Das war für lange Zeit das letzte Mal, daß sie miteinander wanderten. --

Ein Jahr lang dienten Martin Opterberg und Christoph Attermann bei

den Mainzer Pionieren und fuhren den goldenen Rheingau stromauf

und stromab. Heiß war der Dienst, heißer der Wein und am heißesten

die braunen Mädchenaugen. Aber der Dienst ward geschafft, der Wein

vertragen, und nach den Mädchenaugen fragte Christoph Attermann den

Freund nicht mehr. Als sie übers Jahr, in der letzten Septemberwoche,

das lustige Mainz verließen, hatten sie beide die Offiziersprüfung mit

Auszeichnung bestanden. Herr Arnold Opterberg aber war zum Empfang nach

Rüdesheim gekommen.

Herr Arnold Opterberg war grau geworden, aber unter dem künstlerisch

wuschligen Grauhaar leuchtete weinfroh sein schmales Gesicht.

»Zwei Fliegen schlag’ ich hier mit einer Klappe,« rief er den stolzen

Buben entgegen, die er vom Schiff holte und auf dem Laufsteg stürmisch

umarmte. »Was sag’ ich? Zwei? Ein halbes Dutzend fast! Der Professor

Barthelmeß ist hier mit Frau und Tochter, und die Weine haben wir

geprobt zu Kloster Eberbach, Kiedrich und Eltville, zu Oestrich und

Winkel und Geisenheim seit drei Tagen und Nächten! Herr Jesus, welche

Tropfen! Der Barthelmeß hat’s gut. Der kommt, wo er arbeitet, von den

Kirchen in die Keller. Das ist der alte Mönchsweg. Kinder, und heute

wollen wir einen Rüdesheimer Abend feiern.«

»Wie geht’s der Mutter?«

»Königlich wie immer, Kinder. Aber nun kommt zu den Barthelmeß! Hinein

in die Weinlaube!«

Der Professor war ein schwerbeleibter Mann geworden, aber die faltigen

Säcklein unter den Augen rührten nicht von Tränen her. Mit dröhnender

Stimme begrüßte er die Angekommenen, als sei er der Herr der Weinlaube,

und rief seine Damen auf, das Willkommglas darzubringen. Quecksilbern

wie vor Jahren kam die immer noch zierliche Frau Hadwiga dem Gebote

nach und reichte unter einem Schwall von Worten Christoph Attermann

das Glas, während Sabine im schwarzen Gelock stumm das Glas Martin

Opterberg bot. Aber die Augen des zigeunerhaft schönen Geschöpfes, das

sich wie eine Weide zu dem jäh Erstaunten bog, hefteten sich scheulos,

bettelnd und heischend, an den aufflackernden Blick des Mannes.

»Wie alt bist du jetzt, Sabine?«

»Bald Siebzehn.«

»Ei, da hab’ ich mich verrannt mit dem ›Du‹.«

»Ich kann’s ja auch zu dir sagen.«

Das ging hastig von den Lippen.

Sie saßen dicht beieinander, und der Wein funkelte in den Gläsern

und funkelte bald in den Augen. Wenn Martin Opterberg eine Bewegung

machte, streifte er das schlanke Mädchenknie, wenn Sabine ihm das Glas

hinhielt, streifte sie mit der Fingerspitze seine Hand. Ihre Augen

hingen heimlich immerdar an den seinen, aber in der Heimlichkeit, die

es ihn fühlen ließ und ihm das Blut durcheinander wirbelte, daß er nur

noch das berückende Mädchen spürte und nichts mehr von der zigeunernden

Barthelmeßtochter.

Und nun stiegen die Rheinlieder und die Weinlieder und die Liebeslieder

im Gefolg zu dem mondscheinhellen Rheingauhimmel, und ein Händedrücken

hob an, und die Alten wollten die Jüngsten sein. »Denn dies ist die

letzte Zaubernacht am Rhein,« rief Herr Arnold Opterberg, »und wir

wollen sie ausschlürfen bis zur Neige, bevor uns der Herbst verjagt!«

Eine Mondscheinfahrt schlug er vor. »Zum seligen Abschluß!« Und alle

drängten sie jubelnd ihm nach an den Rhein. Und Arnold Opterberg sprang

wie ein Jüngling als erster in den Kahn, stand hochaufgereckt auf der

Steuerbank und schwang sein Glas dem Märchenzauber des Rheins zu. Der

Arm stand in der Luft. Das Glas schlug klatschend aufs Wasser. Arnold

Opterbergs Augen schlossen und öffneten sich. Standen weit auf, als

sähen sie ins Unsichtbare. Und der Körper sank hintüber und wurde vom

Rhein weggerissen.

»Ein Schlag! Ein Schlag!« schrie Professor Barthelmeß und umklammerte

Frau und Tochter.

Das mondscheinhelle Wasser sprühte auf. Ohne eine Sekunde zu

zögern, hatten sich Martin Opterberg und Christoph Attermann in die

raschfließende Flut geworfen. Ein paar Worte riefen sie sich im Wasser

zu. Kurz. Hart. Ihre Körper tauchten nieder. Wer im jungen Brauserhein

das Schwimmen erlernt hatte, fürchtete die Strudel nicht. Unter Wasser

schwammen sie und tauchten hoch, sicherten und tauchten nieder. Wieder

lagen sie auf den Wellen und ruderten schwerfällig weitab an Land, eine

Last zwischen sich.

Herr Arnold Opterberg hatte gefunden, was er sich erwünscht hatte: den

seligen Abschluß, bevor der Herbst ihn verjagte. -- --

Die Leiche lag geborgen. In triefenden Kleidern stand Martin Opterberg

im Zimmer seines Gasthofes, mit stieren Augen und kreisenden Gedanken,

die um Hilfe riefen. Da öffnete sich die Tür, und ein Mädchen schlüpfte

herein und warf sich ihm an die Brust.

»Martin! Martin! Ich mußt’ zu dir hin!«

»Du! du!« sagte er mit schlagenden Zähnen und preßte seine

kälteschauernden Glieder in die wärmenden Arme. »Das vergesse ich dir

nicht. Daß du in der Stund’ meiner Not gekommen bist.«

Schweren Schrittes trat Christoph Attermann ein. Sabine Barthelmeß

huschte an ihm vorbei und durch die Tür. Ein Schluchzen schüttelte

Christoph Attermanns Körper.

»Martin -- Martin -- nun hat der Rhein beide zu sich geholt -- deinen

Vater und den meinen.« Und als er Martin Opterbergs qualvoll sich

vordrängende Tränen sah, trat er auf ihn zu und wischte ihm so weich

wie eine Mutter mit der Hand über die Augen.

7

Die Leiche Arnold Opterbergs war aus dem Rheingau heimgebracht worden

an den jungen Rhein. Sohn und Pflegesohn hatten sie heimgeleitet.

Und als sie angelangt waren an dem kleinen Dorfbahnhof, an dem ein

vierrädriger, mit schwarzem Tuch behängter Gutswagen auf den Sarg

harrte, gedachten sie beide wie in einem Atemzug der letzten Worte

Arnold Opterbergs auf ihre Frage: wie geht es der Mutter?

»Königlich wie immer,« hatte Herr Arnold gerufen, und königlich wie

immer stand Frau Christiane, kraftvoll und ruhevoll in ihrem schwarzen

Trauerkleid anzuschaun, das strohgelbe Haar im Flechtenkranz unter den

Florhut gelegt, in der Bahnhofhalle und begrüßte durch eine kurze und

herzliche Umarmung ihre Buben.

Die Ruhe der Mutter ging im selben Augenblick auf die erschütterten

Söhne über. Aufrecht und ernst standen sie in ihrer gebräunten

Männlichkeit neben Frau Christiane Opterberg, die mit leisen und

festen Worten die Gutsknechte anwies, den Sarg aus dem Wagen zu heben

und mit Sorgfalt auf das mitgeführte Fuhrwerk zu tragen. Zwischen

ihren Buben schreitend, folgte sie dem langsam dahinrollenden

Gefährt auf der ackerumsäumten Landstraße. Keine Träne floß aus ihren

klarblickenden Augen, kein Klagewort quoll ihr über die Lippen. Ihr

Schmerz um den Toten in der schwarzen Lade war ihr zu heilig, um dem

zusammengeströmten Volk ein Schauspiel zu bieten.

»Ich weiß genug aus eurem Telegramm und aus eurem Eilbotenschreiben,«

sagte sie daheim und strich den Söhnen über den Kopf, »genug, um die

Einkehr einer friedsameren Stund’ abzuwarten, in der ihr mir geruhiger

als heut erzählen könnt und ich geruhiger zuzuhören vermag. Haltet eine

stille Umschau im alten Heimathaus und legt euch frühzeitig schlafen.

Ich seh’s euch an, daß ihr viel nachzuholen habt.«

Die beiden gingen, und Frau Christiane rief sie an der Türe an. Als sie

sich umwandten, stand die Mutter hinter ihnen und zog mit einer starken

Bewegung ihre Köpfe fest an ihre Brust. Und während sie erst den einen

und dann den anderen küßte, murmelte sie: »Weil ihr euch nicht besonnen

habt, euer lebendiges Leben an einen Toten im Strom zu wagen. Ihr beide

-- ihr beide! Ihr habt ihn mir noch einmal geschenkt.«

Dann ging Frau Christiane aufrecht hinüber in die Kammer, um die

letzte lange Aussprache zu halten mit ihrem Toten, den sie in seiner

Mannesschöne heißer geliebt und in seinem leichten Sinn mehr und

mütterlicher umsorgt und gestützt hatte, als es dem Lebenden je zum

Bewußtsein gekommen war.

»Zu verzeihen haben wir uns nichts mehr, Arnold. Was den einen am

anderen nicht gefreut haben mag -- wer will sagen, ob es nicht gerad

des anderen stärkste Persönlichkeitswerte dargestellt hätt’ in einer

anderen Zusammenstellung. Eins aber ist darüber hinaus als eine

Restsumme geblieben, die ihre Zinsen trägt: das ist der Dank deines

Weibes für dennoch viel Liebe, Güte und sonnige Fröhlichkeit, die du in

mein Leben hineingetragen hast.«

Und die Nacht hindurch rief sie in ihren Gedanken alle die hellen Tage

aus Brautzeit und Ehe wach und vergaß die dunklen -- --

Am nächsten Morgen wurde Herr Arnold Opterberg auf dem nahen

Dorffriedhof zur endlichen Ruhe beigesetzt. Die Knechte und Mägde

des Gutshofes umstanden das Grab, aus Dörfern und Städten waren die

Teilnehmenden erschienen, und selbst aus der Schweiz war ein starker

Zuzug erfolgt. Das freute Frau Christiane im Herzen für den, der unten

im Grabesgrund lag und trotz seines unsteten Lebensdranges stark und

mächtig genug gewesen war, über so viel Freundschaft zu gebieten.

Die Schollen waren niedergefallen. In langer Reihe zogen Nachbarn und

Fremde an den Opterbergleuten vorüber und drückten ihnen die Hand.

Schon sehnten sie das Ende der gleichförmigen, den Sinn immer mehr

abstumpfenden Trauerbezeugungen herbei, als Frau Christiane auffuhr,

weil ein fiebriges Lippenpaar sich auf ihre Hand gedrückt hatte, und

Martin Opterberg schier fassungslos aufschluchzte, als er eine Sekunde

lang eine eiskalte Mädchenhand in der seinen spürte. Durch Christoph

Attermanns Augen aber ging ein Leuchten. Denn das schwarzgekleidete

Mädchen, das auch ihm die Hand gedrückt hatte und nun im Schwarm der

heimstrebenden Trauergäste auf der fernen Landstraße dahinschritt, war

Therese Baumgart gewesen.

»Laßt sie,« sagte Frau Christiane. »Sie hat, was auf keinem Seminar

der Welt zu erlernen ist; sie hat die Zurückhaltung der echt adligen

Menschen, die reich machen, weil sie ohne Worte reden. Sie wird zur

rechten Stunde wiederkommen.« --

Christoph Attermann war daheim in den Garten gegangen, der in

Felsstufen zum brausenden Rheine fiel, und saß auf der alten Holzbank,

den Blick auf den strömenden Wassern. Eine Woche war vergangen, seit

sie Herrn Arnold Opterberg hinausgetragen hatten, und der Herbststurm

pfiff über das schwarze Land. Fröstelnd saß er und doch in ruhigem

Abwarten. Denn droben in Herrn Arnolds geliebtem Turmzimmer wußte er

Martin mit Frau Christiane, und er hatte sie alleingelassen, um ihnen

eine Aussprache unter vier Augen zu schaffen.

Martin Opterberg saß, die Arme aufgestützt, am offenen Giebelfenster.

Die Herbstwinde hatten die Luft durchsichtig rein gefegt. Die

Schwarzwaldberge rückten so nahe heran, daß man auf den Matten die

Weiler zählen konnte, und die Alpen türmten sich in lastenden Ketten

übereinander.

»Es treibt dich hinaus, und ich lob’ es,« sagte Frau Christiane und

blickte, dicht neben ihm stehend, in die frostige Weite. »Gewiß hat

dich die Dienstzeit bei den Pionieren in der werktätigen Ausübung

deines Berufs geschult und gefördert, aber daß der Geist mehr zu lernen

hat als die Hand, das versteh’ ich. Also nach Darmstadt geht’s nimmer?«

»Die fünf Semester dort genügen mir, Mutter. Wenn’s dir recht ist,

geh’ ich nach Berlin; ich mein’ Charlottenburg. Ich wüßt’ mir nichts

besseres zum Schaffen.«

»Du willst fort -- vom Rhein?«

»Mutter, ich muß das Bild erst aus meinem Kopf verloren haben.«

»Das -- vom Vater?«

Martin Opterberg nickte. Sein Blick haftete in den Fernen. Und

unvermittelt erzählte er.

»Weißt, Mutter, als wir über den Rhein nach Rüdesheim kamen, der

Christoph und ich, und der Vater uns erwartete und zum Barthelmeß

brachte, da sahen wir’s ja gleich, daß die Herren drei Tag’

Rheingauer-Sonntag gemacht hatten, und die Nächt’ nicht zu rechnen.

Aber der Vater hatte’s ja doch geübt seit der Düsseldorfer Jugendzeit

an, und es tat ihm nichts und machte ihn nur sprühender und sieghafter,

als wär’ er der Jüngste und ging’ erst drauf los, die Welt zu erobern.

So gab ich nichts darum, und daß der Barthelmeß die Geberlaune des

Vaters ausnutzte und immer noch edlere und heißere Sorten auftischen

ließ, achtete ich auch nicht, denn die Sabine war ein wirklich schönes

und liebenswertes Mädchen geworden, und es war dem Kind zu gönnen, daß

es einmal etwas anderes vom Leben erfuhr als das Leben von Vater und

Mutter.«

»Darum,« sagte Frau Christiane.

»Ja, darum, und weil es mir selber Spaß machte, zu sausen und zu

brausen, und weil ich mein Blut spürte und nicht fragen und nur warm

sein wollt’. Jetzt, nach zwei Wochen, weiß ich’s als gewiß, ich wär’ in

der Nacht toller geworden als der Vater, und ich hätt’s mir am anderen

Tag vielleicht nicht verzeihen können, denn ich hatt’ das Mädel schon

ganz rappelköpfisch gemacht.«

»Ich denk’, das Mädel dich?«

»Mutter, das Kind! Und ich war schon gebrüht und gebeizt durch sieben

Studentensemester in Freiburg und Darmstadt und das Pionierjahr in

Mainz, das auch nicht lauter Katechismusunterricht war. Ich beschönige

dir nichts, Mutter. Ich war wie vom Teufel besessen an dem Abend, und

wohl daher um so mehr, als mir der Barthelmeß und sein Weib so widrig

waren -- und da geschah’s.«

»Was geschah?«

»Daß der Vater auf die Steuerbank stieg und ein Hoch auf das heiße

Leben ausbringen wollt’. Und dann stand sein Arm in der Luft. Und seine

Augen wurden leer und sahen doch mehr als wir. Aber der Arm stand immer

noch steil in der Luft. Wie ein Warnungszeichen: Halt, Martin! Keinen

Schritt weiter! Hier geht’s ins Wasser! Und dann versank er rücklings.«

Martin Opterbergs Augen suchten die jungen Wasser des Rheins. Als sähe

er das Bild wiederkehren und käme nicht los. Frau Christiane blickte

auf ihres Buben wirres Blondhaar und sprach nicht eine Silbe.

»Mutter, da hat mich das Grausen gepackt. Und ich meinte, auch ich

sähe mehr als bisher. Oder es war mir doch später so, als hätt’ ich’s

gemeint. Denn zunächst wußte ich, und der Christoph mit mir, nichts

anderes als: hinein in die Flut und den Vater geholt. Und das glückte

denn auch. Ja, Mutter, so war’s. Und nun wirst du verstehen, daß

ich fern fort möcht’ und nichts als Studium und Arbeit haben, um das

Gleichgewicht wiederzufinden.«

Ganz sacht streichelte Frau Christiane ihrem Buben die Schulter.

»Es war ein Unglücksfall, Martin. Ein schwerer und fürchterlicher

gewiß. Aus dem heißesten Leben in den kältesten Tod -- das erzeugt

Schreckbilder in jedem, der’s mit ansehen muß, und legt an seine

eigenen irdischen Gedanken plötzlich Riesenmaßstäb’ an. Es war der

schwere Wein und die seit Tagen überfüllten Adern. Da kam es zum

Schlagfluß. Jedem anderen wär’s geschehen.«

»Den steilen Arm redest du nicht hinweg,« murmelte Martin Opterberg.

»Ich will’s auch nicht, Martin. Es soll ein jähes Erwachen und

Überblicken gewesen sein. Und wenn es ein Warnzeichen gewesen wär’.

Das Blut des Vaters ging oft rascher und unbändiger, als zu Zeiten gut

war, und wenn’s ihm selber Freude schaffte, so schuf es den anderen

oft Herzeleid, ohne daß er’s recht ahnte in seiner Fröhlichkeit. Gut,

nimm’s als ein Warnzeichen, mein Bub. Aber vergiß nicht: du bist aus

dem Blut von Vater _und Mutter_ entstanden. Und die Mutter bringt nicht

nur das Kind zur Welt, sie speist es all sein Lebenlang mit ihren

besten Säften und Kräften, wie die Quelle, die wir in eurer Kinderzeit

hoch droben im Gletscher fanden, unaufhörlich den jungen Rhein speist,

und flöß’ er noch weiter als durch Deutschland und Holland ins Meer.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, nahm ihre Hand von seiner Schulter

und legte sie sich an die Augen, »ich spür’, daß du da bist.«

»Spür du auch ruhig den Vater. Nur zur rechten Zeit muß es sein.«

»Sag noch ein Wort dazu, Mutter.«

Da ging ein heimliches Lächeln über Frau Christianes Züge, das der Sohn

nicht sah und das sie ganz aus ihrem Alltag und Werktag entrückte.

»Ich will es dir gewiß sagen, Martin, obschon du es selber weißt, wenn

du im Frühjahr und Sommer über die Wiesen hinblickst. Da siehst du die

Bienen unermüdlich hin und wider surren und Honig in die Zellen tragen,

und da siehst du die farbenfrohen Schmetterlinge wie geflügelte Blumen

durch die Sonne schweifen und von den Blüten nur den Honig trinken,

ohne ihn zu sammeln, und sie entzücken dich doch. Was uns aber in den

stillen Stunden entzückt, das sollen wir in den lauten nicht schmähen.«

Martin Opterberg stand auf. Jetzt erst seit dem Wiedersehen kam es Frau

Christiane zum Bewußtsein, wie groß und männlich er geworden war.

»Ich danke dir, Mutter. Und ich habe dich ganz genau verstanden. Jetzt,

da wir uns das Beste gesagt haben, wollen wir’s auch kurz mit dem

Abschied machen. Das Semester hat schon begonnen. Morgen fahre ich nach

Berlin.«

»Und der Christoph?«

»Der Christoph will auf die Hochschul’ nach Aachen. Für ihn ist der

technische Hochbetrieb im Rheinland das Beste. Wir haben’s besprochen,

Mutter, und es muß jeder einmal allein sein.«

»Wirst du deiner alten Freundin Therese Baumgart vorher noch ein

Lebewohl bieten?« fragte Frau Christiane, als frage sie leichthin.

»Der Therese? Die nur wie ein Geist hier erschien und wie ein Geist

verschwand? Wenn ich einen Strich ziehen will, darf ich keine Lücke zum

Ein- und Ausschlüpfen lassen.«

»Also auch die Barthelmeßleute siehst du nimmer?«

»Um die Sabine ist mir’s leid,« sagte Martin Opterberg und schaute über

die Mutter hinweg. »Sie war die erste und einzige, die mich in meiner

Not aufsuchte und mehr als den üblichen Händedruck für mich fand. Aber

es ist schon besser, ich lass’ es auch hier mit dem Wiedersehen ein

paar Jahre anstehen.«

»Nein,« sagte sich Frau Christiane, »er ist doch noch ein Bub, denn es

ist noch verletzte Eitelkeit in ihm und eifersüchtig Abwägen.«

Dann gingen sie und stiegen aus des Vaters Sehnsuchtsstube hinab und

saßen noch lange bei Christoph Attermann auf der Bank …

In der Adventszeit kam Therese Baumgart angereist. Von Heidelberg hatte

sie bei Frau Christiane angefragt, ob sie kommen dürfe, und nun lag sie

mit ganz bleichem Gesicht an Frau Christianes Brust.

»Warst du krank, daß du so weiß ausschaust?«

»Es ist nur die Freud’.«

»Dann wollt’ ich, ich säh’ dich nie anders. Aber ein bißl rosa anmalen

darf ich dich doch? Gelt?«

»Komm’ ich auch nicht störend so nah’ vor der Weihnachtszeit? Sie

werden mich gewiß auslachen, wenn ich’s sag’, und sich in der Still’

denken: Eine Ärztin will das werden, die so empfindsam ist? Aber es

hat mich hergestoßen, weil ich wußt’, die Buben sind fern und die Frau

Christiane haust zum ersten Male allein zum Fest.«

»Und da willst du mich wohl gar auf dein Studentenstübchen holen

kommen, Liebchen?«

»Ah,« lachte Therese Baumgart, über den Gedanken belustigt, »das

hätt’ ich mir allein gar nicht auszudenken gewagt. Aber hierbleiben

möcht’ ich, wenn ich darf, bis über den Weihnachtsabend, und am ersten

Feiertag nach Karlsruhe reisen zum Lindele.«

»Das Lindele feiert wohl im Stift seine Weihnachten?«

»Ja, aber ich darf es besuchen und mit ihm spazieren laufen und

Schlittschuh fahren, so oft ich will. Ich miet’ mir immer ein

Ferienstübchen in Karlsruhe.«

»Jetzt geht’s zu Tisch,« gebot Frau Christiane, »und des Morgens wird

ausgeschlafen bis in den hellen Tag, denn auf die Felder können wir

nicht, oder nur mit Schneeschuhen. Schenk den Tee ein, Kind. Und reich

mir die Sahne. Ich will mich einmal recht von dir verhätscheln lassen.«

Allerlei Handreichungen ließ sich Frau Christiane tun und erfand

täglich neue, um das Mädchen im Glauben zu halten, es sei ihr eine

große Hilfe, während sie doch von Morgen bis Abend insgeheim an ihm

herumsorgte, striegelte und fütterte, bis die Mädchenwangen sich

röteten und die Augen den alten Glanz hatten.

Am Tage vor dem Heiligen Abend fuhr Frau Christiane mit der Bahn nach

Freiburg, um die letzten Weihnachtseinkäufe zu tun. Aber am Basler

Bahnhof stieg sie in den Schnellzug nach Karlsruhe, und als sie in der

Nacht heimkehrte, durfte Therese Baumgart nicht durch den Türspalt

spähen. »Das Christkindchen ist im Haus,« neckte Frau Christiane und

blieb auch den nächsten Tag geheimnisvoll, bis in der Dämmerstunde

das silberne Klingeln durchs Haus lief, das alle Gutsangehörigen zur

Bescherung lud.

Auch auf Therese Baumgarts Platz lagen vielerlei Gaben der Liebe, und

das Mädchen, das seit Jahren gewohnt war, sich seinen Weihnachtstisch

selber zu decken, bedankte sich in größter Glücksverwirrung.

»Ei,« sagte Frau Christiane, »du hast mir durch dein Kommen und

Meingedenken ein so groß Geschenk gemacht, daß es mit der Handvoll

Sächelchen doch arg gering vergolten wär’. Dazu bedurft’ es nicht

eigens der gestrigen Fahrt. Das Hauptgeschenk harrt unter dem Tisch.

Knie dich einmal nieder, Kind.«

Therese Baumgart kniete nieder und lüftete das weiße Tafeltuch, das

bis zum Boden niederhing. Und dann fuhr ihr Oberkörper mit einem Ruck

unter das weiße Tafeltuch, und aus dem Zelt hervor drangen Worte des

Entzückens, der Fröhlichkeit und Seligkeit, aber nicht einstimmig,

sondern zweistimmig, und unter dem Gabentisch kroch ein zwölfjährig

Mädchen hervor, ein getreues Abbild der Therese Baumgart, nur rascher

und lustiger in Wesen und Augen, und nun war auch Therese Baumgart auf

den Füßen, starrte Frau Christiane wie eine Erscheinung an, erwachte

und schlang ihr stürmisch die Arme um den Hals.

»Hab’ ich’s Rechte getroffen, Theresel? Ich mein’ fast, es schmeckt

noch besser als ein Paket Basler Leckerli.«

»Jetzt versteh’ ich den Christoph Attermann,« murmelte die Glückliche

am Halse der Frau.

Das Lindele hatte Ferien erhalten bis nach dem Dreikönigstag. Frau

Christiane hatte sie ihr ausgewirkt. Und vierzehn volle Ferientage kam

kein Buch und keinerlei Arbeit in Therese Baumgarts Hände und nur das

im Haus und Gutshof herumjubilierende Schwesterchen. Das hatte Frau

Christiane zur Bedingung gemacht.

»Red mir nicht von Dankbarkeit,« sagte die geruhige Frau, der das

klare, gelbe Haar den Schein der vollen Sommerherrlichkeit verlieh.

»Mir hat die kleine Linde zum mindesten so wohlgetan wie dir. Gerad

in meiner Ehe hat ein Mädelchen gefehlt. Die Buben kann man aufrecht

erziehen, aber nicht huscheln und kuscheln, wenn’s einem mal heiß in

die Kehle steigen will. Weißt, Theresel, ein Mädelchen, das ist immer

schon wie eine kleine Mitschwester, und nun bring mir das Lindele jede

Ferien.«

Der Handschlag, den Therese Baumgart darauf leisten mußte, wurde die

kommenden Jahre getreulich eingelöst.

* * * * *

Die Jahre aber gingen ihren Gang und brachten Aussaat und Ernte trotz

Frost und Hagelwetter und Hoffnungen und Erfüllungen den Menschen

trotz mancher verwehten Frühlingsblume, wie es der stete Lauf des

Lebens, der über Erschütterungen lächelnd dahingeht, bedingt. Die

Opterbergsbuben blieben an der Arbeit und schlugen sich zu Männern

durch, leichter oder schwerer, je nach Art und Veranlagung, und Frau

Christiane schrieb im Monat jedem einen Brief. Nicht mehr. »Man muß den

Menschenkindern Zeit lassen, einander etwas Erfreuliches zu berichten,«

pflegte sie zu sagen, »sonst quält sich Häcksel aus den Köpfen, und der

ist gut für die Gäul’.«

Martin Opterberg war noch nicht wieder heimgekehrt. Er wollte einen

Studienabschluß haben, und die Ferien verbrachte er, wenn er nicht

gerade eines Winters zum Besuch der Theater und Konzerte Berlins

bedurfte, auf Reisen, die ihn oft bis hinauf in das industriereiche

Schweden und in das holzbestandene Norwegen führten. Seiner Mutter

schrieb er freundliche Sohnesbriefe, aus denen Frau Christiane mit

sicherem Auge das herauslas, was nicht darinnen stand: die immer noch

nicht gebändigte Unrast und die Enttäuschung an den errungenen Freuden

der Welt.

»Gut so, denn dazwischen liegt der Ausgleich,« sagte Frau Christiane

und bündelte den Brief zu den übrigen.

Christoph Attermann kam in festen Abständen. Er sah nach dem Ergehen

der Mutter, erzählte kurz und klar von seinen Fortschritten und den

Hemmungen, die es noch zu überwinden gebe, und hockte dann schweigsam

lauschend an ihrer Seite wie in Kindheitstagen. Seine Züge waren

fest und seine Bewegungen sicherer geworden, seitdem er ohne Martin

Opterberg hauste und den Weg allein unter die Füße nahm. Das sah Frau

Christiane auf den ersten Blick, und was sie von Stund an mit ihm

besprach, betraf ihn allein und nicht mehr die Buben zusammen.

»Mutter,« sagte dann Christoph Attermann beim Abschied, »ob ich komme

oder geh’, ich spür’ immerdar die Kraft deines Gleichnisses von der

Rheinquelle und den ins Weite strömenden Wassern. Und ich spür’ die

Kraft des Nimmer-Zugrundegehenkönnens, solang die Quelle fließt.«

»Ich weiß schon von der Therese Baumgart, was für gewählte Reden du

über mich führst.«

Auch die Therese Baumgart suchte Christoph Attermann in festen

Abständen auf. Sie stand jetzt in Staatsexamen und Doktorprüfung

und freute sich wie ein Kind, wenn das vertraute Gesicht des

Jugendkameraden in ihren Nöten vor ihr erschien.

Und es gab keine Angst und keinen Zwiespalt des Prüflings, den der

gesunde Sinn des Freundes nicht ausgeräumt und ausgeglichen hätte.

»Wenn ich die Augen schließ’, mein’ ich, ich hör’ Frau Christiane

reden, und sie hat doch diesen ihren zweiten Sohn gar nicht geboren.«

»Doch, doch. Die Seele.« -- --

Therese Baumgart hatte für die letzten Semester die Universität in Bonn

gewählt. Das war für den Freund, der noch in Aachen verblieben war,

bequem zu erreichen. Und wenn er kam und das Wetter günstig war, holte

er sie zu einem Marsch in das stille Siebengebirge oder auf die Höhe

des Rolandsbogens, und unter ihnen rauschte der Strom um die Inseln

Nonnenwert und Grafenwert und ergoß sich durch das letzte Bergtor,

all seinen Zauber noch einmal zum berauschendsten Schönheitsbild

zusammenfassend, beruhigt und kraftvoll in das Land der Arbeit.

»Abschied von der Jugend,« sagte Therese Baumgart sinnend.

»Begrüßung des Manneslebens, Therese. Oder auch des Frauenlebens.

Das ist eins. Wer sagt dir, daß sich der Rhein nicht dafür so ganz

besonders bräutlich schmückt.«

»Du magst Recht haben, Christoph, aber er tut es gewiß auch, um uns zu

mahnen: Vergeßt die genossene Jugend nicht.«

»Nein, die vergessen wir nicht, und auch den dritten im Bunde nicht,

der sich jetzt in Berlin herumquält.«

»Quält er sich --?«

Dann nahm Christoph Attermann wohl die Briefe Martin Opterbergs hervor

und las, während sie auf einem einsamen Waldhügel lagerten und doch die

Fülle rheinischen Lebens vor Augen, der Horchenden manche halbe Stunde,

bis ihr alle Examensnöte klein erschienen.

* * * * *

»Im zweiten Jahre hause ich nun in dieser brausenden Stadt, die so

reich ist und so arm. So reich an geistiger Schöpferkraft in Kunst

und Wissenschaften, daß man nicht weiß, woher die Eimer nehmen, um

zu schöpfen, und so arm hinwiederum an geistigem Lebensbedarf großer

Menschenherden, daß oft ein Becherlein genügt, um ihn auszuschöpfen.

Ich meine nicht die Bildungsbestrebungen des arbeitenden Volkes,

das nach all den Schätzen hungert und dürstet, die die sich höher

veranschlagenden Kreise meist nur wie Spielzeuge auf der Festtafel

liegen haben, um sie bei guter Gelegenheit zum Ballspiel zu benutzen.

Weshalb kein Ausgleich hier und keine Vertiefung dort, da die Quellen

überreichlich springen? Es ist die Stadt der Unausgeglichenheiten, und

ich stehe mit meiner eigenen mitten darin.« -- -- --

* * * * *

»Einen ganzen Winter hab’ ich an Gesellschaften hingegeben. Ich wollte

die Seele der höheren Menschheit kennen lernen, und war fast immer

falsch am Ort. Die Seelen, die ich suchte, finden sich wohl nur auf den

stillen Gelehrtenstuben und in den Arbeitsräumen der Handelsherren,

der Erfinder und Insichgewendeten. Auch wohl in den alten preußischen

Beamten- und Offiziersfamilien. Ich suchte das höhere Berlin auf,

das sich so stolz und überheblich ›das ganze‹ nennt, und da ich ein

guter Tänzer und kein schlechter Unterhalter bin, so habe ich rund ein

halbes hundertmal den Frack getragen, und ein halbes hundertmal von

Silber gespeist und den Sekt aus Kristallschalen getrunken, und ein

halbes hundertmal dieselben Gesichter betrachtet. Denn das scheint

mir eines der bemerkenswerten Kennzeichen dieses höheren Berlins, daß

man wohl allabendlich in einem anderen Hause tafelt, aber immer mit

demselben halben Hundert Menschen, die nur umgruppiert werden, damit

dieselben Scherze nicht an dieselben Hörer gelangen. Stark ist die

Börse vertreten, und der Schnitt mancher Gesichter weist östlich. Und

nicht nur der Gesichtsschnitt. Es ist der Ton, der die Musik macht, und

der Ton läßt -- wenigstens im Lichte _unserer_ Kinderstuben -- oft doch

gar zu sehr zu wünschen übrig. Er ist nicht als unmöglich zu fassen --

er entgleitet -- und gleitet über Oberflächen -- und läßt Schaumblasen

zurück. Darin sind Männer und Frauen geistesverwandt. Man spricht vom

Theater, von der Kunst, von Politik und Wirtschaftsleben, Tollkühne

auch von der Wissenschaft -- und endigt unweigerlich bei der Liebe. Der

Rest ist ein Stelldichein.« -- -- --

* * * * *

»Wir haben daheim des öfteren darüber gesprochen, daß die rheinische

Menschheit nur allzugern über ihre Verhältnisse lebt. Im Lande des

Weines macht es die Begeisterung, das heißere Blut, und bleibt

verständlich und leichter verzeihlich. Hier in Berlin ist es

kaltblütigste Berechnung, mehr zu scheinen und reicher zu erscheinen,

als man ist, um der lieben Mitwelt Sand in die Augen zu streuen, um

bessere politische oder Handelsgeschäfte zu machen, um den Heiratsmarkt

für die Töchter günstiger zu gestalten oder sich für alle Fälle und

Zwecke in empfehlender Erinnerung zu halten. Dieses fettige Leben frißt

wie ein Ölfleck um sich und ergreift Familien, die _nicht_ über die

notwendige Kaltblütigkeit verfügen und in dem Bestreben, gleichwertig

geschätzt zu werden, die übertriebenste Gastlichkeit in gleicher

Münze erwidern, schnell aber von Schulden und Unzuträglichkeiten

aller Art aufgerieben und zu Tode gehetzt werden. Denn das ist ja

das wirtschaftlich Gefahrdrohende bei solcher Lebensgestaltung, daß

gerade der Nichtbesitzende den Wert des Geldes nicht mehr empfindet

und zum Abenteurer wird, statt zum Werteschaffenden. Ich erblicke

in der Ausbreitung solchen Wesens für unsere völkische Gesundheit

eine weitaus schwerere Gefahr als -- sagen wir -- selbst in einem

unglücklich endenden Krieg. Der verlorene Krieg geht an die Knochen;

dies undeutsche Wesen aber geht durch die Knochen hindurch an die

Seele.« -- -- --

* * * * *

»Ich schrieb dir, lieber Christoph, in einem früheren Brief über das

Hungern und Dürsten der Volksmassen nach gesteigerter Bildung. Auch

diesen Heiligenschein vermag ich heute nicht mehr über die Häupter der

Vielheit zu halten, denn es wird auch hier mit Wasser gekocht, und die

Vielheit liefert nur den Brand dazu. Ich habe die Volksversammlungen

durchzogen und den Reden der Volksführer gelauscht, und wenn ich später

die aufrüttelnden und erhebenden Worte mit den Wirklichkeitstaten

verglich, so blieb es ein Häuflein, das nach besserer Geisteszufuhr,

und ein Haufe, der nach besserer Magenzufuhr schrie. Nicht etwa nur

aus Nahrungsnot, was verständlich wäre, sondern weil die Mehrheit die

höhere Bildungsstufe eben im reicher beschickten Kochherd erblickt,

und das seit alters her und wohl bis zum Jüngsten Tag, sofern wir

nicht allmiteinander Engel auf Erden werden. Diejenigen aber, die

die Menge aufrufen, benutzen sie nur allzuoft, um sich von ihr in

die Höhe tragen zu lassen und durch sie eine Stellung zu erlangen,

mit dem Kopf durch die Wand hindurch, die sich ihnen aus Rassen- und

Klassen-Kinderstubengründen entgegenzustellen scheint. Also auch

hier neben manchem reinen Kämpfer und edlen Schwärmer viel unsaubere

Kittel. Grüß mir unseren jungen Rhein und unser Jugendland in den

Bergen.« -- -- --

Therese Baumgart blickte angestrengt in die Ferne. Ihre Hände lagen

fest gefaltet im Schoß.

»Das klingt -- das klingt -- wie ein leidenschaftlich Suchen,

Christoph, und wie ein herumirrend Glücksverlangen.«

»Das Blut des Vaters und das Blut der Mutter liegen noch im Kampf

in ihm, Therese. Da setzt es noch Wunden, und Verwunderungen zum

mindesten. Aber das Blut der Frau Christiane wird schon obsiegen,

wenn’s auch ein bißl lang für unsere Begriffe währt. Glaub’s mir,

Theresel, ich kenn’ es, das Blut.«

»Du hast es ja selber mit der Muttermilch getrunken,« antwortete sie

und reichte ihm, aufatmend, die Hand.

* * * * *

Es kam eine Zeit, in der der Opterberghof von Depeschenboten überlaufen

wurde. Wenn es zu irgendeiner Unzeit am Haustor läutete und die

Hofhunde ein gellendes Gebell anhoben, fuhr schon Frau Christiane

lächelnd mit der Hand in die Wirtschaftstasche am Gürtel, um ein

blitzblank Dreimarkstück für den noch ungesehenen Einlaßbegehrer

hervorzuzaubern, denn sie wußte alsbald, was er brachte. Als erste

meldete Therese Baumgart ihr glücklich bestandenes Staatsexamen.

Wenige Wochen darauf wiederum Therese Baumgart ihre mit »gut«

bestandene Doktorprüfung. Martin Opterberg und Christoph Attermann

stellten sich in Drahtnachrichten fast gleichzeitig der Mutter als

Regierungsbaumeister vor. Und über eine kurze Spanne traf eine zweite

Drahtung Martin Opterbergs ein, die die Erreichung des Doktorgrades an

der Universität Berlin für eine glänzend bewertete volkswirtschaftliche

Abhandlung anzeigte. Diesmal hätte Frau Christiane vor freudiger

Überrumpelung fast den Botentaler vergessen.

In einer Herbstnacht kam Martin Opterberg unangemeldet heim.

Sechsundzwanzig Jahre zählte er jetzt und trug das kühngeschnittene

Gesicht des Vaters. In seltsamer Bewegung schloß ihn Frau Christiane

in die Arme. Und der Sohn gewahrte zum ersten Male im Auge der

lebenssicheren und selbstsicheren Frau eine Träne.

»Mein junger Herr ist heimgekehrt,« scherzte Frau Christiane die

Erschütterung hinweg …

Martin Opterberg hatte sich mit Christoph Attermann ein Stelldichein

bei der Mutter gegeben.

Christoph Attermann kam am anderen Tage, und nach Stunden schon war es,

als seien sie nie getrennt gewesen, und nur eine keusche Mannesherbe

blieb in ihren Empfindungen zwischen ihnen. Gleich groß gewachsen,

standen sie auf festen Füßen nebeneinander, und Frau Christianes Augen

wanderten in geheimer Freude von dem scharfgeschnittenen Kopfe des

Sohnes zu dem offenen Antlitz des Pflegesohnes, dem der kurzgehaltene

blonde Vollbart wohlanstand.

Die jungen Männer besprachen ihre Lebenspläne. Beide hatten sie

schon vorgesorgt. Christoph Attermann wünschte sich auf den Gebieten

des Tief- und Hochbaus zu betätigen und hatte für den Anfang eine

Anstellung beim Bau der gewaltigen Wasserkraftstauwerke im benachbarten

Laufenburg angenommen, die er später mit einer Stellung an einem

großen niederrheinischen Brückenbauwerk zu vertauschen gedachte. Martin

Opterberg ging nach Holland, England und Amerika, um vornehmlich im

Flußschiffbau tätig zu sein und gleichzeitig die Handelsbeziehungen zu

studieren. Auch er hatte sich bereits den ersten Arbeitsplatz gesichert.

»Die Lehrjahre sind überstanden,« sagte Martin Opterberg, »nun folgen

nach altem Zunftbrauch die Wanderjahre, Mutter, bevor man sich als

Meister seßhaft machen darf.«

Frau Christiane sprach nicht hinein. Das war das Mutterschicksal, daß

man die Kinder in der besten Zeit hergeben mußte, um sie erst wieder zu

haben, wenn’s zu Tale ging. Nein, keine Selbstsucht. Das Leben kennt

nicht eine Mutter und nicht ein Kind, es springt von Geschlecht zu

Geschlecht. Und Mutterselbstsucht ist wie ein Fluch.

Von der Rheininselstadt des heiligen Fridolin, dem Trompeterstädtchen

Säckingen, bis nach den zischenden und strudelnden Stromschnellen im

Felsenbett von Laufenburg streiften die beiden Brüder und Freunde noch

einmal gemeinsam ihr Jugendland ab. Schon am zweiten Tage baten sie

Frau Christiane, mitzuwandern. Das tat sie mit Freuden. --

Und wieder war Martin Opterberg in die Welt, in die es ihn, wie

einst seinen Vater, zog. Doch wanderte er nicht wie Herr Arnold mit

schwärmenden Augen und müßigen Händen, er wanderte mit klarforschenden

Blicken und arbeitsregen Armen, und nach Jahresfrist setzte er von

Rotterdam über den Kanal nach England, und wieder nach Jahresfrist

von England über den Atlantischen Ozean nach den Vereinigten Staaten

von Nordamerika. Seine Briefe an Mutter und Freund wurden mehr und

mehr wie Berichte eines Handelskonsuls, und waren sie zwischen den

beiden ausgetauscht, so schickte sie Christoph Attermann, der den

Strombau zu Laufenburg nun auch schon seit mehr als einem Jahr mit

dem Bau von Brücken und Werftanlagen in dem großen niederrheinischen

Werk vertauscht hatte, an Therese Baumgart, die als Ärztin an einer

badischen Kinderheilanstalt wirkte. Die kleine Linde aber war, zum

Jungmädchen erblüht, nun ganz das Abbild der Schwester geworden, nur

heiterer und zugreifender, denn sie lebte als Hilfe und Hausgenossin an

Frau Christianes Seite.

Im Sommer des vierten Jahres landete Martin Opterberg in Bremen. Von

Köln aus nahm er den Rheindampfer, und als er durch den taghellen

Sommerabend die gesegneten Ufer des Rheingaus entlang fuhr und die

Namen der Weinstädte von den Tafeln der Haltestellen las, überkam den

in Arbeit Gehärteten eine so weiche und sehnsüchtige Stimmung, daß er

seinen Reiseplan änderte und beim nächsten alten Städtlein den Dampfer

verließ. Hier mußten, dem letzten Briefe Sabines nach, jetzt die

Barthelmeßleute hausen. Es zog ihn, das Mädchen zu sehen und ihm einen

Gruß zu bieten.

Der Professor war zu einem Abendtrünklein, und die Frau war gegangen,

um ihn abzuholen, erläuterte ein knapp der Schule entwachsenes

Dienstmädchen, das ihn eintreten ließ. Das Fräulein wolle sie suchen

gehen. Martin Opterberg schaute sich im Zimmer um. Es war in einer

Unordnung, als ob man es morgen wieder zu verlassen gedächte. Er lenkte

den Blick ab. Die Tür war gegangen. Und auf huschenden Füßen kam es

herein, ein vollerblühtes Geschöpf, dem die schwarzen Locken um die

Stirn und die weißen Gewänder um die Glieder flogen, warf sich an seine

Brust, umstrickte ihn in den Armen, küßte ihn mit stürmischen, wilden

und weichen, tollmachenden Küssen.

»Martin, mein Martin! Lang hast du mich warten lassen! Vergangen bin

ich schier! Nun bist du gekommen, und ich vergeb’ dir, verzeih’ dir

und hätt’ noch hundert Jahr auf dich gewartet. Aber gut ist’s, daß du

gekommen bist um all der vielen Sehnsucht willen.«

»Mädchen! Sabine! Reiß dich zusammen, Kind!«

»Weshalb soll ich mich zusammenreißen? Du siehst es ja nur allein, und

vor dir darf ich sein, wie ich bin. Vor dir hab’ ich kein Geheimnis,

auch kein Mädchengeheimnis. Du hast es mir ja entlockt, damals schon,

an dem Abend zu Rüdesheim, als ich noch ein halbes Kind war und du mich

warten hießest!«

»Tat ich das? Mir sind an dem ereignisvollen Abend die Sinne

durcheinandergeraten.«

»Grüble nicht mehr. Es ist ja alles gut. Und nun schau auch du mich

einmal an, Martin.«

»Du bist geworden, was du zu werden versprachst. Wie eine der fremden

wildduftenden Blüten, die ich zuweilen im Rankengeflecht des Urwalds

fand. Aber Haar und Kleid sind zerzaust, Sabine.«

»O du Schulmeisterlein! Ich schwamm im Rhein, als mich die Kleine

rief, und da bin ich in die Kleider geschlüpft, wie’s kam, und hab’

die Haare flattern lassen, wie sie wollten, nur um eine Minute früher

bei dir zu sein. Oder hätt’st du eine Fischblütige lieber gemocht, die

erst zur Haarkünstlerin und zur Kammerzofe gewandelt wär’? Ich weiß es

nicht, und wußt’ nur das eine: Ich muß zu ihm, wie ich geh’ und steh’,

und jede Minute ist mir geschenkt.«

Und der Langentwöhnte spürte den weichen Frauenkörper und spürte den

wilden Zauber der Stunde, und er schloß die Augen und küßte wie ein

Verdursteter die Lippen, die die seinen suchten.

Draußen polterte der Professor, der mit seiner Gattin heimkehrte. Er

stand im Türrahmen und klatschte in heller Verwunderung die Hände

zusammen, obschon das kleine Dienstmädchen ihn hatte holen und

benachrichtigen müssen. »Der Martin! Mein junger Freund Martin! Der

Sohn meines unvergeßlichen Arnold Opterberg.«

»Vater,« stieß Frau Bathelmeß atemlos hervor. »Was haben die Kinder?«

»Ja,« wiederholte der Professor staunend, »was habt ihr denn, Kinder?«

»Unsere Verlobungsstunde haben wir!« rief Sabine Barthelmeß und wühlte

ihren Kopf an des Erkämpften Brust.

»Meine drei Söhne,« sagte der Professor mit feuchtgewordenem Auge,

»haben mich verlassen und sich selbständig gemacht mit meinen besten

Gaben. Wenn ich auch stolz auf sie bin -- das Verlassenwerden tut weh.

Nun aber hab’ ich einen neuen Sohn, der treu bleiben wird.«

Martin Opterberg schritt über die Straße. Er ging zum Gasthof, um sich

umzukleiden, und hatte versprochen, in einer Stunde zurück zu sein. Die

Sinne liefen ihm wirr durcheinander, und er fand den Faden nicht. Nur

einen wildsüßen Duft spürte er auf den Lippen, an den Händen.

»Dies heiße Mädchen also,« sagte er mit einem tiefen Atemzug. »Es sei.

Ich hab’ die weichen Arme so nötig nach der harten Fron.« Und mit einem

Willensentschluß trat er in das Postamt ein und gab eine dringende

Drahtung an Christoph Attermann auf.

Christoph Attermann traf schon am Mittag mit dem Schnellzug ein. Die

Brüder standen Hand in Hand, und beider Hände waren hart geworden.

Sie sahen sich in die Augen, und keiner fragte nach der vierjährigen

Trennung den anderen nach dem Ergehen.

»Mußte es sein, Martin?«

»Ich denk’, es ist recht so.«

»Ich bin nicht du, und du bist nicht ich. Wenn du sie für die Rechte

hältst, wünsch’ ich dir Glück und Frieden.«

»Ende der Woche wollen wir die Mutter überraschen. Es kam mir ja selbst

überraschend, Christoph, denn gar so schnell hatte ich mich noch nicht

hergeben wollen. Doch das ist nun so mit der Liebe,« lächelte er ins

Weite. »Sobald die Sabine ihre Reisekleider hergerichtet hat, fahren

wir auf den Opterberghof. Willst du sie begrüßen?«

»Wenn sie nichts von meinem Kommen weiß, möcht’ ich, wie sich’s

gebührt, der Mutter den Vorrang lassen.«

»Gut. Und du willst schon am Nachmittag zurück?«

»Ich hab’ noch im Badischen zu tun.«

Am späten Abend verließ Christoph Attermann auf einer kleinen

Schwarzwaldhaltestelle den Zug. Er stieg durch den harzduftenden

Tannenforst bergan und fand den weißen Bau der Kinderheilstätte. Auf

sein Befragen führte man ihn zum Wohnzimmer der Ärztin ~Dr.~ Therese

Baumgart.

Im frischen weißen Kittel stand Therese Baumgart, schlank und geruhig,

und in ihrer braunen Haarkrone spielten die Abendlichter. Jetzt aber

schrak sie auf. Sie hatte den Besucher erkannt. »Herrgott, Christoph,

was führt dich so jäh daher?«

»Verzeih mir, Theresel, daß ich dich erschreckt hab’. Aber ich mußt’ zu

dir und dich fragen.«

»Was fragen, Christoph, das gar so wichtig wär’?«

»Ob du nicht meine Frau sein möchtest, Theresel? Oder es werden

könnt’st, wenn du -- frei bist?«

Sie stand regungslos und schaute ihn an.

»Ich bin frei, Christoph. Der, den du meinst, ist überstanden. Nicht,

als ob ich ihm die Freundestreue gebrochen hätt’. Ich vermöcht’ noch

heut’ für ihn zu sterben, aber gemeinsam leben mit ihm, das könnt’

ich nicht mehr. So armselig verlassen bin ich mir vorgekommen vor mir

selber.«

»War ein bindend Wort zwischen euch?«

»Nein, Christoph, und es trifft ihn kein Vorwurf. Ein Gutenachtkuß

einmal auf dem Herzogenhorn und ein Abschiedskuß nach einer traumhaft

schönen Feldbergfahrt auf Schneeschuhen durch den Neuschnee, als er zum

anderen Morgen von Freiburg auf immer schied -- und von mir.«

»Theresel, du hast einmal gesagt, ich sei auch von Frau Christianes

Blut. Vertraust du dich mir an? Ich hab’ keine großen Schätze, aber ich

hab’ viel Dankbarkeit.«

Therese Baumgart reichte ihm die Hände.

»Ich wußt’ ja, Christoph, daß du mich einmal holen kommen würdest. Und

das schuf mir so viel frohe Ruh’.«

Als am nächsten Morgen Christoph Attermann aus dem Städtchen zu ihr

wiederkehrte, brachte er ihr die feingestochenen Verlobungskarten.

»Ich fand einen Lithographen vor und ließ gleich ein paar Dutzend

herrichten. Eine ist schon fort an Frau Christiane, eine ans Lindele

und eine an Martin.«

»Was treibt dich denn nur plötzlich so,« fragte sie, »du lieber Mann?«

›Nun ist sie Braut vor der anderen‹, dachte Christoph Attermann. ›Jetzt

trifft es sie nicht mehr.‹

8

Martin Opterberg hielt die schmale Karte in der Hand, die in schlichtem

Steindruck die Verlobung Christoph Attermanns mit Therese Baumgart

meldete. Er wandte sie um und suchte nach einem handschriftlichen Wort.

Es war nichts für ihn hinzugefügt.

Und mit einem Male spürte er, wie ihm eine Blutwelle langsam in die

Stirne kroch.

So beharrlich hielt er die Augen auf die Karte gerichtet, als

buchstabiere er Wort für Wort. Und zwischen den Zeilen tauchten andere

auf, die unsichtbar geblieben waren und jetzt zu ihm redeten. Er hörte

es wohl -- Christoph Attermann sprach zu ihm: »Ich habe gewartet und

gewartet, Martin, weil ich glaubte, der Edelstein gehöre dir. Nun aber

habe ich ihn schnell geborgen, bevor fremde Füße über ihn dahingehen.«

Die Blutwelle stieg. Er wollte sie niederhalten, und sie stieg doch.

»Ich bin ein verlobter Mann,« sprach er zu sich selber, »und werde in

Kürze ein Weib haben. Weshalb sollte ich anderen Menschen nicht ein

Glück gönnen, das ich mir genommen habe, ohne die anderen zu befragen?«

Einen Augenblick preßte er die Lippen zusammen. Vor zwei Tagen erst

hatte er Christoph Attermann gerufen, um den Bruder und Freund als

ersten in die neue Stunde seines Lebens einzuweihen. War Christoph

Attermann zu dieser Zeit schon mit Therese Baumgart im Einverständnis

gewesen? Fort, fort mit der schlecht passenden Eifersuchtregung.

Wahrhaftig, wenn etwas nicht am Platze war, so war es eine solche. Eine

Scham war am Platz, und weil er sie unausgesprochen in tiefster Tiefe

verspürte, bäumte sich der Groll in ihm auf wie in selbstherrlichen

Knaben, die einen Verweis fürchten. Hier war der Verweis. Und war er

der Knabe?

Er strich sich über die Augen und gewann sich wieder. Plötzlich sah er

ganz klar. Plötzlich erkannte er die Beweggründe Christoph Attermanns

in aller Schärfe. Christoph Attermann hatte der Freundin der Jugend

eine ritterliche Genugtuung bereitet.

Das war es. Es gab keine Vergessene oder gar Verschmähte, es gab eine

Frau, die ihr ruhiges Glück der Welt künden konnte, bevor die Welt von

dem seinen wußte.

Er nahm Hut und Stock, um das Barthelmeßhaus aufzusuchen. Und während

er hinüberschritt, klang das Rauschen des Rheins zu seinen Füßen ihm

nur fern, und ganz nah klang ihm das Rauschen des Schwarzwaldes, und es

war das Herzogenhorn, und im Tiefblau des Sommerabends saß ein Mädchen

in weißem Kleid und hielt, singend und träumend zugleich, die Wange an

den bebänderten Lautenhals geschmiegt.

»Du bist die Ruh’, der Friede mild,

Die Sehnsucht du und was sie stillt« -- -- --

»Ei,« grüßte im Hausflur Sabine Barthelmeß den in Gedanken Verlorenen,

»hast du mir ein neues Gewand ausgedacht oder gar einen Schmuck zum

feierlichen Verlobungstag auf dem Opterberghof?« Und sie schlang ihm

die Arme um den Hals und küßte ihn weitoffenen Auges.

»Zieh ein weißes Kleid an und leg ein Lautenband um, Sabine. Mehr

brauch’ ich nicht.«

»Herr Doktor, sein Sie munter,« rief das Mädchen und griff ihm

übermütig links und rechts ins Haar. »Das ist ein Anzug für

Sonntagswanderer und kleine Studentinnen, nicht für die stolze Braut

Martin Opterbergs. Ach du, wie wirst du die Augen öffnen.«

»Zigeunerin,« sagte er lachend und nahm sie in die Arme, »macht nur

der Krönungsmantel die Königin? Trägst du den Zauber nicht in dir

selbst? Schließ die Koffer ab, damit wir zur Mutter fahren können. Auch

Christoph Attermann hat sich verlobt.«

»Der Attermann?« fragte sie gedehnt. »Der bei euch das Gnadenbrot aß?

Was hat er sich vorzudrängen und uns den ersten Platz zu nehmen?«

»Es ißt auf dem Opterberghof keiner das Gnadenbrot, der an meiner

Mutter Brust getrunken hat, Sabine.«

»Mit einem Fräulein ~Dr. med.~ Therese Baumgart,« las Sabine

Barthelmeß von der Karte ab. »Ach du armes Herrgöttel, ein verstudiert

Altjüngferlein ohne Saft und Salz, wie es sich für des Christophs

Langweiligkeit schickt. Komm endlich in die Stube. Es ist niemand im

ganzen Haus, und ich will mich schön machen wie zur Hauptprob’ und

alle Kleider anziehen, die ich mitnehm’ auf die Brautfahrt.«

»Die Therese Baumgart ist eine alte Jugendfreundin, Sabine.«

»Grad darum sollst du schaun, wie eine _junge_ Jugendfreundin

ausschaut.«

»Und wenn ich dir die Gewänder zerdrück’, du Wilde?«

»So kaufst du mir neue und schönere.« -- --

* * * * *

Da lag das weiße Opterberghaus auf dem Felsen über dem jungen Rhein.

Martin Opterberg führte seine strahlende Braut über die Schwelle und in

den Empfangsraum. Mitten im Zimmer stand Frau Christiane und blickte

mit großen, stillforschenden Augen auf die Eintretenden.

»Hier bring’ ich dir die Sabine, Mutter, die mein Weib und deine

Tochter werden will.«

Ein paar Atemzüge stiegen in Frau Christianes Brust auf und nieder.

»Will sie das wirklich, so soll sie von Herzen willkommen sein. So, wie

ich dich willkommen heiß’ nach der vierjährigen Trennung, Martin.«

Da ließ der Heimgekehrte die Hand der Braut los und umarmte ungestüm

die Mutter.

»Du! Du! Nicht bös’ sein, daß ich nicht auf der kürzesten Straße zu

dir lief. Aber da blühte eine Blume am Weg, daß ich nicht gleich

weiterkonnt’, und nun hab’ ich sie gleich mitgebracht zu deiner und

meiner Freud’.«

»Wenn’s deine Glücksblume ist, hast du recht getan,« sagte Frau

Christiane und streckte der Harrenden die freie Hand entgegen, über die

Sabine Barthelmeß tief sich beugte.

»Willst du sie ihm sein, Sabine, und immerdar bleiben?«

»Ach, Mutter, ich hab’ ja all die Jahre nur an ihn gedacht.«

»Deinen funkelnden Augen hat’s nichts geschadet, du, und arg verhärmt

schaust du vom Kopf zur Zeh’ auch nicht aus,« scherzte Frau Christiane,

aber ihre Augen blieben klar.

»Das ist ja mein Leid, Mutter, daß mir’s kein Mensch ansieht und daß

ich in Sturm und Regen weiterblüh’ wie in der Sonne.«

»So halt’s auch fürderhin dabei, Kind, zugunsten des Martin.« Sie

blickte zu ihrem Sohn hinüber. »Vor wenig Tagen hat mir der Christoph

seine Verlobung angezeigt. Mit der Therese Baumgart. Das geht wieder

einmal daher und einander auf den Fersen wie bei euren Staats- und

Doktorprüfungen. Ei, was ist mit dir, Martin?«

»Die Therese ist hier? Sie ist mit dem Christoph gekommen?«

»Sie sitzt auf einem Schwarzwaldgipfel und heilt die kleinen

Menschenkinder.«

»Mutter, du planst eine Überraschung. Ich hätt’ sie dir nicht verderben

sollen. Gerad sah ich die Therese Baumgart durch den Garten gehen.

Durch die Fenster sah ich sie.«

»Du bist durch die Welt gerannt, und die Jahre sind mit dir gerannt,

ohne daß du es merktest, Martin. Das Theresel ist eine liebe und ernste

Frau, und was dort im Garten wandelt, ist ihr Schwesterchen, das

Lindele, und mein Hausschatz. Such dir dein Bubenzimmer, Martin. Ich

zeig’ der Sabine unterdes ihre Unterkunft. Und in einer Viertelstund’

sind wir bei Tisch.«

Selbst Frau Christiane mußte sich gestehen, daß Sabine Barthelmeß

ihre Sach’ verstand. Das lachsfarbene Kleid mit dem langen, schmalen

Halsausschnitt, in dem Sabine zu Tisch erschien, stand in köstlichem

Zusammenklang zu dem südländisch getönten Kopf und dem tiefdunklen

Haar, das überall eine Locke vorschickte wie im Dunkel tastende

Fragen. Die Vertraulichkeit aber, mit der das Mädchen sich gleich im

Hauswesen bewegte und der Hausfrau in ihren Verrichtungen bei Tisch

begegnete, empfand Frau Christianes weiblicher Sinn als eine leise

Vordringlichkeit, die sie gern gemißt hätte.

»Laß dir gefallen, daß die Linde und ich dich bedienen,« sagte sie

freundlich. »Du bist hier der Gast, den wir wohl zu versorgen gedenken,

und es bleibt bei der Gewohnheit. Lindele, eine Tasse Tee wär’ mir

lieb.«

Linde Baumgart hatte die Vorstellung bei Tisch mit einem mädchenhaften

Knix erwidert. Nun saß sie still und aufmerksam lauschend in ihrer

weißen Hemdbluse, die ein langes, grünes Schlipsband farbenfroh

belebte, und nur zu Anfang blickte sie verwundert auf, wenn die fremde

junge Dame sie bei Vornamen rief und ihr das »Du« gab, während sie doch

schicklich mit Fräulein Barthelmeß erwiderte.

Auch Martin Opterberg empfand die Betonung der jungen Dame gegenüber

dem jungen Mädchen bei Sabine als eine leichte Anmaßung, die er durch

besonders höfliche Anreden zu verbessern trachtete.

»Ich habe Sie für Ihre Schwester Therese gehalten, mein gnädiges

Fräulein. Die Mutter hat’s Ihnen wohl schon verraten. Sie sind ihr so

gleich, als wären die langen Jahre zwischen heut und damals, als ich

Ihre Schwester das erste Mal zu Freiburg sah, ausgewischt.«

Linde Baumgart sah ihn an, und eine mädchenhafte Röte lief ihr über die

Wangen.

»Ähnlich schau’ ich gewiß aus wie das Theresel, aber gleich bin ich ihr

nicht. Da gehört mehr zu, als ich vermag. Doch wenn ich recht schön

bitten dürft’: nennen Sie mich Fräulein Baumgart und nicht gnädiges

Fräulein. Ich bitt’ Sie recht sehr.«

»So lassen Sie mich Ihr Wohl trinken, Fräulein Baumgart, wenn Sie

mir freundlichst mein Weinglas füllen möchten. In Erinnerung an Ihre

Schwester, die nun eine glückliche Braut ist und eine noch glücklichere

Frau werden möge.«

Sabine Barthelmeß focht die feine Zurechtrückung nicht an.

Sie rief das junge Mädchen »Lindele«, wie sie es von Frau Christiane

gehört hatte, und wandte das »Du« an, als habe sie ein unsicher

Backfischlein zu begönnern.

›Es ist Barthelmeßsche Kinderstube‹, dachte Frau Christiane. ›Sie

suchen die Menschen zu überrumpeln, um sie unter ihre Botmäßigkeit zu

bekommen.‹ Und dann gab sie sich der Freude über die Heimkehr ihres

Sohnes hin und, um ihm die Stunde zu schmücken, auch dem Vergnügen an

der einschmeichelnden und wortreichen Art der Sabine Barthelmeß.

Eine Flasche französischen Champagners aus Herrn Arnolds Nachlaß kam

auf den Tisch. Frau Christiane schenkte ihn selbst in die Kelche. Und

sie trank Glück und Heil dem Brautpaar zu, das am Tische saß, und Glück

und Heil dem Brautpaar, das in der Ferne weilte. »Ich darf es als

Mutter sagen: die besten Mädchen landauf und landab sind mir für die

Opterbergsbuben gut genug.«

Sabine Barthelmeß leerte im Übermut ein paarmal den Spitzkelch.

Der fürstliche Champagner flößte ihr geheime Hochachtung ein, und sie

wünschte darzutun, als sei sie ihn wie ihr täglich Glas Brunnenwasser

bei Tisch gewöhnt. Sie äußerte keinerlei Verwunderung noch irgendeinen

schönen Dank an die spendende Mutter, aber unter dem Tisch griff sie

Martin Opterbergs Hand und suchte sie zu zerpressen, daß er aufschreien

möge, und als Frau Christiane sich seitwärts zu Linde Baumgart neigte,

um ihr eine Weisung zu geben, griff sie schnell nach seinem Kopf und

küßte ihn auf die Augen.

»Sabine,« flüsterte er ihr zu, »unsere Zärtlichkeiten gehen uns allein

an.«

Aber sie ließ sich nicht lehren und trieb ihr Spiel weiter, im Glauben,

vor den Frauen des Opterberghofes die überlegene und leutselige junge

Weltdame zu spielen.

In der Nacht fuhr Frau Christiane aus dem Schlummer. Ihre Gedanken

waren so wach, als hätten sie im Schlafe weitergearbeitet.

»Nein,« sagte sie vor sich hin, »sie mag eine gute Geliebte sein,

niemals aber eine rechte Frau und Gattin.«

Den Rest der Nacht verbrachte sie aufrecht in den Kissen. So hatte sie

in mancher Nacht gesessen, wenn sie über einen Weg für Herrn Arnold

grübelte …

Als Sabine Barthelmeß im losen Morgenkleid und das Haar in einen großen

Knoten gewunden zum Frühstück erschien, kam Frau Christiane mit Linde

Baumgart schon aus den Wirtschaftsgärten.

»Ausgeschlafen, Stadtkind? Schön siehst du aus, als wolltest du gleich

zum Ball.«

»Ich bin in das Fähnchen geschlüpft, weil ich mit Martin baden gehen

möchte. Ich kenn’ die breite ruhige Stelle im Rhein von früher her

noch, und ich freu’ mich auf die Erfrischung.«

»Hast du den Martin schon begrüßt? Er wird drunten auf der Rheinbank

sitzen.«

Sabine Barthelmeß hatte sich schon in den Lehnstuhl geschmiegt und sich

ein Honigbrötchen gestrichen. »Gelt, Lindele, du bist so lieb und holst

mir den Ausreißer.«

Linde Baumgart nickte freundlich und ging. Unterwegs lächelte sie

in sich hinein. Den Ausreißer! Als ob der allzu ernst gewordene

Lebensringer Martin Opterberg, dem der Gedankenadel auf der Stirne

stand, so ein kleines Schätzel wär’!

Sie fand den Gesuchten, wie es Frau Christiane vorhergesagt hatte, auf

der Rheinbank, reichte ihm die Hand und richtete ihm ihre Bestellung

aus.

»Wollen Sie nicht mit uns kommen, Fräulein Baumgart? Der Morgen ist

so schön, das Wasser gewiß köstlich, und die Mutter wird Sie nicht

entbehren.«

»Das wär’ mir leid, Herr Opterberg, wenn die Mutter mich so leicht

entbehren möcht’. Es gibt mehr zu schaffen als sonst. Es sind hohe

Gäste im Haus.«

»Rechnen Sie mich auch zu den Gästen?« fragte Martin Opterberg. ›Die

Mutter‹ hatte sie gesagt. Es war ihm nicht entgangen.

»Sie sind der Sohn des Hauses, Herr Opterberg. Aber gerad’ darum sind

Sie Ihrer Frau Mutter der liebste Gast, dem sie nichts als die Händ’

unter die Füße legen möcht’, weil er gar so selten daheim ist und immer

nur auf der Weiterreise.«

Jetzt hatte sie ›Ihre Frau Mutter‹ gesagt und vor dem Sohn des Hauses

bescheiden den Rückzug angetreten.

»Sie sind wohl meiner Mutter eine getreue Helferin geworden?«

»Ihre Frau Mutter mir! Nein, darüber kann man nicht sprechen. Dafür

kann man einen Menschen wieder nur mit dem ganzen Menschen liebhaben.

Nicht nur aus Dankbarkeit.«

»Ja, sie ist schon eine Prachtfrau …«

»Viel mehr, Herr Opterberg. Sie ist _die_ Prachtfrau. Wer das werden

könnte in ihrer Schul’.«

Er lächelte über ihren mädchenhaften Eifer, und die Sonne stand noch

auf seinem Gesicht, als er ins Zimmer trat und die Braut begrüßte.

»War es nicht arg selbstlos von mir, Martin, dir ein so hübsches

Mädchen zum Morgengruß zu schicken?« fragte Sabine Barthelmeß lachend,

während sie ihren Verlobten zwei-, dreimal auf den Mund küßte. »Dafür

hast du die nächsten Stunden nur mir allein zu widmen. Auf, zum Rhein!«

»In dem Morgenkleidchen und dem wilden Haarknoten?«

»Beruhige dich, Liebster, ins Wasser geh’ ich nicht mit dem Kleidchen,

o nein, und das Haar wird doch nur zerzaust beim Baden und wird erst

würdig hergerichtet, wenn ich herauskomme und mich feierlich für den

Tag anzieh’.«

»So komm, du Wilde. Es ist spät genug.«

In seinen Arm eingehängt, schlenderte sie durch die Wiesen, und wenn er

sich während des Plauderns zu ihr hinabbog, küßte sie blitzschnell sein

Ohr. Dann hatten sie den verschwiegenen Badestrand erreicht und suchten

im dichten Weidengebüsch nach undurchsichtigen Umkleideplätzen.

»Du darfst ruhig zuschauen, Martin. Ich hab’ das Badegewand gleich

untergezogen und brauch’ nur aus dem Kleid herauszuschlupfen. Also hilf

mir heraus.«

Kein Mensch weit und breit. Kein anderer Laut in der Sommerhitze als

das Murmeln des Uferwassers. Martin Opterberg strich ihr das Kleid von

den Schultern und glaubte, ein fremdes Wesen aus sagenhaft-schwüler

Wasserfrauenzeit zu sehen. Schlank und voll stand Sabine Barthelmeß

im enganliegenden schwarzen Gespinst, das das elfenbeinfarbene Weiß

der Glieder zum irrlichternden Leuchten brachte, und dehnte wohlig die

Arme. »Rühr mich nur an, ich brenne nicht, ich bin kühl wie ein Trunk

im Sommer.«

Da nahm er sie in die Arme und küßte die kühlen Schultern und den

kühlen Nacken, und sie entglitt ihm wie eine geschmeidige Otter und

war unter Wasser verschwunden. Wenige Minuten nur, und er hatte den

Badeanzug angelegt und war ihr nach. Und es wurde ein Fliehen und

Haschen, ein Suchen und Sichfindenlassen und ein Ausruhen Seite an

Seite am verborgenen Strand, daß die Stunden vergingen und sie fast

zu spät zum Mittagessen kamen. Linde Baumgart mußte helfen, daß die

wilde Wasserfrau auf raschestem Wege in eine zeitgemäße Tischgenossin

umgewandelt wurde, und sie tat es ohne Zieren und Zögern, weil es einem

Gast des Opterberghofes galt. Martin Opterberg aber hatte an diesem und

den kommenden Tagen nur noch Augen für seine Braut.

Alle Schönheiten des Landes wünschte er ihr zu erschließen am jungen

brausenden Rhein und in den himmelhochjauchzenden Schwarzwaldbergen,

aber was sie nicht, bequem in den Wagen zurückgelehnt, besichtigen

konnte, darauf verzichtete sie bald, und als er sie weiter hinausführte

bis zum Hohentwiel und auf Herzogin Hadwigas ragende Sehnsuchtsburg,

da fand sie nichts Bemerkenswertes als den heißen Aufstieg, und in

der Wunder erschließenden Fernsicht über See und Alpenketten nichts

als die Mahnung, schleunig zu dem Wunder verheißenden Seegestade

hinabzusteigen. Hier aber war ihr Überlingens mittelalterliches

Gassengewirr zu eng und Meersburgs abenteuerliches Frankenkönigsschloß

zu felsenhoch, auch den Besuch des steilgelegenen Friedhofs mit Annette

v. Droste-Hülshoffs stillem Grab schlug sie dankend aus, denn von

Deutschlands großer Dichterin und Seelenforscherin wußte sie kaum den

Namen. In Konstanz atmete sie auf, und in den üppigen romanischen

Dominikanerhallen des Inselhotels gefiel sie sich über die Maßen so

sehr, daß Martin Opterbergs stolze Ruhe selbst ins Wanken kam, weil sie

mit Willen die Blicke und flüsternden Gespräche der Umsitzenden auf

sich zog.

»Meine kleine Wilde, wir sind hier in der besten Gesellschaft aus aller

Welt.«

»Ja,« entgegnete sie atemlos, »hier sind wir unter vornehmen Leuten.

Schau den Herrn dort, der herüberblickt. Das scheint ein englischer

Lord. Aber seine Begleiterin trägt gefärbtes Haar und ist sicherlich

eine Pariser Schauspielerin.« Und sie lächelte, weil die Dame lächelte.

»Ich denke, Sabine,« sagte Martin Opterberg, »wir sind auch dann unter

vornehmen Leuten, wenn wir ganz allein sind.«

Sie weiß noch so wenig von der Welt, dachte er, und es wird schön

sein, ihren Geist einzuführen und immer mehr zu verfeinern. Und er

drängte selbst, den Hochzeitstag festzusetzen, als sie wieder auf

dem Opterberghof weilten, um das Glück des Führens und Entdeckens

ganz ausschöpfen zu können. Als er zu Sabine Barthelmeß davon sprach,

schmiegte sie sich wie in einem Rausch in seine Arme.

»In sechs Wochen soll es sein, Sabine. Wir verzehren uns sonst.

Morgen fahre ich an den Niederrhein, um alte Werftanlagen und neues

Gelände zu erstehen, um die ich schon von den Vereinigten Staaten aus

in Unterhandlung bin. Flußdampfer will ich bauen, die von Basel bis

Rotterdam und über das Meer bis London gehen. Und später werd’ ich

Reeder dazu, um alle Wirtschaftsmöglichkeiten für die Lande am Rhein

aufschließen zu helfen.«

Sie streichelte ihm immerfort das Haar, während er sprach, in die

Stirne hinein und wieder hinaus und summte eine verliebte Weise dazu.

Da schwieg er und gab sich ihrer tändelnden Liebkosung hin, und sie

merkte gar nicht, daß er nicht weiter sprach.

Später suchte er die Mutter in ihrem Geschäftszimmer auf. Frau

Christiane stellte ihre Abrechnungsbücher beiseite und wies ihm den

Gegenplatz am Schreibtisch. »Ich weiß, was dich zu mir führt, und hatte

dich schon erwartet. Es ist alles bereit.«

»Du liest in den Hirnen und Herzen, Mutter. Unsere germanischen

Voreltern würden dich als Seherin verehrt haben. Und mit Recht.«

»Mit Unrecht, Martin. Ich tu’ nichts, als mich unbeirrt dem

Muttergefühl hingeben, das mich zwingt, mit dem Hirn dessen zu denken,

den ich aus mir geboren hab’. Und auf den Herzschlag dessen zu

lauschen, dem ich schon den ersten Herzschlag abhörte, als er noch ein

Ungeborener war. Du könntest am Nordpol oder im Feuerland stecken, ich

empfind’ dein Denken und Fühlen auf dem Opterberghof.«

Sie reichte ihm über die Tischplatte die Hand.

»Du willst mit mir über die Mittel zur Ausführung deiner Werftpläne

sprechen, Martin. Das Geld, das wir flüssig machen können, liegt

bereit.«

Martin Opterberg hielt die Mutterhand in der seinen. Auge in Auge saßen

sie.

»Als wir den Vater beerdigt hatten,« sagte Martin Opterberg, »gabst

du mir Einblick in unsere Vermögensverhältnisse. Das dank’ ich dir

heute noch, denn ich konnte meine Arbeitspläne auf ein fest umstecktes

Ziel hinsteuern und brauchte nicht Kraft und Zeit zu vertun, um nach

unbestimmten Erfolgsaussichten umherzukreuzen. Vertrauen bringt

wieder Vertrauen hervor. Noch einmal: ich dank’s dir, Mutter, und ich

komme auch mit einigen Tausendern über See zurück, die ich mir selber

hereinholte. Aber auf dich rechnete ich, um nicht in meinen besten

Mannesjahren für andere zu schaffen.«

Frau Christiane löste ihre Hand und holte ein Buch aus der

Schreibtischlade.

»Hier lies. Was hier verzeichnet steht, kann in deinem Werk angelegt

werden.«

Martin Opterberg tat einen Überblick. »Ich brauch’ die ganze Summe

nicht, Mutter. Ich arbeite doch auch mit den Banken. Und ich würd’s

auch nicht dulden, daß du dich so entblößtest.«

Da lachte Frau Christiane ihr fröhliches Frauenlachen.

»Schau, Martin, so groß und gescheit ihr werdet, die kleinen Buben

bleibt ihr doch vor der Mutter. Glaubst du denn, du Kindskopf, ich

zög’ mich um deiner und der Sabine schönen Augen willen bis aufs Hemd

aus, bevor ich daran dächt’, mich wirklich zu Bett zu legen? Ach nein,

mein lieber Bub, was ich dir geb’, ist das, was der Opterberghof und

seine Besitzerin ohne Not erübrigen kann, und wenn es halt mehr ist,

als du dir errechnet hast, so ist es, weil inzwischen mein Erbe aus dem

Elterlichen im badischen Oberland dazugekommen ist und des Vaters Erbe

aus dem Hof am Niederrhein.«

»Gut, Mutter, nun seh’ ich klar. Und Eigengeld für den Anfang ist

besser und billiger als Bankgeld. Morgen will ich an Ort und Stelle. Es

zieht mich mit tausend Kräften ans Werk. Und in sechs Wochen, wenn’s

dir so paßt, halten Sabine und ich bei dir die Hochzeit.«

»Hat sie schon ihre Aussteuer beisammen?« fragte Frau Christiane, ohne

mit dem Augenlid zu zucken.

»Herrgott noch einmal, ich glaub’, daran haben wir alle beid’ nicht

gedacht, nicht die Sabine und nicht ich.«

»Und der Herr Professor Barthelmeß und die Frau Professor noch weniger.

Du siehst, die Tausender, die du mit über See gebracht hast, haben

schon ihre Bestimmung gefunden.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg und erhob sich, »du magst die

Barthelmeßleute nicht, und mir geht’s nicht viel anders. Aber die

Sabine kann nichts dazu zu der heillosen Wirtschaft. Sieh doch, wie

alles an ihr wie bei einem Kinde nach der Sonne verlangt. Gefällt sie

dir nimmer, die Sabine?«

»Nein, Martin,« erwiderte Frau Christiane ruhig, »ich fürchte nichts

für dich von deiner Ehe, wenn es dir gelingt, die Sabine zu dir

hinaufzuziehen und nicht zu ihr hinabzusteigen. Schön genug ist sie,

um einem Manne Freud’ zu schaffen. Und das ist nicht wenig für ein

Arbeitsleben wie das deinige. Glück auf, Bub’.«

Noch einmal kehrte Martin Opterberg in dem Rheingaustädtchen ein, um

Sabine Barthelmeß zu ihren Eltern zurückzubringen. Denn Sabine hatte

auf dem Wunsch bestanden, ihre Aussteuer unter dem künstlerischen

Auge des Vaters zu wählen und nicht unter dem sachkundigen der Frau

Christiane Opterberg. Die Summe, die ihr ihr Verlobter, als müsse es

so sein, zur Verfügung stellte, löste bei ihr so helles Entzücken aus,

daß Martin Opterberg es gern für den vergessenen Dank gelten ließ. Der

Professor aber schüttelte, als er sie vernahm, bedächtig das Haupt und

meinte, man werde immerhin rechnen müssen, aber er kenne ja gottlob die

Quellen. »Eure Verlobung,« teilte er dem Schwiegersohn im strengsten

Vertrauen mit, »hat unerwartete Ansprüche auch an _meine_ Tageskasse

gestellt, denen sie vorübergehend nicht gewachsen ist. Es würde eine

Annehmlichkeit für mich bedeuten, wenn du mir mit tausend -- nein,«

sagte er, als Martin Opterberg nach der Brusttasche griff, »es geht

nicht -- wenn du mir mit zweitausend Mark über die unvorhergesehene

Zeit hinweghelfen könntest.«

* * * * *

Die alten Werftanlagen und ausreichendes neues Gelände dazu waren

erstanden. Weit genug entfernt, um dem Lärm des Werkes enthoben zu

sein, und doch nahe genug, um es in wenigen Minuten zu erreichen,

füllte sich ein schmuckes, kleines Landhaus mit ausgesuchtem Hausgerät.

Man mußte es dem alten Kirchenbauer Barthelmeß lassen: sein Geschmack

war erlesen und seine Spürgabe unübertrefflich. Aus allen Jahrhunderten

schleppte er Schränke und Truhen, Schmucktische und Lehnstühle,

Teppiche, Bilder und Stiche zusammen, daß es zuerst den Anschein

gewann, als solle ein großes Trödellager aufgestapelt werden. Aber

der Professor kam selbst, und nachdem er über den Baustil des Hauses

eine Zeitlang mitleidsvoll das Haupt geschüttelt hatte, nahm unter

seinen Händen der Trödelkram bald den Glanz und die Stimmungshoheit

uralter geschichtlicher Überlieferung an, und jedes Zimmer war in

die Versonnenheit einer anderen Zeit verwoben. Die Überraschung aber

hatte sich der alte Kenner für das Schlafzimmer aufgespart: ein

Renaissancelager von breiter Ausladung, von einem Baldachin beschattet,

mit teppichbelegten Stufen zum bequemen Einstieg versehen. »Das

Gestell hab’ ich einem Bauer im Fränkischen abgeschwatzt,« gestand der

Kunstprofessor händereibend. »Ich hab’ ihm dafür zwei schöne Bettladen

mit Muschelaufsatz und einen mannshohen Stehspiegel auf Rollen

angehängt. Da herrschte große Freude.«

Auf dem Opterberghof wurde die Hochzeit gehalten. Acht Tage vorher

hatte Christoph Attermann in aller Stille Therese Baumgart heimgeführt,

und Linde Baumgart, die Schwester, war vorausgeeilt, um das junge Nest

zu schmücken, bis das Paar von seiner kurzen Ferienfahrt heimkehren

würde.

Martin Opterbergs Stirn überzog sich, als er die Botschaft vernahm. Das

kam einem Ausweichen gleich. Oder sollte es nur eine Feinfühligkeit

der Freunde sein, die seinen Augen eine Schaustellung ihrer frohen

Liebeserwartung entziehen wollten? Immerhin: auch Christoph Attermann

hauste, als Betriebsleiter des Brückenwerkes, am Niederrhein, und ein

öfteres Zusammenkommen war geboten. Weshalb da erst Gefühlsanwandlungen

nachgeben --?

Am Tage, an dem Christoph Attermann mit Therese Baumgart Hochzeit

hielt, stand Martin Opterberg im Garten seines Landhauses am

Niederrhein und horchte über die breiten Strommassen rheinauf, ob er

ein Gläserklingen vernehme oder einen zitternden Lautenklang …

Martin Opterberg hatte sich in Jünglingsträumen seine eigene

Hochzeit anders ausgemalt, als sie sich gestaltete. Und auch Sabine

Barthelmeß hielt mit ihrer Unzufriedenheit über die kleinbürgerliche

Familienveranstaltung nicht zurück.

»Meinen Vater und meine Mutter und meine hochverehrten Herren Brüder

vermag ich alle Tage zu sehen, wenn’s mich danach gelüsten sollt’.

Weshalb lädst du nicht deine Freunde von der Universitätszeit, die

doch alle in so glänzende Verhältnisse hineingeheiratet haben, daß ein

Verkehr lohnt? Wenn der Christoph Attermann auf eine glanzvolle Feier

verzichtet, so ist das seine Sach’ und hat wohl mehr eine ›klingende‹

Ursach’. Wir brauchen ihm das gottlob nicht nachzumachen.«

»Du bist wie ein junger Jagdhund,« sagte Martin Opterberg und strich

ihr lächelnd über das erhitzte Gesicht, »weißt du, wie so ein junger,

ungelernter Springinsfeld, der gleich von dem grauen Häslein abläßt,

wenn vor ihm ein schillernder Fasan aufgeht.«

»Du mußt mich führen, Martin,« erwiderte sie und drückte sich ganz

weich in seinen Arm.

Ein halbes Dutzend Gäste saßen außer dem Brautpaar an der

Hochzeitstafel, und es war ein Geschrei wie auf dem Jahrmarkt.

Wohl hatte Vater Barthelmeß unter Schluchzen eine gefühlvolle Rede

gehalten, in der er die Wunderblume seines künstlerischen Lebens und

Schaffens, die er bei Tag und bei Nacht gehegt und gepflegt habe

wie kein anderer Vater auf Erden, mitsamt ihren selbstlosen Eltern

der Liebe und dem Verständnis des neuen Sohnes anempfahl, und Frau

Hadwiga Barthelmeß war in Tränen gebadet. Die drei Barthelmeßbrüder

aber, die ohne ihre Frauen gekommen waren und von denen niemand recht

wußte, mit wem sie eigentlich verheiratet waren und ob die Kunst, der

Handel oder der Müßiggang ihre Hauptbeschäftigung darstelle, hatten

sich bei den brustwarmen Worten des Vaters verständnisvoll mit den

Augen zugeplinkert und beim Hoch auf das Brautpaar ein groß Hallo

und Gläserleeren begonnen, auch Rundgesänge erhoben und im wilden

Durcheinander ungescheut Liebesschwänke und Ehegeschichten zum besten

gegeben, daß Frau Christianes Stirn sich leise rötete und ihre Augen

immer ferner zu blicken schienen.

»Sabine,« raunten die Brüder der abschiednehmenden Schwester zu, »wie

steht’s mit dem Reisegeld? Wir sind doch zu _deinem_ Vergnügen gekommen

und nicht zu dem unseren.«

»Ich hab’s schon dem Vater für einen jeden von euch eingezahlt.«

»Dem Vater? Das ist ein netter Spaß. Aber er soll uns nicht

durchschlüpfen, der alte Festredner.« --

Sabine Opterberg thronte in ihrem Landhaus am Niederrhein. Selbst

ihr glücklicher Gemahl wußte kein besseres Wort für die königliche

Haltung zu finden, mit der sie ihren Platz als Herrin des Hauses

einnahm. Sie schritt über die Teppiche, als sei sie Zeit ihres Lebens

nur über persische Handgewebe dahingeschritten, und sie erteilte

ihre Befehle an die zwei Dienstboten, als ständen hinter den zweien

noch ein Dutzend unsichtbare. Daß die hohe Herrin, wenn der Herr des

Hauses mit gedankenheißer Stirn auf seiner Arbeitsstätte weilte, daheim

stundenlang und vertraulich mit ihren Mädchen plauderte und sie ihre

Schätze bewundern ließ, das hätte Martin Opterberg nie geglaubt.

Kehrte er heim, so flog sie ihm wie ein sehnsüchtig Kind entgegen,

erstickte ihn mit ihren Liebkosungen und ließ ihn im Taumel vergessen,

was ihm hätte mißfallen können.

Bald füllte sich das Haus mit Gästen. Werksherren aus der Umgebung

kamen mit ihren Damen, um die Pflichtbesuche der Opterbergs zu

erwidern, die Jungen folgten nach, und mancher Geschäftsfreund stellte

sich ein und nahm seinen Platz am künstlerisch gedeckten Tisch. Dann

saß Sabine Opterberg beobachtend in der Runde, und keine Bewegung, kein

Tonfall entging ihr, ohne daß sie ihn prüfte und sich zu eigen machte.

»Du hast ja deinen Kehlkopf mit einemmal anders eingestellt,«

verwunderte sich der Hausherr. »Willst du dich über deine Gäste lustig

machen?«

»Ich habe nie anders geredet als heute,« erklärte die junge Frau und

hob das Kinn.

Martin Opterberg schüttelte den Kopf. Kindereien, dachte er, sie läßt

sich vom ungewohnten Schein blenden. Aber bald mußte er, wenn auch

zögernd und widerwillig, erkennen, daß die Blendversuche allein von

Sabine ausgingen und daß sie die Kunst, die Blicke auf sich zu lenken,

stärker noch und erfolgreicher übte als ehemals in der vornehmen

Allerweltsgemeinschaft des Konstanzer Inselhotels.

Die leichte Aufdringlichkeit, mit der sie sich den Menschen und Dingen

zu nähern und sich ihrer zu bemächtigen pflegte, war einem merkwürdigen

Schlangengleiten gewichen. Plötzlich konnte sie die Augen aufschlagen

und einem Herrn starr und verloren ins Gesicht blicken. Wurde er

unruhig, so senkten sich langsam die schweren Lider, und der verlorene

Blick wurde zu einem verlorenen Lächeln. Ein jeder fühlte sich

besonders geehrt, und bald machte ein jeder sie zur stillen Vertrauten

seiner geheimsten Empfindungen, ohne zu ahnen, daß er nur tastende

Neugier auffütterte.

Oft auch ließ sie im Tischgespräch im Eifer der schönen Worte ihre Hand

auf der Hand des Nachbarn ruhen, bis sich das Gesicht des Mannes dunkel

färbte und er die Hand wie zur Prüfung der Absonderlichkeit krampfte.

Dann saß sie mäuschenstill und dehnte den Augenblick. Oft aber auch

forderte sie dreist und mit keckem Wort heraus, wenn sie fühlte, daß

einer anderen höher und feiner gestimmte Wesensart sie in den dunklen

Hintergrund drängte. Und die Männer hielten für berauschenden Übermut,

was nichts als wohlverkappter Neid war, der Neid einer Frau, die nur

einen Körper zu bieten hat und nicht eine Seele.

Zögernd nur und widerwillig erkannte es Martin Opterberg, und da er

selbst unter dem Rausch dieser erdhaften Weiblichkeit stand, mußte er

sich fast Gewalt antun, um den Blick klar zu behalten. Und er sah,

wie Sabines Freude an einem Jüngling, der über keine anderen Vorzüge

verfügte als über seine geradegewachsenen Glieder, ebenso groß war

wie an einem reifen Manne, dessen überlegener Geist die Umgebung

beherrschte. Und als er es erkannt hatte, glitt der Nebel des Rausches

mehr und immer mehr von seinen Augen, und er sah, wie es sie triebhaft

drängte, das Wohlgefallen eines jeden Mannes zu erregen, der drinnen

oder draußen in ihren Sehkreis trat. Mit niederen Evakünsten. Mit dem

Spiel ihres weichen, geschmeidigen Körpers. Denn über ihn hinaus, das

war seine letzte Erkenntnis, hatte sie nicht viel einzusetzen.

Für den Sohn der Frau Christiane Opterberg war diese Erkenntnis wie

ein Fremdkörper im Blut. Er versuchte ihn wie einen unreinen Gedanken

auszuscheiden. Aber das wach und scharf gewordene Auge ließ sich nicht

mehr bestechen. Im Zeichensaal, auf dem Werftplatz, mitten in der

gesteigerten Arbeit ließ er die Arme sinken und horchte in sich hinein

und horchte hinaus, um ein Wort zu finden, Sabine Opterberg anzurufen

in ihrer Nachtwandelei. Aber wie konnte ein ehrenhafter Mann mit seiner

Frau über Dinge rechten, die im Gefühle lagen und nicht greifbar waren?

Er wartete und wartete, in der Hoffnung, es seien Schlacken gewesen,

deren der Feuerstrom bald genug ausgeworfen haben würde, um zur reinen

Flamme zu gelangen.

Englische Geschäftsfreunde kamen zu Gast, die die deutsche Sprache gut

beherrschten. Mit Staunen vernahm Martin Opterberg, wie Frau Sabine die

deutsche Sprache radebrechte, um die Ausländerin zu spielen, und auch

die fremden Gäste vernahmen es verwundert.

»Sie sprechen nur gebrochen deutsch, gnädige Frau? Belieben Sie eine

andere Sprache?«

»Oh -- meine italienische Heimat,« brachte Sabine mit einem

wundervollen Augenaufschlag hervor, der die Herzen erwärmte, »aber ich

verstehe sehr gut.«

Martin Opterberg stellte sie vor dem Schlafengehen zur Rede. »Weshalb

lügst du die ehrenwerten Herren in meiner Gegenwart an, Sabine? Es ist

nicht das erste Gaukelspiel, das mich an dir befremdet. Ich bitte dich,

bei allem und jedem zu bedenken, daß du meinen Namen trägst.«

Sofort nahm sie Kampfstellung an. Ihre Augen verhärteten sich. Die Iris

wurde wie stahlgeschmiedet.

»Ich verbitte mir diesen Ton, der für deine Werftplätze paßt, nicht

für mich. Ich habe nicht gelogen, und ich lüge nie. Daß ich in Italien

geboren bin, steht sogar auf meinem Geburtsschein zu lesen. Und ich

gaukle keinem Menschen etwas vor. Ich geb’ mich, wie ich bin, und hab’

eure einstudierte Vornehmheit nicht nötig und euer Erziehungsgetu’.«

Jetzt sieht sie aus, dachte Martin Opterberg, wie als kleines Mädchen,

wenn sie auf dem Opterberghof beim Naschen gefaßt worden war.

»Sabine,« sagte er, »du weißt sehr wohl, daß du nur durch einen

Zufall auf italienischem Boden geboren wurdest, daß deine Mutter

auf einem Spaziergang von schweizerischem auf italienisches Gebiet

von der Niederkunft überrascht wurde und deine ganze italienische

Heimatseligkeit aus der Wochenstube im Hospital bestand. Nach acht

Tagen holte dein Vater Mutter und Säugling in einem Wägelchen zurück,

auf einem Wege, der bis zum Grenzpfahl nicht mehr als zehn Minuten

betrug. Und nun schlafe wohl, meine stolze italienische Frau.«

Aber der Scherz verflog bei Martin Opterberg, als er ein andermal durch

eine offene Türe blickte und Zeuge wurde, wie Sabine sich hastig einem

Gaste näherte und ihn küßte.

Er trat ein und fand nur noch Sabine vor.

»Was geschieht hier, Sabine?«

Sie sah sein weißgewordenes Gesicht, den Feuerbrand in seinen Augen,

und wußte, es gab kein Entrinnen.

»Wir hatten bei Tisch eine Doppelmandel gegessen, ein Vielliebchen.

Hätte er’s verloren, ich hätt’ einen kostbaren Strauß Orchideen

gewonnen. Ich wollt’ kein Geld oder Geldeswert wagen und setzte einen

Kuß. Und hab’ wahrhaftig verloren.«

Die Farbe kehrte in sein Gesicht zurück, die Drohung schwand aus den

Augen.

»Unterlaß das zukünftig, bitte. Ich liebe keine mitgeküßten Lippen. Ich

trinke auch nicht aus einem Glase, das reihum geht.«

»Martinle, Martinle, nicht bös’ sein über dein dumm Maidli.«

Sie hing sich in seinen Arm und löste sich während des Abends keinen

Schritt von ihm. Aus den Augenwinkeln streifte ihn immer wieder ihr

beobachtender Blick, und als sie allein waren, überschüttete sie ihn

mit ihren Zärtlichkeiten.

»Mein -- mein -- mein Martin.«

Aber die in eisernen Jahren gefestigte Ruhe war in Martin Opterberg

dahin. In den Nächten fuhr er auf, und alles in ihm war ein Lauschen.

Dann zwang er sich mit aller Kraft, anderer Bilder zu gedenken, und er

sah die Schwarzwaldberge und auf dem Herzogenhorn ein weißgekleidetes

Mädchen zur Laute singen in der tiefblauen Sommernacht, die Freunde

ringsum. ›Ich will zu Christoph und Therese gehen, um einen Blick in

ihr Heim und in ihr Herz zu werfen‹, nahm er sich vor, ›und zu den

alten Jugend- und Wanderfreunden.‹ Aber wenn es Morgen wurde, wußte er

nicht, was er selber berichten sollte von sich und seinem Glück, und es

blieb, wie es war.

So verging Martin Opterbergs erstes Ehejahr.

9

Der Mann, der von Amerika zurückgekehrt war, hatte geglaubt, sein

unruhig Jugendblut zur Ruhe gebracht zu haben und als Ausgleich für

den täglichen Arbeitstag ein starkmachendes, wie ein Jungbrunnen

quellendes Eheglück beanspruchen zu können. Der Mann, der unermüdlicher

als vordem über den Werftplatz am Niederrhein schritt und mit seinen

Ingenieuren, Werkmeistern und Arbeitern die Vollendung seines ersten

Rhein-Seedampfers betrieb, wußte längst, daß die Ruhe noch nicht

Einkehr in seinem Leben halten sollte und daß es, entgegen seinem

Verlangen, wohl einen Ausgleich, aber nur einen Ausgleich für die

unklaren Strömungen seines Ehelebens geben würde. Und das war die

Arbeit.

Die angestrengte Tätigkeit und größere Reisen, die er immer wieder ins

Ausland zu unternehmen hatte, halfen ihm über die Enttäuschungsgrade

seines Herzens hinweg und boten ihm den erwünschten Vorwand hinzu,

die Wiederaufnahme des Verkehrs mit Christoph Attermann und den

Freunden hinauszuschieben. Mehr als bisher fürchtete der Stolz

seiner Männlichkeit für die Einführung seiner Frau in den alten

Freundeskreisen.

Sabine Opterberg legte längst keinen Wert mehr darauf. Ihre Gedanken

gehörten nur noch der eigenen Person, und die Ausdehnung ihrer

Besprechungen mit den Schneiderinnen lieferte den Maßstab dazu. Es

durfte keine bessergekleidete Frau geben als Sabine Opterberg, und

getreu der Überlieferung des Barthelmeßschen Haushaltes wurde nach den

erforderlichen Mitteln nicht gefragt. Bei guter Zeit regelte sich die

Bezahlung von selbst.

Martin Opterberg zahlte die Rechnungen, die ihm die Geschäftsleute

nach vergeblichen Mahnungen bei Sabine Opterberg unmittelbar

zusandten, in selber Stunde noch auf Heller und Pfennig. Die

kaufmännische Vertrauenswürdigkeit hielt für ihn nicht an den Grenzen

des Geschäftsbetriebes an. Die Führung des häuslichen Lebens mußte

in Aufwand und Deckung genau so untadelhaft sein, ja durch ihre

Vorbildlichkeit das Ansehen des Geschäftes stützen.

»Ich habe,« sagte er sich, »versäumt, Sabine ein klares Bild meiner

geldlichen Lage zu geben. Seelische Unstimmigkeiten hätten mich nicht

hindern dürfen. Der Hauptteil der Schuld an ihrer Verschwendungssucht

trifft daher mich selbst, und ich muß ihn ausräumen.«

An einem Abend, als der Zufall sie alleingelassen hatte, entwarf Martin

Opterberg seiner Frau in großen und klaren Zügen ein Bild seines

Werkes, seiner Verpflichtungen und seiner baren Betriebsmittel. Sabine,

die nur mit halbem Ohr zugehört hatte, horchte erst bei Nennung der

letzteren auf.

»Für so unmenschlich reich hätt’ ich dich ja gar nicht gehalten,

Martin!«

Wider seinen Willen mußte Martin Opterberg laut hinauslachen.

»Bist du nun wirklich ein so verständnisloses Kind, Sabine, oder gar

so leichtfertig, über den Ernst der Dinge hinwegzuhüpfen. Ich erkläre

dir doch, daß die Höhe meiner Verpflichtungen den Gesamtwert meiner

Werft mit allem, was daran und darin ist, fast erreicht und daß meine

Betriebsmittel solange nur als geliehen anzusehen sind, bis meine

Frachtdampfer fahren und sich selbst bezahlt machen.«

»Vorläufig aber gehören deine Gelder dir, und du kannst darüber

verfügen, wie du willst. Mein Gott, hätten wir zu Hause immer eine so

großartige Deckung gehabt wie du in deinen Werftanlagen.«

»Wenn die Werft, was Gott verhüten möge, Hals über Kopf verkauft werden

müßte, käme der angesetzte Betrag nicht annähernd heraus, und meine

baren Gelder müßten in die Bresche. Das ist doch einleuchtend.«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg, »das ist gar nicht einleuchtend, und

mein Vater war als Künstler ganz sicher ein gescheiterer Kaufmann als

du als Werftherr. Kommt Not an den Mann, so verkauft man, was man grad

nicht braucht. Du erzählst mir doch, dein erster Frachtdampfer sei

segelfertig. Also schlag ihn los, und du hast deinen Gewinn obenein.«

»Es ist schwerer mit dir zu reden, als ich dachte,« erwiderte Martin

Opterberg nach einer stummen Weile. »Und es ist vielleicht sogar

unnütz. Du kennst meine Pläne, mit eigenerbauten Schiffen als Reeder

aufzutreten und dadurch und durch meine Kenntnis der Märkte den

Warenaustausch zu verbilligen. Du aber tust, als ob die Bedeutung von

Lebensaufgaben nur darin bestände, möglichst schnell und möglichst

viel Geld für die eigene werte Persönlichkeit herauszuschlagen, komm’

nachher, was da wolle. Ich möchte dir als meiner Frau ein wenig mehr

Ernst für meine Angelegenheiten anempfehlen.«

»Ach, Martin, und ich möcht’, es käm’ heut’ abend noch irgendwer zu

Besuch, mit dem sich lustiger reden ließ’ als mit dir.«

Martin Opterberg betrachtete sie, als sähe er, wie so oft schon, ein

fremdes Gesicht.

»Ich halte es für einen Glücksfall, Sabine, daß wir einmal ungestört

sind. Als ich dich heiratete, wußte ich, wer du warst, aber ich

täuschte mich, als ich auch zu wissen glaubte, was aus dir werden

könnte. Bitte, laß mich. Ich hoffe ja immer noch, daß es nur der

rechten Stunde bedarf, um dich zu deiner wahren Bestimmung hinzuleiten.

Die seh’ ich aber nur in deiner Eigenschaft als Gattin und Mutter.«

»Ei, also dahinaus geht’s. Kannst du mir auch nur die geringste

eheliche Untreu’ aufweisen?«

»Sprich das Wort nicht aus!« donnerte Martin Opterberg. »Pfui Teufel,

wer gibt dir solche Marktweiberausdrücke in den Mund?«

Er bezwang sich vor ihrem schreckensbleichen Gesicht und wurde ruhiger.

»Eheliche Untreue. Weißt du, was das ist? Das ist ein Schicksal von

schwerster Erdenschwere für den, der sie aus der Einsamkeit seiner

mißhandelten Seele oder aus einer unübersehbar großen und alles

vergewaltigenden Liebe heraus begeht. Und es ist der gemeine Drang

seelenloser und liebeleerer Geschöpfe, nichts als sich und ihren

Trieben zu schmeicheln und ihren zigeunernden Körper für sich und

andere zum Abgott zu machen. Nicht doch. Wir reden in der Erregung von

Dingen, die gar nicht in Worte zu kleiden sind. Weder die eine noch die

andere Art kommt hier in Betracht. Wir wollen vom Glück und nicht vom

Unglück sprechen, und da steht es für mich fest: wärst du Mutter und

nicht nur Gattin, du würdest dich schnell in dir selber zurechtfinden

und dein bisheriges Tun und Treiben belächeln.«

»Ich wünsch’ mir keine Kinder. Ich hab’ nur einmal mein bißchen Jugend

und Schönheit, und will’s auskosten.«

»Weshalb hast du mich geheiratet, Sabine?«

»Um deinetwillen. Aber doch gewiß nicht, um aus der Eng’ des

Barthelmeßhauses hinauszugelangen und mich gleich wieder in die Eng’

der Kinderstub’ einmauern zu lassen. Ich denk’ gar nicht daran, meine

Freiheit dranzugeben und mich vor der Zeit zu verschandeln für ein

bißchen gefühlsselig Eiapopeia. Ach nein, die Sabine Opterberg ist auch

noch auf der Welt.«

Martin Opterberg blickte sie an, als blickte er in einen leeren Raum.

Und als er hinausgegangen war, schritt er durch den Garten an den

Rhein, als müsse er wieder einmal über die Wasserflut hinweghorchen

nach dem Oberrhein, und er schritt zur Gartenpforte hinaus, bis er den

Werftplatz erreicht hatte, und tastete sich in der Dunkelheit bis zu

dem Schiff, das zur Abnahme fertig lag. Und während er mit der Hand

über die Bohlen und Planken glitt, dachte er: »Hier also zeuge ich

meine Kinder. Hier.«

Heiß wollte es ihm in die Kehle steigen, wie er in die Dunkelheit

starrte.

* * * * *

Der ersterbaute Rhein-Seedampfer Martin Opterbergs war in das Eigentum

einer großen Reedereigesellschaft übergegangen. Es war dem Erbauer

schwer geworden, den Erstling seiner Pläne zu verkaufen und die

Ausführung seiner Pläne wiederum auf Jahre zu verschieben. Aber als

er an einem arbeitsfreien Sonntag einen Überschlag seiner häuslichen

Verbrauchnisse zu Papier gebracht hatte und einen Voranschlag über die

mutmaßlichen Bedürfnisse der nächsten Jahre, war sein Entschluß auf der

Stelle gefaßt.

Der Verkauf hatte einen reichen Gewinn gebracht. Und wenn das glänzende

Ergebnis auch das Selbstbewußtsein des Erbauers stärkte, Martin

Opterbergs Freude ging leer aus. Wohl dachte er, nimm’s als Lehrgeld,

aber er fühlte, wie die Unruhe seines häuslichen Lebens nun auch in

seine Arbeit einzudringen trachtete und sie zur Sklavin des Gelderwerbs

herabdrücken wollte. Sabine Opterbergs Ausgaben waren seit der letzten

Aussprache nicht nur gestiegen, die alten Barthelmeß und die Brüder

Barthelmeß traten immer häufiger und mit immer dringenderen und

umfangreicheren Geldforderungen an ihn heran.

»Schreibe deinen Eltern und deinen Brüdern,« sagte er zu Sabine,

»die Rechnung stimme nicht. Sie seien zu vier Männern, die arbeiten

könnten, und ich nur ein einzelner. Die Firma heiße Martin Opterberg

und nicht Opterberg & Barthelmeß.«

Sabine sah ihn mit zornigen Augen an.

»Woher solltest du Familiensinn haben? Seit deinem neunzehnten Jahr

bist du von Hause fort, und selten genug hat’s dich heimgezogen. Es

zieht dich ja nicht mal zu deinen Jugendfreunden. Wir Barthelmeßkinder

aber haben ein Familienleben genossen, wie es inniger und vertraulicher

gar nicht auszudenken ist. Wir sahen eben auf die Menschenfreud’ und

nicht auf das elende Geld.«

»Das scheinen die Deinen auch heute noch zu tun, wo sie vier

Familienleben führen.«

Sabine Opterberg sprang über den Einwurf hinweg.

»Ein wahrhaft liebevoller Dank für Vater und Mutter, die sich ihr Leben

lang für mich gequält haben. Du könntest zusehen, wie sie eines Tages

darum ins Armenhaus müßten.«

»Und deine drei Brüder könnten trotz des innigen Familienlebens auch

zusehen?«

»Meine drei Brüder haben selber nichts.«

»So sollen sie arbeiten und sich etwas schaffen. Oder wär’s dir recht,

wenn ich auch die Hände in den Schoß legte und mich etwa auf deine

Leute verließe?«

»Nein,« sagte Sabine Opterberg beleidigt, »du brauchst ihnen nichts

mehr zu schicken, ich werd’ es von meinen Ersparnissen tun.«

Der Werftherr hob die Hände. »Da sei Gott vor, daß die Rechnung noch

verworrener würde. Lieber werde ich die Ansprüche der Deinen noch

einmal erfüllen und ihnen das Notwendige dazu schreiben, als daß ich

mich zum Schluß in unserer doppelten Buchführung nicht mehr aus und ein

kenne.«

»Ich halt’ das auch für das Vernünftigere, Martin.«

Auf Martin Opterbergs Geldsendungen trafen herzlich gehaltene

Dankschreiben von Barthelmeß Vater und Söhnen ein. Alle aber schrieben

sie wie in einem geheimen Einverständnis, die mißverständliche

Beurteilung der augenblicklichen Verhältnisse läge lediglich an der

viel zu geringen Pflege der Familienbeziehungen, deren Vernachlässigung

sie sich aufrichtig zum Vorwurf machten, die sie aber durch baldige

Besuche zu heben gedächten.

Als erste erschienen Professor Barthelmeß und Frau. Und während sich

Frau Hadwigas quecksilberne Unrast schon in den ersten Tagen daran

machte, der Tochter Truhen und Schränke auf abgelegte Festgewänder

und Leibwäsche zu untersuchen und sofort zum Mitnehmen zu verpacken,

begann der Professor, das künstlerische Gesicht des Hauses von Grund

aus neu zu gestalten und alle Möbel durcheinander zu rücken. Kaum, daß

Martin Opterberg ihn von seinem ganz auf das Persönliche eingestellten

Arbeitszimmer abzuhalten vermochte.

»Vergiß nicht, Martin, daß du die Tochter eines ersten und anerkannten

Künstlers zur Frau besitzest. Das mußt du dir immer vergegenwärtigen.«

»Ich weiß die Ehre nach ihrem vollen Wert zu schätzen.«

Unter großem Lärmen rückten die Brüder ein. Wieder erschienen sie ohne

ihre Frauen, aber Martin Opterberg wußte ihnen hierfür wenigstens

Dank, denn er hatte im Laufe der Jahre erfahren, daß der erste seine

einst vermögende Frau irgendwo und irgendwann im Stiche gelassen

und der zweite ein Mädchen niederster Sorte geheiratet habe, der

dritte aber eigentlich unverheiratet sei und nur in wilder Ehe lebe.

Widerwillig genug bot er den Brüdern seiner Frau die Gastfreundschaft.

Mit Genugtuung hatte Sabine festgestellt, daß der Vater in seinem

wallenden grauen Patriarchenbart und die Brüder in ihren nach dem

neuesten Schnitt gearbeiteten Anzügen sehenswerte Figuren darstellten

und auch die Mutter in ihrer fahrigen Beweglichkeit noch den alten

Reiz ausübte. So zögerte sie nicht, eine Festtafel zu rüsten, die der

Künstlerprofessor in ein wunderbares Gebilde aus roten Rosen wandelte,

und ihre Verehrer und Neiderinnen zu laden, um die Barthelmeßleute und

damit sich selbst in vorteilhaftestem Lichte vorzuführen.

Die Gäste saßen wie verzaubert in der Fülle von Rosen, aßen mit

Bewunderung von den ausgesuchten Speisen und tranken mit Andacht die

edel zusammengestimmten Weine. Es war nur eine Stimme an der festlichen

Tafel, daß das Haus Opterberg, von dessen anmutreicher Herrin man

zwar täglich neue Überraschungen gewöhnt sei, diesmal sich selber

übertroffen habe.

Sabine Opterberg wies mit strahlender Miene auf ihren lächelnden Vater.

»Ja, meine verehrten Damen und Herren,« lehrte der Professor, »die

Errichtung einer Festtafel ist eine Kunst, die ebensoviel natürliche

Begabung wie die allererlesensten Vorbilder verlangt. Beides vereint

ergibt erst den untrüglichen Geschmack. Es nützt nichts, die feinsten

Weine zu trinken, man muß sie auch nach Duft, Fülle und Feinheit in

eine so stimmungsvolle Steigerung zu bringen wissen, als erschlösse

sich langsam aus der Knospe die ersehnte Rose. Was ich in dieser und

anderer Beziehung an den Höfen der Fürsten und Vornehmen des guten

Geschmackes erlernen durfte, ist meiner angeborenen Begabung zugute

gekommen. Sollte ich einmal den Vorzug genießen, Sie als liebe Gäste in

meinem eigenen Heim begrüßen zu dürfen, so werden Sie finden, daß sich

auch der Reiz des erlesensten Weines durch die künstlerische Form der

Trinkgefäße noch erhöhen läßt.«

Und nun plauderte der Professor von Italien und Spanien, und es waren

Siegeszüge des Künstlers und des Mannes, die er vor den freudig

horchenden Herren entrollte, und die gebeseligen Frauen spielten bald

eine größere und munterere Rolle darin als der seligmachende Wein.

Der anfeuernde Beifall, den der durchtriebene Schönredner fand, ließ

den Ehrgeiz der Söhne nicht lange ruhen. Schon hatte der Wein in den

Gemütern der Gäste die allerfeinsten Übergänge ausgewischt, und die

Söhne konnten den Faden schon um einige Nummern kräftiger spinnen.

Künstlerfeste, auf denen der erste Blick das Schicksal der Frauen

bedeutete, wechselten mit geheimnisvollen Stelldicheins in Palästen und

Parks voller Marmorbilder. Händeringende, liebefordernde Damen flehten

um Entführung. Kraftwagen brausten durch die Nacht und über die Alpen.

Hie und da blitzte im Zweikampf die Klinge. Namen wurden im Eifer des

erregenden Berichts hervorgestoßen und erschreckt auf schonende Weise

zurückgenommen. Ausrufe des Entzückens, schadenfreudiges Gelächter,

derbe Zwischenrufe durchschwirrten die Tischgesellschaft. Sabine

Opterberg aber genoß den frechen Unsinn der Brüder mit leuchtenden

Augen.

»Und wer bezahlt das ganze Zaubertheater?« rief einer der Fabrikherren

in aufgeräumter Stimmung. »Im Leben hätt’ ich nicht gedacht, daß

die Kunst so ausgiebig ihren Mann ernährt. Denn, wie mir Ihre Frau

Schwester verrät, sind Sie ja allesamt Künstler, meine Herren.«

»Künstler?« riefen die drei Brüder wirr durcheinander zurück. »Gibt das

Wort allein alles her? Schafft es Gold und Edelstein? Frauen, Rosen und

Wein? Der _Mann_ muß hinzu! Der Siegerwille! Wir sind Lebenskünstler!«

Da erhob sich Martin Opterberg von seinem Platz, neigte sein Glas

huldigend vor den drei Schwägern, leerte es und setzte sich wieder ohne

ein Wort.

Einen Augenblick stand den Prahlhänsen der Mund offen. Dann begriffen

sie und klopften sich die Stäubchen vom Frack. Und Sabine Opterberg

wünschte eine gesegnete Mahlzeit und hob die Tafel auf.

Als die Gäste gegangen waren, winkte der alte Barthelmeß dem Hausherrn

mit den Augen.

»Wir rauchen noch eine Zigarre zusammen.«

»Wenn es dir Freude macht -- gewiß.«

»Laß erst meine Herren Söhne verschwunden sein. Sie wittern überall ein

Geschäft und sind nicht wegzuschlagen.«

»Handelt es sich denn um ein Geschäft? Dann könnten wir es auf morgen

verschieben.«

»Nun sind wir allein,« sagte der alte Herr, sicherte noch einmal an den

Türen und ließ sich zufrieden in einem Sessel nieder.

Ihm gegenüber saß Martin Opterberg. Beide rauchten sie schweigend.

»So eine Gesellschaft muß dich ein Heidengeld kosten, Martin,« nahm

endlich der alte Herr das Wort.

Martin Opterberg zuckte nur mit den Achseln.

»Nun ja, du hast es ja dazu. Sabine erzählt Wunderdinge von deinem

Vermögen und den Rieseneinkünften aus deiner Werft. Zum Beispiel der

letzte Schiffsverkauf. Stimmt’s?«

Martin Opterberg strich die Asche der Zigarre ab.

»Am einfachsten ist, du nennst mir ohne Umschweife deinen Wunsch.«

»Meinen Wunsch? Ich habe keinen Wunsch. Aber da du dem Ton

vertraulicher Aussprache den Geschäftston vorzuziehen scheinst, so will

ich dir ganz gegen meine Absichten auch hierin folgen. Sabine hat mir

aus ihrer Brautzeit noch einige Rechnungen hinterlassen. Für Kleider,

Hüte, Leibwäsche und was so eine kleine Schönheit braucht. Die Leute

haben vier Jahre gewartet und wollen nun bezahlt sein.«

»Vier Jahre?« fragte Martin Opterberg und nahm die ihm hingestreckten

Rechnungen entgegen. »Meine Verlobung und meine Heirat sind erst zwei

Jahre alt. Da steckt ein Rechenfehler.«

»Es ist alles in Ordnung,« widersprach der alte Herr. »Das Kind

hatte doch die Kleider und den ganzen anderen Staat mit auf die

Verlobungsfahrt zu deiner lieben Frau Mutter.«

»Aber die Rechnungen stammen, wie du mir zu erzählen beliebtest

und wie die Zeitangaben auf diesen Papieren bestätigen, aus einer

Verlobungszeit Sabines vor vier Jahren. Von dieser wußte ich in der Tat

nicht, was wohl meine Zahlungssäumigkeit einigermaßen entschuldigt.«

Martin Opterberg faltete die Papiere wieder zusammen und reichte sie

dem alten Herrn zurück. Ein wenig betreten strich sich Professor

Barthelmeß den Graubart. Dann versuchte er ein lustiges Lachen.

»Martin,« rief er und schlug dem Stillbrütenden aufs Knie. »Martin, du

kennst die Weiberchen nicht. Natürlich hat sie nur auf dich gewartet,

sehnsüchtig sogar, verliebt wie keine zweite. Aber du bliebst jahrelang

weg, zuletzt noch drüben überm Meer, und ließest nur gelegentlich

von dir hören und so sparsam, daß kein Mensch herausfinden konnte,

ob du noch warm oder schon kalt warst. In solchen Fällen pflegen

unsere klugen Weiberchen zwei Eisen ins Feuer zu legen. Aber als du

heimkehrtest und Ernst machtest, wurde das eine natürlich sofort wieder

hinausbefördert.«

»Gemein …« stieß Martin Opterberg zwischen den Zähnen hervor. Er

spürte, wie sich ihm die Kehle zusammenschnürte.

»Wie sagtest du?« fragte Professor Barthelmeß und nahm eine

Fechterstellung an.

»Ich sagte, daß ich dir den Betrag morgen früh von meiner Kasse

überweisen lassen werde und daß ich dir hiermit gute Nacht wünsche.«

Auf dem baldachinüberdeckten Renaissancelager schlummerte Sabine

Opterberg, die Lippen halbgeöffnet wie ein zärtliches Kind.

Der Mann, der sie prüfend betrachtet hatte, wandte sich ab, als

wäre ihm ein Nachtfrost über die Glieder gelaufen. »Da orakeln die

Neunmalweisen,« flog es ihm durch den Sinn, »das Weib sei ein Rätsel.

Und es ist doch nur dann ein Rätsel, wenn es voller Niedrigkeiten

steckt, die unsere Anständigkeit nicht erraten kann.«

* * * * *

Nun zog es Martin Opterberg doch zu den Freunden. Plötzlich und

unwiderstehlich zog es ihn hin, als drängte es ihn in sein Kinder- und

Jugendland. Unangemeldet traf er in dem nicht fernen Industriedorf bei

Christoph Attermann ein und stand auf der Schwelle.

»Martin!« schrie Christoph Attermann auf und lag ihm am Halse.

Einen Augenblick verhielten die beiden und rührten sich nicht. Aber

jeder hörte in der Brust des anderen das niedergehaltene Schluchzen.

Dann machte sich Martin Opterberg frei.

»Und das Theresel?« fragte er lächelnd.

Sie hielt ihren kleinen Buben auf dem Arm und streckte ihm die Hand

entgegen.

»Grüß’ dich Gott, Martin. Hier ist das Theresel, und der kleine

Christian dazu.«

»Er heißt nach unserer Mutter?« Und er streichelte des Kindes feines

Blondhaar.

»Nach unserer Mutter,« wiederholte Therese Attermann mit einem tiefen

Ton.

Er sah sie an, und ihre Blicke trafen sich. Voll und ruhig lagen sie

ineinander.

»Du bist die alte geblieben, Therese, und das heißt: die junge von

dazumal. Kein Zug in deinem Gesicht ist anders geworden. Ihr müßt

sehr glücklich geworden sein, daß die Zeit keine Spuren einzugraben

fand. Denn auch der Christoph blieb, wie er war. Nur strahlender, viel

strahlender schaut er aus.«

»Dir aber sieht man die Arbeit der Tage und Nächte an,« sagte Christoph

Attermann freimütig, »und das Theresel muß dir einmal den Puls fühlen

und dich in die Kur nehmen.«

»Wenn’s arg schlimm wird, komm’ ich, Theresel. Weißt du noch den ersten

Kopfwickel zu Freiburg? Der Allererste war ich, der sich ein Herz faßte

zu deiner ärztlichen Kunst.«

»Das war, als du dich jählings in das Theresel verliebtest,« sagte

Christoph Attermann, und das Wort war gesprochen. Martin Opterberg

nickte ihm zu und nickte der Hausfrau zu.

»Und mir fahnenflüchtigem Manne muß das Glück geschehen, daß mir die

Freundin in meinem Bruder Christoph erhalten geblieben ist.« Er sprang

ab. »Ich hatte frische Luft nötig. Da bin ich zu euch hinausgekommen.«

»Setzt euch nieder,« bat die Hausfrau, »setzt euch nieder und plaudert.

Ich leg’ nur den Kleinen zur Ruh’ und bin gleich die dritte im Bund.«

Zu dritt saßen sie in dem hellen Wohngemach und plauderten von Jugend

und Heimat, und wie im Badner Land stand ein offener Wein auf dem

Tisch. »Er ist von der Mutter,« sagte Therese Attermann. »Sie schickt

von Zeit zu Zeit ein Fäßlein.«

»Mir schickt sie keins,« gestand Martin Opterberg und blickte nach der

Wand, die als Schmuck ein großes Bildnis Frau Christianes trug. Das

gleiche Bild hing daheim in seinem Arbeitszimmer. Hier behauptete es

vor aller Welt den Ehrenplatz.

»Du bist gewiß ein so verwöhnter Herr geworden, daß sie’s sich nimmer

traut?« meinte das Theresel und folgte seinem Blick.

»Ja, so ein verwöhnter Herr bin ich geworden. Und in einer Anwandlung

von Leutseligkeit, so denkst du, bin ich von meinem goldenen Thron

gestiegen, um mich bei euch zur Auffrischung des Blutes von einem

Quäntchen Heimweh durchrütteln zu lassen. Ja, so wird’s wohl sein.«

»Schwätz nicht, Martin,« rief die Hausfrau fröhlich, hielt ihm ihr

Glas entgegen und stieß mit ihm an. »Weshalb du gekommen bist, ist mir

gleich, mir und dem Christoph. Die Hauptsach’ ist, daß du gekommen bist

und wir wieder beieinander sitzen.«

»Jetzt müßt ihr erzählen,« bat Martin Opterberg. »Ich rühr’ mich nicht

in meinem Sessel. So heimelig bin ich schon.«

Da erzählten sie beide, und einer nahm dem anderen das Wort vom Mund,

um Wertvolles für den anderen hinzuzufügen. Von Therese Attermanns

ärztlichem Beruf und ihrer Tätigkeit als Kassenärztin unter den

Werksarbeitern, ihren Frauen und ihren Kindern. Und von Christoph

Attermanns selbständiger Stellung als hochbezahlter Ingenieur und

Betriebsleiter. Und von beider Plänen.

»Du dachtest gewiß, Martin, als du hier eintratst: ›Sie zogen mit

gesenktem Blick in das Philisterland zurück, o jerum, jerum, jerum!‹

Falsch geraten, Martin, scharf daneben. Wir gedenken im Gegenteil

ganz gewaltig ins Zukunftsland einzumarschieren, das Theresel und ich

mitsamt dem Buben und allem, was nachfolgt. Drum haben wir unsere

erste Einrichtung ganz bescheiden gehalten und unsere Lebensführung

der Einrichtung angepaßt, um Monat für Monat unsere Kriegskasse

aufzufüllen. Denn ich möcht’ einmal mein eigener Herr oder Teilhaber an

einem Werk werden, um meine besten Kräfte erst entfalten zu können und

den Meinen die Zukunft zu erschließen. Schau, daran hilft mir die da

mit ihrer ganzen, großen Frauenliebe von morgens bis abends, und selbst

des Nachts muß ich sie oft hergeben für ihre Kranken.«

Er hatte die Hand seiner Frau gefaßt und hielt sie fest umspannt.

»Der Christoph,« sagte die junge Doktorin, »ist nämlich von der

Einbildung besessen, ich übte meine Kunst nur ihm zu lieb und nicht

in erster Linie um der Kranken willen. Und ich würd’ sie wie einen

Werktagsrock an den Kleiderriegel hängen, sobald er mir den erträumten

Sonntagsrock brächt’. Nachtwandler soll man nicht anrufen. Und er

nachtwandelt gar so schön, der Christoph.«

»Erzählt mir auch von den Freunden,« bat Martin Opterberg. Es war ihm

warm und wohl zumute.

»Sie sitzen alle drei mit ihren Frauen in Düsseldorf,« berichtete

Christoph Attermann. »Der wackere Broich ist mir der liebste geblieben.

Das war er mir schon damals, als er mit eisernem Willen seinen Assessor

machte, um sich seine Hilde Falkenroth aus dem Gasthof bei Koblenz zu

holen. Er trat als juristischer Berater in ein Düsseldorfer Werk, ist

aber mehr und mehr der kaufmännische Direktor geworden. Die Ehe kann

als eine vorbildliche gelten. Sohn und Tochter werden straff erzogen.«

»Und die Klarenbachsmädchen?« fragte der Besucher.

»Du hast’s getroffen,« bestätigte Christoph Attermann lachend, »daß

du nach den Klarenbachsmädchen fragst und nicht nach den Männern.

Denn das Klarenbachgeld spielt die erste Rolle in den beiden Ehen.

Der Grüters, den die Gerda nahm, ist der alte Streber geblieben und

jetzt frischgebackener Regierungsrat. Mit unserem einstigen Fuchsmajor

Tillmann steht’s schlimmer. Seit er der Mann der Elfriede Klarenbach

geworden ist, nennt er sich zwar Kunstgelehrter, aber dabei hat’s auch

sein Bewenden. Er möcht’ halt das Studentenleben in alle Ewigkeit

weiterführen mit Weib, Wein und Gesang, aber die Elfriede hat’s

gewaltig mit der Eifersucht und heizt ihm zu jeder Tag- und Nachtstund’

ein.«

»Ich möcht’ sie doch einmal wiedersehen, die Wanderkameraden der

Jugendzeit. Ach, ihr beiden, schön war es doch. So unglaublich schön …«

Sie verzehrten ein schmackhaft Mittagessen, das die Köchin selber

auftrug, und dann wurde die junge Doktorin zu einer Wöchnerin gerufen.

Christoph Attermann tauschte ein paar leise Worte mit ihr. Sie nickte

ihm zu, schüttelte Martin Opterberg die Hand und ging.

»Wie selbstsicher sie ist, Christoph, und wie schlicht. Ich freue mich

mit dir über die Helle in deinem Haus. Die stammt alleweil noch von dem

Sonnenkrönlein in ihrem Haar.« Und dann begann er, in stundenlangen,

fachmännischen Erörterungen dem gespannt lauschenden Bruder und Freund

ein Bild seiner Werftanlage zu geben und seiner wirtschaftlichen Pläne,

und der Abend nahte und brachte die junge Doktorin heim, die strahlend

von der Einfahrt eines neuen Weltbürgers zu berichten wußte und mitten

im Satze abbrach und aus der Türe lief. Denn draußen hatten die Hupen

von zwei sonntäglichen Kraftwagen ein Lärmen erhoben, und ehe sich’s

Martin Opterberg versah und sich zurechtzufinden wußte, fühlte er

sich in einen Knäuel von jubilierenden Menschen verwickelt, die ihn

umarmten, ihm die Hände schüttelten, ihn kräftig auf die Wangen küßten

und allesamt auf ihn einredeten. »Mein Gott,« stieß er endlich hervor,

»seid ihr es wirklich?«

»Wirklich und wahrhaftig, Fleisch und Bein, Jugend und Schwarzwald,

Burschenschaft und gut Freund allzeit und allwege,« riefen und lachten

die Tillmann, Grüters und Broich mit ihren Frauen im Wettbewerb

durcheinander. »Eingefangen bist du, Weltflüchtling. Auf Gnade und

Ungnade. Die Frau Doktorin hat’s recht gemacht. Eingelullt hat sie

dich, mit Chloroform oder Liebreiz, und uns inzwischen durch den

Fernsprecher von Düsseldorf hergerufen. Die Klarenbachschen Kraftwagen

schafften’s in einer guten Stunde, als wir erst den Überfalltrupp

beisammen hatten. Martin! Martin Opterberg! Wie ein verwunschener Prinz

schaust du aus!«

»Und die bezauberndste Frau sollst du haben rheinauf und rheinab,« rief

der begeisterte Tillmann in Studentenseligkeit.

»Laß das!« gebot seine Gattin Elfriede scharf, und im Gelächter der

Zuhörer ging der kurze, eheliche Auftritt unter.

»Wenn ich schon nicht,« knurrte Tillmann verlegen, »von schönen Frauen

sprechen darf, so gebt mir Wein, und die Frau Therese soll die Laute

nehmen.«

Rund um den Tisch saßen sie, auf den eine Bowle hingezaubert stand, und

sahen sich in die Augen und suchten und fanden sich, und die Gläser

klangen aneinander, wurden geleert und wieder gefüllt, und als der

ersten Wiedersehensfreude genug getan war, sang Frau Therese zur Laute.

Wie entrückt saß sie, die weiche Wange an den Lautenhals geschmiegt,

und lauschte beim Singen hinein und hinaus … Und langsam fand sich

unter den Männern und Frauen Hand in Hand …

»~O academia!~« jubelte Tillmann auf. »~O academia~ -- --«

* * * * *

Monate hindurch zehrte Martin Opterberg von diesem Tag, von diesem

Abend. Der Schnee lag auf den weiten Breiten am Niederrhein, und die

Kopfweiden am langgestreckten Stromufer spiegelten ihre Hauben in dem

schwerfällig fließenden Wasser. Tot war das Land. Heißer wurde das

Leben in den Häusern der Menschen.

Am heißesten wogte es in Sabine Opterberg. Eine Lebensgier war in

ihr, die nicht zu stillen war, und wenn es sich nicht zu irgendeiner

Abendgesellschaft in der Umgebung zu schmücken galt, schmückte sie

sich für die Theater- und Musikaufführungen in den benachbarten

Städten, und selbst in den politischen Versammlungen ihres Bezirks

erschien sie, um einem besonders heißblütigen Vorkämpfer zu lauschen.

Die Männer blickten ihr auf den Straßen nach, wenn sie in ihrer

schlanken Fülle vorüber schritt, und sie erspähte jeden Blick unter den

niedergelassenen Lidern, auf den Lippen ein geschmeicheltes Lächeln,

das wie eine Aufreizung wirkte.

Dieses Lächeln war Martin Opterberg das Verhaßteste an seiner Frau.

Weil es ohne Ansehn der Person jeden bewundernden Blick bescheinigte,

der nur von einem Manne kam. Auf dem Werftplatz hatte sie gesessen, auf

einem Bretterstoß, und zum Zeitvertreib auf ihn gewartet. Ein Knecht

war mit einer Pferdekarre an ihr vorbeigekommen, hatte jäh angehalten

und mit flackernden Augen nach dem feinbestrumpften Bein gestarrt, das

von der Höhe des Bretterstoßes lässig hin und her pendelte. Da waren

die Augenlider der Frau niedergesunken, da war das Lächeln erschienen,

dies vermaledeite Lächeln, wie es die scheuen Dirnen auf den Straßen

hatten. Nie hatte es Martin Opterberg so verhaßt gefunden wie in dem

Augenblick, da der Knecht beim Erscheinen seines Herrn gleich einem

ertappten Sünder mit dem Gefährt von dannen jagte.

Die Bewunderung ihrer Kreise genügte Sabine Opterberg nicht mehr.

Längst hielt sie Ausschau darüber hinaus, und ihr zigeunerndes Blut

wallte bei jeder Erscheinung auf, die aus dem Rahmen strebte wie sie

selber.

In diesem Winter gingen die politischen Wogen hoch in den

Fabrikstädten am Niederrhein. Ein neuer Volksredner der Umsturzpartei

war aufgestanden, ein dienstentlassener, junger Oberlehrer, der

rücksichtslos die Leidenschaften gegeneinander hetzte. Keine seiner

Versammlungen ließ Sabine Opterberg im Stich. Das war eine Sprache, die

sie in ihren Höhen und Tiefen verstand, so unklar der Schwall der Worte

auch daherbrausen mochte. Daß es brauste, daß es stürmte und aller

Grenzen spottete, das empfand sie wie heimatliche Luft, wie Blut von

ihrem Blut.

Zwischen den Ehegatten kam es zu einer scharfen Auseinandersetzung.

Martin Opterberg untersagte seiner Frau den Besuch der Versammlungen,

untersagte ihr, sich selbst, ihn und seinen Namen bloßzustellen. »Du

weißt, wohin du gehörst. Ein Schwanken ist ein Verzicht.«

Da ließ Sabine Opterberg den neuen Glaubensboten, an dem der politische

Strudelkopf ihr nichts, an dem der abenteuernde Mann ihr alles war,

heimlich zu sich rufen und führte mit ihm eine Unterredung, die mit der

Aufstellung kecker Richtlinien zu einem unanstößigen Verkehr schloß.

Schon wenige Tage darauf, an einem Sonntagmorgen zur Besuchszeit, wurde

Martin Opterberg eine Karte überreicht mit dem Namen: ~Dr. phil.~

Friedrich Radermacher. In ehrlicher Überraschung las er den Namen. Was

wollte der Hetzer und Hasser von ihm? »Ich lasse bitten,« gebot er dem

wartenden Mädchen.

Der Eintretende war von schlanker und sehniger Gestalt, einen halben

Kopf kleiner als der hochgewachsene Hausherr. Sein schwarzes Haar

lockte sich in der Stirn, und in dem glattrasierten Gesicht lagen die

dunklen Augen wie in verhaltenem Feuer. Eine Schönheit für romantische

Zofenseelen, dachte Martin Opterberg und bot dem Besucher ernst einen

Platz.

Doktor Radermacher nahm dankend an. Er erklärte in fließenden Worten,

daß er von der vorbildlichen Art der Behandlung erfahren habe, der

sich die Arbeiter auf dem Opterbergschen Werftplatz erfreuten,

und daß er gekommen sei, um mit einem so sozial empfindenden

Arbeitgeber, wie er ihn nie zuvor angetroffen habe, einen Austausch

der Meinungen herbeizuführen, auf die Gefahr hin, seine vorgefaßte und

verallgemeinernde Ansicht einer kleinen Nachprüfung unterziehen zu

müssen. »Denn,« schloß er feurig, »nicht mitzuhassen, mitzulieben bin

ich da!«

»Der Mann schauspielert,« sagte sich Martin Opterberg, doch ließ er

sich höflich auf einige Erörterungen über die Wechselbeziehungen

zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ein, die er mit den Worten

endete, daß die ehrliche Lösung aller dieser Fragen stets von den

Persönlichkeitswerten in beiden Lagern abhänge und es im übrigen Faule

und Fleißige, Zufriedene und Unzufriedene geben würde, solange die

Menschheit sich nicht wie die Lilien auf dem Felde kleide und wie die

Spatzen im Getreideacker nähre.

Nach einer Weile erhob sich der Besucher und bat, da er vorläufig

keine politischen Versammlungen mehr abzuhalten gedenke, zu einer

passenden Zeit wiederkommen zu dürfen. Martin Opterberg stand im

Begriff, die Bitte als eine gänzlich zwecklose abzuweisen, als sich

die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete und Sabine ihren Gatten zum

Frühstück rief. Überrascht blieb sie auf der Schwelle stehen, und da

der Hausherr keine Miene machte, den Gast vorzustellen, so stellte sich

der Gast mit einer ehrerbietigen Verbeugung selber vor.

»Ah,« machte Sabine Opterberg, »unser berühmter Volkstribun. Wenn sich

Ihr Blitz und Donner nicht auch gegen eine schlichtbürgerliche Küche

richtet,« fügte sie in Schelmerei hinzu, »so halten Sie mit und seien

Sie der dritte im Bund.«

Der Gast nahm die Einladung mit großem Danke an, und so einsilbig

Martin Opterberg bei Tische verharrte, so ritterlich und gewandt wußte

der Fremdling die Unterhaltung zu führen.

»Ich werd’ Sie bekehren,« beteuerte die heitere Hausfrau, »ich werd’

Sie meinem Manne als einen Sünder zu Füßen legen, über den im Himmel

eitel Freud’ herrschen soll.«

Von Stund’ an gehörte der Doktor Friedrich Radermacher zu den Besuchern

des Hauses. Meist erschien er, wenn der Hausherr auf seinem Werftplatz

in Anspruch genommen war. Martin Opterberg fühlte es bei der Heimkehr

jedesmal an dem fahrigen und sprunghaften Wesen seiner Frau. Und

plötzlich, mitten in einer alle Geisteskräfte erfordernden Arbeit,

überfiel ihn ein grauenhafter Verdacht. Ein Verdacht, der seinen

Mannesstolz rüttelte und schüttelte und ihm einen Geschmack wie Blut

auf die Zunge legte. Er schob Papier und Zeichenstift von sich. Aus

seiner Stirn brach eiskalter Schweiß.

»Pfui Teufel,« sagte er zu sich selber. Aber das Herz hämmerte wie

rasend und quoll ihm bis in den Hals. Da ging er heim und sah aus der

Tür seines Hauses den Doktor Radermacher treten.

Sabine Opterberg stieß einen kleinen Schrei aus, als er so unvermutet

im Zimmer erschien.

»Wie du mich erschreckt hast. Es ist doch nichts vorgefallen?«

»Vorgefallen? In einem ordentlich geführten Geschäftshaus?« Er

schüttelte den Kopf und ging in sein Arbeitszimmer. »Ich will in Ruhe

eine Berechnung machen. Du gehst wohl aus?«

Und dann saß Martin Opterberg die halbe Nacht, und die Schauer

rüttelten und schüttelten ihn nur immer stärker, bis er aufsprang und

die Arme gegen den tobenden Ansturm der Zerrbilder reckte.

»Wenn es wahr wäre -- was würdest du tun?«

»Den Mann vor die Waffe nehmen? -- Zuviel der Ehre für den Mann und das

Weib, und Unehre für den Genarrten.«

»Das Weib auf die Straße jagen? Dem Liebhaber gar in die Arme? -- Wo

blieb’ die Strafe?«

Blutrot trat ihm der Grimm in die Augen.

»Noch weißt du es nicht!« schrie in ihm eine Stimme.

»Und wenn du es wüßtest?« beharrte bohrend eine andere. »Wenn du es

wüßtest, du nähmst aus der Lade dort die ledergeflochtene Hundepeitsche

und griffest, wo du sie fändest, Mann und Weib, nackt und bloß, und

peitschtest den Mann vor den Augen des Weibes, und das Weib vor den

Augen des Mannes, daß sie sich hinfort nicht mehr in die Arme nehmen

könnten aus Ekel vor dem gezüchtigten Körper des anderen. Und weil es

der andere ansehen mußte.«

Die Buben der Frau Opterberg · 第 15 / 33 题