Sie hob ihr Gesicht ihm entgegen. --

Er blickte auf ihre Lippen … Er spürte, wie ihm ein heißes, seliges

Lachen aus fernen Jugendtagen in die Augen trat … Und er fühlte, daß

die Jugend wiedergekommen sei.

Irgend ein Wort stieß er hervor, von dem er selber nicht wußte, ob es

ein Wort war, und nur, daß es einen Gruß bedeutete, einen Gruß des

Wiederfindens, des Festhaltens, einen Glücksgruß wie auch immer.

Und während er ihr den Atem von den Lippen küßte, legte sie ihre Hände

fest um seine Schläfen.

»Linde, Linde, ich hab’ dich lieb. Weshalb fragst du mich?«

»Damit du weißt, wie sehr ich auf dich warte …«

»Du hast gewartet? Warum? Warum?«

»Um dir zu bringen, was du brauchst, um als ein Junger ausfliegen und

-- heimfliegen zu können.«

»Als ein Junger … Wo ist dein Mund? Wo sind deine Augen? Als ein

Junger, o du … Nun trink’ ich aus dem Jugendbrunnen. Gib, gib …«

Und es wurde Nacht, und sie sahen nur ihre Augen und spürten nur einer

des anderen Herz.

»Es ist Johannisnacht,« sagte das Mädchen leise. »Das ist die Nacht der

bräutlichen Paare.«

»Es ist Johannisnacht,« sagte Martin Opterberg, »auf den Bergen flammen

die Johannisfeuer, und die Menschen, die sich lieben, schwingen sich

Hand in Hand durch die Flammen wie durch ein läuterndes Bad. Das ist

ein deutungstiefer Brauch.«

»In diesem Jahre,« fuhr das Mädchen fort, »brennen keine Johannisfeuer

auf den deutschen Bergen. Drum wollen wir die Flammen in unseren Herzen

schüren, daß sie unser ganzes Wesen reinbrennen zum bräutlichen Fest.«

»Mitsommerfest, Linde, Mitsommerfest! Nun erst steht die Sonne im

Scheitelpunkt.«

»Ja, Martin. Nun erst beginnt das Leben und Erleben in der Reife.«

Sie standen am Fenster und blickten in den werdenden Johannistag, der

die Nacht verdrängte, bevor sie sich ausgebreitet hatte. Schon zuckten

die Vorboten der ersten Sonnenstrahlen fernhin über den Himmel.

»Das soll uns ein Zeichen sein für unsere Lebensfahrt, Martin. Schau

hin. Nach kurzer Nacht ein langer Tag.«

»Und ein Zeichen für unser Vaterland, Linde. Zu Johanni stürzten uns

die Feinde in die Nacht der Schmach. Aber die Johannisnacht ist die

kürzeste des Jahres.«

Sie schmiegte sich in seinen Arm, als wären sie nur ein Leib und eine

Seele.

Und das Johanniswunder eröffnete alles Land und alles Leben dem Licht.

Über den Rhein blitzte es hin wie Funken, und in den dichtverzweigten

Uferweiden erwachte hundertstimmiger Vogelgesang.

»Komm mit mir ins Licht, Linde,« sagte Martin Opterberg, und sie hing

ihren Sommerhut über den Arm und schritt an seiner Seite durch den

Garten an den Rhein und langsam rheinauf.

»Gingen wir so weiter und immer so weiter,« meinte das Mädchen sinnend,

»so kämen wir an den Oberrhein, und am jungen Brauserhein zu unserer

Frau Christiane -- unserer Mutter.«

»Unserer Mutter …,« wiederholte Martin Opterberg und zog ihren Arm

fester an sich.

»Unser erstes Denken in dieser Frühe soll _ihr_ gelten, Martin, die uns

Tag und Nacht aus ihren Quellen speiste.«

»Wie ich sie kenne, Linde, ist sie uns schon mit ihrem Denken

zuvorgekommen.«

Droben in Scheitelhöhe zogen zwei Falken ihre Kreise. Und wieder wies

sie ihm das glückliche Mädchen als ein Zeichen.

»Als wir noch Knaben waren,« sagte Martin Opterberg, »der Christoph

Attermann und ich, und mit der Mutter zu den Gletschern stiegen, aus

denen die Rheinquellen springen, erspähten wir Buben ein Adlerpaar hoch

im Blauen. Und die Mutter nannte sie die Könige der Einsamkeit und

lehrte uns, daß just die Einsamkeit einen Gefährten verlangt.«

»Die Einsamkeit?« fragte nachsinnend das Mädchen.

»So fragten damals auch wir Buben. Und die Mutter lehrte uns: Gerade

die Einsamkeit. Ohne einen Gefährten wäre sie eine große, leere

Gebärde, ein Grab bei Lebzeiten. Mit einem Gefährten die Größe und

Fülle des Lebens, aus einer stolzen Höhe betrachtet. Das haben wir

Buben uns für alle Zeit gemerkt.«

»Du und der Christoph?«

»Ja, Linde, der Christoph und ich. Denn die Mutter nahm uns Wanderbuben

in ein fröhlich Verhör, ob wir uns auch ein rechtes Bild zu machen

vermöchten, und ich rief: Die Mutter meint, Einsamkeit und Tod sei

noch lange nicht dasselbe. Und der Christoph rief: Und wer nicht tot

ist, der hat zu leben, und aus der Höhe betrachtet, läuft’s da drunten

durcheinander wie Ameisen, die einen nicht schrecken.«

»Und die Mutter, Martin? Die Mutter?«

»Die Mutter rief: So mein’ ich’s. Und wenn du es dann droben in der

einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährten mitteilst und er es dir

bejaht, dann wird euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen Gewißheit,

und ihr habt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer ein

Fürchten gibt.«

»Nun hast du es mir mitgeteilt, Martin …«

»Und du mir.«

Sie wanderten immer noch den Rhein hinauf, über den die Frühsonne sich

breitete wie ein blitzender Schild aus Silber und Gold. »Johannistag,«

sang und klang es in ihren Seelen.

»Sag mir eins, Linde. Sag mir, wann du es wußtest, daß du mich lieb

hattest.«

Sie ging eine Weile schweigend, als suche sie am Wegrand eine Blume.

Dann hob sie den Kopf und blickte ihm offen in die Augen.

»Nein, Martin, das läßt sich nicht sagen, denn es muß wohl immer

gewesen sein. Schon in der Mädchenfrühe, seit die Therese mir so warm

von dir sprach. Aber überwältigt hat’s mich und geschüttelt, daß ich

den Schlaf nicht mehr fand, als ich wußt’, du bist im Unglück, du bist

mit dem Heer auf dem Rückzug, du schlägst dich durch die Feinde und

wohl gar durch die eigenen Landsleut’ durch nach dem Rhein und über

den Rhein und kommst in dein kaltes, leeres Haus. Damals, Martin,

damals hab’ ich Nacht für Nacht mein Lämpchen in der Stub’ brennen

lassen, denn ich sagt’ mir wohl: vom eigenen dunklen Haus kommt er

zum Attermannschen Haus, Nachschau halten, und da soll er Licht und

Leben finden, das, was er zumeist benötigt. Und so bin ich die Treppen

hinabgesprungen, als es in der Dezembernacht an der Haustür läutete,

und hab’ nur ein Gewand über mein Nachtkleid geworfen, nur damit ich

die Erste war, die dich begrüßen konnt’ und --«

»Und --?« wiederholte Martin Opterberg und hielt den Schritt an.

»Und dich küssen,« vollendete sie hastig, umschlang ihn mit beiden

Armen und drückte ihren Kopf an seine Brust.

Er erwiderte kein Wort. Er hielt sie ganz fest und sah auf ihrem

braunen Haar das Sonnenkrönlein flimmern. Nun war das Krönlein der

Baumgartschwestern _doch_ noch sein.

Wieder wanderten sie weiter und bogen ab vom Rhein, und das Mädchen

fragte: »Wohin gehen wir?«

»Zur Schwester,« antwortete Martin Opterberg. »Ich bring’ dich der

Therese.«

Es war erst fünf Uhr morgens, als sie das Attermannsche Haus erreicht

hatten, und sie umschritten das Anwesen und gelangten durch ein

Pförtchen in den Garten. Die Rosen glühten an den Stöcken und die

Nelken auf den langgezogenen Beeten. Ein blühendes Jasmingesträuch war

zu einer Gartenlaube geformt.

Nicht lange saßen sie in dem kleinen, verträumten Winkel, als sich die

Haustür nach dem Garten auftat und Therese Attermann auf der Schwelle

stand. Sie lugte in den Morgen hinein, hob den Fuß, um die Steinstufen

hinabzusteigen, und blieb mit einem Male regungslos. Dann aber kam

eilendes Leben in sie, und sie schritt schnell die Stufen hinab und in

den Garten hinein. Die beiden in der Jasminlaube hatten sich erhoben

und kamen ihr, sich fest bei der Hand haltend, auf halbem Wege entgegen.

»Ihr?« sagte Therese Attermann, und ihr Herz schlug hoch. »Ich hatt’

doch das Glöckchen an der Gartenpforte anschlagen gehört und glaubt’,

es käm’ einer, der schon in der Früh’ meinen ärztlichen Beistand

suchte.«

»Grüß Gott, Therese. Wir kommen zwar nicht zum Arzt, sondern zur

Schwester, um ihren Beistand zu erbitten. Die Linde will nun für immer

bei mir bleiben und mich nicht mehr lassen! Bist du’s zufrieden?«

Therese Attermann streckte die Hände aus, und die beiden ergriffen die

Schwesterhände und streichelten sie.

Ein tiefer Atemzug hob Therese Attermanns Brust. »Ich bin’s zufrieden!

Ob ich’s zufrieden bin! Euch brauch’ ich kein Glück zu wünschen. Denn

ihr habt’s und werdet’s zu halten wissen.«

»Ich bring’ dir meine Braut, Therese. Laß sie die wenigen Wochen bei

dir bleiben, bis ich sie heimhol’. Ich will heut’ noch unser Aufgebot

bestellen.«

Da nahm Therese Attermann die Schwester an ihre Brust, mit einer

starken, liebkosenden Gebärde.

»Mein Lindele du …«

Und Linde Baumgart eilte, um Christoph Attermann herauszuklopfen, und

Martin Opterberg stand mit der Schwester allein und sah ihr in die

Augen.

»Du hast mir all mein blindes Jugendtreiben verziehen, Therese? Heute

erst frag’ ich dich danach.«

»Martin,« sagte sie leise, »als Christoph Attermann in seiner starken

Treue kam, um mich zum Weib zu wünschen, da hab’ ich ihm auf seine

männliche Frage nach dir geantwortet: Ich könnt’ für den Martin

Opterberg zu jeder Stund’ sterben, aber nicht mit ihm leben … Und dann

hast du mit dem Leben gerungen und bist längst ein anderer geworden,

bevor das Leben ein anderes geworden war, und wie sehr ich mit dem

anderen Martin Opterberg, dem, der vor mir steht, zusammen leben möcht’

und will und werd’ -- ach Martin, das Lindele ist ja keine andere als

ich, und ich bin das Lindele.«

»Ich bin ein glücklicher Mann,« erwiderte Martin Opterberg. »Ich danke

dir.«

Und Christoph Attermann kam, von Linde geleitet, und fiel dem

Pflegebruder stürmisch um den Hals.

»Nun sind wir erst eins, Martin, nun sind wir erst ganz eins. Als

hätten sich die beiden Rheinquellen vereinigt und endlich auch zum

breiten Strom gefunden.« --

In dem einen Monat, der Martin Opterberg blieb, gab es Arbeit die

Fülle für ihn. Aus seinen alten Pionieren waren die Schiffer, die ein

Schiffahrtszeugnis für den Rhein besaßen, ausgewählt worden, um mit

ihnen den Frachtdampfer zu bemannen. Über die nahe Grenze nach Holland

ging die Fahrt, Waren zu laden für den Oberrhein bis Basel, und in

Gegenfracht kostbare Hölzer des Schwarzwaldes zu holen. Und als das

Schiff den Rhein hinabgeschwommen war, war auch der Monat dahingegangen.

In den ersten Augusttagen legten Martin Opterberg und Linde Baumgart

ihre Hände ineinander.

Und sie fuhren in selber Stunde hinaus in den deutschen Süden, dem Land

ihrer Jugend entgegen, und fuhren die ganze Nacht und den neuen Morgen

den Rhein entlang und sahen den Schwarzwald winken, stiegen aus und

wanderten in ihn hinein.

In einem alten Städtchen am Murgufer hielten sie an, hielten sie ihre

erste Rast -- -- --

Immer wieder mußten sie zurückschauen auf das alte, liebe Nest

am lebenrauschenden Wasser, als sie anderen Tages die Berglehnen

hinanstiegen, starrenden Fels und rauschenden Wald zu Häupten und zu

Füßen.

»Du!«

»O du -- -- --«

Die langbärtigen Tannen flüsterten, die Quellen sangen, die Vögel

redeten in hundert Zungen -- es war alles verzaubert um sie her.

»So war’s in der Jugend, Linde …«

»So ist es heut, Martin.«

Hoch oben auf dunkler Waldeskuppe lag wie ein Krönlein ein kleines,

altersgraues Jagdschloß. »Dort ist ein Blick ins Land, so zauberisch

wie wenige nur,« wußte Martin Opterberg zu künden, und sie stiegen

weiter und saßen doch mehr im Moos, als daß sie wanderten.

Droben lehnten sie an der Mauerbrüstung und schauten mit glänzenden

Augen hinaus in die sonnigen Nähen und goldenen Weiten, zu den

mächtigen Bergrücken hinüber, von denen die grünen Matten wie Mäntel

niederglitten, und hinunter zu den spielzeugkleinen Dörfern, an denen

die silberne Murg in Freudensätzen vorübersprang. So klein war die

Erde, so groß die unendliche Welt! Und beide waren sie schön in allen

ihren Teilen.

Schwer nur lösten sie sich aus ihrem Schauen und riefen sich auf zum

Weiterwandern.

»Erzähle mir, was hast du gesehen?« fragte Martin Opterberg, als sie in

schweigender Freude die tannenumrauschten Höhenwege schritten.

»Wovon sprichst du?« fragte Linde Opterberg zurück.

»Von dem Jagdschloß auf der freien Schwarzwaldhöh’ und dem Ausblick in

Nähe und Ferne.«

»Schilt mich, Martin, denn ich hab’ von all’ dem nichts gesehen. Ich

hab’ nur dich gesehen, wie ich Ausschau und Einschau hielt. Dich,

dich …«

»Und ich hab’ nur dich gesehen.«

Schulter an Schulter schritten sie durch den Wald und suchten Herberge.

Und jeder Morgen wurde ihnen lieber um des gemeinsamen Wanderns willen

und jeder Abend ihnen lieber um des gemeinsamen Rastens willen.

So kamen sie nach Wochen des Glücks zu Frau Christiane und blieben in

dem weißen Hause, das auf dem steilen Uferrücken über dem brausenden

Jungrhein lag, weitere Wochen des Glücks.

In diesen Tagen sah man oft Frau Christiane auf der kleinen Bank im

Felsgarten sitzen, die Hände im Schoß, als dürfe sie sich nun auch

bei Tage einmal ruhen, obwohl sie Gäste habe, und auf den brausenden

Jungrhein blicken, der nach mancher Meilenfahrt fernhin zum stark und

ruhig flutenden Niederrhein wurde.

Und dann traf die Nachricht ein, daß der Frachtdampfer von Rotterdam

angekommen und in Basel entladen sei. Vom Meere bis zum jungen Rhein

war er die Wasserstraße gezogen, neue Lebenswerte, neue Arbeitswerte an

Bord.

»Nun ist Opterbergwerft und Opterberghof einander so nahe gerückt,

Mutter, daß du vom Turmzimmer aus mit dem Fernrohr zum Schiff und von

Bord aus zum Opterberghof hinüberschauen kannst.«

»Ich hab’s euch immer gesagt: der Rhein und seine Menschen gehören

zusammen. Das müßt ihr halten wie ein Naturgesetz. Und die Natur kennt

auf die Dauer keine Widernatürlichkeiten.«

Sie standen am Basler Landungsplatz. Der starke Schiffsrumpf war

angefüllt mit Rohgarnballen für die niederrheinischen Spinnereien

und Webereien, dazu mit Lebensmitteln aller Art, die dem freien

Handel wieder zugängig gemacht waren nach der jahrelangen Sperre. Das

breite Deck aber war aufnahmebereit für die Schiffsbauhölzer aus dem

Schwarzwald, die weiter stromab geladen werden sollten. Der Kreislauf

des Blutes hatte wieder begonnen.

Die Zollbeamten kamen von Bord. Die Pässe wiesen Martin Opterberg und

seine Frau als die Schiffseigentümer aus. Der Anker konnte gelichtet

werden.

Frau Christiane schüttelte den Abschiednehmenden die Hand.

»Das ist jetzt kein Abschied mehr. Das ist nur noch die Freud’ auf das

Wiedersehen. Wann tauft ihr euren Buben?«

»Übers Jahr, Mutter.«

»Recht so. Und bringt mir den Opterbergerben zu Schiff auf den

Opterberghof. Er soll eine Heimat am Oberrhein und am Niederrhein

haben. Wie es sich gebührt.«

»Mutter, und ich schick’ dir jedes Jahr die Erholungsbedürftigen von

der Werft. Du wirst ihnen Leib und Seel’ auffrischen.«

»Mit Quellwasser, Bub. Grüßt die Attermanns. Fahrt wohl!«

»Fahr wohl, Mutter.« --

So fuhren sie dahin, das badische Ufer entlang, und sahen zur Linken

die französische Grenze, herangerückt an den heiligen Strom. Und

Straßburg tauchte auf, und vom deutschen Dome Erwins flatterte

Frankreichs Dreifarbenbanner.

Martin und Linde Opterberg standen vorn am Bugspriet. »O Straßburg,

o Straßburg, du wunderschöne Stadt …« sang es in ihren Herzen, aber

während sie den Blick von dem ragenden Denkmal vergangener Tage wandten

und geradeaus richteten auf den festen Kurs ihres Schiffes, summten

ihre Lippen das alte Heldenlied, das ein Gruß war an die Toten und ein

Gruß war an die Lebenden: »O Deutschland, hoch in Ehren …«

»Haltet aus! Haltet aus im Sturmgebraus!«

Anzeigen des

Cotta’schen Verlages

Die Buben der Frau Opterberg · 第 23 / 33 题