Das schwirrte durcheinander …

Vorbei der Schulzwang. Vorbei das jähe Auffahren im Morgendämmern mit

dem ersten Blick nach der gnadenlosen Uhr. Fünfmal gellte auch heute

ihr Schlag. Marsch, auf den Weg, durch Feld und Wald, durch Wetter und

Wind zur fernen Eisenbahn, die nicht wartet! Martin Opterberg streckte

sich wohlig in seinem Bett: »Schlag du fünftausendmal. Deine Macht ist

aus. Ich bin ein Freiherr geworden.«

Christoph Attermann aber erhob sich ruhig aus seinem Bett und begann

ein großes Wasserplätschern.

»Heda, Student,« rief ihm Martin Opterberg lustig aus den Kissen zu,

»du träumst dich wohl eben in deine Kinderzeit zurück? In die Klappe,

Fuchs! Wir singen als Morgenlied: Frei ist der Bursch!«

»Die Mutter ist auf, Martin. Ich höre sie schon. Da möcht’ ich ihr

Gesellschaft leisten.«

»Grüß sie von ihrem traumseligen Sohn.«

Im ersten Morgendämmern stand Frau Christiane in ihrem Felsgarten.

Ihr Rundgang durch die Ställe war beendet, Knechten und Mägden die

Früharbeit angewiesen. Der Himmel färbte sich rosafarben. Über

den Vorbergen des Schwarzwaldes tasteten schon die Strahlen der

aufgehenden Sonne.

Eine kleine Weile hier zu stehen und alles erwachende Leben in sich

hineinzutrinken, war Frau Christianes tagtägliche Morgenandacht.

Christoph Attermann gewahrte sie und verhielt seinen Schritt, um ihr

Tun nicht zu stören. Doch Frau Christiane hatte den Schritt schon

vernommen und sagte, ohne sich umzuwenden: »Das ist der Christoph.

Guten Morgen, mein Bub. Weshalb schläfst du nicht aus wie der Martin?«

»Guten Morgen, Mutter. Der Martin hat mir schon einen Gruß an dich

aufgetragen. Ich hörte dich im Hause und dacht’, du könntest mich

brauchen.«

»Ei, Christoph, solltest du nicht eher darum gekommen sein, weil du

_mich_ brauchen möchtest?«

»Du weißt alles, Mutter. Ja, darum kam ich. Aber ich seh’, ich stör’

dich gerade.«

Sie reichte ihm die Hand und zog ihn näher.

»Du kannst teilnehmen. Wer das hier betrachtet, Morgen für Morgen und

jahraus, jahrein, dem kann der Glaube an die Unsterblichkeit nimmer

vergehen und erst recht nicht der Mut zum Leben. Noch ist alles

winterschwarz und so öd’, daß du über dich selbst jammern möchtest,

und da kriecht schon zu deinen Füßen das erste Leberblümchen aus dem

Erdreich, siehst du, gerad’ hier, wo wir stehen, und putzt sich und

reckt sich ins Licht, als hätt’ es nur eben ein Schläfchen hinter sich

und wär’ nun wieder fröhlich bei der Sach’. Und die Fruchtknoten an den

Obstbäumen haben während des Winterschlafs ihr Säfteschwellen nicht

eingestellt und bereiten sich im kahlen Holz schon wieder zur seligen

Blüte. Und die bleiche Wintersonne kriegt einen goldenen Glanz und gar

so viel Wärme, daß es uns wohlig über den Rücken rieselt und all das

müde Blut in uns verwundert die Augen aufschlägt. Schau, Christoph,

da kommt die Sonne selbst, und weil wir Frühaufsteher sind, lehrt sie

uns ihren Spruch, und der lautet: ›Im Haushalt Gottes gibt es keinen

Tod und nur ein täglich Auferstehen. Und wenn’s gestern Nacht war, so

ist darum doch heute wieder Tag. Menschlein, Menschlein, du mußt nur

erst den rechten Abstand zu dir selbst und deinem lächerlich winzigen

Sorgenbündelchen gewinnen, um die ganze Größe der Schöpfung zu erkennen

und dich selbst als ein unsterblich Glied.‹«

»Du bist glücklich, Mutter.«

»Ich war’s nicht immer. Ich bin’s geworden. Ich hab’ manchen Stein

zerklopfen müssen, bis ich zu der Quelle in mir kam. Und so müssen wir

alle. Christoph, es geht nur um die Liebe im Leben. Um sie nur allein.

Wer am stärksten zu lieben vermag, ist der Glücklichste. Nun sprich,

was dich in der Frühe zu mir führt.«

»Es ist so klein, Mutter …«

»Dann wollen wir es nicht erst groß wachsen lassen. Sprich tapfer drauf

los.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »es wäre wohl am Platze, daß ich

dir aus tiefstem Herzen dankte für alles, was du an mir getan hast. Von

der Muttermilch an, die du mir gegeben hast wie deinem eigenen Sohn.

Aber schau, da stock’ ich schon. Denn dafür allein, daß du mich an

deine Brust gelegt und mich gesäugt hast, dafür wär’ mir ein Dank wie

ein anmaßlich Wort, weil die Gabe zu unfaßlich hoch darüber steht. Und

ich bin auch gar nicht gekommen, dir zu danken, weil ich ja von deiner

Liebe gar nicht loslasse und immer wiederkommen werd’ und gar keinen

Abschluß find’.«

»So ist’s recht,« ermunterte Frau Christiane. »Es ist recht, weil es

das Selbstverständliche ist. Und nun sag das Deine.«

»Mutter,« hob Christoph Attermann von neuem an, »der Martin und ich,

wir sind Brüder. Aber der Martin ist ein Opterberg-Erbe, und ich bin

ein Attermann-Erbe, und danach muß ich jetzt den Weg, der in die

Selbständigkeit führen soll, richten. Es wär’ sonst ein falscher Ton in

unserem brüderlichen Verhältnis, und ich gäb’ mir einen Anstrich auf

seine Kosten. Ach, Mutter, lach nicht. Du hast mir bei der Einsegnung

vor Jahren vorgezeigt, daß der Erlös aus meinem Väterlichen und

Mütterlichen die Summe von sechstausend Mark getragen habe. Wie ich mir

mein Studium einzurichten gedenk’, wird’s auskömmlich reichen. Aber die

Freud’, mit dem Martin gemeinsam das Studentenleben zu betreiben, werde

ich aufstecken müssen. Darum bleiben wir uns doch die gleichen und

gehen als Männer wieder Hand in Hand.«

Frau Christiane schaute angestrengt in die aufsteigende Sonne.

»Nun sprich auch jetzt, daß ich Recht hab’, Mutter, und nimm mir den

Druck.«

»Christoph,« sagte Frau Christiane und blickte immer noch in die junge

Sonne, »ich muß dir ein Geständnis machen. Mit den sechstausend Mark

stimmt’s nimmer.«

Über die breite Stirn Christoph Attermanns zog eine brennende Scham.

»Verzeih, Mutter,« stammelte er, »ich hab’s in meiner Gedankenlosigkeit

nicht berechnet. Das Schulgeld und die Erziehungskosten --«

»Du Narr,« sagte Frau Christiane, ohne den Blick aus der Höhe zu

wenden, »sollen wir etwa gegeneinander aufrechnen? Was der Opterberghof

an dir gehabt hat und du am Opterberghof? Nein, es ist eine viel

größere Leichtfertigkeit, als du es ahnst, und ich muß mit der Sprache

heraus. Also ich hab’ -- ich hab’ mit deinen sechstausend Mark -- kurz,

ich hab’ damit, wie man an der Börse sagt, spekuliert.«

»Spekuliert?« Christoph Attermann lachte, wie von einem Alb befreit.

»Und hin ist’s?«

»Hin? Du bist wohl von Sinnen, Bub? Man spekuliert doch nicht, damit’s

hin geht? Verdoppelt hab’ ich’s, und die Zinsen stehen auch noch dazu.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann ungläubig, »wann hast du denn das

getan? Sieh mich doch an, Mutter.«

Da schaute ihm Frau Christiane gelassen in die zweifelnden

Jünglingsaugen.

»Hör zu, Christoph. Die anderen wissen nicht davon, und aus guten

Gründen. Vor einer spekulierenden Mutter wäre die schuldige Achtung ins

Wanken geraten. Es ist aber geschehen, und es war, als der Landhunger

der Fabriken einsetzte. Da hab’ ich heimlich für dein Erbteil gekauft

und ums Doppelte wieder verkauft. Es ist geglückt.«

»Und wenn’s nicht geglückt wär’?«

»Ja, mein armes Christophel, dann wärst du ein Bettelbub geworden.«

»Das glaub’ ich dir nicht, Mutter. Zum erstenmal im Leben glaub’ ich

dir was nicht.«

»Das magst du dummer Bub halten, wie du willst. Die Haupsach’ ist und

bleibt: das Geld ist da und ist dein. Und du wärst mir ein netter

Geizhals, wenn du jetzt noch den Martin allein nach Freiburg ziehen

lassen wolltest.«

Der Junge hob die Arme. Dann warf er sich wortlos an Frau Christianes

Brust. --

»So, und nun geh hin und erzähl dem Martin, auf welche Glücksweis’ du

dein Vermögen verdoppelt hast und daß du mit ihm Schritt halten kannst.«

»Mutter,« stammelte Christoph Attermann, »was sag’ ich nur zu all

deiner Liebe …?«

Zu ihren Füßen brauste und schäumte der junge Rhein, kristallen und

blau, wie er aus den Bergen kam, in denen seine Quellen lagen.

»Wenn sie dich zu viel dünkt,« sagte Frau Christiane, »so gib dafür von

deiner an Martin,« fuhr ihm durchs Haar und ging ins Haus. --

Noch einmal gab es in der Osterwoche Becherklang im Giebelturmzimmer.

Professor Barthelmeß war gekommen inmitten seines Familienlebens.

Seinem ältesten Sohn Bernhard war, in Anbetracht, daß man ihn zur

Rekrutenmusterung vorgeladen hatte, von der Schule nach hartem

Kampf das Einjährigenzeugnis bewilligt worden, und die Brüder

Fridolin und Hartwig hatten es gleichzeitig erhalten, weil sie die

Erklärung abgaben, sich nicht einem wissenschaftlichen, sondern einem

künstlerischen Berufe widmen zu wollen.

»Was ihnen der Vater geben kann, vermag ihnen nicht Schule und nicht

Hochschule zu geben,« erklärte Professor Barthelmeß feierlich. »Ich

werde meine drei Söhne der christlichen Kunst zuführen. Sie erhebt über

den Alltag und nährt ihre Jünger.«

Als Martin Opterberg vom Vater ausgeschickt war, neuen Wein in die

Giebelstube zu holen, und mit den Flaschen im Arm die Giebeltreppe

hinaufgestiegen kam, huschte ihm die zwölfjährige Sabine Barthelmeß

entgegen.

»Gib mir schnell einen Kuß, Martin. Daß du an mich denkst.«

»Bist du toll, Mädel?«

Sie stand eine Treppenstufe höher als er, beugte sich schmiegsam vor

und küßte ihn auf den Mund, bevor er, die Flaschen im Arm, abwehren

konnte, huschte vor ihm die Treppe hinauf ins Zimmer zu den anderen und

saß bei seinem Eintritt mit unschuldig gesenkten Augen.

Vierzehn Tage darauf trafen Martin Opterberg und Christoph Attermann

in der alten Musenstadt Freiburg ein, um schon am nächsten Morgen als

Füchse der Burschenschaft zu erwachen.

5

»Bindet die Klingen! -- Los! -- -- Halt!«

Immer wieder dieselbe helle Befehlsstimme. Immer wieder dasselbe

leise Sirren der Stahlklingen und ihr hartes Aufdröhnen auf dem

schweißfeuchten Filzdeckel.

»Was, ihr Füchse? Das treibt den Kneipendunst besser aus den Schädeln

als die schönste Knetkur beim Herrn Hofbarbier. Auf die Mensur -- los!

Terz! Quart! Mit der Klinge fangen, nicht mit dem Kopf! Der Hieb ist

die beste Deckung! Allemal! -- Halt!«

Prustend schälte sich Martin Opterberg aus dem wulstigen Fechtzeug.

»Den Donner auch,« raunte er Christoph Attermann zu, der in der Ecke

des Fechtsaals neben ihm stand und sich aus der Halsbinde löste, »da

sing’ noch einer: ›Frei ist der Bursch!‹ Mit den Eulen ins Bett und mit

den Hühnern heraus. Ich hab’ keine drei Stunden Nachtruhe gehabt.«

»Ging’s mir anders, Martin? Aber der Fechtwart hat Recht: der Dunst von

der gestrigen Kneipe ist ’raus aus dem Schädel. Saufen kann jeder, aber

Freiheit heißt doch wohl: frei werden durch Pflichtenerfüllung.«

»Rechnest du den Frühschoppen nachher und den Mittagsbummel und

die Nachmittagsspritzfahrt und die Abendkneipe ebenso zu den

Pflichtenerfüllungen wie in der Frühe den Fechtboden?«

Christoph Attermann lachte gutmütig.

»Martin, wenn ich’s noch wär’, der so sprechen wollt’. Dir wächst ja

alles von selber zu. Den Schläger handhabst du schon wie ein alter

Fechter, daß sie dich sicher schon vor Ende des Semesters auf die

Fuchsenmensur herausstellen werden, und beim Bechern und Singen wirst

du nicht müd’, bis der letzte nach Hause strebt. Ich muß mir das alles

mühsam erlernen und schimpf’ doch nicht.«

»Hei, weshalb schimpfst du nicht?«

»Weil ich mir denk’, die Verbindungserziehung ist vonnöten, damit man

zu jeder Stund’ sich zusammenreißen lernt und nie außer Rand und Band

kommt. Wer einmal befehlen will, muß sich selber gehorchen können.

Und das weiß keiner besser als der Martin Opterberg, und wenn er erst

gewaschen und gestriegelt ist und die Mütz’ auf dem Kopf hat und das

Band um und zieht durch die Straßen Freiburgs, ›fast als wollt’ er eine

suchen, die die Allerliebste wär’,‹ wer jubelt da am lautesten sein

›Frei ist der Bursch‹?«

»Ach, Christoph,« sagte Martin Opterberg und legte dem Freund den Arm

um die Schulter, »es ist doch wunderschön …« Sie zogen über die Straße

und kamen an der Universität vorbei.

»Gehen wir einen Augenblick hinein, Martin?«

»Hinein? Schau dir einmal den festen Bau an. Der läuft uns nicht so

leicht weg.«

»Aber wir laufen ihm weg, weil wir gar so lose gebaut sind, und das

säh’ doch weiß Gott aus wie blasse Angst und Kneiferei. Hält’s dein

Hirn nicht aus nach dem bißchen Kneipen?«

»Also komm schon herein, du Quälgeist. Mein Hirn hält sämtliche Herren

Professoren aus, aber ich mein’, _ein_ Kolleg genügt für heut, um ihnen

die Ehre zu erweisen.«

So zogen sie ein und drückten sich in die Bänke, und als sie wieder

in die Frühlingssonne traten, grüßten sie erst ein Rudel frischer

Studentinnen und ließen die lachenden Mädel an sich vorüberstolzieren,

bevor sie den Frühschoppen aufsuchten.

»Prachtmädel darunter, Christoph. Mit denen müßte sich gut in den

Schwarzwaldbergen wandern lassen.«

»Du wärst imstande dazu.«

»Du vielleicht nicht? Wer redete denn vorhin so hoch daher von blasser

Angst und Kneiferei, als es galt, mich ins Kolleg zu schleppen?

Umschichtig, Christoph. Jetzt ist die Reihe an mir, und du bist mein.«

»Es sind Medizinerinnen, Martin. Man trifft sich kaum.«

»Was sonst noch? Von morgen an schieben wir medizinische Kollegs ein.

Ohne Beleggelder. Selbstverständlich. Der Professor wird sich freuen,

zwei Hörer mehr um seine Weisheit versammelt zu sehen. Ach, Brüderlein,

stachle du noch mal meinen wissenschaftlichen Eifer an.«

Auf dem Franziskanerplatz plätscherten die Wasser des roten

Sandsteinbrunnens. Vom Säulenschaft sann ein steinerner Mönch.

Berthold Schwarz war’s, der Freiburger Franziskaner.

»Wenn der nicht gelebt hätt’, wär’ die Menschheit glücklicher,« lenkte

Christoph Attermann das Gespräch ab.

»Du meinst, wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden

hätte. Ach Christoph, die Menschheit würd’ sich nur auf andere Weis’

umbringen. Entweder sie balgen sich um eine schöne Helena, oder um den

lieben Gott, oder um einen verprügelten Grenzaufseher. Die Hauptsache

ist, daß sie die Windklappe öffnen und sich balgen können. Und wenn der

Fuchs da drüben in seiner stolzen Farbenpracht sich noch ein einziges

Mal erdreistet, mich anzuäugen, während ich hier vor Weisheit triefe,

so werde ich ihn sofort einmal ansegeln und -- --«

»Jedenfalls hätten die Schulmeister ihr schönstes Sprüchlein weniger,

wenn der Berthold Schwarz nicht das Pulver erfunden hätte,« lenkte

Christoph Attermann in Gemütsruhe nochmals ab. »Links schwenkt, Martin.

Wir sind die letzten zum Frühschoppen, wie immer.«

»Natürlich!« rief Martin Opterberg und betrat hochaufgerichtet die

Wirtschaft. »Wenn du mich Tag für Tag ins Kolleg verschleppen mußt!«

Die Burschenschaft saß beim zweiten Glas. Man ließ die Zuspätkommenden

das erste Seidel restlos leeren. »Zur Dämpfung lasterhafter Streberei

vor Mitternacht,« erklärte der Fuchsmajor Tillmann, ein großer und

schöner Mensch, der sich der Kunstgeschichte verschrieben hatte. »Sah

ich euch nicht mit nüchternem Magen ins Kolleg schlüpfen, während ich

am Fenster die Morgenpfeife reinigte? Auf trockenem Boden wird der

Halm zu Stroh, und die Hähne, die allzufrüh krähen, sind schon um

Mittag heiser. Laßt ab von der Überheblichkeit gegen eure Mitmenschen.«

»Die Junker vom Opterberghof wünschen beizeiten Minister zu werden,«

lobte ein narbenbedeckter Bursch in ausgezeichneter Haltung. »Ich halte

mich Euren Gnaden sehr empfohlen.«

»Der Grüters,« bemerkte sein Nachbar, ein hoch- und breitgewachsener

Student mit ruhigem Blick, »schlägt überall seine Nägel ein und denkt

in seinem schönen Sinn: irgendwo und irgendwie muß der Hut mal hängen

bleiben.«

»Lieber Broich, wenn du dich mit mir unterhalten möchtest, so sorge,

daß Stoff im Glase ist.«

»Erbarmen,« rief der Fuchsmajor Tillmann. »Werdet doch nicht schon

geistreich, wenn die Menschheit noch den Schlaf in den Augen hat. Ich

bitte um einige Rücksichtnahme.«

»Wer waren denn die Töchter in Apoll, die ihr so angelegentlich

grüßtet?« fragte Grüters obenhin über den Tisch.

»Studentinnen,« erwiderte Christoph Attermann.

»Habe ich nach dem Gewande gefragt?« belehrte ihn Grüters.

»Studentinnen ist ein Herdenname. Ich meine, ob in der Schale eine süße

oder eine bittere Mandel steckt?«

»Hübsche Mädel sind’s,« rief Martin Opterberg und sprang dem verlegenen

Freund rasch zur Hilfe. »Wer etwas vom Kern wissen will, muß sich schon

selber bemühen und die Nüsse knacken. Das Ergebnis scheint mir Frage

des Geschmacks.«

»Du bist keck, Füchslein von neunzehn Lenzen. Sei dankbar, wenn dich

erfahrene Männer lehren.«

»Was, deucht euch, ist dieses?« rief der Fuchsmajor Tillmann und stieß

seinen Zeigefinger durch einen Sonnenkringel.

»Das ist eine Bierbretzel, Leibbursch.«

»Jüngling, du trägst noch die Eierschale des Materialismus am Steiß.

Ich mahne dich zu einem tiefen Trunk der Erkenntnis. Rest weg. Danke.

Nun? Ist es immer noch eine Bierbretzel?«

»Wahrhaftig -- jetzt seh’ ich’s klarer. Es ist ein goldner

Sonnenkringel.«

»Frühlingssonne,« rief Tillmann. »Allererste, golden lockende

Frühlingssonne. Wie ein Bräutigamsreif legt sie sich um meinen Finger

und ruft hinaus aus den engen Mauern in die blauenden Weiten. He, ihr

Füchse, wißt ihr ein passend Verlobungslied?«

»Der Herr Professor -- liest heut kein Kollegium,

Drum ist es besser -- man trinkt eins ’rum«

sangen die Füchse.

»Es ist notwendig,« bemerkte Tillmann, »daß ich euch einigen

Fuchsenunterricht in der freien Natur gewähre. Das geht ja nur ums

Fressen und Saufen, und der heilige Geist kommt zu kurz. Punkt drei Uhr

antreten zum Marsch auf den Schloßberg und wohin uns die Füße tragen.

Gesegnete Mahlzeit.«

Um drei Uhr sammelte sich ein Trüpplein Farbentragender am Martinstor,

dem die Jugendsonne aus dem alten Steingequader lachte. In der

langen Straßenzeile sprangen tänzelnd die Brunnen und flüsterten von

ihrer Mutter, der Dreisam, und den Schwarzwaldbergen ringsumher.

Das Trüpplein zog die geborstene Stadtmauer entlang und schwenkte

am lustigen Schwabentor singend ins knospende Rebgelände ein, das

den Trümmerberg der einst so trutzenden Schlösser selig lächelnd

überzog. Und der Gesang brach ab, als das Trüpplein die erste Höhe

erstiegen hatte und aus wundertrunkenen Jugendaugen hinunterschaute

auf das Gewirr der grauen Dächer und altertümlichen Giebel, aus dem

der schlanke Turm des Münsters wie ein veilchenfarbener Traum der

Vergangenheit sehnsüchtig gen Himmel ragte.

»Das ist die einzige Blüte der Gotik, die sich noch im Mittelalter

voll zur Blume entfaltet hat,« lehrte aus tiefem Schauen heraus der

kunstbefreundete Tillmann. Seine Augen tranken sich satt und schweiften

über die andachtsvollen Gesichter der Jüngeren.

»Nun, wie wär’s denn jetzt mit dem schönen Lied vom Herrn Professor,

der heut’ kein Kollegium liest?«

Aber keine Stimme erhob sich zum übermütigen Saufauslied.

»Sag uns noch ein paar Wörtel von dem da drunten,« bat Martin

Opterberg, und Christoph Attermann bat wie er, und die übrigen sprachen

es mit. Und während sie standen und schauten und weiter hinanstiegen

und oft Rückschau hielten, erzählte der Führer aus uralten Zeiten,

vom Zähringer Herzog, dem zweiten Berthold, der um das Jahr 1090 die

Stadt gegründet, und von den sagenhaften Baumeistern, die mit dem

romanischen Querschiff den Bau des Münsters begonnen hatten, um ihn in

siegreicher Kühnheit in die erwachende Welt der neuen deutschen Gotik

hinüberzuführen. Ein Gestaltenheer tauchte auf und zog vorüber, während

der Erzähler sprach. Bernhard von Clairvaux reckte im noch dachlosen

Kirchenbau das Kreuz über den Häuptern des Volkes und entflammte ihm

Hirn und Herz und Hand zum Kampf gegen die Ungläubigen. Das Erzhaus

Österreich nahm Besitz, und Vorderösterreich hieß der Breisgau. Kaiser

und Könige und Erzherzöge aus dem Hause Habsburg schritten funkelnd

wie die Sonne durch die Stadt und die Jahrhunderte, und die Sonne

verschwand unter den Stürmen des Dreißigjährigen Kriegs, der das Gift

säete statt des deutschen Heils und den mörderischen Haß erntete statt

der Bruderliebe. Den Franzosen fiel die Stadt zur Beute und wieder

Österreich, und aufs neue den französischen Scharen, die von der

Freiheit sangen und das Fallbeil mit sich schleppten, und wiederum

Österreich, dem geschwächten, um endlich den Kreis zu beschließen in

der Rückkehr zum Zähringerhause Badens im Jahre 1806.

Auf hohem Gipfel, den Schloßberg wie eine liebliche Erhebung tief unter

sich, stand das Trüpplein, den grünen Kranz der Schwarzwaldberge zur

Rechten, weit hinaus vor sich das silbrige Geglitzer des Rheintales bei

Breisach und jenseits in ungeheuren Nebelformen die Kette der Vogesen.

Frankreich lugte über den Berg.

Der Führer Tillmann riß die Mütze vom Scheitel.

»Deutsch allzeit und allwege!« jauchzte er in das Sonnenland, und die

anderen taten wie er und schwenkten die Mützen über den heißen Köpfen,

und einer begann zu singen, und alle fielen ein, mit entblößten

Häuptern und begeisterungflammenden Jugendaugen:

»Es braust ein Ruf wie Donnerhall,

Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!

Wer will des Stromes Hüter sein?

Lieb Vaterland magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!«

Christoph Attermann hatte den Arm um den Hals des Freundes und

Bruders geschlungen. »Weißt du das Wort, Martin, das in schwerster

Deutschlandszeit der alte Arndt geprägt hat?«

Martin Opterberg reckte vom Schwarzwaldgipfel den Arm gegen das

Vogesenland.

»Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze!« rief er,

und von neuem begannen sie den Vaterlandsgesang. Die Stimmen klangen

ab. Ein Lauschen blieb.

Aus dem Walde kam es hervor. Ein silbernes Singen und Klingen.

Lautenklang und singende Mädchenstimmen.

»Der Mai ist auf dem Wege, der Mai ist vor der Tür;

Im Garten, auf den Wiesen, ihr Blümlein kommt herfür!«

Und die Blümlein kamen. Ein Quartettlein frischer Mädchengestalten.

In weißen Kleidern und über die junge Brust das bunte Lautenband

gezogen, traten sie aus dem Waldesdunkel auf die sonnenüberschüttete

Bergeskuppe, schauten nicht links und rechts nach den staunenden

Studentlein und sangen ihr Frühlingswanderlied in den unendlichen

Maientag bis zum Ende.

»Da hab’ ich den Stab genommen, da hab’ ich das Bündel geschnürt,

Zieh’ weiter und immer weiter, wohin die Straße mich führt.

Und über mir ziehen die Vögel, sie ziehen in lustigen Reih’n,

Sie zwitschern und trillern und flöten, als ging’s in den Himmel

hinein.

Der Wandrer geht alleine, geht schweigend seinen Gang;

Das Bündel will ihn drücken, der Weg wird ihm zu lang.

Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein!

Und wenn auch das nicht wäre: Könnt _eine_ nur mit mir sein!«

Martin Opterberg hatte sich aus seinem Lauschen und Staunen gelöst.

Er tat einen Schritt vor, auf die singenden Mädchen zu, und Christoph

Attermann griff nach seiner Hand, als wollte er sagen: Nimm mich mit,

Martin.

Vor den Mädchen stand Martin Opterberg, den Freund an der Hand, und

sang ihnen die letzte Strophe wie einen Kehrreim zu:

»Ja, wenn wir allzusammen so zögen ins Land hinein!

Und wenn auch das nicht wäre: Könnt _eine_ nur mit mir sein!«

Lachend nickten die Mädchen den beiden zu, singend und klingend

schritten sie über die Bergkuppe, Sonne im Haar, Sonne in den Augen,

und ihre weißen Kleider schwanden im Dunkel des Waldes.

»Wollen wir nach, Christoph? Sie waren’s, die Kolleginnen von der

anderen Fakultät!«

»Jetzt nicht. Heute nicht. Nicht alle Freud’ miteinand haben wollen.«

»Alle, alle, alle miteinand!«

»Dann gäb’s kein Freuen mehr für morgen und übers Jahr.«

Martin Opterberg schlug sich gegen die Brust, die das Fuchsenband

überspannte.

»Hier ist Platz für hundert Jahr Freud’, und Hunger und Durst für

tausend.«

Der Führer rief sie an.

»Daß mir keiner ausbricht! Wollt ihr ein Lämmerhüpfen spielen, so

spiel’ ich den Schäferhund. Das Ganze Kehrt! Ich gedenk’ heute abend

eine Männerkneipe mit euch abzuhalten und keine Familienschokolade.«

Am Abend saßen sie auf ihrer Freiburger Kneipe. Kein Fuchs war üppiger

als Martin Opterberg. Sein Blut glühte und wallte und riß ihn von

Übermut zu Übermut.

»Prosit, Christoph. Die mit der Laute!«

»Prosit, Christophel. Die mit dem Sonnenkrönlein im braunen Haar!

Menschenskind, und die mit dem Herzausschnitt im weißen Kleidel! Und

die mit der schlanken Fessel am Fuß!«

»Und das hast du alles mit einem Blick gesehen?«

»Mehr, viel mehr! Vier rote Herzlein hab’ ich gesehen, und ich hab’ nur

eins, und du hast nur eins. Was sollen wir tun als trinken? Auf aller

schönen Mädchen Wohl!«

»Eine ist mehr, Martin. Vielleicht ist sie darunter. Müh’ muß man sich

geben und warten können.«

»Was warten! Heute scheint die Sonne! Morgen kann’s regnen! Heute ist

heut!«

Wohlgefällig schauten die älteren Burschen auf den flammenden Fuchsen.

Sie tranken ihm zu. Sie lobten seine gute Haltung beim heißen Becher

und seine Sicherheit und Gewandtheit beim kalten Schlägereisen. Man

besprach den Tag seiner ersten Mensur und nahm ihn in nahe Aussicht.

Ein Hinreißendes ging von Martin Opterberg aus, das die Jüngeren mit

hinein in die Begeisterung trieb und die Älteren freundlich lächeln

machte, und Christoph Attermann ging es durch den Sinn: Da schlägt

Arnold Opterberg, der Vater, die Augen auf, während Frau Christiane

schaffensmüde schlummert …

Am Tage, nachdem Martin Opterberg zur Freude der Burschenschaft

siegreich seine erste Mensur geschlagen hatte, gelang es ihm, sich mit

den jungen Studentinnen bekannt zu machen. Er hatte im Kolleg seinen

Platz neben ihnen gefunden, und da sein Verband, der eine kleine

Stirnverwundung deckte, ins Rutschen gekommen war, so hatte ihm seine

Nachbarin, Therese Baumgart, nach Schluß der Vorlesung den Wickel neu

befestigt. Er hielt ganz still, während die kühle Mädchenhand über

seine Stirn glitt, bedankte sich wohlerzogenerweise und bat darum, auch

den anderen Kameradinnen vorgestellt zu werden. Christoph Attermann

schaute atemlos zu. Er tat eine Verbeugung, wie vor einem Heiligenbild,

als er aufgerufen und frischweg in den Kreis eingegliedert wurde.

Heute wanderten sie nur hinaus in die Anlagen der Stadt, denn die

Mädchen hatten den frühen Nachmittag mit Vorlesungen belegt. Aber es

war bald so viel lustiges Wortgefecht und Jugendlachen zwischen ihnen,

daß die Stunde sie vertrauter machte als lange Wochen, sonderlich, weil

Martin Opterberg in den schattigen Baumgängen immer wieder den Verband

verschob und von den feinen Mädchenhänden Therese Baumgarts Hilfe

heischte.

»Sie wollen nur zeigen, daß Sie ein wundenbedeckter und ritterbürtiger

Mann sind.«

»Warum haben Sie so stille, mütterliche Hände, Fräulein Baumgart?«

»Die kleine Schmarre lohnt wirklich kaum das Nachsehen.«

»Auf der nächsten Mensur in acht Tagen werde ich mir den halben Kopf

wegsäbeln lassen, nur um Ihre größere ärztliche Zufriedenheit zu

erlangen.«

»Steht Ihnen die Zufriedenheit der Ärztin über der Zufriedenheit der

Mutter, Herr Opterberg? Sie müssen doch sicherlich eine ausgezeichnete

Mutter gehabt haben.«

Da sprach Christoph Attermann sein erstes Wort.

»Wir haben sie noch, Fräulein Baumgart, und sie ist die beste und

größte aller Mütter.«

Die Buben der Frau Opterberg · 第 11 / 33 题