Ostern nahte. Die Reifeprüfung in der Gymnasialstadt war beendet,
Martin Opterberg und Christoph Attermann kamen von der Bahn und
schritten rüstig durch die Felder. Sie sprachen kein Wort, aber
zuweilen blieben sie mit einem Ruck stehen, blickten sich in die Augen
und lachten sich trunkenen Mutes an. Dann schritten sie um so eiliger
aus.
Aus der Ferne schon erspähten sie vor dem Hoftor eine Frau, die
Ausschau hielt in die Weite.
»Die Mutter!« jubelten sie, schwenkten ihre Mützen und setzten in
wilden Sprüngen über den Weg.
Frau Christiane weilte schon seit Stunden vor dem Tore. Mitten im
werktäglichen Schaffen hatte es die arbeitsfreudige Frau überfallen,
daß sie die Hände sinken lassen und hinaushorchen mußte. Und langsam,
von einem unwiderstehlichen Gefühl getrieben, hatte sie Fuß vor Fuß
gesetzt und war wie traumwandelnd hinausgeschritten bis vor das Tor.
Seit Stunden stand sie und schaute in die Weite und horchte in sich
hinein, während sie glaubte hinauszuhorchen. Heute wurden ihre Buben
flügge. Und wenige Tage nur, und sie würden die Schwingen regen zum
Ausflug in die Welt. Dann war das Nest leer.
In der Harrenden und Horchenden wurden die Stimmen der Vergangenheit
lebendig. Sie redeten eifernd laut und wiederum schmerzlich leise in
dem Kampf um die Seele des Mannes, die schweifen wollte im Blauen,
statt Wurzel zu schlagen im Grünen. Hatte die tiefere Erkenntnis der
Frau um des Lebens Möglichkeiten obgesiegt? Noch heute, nach zwanzig
Jahren der Ehe, schweifte des Mannes unruhige Seele bei Tag und Nacht
und wußte von der Heimatbedeutung des Opterberghofs nicht mehr als ein
Vogel von seinem Futterplatz. Und dennoch, trotz der Niederlagen, die
sie in den ersten Ehejahren mehr und mehr in eine innere Vereinsamung
drängen wollten, die wurzelstarke Frau hatte dennoch obgesiegt. Nicht
über des Gatten leichtes Zecherblut, aber über ihr eigenes Blut und
des Weibes drängende Liebeserwartungen. Sie hatte sich als Siegerin
erklärt, seit sie ihren Buben an die Brust legen konnte, und als
glückliche Eroberin dazu, seit sie dem Einzigen, den sie in Schmerzen
geboren hatte, in dem Milchbruder einen Kameraden hatte geben können.
Wer hatte vordem ihres Reichtums gedacht? Nicht einmal der Gatte, den
nur die Stunde lockte. Nun vermochte sie alle die Schätze, die sich
unaufhörlich in ihr sammelten wie das Quellwasser im Berge, den Buben
zu geben, und während sie in lautloser Freude gab und gab, spürte sie
erst die ganze Fülle ihres Reichtums.
Frau Christiane stand am Tore und hielt Einschau und Ausschau. Ihre
Lippen bewegten sich.
»Das ist das Glück. Spüren selbst in der Einsamkeit, daß man reicher
ist als die tobende Welt, weil man aus sich selber schöpfen und spenden
darf. Ihr habt mich dies Glück gelehrt, ihr Buben. Ich will’s euch
danken euer Leben lang.«
Ein Tropfen stieg ihr ins Auge. Sie schüttelte ihn ab. Sie hatte daran
gedacht, daß ihr Nest leer werden würde. Was nun mit den zuströmenden
Schätzen in der Einsamkeit?
»Nein,« sagte sie laut, »eine Mutter, die ihre Kinder ins Leben sendet,
kann gar nicht einsam sein. Ich bin die Quelle, und sie sind der Strom.
Und der Strom mag brausen, so fernhin er will, sein Lebenswasser holt
er sich doch aus der Quelle.«
Auf dem braunen Ackerwege tauchten die Gestalten der Heimkehrenden
auf. Sie sah der Buben Mützenschwenken und die wilden Sprünge über die
Ackerschollen querfeldein.
»So sollt ihr allzeit zu eurer Mutter gesprungen kommen und klares
Quellwasser finden, ihr Buben,« und sie hob die Arme und winkte
den stürmisch Heimbegehrenden entgegen und fühlte sich von vier
Jünglingsarmen umfaßt und die tollen Küsse der flaumbärtigen Lippen auf
ihren Wangen.
»Wir haben’s geschafft, Mutter, wir haben’s geschafft!«
»Wollt ihr mich umbringen, ihr Wilden?«
»Mitnehmen möchten wir dich, mitnehmen in die Freiheit!«
»Um mich am nächsten Kreuzweg in der Freiheit sitzen zu lassen.«
»Um dich der ganzen Welt vorzuweisen: das ist unsere Mutter Christiane!«
»Das wär’ mir das Rechte,« lachte Frau Christiane, bekam ihre Hände
frei und wuschelte durch das Blondhaar ihrer Buben. »Damit die ganze
Studentenschaft schreit: Da kommen die Opterbergsbuben mit ihrer
Kinderfrau. Nein, nein! Jetzt zeigt denen da draußen, daß ich euch
wirklich das Laufen beigebracht hab’.«
»Mutter, du wirst so allein sein, während wir draußen Tollheiten
machen!«
»Macht ihr nur eure Tollheiten. Dann wird’s euch heimtreiben, um euch
bei der Mutter Rats zu holen, und ich bin nicht mehr allein.«
»Ach Mutter,« rief Martin Opterberg übermütig, »wieviel Tollheiten
werden wir begehen, um dir die Freud’ zu machen.«
»Uns, Mutter, uns,« rief Christoph Attermann, »um deine Stimme zu
hören.«
»Kommt immer, ihr Buben, früh oder spät. Für eine Mutter gibt’s keine
Zeit. Eine Mutter wartet immer. Und nun marsch hinein und laßt euch
beglückwünschen. Der Vater war euretwegen stundenlang im Keller und
gewiß nicht, um eine trockene Red’ zu studieren.«
Da nahmen die jungen Studenten Frau Christiane in die Mitte und zogen
in den Hof, und Arnold Opterberg stand mit einem alten, kunstvoll
geschliffenen Pokal auf der Schwelle des Hauses und winkte ihnen mit
dem Kelch entgegen. »Trinkt einmal erst, trinkt einmal erst, damit wir
nicht wehleidig werden. Es lebe die Freiheit!«
Nein, wehleidig wurden sie nicht an diesem Abend im Opterberghause.
In der fensterreichen Giebelturmstube hatte der Hausherr den Tisch
gerichtet, und während die Gläser aneinanderklangen, rauschte der junge
Rhein sein stürmisch Wanderlied hinein und wetteiferten lockend die
tannengrünen Höhen des Schwarzwaldes mit den rätselhaften Berggebilden
der Alpen im Abendschein. Der ungewohnte Wein löste den Jünglingen
die Zunge, daß sie mit dem jugendtrunkenen Hausherrn um die Wette
schwärmten und Pläne schmiedeten, und Frau Christiane saß unter ihnen
und blickte lächelnd in ihr Glas.
»Also das Ingenieurfach habt ihr euch erwählt,« rief Arnold Opterberg,
»Strombau, Brückenbau, Tief- und Hochbau und was weiß ich! Immerhin
-- ein freier Beruf, der einem die Wunder der Welt erschließen kann.
Als Jurist Prozesse wegen einer Ungezieferbude führen, als Mediziner
jedermann das Klistier setzen und als Schulmeister tagaus, tagein
den Nürnberger Trichter bei anderer Leut’ Kindern spielen -- nee,
wär’ auch nicht mein Fall. Über die Theologie aber müßten sich die
Theologen erst selber einmal einig sein. In den Weinbergen des Herrn
stecken mir zu viel Pantscher, die das Hochzeitswunder zu Kana auf
den Kopf stellen und aus Wein Wasser machen. Da wird das Herz nicht
froh. Also es bleibt beim Ingenieurfach. Das ist doch noch ein Stück
Leben, gesehen durch ein Stück Kunst, und ich habe nicht ganz umsonst
zu Düsseldorf die Musen gegrüßt. Christiane, merkst du was?« Er war
aufgestanden und hatte die Gläser frisch gefüllt. »Und nun wollen wir
das Verbrüderungserzeugnis von Kunst und werktätigem Leben in diesen
beiden Fahnenjunkern leben lassen. Das Ingenieurwesen und seine beiden
jüngsten Jünger: hoch, hoch und zum dritten Male -- hoch!«
Sie standen im Kreise und stießen leuchtenden Auges miteinander an. Und
Arnold Opterberg umarmte die Gefeierten und rief: »Jungens, am liebsten
zög’ ich mit euch. Aber ich besuche euch oft! Darauf könnt ihr das
Abendmahl nehmen.«
Die Wahl der Hochschule wurde zur Erörterung gestellt. Das wurde ein
lustig Streiten. Die Namen Karlsruhe, Darmstadt, Aachen mißfielen
Arnold Opterberg durchaus. Er wünschte Klang und Farbe in ihnen zu
spüren wie in Freiburg, Heidelberg, Bonn.
»Aber Vater, es geht um eine technische Hochschule.«
»Lari fari, es geht in den ersten Semestern darum, daß ihr irgendwo
eingeschrieben seid und belegt. Denn ihr wollt doch zunächst Studenten
werden und dann erst Ingenieure. Grundgütiger Gott, da sollte _mir_
einer die Wahl freistellen!«
Martin Opterberg strahlte Christoph Attermann an. Der wiegte bedächtig
den Kopf.
Frau Christiane ließ ihre Augen wandern, von einem zum andern hin.
»Es ist Männersache,« hob sie an, als sie zum Sprechen aufgefordert
wurde, »und die Frau kann zu dieser Frage wohl nur das Gefühl reden
lassen.«
»Laß es reden, Mutter,« riefen die Jungen wie aus einem Munde.
»Gut, ihr Buben, aber es ist nur eine Meinung und beileibe keine
Beeinflussung. Ich mein’ halt _so_ in meinem Frauen- und Muttersinn:
Gewiß werdet ihr zu allererst nicht gar zu viel schaffen und euch
hinter den Büchern vergraben, weil ihr erst just von den Büchern kommt.
Eure Jugend wird nach dem Leben greifen und nach den tausend Eindrücken
in der neuen Umgebung und in der neuen Freiheit. Das ist Jugendrecht
und auch wohl der notwendige Ausgleich, und ich gönn’s euch von Herzen.
Ihr sollt als Männer nicht sagen dürfen, ihr hättet in der Jugend ein
Versäumnis begangen, dem ihr nachtrauern müßt.«
Arnold Opterberg griff nach seinem Glase und trank es aus. Die
Jünglinge sahen es und schwiegen. Ihre Blicke kehrten zur Mutter
zurück. Und Frau Christiane fuhr fort:
»Es mag Ausnahmen geben, die den Jugendschwang nicht brauchen. Ich
halt’ nichts von diesen Ausnahmen, die die Freud’ als Zeitvergeudung
betrachten, wie ich auch von altklugen Kindern nichts halte. Nur die
Freude hebt uns über den Kleinkram des Lebens hinaus, und nur aus der
Freude wird die rechte Arbeit geboren. Also lernt in Gottes Namen
die Freud’ in jederlei Gestalt kennen und wählt euch die rechte aus
zur Erinnerung. Ich würde dazu Freiburg wählen, weil es so mitten in
unseres Herrgotts Schwarzwaldgarten liegt und weil es euch, bevor ihr
euch an die eigentliche und ernste Lebensarbeit macht, noch einmal die
Heimat lieben lehrt in allen ihren Wundern. Dann mögt ihr weiter.«
Frau Christiane nickte ihren Buben zu und ließ den Blick in den Abend
wandern. Und die Buben sprachen erregt durcheinander und besprachen die
Fächer, die sie auch in Freiburg belegen könnten: Mathematik, Geologie,
Chemie, Physik.