Martin Opterberg brach die Gedankenreihe ab. Zum zweitenmal machte
er den Grabengang. Diesmal von Mann zu Mann. Und er sah ihnen in die
tiefliegenden Augen, in die ausgemergelten Gesichter, und sah ihnen
durch die schmutzsteifen, zerflickten Röcke in die heimwehkranken
Herzen, die nach der Liebe ihrer Weiber schrien und nach den
wildwachsenden Kindern bangten. Und sah über alle ihre stummen Qualen
hoch hinaus ihr Heldentum.
Er streckte dem ersten die Hände hin. Eine rissige, borkige Faust,
durch das Kriegshandwerk ungeschlacht geworden wie eine Bärentatze,
senkte sich hinein. Er streckte sie dem zweiten, dem dritten hin. Sie
krochen aus den Erdlöchern und drängten sich mit leuchtenden Augen um
ihn. Ein bißchen Liebe, und die Seelen waren gewonnen. Ein bißchen von
der Liebe, mit der sie selbst einstmals hinausgezogen waren in die
zeitlosen Jahre.
»Es läßt sich immer noch ertragen, Herr Hauptmann.«
»Herr Hauptmann beißen ja auch die Zähne zusammen und schonen sich am
allerwenigsten.«
»Herr Hauptmann, wir schaffen’s.«
Liebe! Liebe! Je größer die Not, desto größer die Liebessorge! _Väter_
mußten die Führer sein, Väter und Brüder in eins, dann waren sie die
geborenen Vorgesetzten. Aber die meisten der väterlichen Führer, die
ihren Schlaf opferten für ein paar Schlummerstunden ihrer Anvertrauten
und ihr Leben wagten für das Leben ihrer Kinder, waren weggeschossen,
und die Jungen, die an ihrer Stelle den Befehl führten, befahlen
allzuoft den anderen und nicht sich selbst. Der Neid sprang auf, und
mit dem Neid die üble Nachrede. Die nagte an dem Ansehen und fütterte
die Unwilligkeit.
Zweimal hatte Martin Opterberg einen Brustschuß bekommen und war nach
sechs Wochen wieder auf den Beinen und bei seiner Kompanie. Beim
drittenmal hatte es schwere Brandwunden gesetzt, als seine Leute beim
nächtlichen Minenbohren auf eine feindliche Gegenmine gestoßen waren
und er sich mit den bloßen Händen auf die sprühende Zündschnur geworfen
hatte. Das viertemal traf’s ihn am stärksten. Ein Granatsplitter fuhr
ihm in den Schenkel, und die breite, eitrige Fleischwunde hielt ihn
lange im Lazarett zurück. Hier, im Lazarett der Etappe, traf er nach
längerer Trennung Christoph Attermann wieder.
Sie lagen in der Abteilung für Offiziere und sorgten, daß sie im selben
Gelaß Bett an Bett kamen.
»Wo hat’s dich, Christophel?«
»Bauchschuß. Hört sich grauenhafter an, als es ist. Meine braven Leut’
haben sich auf meine Arme und Beine niedergehockt, daß ich mich nicht
herumwerfen und verbluten konnt’. Und nicht einen Schluck zu trinken
und keine Krume zu essen haben sie zugelassen. Das hatten sie einmal
vom Stabsarzt vernommen. Zwei Tag’ und zwei Nächte haben sie in der
Mordschlacht bei mir gehockt und acht auf mich gegeben. Als ich in
einer Zeltbahn ins Lazarett getragen wurde, sagte der Generaloberarzt:
›Gerettet durch Ihre Leute‹!«
»Liebe erzeugt Liebe, Christoph. Du brauchst mir rein gar nichts mehr
zu erzählen.«
Täglich flatterte ein Brieflein aus der Heimat ins Krankenzimmer.
Therese Attermann schrieb voll tiefer Mütterlichkeit. Der
Generaloberarzt hatte der jungen Kollegin einen ausführlichen Bericht
über die Art der Verwundung und die fortschreitende Heilung erstattet
und die Ärztin in ihr vollkommen beruhigen können. So waren ihre Briefe
allein von der tiefinnerlichen Zärtlichkeit getragen, die ihrem Wesen
eigen war.
»Ich hab’ dich lieb, seit ich es dir das erstemal sagte, und so weißt
du es für alle Zeiten.«
Martin Opterberg las den Satz, reichte den Brief mit einem Händedruck
dem Freunde zurück und lag ganz still.
»Martin --«
»Ja, Christoph?«
»Ich muß dir ein Geständnis ablegen, Martin. Heut’, da wir wie zwei
matte Fliegen auf der Decke liegen, läßt es sich leichter sagen und
anhören. Ich habe einmal einen furchtbaren Zorn auf dich gehabt,
Martin. Das war, als du mich der -- der Sabine Barthelmeß wegen ins
Rheingau kommen ließest. Damals meint’ ich, ich müßt’ mich zeitlebens
von dir trennen, und ich fuhr zum Theresel und bot ihr meine Hand,
um sie über das, was du tatst, so hinauszuheben, daß es nicht an sie
konnte. Und dann kam es ganz anders. Als sie mein Weib geworden war,
Martin, da wurd’ ich erst gewahr, was für einen großen, übergroßen,
ganz unverdienten Schatz ich gehoben hatte, und wie dieser Schatz
nur deshalb so überreich geworden war, weil er sich immer nur für
dich veredelt und fast ein Dutzend Jahr’ lang Zins und Zinseszins
hinzugenommen hatte. Schau, Martin, damals wurd’s mir klar, daß du
im Unglück gehandelt hattest und nicht in der Untreue, und daß ich,
wie schon früher, so jetzt, auf deinem Erbe saß und so voll tiefer
Dankbarkeit gegen mein glückhaft Geschick zu sein hätt’, daß ich es
durch nichts wettmachen könnte als durch brüderliche Liebe.«
»Schweig, Christoph. Es ist gut so und besser.«
»Laß mich nur reden. Es tut _mir_ wohl, und ich möcht’, daß es _dir_
wohl tät’. Einmal war’s nah an mich herangetreten, dir eine Arbeit
abzunehmen, wie sie nur ein Bruder abzunehmen vermag, der schweigend
versteht und schweigend handelt. Aber für mein schwerfälliges Blut ging
alles zu rasch, und du hattest das Urteil schon in der Tasche, eh’ ich
mich von der geschehenen Tat erholt hatte. Schau, Martin, damals hätt’
ich mein halb Leben drum gegeben, wenn ich das schleimige Krötenzeug in
deinem Haus an deiner Statt hätt’ unter die Peitsche nehmen können.«
Martin Opterberg lag ganz still. Aber an den unregelmäßigen Atemzügen
hörte der Bruder, wie es in ihm würgte.
»Martin, es mußte einmal ausgesprochen werden. Es läg’ sonst immer wie
Leichen zwischen uns.«
»Leichen? Das nennst du Leichen? Scheintote sind’s, Christoph, die
zu jeder Zeit die Augen aufschlagen und mich angrinsen können, und
jedes neue Glück, das ich mir schaffen möcht’, hämisch begeifern und
hinterrücks aushöhnen können. Ah, Christoph, das gibt mir keine Ruh’ im
Leben und im Sterben, daß ich das Gesindel nicht niedergeschlagen und
ausgelöscht hab’ für mich und alle Menschen, die ich liebe.«
»Martin, das ist überreizt, das ist übertrieben …«
»Möglich. Wenn man jahrelang mutterseelenallein da draußen im Dreck
gelegen hat, arbeitet die Phantasie. Da hab’ ich mir oft ausgemalt:
Gott geb’ die beiden zum zweiten Mal als Verbrecher vor meine Klinge.
Damit ich sauber würd’.«
Da schwieg auch Christoph Attermann. Und er suchte in seinem Hirn und
suchte nach einem anderen Bild.
»Das Lindele hat dir geschrieben. Darf ich wissen, was?«
»Hier, lies.«
»Es strengt mich zu sehr an. Erzähl mir lieber.«
Ungern kam Martin Opterberg dem Wunsche nach. Nur stockend berichtete
er zu Anfang. Dann aber nahm’s ihn selber gefangen, und er wurde wärmer
und redete sich zum Schluß in eine große Freudigkeit hinein. »Sie
schreibt von der Werft, und daß das Werk sich aus sich selbst unterhält
durch die Fülle von Ausbesserungsarbeiten an Schiffen rheinauf und
rheinab. Und daß die alten Meister und grauköpfigen Arbeiter wie die
Jünglinge zimmern, hämmern und nieten, und daß von den Werksfamilien,
deren Männer im Felde stehen und weiter den Lohn beziehen, die Frauen
und Kinder in Hos’ und Schurz mitschaffen auf dem Werftplatz, um den
anderen das Brot nicht zu schmälern, und wie sie selber, die Linde,
unter den Frauen mittät’ in Hos’ und Schurz, wenn’s gerad keine
Schreibarbeit gäb’, um nicht wie ein Dämchen hintanzustehen.«
»Das muß sie köstlich kleiden, Martin. Denn sie ist wie ein Tännlein so
schön und grad gewachsen.«
Martin Opterberg lachte vor sich hin. Das war kein krankes Lachen. Es
kam aus der Gesundung und verlangte nach der Gesundheit. »Schwestern
sind’s und einander ähnlich, wie selten zwei. Du mußt es drum wissen,
Christoph. Aber auch von der anderen Schwester schreibt sie und hebt
das Theresel in den höchsten Himmel: Sprechstunde, Krankenbesuche
landaus, landein auf dem Motorrad, Ersatzlazarett, wiederum
Sprechstunde, Lazarett, Krankenbesuche und Geburtshilfen bis spät in
die Nacht, und vier Stunden Schlaf, wenn’s hoch kommt.«
Christoph Attermann lag mit seligen Augen. Er wußte ja das alles und
wußte viel mehr. Dreimal war er auf Urlaub daheim gewesen und hatte in
Haus und Werk nach dem Rechten gesehen, sehen wollen -- denn die Frauen
hatten schon um alles gesorgt.
»Unsere Frauen,« sagte er. »Man möcht’ sie ein Jahr lang abbusseln,
wenn sie stillhielten.«
»Und die Mutter hält den Opterberghof im Schwung, Christoph. Die Hälfte
an Arbeitskräften und das Doppelte an Leistungen. Ich sah sie im Herbst
mit der Sense in der Ernte. Arme wie Mannesarme, und die Waden, sagt
sie, seien schon gar nicht zum ansehen. Die Sechzigjährige ist wie eine
Hünin an Leib und Seele.«
»Willst du nicht auch einmal an den Niederrhein, Martin?«
»Später. Heut ist die Verteilung schon die rechte. Der eine zu Frau und
Kindern, der andere zur Mutter.«
»Und die Linde?« wollte Christoph Attermann fragen. Aber er
unterdrückte es und fingerte einen Marsch auf die Bettspreize.
Als sie ihre ersten Gehversuche machten, wurde ein Infanterieoffizier
eingeliefert, dem die rechte Hand über dem Gelenk weggeschossen war.
In dem blassen, mit Schlägernarben geschmückten Gesicht erkannten sie
ihren alten Verbindungsbruder Broich, aus Freiburger Tagen, den Freund
und Wandergefährten, der von der Juristerei zur Düsseldorfer Industrie
übergegangen war, um schneller seiner geliebten Hilde Falkenroth Gatte
und Betreuer sein zu können. Nun lag der Wackere als Einhänder im
Verband, und die Freunde saßen manche Stunde an seinem Bett.
»Fürs Ersatzbataillon reicht’s noch,« sagte Broich in seiner knappen,
soldatischen Art. »Ich kann den Säbel in die Linke nehmen, wenn ich den
Nachschub daheim einexerzier’.«
»Wie geht’s Frau und Kindern?«
»Erträglich. Sie leben von meiner Hauptmannslöhnung. Die Stelle konnte
auf so lange Jahre nicht für mich offen gehalten werden.«