In wehendem Mantel, den breitrandigen Wetterhut tief über die blutige

Augenhöhle gedrückt, damit das andere, das Einauge, um so schärfer

funkele, saß er horchend im Sattel. Aufkreischten seine Raben. Von

seinen Schultern schwangen sie sich auf und jagten voran. Hinter

ihnen drein mit heiserem Gebell jagten die Wölfe. Da gab Wodan seinem

Sturmroß das Maul frei, und der wilde Jäger stob mit Hussa und

Peitschengeknall in die Nacht. »Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe!

Stampf' sie, mein Sturmroß, in Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

Hinter den Gespensterscharen, die heimlich aus Wanenland

herübergeschlichen waren, seine Menschen zu verführen, hetzte er

einher. Entsetzt fuhr das Gelichter der Schwarzalben und Truden, der

Maren und Schrate wie Nebel- und Wolkenfetzen durch die Wipfel der

Bäume und suchte heulend das Weite. Wodans Sturmroß holte sie ein.

Seine Peitsche fuhr knallend durch die Luft, und wen sie traf, den

traf der Tod. »Hussa! Hussa! Horrido!« Die Wolken jagten über den

Himmel, als wollten sie mit weitaufgerissenem Rachen den tanzenden Mond

verschlingen. Und im fahlen Licht der Sturmnacht hetzte Wodan ohne

Ermüden die unholden Geister, den Alb, der sich den Menschen auf die

Brust setzte und sie bedrückte, den Mar, der ihnen das Blut aussog,

den Schrat, der sie äffte und die Trud, die sie behexte. Sie alle, die

seine Menschen quälten und sich zu willen machten, bis die Erdgeborenen

glaubten, es seien die Götter selbst und nicht unholde Wesen, und sich

den Gespenstern ergaben.

»Rafft, meine Raben! Würgt, meine Wölfe! Stampf' sie, mein Sturmroß, in

Kot! Hussa! Hussa! Horrido!«

»Da jagt der wilde Wode!« stammelten die Menschen, die im Geheul der

Sturmnacht von den Lagern auffuhren und angstvoll gen Himmel starrten.

»Der wilde Gespensterjäger fährt um.«

Und doch öffneten sie hastig Fenster und Türen, um den gejagten

Spukgestalten Unterschlupf zu gewähren, denn sie versprachen sich

goldenen Dank von den Wichten und gierten nach irdischen Schätzen,

statt nach der stolzen Höhe der Götter.

Nächte hindurch, Monde hindurch fegte Wodans Mantel durch die Lüfte,

knallte seine Peitsche wie krachendes Holz, schrieen seine Raben,

heulten seine Jagdwölfe. »Auf daß das Geschlecht sich nicht vermehre!«

lachte er grimmig in den Bart und setzte vor allem anderen Wild den

kreischenden Frauen und Fräulein der albischen Wesen nach, packte sie

am Gewand, griff sie beim Schleier, zog die Zappelnden hinauf auf sein

Roß und erstickte sie in seinen Umarmungen. »Frauenräuber!« schalten

die verblendeten Menschen hinter ihm drein, »Weiberjäger!« Denn sie

hielten für Liebesgier, was Wodan in göttlichem Zorne tat, und ließen

sich von den Wichten, die sie abergläubisch hüteten, leicht bereden.

Noch blieb viel Koboldvolk auf der Erde zurück, Hausgeister und

Waldfräulein, Korngeister und Wassernixen, und Nächte und Monde jagte

Wodan daher, den Spuk zu vernichten, die Menschen auf sich selbst

zu stellen. Oft auch stieg er zu Mimir hinab und raunte mit ihm am

Brunnen. Denn er hielt das luftige Gesindel der Alben nur für die

Plänkler und Wegemacher eines gefährlicheren Feindes, der Macht der

Wanen, und er wußte es in seiner Allwissenheit.

Einst kehrte er heim nach Asgard, sinnend und grübelnd, und fand die

Götter beim lärmenden Gelage wie in einer großen Trunkenheit. So hatte

er sie noch nie geschaut. Nur Baldur stand abseits. Ihn ekelte das

weibische Getue.

Einen strahlenden Blick warf Wodan auf seinen Lieblingssohn. Dann trat

er zürnend in den Kreis. Doch keiner hatte Augen für ihn.

Vor den Bänken der Götter und Göttinnen tanzte ein nacktes Mädchen von

niegesehener Schönheit. Farbenfunkelnde Geschmeide von auserlesenem

Feuer schmiegten sich an ihre Brüste, daß ihr Weiß heller leuchtete

als der Schnee auf den Hügeln, rotgoldene Spangen, zart wie Blattgold

und von meisterlicher Arbeit umschlossen die Fesseln ihrer Füße, daß

die Glieder aus den Goldblättern hervorwuchsen wie Lilienstengel,

umschlossen die Arme, daß sie sich dehnten und streckten wie

heimlich Geliebte, und Perlenschnüre träumten in ihrem Dufthaar wie

schmeichelnde Mondlichter in kosender Nacht.

»Tanze, tanze,« riefen die Götter mit funkelnden Augen, »so wunderbar

Schönes sahen wir nie, wie dich, du Mädchen!«

»Tanze, tanze,« riefen die Göttinnen mit heißen Blicken, »so wunderbar

Schönes sahen wir nie, wie dein Geschmeide!«

»Das Mädchen ist es!« beharrten die Götter erhitzt.

»Das Geschmeide ist es!« eiferten die Göttinnen. »So schön sind wir,

wie die Fremde, aber der Schmuck, mit dem ihr uns beschenkt, ist plump

wie Bauernschmuck und hängt sich schwerfällig an unsere Glieder, statt

ihre Reize zu heben. Schafft uns solch Geschmeide, und das Mädchen ist

vergessen! Schöner sind wir, schöner!«

»Wer bist du?« riefen die Asen, und es lag wie Rausch über ihren Augen.

»Wer gab dir den Schmuck? Wo finden wir ihn?«

»_Gullweig_ heiß ich,« sang die Tänzerin, »vom göttlichen Wanenstamm

bin ich. Wir leben in Schönheit und Freude! In Arbeit und kindlichen

Spielen ihr! Wißt ihr, was Freude ist? Verschwendung und lachendes

Leben! Seht her, so verschwende ich!«

Und sie wirbelte vor den heißen Blicken der Männer.

»Der Schmuck! Der Schmuck!« riefen die Göttinnen und waren erblaßt vor

Erregung.

»Schmuck will erworben sein,« sang die Tänzerin. »Einen Wert hat das

Gold, mehr als ihr wißt! Für rotes Gold und schimmernd Gestein kaufe

ich Länder und Völker, Weiber und Rosse, Leiber und Seelen. Es liegt

bei den Riesen, es liegt bei den Zwergen, es liegt bei den Menschen.

Hervorlocken muß man es durch Zauber oder Raub. Holt es euch, schmückt

euch, genießt! Nichts weiß euer Blut vom glühenden Leben!«

Aller Arme streckten sich nach der tanzenden Wanentochter aus.

Sehnsüchtige Arme. Neidvoll gereckte Hände. Da hob Wodan den Speer.

Dreimal durchbohrte er Gullweig, die Wanentochter, mit dem Speer.

Dreimal schleuderte er ihren weißen, schimmernden Leib in den

flammenden Holzstoß, der die Halle erwärmte und erleuchtete. Dreimal

verbrannte das Mädchen zu Staub. Dreimal erhob sie sich aus der Asche.

Da ersah Wodan, daß sie eine Zauberin der Wanen sei, und ließ die

Mißhandelte entfliehen.

»Melde den Deinen, was dir widerfuhr, was ihrer wartet!«

Loki aber, der Geschmeidige, sammelte hastig aus der Glut des Feuers

den seltenen Goldschmuck, Perlen und Geschmeide, und gab alles den

Göttinnen und setzte sich in Gunst. Finster gingen die Asen umher und

neideten dem Listigen den Vorzug.

Wodan berief sie alle zum Rat.

»Wer hat dem Wanenmädchen Einlaß gewährt zu Asgards Wiesen?«

Und Heimdall antwortete: »Ich tat's, auf Gebot der Götter, die sich

berieten, als du fern warst. Sie war ein Mädchen und ohne Waffen.«

»Ihr Törichten,« sprach Wodan, »habt ihre Waffen kennengelernt. Schwer

seid ihr von ihren Waffen verwundet. Schwerer als von Schwert und Ger.

Denn die Wunden, die sie euch schlug, heilen nicht und eitern fort in

der Gier nach Gold und Genuß. Vorbei ist es mit der heiteren Ruhe. Wir

müssen uns regen.«

Da stimmten die Götter beschämt ihm zu und gaben ihm Vollmacht, für

alle zu handeln. --

Einsam fuhr Wodan aus. Nur Gefjon nahm er mit sich, die Kluge, zu

der die Mädchen beteten. Von Saxland fuhr er gen Norden, denn es war

sein Plan, die Wanenanhänger durch eine augenfällige Tat zu sich

zurückzuführen und die Menschen, die im Norden noch nichts wußten

von Wodan und den Seinen, zum Asenopfer zu bekehren. So fuhr er gen

Dänemark, das den Wanen huldigte, und gedachte dem Volke über Nacht ein

reiches Neuland zu schenken, Ackerland für einen seßhaften Bauernstand,

der mit der Scholle die Arbeit liebte und nicht die Leichtfertigkeit

der Goldanbeter. Neuland auch für neue Heiligtümer der Asengötter.

Auf Fünen kehrte Wodan ein und lehrte Gefjon, die kluge, seine Pläne

und verlieh ihr zur Ausführung seine Zauberrunen. Da fuhr Gefjon, als

listige Gauklerin gekleidet, nach Schweden und vollführte vor dem

Beherrscher des Landes, dem König Gylfi, so lustige Dinge, daß der

König ihr einen Wunsch freigab. Und sie erbat sich so viel Land zur

freien Verfügung, wie sie mit vier Ochsen während eines Tages und einer

Nacht umzupflügen vermöchte. Das gestand ihr der König lachend zu.

Gefjon aber fuhr noch in selber Stunde nach dem Riesenland Jotunheim,

gebar in der nächsten Nacht einem Riesen vier Söhne, ließ sie kraft

ihrer Zauberrunen gleich bei der Geburt zu ihrer ganzen Größe und

Stärke aufwachsen, verwandelte sie durch den Runenzauber in vier

ungeheure Ochsen und kehrte in nächster Nacht mit ihnen zu König Gylfi

zurück. Und Gefjon, die Kluge, spannte die Riesenochsen vor den Pflug

und packte die Pflugschar. Da schnitt das Pflugeisen gewaltig tief

und breit in das Land und ackerte ein Stück Erde heraus, das nicht zu

überblicken war, und die Ochsen zogen noch einmal an und zogen das

herausgepflügte Land weiter und weiter gen Westen, stiegen ins Meer

und zogen es bis in den dänischen Sund. Dort entließ Gefjon die Ochsen

und nannte das neugewonnene Inselland der See _Seeland_. Das Loch

aber, das sie in König Gylfis Land gerissen hatte, füllte sich zu einem

Binnensee, der der _Mälarsee_ hieß, und in seine Buchten paßten bis ins

Kleinste die Landzungen und Vorgebirge Seelands.

Und Wodan dehnte die Macht der Asen aus auf die Insel und schuf

ein Heiligtum auf ihr, zu dem die beschenkten Dänen in Dankbarkeit

opferten. Aber auch König Gylfi in Schweden und viele andere Könige im

Norden, zu denen die Kunde kam, riefen erschreckt Wodan an, den sie

Odin nannten, und baten ihn in ihr Reich. --

Wodan war heimgekehrt nach Asgard, wo ihn die Asen sehnsüchtig

erwarteten. Viel Streit gab es zu schlichten, den der listige Loki

schadenfroh geschürt hatte, und die alte Einigkeit war gestört im Rat

und auf der Metbank wie beim ritterlichen Kampf- und Wettspiel, seitdem

das lockende Weib in Asgard erschienen war. Zu Mimirs Brunnen stieg

Wodan hinab und raunte lange mit dem Weisen.

Und es war ihm offenbar, daß die Wanen heranrückten, den Schimpf

an Gullweig zu rächen und die reichen Opfer der Menschen im Norden

zurückzugewinnen. Und Wodan wußte vieles und mehr und saß, in die

Zukunft grübelnd, auf seinem Hochsitz.

In hellen Haufen rückten die Wanen an. Die Luft wimmelte von ihnen,

wohin das Auge sah. Lichtgötter waren sie. Darum ritten sie durch die

Lüfte und brauchten nicht über die Brücke Bilfrost hinweg, die Heimdall

hütete. Was ihnen an Kraft den Asen gegenüber gebrach, ersetzten sie

dreimal durch wunderbare Waffen, zu denen ihnen ihr Reichtum, und durch

die Kriegskunst, zu der ihnen ihre verfeinerte Geistespflege verholfen

hatte. Jäh erschienen sie vor Asgard und zerbrachen in geeintem Angriff

den Burgwall der Asen.

Dröhnend rief Wodan die Männer Asgards zum Kampf. Ihnen allen

voran stand er und schleuderte als Heervater den Speer über die

anstürmenden Völker. Aber die Waffen der Asen waren wie Bauernwaffen

zu den erlesenen und erklügelten Waffen der Wanen, wie der Schmuck

ihrer Frauen und Jungfrauen ein plumper Bauernschmuck geschienen

war zu den berauschenden Köstlichkeiten der tanzenden Gullweig.

Donars malmende Keule zersplitterte auf stahlhartem Wanenhelm. Zius

blankes Breitschwert brach und sprang aus dem Griff, als er es gegen

eine goldene Wanenbrünne stieß, Ullers Pfeil und Bogen war wie ein

Kinderspiel vor den manneshohen Schilden der Wanen, und Baldurs

leuchtender Mut fand zwölf neue Gegner, wenn er einen gefällt hatte.

Loki stand als Schutz und Schirm bei den Göttinnen und stachelte

die kämpfenden Asen an, sich vor den Frauen zu zeigen und ihre Huld

zu gewinnen, denn er gedachte, übrig zu bleiben und höhere Macht

zu erringen. Und die Asen wurden uneins im Kampf, trennten sich

voneinander und suchten in heldischem Zweikampf mit den Wanenführern

die Augen der Frauen auf sich zu ziehen, während die Scharen der

Feinde immer tiefer eindrangen in Asgards geheiligte Fluren und die

Himmelsburgen in Schutt und Asche legten.

Da packte Donar die Felsen an und riß sie aus dem Grund und zermalmte

mit ihnen die Haufen. Und Ziu entwurzelte die ragendste Eiche und fegte

mit ihr die Stürmenden zu Hunderten. Die Himmel krachten, die Menschen

lagen betend auf ihrer Erde und die Riesen in Jotunheim erhoben drohend

ihre Häupter, um über die erschöpften Asen- und Wanengötter in Haß und

Rache herzufallen.

Wodan sah es. Er erkannte die größere Gefahr.

Wie Donner rollte seine Stimme über die Köpfe der Kämpfenden:

»Ihr habt euch in den Waffen gemessen, ihr Götter -- nun meßt euch im

Rat!«

Die Wanen wiederum aber hatten erkannt, daß sie nur einen

Augenblickssieg erringen konnten und vor dem kraftvollen Asengeschlecht

nicht bestehen würden, wenn es in der neugewordenen Zeit sich seines

schaffenden Geistes entsann. Sie waren zum Verhandeln bereit.

Im Rate saßen sie, Asen und Wanen, und stritten lange um den Vergleich.

Klug wie Kaufleute setzten die Wanen zuerst den Preis des Friedens

hoch, um ablassen zu können und als die Gebenden zu erscheinen. Sie

forderten für Gullweigs Mißhandlung Zins. Da lachten die Asen, daß

sie sich krümmten, und wollten von ihren Sitzen. Die Wanen beharrten

nur scheinbar auf ihrem Beschluß. Ihnen war um anderes zu tun. Sie

boten an, die Zinsforderung fallen zu lassen, wenn sie von Stund an

als gleichberechtigte Götter gälten, den Asen gleich an Ehrung im

Himmel und auf Erden, gleichberechtigt zum Empfang der Opfer und durch

auszutauschende Geiseln _eine_ große Götterfamilie.

Wodan, der allwissende, der in die Zukunft schaute, schlug ein. Und

die Asen bestimmten Hönir zur Geisel für die Wanen, den Fahrtgenossen

Wodans bei der Menschenerschaffung. Da er aber langsam denkend war, gab

Wodan ihm den Mimir bei, den Freund und Vertrauten am Brunnen, und die

Wanen hielten ihn für einen der Asen. Sie selber ließen den reichen

_Njord_ als Geisel, der seinen lichten Sohn _Freyer_ mit sich führte

und seine liebliche Tochter _Freya_. Und alle die Götter, die Asen und

Wanen, traten zur Bekräftigung ihres Vertrages an ein Gefäß und spien

hinein und mischten den Speichel mit Honig und schufen daraus gemeinsam

den weisesten Mann. Der hieß _Kwasir_.

So aber endete der erste Weltkrieg.

Die Götter auf schiefer Bahn.

In den Kreis der Asen war Njord ausgenommen mit seinem Sohne Freyer

und seiner Tochter Freya. Gewaltiger Reichtum kam mit ihnen nach

Asgard, aber auch viel böse Lust nach Reichtum und manche Sucht

nach räuberischem Erwerb. Mehr und mehr ging die Schlichtheit der

Lebensführung dahin. Die Gelage mehrten sich, die Abenteuerfahrten

dehnten sich aus, Liebeshändel kamen auf und nahmen zu im Himmel und

auf Erden, die Freude am Kriege erwachte und führte in ihrem Gefolge

Gewalttat, List und Betrug.

Wohl waren die Wanen, die von nun an zu den Asen gerechnet wurden,

vornehme Wesen, doch ihre ganze Art und Daseinsauffassung war freier,

üppiger und leichtherziger, und der Aufwand, den sie trieben und der

den Menschen reichere Opfer und prunkvollere Feiern auferlegte, brachte

die Asen von ihrem einfachen Götterwandel ab und näherte sie den

Begierden und Untugenden der Menschen.

_Njord_ liebte Jagd, Seefahrt, Fischfang und Handel. Er machte das

Meer fruchtbar und bevölkerte die Wälder mit Wild. Er beschenkte die

Menschen mit Reichtum, gab den Schiffen günstigen Wind und ruhige See,

den Jägern Beute über Beute. So riefen ihn alle an, die Seefahrt und

Jagd betrieben. Auch stammte die Göttin Nertha von ihm, die in heiligem

Hain am Meeresstrande wohnte und die Fluren segnete zu wogenden Saaten.

Schön war _Freyer_, sein Sohn. Schön fast wie Baldur. Licht und heiter

übte er sein Amt als Himmelsgott, tat es seinem Vater gleich in der

Spendung von Reichtum und Fruchtbarkeit und schätzte deshalb den

Frieden, damit seine Gaben zu gedeihen vermöchten und Freude brächten.

Doch war er aller ritterlicher Übungen nicht minder Herr, und er besaß

ein Roß, das wabernde Lohe durchstürmte, und ein Schwert, das sich von

selber schwang, galt es einen Feind.

Die schönste im Himmel und auf Erden war _Freya_, Freyers Schwester.

So reizvoll war sie an Wuchs, Antlitz und Gebärde, daß sie Götter und

Riesen, ja Menschen und Zwerge entzückte und berückte und keine Göttin

begehrter und verehrter war als sie. Als Göttin der Liebe wurde sie

angerufen, gefeiert und besungen; viele der Helden wünschten sich zu

ihr und die Frauen verlangten nach ihrem Saal, wenn der Tod ihnen

nahte. Folkwang hieß ihr Wohnsitz in Asgard, das ist »Sammelstätte

des Volkes«, und Seßrymnir ihr Saal, »der an Sitzen geräumige«. Die

Zauberkunde der Wanen, die den derben Asen fremd gewesen war bis

auf Wodans Runen, brachte sie nach Asgard und lehrte vor allem den

Liebeszauber Götter und Menschen. Fuhr sie sichtbar hinaus, so fuhr sie

auf einem schimmernden Wagen, den ein geschmeidiges Katzenpaar zog.

Fuhr sie heimlich hinaus, so legte sie ihr zaubrisches Falkenhemd an,

daß sie blitzschnellen Flugs wie ein Vogel durch die Lüfte glitt. Sie

war so heiter, daß sie ihre Sitten oft und gerne darüber vergaß, und wo

sie erschien, herrschte Jubel und Seligsein.

Die Besten ihres Geschlechtes hatten die Wanen hingegeben. Was sie

dagegen erlangt hatten, war kein guter Tausch und ließ sie bald

verkümmern. Wohl wußte Hönir, der ihnen von den Asen zugeteilt war,

immerdar klugen Rat, solange der weise Mimir bei ihm stand und ihm

Rede und Antwort einflüsterte. Geschah es aber, daß Mimir abwesend war

und die Wanen guten Rats bedurften, so wußte sich Hönir, den sie zum

Häuptling erkoren hatten, nicht zu helfen und stammelte schwerfällige

Worte, die nichts besagten. Stutzig geworden, forschten die Wanen dem

Rätsel nach. Und sie erforschten Mimirs Herkunft und den Betrug beim

Vergleich und ergrimmten dermaßen, daß sie Mimir das Haupt abschlugen,

das Haupt des Getöteten höhnisch heimsandten und den Asen vor die Füße

werfen ließen.

Wortlos hob Wodan das Haupt des erschlagenen Freundes auf. Er salbte es

ein und besprach es mit Runensprüchen, die das tote Hirn auferweckten

und der Zunge die Sprache wiedergaben. Zur Weltesche Yggdrasil

ging er in der Nacht und stieg durch die Welt hinab bis zu Mimirs

Weisheitsbrunnen. In dem blanken Brunnen barg er Mimirs Haupt, und

oft stieg er vom Himmel hinab zu dem tiefen Brunnen, wie die Sonne

hinabsteigt ins Meer, und holte sich neue Kraft und Weisheit zu allen

seinen schweren Werken.

Denn oft machten die Götter Allvater das Leben schwer durch wenig

vorbildliches Wesen, und die Menschen eiferten ihnen lieber in den

Untugenden als in den Tugenden nach, weil die Untugenden leichter zu

verrichten und meist um ein bedeutendes fröhlicher waren. Seit Freya

durch den Himmel schritt, gab es unter den Göttern und Göttinnen

viel Eifersucht, Neid und Streit. Die lose Liebesgöttin aber hatte

ihre heimliche Freude daran und suchte immer neuen Anlaß, sich zu

schmücken und die anderen zu reizen. So fand sie einst in einer Höhle

vier Zwerge bei der Arbeit, die ein goldenes Halsband von blendender

Schönheit und unermeßlichem Werte schmiedeten. Sofort beschloß sie,

es zu besitzen. Aber die Zwerge, von den nie erschauten Reizen Freyas

berauscht, lehnten jeden dargebotenen Preis ab und forderten endlich

auf der Liebesgöttin Drängen für einen jeden von sich eine Liebesnacht

mit der lachend gewährenden Göttin. Nach vier Nächten kehrte sie nach

Asgard zurück, und um Hals und Nacken trug sie das Wundergeschmeide

Brisingamen, dessen Name soviel heißt wie Zusammenflechter, denn wenn

sie erwachte und Brisingamen um Hals und Nacken legte, glitzerte es

über Himmel und Erde, und das Frühlicht stieg auf, das den jungen Tag

mit der schwindenden Nacht zusammenflicht.

Weit rissen die Götter die Augen auf, als Freya so goldenstrahlend

vorüberschritt. Und Loki, der listenreiche, sann auf einen ebenbürtigen

Schmuck, und er sah Sifs, der Gattin Donars, den sie auch Thor nannten,

goldwogendes Haar und schlich ihr heimlich nach und schnitt es ihr ab.

Tobend vor Grimm suchte Thor den Täter. Bald hatte er Loki erwischt,

und seine mächtigen Fäuste packten den Geschmeidigen, daß ihm die

Knochen im Leibe krachten. Wie ein Wurm wand sich Loki und schwur alle

Eide, der weinenden Sif neues Haar zu schaffen aus echtestem Gold und

so fein gesponnen wie Sonnenstrahlen. Da gewährte Thor ihm Zeit, denn

ihm lag daran, die Schönheit seines Weibes wiederhergestellt zu sehen

und den Spott zum Verstummen zu bringen. Und der geängstigte Loki fuhr

ab zu den Zwergen.

Zwei Zwergenbrüder waren _Brock_ und _Sindri_, die galten für die

größten Meister aller Unterirdischen. Freundlich sagten sie dem

geängstigten Gotte zu, sein Begehr zu erfüllen, und sie schmiedeten

das Gold und zogen es in Fäden so fein wie Sonnenstrahlen, und da

ihre Kunst eine lebenschaffende Kunst war, wie nur die echte Kunst,

so gewann das Goldhaar alle Eigenschaften des natürlichen Haares

und wuchs in goldenen Locken. Die freundlichen Zwerge aber wollten

Loki nicht reisen lassen, ohne ihm Weihegeschenke mitzugeben für die

heiligen Götter, und sie schmiedeten für Wodan den wunderbaren Speer

Gungnir, dessen Wurf, ja dessen bloßer Schwung den Tod bringt, und für

die anderen Asen das Wunderschiff Skidbladnir, das ohne Wind zu fahren

vermochte und durch den ärgsten Sturm, und das sich zusammenfalten und

in die Tasche stecken ließ.

Lüstern sah Loki den Künstlern zu, und seine arglistige Seele sann, wie

er den Zwergen noch andere Meisterwerke entlocken könne. Da nun der

Zwerg Brock den Hauptanteil an der Arbeit getan hatte, so gedachte

Loki, einen der Zwerge gegen den anderen auszuspielen, und er wettete

scheinbar harmlos und wie aus fröhlicher Laune heraus, daß Brocks

Bruder Sindri die drei Meisterwerke nicht durch seine Kunst überbieten

oder auch nur annähernd Gleichwertiges schaffen könne. Brock, der

seinen Bruder zärtlich liebte, nahm sofort Partei, und Loki reizte ihn

in eine Wette hinein, in der der listige Gott sein Haupt verwettete

gegen die drei Kleinodien, die nunmehr Sindri schaffen solle.

Ohne zu zögern, begann Sindri sein erstes Werk. Und als es so weit war,

daß es ins Schmiedefeuer mußte, um geglüht und gehärtet zu werden, zog

Brock den Blasebalg, ohne auch nur eine Pause zu machen.

»Weshalb setzest du nicht einmal aus?« forschte Loki wie in harmloser

Neugier.

»Zöge ich den Blasebalg nicht nach Gebühr und setzte ich nur eine

Sekunde aus,« erwiderte der Zwerg, »so würde das Werk einen Fehler

erleiden.«

Da verwandelte sich der ränkereiche Gott schnell in eine Stechfliege,

flog auf Brocks Hand, die den Blasebalg zog, und stach ihn in den

Finger. Aber Brock verbiß den Schmerz, um des Werkes seines Bruders

willen, und hielt aus, bis das Werk fertig aus der Esse kam. Da war es

ein Eber mit goldenen Borsten, der schneller als ein Himmelsroß durch

die Lüfte rannte und dessen goldene Borsten taghell die dunkelste Nacht

durchleuchteten.

Und Sindri begann sein zweites Werk, und als es im Schmiedefeuer lag

und Brock den Blasebalg zog, flog ihm Loki als Stechfliege in den

Nacken und stach erbärmlich zu. Aber Brock zuckte nicht mit der Wimper,

so wahnsinnig der Stich ihn schmerzte, bis das Werk fertig aus der

Esse kam. Da war es der Ring Draupnir, der Tröpfler, von dem in jeder

neunten Nacht acht neue kostbare Ringe abtropften, so daß sein Besitzer

immer der Reichste war.

Und Sindri begann sein drittes und letztes Werk und schob es in das

Schmiedefeuer, und Brock zog den Blasebalg in brüderlicher Treue. Da

setzte sich ihm Loki als Stechfliege mitten auf das Augenlid und stach

zu, daß ihm das Blut in die Augen floß. Brock zog und zog, bis er vor

rinnendem Blut nicht Esse noch Blasebalg mehr erkennen konnte. Eine

Sekunde nur ließ er los, schlug nach der Fliege und wischte hastig das

Blut aus den Augen. Aber er hatte ausgehalten bis gegen den Schluß, und

als Sindri das Werk aus der Esse nahm, war es ein Hammer, _Mjolnir_,

der Zermalmer, der nie zerbrechen konnte, nicht an Stahl und nicht

an Stein, und, wenn er geworfen wurde, immer in die Hand des Werfers

zurückkehrte. Nur der Hammerstiel war ein wenig zu kurz geraten. Das

war geschehen, als Brock das Blut aus den Augen wischte.

Voller Zorn über Lokis Arglist und Tücke verlangte Brock den Preis

der Wette, Lokis boshaftes Haupt. Loki aber lachte ihn aus und wies

auf den Hammer, der mißraten sei. Da machte sich Brock mit Loki auf

nach Asgard, den Göttern die Gaben zu bringen und ihren Schiedsspruch

anzurufen.

Germaniens Götter · 第 2 / 10 段