Sein Zug führte ihn heimwärts.
»Es gibt noch Männer in diesem Deutschland,« dachte er, »und es gibt
noch Frauen, und es gibt noch einen Nachwuchs!« Und dann versank er in
ein Träumen -- --
14
Martin Opterberg hatte die Träume abgeschüttelt. Als ein Verjüngter
war er heimgekehrt von dem Opterberghof der Frau Christiane, als
ein Ernster und Froher zugleich. Aus klaren Augen überblickte er
die Geschehnisse der Zeit, die vergangenen wie die kommenden,
denn sein Wirklichkeitssinn sagte ihm, daß ein Volk, das die alte
Obrigkeitsgewalt mit einem bloßen Heben der Achseln abgeschüttelt habe,
in einen Taumel der Überhebung geraten müsse und jede neue von ihm
selbst bestellte Obrigkeit nur als Ausführerin der eigenen Wünsche und
Befehle ansehen würde, die bei nicht zusagender Arbeit ohne weitere
Kündigung wieder auf die Straße zu setzen sei. Ein Spatzenschreck war
sie bestenfalls, und im schlimmen Fall, der nicht außer acht gelassen
werden durfte, eine Platzhalterin für die brodelnden Gewalten der Tiefe.
Sein klarer Ernst wies ihn darauf hin, daß es Jahre des Sichtens und
Schichtens bedürfen würde, bis sich das große Leid Deutschlands in die
Erkenntnis des neuen Tages und seiner unerbittlichen Arbeitsforderungen
umgewandelt haben würde, und seine tiefe Froheit war dankbar dafür, daß
er für die große Menschheitsaufgabe noch ein Leben einzusetzen habe.
Er schritt mit Christoph Attermann über die Werft, die bei dem Fehlen
der Baustoffe und der wilden Steigerung aller Preise nur geringe
Beschäftigung hatte. Er musterte die Arbeiterschaft und fand nur noch
ein Häuflein der Getreuesten vor. Gar mancher der Kräftigsten und
Geschicktesten war draußen vor dem Feind geblieben, und gar viele der
Lebenden waren auch dem stürmischen Drang der Zeit gefolgt und hatten
den Platz gewechselt, um an den ausgebotenen Riesenlöhnen leichteren
Anteil zu gewinnen.
Die Pflegebrüder besprachen in großen Zügen die zuerst zu ergreifenden
Maßnahmen.
»Die Tragbalken sind geblieben. Zwei Dinge kommen in Betracht: Arbeit
hereinzuholen und -- die Lust an der Arbeit zu heben. Das erstere
ist nicht so schwer. Die Schiffsparks befinden sich allenthalben in
Unstand, und die Holzpreise werden bezahlt werden müssen, bis die
wiedereinsetzende Einfuhr sie eines Tages von selber regelt. Darnach
müssen wir uns bei den Abschlüssen halten. Der zweite Punkt aber, die
Lust an der Arbeit zu heben, setzt einige Eigenschaften voraus, die
wir beide wohl bei uns als vorhanden ansehen dürfen: ein wenig mehr
Menschenliebe und ein wenig mehr Selbstlosigkeit. Das gilt für uns im
kleinen wie für das Vaterland im großen. Wir wollen in aller Ruhe und
Klarheit an die Ausarbeitung eines Entwurfes gehen.«
Und Martin Opterberg schritt den Rhein hinab zu seinem vereinsamten
Haus, und Linde Baumgart ging neben ihm. »Ich muß wieder seßhaft
werden, Linde,« sagte er, »und unter meinem eigenen Dach wohnen. Sonst
fühl’ ich mich nur als Gast im Haus und leicht dadurch auch im Werk.
Schließ auf. Ah, da ist ja mein großes, stilles Arbeitszimmer.«
Sie ging vor ihm her, von einem Raum zum anderen, und öffnete die
Läden, damit das grüßende Licht ihn empfange und alle Dunkelheit vor
seinem Fuß zerflattere. Der Herr des Hauses sollte das Haupt heben bei
jedem Schritt.
Er bemerkte ihr heiteres Handeln wohl und auch die Ordnung, die überall
gehalten war.
»Hier warst du wohl öfters, Linde?«
»Wir müßten sonst mit dem Taucherhelm in die Staubwogen.«
›Vierundeinhalbes Jahr hat sie hier im Stillen geschafft,‹ dachte er,
›und das Deine betreut, während du im Felde lagst und mit keiner Zeile
darnach fragtest.‹ Und er trat vor sie hin und ergriff ihre Hand.
»Nun müßt’ ich dir einen großen Dank sagen, und es wird doch wieder
eine neue große Bitte. Würdest du mit hierher übersiedeln und mir das
Hauswesen leiten? Ich möcht’s gern heimatlich behalten.«
»War das die große Feierlichkeit wert? Ich hab’s mir schon halb und
halb gedacht und auch mit den Attermanns besprochen.« Sie knixte
lachend. »Morgen kann ich Einstand halten und bitt’ um gute Behandlung.«
»Mädel …,« sagte er, und dann ging er weiter.
Von Stund’ an aber regte sich das Leben wieder im Opterbergschen
Haus und lief durch alle Räume und suchte die Freude und fand sie
allenthalben. Linde Baumgart leitete in Küche und Keller ein stämmiges
Westfalenmädchen an, und so stark machte sich die Schule der Frau
Christiane geltend, daß es Martin Opterberg oft war, als wäre er daheim
in der Hut der Mutter. Oft blieb er am Abend noch ein Stündchen am
Eßtisch sitzen und horchte auf ihr wohltuendes Geplauder. Öfter aber
noch nahm er sie mit in sein Arbeitszimmer hinüber, wo sie still mit
einem Buch unter der Lampe saß, immer bereit, auf eine Frage eine
Antwort zu erteilen. Mehr und mehr führte er sie in seine Pläne ein.
An einem Abend erzählte er ihr von dem Jugendfreunde Broich und dem
Wiedersehen in Düsseldorf. »Als Hauptmann ließ er dem Vaterland seine
rechte Hand. Jetzt verkauft er ebenso stolz mit der Linken Zeitungen,
und Frau und Kinder helfen ihm. Diese heilige Anschauung von Arbeit und
Familienleben hat einen starken Eindruck auf mich gemacht.«
»Ich wüßt’, was ich tät’,« sagte Linde Baumgart.
»Dann laß es mich auch wissen.«
»Aus solchen Hauptleuten müßt’ sich das ganze Volk zusammensetzen,
wenn’s wieder werden wollt’. Ich würd’ ihn, wenn ich der Martin
Opterberg wär’, zu mir holen und ihm die kaufmännische Leitung des
Werks übertragen. Und ich hätt’ nicht nur den zuverlässigen Mann,
sondern auch ganz nah bei mir den Freund. Alte Freunde aber bedeuten
neue Jugend.«
Einen Monat später siedelte der einhändige Broich mit Frau und Kindern
über. Er schlug seine Wohnung im Geschäftshaus der Werft auf, und es
war vor allem Therese Attermann, die der Jugendfreundin und einstigen
Mitstudierenden mit Rat und Tat zur Seite stand. Allwöchentlich fand
sich der Freundeskreis zu einem Plauderabend zusammen, abwechselnd im
Hause eines jeden, und die Freiburger Erinnerungen stiegen auf, wurden
lebendig und in heitere Verklärung gesetzt.
Auch nach der Lautenspielerin wurde verlangt, aber Therese Attermann
verschloß sich zum ersten Male den Bitten der Freunde und selbst denen
ihres Mannes und blieb dabei, das Erinnerungsbild würde Schaden leiden,
wenn sie hier die Jugend von ehemals vortäuschen wolle, und das leide
ihre weibliche Eitelkeit nicht. Darum müsse ihre um so viel jüngere
Schwester Linde die Rolle übernehmen.
Da sang Linde Baumgart die Lieder zur Laute an der Schwester Statt,
die alten Volks- und Liebeslieder, die voll von der Sehnsucht sind
und ihren Erfüllungen. Das Lachen ihrer Augen schwand und wurde ein
fernes Fragen und Horchen. In sich gekehrt und dem Kreis entrückt
saß sie und schmiegte die Wange an den Lautenhals, wie es einst die
Therese Baumgart getan hatte in den Tagen der Schwarzwaldwanderungen,
und Martin Opterberg schaute mit gebannten Augen auf das Bild, wie es
Therese Attermann tat, die mit feuchten Augen lächelte …
An einem dieser Abende brachte Broich einen Brief mit, den er am
selben Tage von Tillmann erhalten hatte. Der Armierungssoldat und
Kunstgelehrte war, kurz nach der letzten Begegnung mit Martin Opterberg
und Christoph Attermann, bei einer Grabenüberrumpelung in französische
Gefangenschaft geraten und nun mit einem der ersten Gefangenenschübe
ins Rheinland zurückgesandt worden. In dem Briefe bat er um eine
Unterredung mit den Freunden, da er »auf Grund gegenseitiger Abneigung«
die Scheidung von seiner Frau und diese die Scheidung von ihm beantragt
habe.
»Nie ist eine Abneigung gegenseitiger gewesen,« schloß er grimmig, »und
das ist meine einzige Genugtuung.«
Über nichts anderes wurde an diesem Abend gesprochen als über den
begeisterungsseligen und so übel entgleisten Fuchsmajor der Freiburger
Burschenschaft. Die Freunde riefen sich das Bild des flotten Studenten
auf dem Kneip- und Fechtboden in die Erinnerung zurück und gedachten
des Eindrucks, den der schwärmende Führer bei ihrem ersten Anstieg
auf die Schloßberghöhen in ihrem jungen Blut hinterlassen habe.
Und die Frauen rühmten sein ritterlich Wesen auf Wanderungen und
Schneeschuhfahrten. Aber auch seine Wandlungen seit Eingang der Ehe mit
der verwöhnten und anspruchsvollen Klarenbachin erwähnte Broich, seinen
wissenschaftlichen Müßiggang und sein Beharren im studentischen Ton und
Gehaben.
»Sie hat ihn doch gewählt, weil er ihr von allen der Liebste war,«
meinte verwundert Frau Hilde Broich.
Therese Attermann schüttelte nachdenklich den Kopf. »Sie hat ihn
gewählt, weil er ihr, solang sie selber Studentin war, in seiner
Fuchsmajorwürde und freiherrlichen Burschenart den stärksten Eindruck
machte. Das galt für das kleine und genügsame Freiburg und für das
romantische Studentenleben. Für das reiche und großartige Düsseldorfer
Fabrikantenleben langte die Fuchsmajorwürde nicht aus und hielt darum
die Mädchenbegeisterung nicht vor.«
»Aber sie hieß doch die eifersüchtigste Frau weit und breit?«
»Weil sie ihn nährte und kleidete und darum als ihr alleiniges Eigentum
ansah. Das ist durchaus bezeichnend für diese Frauenart und braucht mit
einer Liebesregung nichts mehr zu tun zu haben.«
»Aber sie war ihm treu,« sagte Martin Opterberg.
Therese Attermann sann nach. Ihre Augenbrauen rückten aneinander.
»Ich mag das nicht für ein Verdienst halten. Er mußte ja jeder ihrer
Winke gewärtig sein. Es gibt eine Treue, und ich weiß es aus den
Vorkommnissen in meinem Beruf, eine hirn- und seelenlose Treue, die den
Mann bis zur eigenen Untreue plagen kann. Mir scheint, der Heißkopf
Tillmann ist auf ein totes Gleis verfahren worden, als er allzu hastig
nach dem goldenen Vögelchen griff.«
»Was nun mit ihm? Sein Notruf geht an die Freunde.«
»Laßt ihn herkommen. Viele schauen anders aus, als sie schreiben. Oft
leichtfertiger, oft zerschlagener.«
Und Tillmann kam. Sein einst so gutgehaltener Körper war durch die
schwere Schanzarbeit ausgereckt, seine Arme erschienen länger, seine
Hände hingen breit und plump in den Gelenken. Ein gequälter Zug stand
in seinem Gesicht und ein aufflackerndes Mißtrauen in seinen Augen. Er
stieg im Hause Attermann ab und redete in den ersten zwei Tagen kaum
ein Wort.
Frau Therese ließ ihn ruhig gewähren. Mit dem geschärften Blick der
Ärztin erkannte sie sofort die seelische Natur seines Leidens und den
knirschenden Kampf zwischen Haß und Scham.
Scharf und argwöhnisch beobachtete er seine Gastgeberin. Aber als sie
sich in ihrer frohen Güte immer gleich blieb und keinerlei Unterschied
zwischen ihm und den anderen Freunden machte, wurde sein Blick ruhiger,
und der Mund fand ein Dankeswort.
»Ich bin wie ein mißtrauischer Hund. Ihr müßt mir das schon verzeihen.
Aber wer das durchgemacht hat in der Gefangenschaft« -- er ballte wie
im Krampf die unförmig gewordenen Hände -- »dieses Angespucktwerden
von Frauen und Kindern, dieses Herumgestoßen- und Getretenwerden
von Aufsehern und Soldaten, dies hämische Angelocktwerden, um zum
gemeinsten Schabernack zu dienen, dem ist es gleichgültig geworden,
ob er im Steinbruch gearbeitet hat, bis er zusammenbrach, oder ob er
blindgegangene Granaten aus den Ackern buddeln mußte und jederzeit in
Fetzen fliegen konnte.«
Erst hatte er langsam und mit schwerer Zunge gesprochen. Dann aber
geriet er in eine Hast, und die Worte überstürzten sich.
»Ohne Waffe, mit der Schippe in der Hand, wurden wir aus dem
Grabenstück herausgeholt, wie eine Herde Vieh wurden wir behandelt.
Einerlei -- alles einerlei. Einmal mußten wir ja erlöst, heimgeschickt,
von der dankbaren Heimat wehmütig ans Herz gedrückt werden. Herrgott,
die Träume -- die verrückten Träume! Ein ganz neues Leben hab’ ich
mir ausgemalt. Zusammengehörigkeitsgefühl in dieser Zeit der Not
und Schmach. Und eine Reinigung, ein Emporsteigen durch den neuen
Arbeitswillen. An eine weinende Frau dacht’ ich. Bei Gott, es war nur
eine keifende.«
Die Freunde saßen stumm und schauten zur Erde. Und der Ergrimmte fuhr
fort, sich zu befreien.
»Ja, ja, ja, sie war es satt mit dem Herumtreiber, gründlich satt.
Der Mensch hatte sie ja schon in Friedenszeiten bloßgestellt und im
Kriege lächerlich gemacht. Und jetzt kam er wie ein Straßenlump daher,
der sich bei Tische kratzt und seine Kotstiefel auf ein geblümtes
Kanapee streckt. O nein, gesagt und ausgesprochen hat es die geborene
Klarenbach nicht, aber fühlen lassen hat sie es mich, so todmüd ich
war, und ein beständiges Gezeter unterhalten, das um den Kern der Sache
herumschoß wie die Katze um das Wollknäuel und mir langsam und sicher
die Scham vor dem eigenen Leib aus allen Poren trieb, als hätt’ ich den
Aussatz. Und dann kam der Haß hinzu, der Haß auf die Frau, die mich
wie einen jungen Tanzbären am Nasenring herumgeführt hatte, um mich
in die Ecke zu jagen, als sich Motten im Pelz zeigten. Diese Motten
aber hatte ich vom deutschen Vaterland statt Orden und Ehrenzeichen
erhalten, und als sie mich darum schmähte, nahm ich den letzten Rest
von Anständigkeit zusammen und warf sie aus dem Zimmer. Schlußerfolg:
Gegenseitige Klage auf Grund gegenseitiger Abneigung.«
Tillmann schwieg. In seinen Augen flackerte und funkelte es. Der
ganze, ein Jahrzehnt lang angesammelte Grimm des unterjochten Mannes
durchtobte ihn. Und plötzlich schlug er in die Ergriffenheit der
Freunde wie mit der Fastnachtpritsche hinein:
»Bemogelt hab’ ich sie trotzdem. Des freut’ sich meine Seele.
Bemogelt, wie der Schoßhund seine Herrin bemogelt, wenn er brav durch
die geöffnete Haustür schreitet und draußen, hast du nicht gesehen,
um die Ecke wischt. Vom ersten Ehetag an hat sie mir Taschen und
Schreibtisch durchsucht, aber nichts fand sie, nichts als alte,
vergilbte Liebesbriefe aus Großmutters Zeiten, und die sammelte ich als
Kunstgelehrter und Kulturforscher, je mehr, je lieber. Da hatt’ ich ein
lustig Mittel für meinen lustigen Briefwechsel gefunden. Tusche, meine
lieben Freunde, ein bißchen chinesische Tusche in ein paar Tropfen
Milch verrieben -- Herr meines Lebens, das wurde eine Tinte, so grau
und gilb auf dem Papier, als wär’ sie in der Biedermeierzeit aus dem
Federkiel geflossen. Damit hab’ ich sie angeführt. Mit der Milchtusche,
meine lieben Freunde, die ich als Zeichen meines Vertrauens vergab,
wenn mich der Nasenring verrückt machen wollte. Nun ist es kein
Geheimnis mehr. Ich habe es der Allergnädigsten zum Zeichen meiner
Dankbarkeit mitgeteilt.«
Und nun lachte er, bis es ihn wie ein Weinen schüttelte.
Frau Therese Attermann war auf den Widerstandslosen zugetreten. Ruhig
und schlicht.
»Jetzt werden zunächst die Kräfte gesammelt und die Nerven zurecht
geflickt. Dazu ist dies gerad’ das rechte Haus. Denn dies ist ein
Freundeshaus für den Sommer und Winter im Leben. Ausgeschlafen,
ausgeschlafen! Wir sterben noch lange nicht.«
Tillmann erhob sich. Er kam zu sich und starrte verwirrt auf die
Sprecherin. Und dann ergriff er ihre Hand, drückte seine Lippen darauf
und ging auf sein Zimmer.
»Was tun wir mit ihm?« fragten sich nach einer lastenden Pause die
Männer.
Und Linde Baumgart sagte und atmete tief auf: »Die Therese hat’s ja
schon ausgesprochen. Er ist jetzt unter Freunden. Und die Freunde
werden ihn wieder zum Menschen aufrichten, indem sie ihm wieder zum
Arbeiten aufhelfen. Wenigstens würd’s so die Frau Christiane halten.« --
In dieser Zeit hatte Martin Opterberg seinen neuen Wirtschaftsplan
vollendet, der kühn und klar den alten erweiterte und die
Arbeitsleistungen heben sollte durch gehobene Arbeitsfreudigkeit.
»Um uns her kracht es vom Niedersturz,« erklärte er den Freunden
Attermann und Broich. »Eine alte Welt, eine altgewordene Menschheit
bricht zusammen. Wir wollen eine neue errichten helfen. Nicht mit
der Gewalt, mit der Erkenntnis. Noch stärker als bisher wollen wir
die Arbeiter beteiligen und alle Angestellten. Jeder soll erlernen
können, wie man durch Kopf- und Handarbeit in die Höhe gelangt, wenn
man sich selber einsetzt. Jeder soll durch erhöhte Gewinnbeteiligung
das Werk, was er schafft, nicht mehr als ein fremdes, sondern als ein
eigenes ansehen lernen, für das er einsteht mit seinem Stolz und seiner
Kraft. Ähnlich, wenn auch in kleinerem Ausmaß, hielt ich es ja schon
früher. Jetzt aber hab’ ich einen weiteren Schritt getan und eine neue
Werftordnung geschaffen. Ich begebe mich eines Teiles meiner Rechte
zugunsten des Ganzen. Freiwillig und vertrauensvoll lege ich die
Angelegenheiten meiner Mitarbeiter in ihre eigenen Hände. Sie sollen
sich selbst regieren nach einem frei von ihnen erwählten Gesetz, bei
dessen Grundlegung wir nur ihre Berater sein wollen, und da sie am
Aufblühen und Gedeihen des Werkes mit Geldeswert beteiligt sind, werden
sie die Faulen und Unbotmäßigen von selber ausmerzen. Alles dies, wenn
mein Teilhaber Christoph Attermann zustimmt und unser kaufmännischer
und juristischer Leiter Broich meine Aufstellungen geprüft und
gebilligt hat.«
»Sprich weiter,« sagte Christoph Attermann. »Hier ist in Wahrheit
Morgenluft.«
»Wenige Worte noch,« fuhr Martin Opterberg fort, »denn alle
Einzelheiten findet ihr in diesem Betriebsplan ausgearbeitet. Worauf
es ankommt, ist die Kerntruppe. Ein kleiner Stamm ist noch vorhanden.
Ich weiß ein paar Dutzend Pioniere, die sich mit mir durch Dick und
Dünn geschlagen haben, Leute von eisernem Pflichtgefühl im Leben und
im Sterben, Zimmerleute und Maschinenschlosser für unsere Werft,
Schiffer für unseren Frachtdampfer, der bald hinausgehen wird. Ich will
zu ihnen und sie befragen. Um diese Kerntruppe soll sich der weitere
Stamm bilden, sie soll die Arbeitsbedingungen und die Grundlöhne
für die nächsten festsetzen wie auch die Entlassungsgründe, und mit
den nächsten wieder für die übernächsten. So erziehen wir freie,
selbstbewußte Männer und keine Knechte, und uns Führern wird freiere
Hand und freieres Hirn für immer größere Aufgaben.«
Er dachte nach.
Vor seinem inneren Blick entstanden die Bilder des künftigen Lebens.
»Das ist das Ziel: aus unserem Volk ein Herrenvolk, ein Volk von
Herren zu machen! Wenn ich in England, wenn ich in Amerika den
geringsten Arbeiter spreche, so beansprucht er von mir den Titel eines
›Gentleman‹, und in Italien dreht euch selbst der herumlungernde
Lazzaroni verächtlich den Rücken, wenn ihr in ihm trotz seiner
zerfransten Beinkleider nicht den ›Galantuomo‹ begrüßt. Nur die Masse
der deutschen Arbeiter suchte bisher ihre Ehre darin, als ›Proletarier‹
zu gelten. Hier muß der Hebel angesetzt werden. Von unten herauf, aus
dem Kleinsten heraus muß das Volk und mit ihm das Vaterland zum Begriff
der eigenen Würde herangebildet werden, denn weder Geldverdienen noch
Geldvergeuden, nur das Bewußtsein der eigenen Würde bringt uns Freiheit
und Menschenglück. Der Letzte unter uns muß ein _Adeliger_ werden.«
»Wir gehen mit dir,« sagte Christoph Attermann, und Broich gab ihm mit
kräftigem Schlag die gesunde Linke.
Eine Zeit rastlosen Schaffens brach für Martin Opterberg herein.
Tage hindurch beriet er mit dem Pflegebruder und dem Freund Punkt
für Punkt den neuen Wirtschaftsplan, und der ruhig wägende Jurist in
Broich hielt gegen die vertrauensfreudige Denkart der Opterbergbrüder
das Gleichgewicht und brachte Punkt für Punkt in die nüchterne,
unangreifbare Fassung des Tages.
Dann blieb Martin Opterberg eine Woche verschwunden, und als er
heimkehrte, konnte er von seinen alten Pionieren berichten, von
denen er ein paar Dutzend aufgesucht und als Mitarbeiter am neuen
Wirtschaftsplan verpflichtet hatte. Und schon griff er wieder die
Wohnungs- und Siedlungsfrage auf. Da lag das vor Kriegsausbruch
gekaufte Gelände mit halbverfallenen Bauernhäusern, die von den
einstmaligen Pionieren gleich nach ihrem Eintreffen niedergelegt und
mit den alten Baustoffen neu wieder aufgerichtet wurden.
»Schon’ dich,« bat Linde Baumgart, wenn sie ihn eine Stunde lang zu
Hause sah.
»Bis der Friede unterzeichnet wird und das Leben wieder in seine Bahnen
fluten kann, müssen wir fertig und bereit sein, Linde. Könntest du eher
Freude gewinnen, Mädchen?«
Sie blickte in die Ferne, als suchte sie den Friedenstag -- und
schüttelte den Kopf.
»Nein, Martin. So wenig wie du. Und es ist recht so.«
»Aber _du_ sollst dich mehr schonen und mir nicht abfallen vor der
Zeit.«
Sie strich mit den Händen an sich herab, als er schon längst gegangen
war, über die sehnsüchtigen Mädchenbrüste, über die verlangenden Arme
… »Daß du mir nicht abfällst vor der Zeit,« hatte Martin Opterberg
gesagt. »Vor der Zeit! …«
Noch immer hielt das Krachen und Niederstürzen im Lande an und,
wie ein Hohn auf das Elend, die Schaffensunlust und die Gier nach
mühelosem Erwerb. Eine Arbeitsniederlegung folgte der anderen, das
Heer der Arbeitslosen wuchs, und allerlei dunkle Glaubensboten und
Glücksverkünder tauchten auf, um die Leidenschaften anzustacheln und
in der Trübung der Gemüter auf Beute auszugehen.
Martin Opterberg und seine Freunde arbeiteten unermüdlich. Mit jedem
Meister und jedem Gesellen bis zum ungelernten Arbeiter hinab war ein
besonderer Vertrag geschlossen, und alle die Männer schritten festen
Fußes über den Werftplatz, als spürten sie unvergänglichen Heimatboden
unter sich. Selbst Tillmann hatte sich an einem Morgen freiwillig
eingefunden und bat Broich, ihn bei der Bewältigung der Briefschaften
unterstützen zu dürfen. Das nahm der Einhändige mit Freuden an, und in
der gewonnenen Freizeit richtete er zum Schutz gegen streifendes und
plünderndes Gesindel eine Werftwehr aus den gedienten Leuten ein und
verteilte die Wachen.
Und wieder ging Martin Opterberg auf die Reise. Er suchte die
Reedereien des Niederrheins auf und holte Aufträge herein. Er besuchte
die Holz- und Stahlwerke Westfalens und gab seine Bestellungen auf
mit kürzester Lieferfrist. Seinem persönlichen Eingreifen gelang es,
Widerstände auszuräumen und den Geschäftsverkehr trotz der sorgenvollen
Zeit lebendig zu gestalten. Es ging ein starker Zukunftglaube von ihm
aus, und man vertraute seiner Art.
In einer Arbeiterstadt des Rhein- und Ruhrgebiets verbrachte Martin
Opterberg die letzte Nacht. Schon neigte sich der Mai dem Juni zu,
aber die Nächte waren noch kühl in diesem Strich und der Frühling in
diesem Jahre herber denn je. ›Und doch wird er kommen, denn es ist ein
Naturgesetz,‹ dachte Martin Opterberg, der schlaflos lag. ›Den Glauben
festhalten und bei der Stange bleiben!‹
Von der Straße her drang seit Stunden ein Murmeln zu ihm auf. Er
öffnete das Fenster und blickte hinaus. In der grauen Dämmerung der
Tag- und Nachtgleiche ersah er eine endlose Reihe von Karren und
Handwagen jeder Art, die vom nahen Bahnhof bis tief in die Stadt
hinein reichte. Hier und dort war ein Hund vorgespannt, die meisten
aber wurden von Frauen und Kindern gezogen und geschoben. Jetzt hingen
diese Menschen ermüdet und übernächtig an ihren kleinen Wagen und
warteten, wie sie schon Stunden gewartet hatten. Vom Bahnhof her kam
das Rollen eines einfahrenden Zuges. Der Pfiff der Maschine schrillte
durch den ergrauenden Morgen und jagte die Müden aufhorchend empor.
Die Väter kamen, die Mütter, die Brüder und Schwestern. Von den
Bauernhöfen, viele Fahrmeilen weit, kamen sie zurück, zu denen sie am
Abend nach der Tagesarbeit hinausfuhren, um Lebensmittel einzuhandeln.
Unter Kartoffelsäcken stöhnend, mit Körben beladen, erschienen sie
zu Hunderten auf dem Bahnhofplatz, und der Karrenzug setzte sich in
Bewegung, die Füße liefen Trab, und plötzlich war es ein Anstürmen und
wildes Anschreien der Hunderte von Erwartungsvollen gegen die Hunderte
der heimkehrenden Nachtfahrer. Es war der Hunger, aber auch die Angst
vor dem Hunger, und aus der Angst entsprang die Gier: erfassen, was zu
erfassen ist.
Dann lag der Platz öd und stumm im Morgendämmern, und nur aus der Ferne
knarrten die Räder, flogen zersetzte Ausrufe hin und her durch die
Luft …
Martin Opterberg trat vom Fenster zurück. Und während er sich
ankleidete, sah er im Geist ein anderes Bild, und er sah die Gebrüder
Barthelmeß und ihre ungezählten Genossen in fürstlichen Mercedeswagen
durchs deutsche Land dahinsausen, zu entwertetem Geld die Lebensmittel
vor den Hungernden und Verängstigten hinwegkaufen und sie gegen
vollwertiges Feindesgeld durch das ›Loch im Westen‹ schaffen oder gegen
Wuchergeld im Lande weiterverkaufen.
Ein Murren lief durch das verelendete Volk und wurde zum wütenden
Aufbegehren, aber die Geier blieben unbehelligt, und die Kraftwagen
sausten in Staubwolken durchs Land.
Am Abend dieses Tages saß Martin Opterberg in seinem Arbeitszimmer, und
am Tisch ihm gegenüber, die Wange in die Hand geschmiegt, saß Linde
Baumgart.
»Schau, Mädchen,« sagte er, als er seinen Bericht geendet hatte, »es
scheint der Kampf der Besitzlosen gegen die Besitzenden, was wir in
dieser Zeit erleben, aber es scheint nur so. Denn der ehrliche Besitz
liegt längst in Todeszuckungen, und nur die dunklen Geschäftemacher
blühen und gedeihen und verschleppen ihren Raub ins sichere Ausland.«
»Wenn es nur so scheint -- was ist es denn in Wahrheit?« fragte Linde
Baumgart und richtete den Blick auf sein gesammeltes Gesicht. »Weshalb
wirft sich das ausgeplünderte Volk nicht auf jeden Wucherer und
Verschieber?«
»Weil diese Menschenklasse einen rohen und ungebildeten Schlag
darstellt, der in der niedersten Sprache zu sprechen weiß und
großtuerisch-freigebig mit Tausenden um sich wirft, während er heimlich
Millionen zusammenrafft. Ach, Mädchen, öffne deine Augen weit und
blick tiefer. Es ist nicht der Kampf und Haß gegen den Besitz, den sich
die neue Menschheit wohl über Nacht erwerben kann, es ist der Haß gegen
die in der Zucht von Geschlechtern erworbene Vornehmheit, die sie sich
_nicht_ über Nacht erwerben kann, und wenn sie selber im gestickten
Frack herumläuft und die anderen nur im gewendeten Anzug. Das, Linde,
das ist der tiefste Grund des Kampfes.«
»Bleib nicht stehen, Martin. Sprich ein Wort dazu. Einen Hinweis auf
eine Wandlung …«
»Zu einer Wandlung wird ein Menschenalter gehören und mehr,«
sagte nachsinnend Martin Opterberg. »Sie reden so viel von einer
Einheitschule für alle Besitzstände. Gut, sie sollen sie schaffen. Aber
dann sollen sie auch die Auswahl, die sich herausarbeitet, als ihre
Führer anerkennen und ihr geschlossen auf den Wegen folgen, die sie
ihnen zur neuen Höhe weist. Entweder -- oder!«
»Weißt du noch ein Wort, Martin, von den Dingen, die uns nottun? Ich
möcht’ lernen.«
»Ja, Linde, ich weiß noch ein Wort von solchen Dingen. Ich hab’ unser
hergebrachtes Christentum im Auf und Ab gesehen, und es hat die Probe
nicht bestanden. Da sollten wir die alten Fäden nicht gedankenlos
aneinander- und weiterknüpfen. Was uns nottut, Linde, und zumal uns
niedergebrochenen Menschen in deutschen Landen, das ist: mit der
Erneuerung des Menschentums eine Erneuerung des Christentums. Des
Christentums als Kulturträger.«
»Sag es mir …« bat Linde Baumgart durch die stille Abendstunde.
Und Martin Opterberg sprach in der Stille seine Gedanken aus.
»Gott ist die Allmacht, und er regiert über Milliarden von
Weltkörpern, unter denen unsere Erde nur einer der vielen kleinen
ist. Christus aber, der Gottmensch, ist der Mittler zwischen Gott
und den Menschen der Erde, zwischen der Allmacht und einem winzigen
Teil des Weltalls. So groß müssen wir den Herrgott nehmen und uns
so klein, damit wir überhaupt den richtigen Maßstab gewinnen und
den klaren Erkenntnisblick. Denn das sagt mir eine innere Stimme:
Dasjenige Volk wird im Glücke leben, das in seiner Gottesverehrung
und seinem Menschenglauben die größte Klarheit und die größte
Einfachheit geschaffen hat. Vereinfachung der Glaubenslehre! Das ist
der weltbewegende Punkt. Das sprach schon einmal meine Mutter, als ich
noch ein Knabe war, in dem knappen Satze aus: ›Mehr inwendig lernen
und weniger auswendig!‹ Was nützen uns die Geschlechterverzeichnisse
der Juden und die Entwicklungsgeschichten ihrer Stämme? Stammten wir
aus ihrem Samen, so wäre es letzten Endes auch für die Geschichte
des Glaubens noch hinzunehmen mitsamt den Weissagungen für diese
Volksfamilie. Wir aber entstammen den Urwäldern Germaniens und kämpften
uns durch unsere Götter Wodan, Donar und Baldur zu unserem Glauben
hindurch. Sie aber, so heißt es, sind unerheblich für die Reinheit
des Glaubens. Also werden die fremden Baals und goldenen Kälber wohl
ebenso unerheblich für die Reinheit des Glaubens sein. Gebt uns des
Gottmenschen Christus Leben und Lehren zum Vorbild und führt die
Menschen vor die Größe und Erhabenheit der Gotteswelt, vor die
göttlichen Wunder der Natur und des Sternenhimmels, bis sie erschauern
vor der Allmacht und sich würdig machen des Glücks, in ihr ein Mensch
zu sein.«
Er schwieg, und in seinen Augen stand die Freude am Leben.
Und Linde Baumgart sagte in die Stille des Abends hinein: »Die Quelle
der Frau Christiane hat uns auch dies Mutterwort aus dem dunklen
Berg in das helle Licht geholt. Mehr inwendig lernen -- und weniger
auswendig.« -- --
Der Stille des Abends folgten sturmschwere Tage. Sendboten predigten
ungestört in der Gegend ringsum, verwirrten die Begriffe, reizten die
Arbeitsscheuen auf gegen die Arbeitsfreudigen. Mancherorts wurde mit
Gewalt die Stillegung der Werke erzwungen, um jede und die letzte
Obrigkeitsgeltung hinwegzufegen und den ungezügelten Willen an ihre
Stelle zu setzen. Ein Wüten von Blinden und Tauben hatte begonnen, die
um einer Handvoll rauschender Feiertage willen die Selbstvernichtung
daran wagten, und in den Junitagen schlug der Name des Doktors
Radermacher an Martin Opterbergs Ohr.
Er horchte auf. Ein schrilles Warnungszeichen war durch seine Seele
gefahren.
Langsamen Schritts ging er über die Rheinwerft und suchte Christoph
Attermann auf. Der Pflegebruder hörte ihn mit zusammengezogener Stirn
an. »Ich ahnte es,« sagte er und stieß den Atem durch die Nase.
»Du ahntest es?«
»Es hat keinen Grund mehr, es dir zu verschweigen. Gestern ist die
Linde Baumgart von einer Frauensperson auf der Straße angehalten und
angeredet worden.«
»Von einer -- Frauensperson? -- Kenn’ ich sie etwa?«
»Wenigstens kanntest du sie einmal. Aber das ist Jahre her und gänzlich
ausgelöscht.«
»Sabine --?«
Christoph Attermann nickte nur.
»Sabine?« Martin Opterberg packte des Pflegebruders Arm. »Sie ist
anmaßend geworden gegen die Linde?«
»Mehr. Sie ist frech geworden. Wie eine Dirne frech wird.«
»Christoph -- ich muß jedes Wort wissen. -- Was ist mit der Linde
geschehen? Was hat sie von ihr gewollt?«
»Auf der Straße gestellt hat sie die Linde. Und gesagt hat sie, ob sie
das Liebchen von Martin Opterberg wär’?«
»Und die Linde?«
»Geantwortet hat sie: sie wünscht’, sie wär’s, denn es müßt’ eine Ehre
sein, von Martin Opterberg geliebt zu werden.«
»Linde … Linde …«
»Und dann ist sie weitergeschritten, und die Frauensperson hat hinter
ihr drein geschrien: es läg’ noch eine Hundspeitsche im Zimmer oben,
und die käme sie sich holen, wenn der Herr und sein Liebchen zu Hause
wären.«
»Christoph,« sagte Martin Opterberg nach einer stummen Weile, »weshalb
hör’ ich erst heute davon?«
»Weil die Linde verlangt hat, der Schlamm solle nicht an dich heran.«
»Aber an sie selber ist er herangespritzt!«
»Sie hätt’ ihren Regenrock angehabt, hat das Mädel gesagt, an dem wär’s
glatt hinuntergegangen.«
Da tat der Martin einen tiefen Atemzug.
»Ich möcht’ zu ihr, Christoph. Alles, was froh in mir ist, treibt mich
zu ihr. Aber auf der Werft machen sie Feierabend, und es ist nötig, mit
den Leuten zu sprechen und sie für jeden Fall bereit zu halten.«
Als er mit einbrechender Nacht in sein Haus eintrat, berichtete ihm das
Mädchen, daß Linde Baumgart früher als sonst ihr Zimmer aufgesucht habe.
Da öffnete sich im Obergestock schon ihre Tür. »Brauchst mich noch,
Martin?« tönte ihre Stimme ins Haus.
»Gute Nacht, Linde --«
»Gute Nacht, Martin.«
Aber es wurde keine gute Nacht für Martin Opterberg. Der Gedanke, daß
die Linde von dieser -- dieser Frau aller Vergangenheiten auf offener
Straße angefallen, angetastet worden sei, trieb ihm den Schweiß auf
die Stirn und raubte ihm aufs neue den Atem. Stunde auf Stunde lag
er wach und kämpfte immer mit demselben Bild, bis er sich im ersten
Morgendämmern erhob, sich hastig ankleidete und den Rhein entlang zur
Werft schritt.
Trotz der frühen Stunde traf er die Freunde schon versammelt und im
ernsten Gespräch mit den Leuten, die die Nacht in der langen Werfthalle
auf Hobelspänlagern zugebracht hatten.
»Etwas Neues vorgefallen?« fragte er Christoph Attermann.
»Die Hochöfen dort drunten am Rhein sind in der Nacht erloschen. Schau
hin, es steigt keine Flamme mehr. Das bedeutet, daß sie in der Nacht
mit Gewalt zum Erkalten gebracht worden sind.«
Broich trat mit Tillmann hinzu.
»Ich erfahre soeben von Tillmann, der in der nächsten Ortschaft war, um
sich umzuhören, daß die Arbeiter von einer bewaffneten Bande gezwungen
worden sind, die Hochöfen auszublasen und die Werke stillzulegen. Die
Bande zieht jetzt auf uns zu. Unsere Leute sind vollzählig auf der
Werft, die Wehr ist bewaffnet. Hier bring’ ich für jeden von euch einen
Revolver, denn es kann ein Tanz werden.«
Um die siebente Morgenstunde wälzte sich ein tobender Menschenhaufe
heran. Martin Opterberg ließ das eiserne Werfttor schließen. Seine
Männer standen in zorniger Erwartung hinter dem Plankenzaun.
Der Menschenhaufe kam näher und verteilte sich auf der Zufahrtsstraße,
um den arbeitswilligen Werftleuten den Weg zu versperren. Einer aber
entdeckte das verschlossene Tor und die Männer hinter dem Plankenzaun
und schrie es nach hinten. Ein Mann eilte nach vorn und eine
wildfuchtelnde Frau mit ihm. Martin Opterberg spürte, wie ihm jählings
alles Blut zum Herzen trieb. Wie durch einen Schleier sah er den Mann
und das Weib. Mit aller Willenskraft zerriß er den Schleier, wurde ganz
kalt, ganz klar. Der Mann, der von draußen eine Aufforderung über den
Plankenzaun brüllte, war der davongejagte Lehrer Doktor Radermacher,
das Weib an seiner Seite Sabine Barthelmeß. Sie hatten sich also
wiedergefunden, die Gezeichneten, wie Wölfe auf der Wildbahn.
»Kommt heraus, ihr Tagelöhner,« brüllte Radermacher, und seine Stimme
überschlug sich vor Wut. »Nun hat’s ein End’ mit der Sklavenarbeit.
Nun sind _wir_ die Herren! Hat euch euer Sklavenhalter hinter Schloß
und Riegel gesetzt? Seid ihr freie Männer oder Feiglinge, die die Zeit
verschlafen?« Da öffnete sich ein Flügel des Tores, und ein Meister
trat mit einigen Gesellen heraus.
»Wir sind freie Männer. Was stören Sie uns?«
»Stören sagte der Kerl? Ich werde dir gleich mal dein Hirn aufstören,
daß es Funken stiebt. Von keinem Arbeiter geschieht mehr ein Schlag da
drinnen. Ist das verständlich, oder sollen wir nachhelfen?«
»Arbeiter in Ihrem Sinne gibt’s bei uns nicht. Nur Mitarbeiter, die
Teilhaber am Werk sind. Sie können also ruhig abziehen, da für uns
gesorgt ist.«
Radermacher fuhr hoch. Seine Augen funkelten im Haß. »Bist du bei
Sinnen, Mensch? Soll ich dir dein verfluchtes Maul stopfen? Hervor mit
den Tagelöhnern, oder wir räuchern euch heraus!«
»Rühren Sie hier keine Planke an,« sagte der Meister gelassen. »Ich
wiederhole Ihnen und den Leuten da allen: wir sind alle mitbeteiligt am
Werk und wissen deshalb unser Eigentum zu schützen.«
»Ihr Spießgesellen eines Heckenritters!« schrie Radermacher und hob die
Pistole.
»Torflügel auf,« befahl Martin Opterberg, und er stand mit den Seinen
auf dem offenliegenden Werftplatz.
Im selben Augenblick aber sprang mit einem Aufschrei das Weib heran
und schleuderte eine auflodernde Pechfackel in die Werfthalle hinein,
daß aus den Gespänhaufen die Flammen wie rote Garben gegen die Balken
prasselten.
»Drauf! Auf sie!« schrie ihr tobender Gefährte den Heranstürmenden zu
und feuerte blindlings mit einer Pistole in die Werftleute hinein.
Ihm nach seine Gesellschaft. Und dann krachte die Antwort. Ein Schuß
in Sekundenkürze vor den anderen. Ein Schuß in Sekundenkürze hinter
den anderen. Martin Opterbergs Kugel hatte den Anführer hintenüber
geworfen. Jetzt wandte er sich blaß gegen die rasende Brandstifterin.
Aber schon war alles vorüber, Massenfeuer und Einzelschuß. Er sah das
Weib die Arme hochwerfen und über den toten Gefährten stürzen. Als
sich Martin Opterberg blitzschnell umwandte, blickte er in Christoph
Attermanns rauchende Pistole. »Halbpart, Martin,« sagte Christoph
Attermann, »wir haben immer geteilt.«
Martin Opterberg trat dicht auf ihn zu und sah ihm in die Augen, die
standhielten.
»Quitt, Christoph …«
Hörnersignale aus der Ferne! Die benachbarten Ortswehren rückten im
Eilmarsch heran. Wie vom Erdboden verschwunden war die führerlos
gewordene Bande und hatte ihre Toten und Verwundeten mitgenommen.
»Löscht das Feuer,« befahl Martin Opterberg und ging mit schweren
Schritten zu den Blutenden. -- --
15
Über das Land lief die Erwartung des Friedensschlusses. Wie ein
Wechselfieber liefen die angespannten Hoffnungen, die fassungslosen
Niedergeschlagenheiten durch den siechen Körper.
Zu Versailles aber gaben die Sieger ihren Völkern ein Schauspiel.
Die im Laufe zweier Jahrtausende verfeinerte Empfindungswelt war
ausgebrannt wie ein Krater, in Schlacken türmte sich, was einstmals
die Kultur der christlichen Nationen geheißen hatte. Bis zum rohen
Kitzel der Heidenzeit mußte zurückgegriffen werden, um die Schaulust
der Massen zu befriedigen. Und man führte ein Heldenvolk vor, das
vier endlose Jahre hindurch mit malmenden Fäusten die ganze Welt
zurückgeschlagen hatte, bis Heer und Heimat die Entkräftung des
Leibes und der Seele übermannte und ein Heldenvolk auflöste in
zusammenbrechende Haufen körperlich und geistig Entkräfteter. Man
führte die Entkräfteten vor, die sich in der Qual einer halbjährigen,
demütigenden, von Hunger und Mißtrauen gepeitschten Friedenserwartung
selbst untereinander noch zerfleischt hatten, brach ihnen das Rückgrat
und ließ sie wie erdefressendes Gewürm durch das kaudinische Joch
kriechen.
So waren die Tage beschaffen, die dem Sturm auf die Opterbergwerft
folgten, und wie Hammerschläge fielen sie auf Martin Opterbergs Hirn
und Herz. ›Schlagt zu, schlagt zu,‹ dachte er, ›das Eisen muß gestählt
werden.‹ Aber wie die Schläge schmerzten, darüber sprach er zu keinem
Menschen.
Der Tod der Sabine Barthelmeß und ihres Gefährten hatte ihn einige
Tage in eine selbstgewählte Einsamkeit getrieben, die von den Freunden
in schweigender Zurückhaltung geachtet wurde. Diese Einsamkeit war
eine gesteigerte Arbeit vom Morgen bis in die Nacht. Die Feuerschäden
der Werfthalle mußten in kürzester Frist ausgebessert sein. Die
Spanten eines neuen Frachtschiffes wurden auf die Helling gelegt. Der
schwimmende Frachtdampfer hatte klar zur Fahrt zu machen.
Wenn Martin Opterberg mit müden Gliedern in sein Haus heimkehrte, ließ
er sich das Abendbrot in sein Arbeitszimmer bringen. »Hab ein wenig
Geduld mit mir, Linde,« hatte er am ersten Abend des Werftüberfalls
gebeten. »Es ist noch einiges in mir abzurechnen, und das kann ich nur
allein.«
»Sprich nicht erst, Martin,« hatte Linde Baumgart geantwortet, »es wär’
mir leid um mich, wenn ich erst der Worte bedürfen müßt’,« und sie war
mit einem stillen und freundlichen Blick aus dem Zimmer gegangen.
Auf ihrer Mädchenstube aber litt sie schwerer und heißer als der
einsame Mann, von dem sie nicht wußte, wie heftig die Geschehnisse
seine Gedanken bewegen mochten, und oft sprang sie in der Nacht
empor, horchte ins Haus, schlüpfte die Treppen hinab und horchte an
seiner Tür, immer bereit, auf den leisesten Schmerzenston hin bei ihm
einzudringen und ihn von seinen Lasten zu erlösen.
Aber Martin Opterberg hatte sich nicht in die Einsamkeit begeben, um
einen Schmerz niederzuringen oder einen Stachel aus seiner Seele zu
ziehen. Die Schläge, die auf sein Hirn und Herz niedergefahren waren,
hatten den Volksangehörigen in ihm getroffen. Der Mann in ihm, der
vor langen Jahren von einer Sabine Barthelmeß gewußt hatte, fühlte
keinen Schmerz. Und doch war es diese Schmerzlosigkeit, über die er
zwei Nächte hindurch grübelte, die er durchleuchtete und durchwühlte.
Er griff in eine Leere, er leuchtete in ein Nichts. Und in der dritten
Nacht erst fand er.
Es war kein Erschrecken in ihm, als das Nichts sich erhellte und aus
der Leere aufrecht und stark die Genugtuung trat. Die Genugtuung,
befreit zu sein von seiner Lebensschmach. Die Genugtuung, zu leben
und die Feinde dahin zu wissen. »Du oder ich?« hallte es ihm aus den
Feldzugstagen in den Ohren. »_Du!!_« gellte es in ihm auf. Und er
spürte aus grauen, altgermanischen Tagen das Blut der Voreltern in sich
wogen. Er war Sieger.
Aber auch in Versailles wurde ein Schauspiel aus grauen, heidnischen
Zeiten zu Ende gespielt. Die Friedensbedingungen, die das
Siebzigmillionenvolk der Deutschen mit Keulen zu Boden schlugen,
mußten von den Entwaffneten und Entnervten gegen eine Henkersfrist
unterschrieben werden.
Nun galt es, in dieser Henkersfrist ein neues Deutschland zu schaffen
oder sich in den Erbärmlichkeitstod durch den Strang zu schicken.
Als die Nachricht von der ungeheuren Schmach eintraf, die zu Versailles
für das deutsche Volk und jeden Mann, jede Frau und jedes Kind in
deutschen Landen ersonnen war, begaben sich die Freunde in Martin
Opterbergs Haus. Es war ein Junisonntag von sehnsüchtiger Schöne.
Aber der Mann in tiefer Trauer, den sie vorzufinden dachten, war
nirgend zu erspähen. Mit klarer Stirn und klaren Augen empfing Martin
Opterberg seine Gäste, schüttelte ihnen die Hand und dankte ihnen für
ihr Erscheinen.
»Das Urteil ist rechtskräftig. Ob wir es schelten, schimpfen und
bestöhnen, es wird an uns vollzogen. Da scheint es mir besser für unser
bißchen Kraft und würdiger für unser letztes völkisches Empfinden, wenn
wir entschlossen den großen Querstrich ziehen. Dort die Vergangenheit
-- hier die Zukunft. Und die Gegenwartscholle, auf der wir heute
stehen, muß für die Zukunft unter den Pflug genommen werden.«
»Gott sei gedankt,« sagte Christoph Attermann, »daß du aussprichst, was
ich denke. Und daß deine Augen wieder so hell in die Welt schauen.«
»Lasset die Toten ihre Toten begraben, Christoph. So steht’s schon in
der Bibel. Und im Gesangbuch steht der alte, schöne Erkenntnisvers: Wir
machen unser Kreuz und Leid -- nur größer durch die Traurigkeit.«
Linde Baumgart stand am Tisch. Ihre Hände zitterten auf der Platte.
So strömte die Freude in ihr. Therese Attermann gewahrte es. Sie
trat neben die Schwester und legte den Arm um sie. »Jetzt ist er ganz
gesundet, Lindele …«
»Ja -- jetzt marschiert er ins neue Leben.«
Und die Broichs, die sich in ihrem Zusammengehörigkeitsgefühl nicht vor
dem alten und nicht vor dem neuen Leben gefürchtet hatten, lachten den
nur finster sich zurechtfindenden Tillmann an, und Therese Attermann
fragte, während sie im Kreise um den runden Tisch saßen: »Wo geht
der Weg? Wir wollen ihn zusammen begehen wie die Jugendwege tief im
Schwarzwald.«
»Ja, Schwesterherz,« sagte Martin Opterberg und sah ihr voll in die
Augen, »dort wollen und dort müssen wir wieder beginnen: in der
Einfachheit und der nie ausgeforschten Schönheit der Natur. Unser
ganzes Volk müssen wir in die Kindheitstage, in die Jugendzeit
zurückführen und es von Grund an zu einem neuen Leben erziehen. Wir
sind durch den Krieg arm geworden und werden noch ärmer durch den
Frieden werden, wenn wir erst seine Bedingungen erfüllen müssen. Was
aber tut eine verarmte Familie, die sich nicht ihren Lebensmut und ihre
Lebensfreude rauben läßt? Sie spricht: einst war die ganze Welt mein
Haus -- jetzt ist mein Haus die ganze Welt. Siehst du, Therese: hier,
mein’ ich, geht der Weg. In den Schoß der Familien müssen wir zurück,
an die Mutterbrust der Schlichtheit und Gesundheit. Und mit unserem
Wiedererstarken von unserem Hause, von der Familie aus Kreis um Kreis
ziehen und nach den engeren Ringen die weiten.«
»Ja, Martin, echte und rechte Heimatmenschen müssen wir werden, wenn
wir’s Glück wollen.«
Linde Baumgarts Augen lachten, während die Schwester es sagte.
»Was freut dich denn so sehr, Lindele?«
»Mich freut trotz der Schwere der Zeit, daß es halt so und nicht anders
werden muß in deutschen Landen. Daß die Menschen, weil’s Geld nimmer
langen wird für die teueren Prunkbäderstädte, hinauswandern müssen
und hinauswandern werden in den deutschen Märchenwald und über die
träumende Heide und durch die duftenden Ährenfelder, wenn sie eine
Herzensfreud’ haben und statt der Dachziegel Gottes Sonne und den
funkelnden Sternenhimmel sehen wollen. Und weil der Deutsche, da ihm
für seine Erholungsfahrten auf lange Zeit das Ausland gesperrt sein
wird, weil der Deutsche nun endlich einmal sein wunderschönes liebes
Deutschland kennen lernen wird.«
»Und auch die Spinnweben und Wespennester im wunderschönen lieben
Deutschland,« knurrte Tillmann und rieb sich grimmig die Hände.
»Ausgefegt werden müssen sie, soll frische Luft sein.«
»Und die Herren Weltbürger dazu,« rief Christoph Attermann, »diese
Herren ›Überall zu Haus‹ und nur nicht im eigenen Vaterland. Wenn
ich an diese knochenlosen Kurpfuscher denke, diese geschmeidigen
Drückeberger in Deutschlands Not, spür’ ich meine Galle.«
»Es gibt eben Menschen,« meinte Broich verächtlich, »die sich aus
Angst, für Männer gehalten zu werden, lieber selbst entmannen.«
»Dem ungeduldigen Kranken hilft nur ein willensstarker Arzt,« sagte
sinnend Therese Baumgart, »der, wenn’s not tut, zum Chirurgenmesser
greift. Vorläufig horcht das Volk, das so ein ungeduldiger Kranker ist,
noch auf das Marktgeschrei eines jeden geschwätzigen Quacksalbers, der
ein Leibweh höchstens in ein ärgeres Kopfweh umzuwandeln vermag.«
»Und wann wird der Arzt kommen? Wo nehmen wir ihn her?« Und ein jeder
sprach seinen Spruch.
»Es wird der größte Mann der deutschen Geschichte werden!«
»Nur wer im eigenen Hause Ordnung zu halten vermag, ist berufen, sich
um die Ordnung auf den Märkten zu kümmern.«
»Klein beginnen, aber mit dem unbeugsamen Willen, in die Höhe zu
wachsen. Vom eigenen Haus aus die Kreise ziehen, wie Martin Opterberg
es sagt, und nach den engeren Ringen die weiten.«
»Eine geschichtliche Erlösung kann nur bringen, wer eine neue und
größere Geschichte bringt.«
»Ich wollte,« sagte Martin Opterberg, »im ganzen deutschen
Vaterland säßen sie in dieser Stunde Haus bei Haus und sprächen von
den Lichtquellen der Zukunft und nicht von dem niedergebrannten
Kerzenstumpf der Vergangenheit. Und schüfen an der neuen deutschen
Welt, in der es nur noch zwei Parteien und zwei Klassen von Menschen
geben dürfte, die Anständigen und die Unanständigen, und die letzten
nur, weil wir keine Engel sind und des Sauerteigs bedürfen. Freunde,
nie hat eine schwerere Stunde ein Volk der Erde betroffen, und dennoch
wollen wir stolz sein, daß wir sie miterleben, daß wir an eine Aufgabe
mit herandürfen, für die die Besten gerade gut genug sind. Daran
wollen wir denken, wenn wir allein sind und die Einsamkeit fühlen.«
Die Freunde erhoben sich. Wortlos, aber mit klarblickenden Augen. Sie
schüttelten sich zum Abschied die Hände und gingen heim, ein jeder,
wohin er gehörte. Und der Juniabend schaute durch die Fenster in seiner
sehnsüchtigen Schöne …
Martin Opterberg war in sein Arbeitszimmer hinübergegangen. Er saß in
der dunklen Ecke seines Ledersofas, und Linde Baumgart stand in der Tür
und betrachtete ihn mit ihren warmen Blicken.
»Hast du noch einen Wunsch, Martin?«
»Ja, Linde, ich hätte noch einen Wunsch, und ich meine, die schweren
Tage sind vor den anderen dazu geschaffen, um sich Wünsche zu erfüllen.«
»Nenn den deinen, Martin …«
»Ich möchte, Linde -- ich möchte, daß du die Laute nähmst und sängst.
Gerade an diesem Tag der deutschen Schmach und Schande. Nur das eine
Lied, Linde, das Heldenlied, das uns vier Jahre vorangezogen ist in die
Schlacht. Hol deine Laute, Mädchen.«
Sie nickte ihm zu, ging und kehrte mit der Laute wieder.
In dem tiefen Sessel saß sie ihm gegenüber, die Wange an den Lautenhals
geschmiegt, und aus dem dunklen Lederpolster leuchtete ihr Gesicht so
weiß wie ihr Sommerkleid.
»O Deutschland, hoch in Ehren …«
Martin Opterberg horchte auf, als riefen die Geister der Toten aus
den fernen Gräbern in Frankreich, Flandern und Polen. Seine Augenlider
röteten sich. Seine Wimpern wurden feucht. Aber sein Herz schlug nicht
im Jammer um das Gewesene, es schlug im Stolz um die unvergänglichen
Großtaten seines Volkes. O Deutschland, hoch in Ehren!
Die reine Mädchenstimme schwoll an, und die klingenden Saiten trugen
sie hinauf zu den Höhen, von denen der Blick in die Weite geht.
»Haltet aus im Sturmgebraus!«
Und Martin Opterberg hörte nicht mehr die Geisterstimmen aus den
Gräbern. Seine Augen hatten den alten Glanz zurückgewonnen. Kein
Erinnerungstropfen hing mehr an seinen Wimpern. Vornübergebeugt saß
er und schaute auf der Sängerin Lippen, als sähe er eine begeisterte
Seherin sitzen und der neuen deutschen Welt den Zukunftglauben
stählen in dieser Wind- und Wolfszeit, da der Wintersturm brauste im
Junimond. Haltet aus! Wir sterben nicht! Wir erstehen! Haltet aus im
Sturmgebraus …
Die Mädchenstimme schwang sich hoch auf aus der grauen Zeitlichkeit zu
den ewigen Sternen, und des Mannes Augen leuchteten still und strahlend
in der Gewißheit deutscher Unsterblichkeit.
»Haltet aus im Sturmgebraus!«
So feierte Martin Opterberg den Friedensvertrag von Versailles, der ein
atemlos gewordenes Volk mitten ins Gesicht schlug.
Die Sängerin hatte die Laute an den Sessel gelehnt. Sie stand und
wartete, und ihre Brust bebte noch von dem Lied.
»Nun ist die Reihe, zu wünschen, an dir, Linde.«
»Ja, Martin …«
»So sag auch du deinen Wunsch.«
Sie trat zu ihm hin. Auf scheuen Füßen. Und dann kauerte sie sich ganz
dicht zu ihm und legte ihm die flachen Hände gegen die Brust.
»Hab mich lieb …«
Wie ein letztes, silbernes Lautenschwirren glitt es durchs Zimmer.
Martin Opterberg blieb wie gebannt. Er rang nach einem Wort und
fand nicht eins. Alles, was er in dieser Sekunde zu denken und zu
fühlen vermochte, sammelte sich im Anblick dieser friedebringenden
Mädchenaugen.
»Hab mich lieb …« bat das Mädchen zum zweiten Male.
Da hob er die Arme und schlang sie um ihre Schultern und zog ihr Herz
so fest an das seine, daß sie plötzlich alle Kraft verlor. Aber die
weitgeöffneten Augen hielt sie standhaft auf die seinen gerichtet.
»Linde … Linde … das bittest du mich? Du -- mich?«
»Ja, Martin … Es ist ja eins …«
»Gib mir deinen Mund, du --«