Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so markiert=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Germaniens
Götter
von
Rudolf Herzog
[Illustration]
Verlag Quelle & Meyer · Leipzig
Copyright 1919 by Quelle & Meyer, Leipzig
Alle Rechte vorbehalten
Schwarzweißzeichnungen von Professor Robert Engels
Einbandzeichnung von Paul Hartmann
Druck von Radelli & Hille, Leipzig
Den
Nachkommen
Hermanns
des
Cheruskers
Zum Geleit.
Von den Göttern spricht dies Buch. Von Germaniens Göttern. Immerdar
sind eines Volkes Götter das Abbild seiner innersten Art gewesen,
seiner Tugenden, seiner Fehler, seiner verlangenden Sehnsucht. Wenn
unsere Väter zu den Göttern riefen, riefen sie an, was an Kraft und
Zuversicht bewußt oder unbewußt in ihnen selber lebte, sahen sie
Wunsch und Willen im Lichte eines überirdisch gesteigerten Mannes- und
Heldentums.
Ein Volk, das seiner Götter vergißt, vergißt seines Ursprungs, seiner
Ahnen, seiner selbst und seiner Wurzelkraft. Wer sich seiner Herkunft
und Vergangenheit schämt, baut seine Zukunft in den Wirbelwind. Aus den
rauhen Wäldern Germaniens stammen wir, stammen unsere Götter. Nicht
aus dem sonnentrunkenen Hellas und dem hochmuttrunkenen Rom. Lernt es
aufs neue, ihr Deutschen. Lernt es mit dem Stolz, der allein die Kraft
verleiht, ein _Volk_ zu sein und keine Sklavenherde von Mantelträgern
und kriechenden Liebedienern. Den Göttern Griechenlands, den Göttern
Roms unsern Gruß. Germaniens Götter grüßen euch mit _derselben_ Stimme
der Unsterblichkeit! Nie waren die Götter Deutschlands herrlicher und
gewaltiger, als in den Tagen, da sie um Untergang und Auferstehung
kämpften.
Was sind Jahrhunderte, was Jahrtausende, gemessen an der urewigen Zeit?
Germaniens Götter rufen heute wie ehedem. Und immer riefen sie am
stärksten, wenn der Sturm die Wolken über den deutschen Himmel jagte.
Beilzeit, Schwertzeit -- Windzeit, Wolfzeit!
Wiederum heute, wie zu der Urväter Zeit.
Um Untergang und Auferstehung kämpft Deutschlands Volk. Euren Göttern
nach, ihr Deutschen! Zur neuen Sonne! Zur neuen, geläuterten Zukunft.
_Rudolf Herzog._
Obere Burg zu Rheinbreitbach
18. Oktober 1919.
Inhaltsverzeichnis
Der Götter Erscheinen 1
Der Menschen Werden und Wachsen 12
Das goldene Zeitalter 24
Der Wanenkrieg 36
Die Götter auf schiefer Bahn 52
In Schuld und Schicksalskampf 63
Die Götter auf Kundschaft 80
Im Zeichen des Hammers 102
Wodans Wunschmädchen 130
Unter den Einheriern 147
Um Baldur 177
Der letzte Kampf 198
Der Götter Erscheinen.
Regungslos lag die _Weltseele_ ...
Über der Leere lag sie, der ungeheueren, die nicht Wasser noch Erde
wies, nicht Feuer noch Luft. Nichts als die leblose Leere. Starr und
unendlich. Regungslos lag die Weltseele über der toten Leere. Bis daß
sie träumte ... Leben träumte sie ...
Und als der erste Traum durch die Weltseele rann, war es wie ein
erstes, wärmendes Leben, und aus der aufsteigenden Wärme sprang wie ein
Funke der _Gedanke_, der zur Flamme wurde und aufloderte in die Leere.
Das _Feuer_ war in die Welt gekommen und stand, eine Welt für sich,
hoch und heiß und sengend am Rande der Leere. _Muspelheim_ hieß
diese Welt, und Feuergeister waren, was aus der Weltenseele in sie
hinübergeglitten war.
Weiter sann die Weltseele. Und sie sann hinter dem feurigen Gedanken
her, der Muspelheim entzündet hatte und nun unaufhaltsam war. Nicht
Wärme, nicht Kälte hatte die ungeheure Leere gekannt. Nun aber, da
an ihrem Südrande Muspels Flammen lohten, ward sich der Nordrand der
Kälte bewußt, und die dunklen Nebel brauten, daß es eine Welt voll
Nebel war und _Niflheim_, Nebelheim geheißen. Die Nebel aber stiegen
auf und wurden _Luft_, und sie stiegen nieder und wurden _Wasser_.
Und die Wasser Niflheims strömten in die ungeheure Leere, die sie
zur Eisschicht erstarren ließ, und die Wasser strömten immerzu, und
Eisschicht lagerte sich über Eisschicht, bis die Leere ausgefüllt
war. Und die Stürme, die aus Niflheims Luft wuchsen, zermürbten die
Decke zu Schnee und Reif, und die Glut, die aus Muspelheims Flammen
hinüberlangte, mischte Glutasche hinein und schmolz das Wasser hinaus,
daß _Erde_ wurde und aus Erde, Wasser, Feuer und Luft die Wildnis der
_Erdenwelt_. So ward die Erdenwelt geboren und geschwängert von allen
Gedanken der Weltseele.
Die irdischen Gedanken aber lagen nahe der Oberfläche und drängten
nach Form und Gestalt, hastig und ungeschlacht, während die göttlichen
Gedanken noch in der Tiefe lagen und über Vollkommenheit sannen. Und
als der Funkenregen, der von Muspelheim herüberstob, kaum erst die
oberste Reifschicht durchbrochen und die vorgeschobenen, die irdischen
Gedanken der Weltseele mit seinem lebenheischenden Anruf getroffen
hatte, rissen die noch unvollkommenen sich los, griffen nach dem
rohen Stoff und gedachten wenig des göttlichen Geistes, und als Erstes
entstand ein Ungetüm, das alle Erde, die da wurde, in sich fraß, und
alle Wasser, die da rauschten, in sich schluckte, das alle Luft aufsog
und alle Feuerwärme für sich begehrte -- der _Riese Ymir_.
Der Riese Ymir wälzte seinen immer hungrigen und durstigen Leib im
dampfenden Reif, und wo er ausruhte, drohten seine massigen Gliedmaßen
das junge, lebenhegende Erdreich zu ersticken. Und als er sich
übernommen hatte an Speise und Trank und ächzend lag, rieb er im
Angstschweiß seine Hände, und es sprang ein neues Riesenpaar heraus,
das dem Vater beistand im Fressen und Schlucken, und er rieb seine Füße
aneinander, da zeugten auch diese ein Riesenpaar, das noch ungefüger
war, als das erste. Sie alle aber wußten nichts, als ihren Bauch zu
mästen und Kinder zu zeugen, die dasselbe taten, und die Luft mit ihrem
Brausen und Brüllen zu erfüllen.
Als der Riese Ymir, unreifer Gedanken voll, sich ins Leben gewälzt
hatte, drängte eine Schar unruhiger, flatternder Gedanken ihm nach,
fanden aber, bei Ymirs gewaltsamer Ausdehnung, nicht genug des
Rohstoffes mehr, um sich einen irdischen Körper zu schaffen, und fuhren
in Grimm und Unlust als wütende und boshafte _Gespenster_ durch die
Luft und das Land. Schrate und Trolle wurden sie und Maren, Truden und
schwarze Alben. Steckengeblieben waren sie in ihrem Werden zwischen
Irdischem und Göttlichem, überragten das rohe Riesengeschlecht an
Witz und Geist, reichten dennoch nicht heran an das Erhabene, das dem
Geist erst seine edle Führung gibt. Unstet und zerfahren, ohne Zucht
und Ordnung, vermehrten sie den Wirrwarr, den die riesischen Urnaturen
verübten, jagten mit ihnen gemeinsam und hockten ihnen auf, krochen
zwischen sie und hetzten sie gegeneinander durch Stoßen, Treten und
Zerren, und freuten sich aus sicherem Versteck, wenn die Ungeschlachten
übereinander herfielen und brüllend die eben erst gewordene Erde
zusammenstampften. So wetteiferte das ungezügelte Geisterheer mit den
rohen Naturgewalten der Riesen, die junge Erdenwelt nur als Tummelplatz
aller wilden Lüste zu nutzen und jede Entwicklung zu einer höheren Welt
im Keime zu ersticken.
Der göttliche Gedanke jedoch hatte nicht brach gelegen. Langsamer,
als die eilfertig und verwahrlost Schwärmenden, aber unaufhaltsam,
forschend, sich klärend, neuschöpfend, drang er aus der stillen Tiefe
empor zum Licht. Er nahm _nur_ die wenigen und die edlen Stoffe, die
dem stumpfen Blick der Riesen entgangen und der Gier der Gespenster
zu gering erschienen waren, und gab dem Geist die Vorherrschaft über
den Körper. Schlank und ebenmäßig formten sich die Glieder, ein jedes
untertan der Verrichtung, die es erfüllen sollte, und sinngemäß danach
erschaffen. Stark wölbte sich die Brust, straff spannten sich die
Muskeln, blau blitzten die Augen und goldfarben wehte das Haar. In der
Wärme des Tags stand _der erste Gott_. Und er nannte sich Buri.
Gewaltig in wilder Naturkraft stand der Riese Ymir. In Schönheit stand
Buri, der Gott, und sein Geist war höher als des Riesen Felsenhaupt.
Und als der erste Gott geruhsam erforscht hatte, was der Erdenwelt
not tue, schuf er sich lächelnd um in seinen Sohn Bur, der sonach
erdgeboren wurde aus göttlichem Geist und sich ein Weib aus der Riesen
Geschlecht wählte und sich aus ihr heraus, zum dritten Mal, neu erschuf
in drei Söhnen, _Wodan_, _Wili_, _We_. Damit die erhabenen Götter das
gerechte Empfinden behielten für irdische Dinge.
_Asen_ nannten sie sich, die »göttlichen«. Ihr Haupt und Held war
_Wodan_. --
Immer noch lag die Erdenwelt wie eine wüste Wildnis. Ymir, der Fresser
und Säufer, lastete mit seiner zahllosen Sippe zu schwer auf ihr,
als daß sie hätte atmen und gedeihen können. Über ihre ganze Länge
und Breite schob sich schon sein Leib. Sein Blick aber ging nicht
weiter als bis zu der tückischen Geisterschar, die ihn mit blödem
Blendwerk umgaukelte und ihn und seine Sippe billigen Zauber lehrte
statt fruchtbringende Arbeit. Dreimal hatten sich die erhabenen
Götter umgeschaffen, um immer vollkommener zu werden für die Größe
ihrer Sendung und ihrer Aufgabe. Das ungeschlachte Riesengeschlecht
hielt sich für vollkommen, wie es roh aus dem Reife stieg, und griff
mit tölpelhaften Händen nach den Erzeugungen der Erdenwelt, um sie
zu vertilgen, statt zu vermehren und zu veredeln. So verschwand die
Erdenwelt im unersättlichen Bauche Ymirs und seiner Sippe, und alles
Weiterwerden drohte zu vergehen.
Wodan, der junge, sah es, und er rief Wili und We, seine Brüder, und
sie gingen zu Ymir, als er auf dem Rücken lag und verdaute. Das war
sein einzig Tagewerk.
»Wozu bist du hier?« fragte ihn Wodan.
»Ich bin hier, um zu leben«, knurrte Ymir böse. »Die Erde sorgt, daß
ich wachse.«
»Nein,« sagte der Ase, »du lebst, damit die _Erde_ wachse. Kannst du
weiteres verstehn? Steh auf und schaffe.«
Da drehte sich der Riese wie ein Flegel auf den Bauch und wies die
Kehrseite, daß die Männer und Weiber seiner Sippe vor Vergnügen
brüllten und sich das Mißgunstvolk der Maren und Schrate, der Truden
und Alben meckernd in der Luft überschlug.
Wodan lachte über die Welt hin.
»Packt an,« gebot er den Brüdern. Und sie packten den ungefügen
Erdenkloß, den Erdaussauger, zu dritt, hoben ihn hoch und zertrümmerten
ihn an dem Felseneis.
Krachend schlug Ymirs Riesenleib über die Erde, daß sie fast
zerschmettert war und in kreischendem Getöse bebte und schütterte.
Brausend und alles mit sich reißend schoß aus dem zerplatzten
Riesenleib das Blut, und so gewaltig und ungeheuerlich waren die
Blutströme, daß sie die Erdenwelt überschwemmten, die gähnenden Klüfte
in schäumende Seen wandelten, bis zu den Gipfeln der Eisberge stiegen
und alles Lebende ersäuften. Das Riesengeschlecht watete durch die
Fluten. Das brüllende Lachen war ihm vergangen. Das Blutmeer stieg
ihm an den Hals. Männer hoben ihre Weiber, Weiber ihre Kinder auf
die Schulter, daß sie sich auf die Eisberge retteten. Mit entsetzten
Blicken hingen sie an den Höhen. Und eine heulende Blutwoge schlug
sie herunter und ertränkte und erstickte sie im Knäul der zappelnden
Riesenleiber. Als die Sintflut sich verlief, war Ymirs Geschlecht
vertilgt. Nur in ferner Ferne fuhr noch ein einziger Riese mit seinem
Weib auf einem Floß dahin, ließ sich von der verlaufenden Flut treiben
weithin bis ans Ende der Welt -- und entkam.
Auf dem höchsten Grat, hoch über der Sintflut, stand Wodan mit seinen
Brüdern.
»Sieghaft auferstehn soll der erhabene Geist über die rohen
Stoffgebilde. Beseelen soll er die wilden Naturgewalten, sie zur
Ordnung leiten und zu schöpferischer Arbeit. Nur das ist Leben.«
Über die Sintflut hinweg jagte das heulende Heer der Spukgestalten und
suchte sich in kreischender Angst vor dem Blick des gewaltigen Gottes
zu verbergen.
»Verruchtes Volk der Halbheit,« ergrimmte der Gott. »Von den Göttern
holtest du Wissen und wandeltest das Göttliche in gemeine Lüste und
billigen Zauberspuk, der die Irdischen gierig macht in die Tiefe und
ihre Augen für das Höchste verblödet. Ich fege euch weg!«
Und wie der Sturmwind fuhr Wodan hinaus und würgte zwischen den Händen,
was er erfassen konnte von den tausenden von Truggespenstern, und hing
die erdrosselten an seinen Gürtel. Und nur wenige waren, die ihm in
den Ritzen und Ranken entkamen.
Der wilde Jäger kehrte zurück. »Ich werd' dich noch jagen manche
Sturmnacht, lichtscheues Gesindel,« lachte er in den Bart, warf seine
Last ab und strich sich aufatmend über die Brauen. »An die Arbeit
jetzt!«
»Du bist Haupt und Held,« sprachen Wili und We, die Brüder, »_Allvater_
bist du, und ein Führer muß sein selbst unter Göttern. Wir ratschlagen
mit dir. Dein ist der Befehl!«
Da ratschlagten die Götter in ernstem Wägen, um eine Ordnung zu
schaffen, in der ein jedes seinen Platz erhielte und seine Bestimmung.
Und sie nahmen den Schädel Ymirs und richteten ihn auf ragenden Säulen
als Himmelskuppel auf, und das Gehirn ward zu Wolken, die das Wetter
bargen. Aus Ymirs Fleisch schufen sie das gesättigte Erdreich, aus
den beinernen Knochen Stein und Fels, aus dem wirren Haar Bäume und
Gesträuch, aus dem Blut das brausende Meer. Sie zogen dem Riesen
die scharfen Wimperhaare aus und bauten aus ihnen kreisrund um das
wirtlichste Land einen mächtigen Wall gegen das ungebärdige Meer und
die Tücken der zum Weltend entflohenen Riesen. Und sie nannten das
inmitten gelegene Land, das von einem neuen Geschlecht bevölkert
werden sollte, _Midgard_. Und den Himmel, den sie als Wohnung der Asen
bestimmten, nannten sie _Asgard_. Die Funken aus Muspelheim fingen
sie auf und hingen sie als Leuchten an den Himmel. Die außengelegene
Welt aber, in die sich die letzten Riesen und das irrlichtende Volk
der Alben und Trolle geflüchtet hatten, nannten sie _Utgard_, und tief
unter die Erde verwiesen sie Niflheim, die Nebelhölle, die Totenwelt.
Und Allvater sprach: »Der göttliche Gedanke hat sich noch nicht
erschöpft. Zusammen ruf ich seine ganze Kraft.« Und er hob die Hände an
den Mund und stieß einen Ruf aus, der in die Tiefen der Unendlichkeit
ging: »Herbei, was göttlich ist in aller Weltenseele seit Urbeginn!«
Da stieg aus der fruchtbar gewordenen Erde _Frigg_ hervor, die erste
Göttin, und lehnte sich an Wodans Schulter. Und es sammelte sich ein
Kreis lichter Gestalten um den obersten Gott, und sie alle suchten
ihren Platz und hörten Wodans Gebot. Eine Schar der Lichtgötter aber,
die sich _Wanen_, die Wissenden, nannten, jauchzten in die junge Welt
hinein, faßten sich an den Händen zum Reigen und schwangen sich, des
Jubels voll, hoch in die frühlingslauen Lüfte. Von der Stätte der
harten Arbeit verloren sie sich im Spiel, und sie beschlossen, singend
und klingend, ein milderes Reich im Reiche zu gründen unter der
Herrschaft der Schönheit und des Glücksgenusses.
Mit den erstgewordenen Göttern, den Göttern seit Urbeginn, stieg Wodan
auf gen Asgard, die Schöpfung zu vollenden, zu veredeln, zu leiten.
Die Erdenwelt war lebendig in der Natur. Allvater gedachte, ihr das
göttliche Leben zu geben in dem _Menschen_. --
Unter den Urgöttern aber stand an ragender Stelle der Schwertgott
Tuisko, _Teut_, der den Mannus zeugte, den Mann. Mannus gab drei
Söhnen das Leben, Ingo, Isk und Irmin. Sie wurden die Stammväter der
Ingävonen, der Iskävonen und der Erminonen, der drei Hauptstämme der
Teutmänner, _der Deutschen_.
Der Menschen Werden und Wachsen.
In Asgard saß Wodan, der Götter Haupt und Held. Eine Türschwelle hatte
er vor dem Götterheim zu einem Hochsitz geschichtet. Wohl erwählt war
der Platz, denn von dem Hochsitz aus überschaute Allvater die ganze
Welt und alles Werden und Vergehen. Und er sah mit durchdringendem
Auge, daß im Leibe der Erde ein seltsam Leben wimmelte.
Er berief den Götterrat, und sie erforschten, daß des Riesen Ymirs
träges Fleisch voller Maden gesteckt habe, die sich, mit der
Verwandlung von Ymirs Fleisch in fruchtbaren Erdboden, ebenso zu einer
höheren Stufe entwickelt hatten und als absonderliche _Zwerge_ und
_Wichte_ zwischen den Rippen der Erde wühlten. In guter Laune formten
und feilten die Götter an den drolligen Gestalten, ohne sie um vieles
schöner herausputzen zu können, schlossen sie deshalb vom Tageslicht
aus und bannten sie ins dunkle Erdinnere zurück, beschenkten sie aber
in göttlichem Mitleid mit Verstand und Rückerinnern.
Und Allvater sprach:
»Nur der vermag das Sonnenlicht auf Erden zu ertragen, der in der Sonne
geboren ist. Das Sonnenlicht hebt die Gedanken stolz und hoch zum
Himmel und schafft ihnen höhere Gleichnisse. Darum taugt es nicht, daß
die Unterirdischen die Macht auf Erden gewinnen, denn ihre Gedanken
steigen in die Dunkelheit und zum wimmelnden Gewürm.«
Und Wodan warf seinen Sturmmantel um und entbot _Hönir_, den Gott des
Waldes und der Heide, und _Loki_, den Heißen und Leuchtenden, dem das
Feuer untertan war, und fuhr mit den Ratgesellen zur Erde.
Sie wanderten dahin im Licht der Sonne, die aus Muspelheims Funken am
Himmel hing, und das Schweigen der Wälder umgab sie. Prüfend gingen
ihre Augen über alles, was war. Und sinnend schritten die drei Götter
dahin.
Da bot sich ihnen auf der Lichtung eines Hügels ein wunderbares Bild.
Kraftvoll war es und lieblich zugleich. Vom Schatten des Waldes
umkränzt, hob sich sonnenübergossen der blumige Hügel, und eine
mächtige Esche reckte sich daraus und eine breitausladende Ulme, und
beide streckten sie ihre Wipfel sehnsüchtig dem Himmel entgegen, und
sehnsüchtig vermählte sich ihr starkes Untergeäst, als wollte ein Baum
den anderen stützen und umschlingen, und ihre Wurzeln tranken tief aus
der Erde, während ihre Wipfel hoch nach dem Himmel verlangten.
In lächelnder Gewähr blickte Allvater Wodan auf das Bild, segnend stand
Hönir, der Wälder Gott, feurig und leidenschaftlich trat Loki heran.
Und Wodan nickte mit dem Haupt und strich mit leisen Händen über die
Rinde der Bäume. Und von seinen Händen ging eine Kraft aus, die drang
in das Mark der Esche und drang in das Mark der Ulme und erfüllte beide
mit der göttlichen Seele.
Da ging ein Raunen und Rauschen durch die Bäume von der Wurzel bis zur
Krone.
Und Hönir tat wie Wodan und streichelte liebkosend Stämme und
Blätterdach und flüsterte mit ihnen.
[Illustration: »Da standen Esche und Ulme horchend und wurden
sehend ...«]
Da standen Esche wie Ulme horchend und wurden sehend und regten ihre
Äste und standen, mit offenen Sinnen, in freier Bewegung in all der
Sonne.
Der feurige Loki aber sprang vor, riß sie an seine Brust, daß sie
taumelnd die Glut seines Herzens spürten, ließ einen Blutstropfen in
sie überspringen und gab die Menschgewordenen aus seiner brünstigen
Umarmung frei.
Auf der Erde standen _die ersten Menschen_. --
Und die ersten Menschen sahen die Götter und sahen dann sich selbst.
Und sie erblickten in ihren Augen die Sonne des Himmels und schritten
mit heißen Wangen aufeinander zu und faßten sich bei den Händen.
_Ask_ hieß die Esche. _Embla_ die Ulme. So hießen die ersten Menschen.
Und Embla lehnte ihr Haupt an die Schulter des Ask, wie Frigg getan
hatte, die erste Göttin, als sie Wodan erblickte.
Da winkte Wodan seinen Gefährten und fuhr mit ihnen gen Asgard zurück.
»Wir gaben ihnen viel,« sprach Wodan, »mehr noch müssen sie sich selber
geben.«
Die Gefährten suchten Allvaters sinnenden Blick.
»Die Erkenntnis,« sprach Wodan, »daß sie nur mit den Göttern
Edelmenschen und Herren der Erde sind; ohne die Götter -- Schlagholz im
Walde.«
Loki erwiderte: »Aus dem Schlagholz im Walde springt hell und lustig
die Flamme. Das deucht mich kein übles Los.«
»Wehe den Menschen,« sprach Wodan, »die göttliches Feuer mit irdischer
Flamme verwechseln. Die irdische Flamme ist die Zerstörung, die
göttliche führt zur Ewigkeit.«
Da schwieg Loki. --
Auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß Wodan und blickte
über die ganze Welt. Von den Tieren, die er erschaffen hatte, hatte
er zwei Raben ausgewählt, die hießen Hugin und Munin, Denkkraft
und Erinnerung, und hockten ihm zur Rechten und zur Linken auf der
Schulter. Täglich sandte er sie über die ganze Welt hinaus, und was sie
auf ihren Flügen erspäht hatten, flüsterten sie Wodan ins Ohr, wenn sie
auf seinen Schultern hockten. An seine Füße schmiegten sich zwei graue
Wölfe, Geri und Freki geheißen, des Gottes würgende Jagdhunde, wenn er
als wilder Jäger durch die Lüfte brauste oder über die Walstatt der
Kämpfer.
Von Asgard, der himmlischen Heimburg, blickte mit Wodan die Schar der
Götter hinunter nach Midgard, ins Land der Menschen. Und der göttliche
Teutsohn Mannus ersah mit Freuden ein kraftvolles Menschenkind mit
goldrotem Haar und blaublitzenden Augen, das der Umarmung des Ask und
der Embla entsprossen war, und er suchte sie auf in Midgard, und sie
verbanden sich in Liebe und Kraft. Da wurden ihre Söhne Ingo, Isk und
Irmin nach Ask, dem Urvater, die ersten Männer, die über das Erdreich
schritten, und waren die Stammväter der Deutschen.
Unter den Göttern war _Heimdall_, der lichte Ase, den Wodan zum Wächter
gesetzt hatte über alles Geschehen. Nie kam ihm der Schlaf. Vor der
Sonne schon beleuchtete er den Himmel- und Erdenkreis mit goldenem
Frührot und horchte aufmerksam auf die Atemzüge der Welt. Heimdall aber
sah, wie schnell sich das Menschengeschlecht vermehrte und wie es nicht
zum frohen Genusse des Lebens kam, weil ihr Schaffen ungeordnet war und
ein Jeder jede Arbeit tat, ohne sie recht zu verstehen. So mühten sie
sich ohne Erfolg und bald ohne Freude und brachten es zu nichts. Das
bekümmerte den guten Gott, und er beschloß Wandel.
In menschlicher Gestalt betrat er die Erde und spähte in alle Hütten.
Und er ersah ein Ehepaar, das war knochig und gedrungen und muskelhart
an Armen und Beinen. Es buk sein schwarzes Brot aus den Körnern, wie
sie vom Felde kamen, und trank die Milch warm, wie sie die Euter
der Kühe spendeten. Zu ihnen trat Heimdall als Gast, und als er mit
ihnen gegessen und getrunken hatte, weissagte er ihnen, daß aus der
anspruchslosen Kraft die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er
schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frühlicht.
Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben von schwerem Körperbau,
und als er aufwuchs, rodete er Äcker, bestellte sie von morgens bis in
den Abend und umzäunte sie, bewässerte Wiesen und schuf Weideland für
Pferde und Kühe, Ziegen und Schafe und trieb die Schweine zur Mast in
den Eichenwald. Er arbeitete im Schweiße seines Angesichts und lehrte
wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
Mühen, und wenn er durch die wogenden Saaten schritt und durch die
wachsenden Herden, sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk
meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
meine Liebe schenkte.
So wurde der _Bauernstand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
Wächter.
Und Heimdall spähte weiter in alle Hütten der Menschen, und er
erschaute ein Ehepaar, das war stattlich und von kluger Stirn, hinter
der die Gedanken arbeiteten. Der Mann hatte der Frau einen Spinnrocken
geschnitzt und sich selber einen Webestuhl, und sie spannen und webten
Linnen und Tuch und schmückten sich mit den schönen Gewändern, auf daß
sie eine immer größere Freude aneinander hätten trotz Wind und Wetter.
Bei ihnen trat Heimdall ein, und sie luden den Fremdling zu Gast, und
die Frau kochte auf dem Herdfeuer ein feines Gericht aus den Kräutern
des Gartens und zartem Fleisch. Und als der Gott sich gesättigt hatte,
weissagte er ihnen, daß aus der durchdachten Kunst ihrer Handfertigkeit
die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde, und er schlief bei ihnen in
der Kammer und schied im Frühlicht.
Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der war schlank und
gelenkig und von besonderem Verstande. Als er aufwuchs, zimmerte
er kunstvoll verzierte Häuser und weitgeschwungene Hallen, baute
Schmiedewerkstätten, in denen aus den Erzen der Erde köstlicher Schmuck
bereitet wurde und aus dem Eisen Schwerter und Pflugscharen, veredelte
Rocken und Webstuhl und mit ihnen Gespinnst und Tuch und tauschte seine
Erzeugnisse mit den Früchten des Bauern und dem Fleiß aller Welt. Sein
Tagewerk ging grübelnd und wirkend bis in die Nacht, und er lehrte es
wiederum die eigenen Kinder so, denn sein Gemüt war fröhlich bei allem
Mühen, und wenn er durch Häuser und Hallen und Werkstätten schritt, und
sein Auge Gewebe und Schmuck jeder Art, Waren und Werkzeuge musterte,
sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Hauptes und
meiner Hände, und es ward, weil ich es verstehen lernte und ihm all
meine Liebe schenkte.
So wurde der _Gewerbestand_, und er war göttlich durch Heimdall, den
Wächter.
Und zum drittenmal spähte Heimdall in alle Hausungen der Menschen, und
er erblickte ein Ehepaar, das war schlank und muskelhart zugleich,
stark und furchtlos wie kein anderes, und wer Rat und Tat suchte,
klopfte an seine Tür. Der Mann kam staubbedeckt von der Jagd, warf
das Untier des Waldes, den erlegten Bären, vor die Feuerstelle und
spannte den Bogen neu und schärfte die Speerspitze nach, bevor er sich
erfrischte. Lachend schloß die schöngeschmückte Hausfrau den Wilden in
die Arme. Und er saß bei ihr, den Arm um ihren Nacken geschlungen, und
besprach mit ihr all sein tapferes Planen gegen das Raubzeug der Tiere,
der Menschen und der bösen Geister, und sie gab ihm Rat und rief das
Gesinde der Mägde und lehrte sie, das Wildpret zerlegen, zubereiten und
die Armen und Hungrigen damit sättigen. Und Heimdall trat zu dem edlen
Paar an den gastfreien Tisch, ließ sich den Bärenschinken munden und
den schäumenden Met aus dem Auerochsenhorn, freute sich der würzigen
Reden und weissagte den Starken zum Dank, daß aus ihrer Kraft und ihrem
hochgemuten Sinn die Fülle des Wohlstandes erwachsen würde über das
Haus hinaus zum Besten aller, die um das Haus sich scharten. Und er
schlief bei ihnen in der Kammer und schied im Frührot.
Die Frau aber gebar nach kurzem einen Knaben, der hatte die Kraft des
Bären, die Schnelligkeit des Hirschen, das Auge des Falken. Stärker
aber, rascher und schärfer noch war sein Geist. Und Geist und Körper
waren wie Blitz und Schlag. Als er der Wiege entsprang, rannte er in
den Wald, erkletterte er die Berge und ließ sein Jauchzen erschallen,
daß die Menschen, die ihn hörten, Kopf und Nacken streckten und das
Echo jubelten. Auf der Wiese griff er sich die Hengste und ritt mit
den Winden um die Wette, ohne zu ermüden. Sein Pfeil holte den Vogel
aus der Luft, sein Speer den Wolf auf der Flucht. In der Brandung der
See kämpfte er mit den geschmeidigen Robben, als stände er auf festem
Land. Und wo es Hilfe galt, war er der erste. Als er heranwuchs, baute
er eine feste Burg, und die Nachbarn siedelten sich an im Schutz
seiner Mauern und seines Schwertes. Im Kampf mit dem Feind war er
allen voran und zeigte den Seinen den Sieg! Im Gericht kannte er nur
die Gerechtigkeit, dann erst die Milde. Im Rat aber war er, daß alle
Nachbarn ihm ihre Sorgen brachten, und er nahm sie, als wären es
die seinen. Sein Leben war Kampf und Sieg, für die andern mehr denn
für sich, Tag und Nacht, ohne die Rast des Bauern, ohne die Ruhe des
Bürgers, und er lehrte es wiederum die eigenen Kinder so, denn sein
Gemüt war fröhlich bei allem Mühen, und wenn er durch die Schanzen
seiner Burg, durch die Reihen seiner todesmutigen Mannen, durch die
Gehöfte und Siedlungen der glücklichen Bauern und Bürger schritt,
sprach er stolz zu sich: Dies alles ist das Werk meines Geistes, der
mich und die Scharen lenkt, und es ward, weil ich es verstehen lernte
und ihm all meine Liebe schenkte.
So wurde der Stand der _Krieger_ und _Heerkönige_, und er war göttlich
durch Heimdall, den Wächter.
Von Stund an tat jeder der Stände seine Pflicht in seinem Kreis, und es
herrschte in der Menschen Leben, ihrer Arbeit und ihrer Freude Ordnung
und Lohn. --
Lächelnd reichte Wodan Heimdall die Hand zur Heimkehr. Auf dem
Hochsitz über der heiligen Türschwelle saß er und ließ eine Esche
wachsen, die ihre Wurzeln in alle Welten senkte und deren Krone bis
nach Asgard ragte. Drei Wurzeln senkte sie hinab. Die eine saugte
ihre Säfte aus einem Brunnen unter Midgard, der Menschenerde, an dem
die _Schicksalsfrauen_ wohnen, die Nornen Urd, Skuld und Werdandi,
die Künderinnen alles Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen im
Menschenleben. Die zweite Wurzel saugte ihre Säfte aus einem Brunnen
unter Niflheim, dem Geheimnis der Totenwelt, und der Drache _Nidhögg_
benagt sie, um sie zum Sterben zu bringen. Die dritte Wurzel aber
saugte ihre Kräfte aus einem Brunnen unter Utgard, der Welt der Riesen
und Trolle, und _Mimir_ birgt sich in ihm aus Ymirs Geschlecht, der
Wissen und Weisheit aus der Urzeit bewahrte, bevor die Götter waren.
_Yggdrasil_, Baum des Gerichts, hieß die Esche, die Allvater gepflanzt
hatte, um alle Welten fest ineinander zu wurzeln unter der Herrschaft
des Himmels. Einen Adler setzte er in die Krone mit einem Falken
zwischen den Augen, daß ihm nichts entgehe. Ein Eichhörnchen hüpft den
Stamm hinauf und hinunter und hinterbringt dem Adler und dem Drachen
alle Scheltworte, die der eine dem anderen gönnt. So bleiben sie alle
zornig wach.
Und Allvater lachte zufrieden. -- -- --
Das goldene Zeitalter.
Ein Frühling, der nie verging, blühte und duftete über Asgard, und die
Götter gingen einher mit seliglachenden Augen. Die wilden Naturkräfte
waren gebändigt, in ihre Schranken verwiesen und dem Wechsel der
Jahreszeiten dienstbar gemacht. Jenseits des breiten Meergürtels, den
die Asen um Midgard gelegt hatten, hausten die Riesen. Auf der Erde
wuchs zahlreich und kräftig das Menschengeschlecht empor und brachte an
heiligen Stätten den Göttern geweihte Opfer dar. Tief im Erdinnern aber
schafften die Zwerge, klopften die köstlichen Erze aus dem Gestein und
schmiedeten wunderbares Geschmeide, mit dem sich die Götter schmückten.
Das schwerste Tagewerk, die Erschaffung und Ordnung der Welt, war
geschehen. Es war die Zeit, in der die Götter an sich selber denken
durften und an frohe Feiertage.
Geschwisterlich vereint, einer dem anderen in Liebe zugetan, durchzogen
sie die Blumenwiesen Asgards und bauten sich himmlische Burgen auf mit
ragenden Hallen und zahllosen Fenstern zum Ausblick auf das Riesenland
und die Menschenerde. Viele Namen gaben die Menschen den Göttern je
nach der Sprache, in der sie sie verehrten, und die Nordmänner riefen
den allweisen Wodan _Odin_.
Gladsheim hieß Wodans goldglänzende Burg in Asgard, die »Welt der
Wonnen«, und der mächtigste Saal darin war _Walhall_. Ebenbürtig war
ihm in Gladsheim nur ein zweiter, _Wingolf_, die heitere Halle der
Göttinnen. Mit Frigg, seiner hohen Gemahlin, zeugte Wotan herrliche
Asensöhne. Der herrlichste und beste unter ihnen war _Baldur_, der
Lichte, den alle Götter mehr liebten als sich selbst, weil er das
Vollkommenste war an Leib und an Seele, was Asgard hervorgebracht hatte
und durch seine frühlingsfrohe Erscheinung, die kraftvolle Schönheit
seines Wuchses und die Reinheit seines Gemütes Freude hervorrief,
wo immer er ging. Breidablick hieß sein glänzender Saal, blank wie
die Sonne, und nichts Unreines durfte über die Schwelle. Vorbildlich
in allen Tugenden des Himmels und der Erde, hell und klar wie der
sonnige Tag stand Baldur vor Göttern und Menschen, und sein Sohn,
_Forsetti_, den ihm sein glückliches Gemahl _Nanna_ geschenkt hatte,
saß im Himmelssaale Glitnir als Gott der Gerechtigkeit und übte die
richterliche Obergewalt. _Hermodur_ aber, der schnelle Götterbote, war
Baldurs Bruder und hing ihm zärtlich an.
Neben seinem Vater Wodan ragte über alle Asen _Donar_ hinaus, den die
Nordmänner _Thor_ riefen. Nichts kam seiner Körperkraft und seinem
heldischen Mute gleich. Er liebte die Menschen und ihr fruchtbares
Ackerland, bekriegte die Unholde und Riesen, die die Erde bedrohten,
und brauste mit seinem Bockgespann durch die Wetterwolken, daß sie der
dürstenden Erde die heilbringenden Gewitterregen spenden mußten und
die erfrischende Luft. Tanngniost, der Zahnknisterer, und Tanngrisnir,
der Zahnknirscher, hießen die Böcke vor seinem Wetterwagen. Seine
Halle aber hieß Bilskirnir, der Blitz. Selten war er daheim, der
Vielbeschäftigte, und die Menschen, wo immer sie den nährenden Boden
bestellten, liebten ihn in ihren Herzen und Hirnen über alle die
anderen Asen und hingen ihm an in Not und Gefahr, denn sie fühlten
sich ihm nahe, weil _Jord_ seine Mutter gewesen war, die Erdgöttin.
Darum liebte auch er den Bauernstand. Seine Gemahlin war _Sif_, die so
schönhaarig war wie goldenwogendes Getreidefeld. Seine Tochter _Thrud_
wuchs auf in des Vaters gütiger Art, während seine Söhne, _Modi_, der
Zorn, und _Magni_, die Kraft, des Vaters Kämpferblut ererbt hatten.
Bedurften die Götter des stärksten aller Asen Hilfe, so riefen sie
nur seinen Namen, und wie der Blitz stand Asathor unter ihnen. Das
Volk der Menschen aber opferte dem Stärksten der Starken unter den
ragendsten Eichen.
Donar-Thor am nächsten an Heldenhaftigkeit und Sorge um Menschenvolk
und Menschenerde stand Tuisko, _Ziu_ genannt und von den Nordmännern
_Tyr_. Als Gott über den strahlenden Himmel gesetzt, beschenkte er
die Erde mit Wärme und Licht, bevor die Nacht kam, und steigerte ihre
Fruchtbarkeit. Feind war er darum allen zerstörenden Kräften und
hob das Schwert gegen die gierigen Kriegerscharen, die sengend und
mordend ins Land fielen. Als Schwertgott feierte ihn deshalb das Volk,
ritzte seine Runen in die Klingen und huldigte ihm in Schwertertänzen,
wenn es galt, die Jünglinge mutig und mannhaft zu machen; in
Menschenopfern, wenn es unter stürmischer Anrufung seines Namens die
Schlachtreihen des Feindes durchbrochen und niedergestreckt hatte. In
heiligen Hainen verehrte ihn das dankbare Volk, und es bezeugte dem
strahlenden Himmelssieger die Ehrfurcht des Menschenkindes, daß es
seinen Tempelhain nur in freiwillig gewählten Fesseln und tief zur Erde
gebeugt betrat. Weiße Rosse waren dem Schwertgott heilig, die mit den
Hufen salzige Quellen geöffnet hatten zur Kräftigung der kriegswunden
Glieder, und das Wiehern der Rosse galt als Weissagung.
Wie der frühlingsfrohe Baldur als Gott des Tages, so herrschte der
blinde _Hödur_ als Gott der Nacht. Einsam war er und schweigsam.
Nur wenn das Licht sich neigte, trat er in die Dämmerung, um in das
Dunkel zu wandern. Und da er blind geboren war, wußte er wenig von dem
fröhlichen Tun der Götter, die ihn still seine Wege gehen ließen.
Auch _Hönir_ wohnte in Asgard, der Fahrtgenosse Wodans, der dem ersten
Menschenpaare in Midgard die Seele geschenkt hatte und die Bewegung der
Glieder. Er machte wenig Worte und war ein Mann des Friedens und der
Ruhe.
Königlich anzusehen war _Uller_, der über den Winter gesetzt war und
auf gewaltigen Schneeschuhen über Schnee und Eis dahinstob, mit Pfeil
und Bogen das Wild zu jagen. Ihm jubelten die Jäger zu.
Am königlichsten neben Wodan-Odin erschien _Loki_, der Gott des Feuers
und der Hitze. Von verführerischer Anmut und blendender Geistesschärfe,
berufen, neben Allvater zu stehen, fehlte ihm Wodans Willenskraft und
Baldurs sittliche Größe, so daß er oft und gern seine hohen Gaben
verwandte, um durch übermütiges Trugwerk und geistreiche Listen das
Gelächter der Götter zu erregen und sich im billig erworbenen Ruhm zu
sonnen. Da es seiner Herrschsucht und Eitelkeit nicht gelungen war, der
Erste der Götter zu werden, so wünschte er ihnen seine überlegene List
und Klugheit ständig zu bezeigen, und was zuerst ein leichtfertig Spiel
erschien und lustiges Gelächter erregte, konnte leicht zu unheilvollem
Ernst werden, wenn die Götter ihm nicht die Grenzen seines Tuns
umschrieben. Als Wodans Fahrtgenosse bei der Erschaffung der Menschen
hatte er dem ersten Menschenpaare einen Tropfen seines Blutes vererbt:
die ungezügelte Leidenschaft. Die Menschen aber fürchteten sich vor
dem unbeständigen, bald schmeichlerischen, bald jähzornigen Gott und
hielten sich in ihren Anrufungen vor seinem Namen zurück.
Asgards Wächter, der treue _Heimdall_, saß als Markgraf in seiner Halle
an der Brücke _Bilfrost_, die sich wie ein Regenbogen vom Himmel zur
Erde spannte. Der Scharfäugigste war er und der Hellhörigste. Hunderte
von Tagereisen weit sah sein Auge durch Tag und Dunkel, und sein Ohr
hörte das Gras auf der Erde, die Blätter an den Bäumen, ja die Wolle
auf den Schafen wachsen. Er war der Früheste, denn er schlief nicht
ein, weil er aus der Dämmerung des Abends schon die Dämmerung des
Morgens ersah. Keinen besseren Mann konnten die Götter an die einzige
Brücke stellen, die gen Asgard führte. --
Ein Frühling, der unvergänglich schien, blühte und duftete über
Asgard, und die Götter gingen einher mit seliglachenden Augen.
Geschwisterlich vereint, einer dem andern in Liebe zugetan, durchzogen
sie die Blumenwiesen, trieben ritterliches Spiel, huldigten Frigg,
der erhabenen Himmelsmutter, und den jüngeren Göttinnen ihres Hofes,
_Saga_, der weisen, mit der Allvater den Trunk des Wissens aus goldenen
Schalen schöpfte, _Fulla_, der listigen Vertrauten der Himmelsmutter,
_Menglod_, der flammenden Morgenröte, _Idun_, der jugendschönen, der
ewig jungen, die die Zauberäpfel bewahrt, von denen die Götter essen,
um nimmer zu altern, _Gefjon_, der klugen, zu der die Mädchen beteten.
Manche gleich schöne, gleich kluge Götterjungfrau lächelte aus Friggs
Gefolge den Götterhelden zu, wenn sie auf blitzschnellen Rossen über
die Wiesen jagten, den Speer schossen oder die heißen Schwerter über
Schild und Brünnen fegen ließen. Oder wenn sie auf den Bänken der
Halle saßen, Lieder zur Harfe sangen und den Met sich zutranken, den
die Holden ihnen in den kostbaren Trinkgefäßen reichten, gefertigt
aus blinkendem Gold von dem reichen Volk der Zwerge. Dann legten
die Götter den frohen Frauen funkelnden Schmuck um Hals und Nacken,
Edelgestein, das die Zwerge erschürft hatten, glitzernde Halsbänder und
schimmernde Kronreifen, die Flut der Locken zu fassen, und schlangen
die Arme um die schlanken Hüften und wußten nur von Liebe und nichts
von Leid, weil sie einig waren und einer des anderen sicher im selben
Sippschaftsgefühl. Und weil sie schuldlos waren und gerecht.
So lebten die Götter ihr goldenes Zeitalter, und der ewige Frühling
blühte und duftete über Asgard und sandte seine Sonne in alle Welten. --
Heiteren Auges saß Wodan auf dem Hochsitz über der heiligen Türschwelle
seines Saales, die den Ausblick bot nach Midgard, dem Land der
Menschen, und nach Utgard, dem Land der Riesen und Trolle. Seine
Jagdwölfe lagen ihm zu Füßen, und seine Weisheitsraben flogen von
seiner Schulter her und hin und kehrten geruhsamen Fluges zurück.
Denn nichts Böses gab es zu melden. Das Volk der Menschen gedieh in
den drei Ständen, in die der treue Hüter Heimdall Bauern, Bürger
und Krieger gegliedert hatte, zu Wohlstand, Glück und Ehre, und das
Riesengeschlecht lag schlemmend und zechend in den Grenzen, die ihm
gezogen waren, sang und brüllte beim Gelage, daß oft Meer und Erde
erbebte, und schielte nur zuweilen wie in erwachender Erinnerung
nach den Göttern in Asgard. Die _Thursen_, das ist die Starken,
nannten sie sich, die Asen aber nannten sie um ihrer Gefräßigkeit
willen die _Joten_, das ist die Fresser, und ihr Reich _Jotunheim_,
das Vielfraßland. Oft waren die Thursen von ebenso plumpem Wesen
wie Gliedern, und es bedurfte nur eines neckenden Wortes, daß sie
wie Schlagetote mit losgebrochenen Felsen und entwurzelten Bäumen
aufeinander loshieben. Wo aber etlichen unter ihnen Weisheit geschenkt
war, traten sie auf als Beherrscher der Elemente und lenkten Meerflut,
Sturm und Feuersbrunst. Als gewaltige Baumeister suchten sie
ihresgleichen, denn ein kleines war es für sie, Felsen auf Felsen zu
türmen und Burgen zu erbauen, die bis zum Himmel ragten. Oft waren ihre
Weiber scheußlich und verzerrt wie Strudel und Gischt, oft aber auch
über die Maßen schön wie lächelnd atmende Meeresstille.
Denn mächtige Wasserriesen gab es und furchtbare Sturmriesen, Berg-
und Waldriesen von ungeheuerlicher Stärke und hitzige Feuerriesen.
Ihre Jahreszeit hob an, wenn der Sommer geschwunden war. Der heulende
Herbst, der krachende Winter blieb ihre Freude, bis die frühlingsfrohen
Götter ihrem Gelärm Einhalt geboten.
Der gutmütigste unter ihnen war _Ägir_, der Herrscher der weiten, der
offenen Meere. Wenn die Götter ausfuhren in die Welt, kehrten sie
oft in seiner Meereshalle ein und taten gewaltige Züge Metes bei dem
fröhlichen Alten. Bösartiger Natur war _Ran_, sein Weib, die Räuberin.
Auf dem Grunde des Meeres kauerte sie und stellte grausam ihre Netze
nach den Schiffern, die über sie dahinfuhren. Neun Töchter zeugte das
Paar, die wie spielende Wellen verführerisch lockten und die in Liebe
entbrannten Söhne der Männererde in ihre Umarmung zogen und auf den
Meeresgrund, in den Todessaal ihrer Mutter Ran.
Über das Eismeer herrschte _Hymir_, der Frostriese, vor dessen eisigem
Blick Felsen zerbarsten wie Glas. Den größten Braukessel besaß er, tief
wie das Meer, aber er hielt ihn unter Schloß und Riegel als unwirscher
Gesell.
Scheusälig aber war _Grendel_ anzuschauen, der Nebelriese der
Sturmflut, mit drachenförmigem Haupt und Krallen wie Stahl, gezeugt
von einer wölfischen Mutter, die bei ihm hauste und ihm auf seinen
Unholdfahrten gierig folgte. Unheimliche Schlupfwinkel wählten sie zu
Wohnstätten, im fiebrigen Moor, in feurigen Gewässern. Und Mensch und
Tier erschauerte vor diesem fiebrigen Feueratem.
Jetzt aber gaben die Riesen Ruhe, denn der allweise Wodan hielt sie im
Bann seiner Gerechtigkeit. Nicht umsonst hatte er Yggdrasil geschaffen,
die Weltesche, die ihre Wurzeln unter Midgard, Utgard und Niflheim
senkte und ihm Wissen gab aus allen Welten. Wenn die Götter aus Asgard
hinabstiegen, um über das Menschenvolk zu richten, so stiegen sie zu
dem Brunnen der Nornen, aus dem eine Wurzel der Weltesche trank, zu
den Schicksalsmädchen Urd, Skuld und Werdandi, die die Geschicke jedes
Menschen wußten von seiner Geburtsstunde an bis zur Todesstunde. Oft
aber stieg Wodan ungeleitet zum Brunnen Mimirs, des Weisesten der
Weisen aus Ymirs Geschlecht, das Welt und Urzeit sah, bevor die Götter
waren. Und er bot ihm göttliche Freundschaft, wenn er ihm alles sagte
aus der tiefsten Tiefe.
»Wie soll ich deiner Freundschaft trauen?« sprach Mimir. »Du bist ein
Ase und ich ein Thurse.«
»Wähl dir ein Pfand,« sprach Wotan.
»Was hältst du am höchsten an dir?« fragte Mimir.
»Meine allsehenden Augen.«
»So gib mir das eine zum Pfand.«
Da gab der Gott das Auge zum Pfand und gewann Mimir zum Freunde. Und
Mimir schöpfte mit Wodans Auge die Tropfen aus der tiefsten Tiefe, und
sie saßen beieinander und raunten miteinander manche Nacht.
Einäugig kehrte Wodan gen Asgard zurück. Aus Liebe zu seiner Schöpfung,
aus Liebe zu den Göttern und Menschen hatte er sein Auge dargebracht.
Denn nun war der Allweise allwissend geworden.
[Illustration: »... und trank mit ihr aus einer Schale ...«]
Oft wandelte er in Asgard zum Wohnsitz der Saga, der ernstgerichteten
Göttin, und trank mit ihr aus einer Schale und besprach mit ihr
feierliche Dinge, die wie Gesang waren aus tiefen Brunnen. Und die Saga
ritzte sie in heilige Zauberrunen, während die Götter und Göttinnen
draußen über die blumigen Wiesen jagten und sich in Liebe fanden,
an festlichen Tafeln saßen und sich mit Kränzen schmückten und dem
funkelnden Goldgeschmeide.
Kinderselig hallte das Lachen über Asgards Wiesen, durch Asgards Hallen.
Wodans Ohr hörte es wohl. Sein Auge blickte sinnend.
Über Sagas Haar strich er und erhob sich.
»Sie sollen fröhlich sein. Lange, lange ... Denn so lange die Götter
schuldlos sind, sind sie unsterblich.«
Der Wanenkrieg.
Waffenruhe war auch auf Erden. Solange die Götter in Gerechtigkeit
ihres Amtes walteten, erhaben über Neid, Selbstsucht und Gier, und sie
zur Muße ihre heiteren Spiele trieben, eiferten die Menschen ihnen
nach und freuten sich ihres Lebens. Sie erfüllten ihr Tagewerk, und
je reicher und lohnender es war, desto fröhlicher gedachten sie der
himmlischen Spender, errichteten ihnen Heiligtümer und Altäre und
brachten ihnen in Begeisterung ihre Opfer dar.
Seltsames bewegte Wodan in dieser glücklichen Zeit. Übermütig macht
das Glück, Götter wie Menschen, und treibt sie über die Grenzen ihres
Wesens. Wenn er über der heiligen Türschwelle saß und alle Lande vor
ihm lagen, spähte er immer schärfer aus in das Leben aller Dinge,
sandte er immer häufiger seine Raben aus, werdende Geheimnisse zu
erforschen, und seine Jagdwölfe wedelten unruhig mit dem Schweif.
Ihm war, als seien Kräfte am Werk, das Glück zu erschleichen, das er
erschaffen hatte, und das Köstlichste, was den Asengöttern wurde, die
Opfer des Menschenvolkes, abzulenken. Und Wodan deutete die Vorzeichen.
Nicht überall strebte der Opferrauch gen Asgard, dem Asenhimmel. Wohl
wirbelten die Opferwolken im Saxland, das steil unter seinem Sitze
lag, mächtig wie immer zu ihm empor, doch nördlich der Sachsen, dort,
wo Dänen und Schweden saßen, trieben sie ab und suchten einen anderen
Himmel. Und Wodan erspähte, daß es der Himmel der Lichtgötter, der
_Wanen_ war, die sich beim Erscheinen der Götter in der Welt singend
und klingend von der Stätte harter Arbeit emporgeschwungen hatten, um
ein Reich der Schönheit und des Glücksgenusses zu begründen.
Da sprach Wodan zu sich selber:
»Glück ist göttlich. Glück ist der Besitz. Glücksgenuß ist irdisch.
Glücksgenuß ist die Verschwendung. Da die Masse der Menschen irdischer
ist als göttlich, wird sie nach dem Genusse greifen, statt nach dem
Glück. Und nur die Helden werden den kargeren Besitz des Glückes
wählen, der Arbeit ist und Aufopferung.«
Und Wodan hörte und erspähte alles, was er von den Wanen zu wissen
begehrte. Verschwenderisch streuten sie Fruchtbarkeit über Länder und
Seen allen, die sie anriefen, lehrten sie den Wert des Goldes, lehrten
sie, den Fleiß ihrer Hände in Gold umsetzen und das Gold in üppigen
Genuß, also, daß die Menschen nur noch zu arbeiten wünschten um des
_Goldes_ willen und um durch Gold alles zu beherrschen, Menschen und
Dinge, Länder, Völker und ihre Schätze, was immer ihnen auf Erden zum
mühelosen Genuß des Lebens verhelfen könne. Feiner und wählerischer
wurden die Anhänger der Wanen, klüger und wissender, und sie dünkten
sich bald in ihrer verfeinerten Lebensführung hoch erhaben über
die rohen Sachsen in Saxland und die anderen Völkerstämme, die auf
Wodan schwuren, den Sturmgott, auf Donar, den Gewitterbringer, und
auf Ziu, den Gott des blanken Schwertes. Über sie alle, die rauhen
und schlichten, denen die Arbeit Freude war, Kraftempfinden und
Lebenszweck, und der Feierabend das Bewußtsein ihrer hart erworbenen
und darum doppelt gesteigerten Fröhlichkeit. Und Wodan witterte die
Gefahr.
Einst, als er mit seinen Brüdern Wili und We den stumpfsinnig
verschlingenden Urriesen Ymir erschlagen hatte, hatte er die niedere
Geisterwelt gejagt, die von den Göttern das Wissen geholt aus der
gebärenden Weltseele und das Göttliche gewandelt hatte in gemeine
Lüste und billigen Zauberspuk. Tausende waren erwürgt an seinem
Gürtel geblieben, wenige nur entkommen. Aber einige waren zu den
leichtherzigeren Wanen entschlüpft, hatten sich zu wildquirlenden
Scharen vermehrt und aufs neue die gold- und zaubersüchtigen Menschen
aufgesucht, die die verschwenderisch spendenden Wanen opfernd
verehrten. So kam mit der steigenden Genußsucht der _Aberglaube_ in die
Welt, der Feind des Göttlichen. --
Aufstanden Wodans Jagdwölfe und streckten die Rute. Mit gesträubtem
Haar standen sie und warteten des Befehls des Meisters.
Nacht war es und Wodan sattelte sein Sturmroß.