Martin Opterberg wandte dem Bruder das Gesicht zu. Es war weiß vor
niedergehaltener Erregung, aber die blauen Augen hatten sich dunkel
gefärbt.
»Ich hab’ es gesagt. Das muß dir genügen. Ich bin kein italienischer
Operntenor. Ich bin ganz deutsch -- ganz deutsch.«
Da wußte Christoph Attermann, daß es sich um eine Abrechnung handelte,
die keinen Mittler ertrug, und er ging wortlos in das Büchergelaß, das
an das Arbeitszimmer stieß, und ließ sich im Dunkel nieder.
Martin Opterberg war allein.
Einen hastigen Schritt tat er und blieb stehen.
Aus seiner Brust kam ein messerscharfer Ton -- und brach ab.
Ein Nebel lag vor seinen Augen, und aus dem Nebel sprach eine Stimme.
»Wenn du es wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene
Hundepeitsche und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und
bloß, und peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib
vor den Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme
nehmen könnten, aus Ekel an dem gezüchtigten Körper des anderen. Und
weil es der andere ansehen mußte.«
Und der Nebel schwand vor Martin Opterbergs Augen.
Aus einer Lade im Schrank holte er die ledergeflochtene Peitsche
hervor. Ohne daß die Hand zitterte. Und er schritt die Treppe hinauf
und über den teppichbelegten Gang hinweg und warf sich mit Aufbietung
aller Kraft gegen die Tür des verriegelten Zimmers, daß der Riegel
sprang.
10
Martin Opterberg schritt durch alle Räume seines Hauses. Still war das
Haus geworden, aber auch gesäubert vom Keller bis zum Söller. Nur noch
der Schall seiner Schritte lief mit, nicht mehr das Gespensterhuschen
auf Stiegen und Gängen.
Wie eine Wohltat wirkte die Befreiung auf die Seele, die nicht mehr
aufzufahren brauchte und aufzuhorchen auf einen schleichenden Fuß, auf
ein schleichendes Wort, und sie wirkte wie eine Säuberung des Körpers.
Das war’s, was Martin Opterberg immer wieder und immer stärker in
tiefen Atemzügen empfand, seit an jenem Gerichtstag die Haustür ins
Schloß gefallen war hinter dem flüchtenden Mann und wenig später als
eine Stunde hinter der flüchtenden Frau: die Luft, diese Gottesluft des
neuen, alles verjüngenden Frühlings.
Seit Jahren hatte er sie nicht mehr mit Bewußtsein getrunken. Als
ob die Welt in Winterstarre gelegen hätte seit seinen Wanderjahren
und alles Verlorene und Vergessene nachzuholen drängte im späten,
staunenden Erwachen, so war ihm dieser Frühling, so staunte er selbst
in ihn hinein und sog sich die Seele voll.
Kein Spinnweb aus grauen, raunenden Tagen kroch mehr in den Ecken,
und selbst in den Mädchenkammern herrschte ein neuer und blitzblanker
Geist, seitdem die Günstlinge der geflüchteten Frau abgelohnt worden
waren und ein paar derbe Schwarzwaldmädchen Einzug gehalten hatten.
Auf ein Ansuchen Martin Opterbergs waren die neuen Hausgenossinnen von
Linde Baumgart sorgsam auf dem Opterberghof ausgemustert worden.
Ein Seltsames war: das Verschwinden der Hausfrau rief kaum einige
Überraschung hervor. Lag es daran, daß das Landhaus der Opterbergs
sich zu weit ab vom täglichen Verkehr befand, lag es an der schnellen
Ernüchterung der einstigen Verehrer, die in der lockenden Mandel
keinen Kern gefunden hatten, oder waren die Ereignisse so schnell und
schweigend erfolgt, daß die Umwelt ohne Handhabe geblieben war, ob es
sich nur um eine zeitliche Trennung oder um eine förmliche Scheidung
handele.
Gegen den Sommer jedoch, als die Scheidungsklage vor Gericht ihre
Erledigung gefunden hatte, sollte Martin Opterberg durch einen
Besuch daran gemahnt werden, daß die Erinnerung an seine Ehe dem
Gedächtnis einiger Leute doch noch nicht ganz entschwunden war. Auf das
Trauerspiel folgte das Satyrspiel. Herr Professor Barthelmeß erschien
und suchte eine dringende persönliche Unterredung nach.
»Mein Sohn,« sagte der Professor mit einem tiefen, schwingenden
Schmerzenston und streckte beide Hände aus. »Ich habe den Weg zu dir
gefunden.«
»Sie sind müde,« entgegnete Martin Opterberg. »Darum bitte ich Sie,
Platz zu nehmen.«
Der Professor stutzte nur einen Augenblick. Er ließ sich nieder, setzte
seinen Hut auf den Teppich und lehnte sich weit zurück. Seine Augen
zwinkerten, als ob eine Träne hervorquellen wolle.
»Martin, es sind traurige Zeiten. Auch für dich. Denn ich kenne dein
Gemüt, wie ich das deines seligen Vaters kannte.«
»Ich bitte um Verzeihung, Herr Professor. Wollen wir meinen Vater,
wollen wir alle einstmaligen Familienbeziehungen aus dem Spiele lassen.
Dient es zu Ihrer Beruhigung, so kann ich Ihnen sagen, daß mir die
Zeiten sehr hell und freundlich erscheinen.«
Da merkte der Professor, daß der warme Ton der Empfindungssaiten hier
nicht mehr am Platze wär’, und der alte Glücksjäger ließ auf der Stelle
von dem unerreichbaren Hochwild ab und wandte sich der Hasenjagd zu.
»Sie wollen es so. Ich wasche meine Hände in Unschuld. Schon einmal
haben Sie mir den geschäftlichen Ton aufgedrängt, als es sich um die
Bezahlung von Anschaffungen handelte, die meine Tochter lediglich
zu Ihrem Vorteil in Verwendung genommen hat. Lediglich, jawohl,
lediglich,« fügte er mit Betonung hinzu, als er auf dem ruhigen Gesicht
seines Gegenübers ein verloren Lächeln erscheinen sah. »Und wie
damals Ihr Gerechtigkeitsempfinden Sie nicht erst zu den ritterlichen
Anschauungen zu bekehren brauchte, so bau’ ich auch heute darauf und
heute mehr denn je.«
»Sie wissen, daß ich von meiner Mutter her für Humor immer empfänglich
bin. Fahren Sie fort.«
Der Professor starrte ihn an. Seine weltmännische Sicherheit geriet
ins Wanken, und er mühte sich sichtlich um Fassung.
»Für Humor? Habe ich recht verstanden? Hier sitzt ein tieferschütterter
Vater, und Sie gewinnen der Stunde die heitere Seite ab? Oh, jetzt
verstehe ich manches.«
»Wenn Sie manches verstehen, Herr Professor,« sagte Martin Opterberg
mit einigem Nachdruck, »so werden Sie auch schnell das eine verstehen:
daß es vorteilhafter für Sie ist, ich gewinne der Stunde die heitere
Seite ab als die ernste. Der auf Rettung eines schwankenden Buchpostens
bedachte Handelsmann hat für mich immer noch einen Anreiz. Der
tieferschütterte Vater ist eine Posse. Wie wünschen Sie nun, daß ich
die Stunde auffasse?«
»Sie sind also erbötig, meiner Tochter eine ausreichende Jahressumme
auszusetzen?« nahm der Professor hastig das Wort auf. »Ich wußte es ja,
daß man sich unter Ehrenmännern schnell verständigen würde.«
»Was die anwesenden Ehrenmänner anbetrifft, so muß ich Ihnen leider
eine Enttäuschung bereiten. Ich rechne mich nicht zu ihnen. Und was die
Ausstattung und Unterhaltung verwahrloster Frauen anbetrifft, so geht
mein guter Geschmack andere Wege.«
»Dürfte ich -- dürfte ich diese anderen Wege erfahren?«
»Die Gerichtsentscheidung liegt Ihnen ja vor. Sie deckt sich vollkommen
mit meinem guten Geschmack.«
»Und Sie -- Sie stimmen dieser Entäußerung von allen Mitteln, dieser
Vogelfreierklärung zu? Ohne Furcht, daß die zur Verzweiflung getriebene
Frau den Namen Opterberg, auf den Sie doch so stolz zu sein scheinen,
wie ein schmutzig Bettlerkleid durch die Gassen schleift?«
»Lassen wir diesen Überschwang. Es liegt kein Anlaß vor. Vogelfrei hat
sich Ihre Tochter selbst erklärt, in allerfreiester Willensäußerung.
Und auf Aberkennung des Namens Opterberg habe ich bereits Antrag
gestellt, dem das Gericht wohl schon in Kürze stattgeben wird.«
Der Professor fuhr mit rollenden Augen auf. Er sah das erzene Gesicht
Martin Opterbergs, und er sah, daß er das Treffen verloren hatte. Da
ließ er sich mit einem Seufzer wieder in den Sessel fallen.
»Tragen Sie sich noch mit einem anderen Wunsch?« fragte Martin
Opterberg mit Freundlichkeit.
Der Professor schwieg eine Weile.
»Mit einem Wunsch?« wiederholte er endlich lässig und obenhin. »Da
Sie sich ganz und gar auf den Boden des reinen Geschäftsverkehrs
stellen, so wüßte ich nicht, weshalb ich die mir rechtlich zustehenden
Forderungen in die Höflichkeitsform von Wünschen kleiden sollte.«
»Darin kann ich Ihnen nur Recht geben. Sie sehen mich auf solche
Forderungen gespannt.«
»Ich verlange nach dem Gesetz das Heiratsgut, das meine Tochter mit in
die Ehe gebracht hat.«
»Es steht zu Ihrer Verfügung. Ich habe, was sich an Kleidern und
Wäschestücken vorgefunden hat, zusammenpacken und verschließen lassen.
Sämtliche Schmuckgegenstände hat Ihre Tochter schon mit sich genommen,
als sie das Haus verließ. Es mag so bleiben.«
»Nein,« sagte der Professor, »auf diese Weise ist die Unterhaltung
doch wohl nicht zu führen: ein Bündel Kleider, eine Handvoll Schmuck.
Sie scheinen sich nicht darüber klar zu sein, daß Sie sich hier in
einer fremden Zimmereinrichtung befinden und daß Sie Ihre Gönnerworte
aus einem Sessel heraus an mich richten, der meiner Tochter gehört und
den ich Ihnen unter dem Sitz wegziehen könnte.«
Da lachte Martin Opterberg zum ersten Male wieder aus vollem Herzen.
»Die Möbel wollen Sie mir wegholen? Das Haus wollen Sie mir ausräumen?
Wer hat Sie denn auf diesen verrückten Gedanken gebracht?«
»Mein Herr,« ersuchte der Professor scharf, »ich bitte, sich zu
mäßigen. Sie vermögen mich aus dem Hause zu weisen, das das Ihre ist,
aber Sie vermögen nicht, mich aus diesem Sessel aufstehen zu heißen,
der, wie die gesamte Hauseinrichtung, Eigentum meiner Tochter ist.«
»Eigentum Ihrer Tochter? Ja, träumen Sie denn? Es widerstrebt mir,
darauf hinweisen zu müssen, daß Ihre Tochter nichts in die Ehe
einbrachte, als was sie auf dem Leibe trug. Es ist Ihnen wohl noch
erinnerlich, daß ich Ihnen vor der Hochzeit eine Summe einhändigte, um
die Einrichtung zu beschaffen, da Ihre Tochter über keine Aussteuer
verfügte.«
»Ganz recht. Vor der Hochzeit. Es war eine Schenkung ~in optima forma~
und hat nicht das geringste mit Ihrer späteren gemeinsamen Ehe zu tun.
Aha, nun wird Ihnen die Sachlage klar.«
Martin Opterberg hatte sich erhoben. In ihm stritt der wiedergefundene
Humor mit einer peinigenden Unlust, dergestaltete Unterhandlungen zu
führen. Er sah sich einem Menschen gegenüber, der sich höchstens durch
die würdevolle Haltung und den Professorentitel von einem abgefeimten
Gauner unterschied. Wie konnte ein anständiger Mensch einem solchen
Gelichter beikommen?
»Und wenn ich eine durchaus andere Ansicht von der Sachlage hätte, Herr
Professor?«
»So müßte ich es,« entgegnete der Professor weich, »zu meiner größten
Bekümmernis auf einen Prozeß ankommen lassen und Ihnen zum Vergnügen
der immer schadenfrohen Welt die Benutzung der Möbeleinrichtung bis zur
Urteilserklärung gerichtlich untersagen lassen.«
»Nicht anders hatte ich es mir gedacht,« sagte Martin Opterberg. »Sie
werden es verstehen, daß ich mich aus Gründen der Erziehung mit der
ins einzelne gehenden Abwickelung nicht befassen kann. Ich werde eine
Vertrauensperson damit beauftragen.«
»Leider ist meine Zeit nur knapp bemessen, Herr Opterberg. Ich
opfere kostbare Arbeitstage für eine Angelegenheit, deren Erledigung
rechtgemäß längst Ihre Sache hätte sein müssen, und weiß nicht, ob ich
den Verlust wieder hereinbringe.«
Martin Opterberg hörte kaum hin. »Also sagen wir: auf übermorgen, Herr
Professor, da Sie den Möbelwagen in Ihrer Handtasche doch wohl nicht
mitgebracht haben.«
»Wo wohne ich?« fragte der Professor unbefangen und blickte sich um.
»Wenn Sie keine allzugroßen Ansprüche stellen: im Gasthaus am Bahnhof.
Auf Wiedersehen.«
Er verbeugte sich in kühler Höflichkeit, und der Professor erhob sich
kopfschüttelnd, nahm seinen Hut und empfahl sich zögernd. Martin
Opterberg aber drahtete unverzüglich an seine Mutter und bat sie, zur
Abwickelung vermögensrechtlicher Dinge am nächsten Tage schon zu ihm zu
reisen.
Pünktlich auf die Minute traf Frau Christiane am Abend ein. Bis zur
vorletzten Haltestelle hatte sie den Basler Schnellzug benutzt.
»Du schaust frisch aus wie ein Fisch im Wasser, Bub,« sagte sie, als
sie am Bahnhof einen schnellen Blick über den Sohn hatte hingleiten
lassen. »Es war eine wunderliebe Fahrt durch all das schöne Sommerland
am Rhein. Und das Lindele läßt dich schön grüßen.«
»Dank dir, Mutter. Für dein Kommen und für den Gruß.«
Frau Christiane fragte nicht. Erst als sie sich in ihrem Gastzimmer
erfrischt, die Schwarzwaldmädchen begrüßt und mit ihrem Sohn
das Abendbrot eingenommen hatte, sagte sie, in ihren Sessel
gelehnt, vergnügt und unvermittelt: »Vermögensrechtliche Dinge.
Und noch Abwickelung dazu. Ein hübsches Abschlußgeschäft für die
Barthelmeßleute.«
»Du hast es also bereits erraten, Mutter.«
»Dazu gehört nichts als das Einmaleins, Martin. Das heißt: wenn
wir fünf gerade sein lassen. Anders ist ein alter Gauner niemals
auszuschalten.«
»Du denkst wie ich, Mutter. Es handelt sich, wie du es dir schon
gedacht hast, um die Einrichtung meines Hauses, die ich zwar von meinem
Gelde bezahlt habe, die aber von der Gegenseite als eine Schenkung vor
der Ehe betrachtet wird. Der alte Barthelmeß brauchte mir nicht erst
mit einem Prozesse zu drohen. Es hängen mir zuviel Erinnerungen an den
Möbeln, die nur für die Gegenseite Wert haben. Nur was ich mir selber
beschafft habe, hier und im Ausland, mein Arbeitszimmer und was vom
Opterberghof und aus der Kindheit stammt, das möcht’ ich nicht gern von
dem alten Barthelmeß verhökert wissen.«
»Darum rief der Bub nach der Mutter.«
»Ja, darum. Weil mir derartige reinliche Scheidungen nicht zu liegen
scheinen.«
»Und da dachtest du: das besorgt die Mutter mit Scheuertuch und Besen
im Handumdrehen.«
»So dachte ich, Mutter.«
»Ach, Martinle,« meinte Frau Christiane und lachte in sich hinein, »ich
hab’ den Glauben an deine Unverwüstlichkeit nie aufgegeben. Nun holt
sich der Rhein wieder Wasser aus der Quelle. ’s ist recht so.«
Martin Opterberg saß in seinem Stuhl und umfing mit liebevollem Blick
das fröhliche Mutterbild. -- --
Mit der Sicherheit eines Gläubigers betrat Professor Barthelmeß
schon in der achten Morgenstunde das Haus. Das Mädchen wies ihn ins
Arbeitszimmer. »Zur Stelle,« sagte er in dem Glauben, Martin Opterberg
vorzufinden. »Schönen guten Morgen,« klang es ihm als Antwort entgegen.
Verdutzt suchte der Professor nach seinem Augenglas. Er hatte die
Stimme einer Dame vernommen und beeilte sich, sich vorzustellen.
»Professor Barthelmeß. Entschuldigung, ich bin hier wohl am falschen
Platz?«
»Da könnten Sie ausnahmsweis’ Recht haben, Herr Professor,« erwiderte
Frau Christiane und erhob sich aus ihrer abgedunkelten Diwanecke. »Aber
da Sie den falschen Platz nun schon einmal eingenommen haben, wollen
wir das gegenseitige Vergnügen auf die allerkürzeste Dauer beschränken.
Ich bin die Frau Christiane Opterberg.«
»Die Frau -- Christiane -- Opterberg?« wiederholte der Professor
betroffen.