Kein Wort der Klage. Nichts als Vaterlandspflicht. --

Martin Opterberg und Christoph Attermann humpelten am Stock durch den

Etappenort. »Er ist mir von den Freunden immer der liebste gewesen, der

Broich,« begann Christoph Attermann nach einer Weile des Wanderns. »Er

hat bei eiserner Willenskraft die innere, die seelische Vornehmheit,

die nicht angelernt werden kann und nicht vom Wetter abhängig ist. Da

kann’s noch so hageldicht kommen, der Broich bleibt ohne einen Groschen

der wahre Edelmann.«

Und dann mußten sie beide aus vollem Halse lachen.

Sie waren, ohne es zu wollen, bis zum Etappenstabskasino gewandert

und hatten, da es die Stunde der Mahlzeit war, in aller Unschuld

des Frontsoldaten angefragt, ob sie mithalten könnten. Ernst und

verweisend waren sie in ihren zerschabten und verblichenen Röcken vom

Verpflegungsoffizier gemustert worden.

»Darf ich ganz gehorsamst fragen, von wem die Herren eingeladen sind?«

»Wir kommen aus allereigenstem Antrieb. Unsere Nase lud uns ein und

unser Magen.«

»Bitte ganz gehorsamst: zweite Straße links, Speiseanstalt für

durchreisende Offiziere. Hier speist der Etappenstab.«

Da lachten die beiden, daß ihnen alle im Mord und Brand der Schlachten

erworbenen Ehrenkreuze auf Brust und Herzgrube tanzten.

»Dürfte ich ganz gehorsamst um eine Ihrer abgelegten schönen Hosen

bitten?« fragte Martin Opterberg mit einer tiefen Verneigung, und all

die alten Schlägernarben funkelten vor Vergnügen in seinem Gesicht.

»Und ich ganz gehorsamst um ein Paar Ihrer schönen Lackschuhe?« fügte

mit derselben tiefen Verneigung Christoph Attermann hinzu, und auf der

Wetterseite auch seines Gesichtes glühten die purpurnen Ehrenröslein

vor Lust.

»Martin, Martin,« klagte er, als sie vergnüglich weiterpilgerten, »ich

fürchte, ich fürchte, wir sind in den Augen dieses Cid Kampeador der

Etappenstabsküche zu höchst gemeinen Kriegsknechten herabgesunken.

Dieser Rittmeister zu Fuß hielt uns für Schnorranten, die die

Aufschrift über dieser feinen Krippe nicht lesen können: ›Nur für

Herrschaften!‹«

»Drei Jahre Krieg, Christoph! Drei Jahre nur unter Männern. Und noch

dazu in der Etappe, in der nicht der tägliche Sturm der Geschehnisse

die Kameradschaften auf Tod und Leben vereinigt. Da tritt der

Naturtrieb zutage. Eifersucht, Neid --«

»Futterneid, Martin. Man soll ihnen nicht in den Kochtopf gucken.«

»Geh, schäm dich, Christophel. Der Herr Rittmeister wünschten nur

gehorsamst aus eitel Herzensgüte dir nicht das Wasser im Maule

zusammenlaufen zu lassen. Und seine ›Speiseanstalt für durchreisende

Offiziere‹ mag vollends der Teufel holen. Ich halt’s mit der

Gulaschkanone. Da dampft eine auf dem Platz. Mein Gott, diese

zusammengewürfelte Gesellschaft stellt ein ›Armierungsbataillon‹ dar.

Können wir mithalten, Mann?«

»Aber selbstverständlich, Herr Hauptmann.«

»Mal zwei Kochgeschirre her. Was gibt’s Gutes heuer?«

»Erbsen mit Frankfurter Wurst. Aber nicht mit den Sporen klirren, Herr

Hauptmann.«

»Hottehü?«

»Ich will nix gesagt haben. Aber es fehlt ein Gaul.«

»Na, wenn schon. Bei unseren germanischen Voreltern war’s der

vornehmste Festtagsbraten.«

Ein Armierungssoldat schob sich heran. Unrasiert, mit durchlöcherten

Schuhen, die schirmlose Mütze tief im Gesicht.

Als er vor den beiden Hauptleuten stand, nahm er mit einem Ruck stramme

Haltung an.

»Tillmann! Tillmann! Alter Fuchsmajor! Kunstgelehrter! Heran an die

Brust!«

Und der Unrasierte fiel den beiden schluchzend um den Hals.

»Na, na … Keine nasse Rührung, Alter. Gibt’s eine Kneipe hier am Ort?

Bring uns zu deinem Häuptling. Wir bitten dich los für heute.«

Ein grauhaariger Offiziersstellvertreter meldete sich. Das Bataillon

hatte Rasttag bis morgen. Der Armierungssoldat Tillmann war für den

Rest des Tages beurlaubt.

Irgendwo stöberten sie eine Kneipe und einen französischen Landwein

auf. »Dein Wohl, Tillmann. Unter Freunden schmeckt’s wie Nektar. Und

nun spinn dein Garn herunter, Armierungssoldat.«

Der Kunstgelehrte knirschte mit den Zähnen.

»Sprecht das Wort nicht aus. Es bringt mich um den Verstand. Als ich

mich vor zwanzig Jahren als Einjährig-Freiwilliger meldete, wurde

ich nicht angenommen. Zu schwach auf der Brust oder zu platt auf den

Füßen. Der Teufel mag’s wissen. Damals hätt’ ich mit Begeisterung

gedient. Und siebzehn Jahre später, bei Kriegsausbruch, war die Brust

apollinisch und die Füße aphrodisisch, und ich bildete mit vierhundert

anderen ausgesiebten Ungedienten ein feines Armierungsbataillon.

Ein Schießeisen vertraute man uns nicht an, aber eine dauerhafte

Schippe und, als Beförderung, eine Hacke. So schippen wir Gräben und

karren den Dreck. Zieh nicht deine Stirn in Falten, Opterberg. Ich

weiß, daß geschippt und gekarrt werden muß und eine Soldatenehre

gleich der anderen ist. Aber muß man just uns Schreibmenschen vom

Dorfschreiber bis zum Universitätsprofessor unter die Schipper

stecken, die keine sechs Hackenschläge hintereinander tun können,

ohne die nächste Viertelstunde zu verschnaufen? Gut, ich seh’s deinem

Gesicht an, du meinst, das lernt sich. Was sich aber nicht lernt,

Freund und Hauptmann, das ist die Herabsetzung in die unterste

Rangstufe und das Verfluchtsein, drin zu bleiben! Der gemeinste

Frontsoldat, der gemeinste Etappensoldat kann sich durch seine

Tüchtigkeit heraufarbeiten. Die jüngsten Dorfschulmeister laufen als

Leutnants herum. Aber selbst für den größten Geistesriesen gibt’s im

Armierungsbataillon keine Beförderung. Wir haben vor dem grünsten

Jungen stramm zu stehen. Wir sind wie eine Maultierherde, ohne

anderen Zukunftglauben, als daß wir stumpfsinnig unter Stumpfsinnigen

abgerackert werden. Und eines Tages haben wir uns angepaßt, die

einen aus Gewohnheit, die anderen durch Überredung, die dritten in

ohnmächtigem Grimm, und die Heeresleitung wundert sich, woher die

vielen Sozialisten kommen.«

»Wer über eine Sache schimpfen will,« sagte Martin Opterberg, »muß eine

bessere an ihre Stelle zu setzen haben.«

»Ist das so schwer? Liegt das so weltenweit ab? Schau dich einmal um,

Freund. In den Berliner Kriegsgesellschaften sitzen die Unabkömmlichen

zu Tausenden, junge, wohlgenährte, hochgestiegene Männer. Aber man

sagt, das sei eine geschlossene Religionsgemeinschaft, wie früher die

Gescherten. Und wenn schon. Könnte man die Herrschaften, die sich drei

Jahre gemästet haben, nicht einmal gründlich auskämmen und gegen uns

austauschen? Die Schippe werden sie so gut halten können, wie wir die

Feder. Ah, es ist ein Haß in uns auf diese feiste Drückebergerbande,

der einmal furchtbar zum Ausbruch kommen wird. Weiter! Weiter! Fragt

die alten, krummen Arbeiter bei uns. Die Arbeiterjugend steckt man

mit einem Majorsgehalt in die Munitionsfabriken, und die Alten dürfen

für eine Groschenlöhnung schippen. Ist für die Alten dort kein Platz?

Wär’ nicht von vornherein dort ihr Platz gewesen? Wenn die Jungen

aus den Fabriken und dem Großgeldverdienen herausgezogen und in die

Feldregimenter gesteckt werden, pfeifen sie auf den Dienst für eine

Erbsensuppe und verseuchen mit ihren Aufwiegelungen die Kompanien.

Alsdann: Prosit.«

Er stürzte funkelnden Auges den Wein herunter und schlug die Mütze auf

den Tisch.

»Haltung, Tillmann. Von meinem ehemaligen Fuchsmajor verlang’ ich mehr

Haltung. Es ist leider Gott’s manches richtig, was du sagst, wenn auch

durch erklärlichen Zorn verzerrt. Aber bedenk, Mann, die ganze Welt ist

uns über den Kopf gekommen, und so sind uns mancherlei Dinge in der

Eile auch über den Kopf gewachsen.«

»Wen’s trifft, der hat’s, Opterberg. Und der hört von allem nur das

Nein.«

»Tillmann,« sagte Christoph Attermann begütigend, »was macht die schöne

Klarenbachin, dein liebreich Gemahl? Ich weihe ihr dies Glas.«

»Tu’s nicht!« fuhr der Grimmige auf und fiel ihm in den Arm. »Sie ist

imstand und verwandelt dir aus der Entfernung den Wein in Rattengift.

Als ich mit meinem Feldkrätzchen auf dem Kopf das eine und einzige

Mal auf Urlaub kam, wollt’ mich dies Götterweib in der Gesindestube

essen lassen. Mein Schwager aber, der Grüters, der als Hauptmann dem

Generalstab des Feldheeres zugeteilt ist, breite, weithinleuchtende

Streifen, fast wie ein echter Generalstäbler, an den Hosen trägt und in

Volksaufklärung arbeitet, durfte mit ihr in offenem Landauer durch die

Straßen Düsseldorfs spazieren fahren.«

Er trank die Flasche leer und stand auf. »Gehabt euch wohl. Ein ander

Mal. Ich muß an die Luft.«

Martin Opterberg und Christoph Attermann schauten ihm nach.

»Drei Jahre, Martin. Es muß zu End’ gehen. Es ist die höchste Zeit.«

»Christoph,« sagte Martin Opterberg, »daß wir’s trotz dem und

alledem so lange ausgehalten haben, das zeigt doch erst, welch eine

unverwüstliche Urkraft in unserem deutschen Volke liegt. Hier die

richtige Erziehung mit der rechten Liebe angesetzt, und wir sind das

erste Volk der Welt. Jetzt müssen wir durch die Vorschule …«

Ein paar Wochen darauf ging Christoph Attermann mit einem längeren

Erholungsurlaub in die Heimat ab. Martin Opterberg wurde, bis

zur Wiederverwendbarkeit in der Front, zur Dienstleistung in den

Generalstab des Feldheeres befohlen.

»Sag den Frauen, Christoph, nun käm’ ich auch bald. Es drängt alles zur

letzten Entscheidung. Und vergiß nicht: Wie’s auch kommt -- wir sind in

der Vorschule.«

12

Zwei Erlebnisse waren es vor all den tausenden, die sich in Martin

Opterbergs Seele gruben, deren Bilder er mit sich nahm als Lehre,

Mahnung und Maß. Sie machten seine Seele ehrfürchtig, sie erschütterten

sein Herz und führten ihn durch ihre Bildkraft dem Höchsten im Leben

zu, dem menschlichen Gleichgewicht.

Martin Opterberg meldete sich im Generalstab des Feldheeres beim Ersten

Generalquartiermeister. Helm auf und umgeschnallt stand er in dem

langen Flur, auf den die Vielheit der Türen mündete, vor dem Zimmer

des Generals Ludendorff und wartete. Es war ein Kommen und Gehen von

höheren Offizieren, die barhaupt und ohne Degen, wie sie von ihrem

Arbeitstisch aufgesprungen waren, herbeieilten, um eine Aufklärung zu

geben, einen Befehl entgegen zu nehmen, und dennoch blieb die lautlose

Stille, in der man das Summen einer späten Fliege als Geräusch empfand.

Hinter dieser Türe arbeitete ein Mann, der schier übermenschliche Bürde

trug und sie mit Hergabe des letzten Nervs bewältigte, in dessen Hirn

die Millionenheere Deutschlands auf allen Kriegsschauplätzen, die Heere

der Verbündeten und die Heere der ganzen feindlichen Welt marschierten

und das man dennoch immer neuen Belastungsproben aussetzte, selbst aus

der Heimat heraus und in Staats- und Wirtschaftsangelegenheiten.

Das ging Martin Opterberg durch den Sinn, während er vor der

geräuschlos auf- und zuklappenden Türe verharrte. War dieser Mann so

groß an Geist -- oder war Deutschland so klein an Geistern, daß man

alle Wünsche und Hoffnungen auf dieses Einen Schultern lud?

Und mit einem Male wechselten die Bilder vor dem seelischen Auge

Martin Opterbergs. Er sah die Hunderttausende von Neuen Testamenten in

den Händen der Lesenden, er sah die Hunderttausende von Rosenkränzen

am Gewehrschloß der Betenden -- er schaute die Inbrunst -- er hörte

ihr Stöhnen im Ohr -- und er sah Testamente und Rosenkränze auf den

Kehrichthaufen fliegen und vernahm Wutgebrüll und Gotteslästerung.

Die Buben der Frau Opterberg · 第 20 / 33 题