freyer verehrte, und am meisten über den Hammer

Mjolnir, den Zermalmer, denn es fehlte ihnen an gewaltigen Waffen,

denen der Feind nichts entgegenzusetzen wußte. Und Brock überantwortete

den Hammer dem freudig zugreifenden Thor.

Und Thor sprach:

»Es ist der Hammer und der Mann, der hinter ihm steht, auf den es

ankommt. Mag der Stiel nun lang oder kurz sein.«

Da fiel der Schiedsspruch der Götter zugunsten des Zwerges, und Loki

legte sich auf das Handeln und bot allerlei Lösegeld, aber der erzürnte

Zwerg beharrte auf seinem Preis.

»So hol dir den Kopf, du verkümmerter Gnom,« lachte Loki und entglitt

dem Verhöhnten auf seinen Zauberschuhen in die Lüfte.

Thors Biedersinn empörte sich über Lokis Betrug. Er schirrte seine

Böcke vor den Donnerwagen, den Zahnknisterer und den Zahnknirscher, und

brauste hinter dem Flüchtenden her. Er holte ihn ein, zwang ihn in den

Wagen und brachte ihn dem Zwerg.

»Halt,« rief Loki, als der Zwerg das Messer zog, um den erwetteten Kopf

herunterzuschneiden, »nur der Kopf ist dein; schneidest du mir in den

Hals, so gilt es dein Leben.«

Da lachten die Götter über Lokis gelungenen Scherz, daß die Halle

erbebte. Der Zwerg stand betroffen. Ohne den Hals zu verletzen,

vermochte er den Kopf nicht abzulösen. Aber er zitterte nach

Genugtuung. Und da der Kopf sein war, ergriff er wütend eine Ahle und

einen Riemen und nähte dem Lästerer Loki das böse Maul zu. Dann erst

trollte er sich befriedigt.

Lange ließen die Götter Loki mit vernähtem Lästermaule laufen. Dann

aber fehlte ihnen sein scharfer Witz wie sein kluger Rat, und sie zogen

den Riemen heraus. Denn sie wußten sich in einer schweren Sache, die

den Himmel bedrohte, nicht zu helfen.

In Schuld und Schicksalskampf.

Die Bekriegung der Gottheiten untereinander, der Kampf zwischen

Asen und Wanen, hatte alle Feinde der Himmelsordnung das Haupt

recken lassen in aufhorchendem Frohlocken. Die Macht der Götter war

nicht unangreifbar. Sie beruhte auf ihrer Einigkeit, dem festen

Zusammenschluß aller ihrer Glieder und Gaben. Uneinigkeit, ein

Zersplittern ihrer Machtfülle und Zugeständnisse an die anderen Welten

mußten sie bald verwundbar machen. So rechnete man in Utgard, dem Land

der Riesen und Trolle, wo alle Hasser saßen.

Noch lag in Asgard die Himmelsburg mit Türmen und Wällen zerstört.

Unmutig dachten die Götter an die gewaltige Arbeit des Wiederaufbaues.

Gerade jetzt, wo mit Njord und Freyer Reichtum und Wohlleben, wo mit

Freya, der Heischenden, Lust und Laune am Liebesspiel fröhlichen Einzug

gehalten hatten, waren sie der Arbeit entwöhnt, und sie ratschlagten

her und hin, wie die Veste neu und noch stärker als zuvor erbaut werden

könne, ohne daß einer der Götter Zeit und Mühe zu opfern brauche. Schon

war es zu Unstimmigkeiten und heftigem Hader gekommen, als unvermutet

Heimdall, der Wächter, einen Gast meldete.

Es war ein Mann von so ungeheueren Körpermaßen und Leibeskräften, wie

sie die Götter nie erschaut hatten. Er ritt auf einem Roß, das des

riesigen Reiters würdig war, und gab an, aus fremden Welten zu kommen

und der größte Baumeister aller Zeiten zu sein.

Da horchten die Götter auf. Das war der Mann, der ihnen fehlte.

Sie führten ihn rings um Asgard und ließen ihn das Werk, das sie ihm zu

übertragen gedachten, in Augenschein nehmen und begutachten. »Eile tut

not,« sprachen sie, »es muß in kürzester Frist errichtet sein.« Dies

stellten sie zur Bedingung.

Der gewaltige Baumeister ließ forschend seine Blicke über Götter und

Göttinnen schweifen.

»Ich will die Burg uneinnehmbar bauen,« antwortete er, »und noch

während dieses einen Winters. Doch müssen mir meine Bedingungen treu

erfüllt werden.«

Da rieben sich die Asen vergnügt die Hände. »Fordere was du willst.«

Und der Baumeister sprach:

»Wenn ich die Burg innerhalb der genannten Frist und ohne auch nur

einen Tag darüber hinaus zu gebrauchen, errichtet habe, so sollt ihr

mir als Lohn Freya, die Liebliche, zur Frau geben und zu ihrer

Bedienung die Sonnenjungfrau und die Mondjungfrau. Bedarf ich zu meiner

Arbeit auch nur eines Tages Länge mehr, so habt ihr das ganze Werk, das

ich geleistet habe, umsonst und ohne Entgelt, und ihr könnt mich von

hinnen jagen.«

Da wurden die Götter ernst und traten zum Rat zusammen. Sie fühlten

ihre Zusammengehörigkeit als ihr Heiligtum und wünschten den Verlust

der wärmespendenden Freya und der lichtspendenden Jungfrauen Sonne und

Mond nicht aufs Spiel zu setzen. Schon wollten sie das Ansinnen des

starken Baumeisters als eine Beleidigung zurückweisen, als Loki, der

Vielgewandte, das Wort ergriff. Er bewies den ernstgewordenen Asen, daß

es selbst für sie, die Götter, eine Unmöglichkeit wäre, Asgards Veste

in einem Winter zu erbauen, um wie viel mehr für diesen grobknochigen

Schwätzer, der sich großtuerisch vermesse, die ganze Arbeit allein zu

verrichten und nur mit Hilfe seines Pferdes. Jedenfalls aber würde der

Fremde in seinem Ehrgeiz ein hübsches Stück Arbeit zuwege bringen,

bevor er weggejagt würde, so daß den lachenden Göttern nur noch die

letzte Vollendung des Werkes übrig bliebe. Und Loki redete so lustig

und listig, daß er die Lacher auf seiner Seite hatte und sie ihm

zustimmten, ohne an seine Heimtücke zu denken. Loki selber aber dachte

sehr wohl an das Fehlschlagen seines Rates. Seine Eifersucht jedoch

erhoffte immer aufs neue ein Aufsteigen seiner persönlichen Macht,

sobald die Macht derjenigen Götter, die ihm an Kraft und Ansehen

überlegen waren, geschwächt wurde.

Der Baumeister wurde vor den Rat gerufen. Der Tag des Winterendes

wurde auf die Stunde bestimmt und dem Festungsbauer Freya als Gattin

zugesprochen und die Jungfrauen Sonne und Mond als Dienerinnen, wenn

der Vertrag pünktlich eingehalten und eingelöst werde.

Der Baumeister verlangte zur Bekräftigung den Eid der Götter.

Da beschwuren die Götter die Wahrhaftigkeit des Vertrages mit ihren

höchsten Eiden. Nur Donar, der donnernde Thor, schwur nicht mit. Denn

er war nicht anwesend und, wie immer vielbeschäftigt, ausgezogen, um

den im Schweiße ihres Angesichtes arbeitenden Bauern beizustehen gegen

die zerstörenden Gewalten aus Utland, dem Riesenheim.

[Illustration: »... umschlang mit seinen Armen die höchsten

Felsenberge ...«]

Der Baumeister begann, ohne zu zögern, mit der Arbeit. Er reckte seine

Glieder ins Ungeheuerliche, umschlang mit seinen Armen die höchsten

Felsenberge, hob sie aus dem Grund und spannte sein Roß Swadilfari vor,

das sie mit Windeseile zu dem Bauplatz zog, wo der ungetüme Meister sie

kunstgerecht schichtete. Tag und Nacht war Mann und Roß bei der Arbeit,

und die Burg wuchs und wuchs, und staunend standen die Götter. Aber in

ihr Staunen trat bald eine tiefe Beklommenheit, und die Beklommenheit

wandelte sich in blassen Schrecken, als nur noch acht, dann fünf und

jetzt nur noch drei Tage zwischen der letzten Vollendung der Burg und

der Auslieferung der geliebten Göttinnen lagen. Eifernd zog Freya

umher, traurig schlichen ihre Freundinnen Sonne und Mond ihr nach.

Da traten die Götter zum Rate zusammen, und sie schwuren Loki, dem

Verführer, furchtbare Rache auf ewige Zeit, wenn er den Vertrag, den

er ihnen aufgeschwätzt, in letzter Stunde nicht hinfällig mache. Denn

sie waren sich bewußt, daß ohne Freyas Wärme und ohne der Sonne und des

Mondes Licht Himmel und Erde vereisen und verkümmern müsse. Sie packten

Loki und schüttelten ihn im Zorn, daß ihm Feuer aus den Augen sprang

und er in Todesängsten alles versprach, die Götter zu befreien.

Wohl hatte er gesehen, daß der fremde Baumeister seine Arbeit nur mit

Hilfe seines Hengstes Swadilfari schaffen könne. Den Hengst mußte er

ablenken. Und er nahm die Gestalt einer schönen Stute an und lief dem

arbeitenden Hengst in den Weg. Der Hengst blieb stehen, schnob durch

die Nüstern und stieß ein liebestrunkenes Wiehern aus. Alsbald tänzelte

ihm die Stute vor der Nase herum, tat verliebt und vertraulich und stob

von dannen, wenn der Hengst sie zu fassen glaubte. Dem Hengst stieg das

Blut in die Augen. Das Liebesspiel brachte ihn um die Vernunft. Und als

die Stute ihm wieder schmeichlerisch nahe kam, ließ er Arbeit Arbeit

sein, warf das Geschirr ab und jagte hinter der gefallsüchtigen Schönen

drein. Da flogen die Funken von ihren Hufen, und ganz Asgard erdröhnte

von dem wilden Galopp. Drei Tage und drei Nächte ging die wilde Jagd,

bis sich die Stute dem Hengst ergab, und der Baumeister stand in der

Stunde, in der er die Burg übergeben sollte, vor dem unvollendeten Werk.

Zornbebend rief er die Götter herbei, schrie ihnen Lokis Verrat ins

Gesicht und forderte sie auf, ihre Eidschwüre zu halten, wie es die

Wahrhaftigkeit geböte.

Die Götter aber blieben kalt bei seinem Toben. Sie wiesen auf das

unvollendete Werk und schickten Freya und die Jungfrauen Sonne und

Mond in ihre Gemächer.

»Meineidige seid ihr!« brüllte der gewaltige Fremdling, griff seine

Werkzeuge auf und holte aus, um die Burg und mit ihr die Götter zu

zerschlagen.

In Todesnot riefen die Götter Thors, des Donnerers Namen. Und in selber

Sekunde stand der Donnerer mitten unter ihnen, denn er fuhr mit dem

Blitze. In der Hand wuchtete dem rotbärtigen Gotte der Hammer Mjolnir.

Beim ersten Blick erkannte sein Auge, daß der ungetüme Baumeister ein

Abgesandter des eisigen und dunklen Riesenreiches sei, das sich Freyas

Wärme und das Licht von Sonne und Mond dienstbar machen wollte, und

ohne auch nur ein Wort zu reden, lief er den Riesen an und schmetterte

ihm den Hammer in den Schädel, daß der fürchterliche Unhold wie ein

gefällter Baum tot zusammenbrach.

Der Donnerer wischte den Hammer ab und steckte ihn in den Gürtel. Er

strich seinen gesträubten roten Bart zurück und sah sich schweigend im

Kreise um.

Dann erst sprach er.

»Nicht Rat und Rat und wieder Rat erhält am Leben. Nicht bei Göttern

und nicht bei Menschen. Am Leben erhält nur die Tat!«

Sprach's, drehte sich um und ging seiner Wege.

Die Stute aber, in die Loki sich verwandelt hatte, warf von dem

Riesenhengste Swadilfari ein wolkengraues Fohlen, wie es schneller nie

gewesen war und niemals wieder wurde, denn es griff die Luft mit acht

Füßen und überholte den Sturmwind. Sleipnir hieß es und wurde Wodans,

des nordischen Odins, Roß. --

Schwer an Gedanken saß Wodan an Mimirs Brunnen. Das Riesenreich hatte

es gewagt, einen heimlichen Abgesandten nach Asgard zu entsenden, um

die Einigkeit der Götter zu zerstören und ihnen Wärme und Licht zu

rauben. Fast wäre den Riesen der Anschlag gelungen. Und Wodan wußte,

als er einsam in Mimirs Brunnen starrte, daß sie von jetzt ab Anschlag

auf Anschlag wiederholen würden, um die Götter zu verderben und über

den Gestürzten das Reich der rohen Kraft und Gewalt und die Herrschaft

der Zügellosigkeit aufzurichten. Und der einsam grübelnde Allvater

wußte mehr. Von der wachsenden Üppigkeit waren die Götter zur Habgier

und List, von der List zum Meineid fortgeschritten. Meineidig waren

die Götter. War das besser als rohe Kraft und Gewalt der Riesen? Den

Meineid strafte die wahrhaftige Weltseele.

Und Wodan, der Allwissende, sah die Strafe.

Noch war sie fern, noch konnte sie durch glühende Willenskraft

zurückgedrängt, durch neuerwachte, neu geschürte Begeisterung an der

Ordnung der Welt hintangehalten werden. Wegzuzaubern war sie nicht.

Denn über Götterrunen und Himmelskunst stand die Wahrhaftigkeit

der Weltseele, die sich selbst als oberstes Gebot -- auch für die

Herrschenden -- eingesetzt hatte.

Am Brunnen Mimirs blickte Wodan, der Einsame, in die Zukunft. Der

allmächtige Vater der Götter und Menschen erschauerte nicht. Allvater

erkannte Allvaters Pflicht. Ob sie schwer war, ob sie unerfüllbar war

-- es durfte ihn nicht kümmern. Läßt ein Vater seine Pflicht, wenn

tausendfältig anstürmender Feind seine Kinder zu zertreten droht? Der

Vater nimmt den Kampf auf, wirft sich dem Feind entgegen, lenkt ihn

ab, tut ihm Schaden und sucht, da er sie nicht zu retten vermag, die

Todesstunde seiner Kinder mit verdreifachten Kräften hinauszuschieben,

so weit er es nur vermag.

So auch dachte Wodan, der einsame Wanderer zur Quelle Mimirs, als er

sich vom Brunnenrand erhob und in tiefem Sinnen heimkehrte gen Asgard.

»Sie müssen den _Begeisterungstrunk_ haben,« murmelte er. »Der

Begeisterte verdoppelt Leben und Kraft, der Zagende bringt sich

um Willen und Frieden. Ich will ihnen den Begeisterungstrunk

herbeischaffen, daß sie das Fürchten verlernen. Herrscher können irren,

aber sie dürfen sich nicht fürchten.«

Es war gewesen, als Asen und Wanen sich geeinigt und sich gemischt

und dessen zum Zeichen aus ihrem vermischten Speichel den _Kwasir_

geschaffen hatten, der die Weisheit der Asen und die Lebensfrohheit der

Wanen wie einen feurigen Rausch im Blute trug und alle Welt mit seinen

Gaben entzückte. Im Berge hockten ein paar Neidlinge, Zwerge von kalter

und berechnender Klugheit, die Kwasirs hohe Gaben wohl einzuschätzen

verstanden, ohne daß es ihnen gelang, je aus einem ähnlichen feurigen

Götterrausch heraus zu schaffen wie Kwasir. Sie blieben Handwerker, wo

jener Künstler war. So gedachten sie, ihm das Künstlerblut zu rauben

und es sich zu eigen zu machen. Sie baten den göttlichen Kwasir, als er

über die Erde wandelte und die Menschen zu veredeln trachtete, zu einem

Gastmahl und stießen den Ahnungslosen, als er bei ihnen niedergesessen

war, mit ihren Messern zu Tode. Das aufspritzende Blut fingen sie

bis auf den letzten Tropfen in zwei Krügen auf und in einem Kessel,

der _Odrerir_ genannt wurde nach dem berauschenden Blute. Die Krüge

nannten sie Son und Bodn, das ist soviel wie Sühne und Anbietung.

Dem Blute setzten die kundigen Zwerge Honig zu, so daß ein Met, ein

Dichtermet daraus wurde, der jeden, der von ihm trank, mit Begeisterung

erfüllte und zum Dichter und heldischen Sänger machte. Zu den Asen aber

trugen die Zwerge die Kunde, der weise Kwasir sei eines Tages, da ihm

die Gedanken mehr denn je zuflogen, an seinem eigenen Witz erstickt.

Die beiden Zwerge hoben jetzt um so frecher das Haupt. Hatten sie dem

göttlichen Kwasir seine begeisterungweckenden künstlerischen Gaben

geneidet, so neideten sie dem reichen Riesen Gilling seine irdischen

Schätze. Sie luden den Riesen ehrerbietig zu einem Fischzug ein,

trieben das Boot zum Kentern in eine Brandung und schwammen tauchend

an Land, während der ungefüge Riese jämmerlich ertrinken mußte. Dem

jammernden Weibe Gillings aber ließen sie, als sie aus dem Hause trat,

um den Leichnam des Mannes zu bergen, vom Dache aus einen Mühlstein

auf den Kopf fallen, der sie zerschmetterte, und aus der unbewachten

Wohnung raubten sie, was sie tragen konnten.

Gillings Sohn jedoch, der Riese _Suttung_, verfolgte ihre Spuren,

entdeckte die verbrecherischen Gernegroße und band sie mit Stricken,

daß sie kaum noch atmen konnten. Er verurteilte die Gefesselten zum

qualvollen Hungertode auf einer Meeresklippe. Vergebens boten die

Schwächlinge Hab und Gut zur Rettung ihres Lebens. Als jedoch der

Riese davonrudern wollte, sprachen sie ihm von dem Köstlichsten auf

der Welt, von dem Rauschtrunk, dem Dichtermet, der da ewige Liebe,

ewige Jugendlust, ewigen Heldenruhm schaffe. Der Riese horchte auf. Das

dünkte dem Mann aus dem Geschlecht der Thursen und Joten, der Säufer

und Fresser, ein begehrenswertes Lösegeld. Er nahm die Wimmernden

mit sich, ließ sie die beiden Krüge mitsamt dem Kessel Odrerir

herausschaffen und schenkte ihnen das armselige Dasein. Von diesen

Beiden aber stammt die Sippe der Neidlinge allüberall.

Den Rauschtrunk der Begeisterung brachte Suttung ins Riesenland heim

und versteckte ihn in einen hohlen Berg, zu dem es keinen Zugang gab.

Seine schöne Tochter Gunnlod steckte er mit in den Berg, damit der

kostbare Met die kostbarste Wache habe.

Diesen Wundertrank Odrerir gedachte Wodan seinen Göttern gen Asgard zu

holen. --

In Menschengestalt zog er über die Erde und fuhr über das Meer, das

zwischen Midgard, dem Menschenheim, und Utland, dem Jotenheim,

brandet. Und er nannte sich Bolwerk, das heißt: Böseswoller. Zuerst

suchte er Baugi, des Riesen Suttung Bruder auf, denn er wußte, daß

Suttung mißtrauisch sei und unzugänglich für Fremde. Neun Riesenknechte

mähten die Felder vor Baugis Haus. Sie riefen den Fremdling an, in

welchen Geschäften er reise und was er hier herumlungere, und Wodan

erwiderte bescheiden, er heiße Bolwerk und sei seines Zeichens ein

Sensenschärfer. Sein Wetzstein vermöge die Sensen zu schärfen, daß

sie in Wiesen und Acker hineinschnitten wie in weiche Butter und kein

Knecht mehr einen Tropfen Schweiß verlöre.

Da drängten die Riesenknechte herbei und hielten ihm lüstern die

nackten Sensen hin, daß er sie wetze. Bolwerk aber zog einen gemeinen

Wetzstein hervor und warf ihn hoch über ihre Köpfe. »Fangt ihn!« rief

er. »Wer ihn fängt, kann ihn behalten!« Und so hastig und wild fuhren

die Riesenknechte nach dem sausenden Stein herum, daß die ungeschützten

Sensen durcheinander wirbelten und einer dem andern, im Drange, den

Stein zu erwischen, den Kopf vom Halse säbelte. Wodan aber entwich, bis

es Abend war.

Er fand den Riesen Baugi jammernd vor seinem Hause sitzen und befragte

ihn nach dem Grunde seiner Traurigkeit.

»Meine Knechte,« wetterte der Riese, »müssen sich während des Mähens

toll und voll gesoffen haben, denn sie haben jählings das Raufen

bekommen und sich allzumal umgebracht. Ich aber kriege für die

drängende Ernte keine Knechte mehr.«

Der fremde Wanderer, der sich Bolwerk nannte, tröstete den Riesen.

»Was ist dabei? Ich habe Kräfte für neun. Wohl schaffe ich dir die

Ernte ganz allein, wenn du mir dagegen ein Trünklein von dem Wundermet

deines Bruders Suttung verschaffst, von dem ich in fernen Landen so

viel Rühmendes hörte.«

Der Riese Baugi kratzte sich bedächtig den Kopf.

»Was den Met angeht, o Bolwerk, so ist mein Bruder Suttung in der

Spendung auch nur eines Schlückleins hartleibiger als ein Drache. Aber

eine Liebe ist die andere wert. Hilfst du mir, so helf ich dir.« Und

sie gaben sich den Handschlag darauf.

Einen Sommer lang mähete Wodan des Riesen Felder und brachte die Garben

bis auf die letzte unter Dach und Fach. Er, der einzige, allein. Und

Baugi gedachte seines ehrlichen Wortes und ging zur Winterszeit mit

seinem Knechte Bolwerk zu seinem Bruder Suttung, der sie beide vor die

Türe warf.

»Geht's nicht auf gradem, so muß es auf krummem Wege gehen,« sprach

Bolwerk zu Baugi. »Zeige du mir nur den Berg.«

Da wies ihm Baugi heimlich den Berg, den undurchdringbaren, und

freute sich hämisch, daß er nun seines Wortes ledig sei, ohne daß er

den Bruder dem Fremdling zuliebe verriete. Wodan jedoch trug einen

Zauberbohrer bei sich, mit dem er ein feines Löchlein in den Felsen

bohrte, bis der Bohrer in die Höhlung stieß, und er verwandelte sich in

ein blitzschnell gleitendes Schlänglein und glitt durch das Bohrloch in

den Berg, verwandelte sich in seine Göttergestalt zurück und stand in

bezwingender Allgewalt vor der heiß erglühenden Jungfrau Gunnlod.

»Nie sah ich einen Mann,« stammelte die Erregte, »so herrlich

anzuschaun wie du.«

»Wodan bin ich, der Herrscher aller Welten, und ich komme zu der

Schönsten, die da lebt. Reich mir den Willkommentrunk, mein Mädchen.«

Da reichte sie ihm den Krug Son, und er trank ihn leer in der ersten

Nacht, die sie in seinen Armen lag, und reichte ihm den Krug Bodn, und

er trank ihn leer in der zweiten Nacht, die sie in seinen Armen lag,

und reichte ihm alles vergessend den Kessel Odrerir, und er trank ihn

leer in der dritten Nacht, die sie in seinen Armen lag. Und in seliger

Begeisterung gebar sie ihm einen Sohn, der hieß _Bragi_.

Und als Wodan den letzten Tropfen des Begeisterungstrankes in sich

aufgenommen hatte, verließ er mit seinem Sohne den Berg, wandelte sich

in einen Adler und schwang sich mit Bragi, der als jauchzendes Lied auf

seinem Rücken ritt, in Himmelshöhen zum Flug gen Asgard.

Der Riese Suttung vernahm den jauchzenden Sang und den Flügelschlag.

Da wußte er jäh, was ihm geschehen war. Den Zauber der Riesen ließ er

spielen und stürmte als Adler dem Adler nach. Hin flog das stürmende

Lied in die göttliche Freiheit, und die riesische Unvernunft setzte

ihm nach, um es in ihren hohlen Berg zu sperren. Asgard nahe war

Wodans Adler, der den Trank Odrerir im Leibe trug. Fast hatte ihn

der Riesenadler erreicht. Die Götter eilten herbei. Schon flog die

Begeisterung zu ihnen hinüber. »Heil!« riefen sie Wodan zu. »Dreifach

Heil!« Und Becher und Schalen trugen sie herbei und hielten sie

Wodans Adler entgegen. Und der Adler ließ aus seinem Schnabel den

Begeisterungstrunk Odrerir, den er in sich trug, in die Becher und

Schalen brausen, den schalen Bodensatz aber, der im Bauche verblieben

war, in scharfem Strahl aus dem After fahren, also, daß er dem

Riesenadler in die Augen beizte und Suttung wie verblödet niederfuhr.

Von diesem stammt die Sippe der Afterdichter, die echter Begeisterung

bar sind.

In Walhall aber, in Wodans gewaltiger Halle, kreiste der Becher der

Begeisterung, erbrausten die Dichterlieder und schufen Heldenblut. Und

als Bragi heranwuchs, der Gott der Dichter und der Sänger, vermählten

ihn die Götter mit Idun, der Göttin der ewigen Jugend, die die Äpfel

des Jungseins hütete, die nimmern altern lassen.

Seit jener Zeit gehören göttliche Dichtkunst und ewige Jugend unlösbar

zusammen.

Die Götter auf Kundschaft.

Seit der Begeisterungstrunk in Walhall die Runde machte und Bragi, der

Dichtergott, seine Lieder sang von Heldentum und ewig jungem Ruhm,

gewannen die Götter ihre alte Festigkeit zurück, und ihr Mut loderte

auf wie eine heilige Flamme gegen jedes dunkle Schicksal, das an ihrer

Vernichtung arbeitete. Reicher denn je und freudiger denn je stiegen

die Opfer gen Himmel, welche die Menschen darbrachten, die wie die

Götter zu kämpfen hatten gegen dunkle Mächte und sichtbare Feinde

allüberall und darum _die_ Gottheiten am meisten liebten, die ein

kriegerisch Herz in der Brust trugen wie sie selber.

Das sah Loki, der neidische, mit starkem Unbehagen, und seine Arglist

suchte, wie er den im Opfer bevorzugten Göttern Schaden antun könne,

um sie niederzuhalten und sich selbst zu heben. Es war zu der Zeit,

da Donar, der donnernde Thor, seine Kampffahrten plante gegen die

unheilstiftenden Riesenmächte in Utgard, die seit des Riesenbaumeisters

Erschlagung in rastloser Unruhe blieben.

Loki war nicht wählerisch, wenn es sich um die Erreichung seiner

ehrgeizigen Ziele handelte. Er wünschte insgeheim die Aufrührer zu

stärken und ihnen einen Zuschuß von der Unbeugsamkeit der Götter zu

geben. Darum fuhr er gen Utland ins riesische Jotenreich und fand eine

Riesin, Angurboda, ein fürchterliches Weib, die ihm grinsend zu Willen

war und ihm Drillinge gebar von scheusäligem Aussehen. Den Fenriswolf,

die Schlange Jormungand und ein grausiges Weibsgeschöpf, die Hel.

Allvater erforschte die Drei, als er in einsamer Stunde den Runenzauber

befragte nach den Feinden Asgards und der Asen. Die Götter gingen zu

Rat und beschlossen, den Riesen die Kinder Lokis abzufordern, da sie

zum Wohnsitz des Vaters gehörten. Die Riesen willfahrten knirschend,

denn noch wagten sie nicht offene Auflehnung gegen ihre Beherrscher.

Germaniens Götter · 第 3 / 10 段