Draußen aber wurde es Frühling, und ein Frühlingswunder meldete sich
im Hause Christoph Attermanns. Am jungen Rhein ließ Frau Christiane
den Opterberghof unter der Obhut Linde Baumgarts, die der Schwester
so ähnlich sah und nur fröhlicher war im Gemüt, und fuhr an den
Niederrhein, um Therese Attermann in ihrer schweren und schönen Stunde
eine Hilfe zu sein. Eine Nacht blieb sie zu Gast im Hause ihres Sohnes
Martin. Ihre klaren Augen weiteten sich, als sie Sabine wiedersah.
Mit einem Blick durchschaute sie das fahrige, sprunghafte Wesen der
Überlauten.
»Schaff Ordnung in deiner Frau,« sagte Frau Christiane hart, als sie in
der Morgenfrühe von ihrem Sohne Abschied nahm.
»Mutter, du kannst mir alles sagen. Ich bin nicht schonungsbedürftig.«
»Sie spielt Theater, Martin. Aus einem Liebesgeflacker heraus, oder
nur, weil sie ihr eigenes Stück und sich selber spielt.«
»Aus beidem heraus, Mutter. Hab keine Sorge um mich. Grüß das Theresel.«
Ein kleines, braunhaariges Mädchen kam im Hause Attermann zur Welt, und
Christoph Attermann erschien in Person bei Martin Opterberg, um es ihm
anzukünden.
»Die Frauen haben mich als das überflüssigste Möbel vor die Türe
gesetzt,« berichtete er dem Freund, den er sogleich auf dem Werftplatz
aufgesucht hatte. »Sie lassen dich grüßen, und das Theresel schickt dir
einen Kuß von deinem Patenmädel. Am besten, du holst ihn dir selbst.«
Dann aber schritt er stillforschenden Auges die Werft entlang. Sein
fachmännischer Blick erkannte das Große, das hier aus dem Kleinen
geschaffen war und rastlos weiter geschaffen wurde.
»Martin -- ich streck’ die Waffen vor dir.«
»Ich schaff’s nicht mehr allein, Christoph. Ich brauch’ einen Mann
an meiner Seite, der denkt, fühlt und handelt wie ich. Wie wär’s,
Christoph? Zu zweit planen und in eins vollbringen.«
»Komm heim, Martin. Mir schwindelt der Kopf.«
Den Rhein zu Füßen schritten sie in tiefer Glücksstimmung dem Wohnhause
zu. Die Brüder von einst. Frau Christianes Buben.
»Du kommst in ein leeres Haus,« entschuldigte Martin Opterberg, als
weder die Hausfrau noch eins der Mädchen zur Stelle war und der
Hausflur von ihren Schritten widerhallte, »aber nun wollen wir es
füllen.«
»Das also ist dein Arbeitszimmer,« sagte Christoph Attermann, trat ein
und blickte sich ehrfürchtig um.
Martin Opterberg stand im Türrahmen hinter ihm. Sein Herz lachte. Hier
war Verstehen, ein Verstehen auf den ersten Blick und ohne schmückende
Worte.
»Ja,« erwiderte er mit einem starken Atemzug, »dies ist mein
ungestörtes Heiligtum. Hier hinein schaut niemand als nur ich.«
Christoph Attermann wandte ihm das bärtige Antlitz zu.
»Nicht deine Frau?« fragte er ernst. »Nimmt sie denn nicht Anteil an
deinem Geistesflug?«
»Meine Frau?« wiederholte Martin Opterberg, als verstünde er nicht. Ein
hartes Lachen kam ihm über die Lippen. »Meine Frau bleibt lieber auf
der Erde, wo’s am lustigsten ist.«
Und mit einem Male reckte sich sein Kopf, reckte sich sein Körper. Alle
seine Glieder spannten sich. Sein ganzes Wesen war ein einziges Horchen.
»Was ist dir, Martin?«
»Still. Rühr dich nicht.«
»Geht es um in deinem Haus?«
»Nur unreine Geister gehen um. Kein Wort mehr.«
Christoph Attermann packte ein Schauder. Die Zimmertür klaffte einen
Spalt. Und in dem dunkelverhängten Zimmer standen die Männer Seite an
Seite und starrten in den sonnenhellen Hausflur. Ganz dumpf gingen ihre
Herzschläge.
In der Haustür hatte sich kreischend ein Schlüssel gedreht. Zwei
Menschen erschienen mit lauschenden Augen. Ein Mann, bartlos wie ein
Schauspieler, und Sabine, schön und geschmeidig, mit einem gespannten
Lächeln um den Mund.
Einen Augenblick horchte sie in das todstille Haus. Dann rief sie laut
und munter die Namen ihrer Mädchen. Zweimal. Dreimal.
Es blieb still.
Da wandte sie sich zu ihrem Begleiter und küßte ihn übermütig auf die
lauschenden Augen. »Komm,« flüsterte sie, nahm ihn bei der Hand und
huschte mit ihm die Treppen hinauf.
Und wieder lag die leere Stille über dem Haus wie ein grinsend Gespenst.
Minuten vergingen.
Noch immer standen die beiden Männer regungslos im Arbeitszimmer.
Dann quoll ein tiefer Seufzer aus Christoph Attermanns Brust, und er
griff nach der Hand des Freundes. Die war eiskalt, aber hart wie aus
Stahl.
»Martin -- --«
»Hast du sie genau gesehen, Christoph?«
»Den Fremden vergess’ ich nicht, so lang ich leb’. Die andere war die
Sabine Barthelmeß.«
»Die Sabine Barthelmeß. Das gab dir ein Gott ein. Sabine Barthelmeß.
Nicht Frau Opterberg. So heißt nur noch die Mutter.«
»Was willst du tun, Martin --?«
»Das, was den beiden zukommt, Christoph.«
»Kein Blut, Martin!«
»Geh jetzt!«
»Kein Blut. Nur die Mutter heißt Frau Opterberg. Du hast es gesagt.«