»Unverändert,« brachte der Professor hervor, »unverändert …«
»Aus so berufenem Mund freut’s mich ganz besonders,« sagte Frau
Christiane strahlend, »wenn ich auch wohl einiges Ihrer Kurzsichtigkeit
zuschreiben muß. Aber was ist denn mit Ihnen? Sie sind ja ein ganz
graues Mannle geworden und wackeln schon bedenklich. Wohl über die
Siebzig, Herr Professor?«
»Oh -- oh --« wies Professor Barthelmeß entrüstet zurück, »noch nicht
die Mitte der Sechzig erreicht, meine gnädige Frau.«
»Dann ist es aber schlimm. Dann ist’s aber an der Zeit, daß Sie auf die
Erhaltung Ihrer Kräfte bedacht bleiben. Geht’s denn mit dem Gedächtnis
noch alleweil?«
»Ich wünsche mit Herrn Opterberg die vermögensrechtlichen Fragen zu
regeln,« sagte der Professor, und seine Stimme zitterte vor Ärger.
»Ich weiß. Oh ich weiß alles bis ins kleinste. Mein Sohn hat mich
als seine Vertreterin bevollmächtigt. Wenn Sie also meinen, Sie
schafften’s, von mir aus können wir auf der Stell’ beginnen.«
Professor Barthelmeß sah sie hochmütig über den Kneiferrand an.
»Es gibt hier nicht viel zu schaffen, meine verehrte Frau. Die gesamte
Einrichtung ist Eigentum meiner Tochter. Ich habe alles persönlich
gekauft.«
»Ihr Gedächtnis, Ihr Gedächtnis,« warnte Frau Christiane mit leisem
Kopfschütteln. »In Amerika waren Sie _nicht_ zum Einkauf. Und doch
stammt dieses Arbeitszimmer aus Amerika.«
Der Professor besichtigte hastig den Raum. »In der Tat -- in der Tat
--« murmelte er.
»Setzen wir unseren Rundgang fort, wenn’s Ihnen nicht zu beschwerlich
fällt. Hier, das Gesellschaftszimmer, trägt unverkennbar die
Persönlichkeitsmarke Ihrer Frau Tochter. Dasselbe ist von dem
Empfangsraum festzustellen, und zwar ohne Augenglas. Wir kommen zum
Speisezimmer, Herr Professor.«
»Die künstlerische Schönheit dieser hohen gotischen Anrichte spricht
wohl allein für ihre Herkunft, und der Stollenschrank nicht minder,«
meinte der Professor lässig. »Gehen wir weiter.«
»Ihre Augen, Ihre Augen,« klagte Frau Christiane. »Sie werden
frühzeitig erblinden, wenn Sie dem Übel nicht nachdrücklich zu
Leibe rücken. Ich seh’ hier nämlich außer der gotischen Anricht’
und dem Stollenschrank noch den gewaltigen Eichentisch, das Dutzend
Eichenstühl’ und so viel liebes andere. Und es ist nicht nur ein Sehen,
es ist ein Wiedersehen, denn es stand bis vor wenig Jahr’ auf dem
Opterberghof und war mir zu viel, seit mein Mann und die Buben fehlten.«
»Es liegt mir nicht das geringste an diesem heiligen Urväterhausrat,
verehrte Frau.«
Frau Christiane nickte ihm freundlich zu. »Können’s noch die Treppen
hinauf? Oder wird’s den Beinen doch zu viel? Hier drunten ist nur
noch die Küch’, und so eine Nebensächlichkeit hatten Sie vergessen
einzukaufen, und droben befinden sich die Schlafgemächer.«
»Stück für Stück von droben habe ich persönlich zusammengetragen,
aus dem Hessischen und dem Bayrischen. Darüber gibt’s auch nicht das
geringste Verhandeln.«
»Ihr Gedächtnis, Ihr Gedächtnis. Es befinden sich vier Schlafzimmer
droben. Drei, wie Sie’s zu nennen belieben, gefüllt mit heiligem
Urväterhausrat. Das vierte ist unheilig.« Sie reckte langsam ihre
Gestalt, und aus ihren Augen sprühte die Verachtung. »Je schneller
Sie’s ausräumen lassen, um so besser für uns alle.«
Der Professor hustete in den vorgehaltenen Hut. Der Kneifer fiel ihm
ab, und er mußte ihn mit dem seidenen Schnupftuch umständlich säubern.
»Halten wir uns nicht auf, verehrte Frau. Ein paar Siegel an die
Sachen, und wir sind aller Mißverständnisse enthoben.«
»Wozu wollen denn der Herr Professor den teueren Siegellack opfern? Die
Schränk’ und Truhen sind doch alle leer.«
»Leer -- --?«
»Aber gewiß, Herr Professor. Ich hab’ mit den Mädchen in der Frühe
wacker schaffen müssen, um all das alte Familiensilber und die
Berge Kristall und Porzellan unversehrt herauszubringen und gut
wieder wegzuschließen. Auch den Opterbergschen Leinenschatz. Ein
Gedächtnisfehler vermag jetzt nimmer aufzukommen, und für die Gotik
und Renaissance und die geschnitzten Heiligen und die betrübten Engel
dürft’ ein mäßiger Möbelwagen vollauf genügen.«
Der Professor wischte sich mit dem seidenen Tuch die Stirn. Er zitterte
vor Erregung. Ein Wort murmelte er zwischen den Lippen, das keine
Liebkosung war, aber Frau Christiane achtete es nicht.
»So setzen Sie sich doch. Sie sind wirklich sehr, sehr
schonungsbedürftig. Aber ein Mann von Ihren Jahren, der all sein Leben
lang gottesfürchtig die lieben Heiligen geflickt und die Kirchen
und Kapellen schön ausgebessert hat, sollt’ doch etwas mehr an die
himmlische Glückseligkeit denken als an den irdischen Schabernack.«
Da setzte sich der Professor, und sein seidenes Tüchlein fuhr über
Stirn und Schädel.
»Es wird nun alles besorgt. Sie dürfen getrost heimfahren,« sagte Frau
Christiane.
»Gut,« murmelte der Professor, »gut, ausgezeichnet,« und er zerrte an
seiner Brusttasche. »So haben Sie wohl die Güte, diese Ausgaben zu
begleichen, die ich als Bevollmächtigter der Parteien gemacht habe.
Fahrt, Gasthof und drei kostbare Arbeitstage zu je hundert Mark.«
»Das trifft sich ausgezeichnet,« lobte Frau Christiane und nahm das
Papier entgegen. »Da kann ich, die ich ebenfalls als Bevollmächtigte
der Parteien zu gelten hab’, auf der Rückseite des Zettels
gleich meine Gegenrechnung aufmachen. Leider war meine Reis’ viel
kostspieliger als die Ihre, und da ich daheim so gut wie für zwei
schaff’, muß ich gerechterweis’ auch zwei Arbeitskräfte in Rechnung
stellen. Sehen Sie, da hab’ ich’s schon. Sie bekommen von der einen
Partei rund fünfhundert Mark, ich hab’ von der Gegenpartei zu bekommen
-- fünfhundertzehn. Na, wegen der zehn Mark wollen wir kein groß
Aufheben machen. Ich streich’ sie, und die Sache ist glatt.«
Offenen Mundes hatte sich der Professor erhoben. Frau Christiane
strahlte ihn aus ihren kristallklaren Augen an. Und plötzlich tat der
Professor ein paar weitausholende Schritte, erreichte die Haustür und
warf sie schmetternd hinter sich ins Schloß.
Da wurde das Strahlen in Frau Christianes Augen noch größer als zuvor.
Und sie schritt von Zimmer zu Zimmer und öffnete weit die Fenster. Und
noch viel größer wurde das Strahlen, als gegen die Mittagszeit ein
Bote aus dem Gasthof erschien und die Bestellung ausrichtete: der Herr
Professor sei heimgefahren und habe hinterlassen, die Gasthausrechnung
werde von Herrn Doktor Opterberg beglichen. Sie bezahlte ohne weiteres
und gab dem Boten ein großes Trinkgeld dazu.
»Das Haus ist rein,« berichtete sie dem heimkehrenden Sohne. »Ich hab’s
an Scheuertuch und Besen nicht fehlen lassen und brauch’ nur Zeit, um
den Hausrat umzugruppieren.«
Dazu brauchte Frau Christiane wirklich Zeit, viel mehr, als die Arbeit
auf den ersten Blick zu beanspruchen schien. Zu ihrem Sohne sprach
sie: »Es macht mir nichts und kommt mir sogar gelegen, denn ich hab’
schon immer die Prob’ auf das Exempel machen mögen, was die Linde wohl
bei mir gelernt hat, und ob sie imstand ist, die Wirtschaft daheim mal
eine Strecke allein zu führen. Das kann sie jetzt zeigen.« Und an die
Linde schrieb sie nach Haus: »Mädel, den Martin verlangt’s nach der
Treibhausschwüle, in der er gesteckt hat, mit Macht in die frische
Luft, und drum muß ich bleiben und sie ihm zuführen, bis seine Seele
ganz und gar davon durchgespült ist und er wieder allein atmen kann.
Wenn der Mensch über ein widerwärtig Schicksal gesiegt hat, darf
man ihn nicht zum Grübeln gelangen lassen, sonst kommt leicht der
Rückschlag und er fragt sich: warum und wozu? Ich mein’ aber nunmehr,
der Martin hätt’ der Rückschläg’ allweil genug gehabt und bedürfte der
Freud’ in der Zukunft. Denn er ist jung und stark und ein hoher Flieger
und soll mir nicht rosten. Drum hab’ ich ihm erzählt, das Lindele
sollt’ daheim einmal allein sein Meisterstück machen und ich tät’ mich
inzwischen bei ihm ein paar Monde aufs Altenteil setzen. Ob mich mein
groß Mädel versteht? Ich glaub’s für sicher.«
Der heilige Urväterhausrat war längst umgeordnet, der unheilige nach
dem Rheingau abgerollt. Frau Christiane hatte Verpackung und Versendung
in Gegenwart eines Notars vollziehen lassen und das unterstempelte
Schriftstück an den Herrn Professor Barthelmeß »eingeschrieben«
gesandt. Wo sich allzugroße Lücken in der Wohnung erwiesen, wurden
sie durch Neuanschaffungen bald ausgefüllt, Fensterbänke, Tische und
Truhen aber immerdar unter einer Fülle von Blumen gehalten.
»Seit du da bist,« sagte Martin Opterberg, »ist’s mir erst, als ob ich
verheiratet wäre.«
Sie saßen des Abends lange beieinander, und Frau Christiane kannte kein
Gespräch, das sie nicht durch eine immer neue Wendung auf des Sohnes
Arbeitspläne hinüberleitete. Und den Sohn erfreute und erfrischte das
Verständnis der Mutter, die das Werk um des Werkes willen sah und nicht
um des hastenden Geldverdienens willen.
»Es geht nicht um das Geld, Bub, was der eine mehr oder weniger hat,
es geht um die Freud’! Reichtümer an Freud’ schaffen, das wär’ die
rechte Losung für die Welt. Ohne die Menschenfreud’ wär’ die Aufbürdung
unseres Daseins rundheraus eine Gemeinheit, und der liebe Gott macht so
was nicht.«
»Der liebe Gott gewiß nicht, aber die Menschen.«
»Weil sie trotz aller Religionsbestrebungen keinen Deut vom Herrgott
wissen! Weil ihnen von frühauf in jeglicher Tonart gepredigt wird,
die Erde sei ein Jammertal und der Mensch nur da, um die Erbsünd’ bis
vor das Himmelstor zu schleppen und dort zitternd auf Erlösung zu
harren und auf das ersehnte Gaudi im Himmel. Ich sag’s dir aber als
gewiß, Bub: wer den Herrgott nicht in einem Teil seiner Schöpfung, in
seiner Erdenwelt, erkennt, der erkennt ihn auch nicht im Ganzen, und
wer ein so großer Jämmerling ist, daß er’s hier auf Erden zu keinem
Juchzer bringt, der soll fein gebührlich das Maul halten von seinen
dereinstigen Jubelgesängen im Himmel. Denn der Kapellmeister da droben
ist auch musikalisch.«
»Mutter, da muß ich mich aber hinter die Noten knien.«
»Ach, Martinle, spiel dich nicht mit deiner kleinen Verkühlung auf. Du
hast von Vater und Mutter her einen gewaltigen Brustkorb. Da räuspert
man sich höchstens ein wenig und hustet es weg. Das hast du schon
pünktlich besorgt, und die Freud’ am Vorwärtsschaffen leuchtet dir vom
Gesicht. Das aber, Bub, ist die allergrößte Freud’, weil sie uns das
Bewußtsein gibt, auch jemand zu sein, der die Welt und die Menschheit
vorwärts bringt.«
»Mutter, ich stell’ dich auf dem Werftplatz als Sonntagsprediger an.«
»Schon gefehlt! Als Werkeltagsprediger! Alle Werkeltag’ muß die Freud’
geübt werden, damit sie am Sonntag wie ein rechter Kirchenchor klingt.
Nur so erlöst sich der Mensch von sich selber.«
»Mutter, wir wollen ein Glas Wein trinken. Wenn man dir zuhört, möcht’
man anklingen auf’s Leben.«
Dann ging Frau Christiane mit einem heimlichen Lächeln und holte selbst
den Trunk. --
Ein immer hellerer Schein stand in Martin Opterbergs Augen, wenn er
über den Werftplatz schritt und seinen Arbeitern zunickte. Und als ein
neuer Schiffsrumpf auf Stapel lag, versammelte er alle die Mitarbeiter
am Werk in einer Halle und sprach zu ihnen, wie man zu treuen Kameraden
spricht.
»Männer, ich brauche kein Hehl daraus zu machen, daß ein schwerer
Sturm durch meine Seele gegangen ist. Aber ihr habt mir die Freude
wiedergebracht, dadurch, daß ihr mein Werk gefördert habt als das
Wertvollste im Mannesleben. Es kann kein Baum eichenstark wachsen, der
nicht vom Wetter gerüttelt worden ist, aber es kann auch keine Liebe
keimen, die nicht ins Leid gesehen hat. Männer, die Werft ist jung,
und die Zeiten sind ernst. Wir aber wollen zusammen alt werden und
durch die Zeiten hindurch. Und beides mit Freuden, oder es ist umsonst
gewesen. Deshalb soll hinfort ein jeder, den ein Leid drückt, es zu
mir tragen, damit wir es gemeinsam verjagen. Kann aus wirtschaftlichen
Gründen das Geld nicht gleich verteilt sein, so kann und so soll
doch die Freude gleich verteilt sein unter uns Arbeitskameraden und
die feste Lebenszuversicht: ›Mir kann nix geschehen. Ich gehör’ zur
Opterbergwerft!‹ Darauf leere ich mein Glas.«
Die Männer hatten sich nicht gerührt. Kein Beifall erscholl zum Schluß
der Ansprache. Aber die Arbeiter kamen mit ihren Meistern und stießen
mit ihm an, wie man unter Kameraden anstößt, und beim Festtrunk ging
statt des Gesanges ein ernsthaft Reden um alle Tische. Und dann
erschien am Sonntagmorgen eine Abordnung im Hause Martin Opterbergs und
fragte, wie es gemeint sei.
Diese vertrauliche Annäherung freute ihn am meisten, und er besprach
mit seinen Angestellten die Gründung eines Ausschusses, den sie aus
ihrer Mitte frei zu wählen hätten und dem freimütig alles vorgetragen
und vorgelegt werden sollte, was irgend einer aus der Arbeiterschaft
auf dem Herzen habe und sich nur scheue, es mit dem Werftherrn von Mund
zu Mund zu besprechen.
»Das Urteilsvermögen und die Ehrenhaftigkeit der Ausschußmänner bürgen
mir dafür, daß sie mir selbst nur die gesichteten Fälle vortragen,
die damit so gut wie erledigt sind. Und nun noch eins. Ich möchte,
daß ihr den Werftplatz als eure Heimat und die Arbeit als ein Glück
und eine Freude empfindet. Das kann nur sein, wenn ihr nicht nur
maschinenmäßig eure Stunden herunterschafft, sondern auch über euer
Tagewerk hinaus den Erfolg seht, ich meine den Erfolg, der euch selbst
und eurer Lebenssteigerung zugute kommt. Daher bin ich willens, alle
Werksangehörige mit einem gewissen Prozentsatz, den ich dem Ausschuß
noch mitteilen werde, am Reingewinn zu beteiligen, ich und mein
Teilhaber, der demnächst eintreten wird und als mein Pflegebruder
in allen Dingen denkt wie ich. Dann zählen wir nicht mehr die
Arbeits_stunden_, sondern die Arbeits_freuden_.«
Die Abgeordneten sahen sich in die Augen. Es waren ältere
Familienväter, die die Schwere des Lebens in reicherem Maß kennen
gelernt hatten als seine Sonnenseiten. Und als sie sich eine Weile
stumm in die Augen geblickt hatten, als ob sie wortlos Red’ und Antwort
tauschten, nickten sie mit schwerer Stirn ihrem Sprecher zu, der sich
langsam erhob.
»Herr Doktor Opterberg,« sagte er, »Sie und wir, wir gehören politisch
wohl den verschiedensten Parteien an. Aber das kann ich Ihnen sagen:
das, was Sie uns da soeben aus freien Stücken und nur aus einem
gerechtfühlenden Herzen heraus vorgeschlagen haben, das war so sozial
gedacht, wie wirklich und wahrhaftig nur ein ganz vornehmer Mensch
denken kann. Sie haben uns von Arbeitern zu Mitarbeitern gehoben, und
das sollen Sie Gottverdammich nicht zu bereuen haben. Guten Morgen,
Herr Doktor Opterberg.«
Eine kurze Zeit darauf meinte Frau Christiane im Laufe eines
Gespräches: »Übrigens, daß ich’s nicht vergess’: die kleine Attermann
läßt fragen, wann sie denn eigentlich getauft werden sollt’?«
»Die kleine Attermann?« wiederholte Martin Opterberg überrascht. »Ja,
ist die denn nicht längst getauft?«
»Das mußt du als Pate doch besser wissen als ich. Meiner Ansicht
nach befindet sich das arme Wurm noch im dicksten Heidentum und
wird sich, dauert’s noch weiter hinein in ihre Jungmädchenzeit, aus
Schicklichkeitsgründen bald nicht mehr von dir über das Taufbecken
heben lassen.«
»Ja, Mutter, wenn die Attermanns so unchristlich mit ihrem Mädel
verfahren, kann das Kind doch nicht mich dafür beschimpfen.«
»Du, Martin, wenn du bis zum Sonnabend das taufmäßige Gefühl aufbringen
könntest --?«
Am Sonnabendnachmittag fuhren sie hinüber. Der Pfarrer hatte zuerst
eine Sonnabendtaufe ablehnen wollen, da dieser Tag der Vorbereitung für
den Sonntagsgottesdienst vorbehalten sei. Aber Therese Baumgart hatte
ihm zu wissen getan, der Storch frage ja die Ärzte auch nicht, ob ein
Sonntagsgottesdienst vorliege, sondern erwarte, daß sie zu jeder Stunde
bereit seien. Und was für den Arzt zutreffe, das treffe doch wohl auch
für den Seelenarzt zu. Der Herr Pastor möge seine Sonntagspredigt
schon im Lauf der langen Woche durchdenken statt am letzten Tag.
Vom Opterberghof war als Patin Linde Baumgart eingetroffen. Herzlich
erfreut streckte Martin Opterberg dem Mädchen die Hand entgegen. Sie
stand, fertig zur Feier angekleidet, und das weiße Gewand spannte sich
über den jungen Mädchenbrüsten und schmiegte sich fest um den schlanken
Leib. »Nun sind Sie eine junge Dame geworden,« sagte Martin Opterberg,
»und ich weiß nichts von der Zwischenzeit.«
»Leih dir die Jahre vom Theresel aus, Martin,« rief Frau Christiane,
»ich mein’ halt die Jahre, die ihr in Freiburg und auch wohl noch in
Heidelberg miteinander verbracht habt, füg sie ein, und du hast das
Lindele von heute.«
»Wollen wir’s so halten, Fräulein Baumgart? Dann ist die Kluft
überbrückt.«
»Wenn’s halt anders nicht angeht?« lachte das muntere Mädchen. »Aber
das Theresel kommt besser dabei weg.«
Seine Augen gingen über ihre Gestalt, sein Ohr horchte auf ihre Stimme.
Die Mutter hatte Recht, und ihr Rat war gut.
Martin Opterberg hatte dem Täufling einen Besuch gemacht. Er saß an
dem kleinen schneeweißen Bettchen, und Christoph und Therese Attermann
saßen allein bei ihm.
»Wir haben noch eine Stunde bis zum Taufbeginn. Wollt ihr sie mir
schenken?«
»Wir und die Stunde gehören dir, Martin.«
»Dann ist es gut.« Und er begann in klaren Bildern seine Arbeits-
und Wirtschaftspläne zu zeichnen. »Ich werde viel in Holland und in
den großen rheinischen Handelsplätzen bis Basel hinauf zu tun haben,
wohl auch zuweilen in England und Skandinavien, um den durchgehenden
Handelsverkehr zu gestalten. Darunter darf die Bauarbeit auf der
Werft nicht leiden. Als ich die Werksarbeiter zu meinen Mitarbeitern
machte, tat ich es gleichzeitig in eurem Namen. Denn ich nannte den
Namen Christoph Attermann als den meines zukünftigen Teilhabers. Bist
du bereit, Christoph, unter Anerkennung meiner Richtlinie mein Wort
einzulösen?«
»Ich bin bereit, Martin.«
»Und du, Therese?«
»Soll auch ich Teilhaberin werden?« fragte sie und sah ihm still in die
Augen.
»Du brauchst es nicht erst zu werden. Du bist es. Seit du auf unseren
Wanderungen unsere Teilhaberin warst. Aber du müßtest dein ärztliches
Tätigkeitsfeld verlegen und hast es dir gerade erst so tapfer
geschaffen.«
»Ich verlegte es nach Sibirien, wenn es hieß’, mit euch
zusammenzubleiben. Wegen des Wiederaufbaus mach dir keine Sorgen. Mein
Mut gibt nimmer nach.«
Da beugte sich Martin Opterberg über die Hand, die auf dem weißen
Kinderbettchen lag, und führte sie andächtig an seine Lippen.
Sie aber hob mit der freien Hand sein Kinn empor und küßte ihn. Und das
Kind lag zwischen ihnen und reckte nach ihnen die Ärmchen.
»Wie soll es heißen, Therese?«
»Linde soll es heißen. Einen lieberen Namen gibt es nicht.«
Die Männer gingen in Christoph Attermanns Arbeitsstube hinüber, und
hier faßte Martin Opterberg den Pflegebruder an den Armen.
»Ich muß es dir noch sagen, Christoph, als meinem alten Bruder und
meinem neuen Teilhaber, damit du in mir allzeit klarsiehst. Ohne
die Mutter hätt’ ich’s nicht geschafft, und mir ist auch jetzt noch
zuweilen, als ob ich’s nicht hinunterwürgen könnt’, wenn sie erst
wieder heim ist. Nicht die betrogene Liebe. Das war eine Verwirrung der
Sinne und eine Überrumpelung des Bluts. Aber den Betrug am anständigen
Menschen und das Gefühl, das mich des Nachts am Atmen behindert und
mir den Schweiß der Schmach und der Scham auf die Stirne treibt, das
Gefühl: da laufen ein paar Menschen auf der Erde herum, die einen Hohn
auf deinen Mannesstolz bedeuten, wenn sie grinsend vor dir auftauchen.«
»Martin, es wird übergehen. Wie die Schmach und Scham in Verachtung
übergehen wird.«
»Das ist sie heute schon. Das tat sie schon längst. Aber es läßt mich
nicht und rüttelt und schüttelt mich noch immer. Und wenn du’s nicht
anders nennen willst als das beleidigte Herrenbewußtsein. Es ist und
bleibt doch der Schmutz an meinen Kleidern.«
Da sagte Christoph Attermann in seiner ruhigen Art: »Ich helf’ dir,
Martin, mit allem, was in mir ist. Wir haben ja doch gemeinsam Blut,
Martin.«
Bei der feierlichen Taufhandlung hielten Linde Baumgart und Martin
Opterberg den Täufling. Wenn Linde Baumgart ihm das Kind in die Arme
legte, spürte Martin Opterberg den Strom mütterlicher Zärtlichkeit,
der aus dem Mädchenkörper zu ihm herüberquoll. ›Der würde es ein Glück
bedeuten, Mutter sein zu dürfen,‹ dachte er, und sie neigten zum Segen
des Herrn miteinander die Häupter.
Was alles er mit seiner Nachbarin und Mitpatin bei Tisch geplaudert und
besprochen hatte, das war ihm später kaum noch erinnerlich. Es mußte
wohl vom Opterberghof gelautet haben, der ein reiches Erntejahr hinter
sich hatte, oder von der Kinderzeit, oder von der Opterbergwerft,
oder auch von den aufziehenden Wetterwolken in der Welt. Vielleicht
gar von alledem zusammen. Eins aber blieb ihm in der Erinnerung: daß
er neben einem urgesunden und reinen, lebensfrohen und willensstarken
Menschenkinde geweilt habe, mit dem er während der Tafel auf Frau
Thereses Geheiß Brüderschaft gemacht hatte.
»Fast ist sie mir noch lieber als das Theresel, weil ihre Fröhlichkeit
nicht wartet, sondern so aus dem innersten Herzen herausbricht wie ein
Gebot Gottes,« meinte Frau Christiane anderen Tags auf der Heimfahrt,
als sie mit dem Sohne allein im Abteil saß. Martin Opterberg aber nahm
ihren Kopf wie den eines Kindes, bettete ihn an seine Brust und klopfte
ihr die Wange.
»Ja, ja, ja -- ich weiß schon.«
Da war Frau Christiane zum ersten Male sichtbarlich empört, weil sie
sich von ihrem Bub auf der ersten Dummheit hatte ertappen lassen. --
Martin Opterberg betrieb den Eintritt Christoph Attermanns und die
Überführung des Attermannschen Haushaltes mit unermüdlichem Eifer.
Die Zeichen der Zeit wollten ihm nicht gefallen, und Mutter und Sohn
führten kaum noch ein anderes Gespräch.
»Seit wir in Marokko so laut mit dem Säbel gerasselt und uns so
leise empfohlen haben, beginnt die Welt das Lied von unserer
Unüberwindlichkeit für einen schönen Eigengesang zu halten,« äußerte
Martin Opterberg ernst. »Und wer im Auslande gelebt und dort aufmerksam
in die deutschen und in die fremden Volks- und Gesellschaftskreise
hineingehorcht hat, muß mit Bedauern feststellen, daß wir uns trotz
unserer Begabung, unseres Fleißes und unseres Reichtums immer noch nach
Form und Ton wie emporgekommene Kleinkrämer benehmen. Es gibt auch
eine Weltkinderstube. Aber wir haben die eigene nicht einmal gründlich
durchgemacht.«
»Glaubst du an einen Krieg, Martin?«
»So sicher, wie ich im Menschen an Neid und Habgier glaube.«
»Und du stimmst ihm zu?«
»Kein vernünftiger Mensch stimmt einem Kriege zu, der zu vermeiden
ist. Ist er aber nicht zu vermeiden und geht es um unseres Volkes Sein
oder Nichtsein, so muß er mit allem, was in deutschen Herzen, Hirnen
und Fäusten steckt, geschlagen werden, und ein Verbrecher am Volkstum
wäre, wer den Augenblick verzögerte und uns die Sturmflut über den Kopf
kommen ließe. Denn sie werden nicht fein säuberlich umgehen mit dem
Knaben Absalom.«
»Der Absalom war nicht der bravste Knabe, Martin, und arg üppig
geworden.«
»Unter uns gesagt, Mutter: das trifft auch auf uns zu. Auf ganze
Volksklassen, Christen und Juden. Es ist uns mehr als ein Menschenalter
zu leicht geworden und zu gut ergangen, und so hat der Geist des
Materialismus bei uns Einzug halten können, der dem reindeutschen
Wesen innerlich fremd war. Wir Deutschen brauchen den Druck, um
unsere Muskeln hart zu halten, die Gefahren, um sie immer wieder zu
überwinden, die Arbeit, um den Genuß am Festefeiern nicht zu verlieren.
Nicht das öde Geldmachen um jeden Preis und die blöde Schlemmerei, die
bei allen Völkern und zu allen Zeiten zur Geilheit im Leben und in
der Kunst führt. Geilheit ist Aufsaugung der gesunden Säfte, Mutter,
das weißt du aus Garten und Feld am besten, und ich weiß es von den
Menschenklassen, die die tonangebenden heißen, weil sie den _falschen_
Ton angeben. Die Vergeilung wuchert wie Schierling durch das Land, und
wenn uns der Krieg von dieser Pest befreit und uns wieder zur Gesundung
des Volkskörpers führt, so ist er selbst mit Blut nicht zu teuer
bezahlt.«
Frau Christiane grübelte den Worten nach.
»Ein glücklicher Krieg, Martin. Ein unglücklicher würde das Unkraut
über die Halme wuchern lassen.«
»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »da sei Gott und die deutsche Urkraft
vor, daß es ein unglücklicher wird. Träfe es aber zu, was du für diesen
Fall aussprichst, so wäre es ein Beweis, daß wir trotz aller unserer
Errungenschaften die vornehmste noch nicht gefunden hätten, die allein
die Achtung der Welt herausfordert. Ich meine die Würde eines großen
Volkes, die sich gerade in Leid und Unglück als wurzelecht erweisen
muß. Das Familienbewußtsein des ganzen deutschen Volkes mein’ ich,
Mutter.« -- --
Die Schwalben waren fort vom Niederrhein, und auch Frau Christiane
rüstete zum Heimflug. Denn ein paarmal schon hatte Martin Opterberg
die Mutter gefragt, ob denn die Kraft des Lindele allein der Fülle der
Herbstarbeit gewachsen wäre und ob sie nicht Schaden leiden würde. Da
wußte Frau Christiane die Gedanken des Sohnes im rechten Gleis, und sie
hütete sich, eine zweite Dummheit zu begehen.
In der ersten Oktoberwoche reiste sie heim. Attermanns waren
eingetroffen.
Das erste war, als sie ihr Nest eingerichtet hatten, daß der Frau
Doktor ärztliches Schild an der Türe angeschlagen wurde.
Darauf hatte Martin Opterberg gewartet. Er läutete die Arztglocke und
trat ins Sprechzimmer.
»Du bist’s?« fragte Frau Therese und trat ihm mit ausgestreckten Händen
entgegen. »Ich hoff’, du bist gesund?«
»Therese,« sagte Martin Opterberg, »ich hab’ dir die Gebühr für die
erste ärztliche Behandlung in Freiburg noch nicht entrichtet und bin
dir schmählich mit dem Wickelverband durchgegangen. Meine Werksleute
wollen aber eine solche Unanständigkeit nicht leiden und haben
gefordert, dich als Werksärztin zu sehen, für sich und ihre Familien.
Ich entgeh’ dir also nicht, weder mit der Gebühr, noch mit Herz und
Gliedern.«
Therese Attermann hob das Haupt. Das Sonnenkrönlein funkelte in ihrem
Haar, wie es in dem Braunhaar der Therese Baumgart gefunkelt hatte.
»Gut,« sagte sie. »Ich fühle dir von Zeit zu Zeit den Puls. Du stehst
nun unter meiner Botmäßigkeit.«
Und dann fiel sie ihm in mädchenhafter Freude um den Hals.
11
Das Werk war vollbeschäftigt. Um die Kräfte zu keiner Stunde feiern zu
lassen, war auf Christoph Attermanns Betreiben eine Werft für Umbauten
und Ausbesserungen angegliedert worden, die von den rheinischen Reedern
stark in Anspruch genommen wurde. Da gab es Arbeit in Fülle, und die
Meister und Gesellen bis zum letzten Lehrjungen fragten längst nicht
mehr nach der Länge des Arbeitstages, sondern spornten sich fröhlich
an, denn jeder Schlag des Hammers und jeder Feilenstrich erhöhte ihren
Anteil am Gewinn und brachte ihnen die Arbeit ihrer Hände näher.
Um die Osterzeit versammelten Martin Opterberg und Christoph Attermann
die Vertrauensmänner des Werkes in ihrem gesonderten Arbeitsraum.
Die Männer saßen um den großen Zeichentisch und blickten mit
erwartungsvollen Augen auf Martin Opterberg, der sich erhoben hatte.
»Liebe Mitarbeiter,« sagte er und entfaltete vor sich eine Anzahl von
Papierbogen, »die Stunde, in der uns der Lohn für unser gemeinsames
Schaffen winkt und die ich euch zugesagt hatte als Dank für eure treue
Mithilfe und darüber hinaus als Staffel zu einer, will’s Gott, bald
immer mehr sich steigernden Lebenshaltung, ist zum erstenmal gekommen.
Der Jahresabschluß liegt fertig vor. Hier ist er. Wir haben unter uns
lediglich mit dem Reingewinn zu tun, den ich in zwei Hälften teile. Die
eine Hälfte weise ich meinen Mitarbeitern zu als besondere Gewinnzulage
zu ihren Arbeitslöhnen. Unsere Werft ist noch zu jung, und wir stehen
erst am Anfang. Aber wenn wir so fleißig weiterschaffen und vor allem
so vertrauensvoll Hand in Hand marschieren, daß jeder im anderen seinen
Freund und Helfer sieht, werden wir nicht nur das Werk auf die gewollte
Höhe bringen, sondern auch jede einzelne Familie. Ich bitte Sie, den
Jahresabschluß einzusehen.«
Der Wortführer der Vertrauensmänner nahm die Papiere entgegen.
»Weil Sie’s der Ordnung wegen wünschen, Herr Doktor Opterberg,« sagte
er. »Nötig wär’s nicht gewesen. Erstens, weil’s Ihr freier Wille
ist, und zweitens, weil wir Ihnen ohne was Schriftliches aufs Wort
glauben. Wenn Sie gestatten, Herr Doktor Opterberg: das ist ja gerad
der springende Punkt: daß Sie an unsere Arbeitsfreudigkeit glauben
und uns als freie Männer am Werk schaffen lassen, und daß wir an Ihr
soziales Empfinden und Ihr Gerechtigkeitsgefühl glauben, das nur freie
Männer sehen will. Das ist uns eine mächtige Freude, Herr Doktor
Opterberg, und Sie können’s am Singen und Witzereißen hören, wenn Sie
über den Werftplatz gehen. Das finden Sie nicht so leicht wieder. Und
ob der Abschluß nun mal hart und nun mal weich, mal fett und mal mager
ausfällt: Herr Doktor Opterberg, es ist Verlaß aufeinander, und darauf
könnten Sie das Abendmahl auf katholisch und auf evangelisch nehmen,
lassen Ihnen die Werksangestellten sagen. Unseren besten Dank, Herr
Doktor Opterberg.« --
Im Juni kehrte Martin Opterberg von einer längeren Auslandsreise
zurück. Er kam am Abend und begab sich sofort in das Attermannsche
Haus. Christoph Attermann befand sich auf der Werft, und Therese war an
ein Krankenbett gerufen worden. So setzte er sich zu den Kindern, ließ
sein Patenkind Linde auf den Knien reiten und den kleinen Christian mit
seinem Besuchshut Kreisel spielen, bis die junge Doktorin als erste
heimkehrte. Sie stand in der Tür und schaute ihm zu.
»Grüß Gott, Martin!«
»Ah, sieh da! Grüß Gott, Therese! Fröhlich schaust du drein, und die
Kinder sind vergnügt wie die Heuschrecken. Willst du mir nicht eins
ablassen von deinem Reichtum?«
»Eins ist zu wenig, und zwei kann ich nicht missen. Wär’ ich du,
Martin, so schafft’ ich mir selber den Segen herein.«
»Ja,« meinte er, hob das aufjauchzende Kind hoch zur Zimmerdecke und
setzte das strampelnde in seinem Rollstühlchen nieder, »wenn der Storch
die kleinen Kinder noch aus dem Wiesenteich fischte und durch den
Schornstein fallen ließ’. So billig tut er’s nicht mehr.«
»Ich mein’, der Martin _Opterberg_ wird’s nicht so billig tun.«
Martin Opterberg sah die Jugendfreundin an. »Fühlst du mir den Puls,
Theresel?«
»Ja, Martin. Weil mir gar so viel an dir gelegen ist.«
»Nur an mir? Das lohnte nicht.«
»Es lohnte mir sogar ein zweites Menschenkind, an dem mir gelegen wäre.«
Christoph Attermann kam heim. Mit lauter Freude begrüßte er den Bruder
und Freund. Dann schaute er ihm prüfend in die Augen.
»Du warst nicht mehr auf die Werft hinaus? Aber das Abendessen wird dir
nicht geschenkt. Nachher mögen wir uns bis in die Nacht besprechen.«
»Du kannst teilnehmen, Therese,« sagte Martin Opterberg, als sie sich
vom Abendtisch erhoben und ins Arbeitszimmer hinübergingen. »Die Frau
soll immerdar klar sehen wie der Mann. Und ein Spielzeug hast du nie
sein mögen.«
»Nein, Martin. Ich halt’s mit dem Verantwortungsgefühl.«
»Erzähl,« bat Christoph Attermann, als sie in den rohrgeflochtenen
Sesseln niedersaßen. »Es ist wie eine plötzliche Windstille im
geschäftlichen Leben, und ich schätz’, du hast das Wetterglas draußen
nicht aus dem Aug’ gelassen.«
»Du hast recht empfunden, Christoph. Vor der Tür steht der Krieg.«
Sie schwiegen alle drei, blickten mit zusammengezogenen Brauen in den
Schoß und hoben die Köpfe.
»Du wirst es nicht bei dem einen Wort belassen wollen, Martin.«
Martin Opterberg ließ den Blick zum Fenster hinauswandern.
»Ihr möchtet hören: ein glücklicher Krieg oder ein unglücklicher
Krieg.« … Sein Blick kehrte zurück, sammelte sich und wurde hart. »Und
ich mein’, wir sollten diese Frage gar nicht erst stellen, wir sollten
aufstehen, das ganze Land wie eine einzige Eidgenossenschaft, keine
andere Partei im Kopf als ›Deutschland‹ und keine andere Religion im
Herzen als wiederum ›Deutschland‹. Denn es wird nicht um Zepter und
Kronen, nicht um Gewinn und Verlust gehen, es wird ganz einfach um
dieses Deutschland gehen, das erwürgt werden soll, um die hungrigen
Wölfe zu füttern. Darüber muß sich der letzte Mann, die letzte Frau im
Lande klar sein.«
Therese Attermann sah ihn an.
»Sag mir, warum gerade Deutschland …?«
»Ich könnte dir antworten, Therese: es ist sein Geschick von altersher.
Weil es die schlechtesten Grenzen in Europa hat. Weil es um Lebens-
oder Sterbenswillen immer gezwungen war, das Schwert locker zu halten.
Weil es seit der Völkerwanderung von den Fremdstämmen überflutet wurde
und ihm jeder Krieg, den es bis auf den heutigen Tag um Zurückgewinnung
von Licht, Luft und Raum führen mußte, als ein unerhörter Frevel
ausgelegt wurde. Ach, Therese, es wären noch viele ›weil‹ anzubringen,
und Deutschland als Kriegsschauplatz aller Völker und aller
Jahrhunderte bestätigt, was ich sage. Aber sein Geschick hat zuletzt
ein jeder in der Hand, um es zu wandeln.«
»Und wir haben es gewandelt, als wir das neue deutsche Reich schufen,«
sagte Christoph Attermann.
»Ja, da haben wir es äußerlich gewandelt. Nicht innerlich. Alle unsere
aufgestauten Kräfte haben wir losgelassen, als wir endlich eine Macht
geworden waren, und wie eine frische Sturzflut ging es über die
dürrgewordene Welt. Es war weiß Gott ein herzerfreuender Anblick,
als das Teutonentum auf dem Platz erschien und auf allen Märkten
der Erde Bewegung in die Massen brachte. Der Erfolg war unser, wär’
unser gewesen, hätten wir ihn nur ein klein wenig anders auszumünzen
verstanden als nur in Geld, Geld und wieder Geld. Es kann etwas
Wunderbares sein um das Geldverdienen, wenn man das gewonnene immer
wieder ausstreut wie Regen auf die durstende Flur, wie Sonne auf den
hungernden Acker. Werben muß es um Glück und Schönheit und Freude,
um die Fortentwicklung des ganzen Volkes diesseits und jenseits der
Meere und um die Hochachtung und den Dank der fremden Völker. Wir
aber haben mehr oder minder das Geld nur hereingeholt, um es nach
Urgroßmutterweise in den Strumpf zu stecken und den Strumpf fest
zuzubinden und uns großspurig darauf zu setzen: ›Seht, was für ein Kerl
bin ich!‹ Das Deutschtum schreien wir in alle Welt hinaus, aber _für_
das Deutschtum in aller Welt haben wir keinen Groschen, und unsere
Reichsboten rufen Zetermordio, wenn ein klarblickender Vernunftmensch
Summen dafür einzustellen wünscht wie für Kohlenstationen und Kolonien,
und erschweren den Auslanddeutschen sogar die Reichszugehörigkeit,
statt sie stolz und stark zu machen. Seht, dieses unser
Emporkömmlingstum, das wir so wenig veredlen, macht uns verhaßt bei
Freund und Feind. Unser deutsches Wesen ist krank daran geworden. Es
ist unser schlimmster Feind in der Welt und daheim.«
Die Drei saßen eine Weile schweigend. Sie schauten der Wahrheit ernst
ins Gesicht.
»Und nun glaubst du, die Wetter ziehen sich zusammen und der Krieg
steht vor der Tür?« fragte Christoph Attermann.
»Die Zeichen sind untrüglich,« entgegnete Martin Opterberg. »Das
Ausland gibt keine Aufträge mehr herein, noch nimmt es Bestellungen
entgegen. Dafür besteht es auf beschleunigter Zahlung der noch offenen
Posten. Es handelt offensichtlich nach Weisungen von oben. Nur für den
deutschen Geschäftsmann gibt es keine Weisungen. Nur Wiegenlieder.«
»Was schlägst du für die Werft vor, Martin? Verkleinern?«
»Vergrößern!« rief Martin Opterberg und sprang vom Stuhl auf.
»Vergrößern, so lang es noch Zeit ist. Das letzte Geld hineinstecken,
um sie auszudehnen, soweit wir kaufen können. Theresel, schau mich
nicht so entsetzt an, als hieltst du mich leibhaftig für einen
Börsenspieler. Ein guter Haushalter denkt über den Tag hinaus, wenn von
seinem Tun und Lassen das Schicksal von Hunderten von Angestellten, von
Hunderten von Familien abhängig ist. Ich will Vorsorge treffen, daß
sie, mag’s gerad oder schräg gehen, eine Scholle zum Hausen vorfinden
und eine Arbeitsstätte, auf der sie schaffen können. Im Straßendreck
gibt’s keine Wiedergeburt.«
»Martin,« warf Christoph Attermann ein, »die vergrößerte Werft wird
vergrößerte Betriebskosten fordern. Woher die Summen nehmen, wenn wir
alles ins Gelände stecken?«
»Woher? Nun, so gib acht. Während eines Krieges wird die Werft ruhen,
so gut wie ruhen. Unsere Leute werden ins Feld müssen, wie wir ins
Feld müssen. Bis auf die alten. Die Verbleibenden führen Umbauten
und Ausbesserungsarbeiten an fremden Schiffen aus. Der Frachtdampfer
aber, den wir auf eigene Rechnung bauen, bleibt liegen, bleibt als
unser Grundstock liegen. Ob wir ihn nach Kriegsende verkaufen oder
selber damit auf Fahrt gehen -- er wird uns bessere Betriebskosten
hereinbringen als die Papierscheine, die nach jedem Krieg eine
Entwertung finden. Wir aber erhalten Hunderten von Menschen den
Zukunftglauben und die Lebensfreude.«
Therese Attermann trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand.
»Weshalb hast du mich vorhin verkannt, Martin, wo du doch weißt, daß
wir eins sind?«
»Weil ich gerad dies Wort von dir hören wollt’, Therese. Ich hab’
zuweilen eine kleine Sehnsucht nach so einem lieben Frauenwort.«
Christoph Attermann aber saß bereits über dem Geländeplan, maß und
rechnete. Wie Zahnräder packten seine und Martin Opterbergs Gedanken
ineinander und wurden Ausführung. Das war seit der Bubenzeit, das war
Frau Christianes Blut und Erziehung und nie anders geworden.
Am nächsten Morgen zogen sie die Vertrauensmänner und alten Meister
heran. Es war die größte Stunde der jungen Werft, in der die
Richtlinien festgelegt wurden für Krieg und Frieden, die Anteile der
Führer und Mannen, die Arbeitsbedingungen für die Daheimbleibenden und
die Lebensbedingungen für die Familien derer, die zu den Fahnen gerufen
wurden.
Die Männer standen schweratmend und weiß vor Erregung.
»Herr Doktor Opterberg -- und Sie, Herr Attermann -- Sie können einem
das Sterben leicht machen für das Vaterland -- aber das Leben noch
leichter. Sie schmeißen nicht mit Redensarten um sich vom Volk der
Brüder -- Sie _machen_ uns zu Brüdern -- und nun spüren wir erst recht
das Vaterlandsband -- Herrgottnochmal!«
»Der Vertrag ist getätigt,« sagte Martin Opterberg. »Aber ihr sollt
erst darüber sprechen, wenn wir ins Feld müssen, damit uns keine
geschäftlichen Schwierigkeiten erwachsen.«
Da traten sie einzeln vor und reichten ihm und Christoph Attermann die
Hand. Dann gingen sie mit langen, wiegenden Schritten an ihre Arbeit.
In selber Woche noch wurden die Gelände der Werft um das Doppelte
vergrößert. Man schüttelte den Kopf über den Narren Opterberg, der sich
in so schwierigen Zeitläufen zu Ankäufen entschloß, statt das Seine
beisammen zu halten, und gab das Brachland billig.
Am Sonntag traf unangemeldet Frau Christiane ein. Sie brachte Linde
Baumgart mit, und die Frauen standen in ihren Reisekleidern am
Frühstückstisch, als Martin Opterberg das Zimmer betrat.
»Mutter --!« sagte er nur. Aber er sagte es knabenfroh.
Frau Christiane nahm hastig seinen Kopf und drückte ihn an ihre Brust.
»Bub -- mein Bub. Es geht auf den Abschied. Ich hab’s all’ die Tag’
gespürt. Da mußt’ ich her, und das Lindele mit. Und nun nimm auch sie
in den Arm. Wir Frauen können’s alle beid’ vertragen.«
»Mutter --,« wiederholte Martin Opterberg nur. Und dann nahm er das
Mädchen in den Arm und wußte nicht: war es sein Blut, das in ihm
aufsprang und in seinem Ohre sang, oder war es das ihre?
»Wann wird es sein, Bub?«
»Ich denk’, schon in Tagen.«
»Dann muß ich morgen wieder heim auf den Hof. Ein jedes an seinen
Platz. Und die Linde kann den Verbindungsoffizier machen.«
»Ich werd’ die Attermanns herüberrufen, Mutter.«
Christoph und Therese Attermann kamen eilig auf den Fernsprechanruf
herbei. Die Schwestern traten sich mit zuckenden Lippen entgegen. Ihre
Augen waren feucht. »Du -- Du!« stießen sie hervor und hielten sich in
den Armen.
»Ihr beide sollt ja gar nicht Abschied nehmen,« sagte Frau Christiane,
und ein Lächeln glitt um ihren Mund. »Die Buben gilt’s, ihr Mädchen.«
Keine Minute dieses Tages waren die fünf Menschen voneinander getrennt.
Bis in die Nacht hinein saßen sie beieinander und besprachen die
Pflichten, die einem jeden erwuchsen. Auf Therese Attermann fiel das
schwerere Teil. Wenn die benachbarten Ärzte einberufen wurden, mußte
sich ihre ärztliche Tätigkeit verdoppeln und verdreifachen. Dazu würde
sie dem Namen nach als Geschäftsführerin der Werft bestellt werden.
Dort und im Hause sollte die Schwester helfend eingreifen.
»Auf dem Opterberghof ist es nicht anders als hier und im ganzen Land,«
setzte Frau Christiane hinzu. »Das Aufgebot geht an die Frauen wie an
die Männer. Ich werd’ die Arbeit schaffen, wie ihr sie schaffen werdet,
ihr Mädchen. Wenn unsere Buben heimkehren, wollen wir uns nicht schämen
müssen, als wären wir Frauensleut’ nur zum Vergnügen auf der Welt.«
* * * * *
Wo war dieser stille, dieser liebesstarke, dieser ruheausgießende
Abend? Hundertmal griff Martin Opterberg, griff Christoph Attermann
nach der flatternden Erinnerung, um ein Fetzchen davon auf die
fieberhaft pochende Stirn, auf das schwerarbeitende Herz zu legen.
Ein Befehl -- eine Meldung -- fort war sie -- nur die Gegenwart
bestand -- nur die Aufgabe dicht vor den Augen, dicht vor den Fäusten
-- vorwärts -- vorwärts! Gab es überhaupt noch eine Zeitrechnung?
Hatte es jemals eine Zeit gegeben, die vor dieser lag, die sich
auffraß wie Vater Kronos seine Kinder? Würde es jemals eine andere
geben als diese atemlos schlingende, der Tage, Wochen und Monate
wie Körner im Wirbelsturm waren? Durch einen Fluß Frankreichs
arbeitete sich Martin Opterberg mit seiner Pionierkompanie.
Hinein in das Feuer, hinauf auf die Ufer. Stützpunkte, Stützpunkte
für den Brückenschlag, auf den Zehntausende harrten! Durch die
Drahtverhaue eines belgischen Forts glitt Christoph Attermann mit den
scherenbewaffneten Seinen. Hinein in die Stacheln, hindurch durch
das Blut. Bahn frei, Bahn frei für die stürmenden Brüder! Spracht
ihr nicht von Frankreich? Spracht ihr nicht von Belgien? Wo habt ihr
euren Verstand gelassen, ihr Vorwärtstaumelnden? Das sind russische
Sümpfe, in denen ihr bis an die Achseln steckt, um in den schwappenden,
schnappenden Brei kettenrasselnde Pfosten einzurammen für schwimmende
Maschinengewehrnester. Rußland? Mensch, du karrst wohl deine
Briefsachen mit der vorsintflutlichen Thurn- und Taxischen Postkutsche
herum? Die Kompanie Opterberg zeigt den Österreichern in den Karpathen,
wie man durch ein paar vorgetragene Sprengminen Massenhimmelfahrten
veranstalten kann, und die Kompanie Attermann besorgt’s den Serben oder
jagt zur Stund’ mit Türken und Bulgaren im Lande Mazedonien herum.
Vorwärts -- vorwärts! Vielleicht triffst du einen alten Juden, der den
Opterberg und den Attermann schon in Palästina ankommen sah!
Wenn die Pflegebrüder, oft durch Meilen voneinander getrennt, naß,
schmutzstarrend und verwildert irgendwo bei blutiger Arbeit waren,
irgendwo im dumpfen Unterstand lagen, war ihnen nicht, als _erlebten_
sie ein Märchen, war ihnen nur, als klängen die Töne des _Vor_lebens
wie unfaßbare, unbegreifliche Kindermärchen an ihr Ohr. Hatte es in
Wirklichkeit eine Frau Christiane, eine Therese Attermann und die
andere gegeben, die ihr so ähnlich sah wie aus lachender Mädchenzeit?
Wann war das gewesen? Wo konnte das gewesen sein? Ha -- jetzt. Dort
sind sie. Hier, dicht am Herzen, an den Lippen. -- Was ist? Was willst
du, Mann? Der Feind? Der -- Feind --? Auf, Pioniere! Pioniere, auf! In
den Graben! Über die Brustwehr! Laßt die Minen flattern! Schmeißt ihnen
die Handgranaten an die Schädel! Haut sie mit dem Schanzzeug heraus!
Drauf, Jungens, drauf und dem Hauptmann nach! Ah, du Hund -- du oder
ich …
Erst hatte Martin Opterberg, hatte Christoph Attermann, hatten
die Tausende, die Millionen von Männern geglaubt, nur während des
Vormarsches, der Schlachten, der Verfolgungen jagte die Zeit. Im
Grabenkrieg war es nicht anders. Nicht doch. Sie jagte nicht. Aber sie
kaute und malmte die Stunden unterschiedslos eine hinter der anderen,
schluckte sie, nahm ein Maul voll neuer, kaute, malmte, schluckte,
unterschiedslos … Da ließ man das Nachrechnen, und es war eine Woche,
ein Monat, ein Jahr, und hätte gestern und vorgestern sein können,
morgen oder übermorgen.
Auf einem Grabengang zuckte es Martin Opterberg durch den Sinn, und er
nahm den Gedanken mit, während er die Stellung besichtigte. Wirklich
--? Waren das schon zwei Jahre seit dem letzten friedlichen Tag daheim?
Seit jenem stillen, liebesstarken, ruheausgießenden Abend? Da standen
die Jünglinge und Männer, zerlumpt, verschmutzt, mit den Heldenaugen im
hagergewordenen Gesicht, und taten ihre Pflicht, taten sie in diesen
verfluchten Maulwurfsgängen und Erdlöchern hundertmal mehr noch als im
frischen Drauflossturm tollkühnen Vormarsches, obschon die Begeisterung
zu allen Teufeln gegangen war in dieser Menschenunwürdigkeit. Aber das
eiserne Bewußtsein hielt sie aufrecht: du oder ich! Bei wenigen war es
mehr noch als der dumpfe, tierische Grimm: Hund, du hast mir das Leben
versaut. Erst kommst _du_!
Martin Opterberg tastete sich an seinem Gedanken Schritt für Schritt
zurück. Zwei Jahre weit. Da zogen diese Jünglinge und Männer, stark
und vollwangig, in strahlendem Waffenkleid über den Rhein, den sie
in brausendem Gesang zu schirmen schwuren, und sie stürmten mit
begeistertem Gesang in die unbekannte Schlacht, in das unbekannte
Grauen, in all das Unbekannte auf Schritt und Tritt. Und als es
ihnen mälig bekannt geworden war, da taten es plötzlich die wilden
Lieder nicht mehr allein, da griffen die Menschen über sich und
tasteten und suchten nach dem Göttlichen, dem sie sich blindlings
anvertrauen konnten in Leibes- und Seelennot. Und ein Protestant
kramte aus seinem Tornister ein Neues Testament hervor und begann
darin zu blättern, und gleich waren es Hunderte, waren es Tausende
von Büchern Reih’ auf, Reih’ ab in aller Händen, und des stillen
Lesens war kein Ende. Und ein Katholik zog seinen Rosenkranz aus dem
Brustlatz und hing ihn griffbereit an sein Gewehrschloß, und gleich
war es ein ganzer Rosengarten Reih’ auf, Reih’ ab, und der stummen
Zwiesprach’ war kein Ende. Martin Opterberg sah das Bild, er sah es
auf dem Marsch bei Tag und am Lagerfeuer in der Nacht, und er sah
die gewaltige Glaubenswoge noch durch die unterirdischen Gräben der
ersten Stellungskämpfe ziehen, sah das Testament auf der Brustwehr und
den Rosenkranz am Bajonett. »Gott, Gott!« hatte es durch die Gräben
gerauscht und »Jesus, Maria!« Und die Granaten kamen angeheult und
schlugen einen Trupp frisch angekommener Knaben zu Knochensplittern,
ein Minenwerfer krachte nieder und stopfte zerfetzten Familienvätern
hastend die Erde ihres eigenen Grabes in den Hals, eine giftverseuchte
Gaswolke wälzte sich heran und erstickte wahllos Jung und Alt. Und
kein Heldentum half und kein Gebet. Gott ließ das feige Würgen zu, und
kein Heiland hob sichtbarlich die Hände und keine Schmerzensmutter.
Aber die wundersüchtigen Menschen hoben die Hände und zerwühlten ihr
Haar und zerkratzten ihr Angesicht, bis der Firnis des Christentums
heruntersprang und das alte Heidentum zum Vorschein kam, das Heidentum,
das seine Götzen schmähte und prügelte, wenn sie keine Wunder taten.
Martin Opterberg hatte sich an seinen Gedanken zurückgetastet bis
zu dem Tag, an dem die Rosenkränze und Neuen Testamente wie ein
Kehrichthaufen in den Gräben lagen und ein Raunen lief und blieb und
schwoll: Es gibt keinen Herrgott. Verdammtes Ammenmärchen.
Und wenn es keinen Herrgott gab -- wer hatte die Gewalt? Wer hatte sie
auf Erden?
Ein Einzelner? Eine Handvoll Gekrönter oder Besternter?
Wer vollzog sie im Feld? Die Führer? Die Masse vollzog sie, die Masse,
und sie würde sie einst weiter vollziehen, vom Gespensterglauben
erlöst, auf eigene Faust, einst, einst …
Damals hatte es begonnen, in den Tagen des grausigen Sterbens, das in
seiner platten Gemeinheit den Gläubigen traf wie den Ungläubigen, den
Helden wie den Feigling, als schlüge eine riesengroße Fliegenklatsche
alles zu Brei. Damals hatte es begonnen, und als es begonnen hatte, war
es schon überall, in der Kreidechampagne und in den Pripetsümpfen, in
den Karpathenschluchten und über den Balkan hin.
Noch schwebte und knisterte es. Noch war das Deutschbewußtsein: Du oder
ich! das Mannesbewußtsein und Pflichtenbewußtsein das stärkere.