Das war, als das Schicksalsrad anders herum ging -- --

»Herr Hauptmann Opterberg …«

Martin Opterberg riß sich zu dienstlicher Haltung zusammen. Er trat

ein. Die Tür sank geräuschlos hinter ihm ins Schloß.

Ein leeres, dämmeriges Gemach. Ganz hinten am letzten Eckfenster, alles

Tageslicht auf sich vereinend, ein Mann am Schreibtisch, groß, stark,

mit einem Bauernschädel.

Der Mann erhob sich, durchschritt in Eile das langgestreckte Zimmer und

nahm dem Meldenden die Hand vom Helm.

»Hauptmann Opterberg. Ich weiß. Sollen hier ein paar Monate arbeiten,

um nicht vorzeitig draufzugehen. Offiziere wie Sie brauchen wir heute

nötiger denn je. Führer, denen die Leute blindlings folgen. Herzlich

willkommen hier.«

»Allergehorsamsten Dank, Euer Exzellenz.«

»Keine Worte, lieber Opterberg. Der Dank ist auf unserer Seite. Viermal

verwundet und immer wieder vornweg. Ihre Leistungen sind mir allesamt

bekannt. Sie dürfen stolz darauf sein.«

Martin Opterberg stand unbeweglich. Auge in Auge mit dem überlasteten

Mann, der dennoch auch von ihm wußte …

»Nun wollen Sie sich wohl beim Feldmarschall melden? Sie sollen ihn

sehen. Der Feldmarschall wünscht es selbst. In einer Stunde beim

Mittagessen in seinem Hause. Dort hat er Atempause. Auf Wiedersehen.«

Martin Opterberg spürte den kurzen, festen Druck der Hand. Und während

er Kehrt machte, sah er den Überlasteten in Eile durch das Zimmer

zurückschreiten. Als er beim Hinaustreten einen Blick zurückwarf, saß

der General in seinen Papieren vergraben am Schreibtisch. Und alles

Tageslicht lag auf dem mächtigen Bauernschädel.

Nachsinnend betrat Martin Opterberg die Straße. Aber ein Gefühl

blieb das stärkste. Er kam von einem Einsamen. Er kam von einem

Arbeitsriesen, der in Sekunden denken mußte, handeln, vollbringen, und

der seine Worte auf Sekundenkürze zusammendrängen mußte.

Und doch: was hatte der General ihm in den wenigen Augenblicken

nicht alles gesagt. Nein, nicht das Lob. »Führer sind nötiger denn

je, denen die Leute blindlings folgen.« Also sammelte er sich zum

Entscheidungskampf. Zur letzten Schlacht, in der es blindlings voran

gehen mußte, sollte Deutschland bestehen … Und von Hindenburg hatte er

gesprochen, dem Feldmarschall. Dies ehrfürchtig-stolze »Sie sollen ihn

sehen« schwang noch in Martin Opterbergs Seele nach. Mit diesem tiefen

Unterton vermochte nur ein Mann zu sprechen, der das Hinaufschauen

nicht verlernt hatte. »Dort hat er Atempause.« So spricht ein

Mitarbeiter vom Meister.

Und plötzlich rann es Martin Opterberg den Rücken hinab … Gleich

wirst du vor dem Schlachtenmeister stehen, vor dem Ehrwürdigen und

Verehrungswürdigen.

Er horchte in sich hinein. Nein, da war keine Spur von Angst. Da war

nur Freude, jubelnde Freude.

»Opterberg? Bist du’s oder bist du’s nicht? Menschenskind, du

überrennst ja den Vertreter einer hohen Generalstabsabteilung!«

»Grüters,« sagte Opterberg und hielt an. »Wenn ich dein Hiersein nicht

schon von deinem Schwager Tillmann wüßte, hätt’ ich dich doch an den

funkelnagelneuen Beinkleidern erkannt.«

Grüters beklopfte mit einer Reitgerte die gutsitzenden langen Hosen.

»Du irrst, wenn du damit meinst, daß Kleider Leute machen. Der

Generalstab des deutschen Heeres ist verdammt helle, mein Junge, und

versteht sich auf die Ausmusterung. Mit Hohlköpfen ist hier nischt zu

wollen, aber rein garnischt. Und was führt dich wackeren Feldsoldaten

in diese geistige Luftschicht?«

»Nichts als eine einstweilige Versetzung in diesen selben Generalstab.«

»Du -- --?« fragte Grüters und starrte den einstigen Verbindungsbruder

sprachlos an. »Du machst wohl Witze? Nee -- ernsthaft? Wieso denn? Das

weißt du nicht? Das ist ja eine rätselhafte Geschichte. Immerhin,« er

reichte Opterberg die Hand, »wenn du eine Hilfe nötig hast -- ich stehe

dir in meinen knappen Mußestunden gern zur Seite.«

»Verbindlichen Dank, Grüters.«

»Und wo soll’s jetzt hin? Komm mit, ich stell’ dich beim Mittagessen

gleich vor.«

»Leider heute unmöglich, Grüters. Der Feldmarschall hat mich zu Tisch

befohlen.«

»Vater Hindenburg? Bist du bei Sinnen? Du, hör mal, hier gibt’s keinen

Studentenulk.«

»Es ist so, Grüters, und ich kann’s nicht ändern. Befehl ist Befehl.

Und General Ludendorff hat ihn mir soeben persönlich ausgesprochen.«

»Bei dem warst du auch? -- Ja, was ich sagen wollte,« und Grüters legte

seinen Arm in den des Jugendkameraden, »es ist dir doch recht, daß

ich dich ein paar Schritte begleite? Ich bin gerade dienstfrei. Habe

eine gewaltige Arbeitsleistung hinter mir und eine noch gewaltigere

vor mir. Richtig, ich sprach dir noch nicht davon. Aufklärung im Heer.

Gegen den Geist, den die grundstürzenden Linksparteien aus der Heimat

bis in die vordersten Linien tragen möchten. Das vermag nur ein Mann,

der kaiserlich bis in die Knochen ist. Dazu gehört die ganze Wucht

und Unerschrockenheit der Überzeugungstreue. Mein Gott, Opterberg,

das sind ja Jahre, daß wir unsere Gedanken nicht tauschen konnten. Der

ganze Krieg liegt dazwischen. So etwas sollte unter Männern derselben

Anschauungsweise nicht vorkommen dürfen. Also wir sind die Alten, Mann.«

Arm in Arm mit Opterberg auf- und abschreitend, plauderte er.

Liebenswürdig, ein wenig hochmütig, stets die eigene Person im Auge.

»Jetzt wird’s wohl Zeit, daß du zum Feldmarschall hineingehst.

Weidmannsheil! Vielleicht freut’s ihn, von unserer alten Freundschaft

zu vernehmen. Jedenfalls kann’s nicht schaden, wenn du mich bei

passender Gelegenheit mit einem Wort erwähnst; ich meine die rastlose

Aufklärungsarbeit da vorn. Soll ich meine Frau von dir grüßen? Ich

schreib’ ihr heute.«

Martin Opterberg trat ins Haus. Er behielt den Helm auf und den Degen

umgeschnallt.

Der Adjutant kam ihm entgegen, und die Herren nannten ihre Namen.

»Der Herr Feldmarschall läßt bitten, abzulegen. Er nimmt Ihre

dienstliche Meldung als geschehen an und ersucht Herrn Hauptmann, sich

lediglich als seinen Gast zu fühlen. Bitte in dieses Zimmer.«

Nur wenige Offiziere standen wartend und plaudernd in dem kleinen

Empfangszimmer, des Feldmarschalls allernächste Mitarbeiter, soweit sie

abkömmlich waren. Der Adjutant stellte den Hauptmann Opterberg vor. Ein

paar Namen wurden gemurmelt, ein paar Hände streckten sich aus, und

Martin Opterberg fühlte sich auf eine ruhige und selbstverständliche

Weise ins Gespräch gezogen. Er war Offizier und Hindenburgs Gast. Das

genügte den Herren.

Unwillkürlich reckte sich Martin Opterberg auf. Die Innentür wurde

geöffnet, und ein Riese an Wuchs mit einem eckig behauenen Kopf, in

dem sich Rune an Rune drängte, graues, kurzgeschorenes Haar über der

breitvorgelagerten Faltenstirn, den dicken, eisgrauen Schnurrbart bis

über die Mundwinkel vorgezogen, kam, die Hände in den Taschen seiner

Litewka vergraben, gemütlich ins Zimmer geschlendert. Der Feldmarschall

hatte Atempause.

Kein Zug entging Martin Opterberg in diesem ungewöhnlichen Gesicht.

Wie aus einem prachtvollen Marmorblock herausgehauen, ohne erst vorher

sorglich in Ton geformt und geglättet gewesen zu sein, so wirkte dieser

Kopf. Die Augen waren tief eingelegt. Wie ein Bildhauer wohl, um das

Leben zu erhöhen, kostbare Edelsteine in den Marmor senkt. Eines alles

verstehenden Herzens Güte spiegelten sie wieder, aber auf ihrem Grunde

glomm ein Schein, sichtbar nur dem Forscher, der des Alters spottete

und von den Feuerbränden einer Jünglingsseele sprach.

Der Feldmarschall nickte seinen Tischgenossen zu, winkte dem

Adjutanten, der zur Vorstellung des Hauptmanns herbeisprang, ab und

reichte dem Gast die Hand, die er aus der Litewkatasche zog.

»Der Hauptmann Opterberg wird schon wissen, wer ich bin,« sagte er mit

einer knorrigen Baßstimme, die tief aus seinem Körper zu kommen schien,

»und ich werde doch wohl wissen, wen ich mir als Gast eingeladen habe.

Freue mich, Sie zu sehen, Herr Hauptmann. Ja, mein lieber Kamerad,

wär’ ich noch in Ihrem Alter, ich möcht’ schon lieber mit dem Kolben

dreinwettern als jetzt mit dem Federhalter. Was haben Sie studiert?«

»Ingenieurwesen und Volkswirtschaft, Herr Feldmarschall. Ich baue am

Niederrhein Schiffe.«

»Ah! … Viel im Ausland gewesen?«

»Längere Jahre in England und Amerika.«

»Das ist gut. Dann sagen Sie mir doch einmal -- Entschuldigung, da

meldet die Ordonnanz, daß wir essen können. Ist Ludendorff da? Wenn man

den Wolf nennt, kommt er gerennt. Dann müssen Sie mir schon gestatten,

daß ich Sie zu Ihrem Platze führe. Ich bin nämlich mein eigener

Oberhofmarschall.«

Er schob die Hand unter des Gastes Arm und leitete ihn durch die

Innentür in das kleine Speisezimmer. Wie ein schlank Studentenfüchslein

erschien sich der hochgewachsene Opterberg neben dem breitbrüstigen

Riesen.

»Hier sitzen Sie. Neben mir. Hoffentlich haben Sie einen tüchtigen

Hunger.«

Die Herren verbeugten sich kurz nach rechts und links und nahmen den

Löffel.

Es gab eine dampfende Kartoffelsuppe mit kleingeschnittenem Rindfleisch

darin.

»Schmeckt sie so gut wie aus der Feldküche, Herr Hauptmann?«

»Das kann ich wohl sagen.«

»Na, dann darf ich Ihnen wohl einen guten Rat geben. Nehmen Sie noch

einen zweiten Teller voll. Es gibt weiter nichts. Höchstens noch einen

Eierkuchen.«

Das kam wohlwollend und väterlich. Und während die Teller frisch

gefüllt wurden, spürte Martin Opterberg des Feldmarschalls prüfendes

Auge.

»Was ich vorhin fragen wollte, Hauptmann Opterberg. Sie waren lange in

Amerika. Sie sehen mir nicht danach aus, als ob Sie in einem fremden

Land mit geschlossenen Augen leben. Was würde wohl Amerika getan haben,

wenn es wie Deutschland gezwungen gewesen wäre, bis auf die Knaben

und Greise auf Jahre hinaus fast seine sämtlichen Männer ins Feld zu

schicken? Sagen Sie mal Ihre Meinung.«

»Es würde vor allen Dingen jeden Unterschied zwischen Heer und Heimat

aufgehoben haben, Herr Feldmarschall.«

»Ich wittere was. Aber erklären Sie sich deutlicher.«

»Amerika würde in der Lage Deutschlands sofort für die Dauer des

Krieges jede weitere Kapitalbildung untersagt und jeden Bürger auf Sold

gesetzt haben. Keiner hätte den Krieg für sich ausbeuten können, keiner

der Daheimgebliebenen einen Pfennig mehr verdienen können als die im

Felde Stehenden. Sie hätten ganz einfach in den Fabriken und in der

Landwirtschaft ihrer Soldatenpflicht gegenüber dem Vaterland genügen

müssen, das sozusagen eine einzige Heeresetappe gebildet hätte.«

Der Feldmarschall legte ihm die schwere Hand auf die Schulter. »Weiter,

weiter.«

»Weiter wäre wohl nichts, Herr Feldmarschall. Der Amerikaner treibt

Wirklichkeitspolitik und macht Nägel mit Köpfen.«

»Und wir?«

Mit flammenden Augen schaute Martin Opterberg zu dem greisen Helden auf.

»Ein Wort von Ihnen, Herr Feldmarschall, wenn’s sein muß, ein

Machtwort --«

Er hielt inne. Eine Röte lief über seine Stirn. »Ich bitte um

Entschuldigung, Herr Feldmarschall, daß ich wagte --«

»Unsinn. In dieser Erholungspause darf jeder reden, wie’s ihm ums Herz

ist. Das wäre noch schöner.« In den zusammengekniffenen Augen sprühte

es auf. »Ja -- wenn ich in Berlin etwas zu sagen hätte, was ich aber

_nicht_ habe: ich würde Nacht für Nacht eine Streife durch die lustigen

Kaffeehäuser und ähnliche Örtlichkeiten veranstalten lassen und alle

die feisten Herrlein, die sich dort groß tun, es nicht mit zwei

Männern, aber mit zwei Frauenzimmern aufzunehmen, herausholen und am

anderen Morgen in die Munitionsfabriken stecken.«

Ein grimmiges Lachen der Verachtung flog um seinen Mund.

»Nicht in das Feldheer. Nicht unter meine Braven. Diese schwammigen

Blutegel, die sich am Kriege vollsaugen und, wenn’s hart um hart geht,

uns mit irrsinnigem Friedensgeheul in den Rücken fallen, um nur ja mit

ihrem Raub nicht unter die Räder zu kommen. Dann schimpfen sich diese

Kerle ›Pazifisten‹. Achten Sie auf das Fremdwort. Die deutsche Sprache

schämt sich, ein Wort dafür herauszurücken.«

Die Teller waren geleert, das Glas Wein ausgetrunken. Ein

Zigarrenkistchen machte die Runde, und ein jeder langte zu. Der

Feldmarschall tat tiefe Züge. In seinen Augen lag wieder die Vatergüte.

»Es gibt nur eins, mein lieber Hauptmann Opterberg, und das ist die

Pflicht. Die Pflicht vor dem Vaterland, vor sich selber und dem

Herrgott. Wie die unsere lautet, das sollten wir nachgerade wissen,

oder wir müßten diesen unerbittlichen Vernichtungskrieg gegen

Deutschland immer noch für eine Kirmeßrauferei halten, die mit einem

gefüllten Maßkrug abgebrochen werden kann. Aushalten bis auf den

letzten Mann, den letzten Hauch, und lieber in Seligkeit sterben als

unselig weiter leben.«

Er stand auf und reckte seine Riesengestalt in den Schultern.

»Wollte doch diese Einsicht Gemeingut des ganzen Heimatvolkes werden.

Eine eigene Brotrinde kauen, ist immer noch besser als fremde

Peitschenhiebe zum Frühstück. Erfüllen wir unsere Pflicht. Zu nichts

anderem sind wir hier. Gesegnete Mahlzeit, meine Herren.«

Er reichte die Linke dem Gast, die Rechte dem General Ludendorff, der

eilig und schweigend gegessen hatte. Die Atempause war vorüber. --

Wenige Wochen erst saß Martin Opterberg an seinem schmalen

Arbeitstisch, der auf vier fichtenen Füßen stand, als das zweite

Erlebnis an ihn herantrat. Der Kaiser, der nach kurzer Abwesenheit

im Großen Hauptquartier wieder eingetroffen war, wünschte einen

Bericht über die Stimmung im Heere. Seine Umgebung hatte ihm von dem

seit kurzem im Generalstab beschäftigten Hauptmann gesprochen, der

mit Auszeichnung auf allen Kriegsschauplätzen gekämpft habe und vom

Generalfeldmarschall Hindenburg zu einer Mittagsmahlzeit zugezogen

worden sei. Der Kaiser ließ den Hauptmann zu sich befehlen.

Es war an einem frühen Wintermorgen, als Martin Opterberg die Einfahrt

zu dem Landhause betrat, das den Kaiser und sein Gefolge beherbergte.

Ein paar Kraftwagen waren vorgefahren. Der Leibjäger stand harrend am

Schlage des ersten.

Die Tür des Hauses öffnete sich. Der Generaladjutant trat heraus,

schritt über den knarrenden Kies und nahm die Meldung des Hauptmanns

Opterberg entgegen.

»Warten Sie hier. Seine Majestät werden sogleich erscheinen. Sie fahren

mit.«

Vier Herren kamen über den Vorhof und traten hinzu. Die Vorstellung

wurde rasch vollzogen. Martin Opterberg erfuhr, daß er den

Hofmarschall, den Leibarzt, einen Flügeladjutanten und den Hauptmann

des kaiserlichen Kraftwagenparks vor sich sah. Die Herren plauderten

untereinander von Dingen, die ihm nicht geläufig waren. Er wartete

schweigend.

Der Leibjäger reckte das Kinn.

Die Unterhaltung brach ab. Auf der Freitreppe stand der Kaiser.

Er stand in Helm und Mantel, die Hände auf den Degenknauf gestützt, und

schaute in die langsam sich hebende Wintersonne. Haar und Schnurrbart

schimmerten eisgrau. Das Gesicht war mager und an den Backenknochen

eingefallen. Jetzt wandte er die Augen. Sie waren leuchtend wie

Knabenaugen.

Martin Opterberg war es, als hätte er einen Betenden gesehen.

Der Generaladjutant eilte hastig zu seinem Herrn. Er erstattete Meldung

und winkte mit der Hand Martin Opterberg herbei.

»Der Hauptmann Opterberg, den Euer Majestät zu sehen wünschten.«

Martin Opterberg stand wie aus Bronze, die Hand am Helm.

Des Kaisers Auge lag prüfend auf dem Offizier. Dann streckte er ihm mit

einer raschen Bewegung die Hand hin.

»Ich freue mich, Sie zu sehen. Haben sich ja so wild herumgeschlagen,

daß kaum noch etwas an Ihnen heil ist. Geht’s bald wieder?«

Der Druck der kaiserlichen Rechten war eisern. Die Kraft des

verstümmelten linken Armes hatte sich dem rechten mitgeteilt. Martin

Opterberg ertrug unbeweglich den Druck.

»Jawohl, Euer Majestät. Ich bin wieder verwendungsfähig.«

»Hinter dem Schreibtisch oder hinter dem Feind her?«

»So Gott will, hinter dem Feind her, Euer Majestät.«

Der Kaiser nickte ihm zu und gab die Hand frei. Über die Schulter

zurück befragte er den Generaladjutanten: »Können wir fahren?«

Der Leibjäger bot ihm die Hand zum Einstieg. Der Generaladjutant nahm

zur Linken des Kaisers Platz und wies Martin Opterberg den Vordersitz

an. Im zweiten Wagen saß das Gefolge, im dritten Jäger und Leibwache.

Hinaus glitt es zum Tor und in die winterliche Landschaft hinein.

Des Kaisers Augen gingen lebhaft in die Runde.

»Ob wir nun bald ein anderes Bild zu sehen bekommen?«

»Der Marschall sagt ›ja‹, Euer Majestät.«

»Wenn’s Hindenburg sagt, ist es so gut wie geschehen.«

Er atmete tief auf, nahm den Helm ab und ließ sich die Mütze reichen.

»Und Sie wollen wieder mit dabei sein, Hauptmann Opterberg? Können Sie

nicht genug kriegen?«

»Wenn der Feind genug hat, kehr’ ich gern heim, Euer Majestät.«

»Und diesmal _wird_ er genug kriegen. Er wird, er muß und soll. Es ist

alles vorbereitet, glänzend vorbereitet. Diesmal fehlt nichts. Wir

werden den Endsieg herbeiführen.«

»Jawohl, Euer Majestät.«

Der Kaiser sprach hastig weiter. Er sprach wie aus einem Drange heraus,

eine bestätigende Stimme zu hören. Seine Gesichtszüge zogen sich

zusammen. Seine Augen forschten.

›Dieser hier ist der Allereinsamste,‹ dachte Martin Opterberg.

›Während die anderen aus ihrer Einsamkeit Pläne und Taten gewinnen,

muß er die seine abwartend in die Landschaft flüchten. Und mit ihr die

Verantwortung für die Tugenden und Sünden eines Siebzigmillionenvolkes

vor der ganzen Welt.‹

»Das vierte Kriegsjahr,« sprach der Kaiser lebhaft. »Und Jahr für

Jahr hätten sie den Frieden haben können. Nicht doch -- erst muß

die Welt ganz aus den Fugen gehen. Wenn ich an Rußland denke! Welch

ein Zukunftsvolk war’s und ist es heut noch mit seinen unermeßlichen

Menschen- und Bodenschätzen in all der Unberührtheit. Und Frankreich

erst! Es schlägt sich, wie nur ein geborener Soldat sich schlagen

kann.« Seine Augen öffneten sich groß und starrten lange ins Weite.

Als suchten sie ein Bild und fänden Trümmer. »Das war einmal mein

Traum,« sagte er nach einer Weile. »Rußland, Deutschland, Frankreich

ein einziger Block. Die drei stärksten und tapfersten Mächte -- ein

einziger, starrender Fels, an dem sich jede Kriegswoge der Welt im

Entstehen hätte brechen müssen. -- Die Schildwacht des Erdballs -- und

darum die heiligste Wacht des Friedenstempels.«

Staunend und ergriffen zugleich hatte Martin Opterberg den Worten des

Kaisers gelauscht. Wer so zu träumen, wer so seinen Träumen Worte zu

geben vermochte, heute noch, nach der grausamen Wachrüttelung und

den rohen Faustschlägen der Umworbenen, der mußte in Wahrheit ein

reiner Edelgeist sein oder ein Mensch, an dem alle Wirklichkeiten

vorübergeleitet worden waren -- und immer noch wurden.

Eine heiße, wehe Liebe entbrannte in ihm zu dem vereinsamten

Kronenträger.

Die Morgenfahrt ging weiter. An den schwarzen Wäldern vorüber, über

eine weite Hochfläche, die nur verschleierte Fernblicke bot. Der Kaiser

schien enttäuscht und kehrte bald zu seinem Gespräch zurück.

»Gut, daß nun die letzte Abrechnung aufgestellt wird. Die

Schlußrechnung. In der Heimat fangen sie an, Schwierigkeiten zu machen.

Aber in Frankreich machen sie schon längst Schwierigkeiten, und in

England soll’s auch nicht zart hergehen. Hingegen soll die Stimmung in

unserem Heer, vom Chor der ewig Unzufriedenen abgesehen, eine freudig

erregte sein. Sie sind ja wohl der beste Augen- und Ohrenzeuge gewesen,

Hauptmann Opterberg. Erzählen Sie mal.«

Martin Opterberg riß sich bei dem Anruf zusammen. Der Kaiser hatte eine

Frage an ihn gestellt. Und plötzlich ward ihm, als heischte da vor

ihm nicht ein kronentragender Mensch eine beistimmende Antwort, als

befragte ihn das Vaterland, versinnbildlicht durch ein Fürstenantlitz.

Das Vaterland aber heischte keine höfische Antwort -- es heischte die

Wahrheit.

»Die Leute sind über menschliches Berechnen hinaus im vierten Jahre

im Feld, Euer Majestät. Sie haben trotz der begeisternden Siege viel

Hartes und Schweres in der langen Zeit erfahren. Die gelichteten

Kameradenreihen, eigene Verwundungen und Krankheiten aller Art, dazu

wohl auch trübe Nachrichten von daheim, Tod der Nächsten, Zusammenbruch

der Geschäfte. Ich möchte sagen: die freudige Erregung ist mehr die

Sehnsucht, bald heimzukommen.«

Der Kaiser sah ihn starr an.

»Das klingt ja fast, als ob da allerhand geheime Machenschaften am

Werke wären, den Leuten den Aufschwung zu verleiden?«

»Gewiß, Euer Majestät, auch geheime Machenschaften sind am Werk,

obschon sie längst nicht mehr so ganz geheim betrieben werden. Die

Sendboten der unzufriedenen Parteien im Reich sitzen schon in jeder

Kompanie und halten ihre Winkelversammlungen ab. Wer schimpft und

hetzt, hat allzeit den größten Zulauf.«

»Die Sozialisten, Herr Hauptmann? So weit sollte man die schon

vorgelassen haben?«

»Euer Majestät, es ist nicht die sozialistische Weltanschauung allein.

Es sind zwei gleich starke Strömungen, die im Heere fluten. Die eine

ist die sozialistische, die von der großen Völkerversöhnung durch die

Gemeinschaftsziele der Arbeiterklassen schwärmt und den Krieg als

eine Art Börsenspiel der Geld- und Machtklassen hinstellen möchte.

Die andere ist eine wütend judenfeindliche, die die Verlängerung

des Krieges, die Anhäufung der Kriegsgewinne durch die überzahlten

Heereslieferungen, Bewucherung und Schiebertum daheim, kurz alles,

was sie als ihre eigene und die Not des Vaterlandes ansieht, dieser

einen Rasse zuschiebt, die doch nur eins vom Hundert der deutschen

Bevölkerung ausmacht.«

Der Kaiser schüttelte den Kopf.

»Das geht mir nicht ein. Sozialismus und Antisemitismus sind doch immer

entgegengesetzter Natur gewesen.«

»Im Felde denkt man nicht so scharf darüber nach, Euer Majestät. Im

Grunde trifft man sich in dem einen Gedanken, möglichst bald nach Hause

zu gelangen und klare Bahn zu schaffen.«

»Klare Bahn?«

»Euer Majestät, drei und einhalb Jahr Krieg in ödem Feindesland machen

aus Helden Menschen mit menschlichen Gebrechen. Wenn sie in der

Schlacht stehen, kämpfen sie um ihr Leben.«

Des Kaisers Blick wurde hart und abweisend.

»Ich denke: um die Ehre des Vaterlandes! -- -- Mein werter Herr

Hauptmann, da stehen mir doch gottlob angenehmere Berichte zur

Verfügung als der Ihre.«

Martin Opterberg spürte, wie ihm alles Blut zu Herzen trat.

»Ich fürchte, daß man Euer Majestät falsch unterrichtet hat.« …

Der Kaiser sah ihn groß an. Dann wendete er den Kopf und sah in die

nebelverhangene Landschaft hinaus. Die Maschine des Kraftwagens sang

und sauste. Im Wagen fiel kein Wort mehr.

Eine halbe Stunde später, und der Kaiser wies auf ein Wärterhaus am

Wege.

»Anhalten.«

Der Generaladjutant gab den Befehl zum Führersitz hinauf. Mit dem

kaiserlichen Wagen hielten die anderen. Der Kaiser schritt in das

Wärterhaus und wärmte sich den Rücken am Kamin. Er winkte die Herren

seines Gefolges zu sich heran und plauderte mit ihnen, während der

Leibjäger ein paar belegte Brote und je einen Becher Wein darreichte.

Zwei-, dreimal glitten die Augen des Kaisers blitzschnell zu dem

Hauptmann hinüber, der still und gesammelt abseits stand und seinen

Becher leerte, und musterten das tiefgebräunte Gesicht.

Der Leibjäger begann, die geleerten Becher einzupacken. Der Kaiser hob

den Kopf.

»Der Hauptmann Opterberg bekommt zum zweitenmal eingeschenkt. Er ist

vom Rhein.«

Martin Opterberg verbeugte sich und leerte den Becher noch einmal.

Der Kaiser hatte sich für seine Zigarette Feuer geben lassen. Die

Herren durften rauchen.

»Wärmen Sie sich weiter. Ich muß draußen ein paar Schritte tun, um die

Beine nicht einschlafen zu lassen. Hauptmann Opterberg -- Sie können

mich begleiten.«

»Zu Befehl, Euer Majestät.«

Langsam ging der Kaiser ein paar Schritte die Landstraße entlang.

Wieder flog sein Blick über das zusammengefaßte Gesicht des Hauptmanns.

»Mein lieber Opterberg, hören Sie einmal gut zu, ich will Ihnen eine

Geschichte erzählen. Damit Sie verstehen, daß ich Sie vorhin nicht

kränken wollte --«

»Nein, Euer Majestät …!«

»-- daß ich Sie vorhin nicht kränken wollte durch ein Mißtrauen in

Ihre Person, sondern daß ich bei meinem ersten Hineinblicken in die

öffentliche Welt ein allgemeines Mißtrauen sozusagen als Weggepäck

mitbekam. Weshalb ich’s gerade Ihnen erzählen muß, weiß ich nicht. Aber

ich tu’s.

»Also ich war noch ein Junge und sollte erst im nächsten Jahre

öffentlich auf dem Hofball erscheinen. Aber nichtöffentlich

zuzuschauen, war mir erlaubt worden. Mein Vater hatte mir seinen ihm

sehr innig befreundeten Generaladjutanten als Führer und Erklärer

beigegeben. Ich fragte, und er antwortete:

»›General Soundso.‹ -- ›Ah, der berühmte Sieger von Siebzig?‹ -- ›Na

schon. Stoppt ooch die eigene Matratze.‹ Das heißt aus dem Berlinischen

übersetzt: er handelt aus selbstsüchtigen Beweggründen.

»›Staatsminister Soundso.‹ -- ›Ah, der politische Steuermann?‹ --

›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ … ›Der Professor Soundso.‹ -- ›Ah, der

gottbegnadete Maler?‹ -- ›Stoppt ooch, stoppt ooch.‹ -- Nach wem ich

auch in jugendlicher Begeisterung fragte: er stopfte in seine eigene

Matratze hinein.«

Der Kaiser warf sein Zigarettenende fort. Seine Blicke tasteten an den

nebelverhangenen Fernen.

»Sehen Sie, mein lieber Opterberg, so wurde ich für meine erste

Berührung mit der Öffentlichkeit und ihren Menschen vorbereitet. Und

nun bitten Sie mir meine Herren heraus. Wir wollen fahren.« -- -- --

Die Arbeiten im Generalstab des Feldheeres hatten den Punkt erreicht,

an dem der Treibriemen auf das Schwungrad aufgelegt werden konnte.

Die Regimenter waren durch die Ersatzbataillone aus der Heimat

aufgefüllt, Waffen, Munitionslager, Verpflegungswesen, Feldlazarette

vervollständigt und auf den leisesten Anruf geregelt. Bei Tag und

bei Nacht, unablässig und doch kühl und sicher hatte das Hirn der

Generalstabsmänner unter der ungeheueren Spannung gearbeitet.

Martin Opterberg war zum Führer des Pionierbataillons ernannt worden,

in dem er vordem eine Kompanie angeführt hatte. Die Verantwortung

wuchs, aber auch das Glücksgefühl des Mannes, zu einer größeren

Aufgabe berufen zu sein. Er hatte sich von Vorgesetzten und Kameraden

im Generalstab verabschiedet und bestieg den Kraftwagen, der ihn in

die angewiesene Stellung bringen sollte, als ihm noch ein Brief aus

der Heimat zugereicht wurde. Er las ihn während der langen Fahrt und

las ihn zu verschiedenen Stunden mit derselben tiefen Heiterkeit des

Gemütes.

»Lieber Freund Martin,« schrieb Linde Baumgart, »Deine Drahtnachricht,

daß Du als Bataillonsführer an die Front zurückkehrst, ist eingetroffen

und hat uns nicht überrascht. Jeder Mann, jede Frau an ihren Platz. Da

mußtest Du bei den ersten sein -- und bei den vordersten. Denn diesmal

geht es nicht um einen neuen Sieg, diesmal geht es um Erfüllung oder

Vernichtung. Das ist mir ganz klar und nur den Menschen im Lande nicht,

die euch als ihren lebendigen Stacheldraht betrachten, eigenst dazu

da, um ihre Geschäftemacherei sorglich zu beschirmen, und nicht etwa

schreien, wenn _ihr_ einmal verliert, sondern nur, wenn _sie_ dabei

verlieren. Diesem rührend gemeinen Indentaghineinleben steht euer

Indentaghineinsterben gegenüber. Du aber sollst unberührt durch beides

hindurchschreiten in den kommenden Tag. Dafür bete ich, so gut ich das

versteh’.

»Weißt Du, Freund Martin, ich betracht’s doch schon halt als ein Glück,

daß Du aus der Hofluft herausbist. Ich hab’ zwar den Hofknix ein gut

Dutzendmal versucht, aber das Niederducken liegt mir nicht so als das

Hinauflangen, und so will ich Dir lieber zur Begrüßung um den Hals

fallen, wenn Du heimkommst, ob’s schicklich ist oder nicht.

»Mutter Christianes Regiment auf dem fernen Opterberghof ist wohltuend

für Mensch und Tier. Die Leute sagen: sie hat eine glückliche Hand.

Aber nein, das ist es nicht. Sie hat den klaren und heiteren Geist,

der das Mögliche sieht und mit voller Liebeskraft erfaßt, statt über

den eigenen Schatten springen zu wollen. Das gibt ihr dies wunderbare

Gefühl der Zulänglichkeit für diese Welt und die Erlaubnis, das Leben

trotz allem immer noch schöner zu finden als das Sterben. Sie hat mich

Jahre lang in die Schule genommen, und dazumal ließ mich mein höchster

Mädchenehrgeiz wünschen: ich möcht’ Martin Opterbergs Mutter sein.

»Die Attermanns sind ein wenig heruntergearbeitet, aber es macht

ihnen nichts aus. Der Christoph ist zwar nicht mehr felddienstfähig

geworden nach dem schweren Schuß, aber auf der Werft steht er seinen

Mann für zehn, und Du wirst Deine Freude haben, zu sehen, wie sein

unermüdlich fleißiges und unermüdlich gütiges Wesen erstarkend auf

Meister und Arbeiter wirkt. Ich hab’ nun wieder Kleider angelegt und

bin die Werftkanzlei. Schwester Therese sehen wir nur am Abend. Sie

bringt dem Vaterland das Opfer ihrer ganzen Person, indem sie ihm aus

den blutigen Opfern des Krieges neue Söhne rettet. Die Laute hat sie

mir überantwortet und ihre Lieblingslieder. Ich sing’ sie ihr, wenn wir

zwei Schwestern zusammenhocken, und schaff’ ihr Freud’. Denn ohne die

Menschenfreud’, sagt Schwester Therese, wär’ alles Leben und Streben

kalt und blind, und die Menschenfreud’ macht selbst das kleinste Dasein

lebenswert. So hab’ ich meinen Posten auf der Werft und daheim und

werd’ nicht von ihm weichen, es komme, was da will.

»Das alles sollst Du wissen, Freund Martin, damit Du nach Deiner Mutter

Art klaren und heiteren Geistes auf Deinen Platz marschierst. Du bist

bei uns, und wir sind bei Dir. Da kann uns nichts geschehen. So sei

gegrüßt von Deiner Freundin Linde.«

Als Martin Opterberg den Brief zum letzten Male gelesen hatte, fuhr er

bei der Division vor. Der Standort seines Bataillons wurde ihm benannt.

In selber Stunde noch machte er sich zu Fuß auf den Weg und traf am

Abend auf seine alte Kompanie, bei der er sich als Bataillonsführer

einrichtete. Hundert rissige und schwielige Hände streckten sich ihm

entgegen. Er drückte sie der Reihe nach und fühlte, daß nur Liebe Liebe

zeugt.

Kerntruppe war’s.

Gelernte Männer und kein unreifes Volk. Schiffer, Handwerker, Meister

und Gesellen. Leute vom Rheinstrom, um den es ging.

»Verdammt dicke Luft, Herr Hauptmann.«

»Deshalb hat man uns hierhergeschickt und keine Frauensleut’.«

»Das stimmt wie’s As auf der Baßgeig’.« -- --

Martin Opterberg stand auf seinem Posten. Nie vergaß er den Tag

und die Stunde des über die Erdenmasse nach den Wolken langenden

Angriffbeginns. Totenstille -- lähmend -- hirnzerpressend. Das

Springen des Sekundenzeigers. Und auf den nächsten Sprung hin wie

die losgelassene Hölle -- das Gebrüll von dreitausend deutschen

Geschützen, kreischend, fauchend, johlend und rasend, Luft und Leben

zerreißend und verschlingend.

»Antreten! Antreten! Zum Sturmangriff!«

Einen Alb stießen die Männer von der Brust. Ein Stöhnen ging durch die

Reihen. Erlösung …

Und wieder hatte die Zeit die Atemlosigkeit des Vormarsches. Atemloser

noch. Überstürzender. Alles Denken verwischend. Die Stellung des

Feindes! Nehmen -- nehmen um jeden Preis! Liegt schon hinter uns. Was

jetzt? Die nächste! Und wiederum die nächste! Haben wir … haben wir.

Da setzt sich der Feind! Minenwerfer vor! Ein paar Tonnen Eisen in die

Grabennester! Hei, das spritzt! Jagt ihn -- jagt ihn! … Der Atem langt

nicht mehr … Er langt!!

Und er langte durch die Tage, durch die Wochen. Er langte für das

wütende Drauflos, für das schäumende Ringen, für das blutige Siegen. Er

langte noch für den kurzen, bleiernen Schlaf in den Schlammfeldern und

Granatlöchern. Er langte für das stürmende Vorwärts -- für das langsame

Rückwärts langte er nicht mehr.

Zurück! Wechselndes Schlachtenglück! Eine neue eiserne Linie ziehen …

Neue Kräfte sammeln …

Neue Kräfte! Zum Teufel waren die alten. Eine neue eiserne Linie! Das

ging nun schon vier Jahre fast so.

Finster und keuchend schoben sich die Heeressäulen über das wüste

Siegergebiet zurück. Kein Halm, kein Haus. Grinsende Trümmerleere.

Flüche knarrten. Verwünschungen. Spottreden sprangen auf und liefen wie

giftige Lauge.

»Schämt euch Kerls -- Cohns Aktien fallen.«

»Nehmt Rücksicht auf Schiebers -- das Pack sitzt in der Sommerfrische.«

»Die Regierung ist laufen gegangen -- da sollen _wir_ nicht?«

»Die Juden verkaufen uns mit Haut und Haar!«

»Nicht die Juden: die Junker! Sie fürchten sich.«

»Ob Jud’ oder Junker -- wartet, wenn wir heimkommen!«

Und die Gegenwogen der Feinde stürmten heran. Amerikas frischgesandtes

Millionenheer an der Spitze. Kehrt, und die Wogen aufgefangen! Und die

abgehetzten, ausgemergelten Truppen ließen Hader und Spott, wurden

noch einmal zu Helden, warfen ihre hageren Körper den vollsaftigen,

kraftgenährten Burschen entgegen, flackernden Auges, Schaum vor dem

Mund.

»Laßt sie nicht durch! Sie wollen an den Rhein! Hört ihr’s -- an den

Rhein! Hund -- du oder ich!«

Schon war das Etappengebiet Kampfgebiet. »Wo bleibt die Verpflegung?

Wo sind die Fettwämse? Ausgekratzt ist die Bande! Sie sagt, sie kann’s

Schießen nicht hören! Aber mit dem Maulwerk klappern kann sie, wenn’s

eine Schweinerei auszuhecken gibt. Die Vaterlandsverteidiger, die!«

Irgendwoher schrie eine Stimme: »Recht haben sie! Macht’s ihnen nach

und rettet eure Knochen! Zu Haus ist nötiger, dreinzuschlagen, als

hier!« Und ein Brausen ging durch das Heer wie kämpfende Fluten.

Und das Brausen wurde zum Wirbelwind, als die Kunde von

Waffenstillstandsverhandlungen durch die Reihen flog. »Jeder Schuß

Pulver ist umsonst! Es geht zu End’! Wer sich noch einer Kugel

aussetzen wollt’, müßt’ verrückt im Kopfe sein!«

Da griffen die Franzosen in Massen an. Da kühlten sie ihr Mütchen

an den hirnlos Gewordenen, von denen sie vier Jahre lang in hundert

Stürmen und Schlachten zusammengehauen worden waren. Da warfen ganze

Bataillone, ganze Regimenter die Waffen zu Boden und gingen über,

ließen sich wie Herden aus der Schlacht in die Gefangenschaft führen.

Leben, leben, leben …

Martin Opterberg stand mit seinem Bataillon in der kämpfenden Nachhut.

Er war mit ihm zu einem wildfeuernden Artillerieregiment geraten. In

seinem pulverschwarzen Gesicht glühten die Augen wie Flammen. Mit

heiserer Stimme schrie er über den Lärm.

»Schließt euch zusammen, Pioniere! Das wär’ der erste Pionier, der

überlief’! Gebt’s ihnen, Leute! Auch der Franzmann hat nur ein Leben!

Zur Hilfe den Braven von der Artillerie!«

Und mit keuchender Brust, mit verbrannten Händen halfen die Pioniere

den zusammengeschossenen Artilleristen laden und feuern, laden und

feuern -- bis die Nacht kam und sie die Geschütze zurückziehen konnten.

Der Herbst war in den Winter umgeschlagen. Im Novembersturm brach

das kaiserliche Deutschland über der Wurzel ab. Das Volk hatte die

Regierung in die Hand genommen, und der Kaiser war auf Drängen der

ratgebenden Generale über die nahe Grenze nach Holland gefahren.

›Armer Verlassener‹, dachte Martin Opterberg, als die Kunde der

sich überstürzenden Geschehnisse verzerrt und begeifert durch die

Heerestrümmer lief, ›deine Generale kennen die Seele des Kriegs, aber

nicht die Volksseele. Nun erst bist du ganz verlassen …‹

Unter der Peitsche der Waffenstillstandsbedingungen wälzte sich das

Heer dem Rheine zu. Angstgejagt, nicht rechtzeitig mehr über den Strom

zu gelangen, in die Freiheit, in die Heimat. Nur die Kampftruppen, die

Nachhut, folgten langsam.

Am 10. Dezember des Jahres 1918 setzte Martin Opterberg mit dem Rest

seiner Pioniere als die Letzten über den Rhein. Es war unterhalb

Düsseldorfs.

Er sprang aus dem Kahn und stand, während die anderen Kähne

landeten, mit starrem Weh in den Augen am Ufer des entheiligten

Vaterlandsstromes. Die Seinen scharten sich um ihn. Es war ein Abschied.

Ein Trupp jugendlicher Burschen aus der Fabrikgegend stob heran. Sie

schrien und fuchtelten mit den Armen.

»Die Kokarden von den Mützen! Die Waffen her! Wird’s bald?«

Das war der Heimatgruß.

Ein langer, angetrunkener Bursch sprang den Hauptmann an und griff in

seine Achselstücke.

»Herunter mit den Herrenzeichen! Willst du wohl klein werden, du

Leuteschinder?«

Martin Opterberg hatte sich von seiner Überraschung erholt. Er hob

die Faust und schlug sie dem Angreifer zwischen die Augen, daß er

taumelte und sich erbrach. »Reibt ihnen den Hintern mit Pulver ein, sie

haben mit dem Gesicht noch keins gerochen!« wüteten die Heimkehrer,

schlugen mit den Ruderstangen drein und jagten die Grußbringer in alle

Himmelsrichtungen.

»Nun schleicht euch heim, ihr treuen, tapferen Männer, schleicht euch

in die Heimat hinein, die todkrank ist,« sagte Martin Opterberg und

schüttelte immer wieder die rissigen, borkigen Hände. »Wir sehen uns

wieder. Wir sind nicht nur mit dem Mund und im billigen Sonnenschein

Kameraden gewesen. Wir gehören fürs Leben zusammen. Eure Wohnorte weiß

ich, und ihr wißt den meinen. Grüßt Frau und Kinder von dem Mann, der

keinen Dank an euch für groß genug hält.«

Drei Hurras schrien die heiseren Kehlen für ihren Hauptmann in die

rheinischen Dezembernebel …

Im Fußmarsch erreichte Martin Opterberg in später Nacht seinen Wohnort.

Schmutzbedeckt, in altem, zerrissenem Soldatenmantel, den Schirm der

Mütze in das hagere Gesicht gezogen. Wie ein Nachtwandler ging er an

dem eigenen Hause vorüber, das mit geschlossenen Läden im Dunkel lag,

und gelangte zum Hause der Attermanns. In einem Zimmer brannte noch ein

Licht. Er drückte auf den Knopf der Klingelleitung und sah, wie nach

Sekundenstille jäh das Licht im Treppenhaus aufflammte. Dann wurde die

Türe aufgerissen, und er schwankte ins Haus.

»Da bin ich, Linde Baumgart.«

Sie stand vor dem Müden, Schmutzbedeckten, in einem weißen Gewand, das

sie in der Hast übergeworfen hatte, und alles an ihr atmete die frische

Reinheit, die Gesundheit und Schönheit des jugendlichen Weibes.

Jetzt aber schaute sie ihn entgeistert an.

Und er starrte sie an wie eine Erscheinung aus fernen Erinnerungswelten.

Ein Funke sprang in seinem Auge auf, wie im Auge Hungernder und

Dürstender, die eine Schale voller Früchte sehen. »Da bin ich, Linde

Baumgart,« wiederholte er, trat auf sie zu, griff mit den Händen in

ihre Schultern, riß ihren Leib an sich und bedeckte ihr Gesicht mit

seinen wilden Küssen. Die Glieder schmerzten sie unter seinem harten

Griff.

»Gib mir die Arme frei,« bat sie atemlos.

»Wozu die Arme?«

»Damit ich sie dir um den Hals legen kann, wie ich es dir versprochen

hab’. So -- so -- so … Nun sei ganz ruhig, Martin Opterberg.«

Ein Aufschluchzen kam von der Treppenstiege. Dort stand Therese

Attermann, und Christoph Attermann führte sie mit feuchten Augen dem

Heimgekehrten zu.

»Zwei Schwestern heißen dich zur Nacht willkommen, Martin, und ein

Bruder. Glücks genug im neuen Deutschland.«

13

Zwei Tage und zwei Nächte hatte Martin Opterberg in tiefer Erschöpfung

gelegen. Ein paarmal war er aufgefahren, mitten aus seinem bleiernen

Schlaf heraus, hatte wirren Auges um sich getastet, das weiche Bett

gefühlt und an seinem Körper das linnene Hemd, und sich vergebens

zu besinnen versucht. Wo lag er mit seinen todmüden Leuten? In

Nordfrankreich? Dort kam man nicht in die Betten. In Belgien irgendwo?

Sie hatten die aufgeregten Städte umgehen müssen und auf den Feldern

rings um die Lagerfeuer gelegen. Also wohl gar auf deutschem Boden

schon, in der Eifel? Aber in der Eifel trugen er und seine Pioniere

längst kein Hemd mehr auf dem Leib. Das trugen sie längst schon in

seinen letzten Fetzen um die wunden Füße gewickelt. Er lallte die Namen

seiner Vertrautesten und horchte stumpf auf Antwort. Er starrte mit

schlafschweren Augen nach den verhängten Fenstern. In seinem müden Hirn

tauchte ein Bild auf: eine Mädchengestalt -- so weiß, so leuchtend an

Gliedern und Gewand. Ja, doch, das hatte den tiefsten Eindruck auf ihn

gemacht, daß es noch solch eine blitzblanke Sauberkeit an Menschen und

Dingen gab. Und einmal -- einmal hatte er ein Mädchen in weiß gekannt,

das schmiegte die Wange verträumt an den Lautenhals und sang: ›Du bist

die Ruh -- der Friede mild …!‹ -- Therese! -- Nein, nein, Therese war

weinend hinzugetreten, und Christoph hatte sie an der Hand geführt.

So war’s -- so war’s … Er lag im Attermannschen Hause. Er hatte Wein

getrunken und sich gesättigt, hatte ein heißes Bad genommen und sich in

ein schneeweiß Hemd gehüllt, in ein schneeweiß Bett gelegt. Schlafen …

schlafen … schlafen -- --

Wieder wachte er auf, und eine sanfte Frauenhand stützte seinen Kopf,

eine sanfte Frauenhand gab ihm aus einer Tasse starke Fleischbrühe zu

trinken. Dann hatte er sich wieder in die Kissen gekuschelt wie als Bub

auf dem Opterberghof, wenn es noch nicht ganz die Aufstehenszeit war

zum Abmarsch in die Schule. Und beim nächsten kurzen Erwachen hatte

es sich wiederholt: die Frauenhand, der stärkende Trunk, das wohlige

Hinüberschlummern.

Jetzt aber stand er auf den Beinen, schüttelte die letzte lässige

Müdigkeit von sich und zog die Fenstervorhänge beiseite. Draußen

flockte ein weicher Schnee in der Luft. ›Adventsschnee‹, dachte er,

und es rieselte ihm wie heimatliche Erinnerungen durch die Seele.

Er öffnete einen Spalt weit die Fenster, daß die reine Winterluft

einströmen konnte.

»Guten Morgen, Martin. Schon ausgeschlafen?«

»Schon?« wiederholte er und reichte dem eintretenden Freunde die Hand.

»Es ist neun Uhr.«

Christoph Attermann beklopfte die Hand, als wäre es eine kleine

Knabenhand, und schmunzelte behaglich.

»Aber es liegen zwei Tage und zwei Nächte dazwischen, alter Kamerad,

denn die erste zählt nicht, weil wir dich erst gegen den Morgen hin zu

Bett geschafft hatten.«

»Alle guten Geister! Ist das die Wahrheit?«

Christoph Attermann lachte über das ganze Gesicht.

»Darum hatt’ ich gedacht, du wolltest den Schlaf gleich bis zum

Weihnachtsfest ausdehnen, und wunderte mich baß, als ich dich hier oben

herumhantieren hört’. Weißt du, Martin, das Theresel war schon zur

künstlichen Ernährung übergegangen. Ihretwegen hätt’st du die vierzehn

Tag’ bis zum Fest ruhig durchschlafen können.«

»Das war also die Therese …? Ich komm’ doch mein Lebtag nicht aus

ihrer Kur heraus. Aber jetzt möcht’ ich einen ganz anderen Kollegen

vom Theresel sehen, Christoph, den Bartscherer. Ich schau’ aus wie

unsere Vorfahren, als sie noch auf den Bäumen saßen und mit Kokosnüssen

warfen.«

»Ich hab’ die ›Konkurrenz‹ schon benachrichtigen lassen. Dacht’ mir

gleich, als ich hier hinaufstieg: jetzt wird der gesittete Mensch in

ihm zum Durchbruch kommen, weil er Damen im Hause weiß. War bei mir

nicht die Spur anders, Martinle.«

»Damen --?« fragte Martin Opterberg. »Ist die Linde gar bei euch?«

»Nun leg dich gleich wieder nieder und schlaf noch einmal aus. Busselst

das Mädel ab, daß alle Farb’ herunter ist, und fragst so erstaunt, als

ob’s der Buchhalter hätt’ gewesen sein können. O nein, mein Lieber,

wenn die Linde auch den Buchhalter auf der Werft macht seit Jahr und

Tag -- in der Nacht hast du sie für ein rechtschaffenes, sauberes

Frauenzimmer genommen und sie zusammengedrückt, daß die Theres sie

gleich in ärztliche Behandlung hat nehmen müssen.«

»Das tat die Freud’, Christoph.«

»Daß es nicht der Zorn tat, hab’ ich mir schon selber denken können.

Horch, da kommt der Bader. Ich hör’ sein hungriges Scherengeklapper.

Deinen Winteranzug hat die Linde aus deinem Haus geholt und dein

bedürftig Feldgrau einstweilen in die Mottenkiste gesperrt. Tritt

nur hier ins Nebenzimmer, da findest du alles zur Erneuerung, auch

Theresens unlauteren Wettbewerber mit dem Messer.«

»Wie fröhlich er ist,« dachte Martin Opterberg. »Wie er mir alles

heimatlich machen will, als wär’ das furchtbare Dahinten nur ein wüster

Nachtspuk gewesen.«

Eine Stunde darauf erschien er in seinem bürgerlichen Anzug, bartlos

und mit wohlgeordnetem Haar im Familienzimmer. Die Frauen standen auf

und eilten ihm entgegen. Christoph Attermann schlug vor Verwunderung

die Hände zusammen.

»Kaum ein Lot Fleisch hast du auf dem Körper. Das muß wieder her, und

der Schnurrbart muß auch wieder her, daß du uns nicht fremd bist.«

Die Frauen hatten den Wiedergekehrten begrüßt und noch einmal

willkommen geheißen. Aber die heftig aufwogende Freude war einer nur

mühsam verschleierten Scheu gewichen. So anders sah der Freund im

hellen Tageslicht aus.

Sie saßen bei ihm am Frühstückstisch und lugten heimlich nach seinen

Augen. Die lagen tief und fern, als schauten sie immer noch in eine

andere Welt. Die Haut spannte sich herb über den Backenknochen. Nur der

schöne starke Mund atmete dem Leben entgegen.

»Gelt, Therese, du kriegst einen Schreck? Und auch die Linde hatte sich

ihren Freund wohl ein wenig anders vorgestellt? Laßt mir Zeit. Es wird

schon wieder besser.«

»Du bist uns gerade recht so, Martin …«

Er schüttelte den Kopf.

»Erst muß der Bilderwirrwarr aus den Augen fort und der Lärm aus den

Ohren heraus. Habt ihr eine Zeitung? Ich weiß so gut wie nichts seit

sechs Wochen und mehr und muß mich doch in die neue Zeit hineinfinden.

Nachher will ich zur Werft.«

»Zur Werft wird erst morgen gegangen,« bestimmte Christoph Attermann.

»Der Arzt, den du schon in der Fuchsenzeit mit deinem Vertrauen beehrt

hast, hat’s so und nicht anders angeordnet. Die Zeitungen der letzten

sechs Wochen aber find’st du geordnet in meinem Arbeitszimmer, und eine

Zigarre obenbei. Nun komm und mach’s dir bequem.«

»Erst möcht’ ich der Mutter eine Drahtnachricht schicken. Ich hätt’s

schon in der ersten Nacht tun sollen.«

»Das hat die Linde schon ganz aus sich selbst besorgt. Du hattest noch

nicht das zweite Auge zu.«

Martin Opterberg blickte auf. Zum erstenmal sah er dem Mädchen voll in

die Augen. Die Jugendblüte hatte sich erschlossen, über den Kelchrand

lugten weiche, warme Frauenaugen, die das Menschenlachen ersehnten.

Jetzt hielten sie seinem Blick stand.

Er reichte ihr die Hand, die sie fest in die ihre nahm.

»Du warst die erste, die mich begrüßte, Linde. Und es ist schön, daß du

diesen Gruß gleich an die Mutter weitergegeben hast.«

›Diesen Gruß …?‹ dachte Linde Baumgart, und ein Lächeln ging um ihren

Mund.

Dann saß Martin Opterberg in Christoph Attermanns Arbeitszimmer, und

der Pflegebruder brachte ihm die aufgesammelten Zeitungen und streckte

sich in einen zweiten Sessel, um zu jeder Auskunft gegenwärtig zu

sein. Aber Martin Opterberg las stumm, und die Zigarre erkaltete

zwischen seinen Fingern. Stunde auf Stunde las er, bis die Glocke zum

Mittagessen rief. Da legte er die Blätter still zur Seite.

»Was sagst du zu dem allen, Martin?«

»Es ist geschehen. Das Rückwärtsprophezeien war nie unsere Sache,

Christoph.«

»Das ist wahr. Und es ist törichtes Geschrei und Geschwätz genug

im Land. Nur daß eine Handvoll Männer -- oder waren es gar nur

halbwüchsige Burschen -- mit einem Gürtel voll Handgranaten sechzig

Millionen Menschen auf den Kopf stellen konnten --«

»Warum konnten sie, Christoph? Weil die Feiglinge sich nicht wehrten.

Also waren sie reif.«

»Du gibst den Umstürzlern Recht?«

»Nein, Christoph, niemals. Aber ich geb’ dem schlotternden Bürgertum

Unrecht. Weshalb? _Weil_ es schlottert! Was nur klugschwätzen und, wenn

es die Tat gilt, hilfeschreien kann, Christoph, das, weißt du noch aus

deiner Feldkompanie, ist hinderlich und wert, von den Tatmenschen an

die Wand gedrückt zu werden. Doch darüber laß uns reden, wenn ich den

richtigen Abstand zu den Dingen hab’ nehmen können.«

»Also rein gar nichts zu fragen?«

Martin Opterberg lächelte.

»Du willst ja nur hören, was ich zu dem Bericht aus den ersten

Novembertagen sage. Zu dem Bericht über den Vortrag unseres Freundes

Grüters in der Berliner Versammlung zugunsten einer verschämten

Republik. Ach, Christoph, der Grüters hatte vor Ausbruch der Revolution

schon die rechte Witterung erhalten und suchte sich den künftigen

Machthabern zu empfehlen. Das war schon so seit der Studentenzeit und

wundert mich keinen Augenblick. Wenn der Staatswagen wieder nach rechts

schwenkt, wird er gewiß nicht verfehlen, rechtzeitig den Anschluß zu

gewinnen.«

»Ja, ja,« sagte Christoph Attermann mit einem zornigen Lachen,

»er denkt halt: es ist immer noch bekömmlicher, für anderer Leut’

Überzeugung zu leben, als für die eigene zu sterben.«

»Mir scheint, so haben viele im Vaterland gedacht, Christoph. Darum laß

uns den Einzelnen nicht herausgreifen. Fieber will ausrasen.«

»In den Köpfen wie in den Hosen,« sagte Christoph Attermann, und dann

gingen sie zu den Frauen und zu den Kindern.

»Mein Gott,« staunte Martin Opterberg, »der kleine Christian ist

ein großer Schulbub geworden und mein Patenkind Linde ein richtig

Fräulein, seit ich sie nicht sah. Ja, wie alt muß dann ich erst

geworden sein …« Und er hockte sich nieder und fing die anstürmenden

Kinder in seinen Armen auf.

»Du, Oheim Martin,« gestand ihm der Knabe wichtig, »die Mutter hat

gesagt, sie hätt’ einen Herzschreck bekommen, als sie dich gesehen

hätt’.«

»Und die Tante Linde hat gesagt,« drängte sich die Kleine ein, »sie gar

nicht.«

»Was mag nun das Angenehmere für mich sein, ihr Kinder?«

Lachend und widersprechend schoben die Frauen die Kinder auf ihre

Plätze. Und als der Vater den Oheim über die letzten Schlachten und

den Rückzug der Millionen befragte, saßen die Kinder wie gebannt und

horchten auf die knappen Worte, die sich schwer von den Lippen des

Erzählers rangen.

»Ich hatte,« sagte Christoph Attermann mit geweiteten Augen, »die

beste Flasche Wein in meinem Keller für den Siegestrunk bestimmt. Eine

sonnengesegnete elfer Steinberger Auslese. Der Sieg ist uns durch die

Händ’ geglitten, aber das Siegerherz haben wir heimgebracht, das in

diesem furchtbaren Frieden mehr bedeuten wird als in den furchtbarsten

Schlachten.«

Er hatte sich erhoben und die Gläser vollgeschenkt. Und stehend sprach

er weiter.

»Drum soll der Wein jetzt getrunken werden dir, Martin, zum Willkomm.

In diesem kleinen Raume, unter uns wenigen hier, nimm zur Wiederkehr

den wahren Heimatgruß. Daß du da bist, Martin! Und mein und der Frauen

Herzen hier rufen dir zur innersten Bekräftigung des namenlosen

deutschen Sängers Liedwort entgegen:

Ich bin dîn und du bist mîn,

Deß sollt du gewiß sîn!«

Die Frauen hatten sich erhoben. Mit stillen Gesichtern, in denen die

Augen aufleuchteten. Sie hielten dem Heimgekehrten das Glas entgegen,

und Martin Opterberg stieß mit ihnen und dem Bruder an, daß ein silbern

Klingen in die Runde lief.

»Rheinwein …« sagte er, als spräch’ er ein heilig Wort. »Gott schütz’

den Rhein und seine Menschen.«

»In Ewigkeit, Amen,« fügte Christoph Attermann hinzu.

Und sie tranken den Wein in Erinnerungsgedanken und Zukunftgedanken und

blieben beisammen bis zum späten Abend und hielten den Tag wie einen

Feiertag. --

Am Morgen lag eine Drahtung an Martin Opterberg auf dem

Frühstückstisch. »Von der Mutter,« sagte Christoph Attermann. »Es geht

mit der Schneckenpost, denn keiner will schaffen.«

Martin Opterberg löste die Siegelmarke, las und nickte. »Von der Mutter

…« Und er las langsam zum zweiten Mal, und über seine Züge breitete

sich eine Helle wie bei einem Wiedersehen.

»Grüß Gott, Bub. Wir bleiben bei der Stange!« drahtete Frau Christiane

dem Heimgekehrten.

Er gab das Papier an Christoph Attermann, und der gab es an die Frauen.

Und es war, als ob Frau Christiane mitten unter sie getreten wäre in

ihrer nicht zu beugenden Stolzheit und Frische.

»Über Weihnachten will ich bei ihr sein,« sagte Martin Opterberg, und

hinter ihm sprach Linde Baumgart ein lautes »Gott sei Dank.«

»Du willst mich los sein, Linde?« fragte er.

»Wiederhaben wollen wir dich. Angefüllt mit ganz frischem Tatendrang.

Dafür laß ich die Mutter sorgen.«

»Die Mutter …« wiederholte Martin Opterberg und sah ihr lächelnd in das

erhitzte Gesicht. »Es wird schon so kommen, Linde,« fuhr er helfend

fort. »Die Mutterquelle gibt Wasser, und wenn der ganze Rhein zu

versiegen scheint.«

Mit Christoph Attermann machte er sich auf den Weg zur Werft. Eine

Spannung stand in seinen Zügen, wie er sein Werk wiederfinden würde.

Aber vergebens horchte er auf das Kreischen der Säge und den hallenden

Hammerschlag.

»Ist heute Sonntag, Christoph? Mir ist der Kalender

durcheinandergeraten.«

»Es ist jetzt mehr Sonntag als Werktag im Land. Der Arbeiter- und

Soldatenrat des Orts hat eine Versammlung in die Werfthalle einberufen.

Es sind lustige Kameraden.«

»Gibt es das in dieser schweren Deutschlandszeit unter Männern?«

»Unter Männern gewiß nicht. Aber unter den Buben, die schon im

Advent ein Fastnachtstück aufführen, weil sie nicht wissen, ob’s am

Rosenmontag für sie noch geht. Ernsthaft gesprochen, Martin. Ich

erläuter’s dir. Als die Revolution ausgeläutet wurd’, waren die

meisten der Männer noch im Feld, die Alten zu verwirrt und unbeholfen

und die Jungen trunken vom Freiheitsrausch. Da die kopflos gewordenen

Behörden mit einem Schlag außer Geltung gesetzt waren, rannten die

frisch eingezogenen Rekruten aus ihren Standplätzen einfach nach

Haus, spielten, obwohl sie noch keine Flinte abgefeuert hatten, den

wilden Revolutionskrieger, ließen sich mancherorts von irgendeiner

Oberleitung, die in dem Wirrwarr noch keine Nachprüfung vornehmen

konnt’, die Bestallung als Soldatenrat verleihen und übernahmen die

Ortsgewalt über Ruhe und Ordnung. Bei uns sind’s ein halbes Dutzend

Jünglinge im Alter von knapp zwanzig Jahren und der Nachtwächter. Das

erste war, daß sie die Arbeit stilllegten, weil ein freier Mann doch

nicht seine Freiheit ausüben kann, wenn er arbeitet. Das zweite war --

oder war’s doch gar das erste -- daß sie sich aus der Gemeindekasse

einen auskömmlichen Gehalt bewilligten, und das dritte, daß sie seit

der Zeit nicht mehr ganz nüchtern geworden sind aus Furcht vor der

eigenen Kurasch. Eingeführt als Verkehrston haben sie das gemütvolle

›Du‹ und die unter die Nase gehaltene Handgranate, was beides aber zur

Hebung der Ortsgewalt nur von ihrer Seite ausgeübt werden darf. Das

wäre das äußere Bild.«

»Und das innere?« fragte Martin Opterberg und spürte sein Blut in den

Schläfen hämmern.

»Die Männer sind heimgekehrt und haben sich inzwischen zurechtgefunden.

Die Alten und besonders die Frauen, die heut’ politisch

gleichberechtigt sind, haben sich von ihrer Verblüffung erholt. Wer

sich besaufen und Fastnacht spielen will, soll’s auf eigene Rechnung

tun, fordern sie, und das Gemeindegeld in Ruh’ lassen für die Armen und

Kranken. Eine ordentliche Gemeindeverwaltung soll sein von Arbeitern,

Bürgern und Soldaten, die etwas gelernt und geleistet haben, fordern

sie, und eine Gemeindeabstimmung auf den heutigen Tag. Dahin gehen wir

nun, Martin.«

»Dann ist’s gut,« sagte Martin Opterberg, und er hatte sein

Gleichgewicht wiedergefunden.

Am Halleneingang standen ein paar junge Burschen mit gedunsenen

Gesichtern, die rote Schärpe herausfordernd über den Rock geknotet. Sie

riefen den Einströmenden bald drohende Befehle, bald Schmähworte zu, um

sie einzuschüchtern. Martin Opterberg wollte an ihnen vorbei.

»Halt, Mensch. Zeig doch mal deine Ausweispapiere.«

»Zeig mir erst mal deine, Mensch.«

»Ich soll dir erst wohl mal Anstand beibringen, wie? Willst du mal an

meiner Handgranate riechen?«

Da drängte sich ein alter Meister vor, der den Heimgekehrten erkannt

hatte.

»Halt die Schnauze, du Grünspecht! Kennst du den Doktor Opterberg

nicht?«

»Ich spuck’ auf deinen Doktor Opterberg, du altes Reff. Paß mal auf!«

»Nicht doch,« sagte freundlich Christoph Attermann und ließ den

geifernden Burschen über sein vorgehaltenes Bein stolpern, daß er der

Länge nach in den Schmutz schlug. »Ihr müßt ihn nach Hause bringen,«

wandte er sich mit wohlwollendem Blick an die zudrängenden Burschen,

»ihr seht doch, daß er sich nicht auf den Beinen halten kann.«

Ein paar stämmige Arbeiter eilten herbei, zornrot im Gesicht.

»Was? Die Bengels reden von Handgranaten? Zu einem, der sich für sie

die Knochen hat kaputtschießen lassen? Haut den verdammten Großmäulern

die Jacke voll!«

»Guten Tag, Kameraden,« grüßte Martin Opterberg. »Kommt in die

Versammlung. Wir haben Wichtigeres zu tun.«

»Der Doktor Opterberg ist hier!« schrien ein paar Stimmen in die Halle

hinein. »Er soll die Leitung übernehmen!« Und ein paar Hundert fielen

ein, erlöst, fröhlich aufatmend: »Der Doktor Opterberg! Her damit!

Macht Platz! Der Doktor Opterberg soll reden!«

Martin Opterberg stand auf einem erhöhten Tritt und wartete, bis Stille

wurde.

»Mitbürger,« sagte er mit einer Stimme, die ruhig klang und Beruhigung

brachte, »Männer und Frauen unserer Landgemeinde, ich meine, hier

wäre nicht viel zu reden. Geredet worden ist bis zum Überdruß, und

weil euch Männer und Frauen der Arbeit das ewige Geschwätz und die

unverdauten Brocken anwidern, weil ihr eure Ruh’ haben wollt und Brot

und eine bessere Zeit, darum seid ihr ja und wir alle zu dieser Neuwahl

eines Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrates zusammengekommen. Der Name

zwar ist, trotz seiner ausführlichen Länge, mißverständlich. Denn wir

sind _alle_ Bürger vor dem Gesetz! Aber es mag dabei sein Bewenden

haben. Bei Kleinigkeiten wollen wir uns nicht aufhalten. Und zu den

Kleinigkeiten rechne ich auch die jungen Spaßvögel, die, solang der

Vorrat reichte, mit der Schnapsflasche hierorts regieren wollten. Weg

damit!«

»Weg damit! Weg damit!« scholl es brausend durch den Saal.

»Dieser Gegenstand wäre also erledigt,« fuhr Martin Opterberg

fort. »Wir haben den Krieg verloren, und wir wollen den Frieden

gewinnen. Unsere kleine Landgemeinde hier ist mehr oder weniger auf

die Werft zugeschnitten, und wie wir in den guten Deutschlandtagen

zusammengehalten haben, so werden wir es erst recht in den bösen Tagen

tun, oder wir wären Maulhelden, die ausreißen, wenn’s nach Schweiß

riecht. Kein Wort weiter. Schreiten wir zur Wahl! Ich beantrage die

sofortige Einsetzung des ordnungsmäßigen Wahlausschusses.«

Er trat ab, und hundert rauhe Kehlen riefen ihm Beifall.

Ein Mann in älteren Jahren drängte sich mit Aufwendung aller

Muskelkraft auf den erhöhten Rednerplatz.

»Ich will ein Bekenntnis ablegen!«

»Der Nachtwächter ist es! Die Volleule!«

»Ich bin keine Volleule, meine Herren. Meine Damen, ich bin so

spitznüchtern, wie Sie es nur sind.«

»›Meine Damen‹, hat er gesagt. Nur so weiter, Hännes. Leg du dein

Bekenntnis ab.«

»Meine Damen und Herren, ich bekenne vor Ihnen allen, daß ich gesündigt

habe. Ich habe mich von den Jungs, von denen Sie soeben gerufen haben

›Weg damit!‹, in den gewesenen Soldatenrat pressen lassen, weil keiner

von ihnen des Nachts mit der Flinte herumlaufen und Wache schieben

wollt’. Dazu war der Nachtwächter gut genug, und ich hab’ die Eseleien

mitgemacht. Aber ich will bekennen!«

»Du hast ja schon bekannt, Hännes! Daß du ein Esel warst, Hännes!«

»Ich lege hiermit das feierliche Bekenntnis ab, daß ich von heute ab

scharf gegen alle Ordnungswidrigkeiten vorgehen werde, und bitte um

meine Wiederwahl.«

Ein Jubel ohnegleichen erschütterte die Halle und durchbrach alle

Grenzen der Gegensätzlichkeiten.

»Heil Hännes, dem Bekenner! Heil Hännes, dem Bekenner!«

Der Ernst der Stimmung war umgeschlagen. Auf einstimmigen Beschluß

wurde der Bekenner dem Wahlvorstand angegliedert, und als Männer und

Frauen ihre Wahlzettel beschrieben und in die Urne gesteckt hatten,

als die Stimmen durchgezählt und die Ergebnisse veröffentlicht waren,

gehörte neben Martin Opterberg und Christoph Attermann, neben einigen

der älteren Arbeiter und Kriegsteilnehmer auch der nachtwachende

Bekenner dem neuen Arbeiter-, Bürger- und Soldatenrate an.

Die Gewählten traten auf Anregung Martin Opterbergs sofort zu einer

Besprechung zusammen.

Der Bekenner schlug diensteifrig den Doktor Opterberg zum Vorsitzenden

vor, und die Männer stimmten ohne weiteres zu.

»Gut,« sagte Martin Opterberg, »Fragen der Parteizugehörigkeit sind

ausgeschaltet, nur die Lebensfragen der Gemeinde stehen auf dem Plan.

Hand darauf! Ich danke Ihnen und hatt’s von Männern nicht anders

erwartet. Also ohne Nebensächlichkeiten: wo drückt der Schuh am

meisten? Ich bin eben erst nach Haus gekommen.«

Ein alter Arbeiter nahm das Wort.

»Das ist ganz einfach, Herr Doktor Opterberg. Die Leute frieren, und

die Leute haben nicht genug zu essen.«

»Und wenn der Magen knurrt, knurrt auch der Mund. Und wen’s an den

Füßen friert, dem steigt die Hitze zu Kopf,« gestand Martin Opterberg

zu. »Christoph, der Frachtdampfer liegt ja wohl fahrfertig? Mit vollen

Bunkern? Na, dann können wir, da uns die Schiffahrt einstweilen

vom Feind untersagt ist, löschen und Ballast dafür einnehmen. Die

Kohlen werden auf den Kopf der Familien abgewogen und zum billigen

Selbstkostenpreis verteilt. Wegen größerer Lebensmittelzuteilungen

fahre ich morgen zum Landrat oder, wenn der Mann nicht helfen kann, zu

einer anderen Stelle. Ich hab’ schon einen Plan, möcht’ aber nichts

voreilig versprechen.«

»Sie packen den Ochsen bei den Hörnern, Herr Doktor Opterberg. Das mit

der billigen Kohlenverteilung wird den neuen Rat gleich in ein gut

Licht stellen, und wegen der Lebensmittel verlassen wir uns ohne viel

Fragen ganz auf Sie. Gesegnete Mahlzeit denn.«

»Das habt ihr allein _mir_ zu verdanken,« tönte die Stimme des

Bekenners aus dem Knäuel der Hinausdrängenden. »Ich hab’ ihn zum

Vorsitzenden vorgeschlagen. Keiner von euch wär’ dadrauf gekommen.«

Als Martin Opterberg im Attermannschen Haus die Treppe hinauf und über

den oberen Flur zu seinem Zimmer schritt, kam ihm vor seiner Tür Linde

Baumgart entgegen.

»Ich wollt’ dir nur sagen, Martin, daß ich heut in der Früh’ töricht

dahergeredet hab’. Du brauchst kein Quellwasser holen zu gehn. Ich

hab’s in dir rauschen gehört, als du zu den Leuten sprachst.«

»Mädel, Sprechen ist noch nicht Handeln. Aber das soll jetzt einsetzen.

Willst du meine Gehilfin werden? Gegen das Frieren lass’ ich die Bunker

unseres Frachtdampfers leeren, und gegen das Hungern weiß ich auch ein

Mittel, denn der Landrat hat selber nichts zu verschenken. Als ich mit

meinen Pionieren über den Rhein setzte, glitt gerad der letzte Zug des

Korpsverpflegungsamtes über die Brücke. Das muß jetzt irgendwo in der

Nähe stecken, denn die Bahnstrecken waren schon verstopft. Morgen such’

ich es auf und leg’ mich auf’s Bitten. Aber reinen Mund, Lindelein.«

»Soll ich mit dir?« fragte sie mit glühendem Kopf.

»Für Mädchen ist das keine Fahrt. Unter das verwilderte Kriegsvolk.«

»Ich schlupf’ wieder in die Hosen wie auf der Werft. Keiner erkennt

mich, und ich soll dir doch helfen.«

Er strich über ihre heiße Wange.

»Mädchen,« sagte er, »und wenn dich auch keiner erkennt, ich will nicht

einmal, daß Blicke an dir herumtasten.«

Da griff sie nach seiner streichelnden Hand und hielt sie fest und

legte ein paar Sekunden lang ihre Wange darauf. Dann ging sie schnell

zur Treppe und ins Haus hinab …

Martin Opterbergs Suchen glückte. Er fand das Korpsverpflegungsamt in

einem kleinen, abgelegenen Neste. Die Wagen waren auf ein Nebengeleise

geschoben, bis die Strecke wieder frei werden würde, ein Viehstapel

war auf eine Weide getrieben, ein paar Wagen zur Verpflegung der

Begleitmannschaften entladen. Er kam zur rechten Zeit, denn gerade war

der Befehl eingelaufen, am nächsten Morgen die Weiterfahrt anzutreten.

Unwillig nur gingen die Leute an das mühsame Geschäft des Neuverladens.

Martin Opterberg suchte den Intendanten auf und wies sich in seiner

militärischen und bürgerlichen Stellung aus. Er berichtete von der Not

seiner Gemeinde, die durch die Verpflegung der rückwärts flutenden

Truppen in ihrem Lebensmittelbestand schwer gelitten hätte, und machte

sich anheischig, die ausgeladenen Güter und die sechs Stück Weidevieh

im Bausch zu übernehmen und gegen Bankscheck zu verrechnen.

Der Intendant zögerte und machte Ausflüchte. Die Leute schlenderten

herbei, horchten auf und waren sofort für die verminderte Arbeit. Der

Intendant warf einen Blick auf die herumliegenden Güter, seufzte in

Gedanken an die Scherereien eines überhasteten Verladens tief auf und

gab den Aufsehern Befehl, ein Verzeichnis herzustellen.

Die letzten, halbgeleerten Wagen wurden abgekoppelt. Martin Opterberg

erhielt ein paar hundert Sack Mehl, Graupen und Hülsenfrüchte, ein

paar hundert Kisten Nudeln, Zucker, Backobst und Büchsenfleisch, einen

Rest Kaffee und Tee, dazu die sechs lebenden Rinder. Die Preise waren

von einer Niedrigkeit, daß ihm das Herz lachte. Er bat durch den

Fernsprecher Christoph Attermann, in der Nacht noch mit den Männern

des neugewählten Rats herüberzukommen, und zwar auf einer Maschine des

Güterbahnhofs, die sofort anzuheizen sei. Der Bahnhofsvorsteher, der

selber Gemeindemitglied sei, würde für die wenigen Kilometer schon ein

Einsehen haben.

Es gelang. Bis zur Ankunft der Maschine saß Martin Opterberg mit dem

Intendanten zusammen, und sie fanden sich als alte Bekannte aus dem

Felde. »Gott erhalte uns die Kameradschaft,« sagte Martin Opterberg zum

Abschied und drückte dem Intendanten warm die Hand. »Dann werden wir

Deutschland schon wieder auf die Beine kriegen.«

In der Morgenfrühe waren sie daheim. Die Wagen wurden auf dem

Anschlußgleis vor der Werfthalle entladen, die Waren eingeräumt und

nach der Gemeindeliste auf die Haushaltungen verrechnet. Die Preise

betrugen kaum ein Drittel der gegenwärtigen Tagespreise.

»Das alles sieht aus wie ein Zauberkunststück,« belehrte der Bekenner

die schwitzenden Kameraden, »und kommt doch nur auf den richtigen

Mann an der richtigen Stelle an. Und den habt ihr _mir_ zu verdanken.

Darüber gibt’s nun mal keinen Streit.«

»Ja, ja, ja. Hännes, der neue Rat taugt schon mehr als der alte.«

Und Linde Baumgart wurde Martin Opterbergs Gefährtin. Die flinksten

und saubersten Mädchen des Ortes brachte sie zusammen und schulte

sie ein. Und sie stand von morgens bis abends in der Werfthalle, wog

ab, teilte aus, überwachte das Vorwärtsschieben der Menge, brachte

mit ihrem lustigen Wort die Unlustigen zum fröhlichen Lachen, mit

ihrer Unermüdlichkeit die Müden zum munteren Schaffen. »Denkt an die

Weihnachtsfreud’! Denkt an die Weihnachtsfreud’!« rief sie immer

wieder in die harrenden, drängenden Haufen, und die Menschen bliesen in

die rotgefrorenen Hände und trampelten sich vergnügt die Füße warm.

Nach Hausnummern ging’s, und in fünf Tagen war’s geschafft. Aber die

kalten Nächte hatten mitherangemußt. Nun konnte Martin Opterberg zur

Mutter reisen.

»Ohne dich hätt’ ich’s nicht zuweg gebracht,« sagte er dankbar, als er

sich in der letzten Nacht von Linde Baumgart verabschiedete.

»Siehst du wohl?« lachte sie, drückte seine Hand und schlüpfte in ihr

Zimmer. -- --

Auf großen Umwegen nur hatte Martin Opterberg die Reise bewerkstelligen

können, denn das Rheintal war von den Truppen der feindlichen

Besatzungsheere gesperrt. Drei Tage und drei Nächte brauchte er zu der

Fahrt, die vordem eine Schnellzugstagesfahrt ausgemacht hatte. Aber zum

Weihnachtsabend noch traf er auf dem Opterberghof ein. Und nun saß er

bei der Mutter.

Die starke Erregung, die bei Mutter und Sohn das Wiedersehen ausgelöst

hatte, war einem stillen Frieden gewichen. Den ganzen Abend über hielt

Martin Opterberg die Hand der Mutter in der seinen, und mit der freien

Hand strich Frau Christiane von Zeit zu Zeit heimlich und zärtlich über

des Sohnes Ärmel. Dann schloß er für Sekunden die Augen, als müsse er

die ungewohnte Liebkosung wie ein Träumender auskosten.

Die Zeit hatte Frau Christiane Opterberg nichts anzuhaben vermocht.

Wohl war der Schein ihres strohgelben Haares ein wenig matter

geworden, aber immer noch krönte es in schwerer Fülle das Haupt, aus

dem die Augen in der kristallklaren Farbe des jungen Rheins blickten,

und die Frauenreife des Körpers hatte trotz der Jahre die Spannkraft

und Biegsamkeit ihres Mädchenkörpers behalten. Nur die Raschheit

hatte sich verloren. Aber die Gelassenheit, die sie allen Dingen und

Vorkommnissen gegenüber zur Schau trug, war nur ein Schein, und es

glitt zuweilen wie verhaltene Laune um ihren Mund, die besser als

sprudelnde Worte kundtat, was Frau Christiane im Innersten bewegte.

»Es ist halt nichts so trauerspielmäßig, als daß es nicht wieder zum

Singspiel umschlagen könnt’,« meinte sie in ihrer lebensklaren Art,

als der Sohn ihr am Weihnachtsabend hatte erzählen müssen. »Es kommt

lediglich darauf an, wie man selber das Spiel zu betreiben gedenkt,

ob mit Asche auf dem Haupt, oder mit einer frischgepflückten Nelke

hinterm Ohr. Man kann sich bei der Beerdigung eines Freundes selber

mitbegraben, man kann sich aber auch just am frischen Hügel das

Gelöbnis ablegen. Nun wird noch lange nicht gestorben! Nun wird das

Leben erst recht in die Hand genommen, damit’s sein Bestes hergibt vor

dem törichten Tod.«

Sie lachte in sich hinein.

»Ich hab’ einmal von einem lustigen Gesellen den Trauermarsch von

Chopin spielen hören, ohne daß er eine Note verändert hätt’, nur in

einem flotteren Zeitmaß, und der alte Trauermarsch klang wie eine

funkelnagelneue Aufforderung zum Tanz.«

»Ich versteh’ dich, Mutter, und hab’s mir selber schon so ausgelegt.

Nicht hinter dem unwiderruflich Abgeschiedenen herjammern und in die

Knie knicken. Wer lebt, hat nur die eine Pflicht: nämlich zu _leben_

und sein Leben so aufzubauen, daß es Wert für ihn hat und für seine

Zeit.«

»Siehst du,« sagte Frau Christiane, »damit hätten wir eigentlich alles

besprochen, was es zwischen uns an Wichtigem zu besprechen gäb’. Was

wir nun noch daherreden, sind die schönen Randverzierungen.«

»Red nur daher, Mutter,« bat Martin Opterberg lächelnd und streichelte

ihre kräftige Hand.

»Gelt, du bist auch den Randverzierungen nicht abhold? Der Schuß

Vatersblut in dir ist nicht das schlechteste Erbteil, ob wir beide auch

früher einmal ein wenig darum gebangt haben mögen. Denn Freud’ muß

der Mensch haben, oder er tut sein Tagewerk wie ein Öchslein unterm

Jochbalken.«

»Erzähl mir ein wenig von der Freud’, Mutter. Ich werd’ schon gut

hinhorchen.«

»Du möcht’st mich wohl ausspionieren, Bub?« erwiderte sie lachend und

klopfte ihm kräftig den Rockärmel.

»Ausspionieren? Ist denn der Gegenstand so heikel?«

»Nun steigt mir wahrhaftig die Röt’ ins Gesicht. Ach was, ich bin doch

zuletzt kein jung Mädchen und du kein Hosenlupf. Ich bin deine Mutter

und vermag drum sogar Gegenständ’ mit dir zu besprechen, die einen

Pastor in Beklemmungen versetzen könnten. Wenn ich von der Freud’ red’,

so mein’ ich halt: die größte Freud’ für den Mann ist doch das Weib.«

»Es könnt’ wenigstens so sein, Mutter.«

»Es _könnt’_ nicht nur so sein, es _ist_ so, Bub. Denn wenn ich von

eines Mannes Weib sprech’, mein’ ich den getreuen Kameraden in gleichem

Schritt und Tritt und nicht einen Herumfeger oder gar eine Schlampampe.

Ich sag’s, wie ich’s weiß, und hab’s an mir selber und einem anderen

erfahren, und du wärst mittlerweil’ auch alt genug dazu geworden.«

»Also wie muß sie ausschauen, Mutter?«

»Garnicht muß sie ausschaun. Darauf hast du wohl die Prob’ selber

gemacht, daß das bloße Ausschaun erst in der zweiten Linie kommt.

Aber das Herz muß sie auf dem rechten Fleck haben, besonders wenn’s

der Mann gerad beansprucht, und es nicht beleidigt auf die andere

Seit’ schieben, wenn er auch andere Dinge mal im Kopf hat. Und den

Verstand muß sie an der rechten Stell’ haben, daß sie an allem ihren

Anteil nehmen kann, was des Mannes Wesen und geistiges Leben ausmacht,

ohne aber, daß sie nun gleich als die Belehrerin und Besserwisserin

auftreten will, denn dann wär’ ja für den Mann die Freud’ des Starken

dahin. Und lieb muß sie ihn haben, und wenn’s Hühnereier hagelt.«

»Also hübsch braucht sie nicht zu sein, Mutter?«

»Nicht hübsch?« sagte Frau Christiane erstaunt. »Ja bist du denn

von einem anderen Stern, auf dem die Menschen Astralleiber haben?

Natürlich muß sie für den Mann, der sie heiratet, hübsch sein und sehr

sogar, aber nur für den Mann, und wenn sie für die anderen nur als ein

Meerwunder mitdurchläuft. Für den einen Mann aber muß sie so hübsch

sein, daß es in allen seinen Sinnen singt und klingt, wenn er sie

daherschreiten sieht, und ein Freuen in ihn kommt vom Herzen bis in die

Kehle, als stünd’ der Atem still. Laß du die Frommen im Land von der

Abtötung der Sinne faseln -- was weiß ein Frosch vom Falkenruf in der

Luft anders, als daß er Angst vor ihm hat. Sind die Sinne nicht mit im

Spiel, so ist’s eine Laute mit gesprungenen Saiten.«

»Und schlank und rank muß sie sein,« fuhr Martin Opterberg fort, »und

braunes Haar muß sie haben mit einem Sonnenkrönlein drin, wie bei ihrer

Schwester, und ihre Augen müssen blitzen vor Lust am Leben, und aus der

Stadt Karlsruhe _muß_ sie sein.«

»Martin --,« sagte Frau Christiane, »da bringst du mich auf eine

Fährte.«

»Laß gut sein, Mutter. Noch ist der Friede nicht unterzeichnet. Und ich

möcht’, wenn’s einmal übermächtig in mir wird, mein Glück in Frieden

haben.« -- --

Bis zum neuen Jahr blieb Martin Opterberg, und er saß auf der Bank

über dem brausenden jungen Rhein und saß im Giebelstübchen des Turmes,

das den Ausblick bot über die Schwarzwaldberge und hinaus zu den

geheimnisvoll lockenden Ketten der Alpen, die den Vater angezogen

hatten Tag und Nacht. Aber Martin Opterbergs Blicke schweiften nur nach

den Schwarzwaldhöhen, als forschten sie, ob dort die Jugendwege noch

liefen …

»Zum Sommer kehr’ ich wieder, Mutter,« sagte er beim Abschied. »Es

zieht mich mächtig …«

Und wieder ging es im Bogen um den Rhein zurück, dessen Ufer nicht

von den Deutschen aus deutschen Landen betreten werden durften und nur

von den Negern vom Senegal und ihren weißen Brüdern. Die Wagenabteile

waren gedrängt voll Menschen, und es herrschte so viel Gelächter

und Geschrei, als gingen diese Überlauten alle auf eine rheinische

Kirmesfahrt.

Martin Opterberg ließ schweigend seine Blicke wandern. Wer waren diese

Leute? Ein neues Volk? Ein neues Geschlecht aus dem alten? Er musterte

Gesichter und Kleider, fing Sprache und Bewegung auf. Nein, es war kein

neues Volk und kein neues Geschlecht. Es waren die Dunkelmänner, die

zu allen Zeiten in schmierigen Hintergassen ihre Geschäfte betrieben

hatten und nun bei dem großen Kopfüber auf die Höhe geraten waren. Nur

daß sie nicht mehr mit Lotterielosen handelten und mit unzerreißbaren

Hosenträgern, nicht mehr um ein erbärmlich Stück Vieh feilschten oder

auf Pfänder liehen … Und es waren Gewerbetreibende und Kaufleute

aller Art, die gestern noch eine Hose gewendet oder ein Viertelpfund

Kaffee ausgewogen hatten und heute, wie aus ihren großtönenden Reden

hervorging, Tuche, Lebensmittel, Kohlen und was das notleidende Volk

bis zu den Düngemitteln brauchte, in Wagenladungen aufkauften und mit

Wuchernutzen weiterverhandelten. Die meisten staken in feinen, neuen

Kleidern, manche in weichgefütterten Pelzröcken, gaben sich das Ansehen

von Baronen und entgleisten in die Gewohnheiten von Pferdeknechten.

Ihre Frauen trugen kurze, knisternde Seidenröckchen, die kaum über das

Knie reichten und oft seltsam geformte, immer aber mit durchsichtigen

Seidenstrümpfen bekleidete Beine aufwiesen, während die Hände, von

den traurigen Fingernägeln abgesehen, im Schmucke von Brillanten

glänzten. Und alle diese Herren und Damen zogen aus feinen neuen

Lederkoffern Kognakflaschen und Straßburger Gänseleberpastete und

Schokoladensüßigkeiten jeder Art hervor und schmausten und redeten

mit gefüllten Mündern aufeinander ein und kreischten vor Vergnügen

auf, daß sie sich fast verschluckten. Viele waren im Besitze von

Ausweisen, die den Stempel einer der fremdländischen Besatzungsbehörden

trugen und die Erlaubnis verliehen, um einer besonders starken

Lebensnotwendigkeit willen auf eine kurzbefristete Zeit auch das

Rheintal besuchen zu dürfen. Jetzt aber fuhren sie zum Einkauf oder

einer Warenverschiebung in das Hinterland. Andere ließen sich auf das

Genaueste in die Geheimnisse der Paßerlangungen einweihen und warteten

dafür mit den Geheimnissen des Schleichhandels auf. Einer sprach von

den Loslösungsbestrebungen zugunsten einer rheinischen Republik. »Ob

sie sagen, dat Rheinland sollt’ pfäffisch gemacht werden oder welsch --

die Hauptsach’ is, dat wir von den verfluchzigen Vermögenseinziehungen

verschont bleiben un unser sauer verdient Geld in Ruhe verzehren

können.« Und seine Zuhörer stimmten ihm mit vollen Mündern bei.

Da erhob sich Martin Opterberg, angeekelt von all dem würdelosen

Schmarotzertum am Körper des hungernden und frierenden Vaterlandes und

ging in eine niedere Wagenklasse hinüber, in der blasse und abgehärmte

Menschen in scheuem Ton, als berührten sie das Allerheiligste, von dem

Heldentod ihrer Söhne und Brüder sprachen, deren Leiber in Frankreich

moderten, in Polen, auf dem Balkan, in Palästina oder unbekannten Ortes

auf dem Meeresgrund …

Im unbesetzten Düsseldorf stieg er zum letzten Male um und ging, um die

Zeit bis zur Abfahrt des Zuges hinzubringen, in die Stadt hinein. Vor

einem vornehmen Hotel winkte ihm ein Herr in langem Gehpelz, auf den

der weiße Patriarchenbart ehrwürdig niederwogte, munter zu.

»Der Herr Doktor Opterberg, wenn ich nicht irre?«

Eine Sekunde verhielt Martin Opterberg den Schritt, und sie genügte dem

alten Herrn, um ihn festzuhalten.

»Professor Barthelmeß,« kam er dem Erstaunten zu Hilfe. »Und hier

ist auch meine liebe Frau Hadwiga. Nun geht sie im Gewand einer

Fürstin, wie es sich für die Frau eines großen Künstlers geziemt.

Ja, mein Freund, die Tage der Bitternis, in denen ich in der Wüste

Ziegel strich, sind vorüber. Jetzt ist die Fronarbeit an die armen

Reichen gekommen, von denen ich im Auftrage des bedeutendsten

Berliner Kunsthändlers alte Gemälde zu geringen Einkaufs- und hohen

Verkaufspreisen aufkaufe. Und meine drei Herren Söhne, dieses

echte Barthelmeßblut -- ah, dort steigen sie gerade aus ihrem

eigengesteuerten Mercedeswagen -- handeln mit allem, was Gott gedeihen

läßt, hinüber und herüber über den Rhein, und die Sabine verschafft

ihnen durch ihre aufrichtige Beliebtheit bei den fremden Herren

Offizieren die Ein- und Ausfuhrbewilligungen durch das große Loch im

Westen.« --

Er sprach in die Luft. Martin Opterberg hatte schweigend an die

Hutkrempe gefaßt, als entschuldige er sich eines Versehens wegen, und

war weitergegangen.

Vor einem kleinen Papierladen blieb er stehen. Zeitungen und billige

Bücher waren in der Auslage zu sehen, aber die waren es nicht, die ihn

fesselten. Er blickte forschend durch die Scheiben und glaubte in dem

Mann, der am Ladentische saß und Schreibübungen zu veranstalten schien,

Broich zu erkennen, Broich, den er zuletzt mit abgeschossener Hand im

Feldlazarett gesehen hatte.

Er trat ein und hatte sich nicht geirrt.

»Lieb von dir, Opterberg, daß du mich heimsuchst. Nimm einen Stuhl. Die

neuen Zeitungen kommen erst in einer halben Stunde, und bis dahin ist

es ruhig im Laden. Warte, eine Begrüßungszigarre sollst du auch haben.

Meine Frau hat mir ein ganzes Viertelhundert zu Weihnachten geschenkt.«

»Wie geht es dir, Broich, und wie geht es Frau und Kindern?«

»Alles gesund, und was mehr bedeutet: fest im Glauben an die Zukunft.«

»Gottlob, daß die anständigen Menschen nicht aussterben. Was macht die

schwere Verwundung? Ich seh’, du hast eine künstliche Hand.«

»Ich kann, wenn ich die Linke zu Hilfe nehm’, alles mit ihr fassen

und halten. Mit der Linken üb’ ich mich im Schreiben. Sieh her, es

geht schon ganz gut. Und bis zum Frühjahr wird’s so weit sein, daß ich

mich mit gutem Gewissen wieder um eine bessere Stellung bewerben darf.

Einstweilen glauben ja die Herren, wem die rechte Hand weggeblasen sei,

dem sei auch der Verstand weggeblasen. Aber einstweilen hält uns ja

auch das Zeitungslädchen über Wasser.«

»Sind deine Schwiegereltern nicht so wohlhabend, daß sie dich über

Wasser halten konnten?«

»Opterberg,« sagte Broich und legte dem Jugendkameraden die gesunde

Linke auf den Arm, »du vergissest wohl, daß ich neben einer Frau

auch Kinder habe. Sollten die etwa glauben, ihr Vater sei ein so

armseliger Kerl, daß er nicht einmal seine Kinder ernähren könnt’?

Nein, Opterberg, eher mit einem Arm Steine klopfen. Na, du hätt’st es

ja nicht anders gemacht.«

Frau Hilde Broich kam mit den Kindern. Sie alle trugen einen Pack neuer

Zeitungen im Arm und glühten trotz der Kälte vor Stolz.

»Wenn Jung und Mädel brav sind, dürfen sie zur Belohnung ihrem Herrn

Hauptmann, dem Vater, helfen,« sagte sie, als sie den alten Freiburger

Freund freudig begrüßt hatte. »Lieber Martin, wie oft sprechen wir

gerade in diesen dunklen Deutschlandtagen von den sonnigen Wanderungen

im Schwarzwald und von den Freudentagen auf dem Opterberghof, wo ich

mich dem Liebsten da heimlich anverlobte.«

Die Buben der Frau Opterberg · 第 21 / 33 题