Christoph Attermann war schon hingesprungen. »Ein Ahorn, Frau Pate!«

»Nur ein Ahorn? Wie Tausende? Ei, da wollen wir ihm ein Gesicht geben,

daß gerade er unter den Tausenden haften bleibt. Das sind fünfhundert

Jahr und mehr, da war dieser Ahorn ein ganz eigener, und was damals

unter ihm beschworen wurde, das gab dem Lande den Namen. Den ›grauen

Bund‹ beschworen damals aufrechte Männer unter diesem Ahorn von Trons,

um das Land vor Zerstückelung zu bewahren, und das Land hieß alsbald

Graubünden. So ist es stolzes und freies Land geblieben und wäre

sonst zerrissen worden und unter die Füße getreten von Österreichern,

Welschen, Spaniern und Franzosen. Seht, ihr Buben, und so mahnt uns der

Ahornstumpf: Bleibt bei der Stange, wenn’s ums Vaterland geht. Bleibt,

was ihr seid, und sehnt euch nicht nach fremdem Flitter. Überläufer

verlieren ihr Vaterland und gewinnen nimmer ein neues. Und wenn sie im

neuen Land Minister würden, sie blieben Knechte im Geist.«

»Die Frau Pate meint, weil sie drüben scharwenzeln müssen, um für echt

zu gelten.«

»Das mein’ ich, Christoph Attermann, und manches, was das Gewissen

beißt, dazu.«

»Ist Graubünden glücklich geblieben, Mutter?«

»Ach, du mein Närrchen, als die Graubündner die zahllosen Zwingburgen

ihrer Fronherren im Lande gebrochen und den grauen Bund verstärkt und

erweitert hatten durch die Gemeinden und Gerichte, da hätten sie’s wohl

sein können in der stolzen Freiheit. Aber nun taten sie das Dümmste

vom Dummen, was ein Volk nur zu tun vermag, und griffen einander in

die Gewissensfreiheit und befehdeten sich zornmütig um den lieben

Herrgott, ob der das Kreuz geschlagen haben wolle oder nicht und

selber zu seinen Kindern reden wolle oder durch den Mund der lieben

Heiligen, und zerrissen sich in dieser geistigen Unfreiheit wie die

wilden Tiere, mordeten einander zu Tausenden, riefen sogar von hüben

und drüben die verhaßten Feinde ins Land, nur weil sie sich selber

untereinander noch viel grimmiger zu hassen vermeinten, und jagten den

Teufel mit Beelzebub aus, statt die Armseligkeit ihres Geistes vor Gott

zu bemerken.«

»Mutter,« fragte Martin Opterberg, »meinst du damit, es sei gleich, ob

katholisch oder evangelisch?«

»Mein Junge,« sagte Frau Christiane, »eines steht fest: dem lieben

Herrgott ist es gleich. Der ist zu groß für solche und andere

anmaßlichen Dummheiten, mit denen die kurzlebigen Menschen in seinem

ewigen Wissen und Wollen herumstochern möchten. Der will, daß hienieden

ein Schweizer zuerst ein Schweizer und ein Deutscher zuerst und ganz

und gar ein Deutscher zu sein habe, und behält sich alles übrige für

seine Ewigkeit vor. Dort, und nur dort, ihr Buben, wird sich die

Erleuchtung finden. Punktum.«

Sie waren durch die Dorfstraße von Trons längst hindurch und auf

dem Wege nach Ilanz, dem ersten Städtchen am Rhein. Aus der Berge

Haft trieb der junge Strom in die Freiheit. Und die Gedanken der

Knaben stürmten mit ihm, während die Füße rüstig wanderten und die

Augen immer wieder die klaren Züge der Frau aufsuchten, die sich in

körperlicher und geistiger Gesundheit stark fühlte und sicher unter den

Menschheitsgeschwistern und aufrecht und vertrauend vor Gott als dem

liebenden Vater.

In Ilanz gab es Mittagsrast. Aber sie sputeten sich, um noch vor

Sonnenuntergang Reichenau zu erreichen, die Vermählungsstätte des

Vorderrheins und des Hinterrheins. Voller Frühlingsflor standen die

Matten, Forellen schnellten sich durch die Strudelbäche, in der Ferne

blitzte aus rauschenden Baumgruppen der Flimsersee, Kuhherden läuteten

durch das saftgeschwellte Gras. Friede überall. Da engt sich der Weg.

Die Wälder verschlingen die Felder, die Felsen rücken heran und türmen

sich hoch und steil, uralte Burgen auf den Gipfeln wie Raubnester über

der Singvogelhalde. Der Rhein bäumt sich auf. Und wie ein Roß, das den

Gefährten wittert, stürzt er sich zügellos in die zerklüftete Talenge

und stürmt in verdoppelten Sätzen der Vereinigung entgegen.

Frau Christiane verhielt ihren Schritt. Sie schob die Kappe in den

Nacken und stieß die Spitze des Wanderstockes in den Grund. Und die

Knaben taten wie sie.

»Die Könige der Einsamkeit verlangen einen Gefährten, damit sie die

Größe und Fülle ihres Lebens finden. Schaut dorthin, wo sich Rhein und

Rhein umarmt! Um ein einziger zu werden! Eins in der Freude, im Kampf,

in der Entsagung und der Hoffnung. Und immer gleich groß, ihr Buben.«

»Laß uns hin, Mutter.«

»Ja, Frau Pate --«

»Das Schloß da vor uns in dem Märchengarten ist der alte Sitz der

Herren von Planta. Der Churer Bischof hat es gebaut. Die geistlichen

Herren hatten einen guten Sinn dafür, wo die Erde am schönsten war und

dem Himmel am nächsten. Kommt mit. Wenn wir durch den Märchengarten

schreiten, gelangen wir dicht an das Märchen vom Rhein.«

Sie schritten schweigsam durch den dunkel träumenden Garten, traten

hervor und standen am hell beleuchteten Strand. In den Bergen sank

die Sonne und verstreute verschwenderisch ihr letztes Licht. Und

in die kristallblanken Fluten des Vorderrheins warfen sich die

schicksaldunklen des Hinterrheins. Über die Wasser ging es wie ein

Seufzer der Erlösung …

»Ein wildes Märchen, Mutter.«

»Ja, zahm ist das Rheinmärchen nie gewesen. Schlafhauben und

Traumpoeten fabeln wohl davon. Wo der Rhein fließt, ist Kampf und wird

es bleiben, solange Menschen leben. Seit Kelten und Römer mit den

Germanen kriegten, bis in die Unendlichkeit.«

»Warum, Frau Pate?«

»Weil dies Märchen lebt und noch lange nicht gestorben ist.«

Da grübelten die Knaben über den geheimnisvollen Satz, bis sie im

Gasthaus zu Reichenau am Tischleindeckdich saßen. --

Die Atemzüge des Maienabends zogen durch die weitgeöffneten Fenster in

das Wirtssälchen. Oft schwollen sie an zu einer geheimnisvollen Woge

von Düften, die in den blumigen Wildwiesen der Hänge und den bunten

Bürgergärten des Städtchens geboren wurde. Dann senkte Frau Christiane

die Hände und hob ganz leise das Gesicht der stillen Woge entgegen. Das

lernten die Knaben schnell, und sie nannten es: das Herz baden.

»Jetzt sitzt der Vater daheim auf dem Gutshof und hat sich in der

blauen Steingutbowle den ersten Waldmeistertrank gebraut,« sagte Frau

Christiane.

»Und zupft wohl die Gitarre zu einem Lied,« fuhr Martin Opterberg fort

und horchte ins Weite.

Der junge Christoph Attermann schwieg. Er dachte an seinen Vater, der

nach Freiburg gefahren war, in die Klinik der Professoren, um von der

schrecklichen Atemnot befreit zu werden. Und er dachte an seine Mutter,

von der er nichts wußte, als daß sie in ihrer Mädchenzeit Schaffnerin

gewesen war auf dem kleinen Gutshof der Opterbergs am oberen Rhein.

»Christoph,« sagte Frau Christiane, als läse sie in den Gedanken des

Knaben, »an solchen Lenzabenden kam deine Mutter nach getaner Arbeit

immer mit der Weißzeugnähterei zu mir unter die große Rotbuche, die

so spät ihre leuchtenden Blätter auseinanderrollt, und wenn wir auch

nicht viel sprachen, so fühlten wir doch, daß uns die Tagesarbeit zu

guten Abendgefährtinnen gemacht hatte. Daß sie mit ihrer stillen,

festen Treue bei mir war, hat mir oft über schwerblütige Gedanken

hinweggeholfen, und sie kam auch noch Abend für Abend, als sie für ein

Jahr in das kleine Schmiedehaus am Wege gezogen war, als deines Vaters

junge Frau.«

»Für ein Jahr …« wiederholte Christoph Attermann. »Dann war sie tot.«

»Was du nicht sagst, Christoph,« meinte Frau Christiane verwundert.

»Wie kann ein Mensch tot sein, der in seinem Kinde lebt? Bist du nicht

in ihrem Schoß geworden und aus ihrem besten Blut? Oder glaubst du

gar, du wärest aus dem Schmiedeteich herausgezogen worden?«

Da lachten sich die schlanken Knaben fröhlich an und wollten alsbald

mit hundert Fragen kommen, aber es war ein lautes Lärmen, Gelächter und

Durcheinanderschreien in dem Wirtssälchen geworden, obschon nur eine

Familie aus sechs Köpfen an der gegenüberliegenden Wandseite am offenen

Fenster saß und sich den Tafelfreuden ergab.

Die Knaben schielten hinüber und nickten sich zu.

Just hatte das Haupt der Familie, ein gewaltig gewachsener Herr in

gepflegtem schwarzen Riesenbart, mit vornehmer Gebärde der bedienenden

Saaltochter eine Forelle von der Schüssel genommen, tastete mit der

Gabel in das zarte Fleisch und belehrte die Bedienerin mit volltönender

Stimme über eine verfeinerte Behandlungsweise des köstlichen Fisches.

Er trug einen untadeligen grauen Reiseanzug nach englischem Schnitte,

wie auch seine elfenhaft kleine quecksilbrige Gemahlin nach englischer

Sitte gekleidet und von einem blauen Sonnenschleier umflattert war.

Drei Knaben zwischen fünfzehn und zwölf Jahren, dazu ein Mädchen

kaum über sechs, aber mundfertig wie die Brüder, bildeten in flotten

Bergsteigertrachten den Rest der Tafel, tranken mehr als ihnen zukam

von dem feurigen Veltliner und nahmen von der gereichten Schüssel je

zwei der stattlichen Forellen, so daß die unwillige Bedienerin unter

dem Gelächter von Mutter und Kindern und dem wohlwollenden Beifall des

Vaters eine Schüssel nachholen mußte. Dann aber empfand die kleine

quecksilbrige Dame den ländlichen Wein als zu sauer für ihren Gaumen,

und der gewaltige Herr vollzog ein langes, gewichtiges Gespräch mit

der Bedienerin, die in rotflammender Verlegenheit immer wieder die

wenigen Weinsorten des Hauses aufzählen mußte, bis der vornehme Gast

zugunsten eines traubensüßen und schäumenden Asti entschied und sich

den schwarzen Bart zufrieden auf die Brust strich.

»Es sind die Barthelmeßleute, Mutter,« flüsterte Martin Opterberg über

den Tisch Frau Christiane zu, die unwillig das ungezügelte Benehmen der

Kinder, das großtuerische Gebaren der Erwachsenen und die Störung des

Abendfriedens durch den wortreichen Lärm empfand.

»Was für Barthelmeßleute?« fragte sie knapp.

»Der Kirchenbauer und Bildhauer, Mutter, der bei uns daheim in den

Waldstädten die Wiederherstellungsarbeiten in den alten Kirchen

verrichtet, in Säckingen, glaub’ ich, und Rheinfelden. Die Kinder kamen

schon oft auf unseren Hof und liehen sich alles aus, was sie kriegen

konnten: Butter und Eier und Brot, ja sogar den Werkzeugkasten.«

»Richtig,« sagte Frau Christiane, »und wiedergebracht haben sie nichts

und zu keiner Zeit.«

Sie wollte sich erheben, um mit ihren Knaben die Schlafräume

aufzusuchen, als das kleine schwarzlockige Mädchen vom anderen Tische

vor ihr stand. Es knixte und sagte in geläufiger Rede: »Ich bin die

Sabine Barthelmeß, und Vater läßt die Frau Opterberg mit einer schönen

Empfehlung fragen, ob die Frau Opterberg Vater wohl eben hundert

Franken leihen könnte.«

Es war mäuschenstill am Tisch der Barthelmeß’ geworden, während die

Kleine sprach. Und in die Stille hinein antwortete Frau Christiane

lustig, als handele es sich um einen Kinderscherz: »Ich kann dir leider

nur noch ein Kätzchen leihen.«

»Ein Kätzchen?« wiederholte die Kleine verblüfft. »Weshalb denn ein

Kätzchen?«

»Weil ein Kätzchen, wenn’s einem ausgeborgt wird, von ganz alleine

wieder nach Hause kommt. Gute Nacht, mein Kindchen.«

Das Mädchen warf einen hilfesuchenden Blick hinter sich. Und schon

stand, bevor Frau Christiane mit ihren Knaben das Zimmer verlassen

konnte, der gewaltige Herr mit einem freundlichen Lächeln vor ihr.

»Verzeihen Sie, meine gnädige Frau, die ländlich unbekümmerte Art,

mit der ich in dieser Bergwelt mein Töchterlein zu Ihnen sandte. Die

Beziehungen, die meine Kinder seit geraumem zum Opterbergschen Haus

und Hof unterhalten haben, dünkten mich stark genug -- Verzeihung,

Professor Barthelmeß ist mein Name. Tja, und da habe ich mich

wahrhaftig auf der Reise verrechnet gehabt und darf Ihnen wohl die

hundert Franken in nächster Woche nachbarlich zurückerstatten.«

Das Körperliche des Sprechers erdrückte fast. Aber Frau Christiane ließ

sich nicht erdrücken.

»Ich pflege,« entgegnete sie freundlich und neigte zur Gegenbegrüßung

leicht das Haupt, »wenn ich mit den Kindern eine Bergfahrt unternehme,

nur das allernotwendigste an Geld mit mir zu führen. Damit sich die

Kinder den einfachen Lebensbedingungen des Gebirgslebens anpassen

lernen und damit wir auf unseren einsamen Pfaden keine Gelegenheit

bieten, ausgeplündert zu werden. Aber der Gasthofhalter ist mir

bekannt, und ich werde ihm gern ein Wörtlein sagen.«

Noch einmal neigte sie freundlich das Haupt und schritt mit ihren

Knaben an dem verdutzt sich Verbeugenden vorbei aus dem lautlos

gewordenen Zimmer.

Im ersten Morgenlicht nahmen sie ihr Frühstück. Noch hatte keins

von den Barthelmeßleuten sein Bett verlassen. Frau Christiane

verständigte mit wenigen Worten den Wirt und gab ihm an, von welchen

Kirchengemeinden der Waldstädte der Herr Professor Barthelmeß

augenblicklich beschäftigt werde. Der Wirt lachte. »Ich kenn’ schon den

Weg.«

»Nun gilt’s noch einmal, ihr Buben,« feuerte Frau Christiane draußen

ihre morgenfrischen Begleiter an, »und jetzt gilt’s erst aus dem

Vollen. Bis morgen mittag müssen wir uns bis ins Gletschergebiet des

Rheinwaldhorns durchgekämpft haben, wollen wir als rechte Bergsteiger

gelten. Viertausend Fuß höher hinauf, ihr Buben. Dafür aber auch

dichter heran an den lieben Gott. Und wir tauchen die Hände in die

Quelle des stürmenden Hinterrheins.«

»Mit der Frau Pate wird’s ein Katzensprung!«

»Führ uns, Mutter!«

Durch das Domletschgertal wanderten sie, durch die weiten, grünen

Matten, und kraftvoll wogte ihnen der dunkle Strom entgegen, der

Bergesprenger und Felsenspringer. Klosterruinen und Burgentrümmer auf

ragenden Zinken und Zacken ließ er hinter sich, eine zerbrochene und

schon verschollene Welt trotziger Herrengeschlechter in Panzer und

Kutte. Jeder Fußbreit Bergerde, den die Wanderer betraten, sprach von

Kampf und wieder Kampf, und je rauher und unzugänglicher die Bergwelt

schien, um so enger nur drängten sich die blutigen Spuren der Menschen,

die seit Jahrtausenden um die starren Höhen kämpften, um hinüber zu

gelangen in die weichen Täler. Wohl an zwanzig Geschlechternamen

schlugen an das Ohr der Knaben, und jeder Name wandelte sich ihnen zur

Sage von Männern, die da starben, wie sie gelebt hatten, ob’s im Recht

oder Unrecht gewesen war. »Das ist das Märchen vom Rhein,« schloß Frau

Christiane eine jede ihrer Erzählungen, »und wer auf diesen Wegen dem

Ursprung des Rheins nachgeht, der wird begreifen lernen, daß die Seele

des Stromes kriegerisch ist, auch wenn er sich an seinen Ufern ab und

an das Flötenblasen gefallen läßt.«

Und die Knaben begriffen es, als sie dem lieblichen Dörflein Thusis

einen Abschiedsgruß zugewinkt hatten, um in der Felsenwildnis des

Schamsertales wie Staubkörner zu verschwinden. Jäh schluckte sie das

Felsentor des ›Verlorenen Loches‹, und als sie sich durch den finsteren

Bergtunnel hindurchgetastet hatten, standen sie erschauernd vor der

grausigen Urgewalt der unbezähmten Natur und ihrer eigenen Kleinheit.

»Hindurch, hindurch!« rief Frau Christiane. »Es ist der Weg des

Schreckens, die ~Via mala~, aber Mut ist mehr als Schrecken, und

nur die erkämpften Kronen haben Wert. Seht, durch dieses Felsenmeer

hat sich der junge Rhein eine enge Gasse in die Freiheit gebissen,

und so eng und so schauerlich sie ist, mutige Männer sind ihm

gefolgt und haben Schritt für Schritt eine Straße an die senkrecht

stürzenden Felswände geklebt, haben sterbend Spitzhacke und Mauerkelle

weitergegeben, von Geschlecht zu Geschlecht, Jahrhunderte hindurch, bis

der Mensch Sieger war, den Weg des Schreckens hindurch von Rongella bis

Andeer, und über den Splügenpaß die Menschheitswege zueinander konnten

von Norden nach Süden. Hindurch, hindurch, ihr Buben!«

Da strafften sie den Leib und marschierten den schwindelnden Weg,

Tausende von Fuß die steilen Felswände über sich, jäh abstürzend die

Felswände unter sich, und das donnernde Brausen des wütenden Wassers

irgendwo in geheimnisvoller Tiefe. Stunden hindurch marschierten sie,

hoch im Unendlichen über der lichtlosen Schlucht wie ein schmaler

Streifen das Himmelsblau, und vermochten nicht zu sprechen vor dem

Wogen und Wallen der Gedanken.

»Wir siegen,« rief Frau Christiane, als sie sich, das Grausen im

Rücken, in der nächsten Morgenfrühe über die letzte Felsterrasse des

Rheinwaldtales hinaufarbeiteten zur Gletscherhöhe des Rheinwaldhornes.

»Gebt das Letzte her. Vor Mittag sind wir droben.« Und als die Sonne

scheitelrecht stand, riß sie die Knaben mit starker Bewegung an sich.

»Da seht! Da seht! Da springt der Rhein von der Mutterbrust.«

Ein silbriger Faden huschte aus dem dunklen Gletscherspalt, gewann an

Kraft, sammelte sich zum ersten Sprung, durchbrach das Gestein, stürmte

eine kurze Strecke dahin und stürzte sich ohne Besinnen in dunkle

Felsennacht, um, unsichtbar dem Auge, alle Jugendkraft zusammenzufassen

zur ersten Mannestat des Kettensprengens.

Und wieder beugten sich Frau Christiane und die Knaben über das

spritzende Quellwasser und befeuchteten sich Stirn und Augen.

»So sollt ihr jugendstürmisch springen und brausen,« sagte Frau

Christiane, »und auch ab und an von der Bildfläche verschwinden, um

eure Kräfte zu sammeln und als Mann hervorzutreten. Ein jedes Zeitalter

des Lebens heißt es erfassen und auskosten, damit das nächste nicht

unter falscher Sehnsucht leidet. Denn was das eine Zeitalter köstlich

kleidet, steht dem anderen Zeitalter nicht mehr zu Gesicht.«

»Mutter,« sagte Martin Opterberg, »ich wollte dich noch fragen, weshalb

du zu Reichenau dem Professor Barthelmeß nicht ausgeholfen hast?«

»Weil dem erwachsenen Mann und dem Vater der großen Buben der

Knabenleichtsinn nicht mehr zu Gesicht stand, und weil’s immer noch

nahrhaft Schwarzbrot zu erarbeiten gibt, wenn’s für Schaumwein und

Forellen nimmer langt.«

Am Abend saßen sie beim Posthalter zu Splügen. Frau Christiane hatte

den Wirt insgeheim nach einer Depesche befragt und sie erhalten. Als

sie den Inhalt gelesen hatte, kehrte sie ruhig zu den Knaben zurück.

»Morgen fahren wir mit dem Postwagen die Straße zurück und gar bis

Chur. In Chur nehmen wir die Eisenbahn bis zum Einfluß des Rheines in

den Bodensee, und über den See, ihr Buben, sollt ihr im Dampfer, von

Rorschach bis Stein am Rhein, ja bis zum Rheinfall von Schaffhausen

fahren. Dann geht’s mit dem Bähnlein heim über Waldshut und Säckingen,

ganz heim. Zufrieden?«

Und die jubelnden Knaben spürten nicht den stillen Ernst, der um die

Frauenaugen spann. --

Es war ein Sonntagabend, als Frau Christiane mit den Knaben den Zug

verließ, um in die geräumige Kutsche des Gutshofes zu steigen. Sie

hatten noch eine Stunde Fahrt über Land, und Frau Christiane gebot dem

Knecht, der kühlen Nachtluft wegen den Landauer zu schließen. Drinnen

im Wagen nahm sie die Knabenhände in die ihrigen.

»Jetzt erst fahren wir heim.«

»Soll ich die Nacht bei der Frau Pate bleiben?« fragte Christoph

Attermann.

»Du sollst jetzt immer bei uns bleiben, Christoph.«

Der junge Attermann fuhr auf. Er hatte sofort begriffen.

»Der Vater ist _tot_?! Er ist _tot_?!«

»Es gibt keinen Tod, Christoph. Es gibt nur ein Erneuern. Dafür laß

_mich_ nun Sorge tragen.«

»Nein -- nein -- nein! Ich ertrag’s nicht! Ich bin ein Bettelbub

geworden.«

Frau Christiane ließ ihn weinen. Nach einer Weile erst begann sie ruhig

zu sprechen.

»Ein Bettelbub, Christoph? Das sagt der Patenbub der Frau Christiane

Opterberg und der Freund des jungen Martin? Du wirst es nie wieder

sagen, Christoph, wenn du mir zugehört hast. Als deine Mutter starb,

wie du soeben geboren warst, stand ich bei ihr und sah ihr in die

Augen, wie wir uns oft in schweren Stunden in die Augen gesehen haben.

Ich hatte den acht Wochen alten Martin an der Brust und nahm dich auf

und legte dich hierher an die andere Brust. Da lachte die Sterbende

ganz hell, und das war ihr Letztes. Und dich nahm ich mit ins Gutshaus,

und an dieser Brust hat der Martin und an dieser hast du gelegen, und

ihr beiden habt an mir getrunken ein volles Jahr lang.«

Beide Hände preßte sie unter die Brust und sah den Knaben mit

leuchtenden Augen an.

»Ist das ein Bettelbub, den die Frau Christiane Opterberg aus diesem

Quell hat trinken lassen, bis er groß war und stark und auf den Füßen

laufen konnte? Ist das bißchen Brot, das ich dir heut anbiete, mehr

wert als Muttermilch? Muß ich wirklich so feierlich werden mit meinem

dummen großen Jungen?«

Da schrie der junge Christoph Attermann aus seiner Not heraus auf, daß

es wie ein helles Lachen klang aus vergangenen Tagen.

»Mutter!« rief er und fiel mit dem Kopf in ihren Schoß.

Der Wagen rumpelte in den Gutshof.

»Natürlich, Christoph. Die Frau Pate ist hin und vergangen. Und der

Martin hat seinen Bruder. Helft eurer Mutter zur Erde, ihr Buben!«

2

Ein Sonderling hatte sich das Gutshaus erbaut. Auf steilem Uferrücken

stand es frank und frei über dem rauschenden Rhein, und seine weißen

Mauern, nur nach der Wasserseite vom Grün des Reblaubs umrankt,

winkten in weite Ferne. Der kleine Giebelturm, mit Fenstern nach jeder

Windrichtung verkleidet, hielt wie ein Dachreiter Ausschau über den

Strom hinüber in das nahe uralte schweizerische Städtchen und in die

anrückende Bergwelt, die sich in unabsehbaren Linien übereinandertürmte

und in abenteuerlichen Gebilden das Gesichtsfeld beschloß, und

diesseits des Stromes über die weiten, von Obstbäumen bestandenen

Wiesenflächen und die fetten Ackerspreiten des badischen Landes bis zu

den tannendunklen Höhen des Schwarzwaldes.

Eher ein ruhsames Landhaus denn ein arbeitsames Gutshaus dünkte das

freie Anwesen dem Blicke, und der in Stufen abfallende Garten mit

seiner Fülle von seltenem Gesträuch und erlesenem Obst, der kühn den

Fels hinab bis zu dem plätschernden Uferwasser kletterte, schien ebenso

eher aus verfeinertem Behagen als aus ländlichen Notwendigkeiten

geboren zu sein. Auf die Landwirtschaft wiesen in geräumigem Abstand

nur die gutgehaltenen Wirtschaftsgebäude mit ihren herabreichenden

Strohdächern.

Ein alter Oheim Opterberg, am Niederrhein nahe der holländischen

Grenze zu Haus, hatte sich vor Jahrzehnten, auf einer Besuchsreise

zu oberrheinischen Verwandten, in die Schönheit des Landes so heftig

verliebt gehabt, daß er kurz entschlossen an Land, Wiesen und Äckern

zusammenkaufte, was zusammenzukaufen war, und sich auf der felsigen

Uferhöhe sein Hagestolzhaus errichtete, ganz und gar, wie es ihm seine

Sonderlingslaune eingab.

Die Hofbesitzer der Umgebung hatten dazumal wohl oft den Kopf

geschüttelt über die kostspielige und unwirtschaftliche Anlage des

Gutshofes. Aber den alten Opterberg hatte seine Sach’ just so, wie sie

war, gefreut, ohne daß er ahnen konnte, wie sehr sie erst den einen

seiner Erben just so, wie sie war, erfreuen würde. Vom Blute des alten

Oheims, der nicht gern nach Nützlichkeiten fragte und rechnete, war

auch in Arnold Opterberg, dem Gatten der Frau Christiane, und es war in

erheblichem Maße in ihm.

Der Knecht hatte schon einige Male stürmisch mit der Peitsche geknallt,

und Frau Christiane war schon mit den Knaben in den erleuchteten

Hausflur eingetreten, als Herr Arnold Opterberg vom Giebelzimmer die

Treppe hinuntergeeilt kam.

Er war ein Mann zu Anfang der Vierzig, von schlankem, ebenmäßigem Bau

und breit in den Schultern. Sein Kopf zeigte einen auffallend klaren

Schnitt, und aus dem sonnenbraunen, von blondem Haupthaar und weichem

Barte umrahmten Gesicht blitzten die blauen Augen um so heller und

feuriger hervor.

»Willkommen, ihr Weltreisenden, willkommen!« und seine Stimme drang

wie ein warmer Strom in die Herzen und überwältigte sie, ohne sie

lange zu befragen. »Ihr seid mir die rechten Pfingstwöchner, ihr! Bis

zur allerletzten Neige den Ferienbecher auszutrinken, ob der Gatte

und Vater daheim verhungert und verdurstet!« Und schon wiegte er Frau

Christiane, während er sprach, in seinen Armen hin und her.

»Du bist nicht verdurstet, Arnold.«

»Bin ich’s nicht, so gebührt nicht dir der Ruhm, du erzieherisches

Gewissen. Aber Frau, so gib mir doch den Mund frei --«

»Der Christoph Attermann ist hier und bleibt.«

»Ah,« sagte der Hausherr. »Ich vergaß -- in der Wiedersehensfreude.«

Und er entließ Frau Christiane aus seinen Armen und wandte sich mit

ausgestreckten Händen dem blassen Jungen zu. »Christoph, lieber Kerl,

das war ein harter Schlag. Aber unter den harten Schlägen wird erst das

Eisen zu Stahl, und wir haben alle den Rücken herhalten müssen.«

Er sah ein stilles Lächeln auf Frau Christianes Lippen, brach ab und

schob ihr den Buben zu. »Laß dich nur von ihr betreuen. Sie tut’s ja

nun mal nicht anders, als die Hand über uns halten.«

»Ich bring’ die Buben auf ihr Zimmer, Arnold. Sie sind müde und müssen

morgen zeitig zur Schule fahren. Da gilt’s noch einen Überblick tun.«

Arnold Opterberg hatte mit raschem Griff seinen Sohn Martin an sich

gezogen, und der Knabe drückte sich fest in des Vaters Arme. »Schade,

mein Junge, ich hab’ ein paar fröhliche Gäste im Haus. Aber die Mutter

wird sich nicht umstimmen lassen. War’s schön in den Bergen?«

»Wunderschön …«

»Morgen! Morgen!« rief Frau Christiane, winkte den Mägden, die wartend

in der Küchentüre standen, und eilte mit ihnen und den Knaben die

Treppen zu den Schlafkammern hinauf.

»Christiane, es sind Gäste im Haus --!« rief der Hausherr hinter ihr

drein.

»Wo sitzt ihr? Im Giebelzimmer?«

»Du hast es erraten!«

»Vergiß nicht, eine Flasche Wein anzubieten, bis ich komme --«

Arnold Opterberg blickte noch in die Höhe, aus der die Stimme gekommen

war. Dann hörte er droben die Türen klappen. »O du Heimtückerin!«

lachte er in sich hinein, »als ob du nicht längst schon wüßtest, daß

wir an der zweiten sind -- an der zweiten auf jeden Kopf.« Und in

frohester Stimmung stieg er die Nebentreppe wieder hinan, die in die

hellerleuchtete Giebelstube führte.

Blauer Zigarrendampf quoll ihm in Wolken entgegen, als er die Türe

öffnete, und in den Wolken sah er zwei Gestalten eifrig sich verbeugen.

»Meine allergnädigste Frau --«

»Sehr verehrte Hausfrau --«

Und er antwortete mit hochgestellter Stimme: »Ich freue mich,

solcherlei durch und durch gediegene Männer bei meinem Manne

vorzufinden.«

Die Gestalten fuhren hoch. Sie griffen nach den Weinrömern und drängten

dem Eintretenden entgegen. »Opterberg, Glückskind, sie war es noch

nicht, die Hüterin deines Herdfeuers? Die Schützerin deiner Tugend?

Die Bewahrerin deines Weinkellers? Wir haben noch eine Galgenfrist und

dürfen sie nutzen? ~Carpe diem!~ Nutze den Tag und sein lieblichstes

Teil, die Nacht!« Und als die geleerten Römer schon wieder auf der

Tischplatte des Einschenkens harrten, zerrte der eine der Gäste am

Achselband eine alte Gitarre nach vorn, griff in die Saiten und sang:

»Ich hab’ mein Sach’ auf nichts gestellt; juchhe!

Drum ist so wohl mir auf der Welt; juchhe!«

und der andere fiel ein und hob dem Hausherrn das gefüllte Glas

entgegen:

»Und wer will mein Kamerade sein,

Der stoße mit an, der stimme mit ein

Bei dieser Neige Wein!«

Arnold Opterberg stieß mit an und stimmte mit ein. Und zum

Gitarrenschlag sangen sie von dem Wein, der auf den Höhen wächst, und

von den Mädchen, die im Tale wachsen, und immer wieder unterbrach

Arnold Opterberg den Gesang und fragte nach dieser und jener, nach der

dritten und der vierten, und vernahm in erregtem Staunen, daß sie den

untern Weg gegangen seien, einen Mann geheiratet und Kinder gekriegt

hätten -- o so viele Kinder. »Aber laß dich das nicht anfechten,

Bruderherz. Unser geliebtes Düsseldorf ist von unerschöpflicher

Fruchtbarkeit, und die schönen Mädchen drängen sich jahraus, jahrein

lieblicher in die Schnürbrust, allen Malersleuten eine Augenweide. Und

sie suchen nach dir und fragen nach dir, vom Ratinger Tor bis zu den

verschwiegenen Waldwinkeln Gerresheims: Wo steckt der Arnold Opterberg,

der mit dem Rubenskopf und dem Rubensfeuer? Wer sagt uns Verlassenen

und Frierenden, wo der heiße Sonnengott Düsseldorfs hingeraten ist?«

»Schwindelt nicht. Vor fünfzehn Jahren lagen sie noch in den Windeln.«

»In den Windeln? Du bist verbauert, Opterberg. Solche Mädchen liegen

niemals in den Windeln. Sie entspringen ihren Müttern, die sich nach

dir gesehnt haben, wie Liebesgedanken, wie --«

»Schweigt. Ich schenke euch auch ohnedies ein. Ja, schön war es, schön

war es.«

»Schön? War es? Es _ist_ schön, Opterberg, und wird alle Tage schöner!

Sobald uns die ersten, schüchternen Lorbeerblättlein hinter den Ohren

hervorwuchsen -- und sie wuchsen, Opterberg, zu ganzen Kränzen wuchsen

sie, und all die lieben weißen Händchen steckten Rosen hinein. Rosen

über Rosen. Erst dann ist der Lorbeer schön.«

»Habt ihr davon geerntet?« fragte der Hausherr zweifelnd. »Es muß bei

Nacht gewesen sein, denn ihr stahlt dem lieben Herrgott den Tag.«

Ein Ton des Bedauerns ging von den Gästen aus.

»So weit also ist es mit dir gekommen, Opterberg, daß du meinst, der

Pinselstiel müsse Schwielen in den Händen hinterlassen? Wollen wir

uns den Professorentitel an den Leib arbeiten und als Lichter auf

dem Leuchter stehen, damit alle Welt uns erkennt und uns mit ihrer

Hochachtung die tausend kleinen und großen Freuden unseres Lebens

verkümmert? O du Abtrünniger, der klingende Erfolg, der kommt mit

Naturnotwendigkeit wie der Blitz, wenn die Luft am dicksten ist. Gott

verläßt keinen Maler. Und wenn’s dann in Strömen gießt, stellen wir

unsere Regentonne hinaus.«

Arnold Opterberg reckte den Arm über den Tisch. Er griff nach dem Glas.

»Düsseldorf soll leben!« und das Wort verschlug ihm fast die Stimme.

»Soll leben, soll leben!« jubilierten die Gäste. »Wer es nur immer in

solchem Weine leben lassen könnte. Opterberg, Opterberg, wären wir du,

wir schmissen die Hacke stieloben auf den Kartoffelacker, versilberten

den ganzen Kram und kauften uns einen Malerhut. Denke, wie wonnesam es

schon mit leerem Geldbeutel war, denke, wie unaussprechlich schön es

erst mit einem straffen Beutel voll Zechinen werden wird. Freundesarme,

Mädchenherzen, alles öffnet sich dir entgegen -- und die Kunst hat dich

wieder.«

»Eure Kunst -- das Leben als einen einzigen Karneval zu nehmen.«

»War es nicht auch die deine? Hast du sie nicht mit solcher

Meisterschaft betrieben, daß wir anderen armselige Stümper neben dir

waren? Liefen dir nicht die Mädchen in hellen Haufen zu, und schlugen

sich nicht die Wirte darum, dir ankreiden zu dürfen? Ach, Opterberg,

dieses ›König Wikking sein‹ auf allen Meeren des Lebens, immer den

Enterhaken in der Hand. Segel in Sicht, Kapitän, backbord voran! Stolze

Fregatte oder niedliche Brigg? Einerlei! Alle Segel hoch! Drauf und

dran! Und dann das Lösegeld --«

»Wenn ihr nur,« lachte Arnold Opterberg fliegenden Atems, »mit dem

Pinsel halbwegs so malen könntet wie mit dem Maule! Aber malt nur

weiter! Malt alle Regenbogenfarben in die Luft! Es behagt mir schon, es

behagt mir, und morgen sind sie mit dem Wein verdunstet.«

»Nein, Opterberg, sie sind echt, so echt wie wir selber, und mehr kann

kein Mensch von sich und seinem guten Stern verlangen, als sich die

Dinge in den persönlichsten Sehwinkel rücken zu dürfen. Hat das Leben

eine Berechtigung, uns wie Narren zu behandeln? Oho, umgekehrt wird

ein Schuh draus. Wir packen den Gaul beim Kopfe und sitzen kopfüber

auf. Mag er rennen, wir reiten! Wohin ist einerlei. In die Freiheit

geht’s immer, in die Freiheit und die Freude. Und du, Opterberg, was

tust du? Es hat den hohen Herrn in einer Laune gelüstet, eine andere

Maske vorzubinden, als biederer Landmann die Dunggabel zu schultern

und die Felder zu bestellen und am Feierabend Weib und Kind und

Ingesind das tägliche Brot vorzuschneiden. Menschlein, Menschlein, man

hat dich falsch beraten, die Maske steht dir nicht, der Löwe ist ein

Fleischfresser und kein Körnerbeißer, das sagte dir schon der selige

Brehm. ~Quousque tandem, Catilina?~ In der Vollkraft der Jahre -- wach

auf und erkenne dich selbst!«

In dem rotbraunen Gesichte Opterbergs blitzten die Augen wie helle,

heiße Flammen. Die Ellenbogen aufgestemmt, saß er und lauschte. Vor

ihm gaukelten die Bilder der Erinnerung. Eine lange, lange Kette. Eine

Kette --? Ein Rosengewinde war’s. Ein Rosengewinde. Die Kette kam

später. Nein, doch nicht. Was war’s denn? Farbe bekennen, Farbe.

»Alles gut, alles gut,« rief er in den Stimmenschwall. »Aber von der

Hauptsache redet ihr nicht. Talent muß der Künstler haben, Talent, wenn

er schon die übrige Welt als Kegelschub behandeln will. Oder besser

noch: Genie! Ich hab’s nicht. Nicht das eine und nicht das andere. Ja,

wenn ich es hätte, wenn ich es hätte …«

Die Gäste wehrten ihm sprachlos mit den Händen. Offenen Mundes sahen

sie ihn an, wie man einen Kranken, einen Verstörten anzusehen pflegt.

Dann redeten sie wirr durcheinander.

»Du kein Talent? Weil du bisher keinen Gebrauch davon machtest? Weil

du in aller Ruhe das Weltbild in dir reifen ließest, statt dich

als Wunderknabe zu verzetteln? Weil du die seligsten Jahre in dich

hineintrankst, um zunächst einmal die eigene Seele aufzufüllen, bevor

du dich an die Auffüllung der anderen Seelen heranmachtest? Wer war

wertvoller, du oder das Philistergehumpel? Du kein Talent? Hast du

denn überhaupt schon mal in den Spiegel geschaut? Herr Gott noch, mit

solchem Kopf, und mit solchen Augen erst, malt man sich schon das Glück

aller Erdteile auf der Leinwand der Welt zusammen, ohne auch nur einen

Groschen für eine Farbentube zu verschwenden.«

»Unsinn redet ihr, Unsinn!«

»Weshalb hörst du denn unserem Unsinn zu mit Augen wie ein kreisender

Habicht? Weil du spürst, daß das, was für einen Schafbock Sinn

bedeutet, für einen Steppenhengst den unverfälschtesten Unsinn

darstellen würde. Weil du die Frühlingsluft witterst und die Luft der

Freiheit, die einzige Luft, die Menschen deines Schlages zuträglich

ist. Opterberg, uns hat in diesem schönsten aller Frühlinge dein guter

Geist hergesandt. Ermanne dich, und wär’s nur zu einer Probe aufs

Exempel. Heraus aus der Maskerade. Heraus aus dem Bauernkittel, und in

die Wanderstiefel hinein. Schließ dich uns an, Bruderherz, zu dritt

über die Pässe, fahr wohl, züchtig vernebeltes Nordland, gegrüßt, du

paradiesisch seliges Land Italia! Opterberg, Opterberg, zehn Eide gegen

einen: die Kartoffeln wachsen hierzuland auch ohne dich, und deine

fürtreffliche Hausfrau wird feierlich zum Reichsverweser und noch

feierlicher zum Reichsschatzkanzler ernannt.«

»Grüß Gott, ihr Herren, grüß Gott! Ja, aber -- wie ist mir dann? Schaut

Arnold Opterbergs Eheliebste gar so grauslich aus wie ein herbes

Erdenweib, daß es Sie aus allen Himmeln reißt?«

Mitten im Giebelzimmer stand Frau Christiane, das strohgelbe Haar in

breiten Flechten um den Kopf gewunden, und lachte aus ihren klaren,

blauen Augen den Männern lustig ins Antlitz. Noch immer hockten die

fremden Gäste wie verschlagen auf ihren Plätzen und starrten dies Bild

der Frauenkraft und Frauenfröhlichkeit an.

»Mann,« sagte Frau Christiane und fuhr Arnold Opterberg schmeichelnd

durchs Haar, »willst du mir nicht deine Freunde mit Namen nennen? Oder

muß man berühmte Künstler gleich nach dem Gesicht erkennen? Dann bitt’

ich zu entschuldigen.«

Arnold Opterberg hatte sich hastig erhoben. »Die Herren Kunstmaler

Baltes und Krönlein,« stellte er mit einer kurzen Handbewegung vor, und

sein Blick glitt ein wenig mißtrauisch über Frau Christianes fröhliche

Züge.

Nun waren auch die Gäste aufgefahren, dienerten und stolperten ein paar

Worte hervor, und Frau Christiane sah lächelnd ihren Mann an, trat auf

sie zu und reichte ihnen die Hand.

›Wie zwei Zitterespen neben einem blühenden Lindenbaum‹, fuhr es Arnold

Opterberg durchs Hirn. ›Weshalb mußten die hageren Gesellen eine so

schlechte Figur machen?‹ Dann horchte er auf.

»Ich wollt’ Sie in Ihren übermütigen Künstlerspäßen gewiß nicht

stören,« sagte Frau Christiane, »aber wie ich so die ganze Zeit vor der

Türe saß und mich über Ihren Mutwillen immer mehr noch verlustierte, da

stieg mir mit einemmal das Vergnügtsein von unten herauf so unbändig in

die Kehle, daß es mich fast verraten hätt’, und so bin ich schleunigst

aufgesprungen und eingetreten. Das heißt: wenn Sie mich hierbehalten

mögen. Eine Spielverderberin bin ich nimmer.«

»Ihr beiden!« donnerte Arnold Opterberg seine Gäste an. »So macht doch

wenigstens nicht so erschreckend geistvolle Gesichter! Heraus mit eurem

Flederwisch! Sagt euer Sprüchlein noch einmal auf!«

Die Maler hatten sich wiedergefunden. Sie schwenkten ihre Taschentücher

aus den Röcken und wischten sich mit den Tüchern die Augen, als ob sie

Lachtränen entfernen müßten.

»Sie haben Geist, gnädigste Hausfrau, und Sie haben die Güte des

Geistes, den Humor. Wahrhaftig? Alles haben Sie mit angehört? Alles?

Und sich augenblicklich gesagt: Da spricht der Wein aus Männerkehlen?«

»Ich hab’ mir noch mehr gesagt,« lachte Frau Christiane sie an. »Ich

hab’ mir gesagt: Da hat der Arnold als richtiges Mannsbild den Gästen

nur zu trinken gegeben und nicht zu essen. Kein Wunder, daß die

Gedanken Kobolz schießen müssen, wenn ein handfest Abendbrot ihnen

nicht die notwendige Erdenschwere gibt. Wir wollen’s nachholen, meine

Herren, aber nicht hier im blauen Zigarrenrauch und Geisterqualm,

sondern drunten im frischen, weißen Eßzimmer.«

Ohne eine Widerrede zu beachten, nahm sie des einen Gastes Arm und

schritt mit ihm die Treppe hinab, plaudernd und fragend. Und Arnold

Opterberg bot mit einer tiefen Verneigung dem anderen Gast den Arm,

grinste ihn an und führte ihn zur Treppe. --

Das kräftige ländliche Mahl mundete ausgezeichnet. Auch hatte Frau

Christiane einen vortrefflichen, goldgelben Badnerwein heraufholen

lassen und kargte nicht mit Zugießen. Aber die Kosten der Unterhaltung

hatte sie dennoch fast allein zu tragen, denn die Gäste fühlten,

daß sie sich in der blitzblanken Sauberkeit des Raumes und vor

der blitzblanken Sauberkeit des Frauengeistes um ein erhebliches

fragwürdiger vorkamen als in der durchräucherten Trinkstube und dem

zügelfreien Großsprechertum. Neben der Leibesfrische Frau Christianes

erschienen sie ungepflegt, und wenn auch der abgewetzte Anzug bei einem

Studienfahrer angebracht oder doch zu entschuldigen war, so durften

die vielerlei Flecke, Wein- und Tabakspuren doch immerhin fehlen. Das

sagten sich die Gäste je länger, je mehr, und sie warfen nur heimlich

aus den Augenwinkeln stumme und bewundernde Blicke auf die munter

plaudernde Hausfrau.

Als ein Stündlein später Frau Christiane die Tafel aufhob, meinte sie

freundlich: »Sie bleiben natürlich über Nacht. Ein Gasthaus gibt’s

nicht in der Nähe. Aber früh aufstehen müssen Sie. Auf dem Lande

beginnt der Tag mit der Sonne.«

»Wer so glücklich wäre, gnädigste Frau, auf dem Lande zu leben.«

»O, da hätt’ ich einen Vorschlag. Bleiben Sie ein paar Tag’ und

helfen Sie uns aus. Dadurch, daß ich mit meinen Buben die Bergfahrt

hab’ machen müssen, ist noch ein gut Teil Land mit Spätkartoffeln zu

bestellen geblieben. Freie Herberg und Verpflegung, Wein und Tabak

hinzu; und für drei Tage Arbeit den Rest der Woche zum Studienmalen.

Lockt’s?«

»Es lockt, gnädigste Gutsherrin, oh es lockt …« --

Frau Christiane befand sich mit ihrem Manne in dem großen Schlafgemach.

Sie stand mit aufgelöstem Haar in Hemd und weißgefaltetem Rock, badete

sich im eiskalten Wasser Gesicht, Brust und Hände und begann das Haar

zu bürsten und neu einzuflechten. Arnold Opterberg ging mit unruhigen

Schritten hinter ihrem Stuhle auf und ab. Plötzlich blieb er stehen.

»Du hast also wahr und wahrhaftig vor der Türe -- zugehört, Christel?«

»Wahr und wahrhaftig, Arnold. Du könntest auch horchen sagen.«

»Weshalb kamst du denn nicht herein? Wäre das nicht passender gewesen?«

»Es ging nicht, Arnold. Siehst du, vor der Tür, da konnt’ ich mir noch

einbilden, ich säße im Theater und hört’ mir einen tollen Schwank an.

Wäre ich aber eingetreten, so hätt’ ich mitspielen müssen, und dazu

waren mir schon zwei Clowns zu viel da.«

Er lachte kurz und belustigt.

»Ein Körnchen Wahrheit war trotzdem in ihren Reden,« begann er von

neuem.

Sie wandte sich halb nach ihm und streckte mit einer stillen und

zärtlichen Bewegung den Arm nach seiner Schulter.

»Du hast in dem Wirrwarr des Giebelstübchens vorhin ein hübsches

Wort gesagt, Arnold. Als du von den vorgezauberten Regenbogenfarben

sprachst. ›Morgen sind sie mit dem Wein verdunstet.‹ Weißt du, so

wollen wir uns beim Morgenlicht auch nach dem Körnchen Wahrheit

umsehen. Aber ein anderes, bevor wir schlafen gehen. Was war’s mit dem

Schmid Attermann?«

»Er ist von der Klinik weg und bei Breisach in den Rhein, wie ich es

dir nach Splügen drahtete. Er wollte, als er erfahren hat, daß er

unheilbar sei, seine paar Ersparnisse lieber seinem Jungen hinterlassen

als sie verdoktern. Bei Kehl erst hat man die Leiche herausgefischt und

gleich eingegraben.«

»Er trug wohl seine Brieftasche bei sich, daß man seine arme Person

gleich vermocht’ festzustellen?«

»In ein Stück undurchlässiges Leinen gewickelt, daß das Wasser nicht

herankonnte. Er hat an alles gedacht. Auch an einen Zettel, worin er

dich und mich mit der Vormundschaft betraut.«

»Er soll sich in seinem Zutrauen nicht geirrt haben, der Ärmste.« Sie

erhob sich und umhalste ihren Mann. »Der Christoph ist nun unser Sohn

und bleibt. Gelt, du? Und -- gute Nacht.« --

Es war sechs Uhr morgens, als die beiden Knaben zur nächsten

Bahnhaltestelle abmarschierten, um mit dem Frühzuge die Gymnasialstadt

zu erreichen. Frau Christiane stand auf dem Hof inmitten ihres

Federviehs und winkte ihnen nach. Just kam der Hausherr aus der

Stallung herübergeschritten.

»Der Franzel hätt’ sie auch mit dem Wagen hinfahren können, Christiane.«

»Wär’s nicht verkehrt gewesen, Arnold? Das gemächliche Wagenfahren

schafft den Buben keine richtigen Muskeln, wohl aber ein falsch

Bewußtsein. Und den Franzel hab’ ich überdies zum Kartoffelsetzen nötig

wie alle Händ’.«

Sie hielt überrascht inne.

»Ei, da hab’ ich aber einmal voreilig von den Menschen Böses gedacht.

Da kommen ja schon deine Malersleut’ aus dem Haus und melden sich

zur Arbeit. Hierher! Hierher! Grüß Gott! Das nenne ich ein pünktlich

Manneswort.«

Die Gäste kamen heran, den Hut in der Hand.

»Meine gnädigste Hausfrau, wie gern, wie gern wäre ich Ihrem Rufe

gefolgt. Aber beim ersten Morgendämmern erhielt ich ein dringliches

Telegramm, das mich zu wichtigen künstlerischen Verhandlungen hinüber

nach der Schweiz beruft.«

»Und da mein Freund,« fuhr der zweite fort, »ein Kind in geschäftlichen

Dingen ist, so muß ich wohl oder übel an seiner Seite bleiben. Ich bin

Ihrer Zustimmung sicher.«

Frau Christiane stutzte nur einen Augenblick. Das nächstgelegene

Telegraphenamt begann erst um sieben Uhr früh seinen Austragedienst,

und jetzt war es sechs Uhr morgens. Der leichte Ärger aber, sie gerade

töricht genug für solchen Hokuspokus zu halten, verflog, wie er

gekommen war. »Mein Gott,« sagte sie und reichte den Reisenden lachend

die Hand, »da schaut man erst, was für berühmte Herren man beherbergt

hat, für die eigenst die Telegraphenboten vor der Dienstzeit laufen.

Also glückliche Reise dann und ein freundlich Erinnern.«

Arnold Opterberg gab den Freunden bis zur Landstraße das Geleit. Frau

Christiane sah ihn, während er neben ihnen einherschritt, mit der

Reitgerte den Stiefelschaft schlagen. Da wußte sie, daß er grimmig war

und die Düsseldorfer keine Lieblichkeiten zu hören erhielten. --

Fleißig wurde die Woche geschafft. Arnold Opterberg war mit den

Knechten auf den Feldern, und er legte selbst Hand an, wo es nottat,

ja er schaffte bisweilen über Gebühr, als wolle er von einem Gedanken

los oder ihn betäuben, und kam zum Feierabend dampfend und rotgebrannt,

aber mit unruhigen Augen ins Haus. Frau Christiane, die mit den

Mägden die Gemüsegärten bestellte und die Milchkammer versah, merkte

seine Unrast wohl, und bemerkte nicht minder, daß er nach überheißem

Tagewerk im Hause heimlich in den alten Truhen stöberte, Mappen und

Leinwandrollen heraussuchte und sie in seine Giebelstube verbrachte.

In der zweiten Hälfte der Woche wich sein Arbeitsübereifer einer

gereizten Arbeitsunlust. Wohl ging er in der Morgenfrühe mit den

Knechten hinaus und wies ihnen ihre Aufgaben. Er selbst aber warf sich

auf irgendeinem Hügel unter einem blühenden Baume ins Gras und starrte

in die blauenden Fernen, wo Himmel und Erde geheimnisvoll lockend

ineinanderflossen. Wie ein bebender Rausch lag der Frühling über der

Welt und bebte in Arnold Opterbergs Blut.

Es war Abend, und das Sonnenlicht wollte nicht weichen von der

blühenden, duftenden Erde. Frau Christiane hatte ihren Gatten früher

als sonst zum Giebelzimmer hinaufsteigen sehen, und nach einer Weile

folgte sie ihm nach. Sie fand ihn über den Studien und Entwürfen seiner

längst vergangenen Malerzeit.

»Hältst du Heerschau ab, Arnold? Der Abend ist so weich wie eine

Jugenderinnerung. Laß mich teilhaben.«

»Ich habe die Seite meiner Jugenderinnerungen vorzeitig abgeschlossen

und befinde mich seitdem im Zustande der Zahlungsunfähigkeit. Warum,

Christiane, warum?«

Sie war neben ihn getreten, und während sie mit ihm auf die

farbenbunten Studien und Entwürfe blickte, hatte sie den Kopf kaum

merkbar an seinen Arm gelehnt.

»Vorzeitig abgeschlossen?« wiederholte sie. »Ich glaube gar, mein

alter Arnold ist eitel geworden und will von seiner Frau Schmeicheleien

hören. O du liebes Menschenkind, du warst bei aller Wildheit immer die

ehrlichste Natur und weißt deshalb gar wohl, daß du dein vollgerüttelt

Maß an Jugenderinnerungen in die Scheuer gebracht hast, mehr als ein

Dutzend anderer Männer insgesamt.«

»Du lenkst ab, Christiane,« sagte Arnold Opterberg rauh. »Was ist mir

an dem Rudel toller Häsinnen gelegen, die mir über den Weg sprangen.

Wollt’ ich darauf mein Augenmerk richten, ich könnt’ sie heut wie

damals springen sehen. Ich meine die Jugenderinnerungen des Künstlers.«

»Nenn sie mir, Arnold.«

»Nennen. Nennen. Dafür gibt’s keine Worte. Das muß man fühlen. Kannst

du das Gefühl der Freiheit, der unbedingten Selbstbestimmung über

Raum und Zeit in Worte fassen? Das einzige, was den Menschen zum

Herrn der Schöpfung macht? Ich habe es mir in einem Augenblick der

Kopflosigkeit eingehandelt gegen eine fette Pfründe und laufe seitdem

mit hunderttausend anderen Weidetieren im Kreis rundum auf derselben

Wiese, statt mit einem Juchhei drüber hinwegzuziehen.«

Ihr Kopf zitterte ein wenig an seinem Arm. Dann war sie wieder die

ruhige Frau Christiane.

»Auch die Weidetiere haben ihren Zweck und Nutzen im Haushalt Gottes,

Arnold, sicherlich einen größeren als der Kuckuck, der nur den Frühling

ausruft und sich vor der Arbeit verflüchtigt, oder der Wanderfalke,

der nur zur guten Jagd durchs Revier streicht. Werde nicht unwillig,

Arnold, es ist ja nicht das erstemal, daß wir unsere Gedanken

aufklären müssen, wenn ich auch nach den letzten Jahren glauben

durft’, wir wären aus dem Sturm und Drang hinaus und in einer klaren

Sonnenluft. Siehst du, wenn ich nun solche Leut’ wie unsere letzten

Sonntagsgäste von der Freiheit der Kunst reden höre, so mein’ ich halt

immer, sie schlügen wie der Fuchs einen Staubwirbel mit dem Schweif, um

von der Fährte abzulenken, und riefen ›Kunst‹ und meinten die Freiheit

des Lebenswandels. Ach, Arnold, wie viele laufen hinzu, um sich einmal

so recht von der Leine aller Pflichten zu lösen, ob sie berufen sind

oder nicht berufen.«

»Und ich war, wenn ich deine Schlußfolgerung vollende, nicht berufen.«

Sie hob den Kopf und sah ihm lächelnd in die blitzenden Augen.

»Du warst zur Betätigung der Freiheit berufen, du Krafthuber du. Sind

die großen Künstler frei? Sie wandern unter dem Kreuz ihrer Aufgaben,

das mit der Länge des Weges und der Höhe des Ruhmes schwerer und

schwerer wird, oder unter der Peitsche ihres Ehrgeizes, der freudeblind

und neidisch macht und zum Knecht des Erfolges. Du hättest zu den

ersten nicht getaugt und noch weniger zu den letzten, und für die

vielzuvielen erst, die die Kunst nur als Vorwand zum stromern, bechern

und borgen nehmen, dazu warst du weiß Gott zu schade.«

Arnold Opterberg wandte hastig den Kopf, aber sie legte ihm die Hände

um die Schläfen und zwang ihn sacht, sie wieder anzusehen.

»Darum, Arnold, darum, weil du ein Freiheitsmensch bist, gehörst du

in die Sonne, in Sturm und Wetter hinaus und als Herr auf deine eigene

Scholle --«

»Um meinen Kartoffelacker zu bauen. Ein begeisternd Ding.«

»Ach, Arnold, wie mich dies Wort freut, denn es ist nicht von dir,

sondern von den beiden Arbeitsscheuen, die Reißaus nahmen, als sie die

Hände rühren sollten.«

»Christiane,« verwies Arnold Opterberg rauh, »sie haben dich um

keinen Pfennig angeborgt. Darum hast du keinen Grund, ihre glückliche

Lebensart zu schmähen.«

»Es ist wahr,« gestand sie freimütig zu, »sie haben sich in ihrer Art

nicht schlecht aufgeführt. Aber sie leben von der Hand in den Mund,

lassen den Herrgott und den Zufall für sich sorgen und stellen die

Regentonnen heraus, wenn’s Kleingeld regnet. War’s nicht so? Nein,

Arnold, du bist ja viel stolzer, als du zugestehst, und es macht dir

nur zeitweilig Spaß, unter den Hofnarren den König zu spielen. Spiel

ihn, und im übrigen wollen wir unserem Geschick dankbar sein.«

»Dem Geschicke in der Person des Oheims Opterberg.«

Sie löste sich unmerkbar von ihm und blickte wieder auf die

farbenbunten Studien und Entwürfe.

»Der Oheim Opterberg,« sagte sie leise und ruhig, »schenkte mit seinem

Tode und seinem Erbe dir die Rettung und mir das Glück in meinem

Pflichtenkreis. Glaubst du dich im Glück verkürzt, so war es meine

Schuld und nicht seine.«

»Christiane!«

»Laß es mich nur zu Ende reden. Du warst der Sohn seines Bruders, und

ich die Tochter seines Vetters. Auch mein Vater war ein Opterberg

vom Niederrhein, und er heiratete eine süddeutsche Frau und war seit

langem im badischen Oberland angesiedelt, als er dem Oheim Opterberg

Gastfreundschaft gewähren durfte. Uns beide, dich und mich, hatte der

Oheim zu Gesamterben eingesetzt. Mich, weil er mich als Landwirtin

kennen gelernt hatte. Dich, weil auch du auf einem Gutshof aufgewachsen

seiest und der Erblasser, so heißt es im Testament, von deiner

Begabung für die Landwirtschaft mehr halte als von deiner Liebe für

das Malerleben. Ich fuhr zu dir nach Düsseldorf, um dir trotzdem die

Auszahlung deines Teiles anzubieten --«

»Und ich nahm das Ganze. Mit totem und lebendem Inventarium. Und das

handfeste, flachsblonde Mädel dazu, ob es wollte oder nicht. Komm her,

Christiane, gib mir einen Kuß. Ich habe das Frühlingsfieber und einen

wilden Hunger dazu. Ruf die Buben zum Abendbrot.« --

Noch war der Druck nicht aus der Luft, so sehr sich auch Arnold

Opterberg Mühe gab, sich zu verstellen. Wieder und wieder kam er

im Gespräch auf die beiden lustigen Kumpane zurück, die nun als

Freiherren das Land Italien durchzögen, das Geld verachteten und im

Anblick der Kunst erschauerten trotz ihrer fleckigen Röcke und ihrer

Bänkelsängergitarre.

Am Sonnabend kam ein Knecht, der im großen Gasthof des nahen

Schweizerstädtchens für Frau Christiane eine Lieferung zu machen gehabt

hatte, und er erzählte seiner Auftraggeberin einen Schnurren von zwei

Malern, die drüben im Gasthof Schlag neun Uhr abends auf die Bühn’

träten und zum Gaudi der Gäst’ nix als Unfug trieben. Und es wären die

letzten Sonntagsgäst’ des Herrn Opterberg gewesen. Er hätt’ sie im

Wirtszimmer hinter dem Krügel erkannt.

Da lachte Frau Christiane in sich hinein, gebot dem Knecht, gegen den

Herrn zu schweigen, und war guter Dinge.

Als die Buben aus der Gymnasialstadt heimgekommen waren und Arnold

Opterberg unruhiger als sonst, weil der freie Sonntag nahte, zum

Fenster hinausschaute und einen Marsch auf die Scheiben trommelte,

meinte Frau Christiane leichthin: »Es war eine harte Woche, und

es lohnte sich schon, zur Aufmunterung des Bluts ein wenig ins

Schweizerische hinüberzugehen. Wär’s dir recht, Arnold? Es sollen

allerhand lustige Hanswürste im Gasthof zum Adler auftreten. Die Buben

könnten mit uns.«

Arnold Opterberg schloß seinen Trommelmarsch mit einem Wirbel. »An die

Pferde!« rief er. »Aufgesessen! Wir reiten!« Und mit langen Schritten,

die Buben mit sich ziehend, eilte er ins Freie.

Lustig plaudernd marschierten sie zu viert durch den Frühlingsabend

den Rhein hinauf der alten hölzernen Kapellenbrücke entgegen, die über

den brausenden Strom hinüber zum Schweizer Ufer führte. Die Knaben

erzählten dem Vater von den Rheinquellen an den Gletscherbrüsten und

berichteten wichtig von ihren großen und kleinen Bergabenteuern. »In

Reichenau war auch der Professor Barthelmeß, weißt du, der Kirchenbauer

und Bildner, mit Frau und Kindern, und die Mutter sollt’ die Zeche

zahlen für die Fremden.«

»Barthelmeß?« fragte Opterberg. »Kenn’ wohl seinen Namen. Aber du

scheinst Glück zu haben mit den Künstlern, Christiane.«

Sie schüttelte leicht den Kopf. »Im heutigen Deutschland lebt fast ein

jed’s über seine Verhältnisse. Die Künstler werden dadurch nur um ein

Mehr verleitet.«

»Aber sie sollen auf ihren Stolz achten und sich nicht als Schnorranten

aufführen,« schloß Arnold Opterberg.

Sie saßen im Saal des Schweizer Gasthofes, und die Bürger des

Städtchens bemerkten das schöne und aufrechte Paar mit den

wohlgezogenen Buben in ehrlicher Freude, und es war ein achtungsvolles

Grüßen von allen Seiten. Arnold Opterberg sonnte sich in dieser hohen

Achtung, trank in gewinnender Haltung den angesehenen Bürgern des

Städtleins zu und horchte nur zerstreut auf die ältliche Sängerin,

die auf der Bühne Alpenlieder trällerte, und auf die Reden des

Zauberkünstlers, der ein geehrtes Publikum um goldene Uhren bat. Dann

aber fuhr er auf. »Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach Italien!«

hatte der Mann am Klavier gerufen. Und schon tollten über die Bühne

zwei hagere Gestalten, rissen sich den Hut vom Kopf, rührten Farbe

darin an, zogen ein ellenlanges und zerschlissenes Sacktuch hervor,

spannten es vorsichtig über einen Rahmen, und während der eine unter

verzückten Sprüngen zu malen begann, schob der andere langsam die

Nase durch die Kehrseite der zerschlissenen Leinwand, schob Stirn

und Augen nach, die Ohren und das stoppelige Kinn, bis das ganze

Angesicht ernst und würdevoll aus der Leinwand blickte wie ein frisch

gemaltes Ölbildnis. Breit fuhr der Maler mit dem Firnispinsel über

das ganze Bild. Es zuckte nicht mit der Wimper. Und unter dem tobenden

Gelächter des Publikums legte der Maler einen Rahmen um das Bild, trat

seitwärts, wies mit der Linken erhaben auf sein Werk, mit der Rechten

untertänig auf sein Herz und nahm dankend einen Schoppen Wein aus dem

Zuschauerraum entgegen. Da rollten des Bildnisses Augen, da verzerrte

sich sein Mund, da streckte es heischend die Zunge -- und das Bildnis

begann zu reden und verlangte in sprudelndem Zorn seinen Anteil, bis

ihm die Neige des Weines beruhigend in die Kehle floß.

Bevor der Spaß zu Ende war, hatte sich Arnold Opterberg erhoben und mit

den Seinen den Saal verlassen. »Deutsche Schnellmaler auf dem Wege nach

Italien!« klang ihm die Stimme des Ausrufers noch in den Ohren, als

schon die Planken der Rheinbrücke unter seinen Füßen krachten. Diese

Großredner der Kunst! Diese Herrgottstagediebe! Für einen Schoppen

Wein und ein paar Frankenstücke zogen sie den deutschen Künstlernamen

durch den Schweizer Dreck und sich selber durch die Spottmäuler der

Spießbürgergesellschaft, die noch die Wäsche von der Leine nahm, wenn

Künstler und andere Vagabunden des Weges kamen.

Und doch nur ein Spaß, aus ungebändigter Malerlaune geboren.

Nichts da! Die Kerle waren über die vierzig alt und hatten sich zu

bändigen, wenn sie ins Ausland kamen. Der deutsche Name war doch wohl

eine Messe mehr wert als die Malerlaune der Baltes und Krönlein.

»Vater,« sagte neben ihm Martin Opterberg, »die Leut’ im Saal haben die

Deutschen arg verspottet.«

Himmelherrgott, da empfand es der Bub auch schon.

Arnold Opterberg ging in großen Schritten. War er doch so weit über

das Possenreißen hinausgewachsen an Frau Christianes Seite, daß er die

tötende Lächerlichkeit fühlte? Er zog den Arm Christianes in den seinen

und schritt wortlos mit Frau und Buben heim.

3

Die Jahre wurden nicht leichter für Frau Christiane Opterberg, ob sie

auch schneller dahinliefen in der täglich sich mehrenden Fürsorge

um Leibes- und Seelenwohl der aufschießenden Knaben. Unbemerkt zwar

waren die einstigen Anfängerarbeiten Arnold Opterbergs wieder in den

Truhen verschwunden, und nie hatte des Hausherrn Hand sie wieder ans

Licht gezogen. Aber ein anderes war geblieben und hatte sich in der

Giebelstube eingenistet, und da es kein Lärmen machte und den Hausherrn

ruhig zur Tagesarbeit freigab, so war ihm in Güte nicht beizukommen und

mußte schmerzlich aber schweigend ertragen werden. Arnold Opterberg saß

abends einsam bei der Weinflasche.

Langsam war es angegangen. Erst bedeutete es nichts als das

Hinunterspülen des Tagesstaubes und des Ärgers über das Festsitzen

auf der Scholle, während draußen die Welt schöner wurde mit jedem Tag

und der Duft der reifenden Felder ein Sausen ins Blut trug und ein

aufbegehrend Sehnen. Als die Wandervögel schrien und die Ernte von den

Äpfel- und Birnbäumen gebrochen wurde, wuchs es täglich an, und als

der Herbstwind über die Stoppelfelder klagte und die Wipfel der Bäume,

kahlen Besen gleich, in den Regenschauern trauften, verblieb Arnold

Opterberg länger und länger im Giebelturm, saß am Fenster und starrte

auf die brausenden Wasser des Rheins, der in seinem kristallgrünen

Gebirgskleid wie ein rechtes Bild der unbezähmbaren Jugendkraft

vorüberflog, wandte sich ab, griff zum Glase und suchte in der Ferne

die geheimnisvollen Höhenzüge ab, um gedankenverloren wieder zum Glase

zu greifen. Während der Winterzeit, die dem Gutsherrn auch tagsüber

mehr an freien Stunden ließ, als es der Gutsherrin lieb erscheinen

konnte, hockte er hoch droben neben dem knatternden Eisenofen, las von

morgens bis abends in alten und neuen Abenteuerbüchern und erhob sich

nur, um in den Keller zu steigen und wählerisch eine andere Flasche

auszumustern.

Auch diese Stimmungen waren Frau Christiane bei ihrem Gatten nicht

neu, aber sie lagen doch weiter zurück in ihren ersten Ehejahren und

hatten sich dazumal bis zu den maßlosen Ausbrüchen eines gänzlich

unbeherrschten und nie an Zucht gewöhnten Geistes zu steigern vermocht.

Das waren die Stunden gewesen, in denen Frau Christiane die lebenswarme

Nähe ihrer Schaffnerin so wohltuend empfunden hatte, die Christoph

Attermanns Mutter wurde und nie nachgelassen hatte, ihr auf dem ersten

Dornenweg der Ehe die Hände unter die Füße zu legen.

Frau Christiane vergaß nicht, wer ihr Liebes getan hatte, und wenn

es auch nicht viel gewesen war und keinerlei Aufhebens davon gemacht

worden war, sie besaß die seltenste Frauentugend einer Gattin und

Mutter: ein tiefschwesterliches Gemüt. Und sie stellte den Dank über

die Gabe.

In diesen Zeiten, in denen bei Arnold Opterberg ein Rückfall

eingetreten schien, verlor die mutige Frau nicht einen Augenblick

den klaren Kopf. Sie hatte den Mann genommen, weil er ihr wohlgefiel

in seiner Mannesschöne und seinem überschäumenden Frohgeblüt, das in

ihr Arbeitsblut den heimlich ersehnten Festtagston hineinzutragen

versprach, und da er der Vater ihres Martin geworden war, war die

weitere Rechnung für sie gegeben. Nicht modeln, basteln und ändern

wollen, wo es an ausgewachsenem Holz nichts mehr zu ändern gab, sondern

helfen und halten, daß der Wipfel wohl im Winde brauste, aber nicht im

Sturme brach.

»Ich hab’ ihn mir gewählt,« pflegte sie sich zu sagen, wenn ein

Schatten über ihre Seele wandern wollte, »und ich hatte bei solcher

Wahl zu wissen, wer er war. Ich wußte, daß es ein funkelnder Stein

war, mit dem sich die liebe, schwache Eitelkeit aufputzt, und darf nun

statt des Glanzes kein wärmend Kaminfeuerchen erwarten. Wollte ich

nachträglich wegen des Preises hadern, so dürfte füglich er sich als

der Betrogene fühlen und nicht ich mich gar. Das Beste, was er mir

überdies zu geben vermochte, habe ich von ihm: unseren Martin.«

So ergab sie sich mit zunehmender Stärke der Freude an der Entwicklung

ihres Sohnes, der der einzige geblieben war, und als sie Christoph

Attermann ins Haus genommen und ihn dem Sohne zum Kameraden gegeben

hatte, wußte ihre klarblickende Mutterliebe wohl, daß sie nun einen

Teil des Sohnes an den Freund abzugeben hätte, aber sie fühlte sich

auch an Liebeskraft reich genug, um die beiden Knaben zu einem

einzigen Wesen in sich zu vereinen und nun beide zu besitzen.

»Christoph Attermann«, so erwiderte sie auf eine launige Frage Arnold

Opterbergs, »schenkt unserem Martin, was unserem Buben fehlt und was er

im Jünglings- und Mannesalter als das verläßlichste Gut empfinden wird:

Bruderliebe. Und ich schenke dem Christoph dafür, was dem Christoph

fehlt und was er braucht, um Boden unter den Füßen zu bekommen:

Mutterliebe. Ich denke, das ist ein Austausch, der sich in der Welt

sehen lassen kann.«

Und er konnte sich sehen lassen von Anbeginn an. Das feurige Roß,

das Martin Opterberg zu werden verhieß, wurde von dem ruhig wägenden

Christoph Attermann wie von einem getreuen Gespanngefährten zu einem

geregelten Schritt angehalten, während sich hinwieder der kühlere

Schlag, den Christoph Attermann darstellte, in allen Fällen, in denen

es Entschlossenheit galt, von dem heißblütigeren Freund und Bruder

bis zur leidenschaftlichen Tat emporreißen ließ. So befruchteten sie

sich gegenseitig, halfen sich auf Schritt und Tritt mit ihren Gaben

und schufen, ohne die Merkmale ihrer Persönlichkeit aufzugeben, einen

Ausgleich, den Frau Christiane mit stiller Freude beobachtete und

förderte.

Frei ließ sie die Knaben aufwachsen, die, nun schon Sekundaner der

Gymnasialstadt, kaum die geheime Zügelführung verspürten, im täglichen

Leben mit der Natur ihre Natürlichkeit behielten und an den Dingen,

die gegen sie rannten, ihre Kräfte wetzten und Ecken und Kanten

abschliffen. Mußte sie die Buben eines allzu kecken Streiches wegen

einmal bei den Ohren nehmen, so geschah es nicht, um sie zu demütigen,

sondern um sie nachdrücklich auf die Forderungen der guten Sitte und

eines anständigen Benehmens hinzuweisen.

»Würdet ihr dulden, daß irgendwer durch seine Aufführung eure Mutter

beleidigt?«

»Nie!« riefen sie entsetzt und ballten die Fäuste.

»So nehmt euch in Zukunft selbst bei den Ohren, wenn ihr mich lieb

habt. Es ist eine Beleidigung für eine Mutter, wenn die Söhne keine

gute Erziehung aufweisen und die Mutter zum Gespött der Leute machen,

als besäß’ sie selber keine.«

»Mutter,« brauste Martin Opterberg auf, »welcher Schmutzmichel hat das

gewagt?«

»Mutter,« stieß Christoph Attermann hervor, »wir prügeln ihn durch,

Mutter.«

Frau Christiane nahm mit der Linken den einen und mit der Rechten den

anderen beim Schopf, schob sie mit den Stirnen aneinander und sagte:

»Da habt ihr die ersten.«

Verdutzt blickten sich die Knaben in die geweiteten Augen. Dann

verstanden sie, rissen sich los von der Mutterhand und fielen mit einem

Jubelschrei übereinander her, um sich weidlich das Fell zu gerben. Das

ließ Frau Christiane mit Vergnügen geschehen.

Von Anbeginn waren die Knaben gewöhnt, was ihre Seelen bewegte, was

ihre Freude oder ihren Abscheu erregte, ihre Spottlust wachrief und vor

allem ihren Zweifel, vor die Mutter zu tragen.

Die Freuden wurden von ihr in ein höheres Licht gerückt, der Abscheu

untersucht und dem Ekel preisgegeben, die Spottlust vom Spotte befreit

und zur Fröhlichkeit gebändigt und die Zweifel ohne jedes Versteckspiel

durch Vergleiche mit dem Wesen der Natur klipp und klar gestellt,

geläutert und behoben.

Nach dem Abendbrot, das schon um sieben Uhr eingenommen wurde, saß

Frau Christiane in irgendeinem Winkel des Hauses oder des Gartens,

am liebsten aber auf einer alten Holzbank drunten am Uferwasser des

vorbeibrausenden Rheines noch lange mit den Knaben und ließ sich aus

der Welt der Schulerlebnisse berichten. Oft flog das Gelächter der

Erzählenden bis zu Arnold Opterberg und lockte ihn heran, und er

kam, sein Weinglas in der Hand, herbeigeschlendert und drückte sich

mit auf die Bank. Gern hörte er zu, wenn von den harmlosen und ewig

wiederkehrenden Schulabenteuern berichtet wurde, in denen der Lehrer

den kürzeren zog, denn der Lehrerstand war seiner Natur ein Greuel, und

er warf die guten und die schlechten wahllos in einen Topf.

»Zucht ist diesen Bakelschwingern immer gleichbedeutend mit

Züchtigung,« knurrte er grimmig.

»Zucht«, stimmte Frau Christiane ihm bei, »kommt von ziehen und nicht

von züchtigen her. Öffentliche Prügel bilden immer eine Entehrung und

sollten deshalb nur bei Ehrlosigkeiten in Anwendung gebracht werden.

Gegen Faulheit und Unwissenheit hat man den Lehrer ja gerade mit seinem

geistigen Rüstzeug versehen, und die Rüpelhaftigkeiten müßten vor

seiner würdigen Haltung im Keim ersticken. Ein Ansehen muß er sich halt

geben können.«

»Und gegen Dummheit?« reizte Arnold Opterberg. »Was für ein Kräutlein

ist da wohl gewachsen?«

»Dummheit«, sagte Frau Christiane, »ist eine tieftraurige Krankheit.

Für kranke Kinder aber gibt’s nur Liebe und beileibe keine Prügel.«

»Ach, Mutter,« rief Martin Opterberg lachend, »bei uns in der Schule

pfeift’s aus allen Handgelenken.«

»Seid ihr denn ein solches Gesindel, ihr Buben dort? Sprich du,

Christoph.«

»Mutter,« sagte der nachdenkliche Christoph Attermann, »ich glaub’

fast, die meisten der Lehrer denken sich halt so wenig dabei wie die

meisten der Buben. Es ist so eine Gewohnheitssache.«

»Schöne Gewohnheiten,« sprudelte Frau Christiane, fühlte im Augenblick

ihre aufsteigende Heftigkeit und bezwang sich vor den Jungen. »Ich

will nur hoffen, daß meine beiden Buben solcherlei Gewohnheiten nicht

an sich herankommen lassen. Duckmäusige und verprügelte Hunde sind mir

schon unleidlich, geschweige denn -- Menschenkinder. Na, gut’ Nacht,

ihr beiden.«

»Der Schulmeister«, spottete Arnold Opterberg, als die Knaben sie

verlassen hatten, »ist eben ein Wesen an sich und sogar dem lieben Gott

über, denn der läßt sich wenigstens noch herbei, in den Menschen sein

Ebenbild zu sehen. Ein Schulmeister aber sieht nur sich.«

»Nein, Arnold,« und Frau Christiane schüttelte launig den Kopf, »nun

freut’s dich, das Kind mit dem Bad ausschütten zu können. Es ist mit

dem Lehrerstand sicherlich wie mit allen Ständen, nur daß es durch

die tägliche Schulstund’ stärker hervorbricht. Die Vorlauten und

Überheblichen sind allemal die, denen der vollgepfropfte Schulsack

die einzige Bildung bedeutet. Die wahrhaft gebildeten Männer in der

Lehrerschaft aber lächeln still über alles angelernte Wissen und

sehen in der echten Bildung die Gemüts- und Herzensbildung, die durch

Wissen einen Ausdruck finden kann. Ein innerlich Vornehmer wird es

ablehnen, seine Macht oder Laune durch Stockschläge oder Maulschellen

zu bekunden.«

Arnold Opterberg schmunzelte. »Also nun erhebe deine sittliche

Forderung, Christiane.«

Sie lachte ihm in die Augen und fuhr ihm übers Haar.

»Gut, ich erhebe sie. Ich fordere für den Schulamtsbeflissenen ein

neues Prüfungsfach, und dieses lautet: Die gute Kinderstube. Besteht er

nicht, so ist er nicht zum Erzieher, aber vielleicht zum Hundscherer

geeignet. Punktum.«

»Punktum,« wiederholte Arnold Opterberg. »Was für einen erlesenen

Schulmeister habe ich Glücklicher geehelicht.«

Sie saß ganz still in der Schlinge seines Armes, die Wange an seiner

Schulter.

»In der Ehe erzieht man sich nicht mehr, Arnold. Man gibt zu und nach,

um allzeit das gute Gleichgewicht zu halten. Darin liegt’s Glück für

den Vernünftigen.«

Er preßte seinen Mund auf ihre Haarflechten, ließ sein Glas stehen und

ging langsam die Stufen des Gartens hinauf und dem Hause zu.

Am nächsten Abend fand er sich wieder ein, aber die Knaben fehlten.

Frau Christiane rief sie herbei, und sie kamen mit ihren Büchern

gesprungen. »Habt ihr so viel heut zu lernen?«

»Für den Konfirmandenunterricht, Mutter.« Und Martin Opterberg zählte

auf: »Ein Dutzend Katechismusfragen mit den Antworten, dazu zwei

Dutzend Sprüche --«

»Und ein halbes Dutzend Gesangbuchstrophen,« vollendete Christoph

Attermann.

»Und das wollt ihr alles heut noch auswendig lernen?« forschte Arnold

Opterberg ungläubig.

»Daß es nur so schnurrt, Vater.«

»Mir wär’s schon lieber,« wehrte Frau Christiane, »ihr lerntet es mehr

inwendig als auswendig.«

»Mit dem Herrn Pfarrer ist schlecht Kirschen essen,« gestand Christoph

Attermann.

»Ich mag ihn nicht,« entschied Martin Opterberg. »Er ist ein Weichling.«

»Martin!« rief Frau Christiane streng. »Was für Redensarten erlaubst du

dir, Bub?«

»Und ein Feigling,« trotzte nun auch Christoph Attermann.

»Ich habe dich nicht gefragt, Christoph,« verwies Frau Christiane

nicht minder streng, aber es glitt wie ein blitzschnelles Lachen um

ihren Mund. »Heraus mit der Sprache, Martin. Was habt ihr gegen euren

Pfarrer?«

»Daß er die Knaben mit zweierlei Maß mißt,« sagte Martin Opterberg

ärgerlich, »und mit den Aufrechten herb und überheblich und mit den

Speichelleckern honigsüß verfährt, das braucht nicht meine Sach’ zu

sein und hat jeder mit sich abzumachen. Aber daß er vor den Mädchen

schön tut und sich vor ihnen ein Ansehen geben will in seiner

Körperkraft und Majestät, damit die Gäns’ ihn nur noch mehr verhimmeln

und seufzen und glucksen, das ist mir in der Seele zuwider.«

»Ich glaub’ gar,« meinte Frau Christiane erstaunt, »der Martin ist

eifersüchtig. Da wollen wir doch lieber den Christoph sprechen lassen.

Aber nun bitt’ ich mir einen nüchternen Bericht aus.«

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »der Martin ist nicht

eifersüchtig. Keine Spur. Wir kriegen’s nur mit der Scham, und die

brennt einen höllisch im Halse, wenn der große, starke Mann erst

wohlwollend den Mädchen über die Köpfe streicht und dann plötzlich

einen der schmächtigsten Knaben, der just keine Antwort zu geben weiß,

herausgreift, ihn über die Bank legt und ihm vor den Augen der Mädchen,

Mutter, fünfundzwanzig aufzählt, wozu der Bub noch mitzählen muß. Ach,

Mutter, und dann schreitet er wie ein gewaltiger Feldherr die Reihen

der Mädchen ab, und sie drängen sich an ihn, die Gäns’, und küssen ihm

gar die Hand.«

»Mein Gott,« lachte Arnold Opterberg in hellster Heiterkeit, »die alten

Kniffe.«

Frau Christiane schaute auf ihre Buben, und sie erkannte die Scham und

den dumpfen Knabengrimm und spürte beides mit in ihrem innersten Herzen.

»Hört mich einmal an, ihr Buben,« sagte sie ganz ruhig, »damit ihr

es ein für allemal wißt. Es gibt nur eine Sünde, die Unwahrheit. Die

Unwahrheit gegen sich und andere. Ein Mensch, der wahr ist, wird immer

erkennen, was gut und was schlecht, was schön und was häßlich ist. Und

wenn er noch so mancherlei im Leben tut, weil sein Blut heiß ist oder

seine Einsamkeit groß, er wird nie etwas aus gemeinen Regungen tun und

daß er sich schämen muß. Wie ihr euch aber eurer selbst wegen nicht

schämen sollt, so sollt ihr euch noch viel weniger anderer Leute wegen

schämen. Und wenn der Herr Pfarr noch einmal eine solche -- eine solche

Aufzählung vornimmt, so sollt ihr als meine saubergehaltenen Buben

aufstehn und Zeugnis ablegen: Wir wollen das nicht ansehen, und unsere

Mutter hat’s uns verboten.«

Frau Christiane spürte, wie ihr der Atem schwand. Von links und von

rechts hatten die Knaben sie umhalst und küßten ihr zu endlosen Malen

die Wangen. Da fühlte sie noch tiefer und bewußter, wie ihr Blut eins

war mit den Knaben, die sie mit derselben Muttermilch gesäugt hatte. An

diesem wortlosen Ausbruch fühlte sie es.

»Und nun sputet euch und lernt eure Katechismusfragen und eure

Bibelsprüch’ und Gesangbuchstrophen. Wer einen Stolz will, muß doppelt

seine Pflicht erfüllen.«

Arnold Opterberg erhob sich. »Jungens,« rief er den Davonspringenden

nach, »die Mutter meint natürlich nicht, daß ihr nun vierundzwanzig

Katechismusfragen und vierundzwanzig Bibelsprüch’ auswendig lernen

müßt. Das runde Dutzend genügt!«

»Inwendig lernen, nicht auswendig!« wiederholte Frau Christiane heiter,

sprang auf, stand neben ihrem Mann und schaute lange mit ihm über den

jungen Rhein hinaus.

»Christiane,« sagte Arnold Opterberg nach einer Weile, »ich wollt’,

ich hätte dich zur Mutter gehabt. Da hätt’ was aus mir werden können.«

»Du mußt mich nicht rühmen,« entgegnete sie und hielt das Gesicht dem

Strome zu, »es gehört nur ein wenig Nachdenklichkeit dazu, um den

Dingen auf die rechte Spur zu kommen. Siehst du, das waren Pfingsten

zwei Jahre, daß ich mit den Buben zu den Rheinquellen gewandert bin.

Und besonders das eine Bild ist mir geblieben, wie der lebendige

Wasserstrahl aus der weißen Gletscherbrust springt und gleich den

Kampf mit Fels und Wildnis beginnt, um zur Freiheit zu gelangen und

zum Strome zu werden. Woher nimmt das kaum entsprungene Wasser gleich

sein Wissen und seinen Willenstrieb, der uns staunen macht? Es wird

wohl schon in der Tiefe des weißen Gletscherleibes mit tausend Kräften

gespeist werden, von denen wir nicht wissen, weil wir sie nicht sehen.«

»Fahre fort,« sagte Arnold Opterberg, »ich bin mit dir auf der Reise.«

»So wirst du auch wissen, wohin sie geht, Arnold. Ich meine, mit den

Kindern ist es nicht viel anders. Sie bringen mehr mit auf die Welt,

als wir in unserer Gedankenlosigkeit ahnen, und empfinden schon als

junge Menschen die Dinge der In- und Umwelt, während wir sie noch als

Kindsköpfe betrachten und uns vor ihnen gehen lassen.«

»Du meinst doch wohl nur den Pastor, Christiane?«

Sie lachte zu ihm auf. »Auch den Pastor. Aber das schönste ist doch

die Erkenntnis. Und die zweite, die allerschönste dazu: daß die jungen

Ströme von der Mutterbrust unzertrennlich sind und mit ihr eins und

dasselbe.«

»Christiane,« sagte Arnold Opterberg, »ich beneide die Buben, die eine

solche Mutter haben, denn sie werden ihr Leben lang mit Quellwasser

gespeist werden und nie versanden können. Hast du nicht auch für mich

ein Sprüchlein?«

»Behalte uns lieb, Arnold. Alles andere soll mich nicht anfechten.«

»Komm,« bat er, »laß uns noch einen langen Spaziergang machen.

Rheinauf. Da kommen wir den Quellen näher. Es wandert sich gut mit dir,

Christiane.« --

Eine neue Lebenswoge zog über das Land am jungen Rhein und ließ auch

den Opterberghof nicht beiseite liegen. Die Technik begann, sich die

Kräfte der Wasser dienstbar zu machen, die der drängende Strom in

brausenden Stromschnellen durch die Uferfelsen zwängte. Noch standen

die ersten Pläne kaum auf dem Papier, als schon das Unternehmertum

sich regte und unter der Hand mit Landankäufen vorging, um den

billig erworbenen Grund und Boden zu hochgesteigerten Preisen als

Fabrikgrundstücke zu vergeben. Gleich zu Beginn traten die Herren an

Arnold Opterberg heran. Der beschied sie auf die nächste Woche und

besprach sich mit Frau Christiane. Der alte Übermut ging in ihm hoch

und die Lust an Spiel und Wagnis.

»Die Kerls schätzen mich als früheren Städter für das dümmste Mitglied

des Bauernstandes ein. Aber schon beim ersten Wort bin ich ihnen

auf die Sprünge gekommen. Vertraust du mir eine Handvoll Geld an,

Christiane? Nur des Spaßes wegen.«

Frau Christiane erkannte nicht nur den Spaß, sondern auch den

Vorteil. Und da Arnold Opterberg mit den Liegenschaften und ihren

Verkaufsmöglichkeiten vertrauter war als die fremden Geschäftsleute,

so hatte er bald einige der günstigst gelegenen Stücke in seine

Hand gebracht und durch den Notar auf seinen und der Seinen Namen

überschreiben lassen.

»Ich habe es mir überlegt,« erklärte er mit vergnügtem Augenzwinkern

den verblüfften Händlern, »ich verkaufe doch lieber gleich an die

Fabrikanten, die schon im Anzug sind, und mache das Geschäft selber.«

Die Fabrikanten kamen, und Arnold Opterberg machte das Geschäft. Aber

er bot den Herren, die meist aus der Gegend des betriebsfleißigen

Niederrheins herangereist kamen und durch Anschluß an die Wasserkraft

ein billigeres und bequemeres Herstellungsverfahren für ihre

Erzeugnisse suchten, gastfreundlich auch den Opterberghof als

Absteigestätte und übte die Gastfreundschaft in noch ausgedehnterem

Maße, als sie sich erst in den kleineren und größeren Landsitzen

der Umgebung häuslich niedergelassen hatten. Es waren trunkfeste

Niederrheiner darunter, die nach der Anspannung aller Kräfte bei Tage

nach ihrer Heimat Sitte am Abend eine Ausspannung beim Wein liebten.

Und Arnold Opterberg kam dieser Liebe von ganzem Herzen entgegen, saß

oft bis Mitternacht mit den neuen Becherfreunden und schritt tagsüber

wie ein Neugeborener über die Äcker.

Frau Christiane schob keinen Riegel vor. Die Männer waren ihres Lebens

Herr, aber sie selber beanspruchte dasselbe Recht für sich und ihre

Buben, erschien nur kurz zur Begrüßung, hielt Umschau, ob für alles

Erforderliche gut Vorsorge getroffen sei, und verabschiedete sich

freundlich und heiter, um sich immer mehr den Knaben zu widmen.

Als es gegen den Winter ging, kamen sie mit einer großen Neuigkeit ins

Haus gestürzt.

»Rate, Mutter, wer wieder im Lande ist? Nun, du rätst es gewiß nicht.

Die Barthelmeßleute sind’s. Die Buben sind heute bei uns eingeschult

worden. Der Siebzehnjährige in die Tertia. Er soll sich das Einjährige

ersitzen. Die beiden anderen wurden knapp quartareif erklärt. Aber

ein Mundwerk haben sie alle, als gehörte die ganze Welt nur den

Barthelmeßleuten. Uns hatten sie gleich entdeckt und verlangten von

unserem Frühstücksbrot, weil sie das ihre zu Hause liegen gelassen

hätten. Die Vielfraße.«

»Und was schafft der Herr Professor?« unterbrach Frau Christiane den

Redeschwall.

»Er hat wieder Kirchenaufträge in der Nähe. Auf viele Jahre, sagen die

Buben, und ihr Vater sei der größte Künstler der Welt und unbezahlbar.«

Frau Christiane lachte. »Wenn er unbezahlbar ist, der Herr Professor,

so wird er sich wohl wieder an die Gutshöf’ halten, und der

Opterberghof wird’s auch zu spüren kriegen.«

Ihre Vorahnung sollte sich nur allzu rasch und allzu reichlich

erfüllen. Zum Sonntag machten Herr und Frau Barthelmeß auf dem

Opterberghof ihren feierlichen Besuch.

»Meine gnädige Frau,« sagte der Professor in weltmännischer

Gewandtheit, als entsänne er sich nur mit Vergnügen ihres

Wandererlebnisses zu Reichenau, »daß erst ein paar Jahre bis zu dieser

Stunde vergehen mußten, ist wirklich nicht meine Schuld. Eine kleine

Mißhelligkeit mit der Kirchengemeinde, der ich damals gerade meine

Kräfte widmete, zwang mich, Schluß zu machen und einen Auftrag in Rom

zu übernehmen. Die frischgepflückten Lorbeern haben gewirkt. Man hat

mich zur Ausführung recht schwieriger Wiederherstellungsarbeiten über

die Alpen zurückgeholt.«

»Sie müßten,« wandte sich lebhaft Frau Barthelmeß an Arnold Opterberg,

der die schwarzhaarige zierliche Unrast belustigt betrachtete, »den

Grund des Zwistes zwischen dem Professor und der Kirchengemeinde

erfahren, um über solches Maß von Philisterei sprachlos zu sein. Wir

hatten uns auf einer Fahrt nach dem Schweizerstädtchen Reichenau

durch einen alltäglichen Zufall verausgabt, und der Gastwirt, statt

ruhig abzuwarten, bis wir ihm den Betrag seiner lächerlichen Rechnung

überweisen, beschlagnahmt schon nach wenigen Wochen in flegelhafter Art

unser Guthaben bei der Kirchengemeinde, die sich, statt dem frechen

Patron gründlich zu dienen, herausnimmt, einem Mann wie dem Professor

Vorschriften über seine Art der Geldeinteilung zu machen und ihm die

fällige Zahlung zu sperren. Was sagen Sie, mein lieber Herr Opterberg,

zu solch einer Seifensiedergesellschaft?«

»Ich vermag nur die Hoffnung auszusprechen,« entgegnete Arnold

Opterberg, »daß diese Seifensiedergesellschaft mehr an den Gastwirt hat

auszahlen müssen, als gerade Ihr Guthaben betrug. Das wäre die gerechte

Strafe gewesen.«

Das eilfertige Plappermündchen blieb ein paar Sekunden lang offen

stehen. In den schwarzen Augen funkelte es ein wenig mißtrauisch. Dann

berührte sie ihn mit dem zierlichen Zeigefinger kindlich-vertraulich an

der Schulter und lachte. »Sie sind, glaub’ ich, ein großer Leichtsinn.«

»Einer schönen Frau gegenüber gibt es gar keine andere Pflicht.«

»Wollen wir recht gute Freunde werden, Herr Opterberg?«

Frau Christiane hatte während des Gespräches nicht die geringsten

Gewissensbisse empfunden, daß sie den wählerischen und großtuerischen

Schlemmern zu Reichenau nicht mit der Zeche beigesprungen war. Ei,

sagte sie sich, bei mir hatte der Herr Professor kein Guthaben wie bei

der Kirchengemeinde, und so habe ich ihn doch gezwungen, seinen Aufwand

selber zu begleichen. Und sie erkundigte sich freundlich nach dem

Ergehen der Barthelmeßkinder.

»Sie sind so außergewöhnlich begabt,« erklärte der Professor, »daß

es mich fast erschreckt. Die drei Jungen werden sicherlich in die

Fußtapfen ihres Vaters treten, und mein kleines Mädchen entwickelt sich

nicht nur zu einer reizvollen und eigenartigen Schönheit, sondern auch

zu einem recht überlegenen Geist. Sie werden nachher selbst urteilen

können, gnädige Frau.«

»Werden Sie von den Kindern abgeholt, Herr Professor?«

»Wir haben uns für den Nachmittag ein Stelldichein vor dem Opterberghof

gegeben. Meine Frau und ich beabsichtigen, um den anstrengenden Weg zu

sparen, hier in der Nähe in einem Wirthaus zu Mittag zu essen und dann

später mit den Kindern die Bahn zu benutzen.«

»Eine Dorfkneipe ist gewiß kein angenehmer Sonntagmittagsaufenthalt,«

erklärte die nach neuester Mode gekleidete kleine Frau Barthelmeß

und zog ein lustig Mäulchen, »aber was tut man nicht seinen Kindern

zuliebe.«

»Sie essen ganz einfach einen Teller Suppe bei uns,« entschied Arnold

Opterberg. »Besser als in der Dorfkneipe ist sie bestimmt. Mehr kann

ich nicht versprechen.«

»Mein Gott,« sagte die zierliche Frau und schaute zu ihrem stattlichen

Gatten auf, »eine so herzlich entgegengetragene Freundschaft nur

um einer leeren Besuchsform willen zu kränken, wäre undankbar und

philisterhaft zugleich.«

So blieben sie, und es wurde ein langes und heiteres Mahl. Wohl hatte

der Professor an allen Fürstenhöfen und selbst im Vatikan gespeist,

aber einen solchen Kälberbraten gebe es höchstens noch in Traumbüchern,

und gegenüber einer deutschen Hausfrau seien alle Köche der Welt

ärmliche Stümper.

»Ich bin keine deutsche Hausfrau,« gestand Frau Hadwiga Barthelmeß

flüsternd dem Hausherrn. »Ich kann lieb und fröhlich sein, das ist

alles. Aber es ist nicht viel? Nein?«

»Ob es viel ist,« erwiderte Arnold Opterberg und ließ seinen Blick

wohlgefällig auf dem quecksilbrigen Persönchen ruhen, »das entzieht

sich leider vorläufig noch meiner Beurteilung. Ich werde mich jedoch

auf Ihren Wunsch gern bemühen, hinter diese Frage zu kommen.«

Ihr zierlicher Zeigefinger tippte schon wieder an seiner Schulter.

»Jetzt weiß ich’s, daß Sie ein Leichtsinn sind.«

Arnold Opterberg winkte, da das Mahl zu Ende war, den Knaben zu und

hieß sie, eine Flasche Champagner aus dem Keller zu holen. Frau Hadwiga

hörte es und tat einen kleinen Freudenschrei. »Oh, ich werde öfter

kommen,« rief sie entzückt, »ich werde öfter kommen, hier werde ich

verstanden.« Zunächst aber kamen die Barthelmeßkinder und stürzten

mit Geschrei in den Hof und behaupteten, nicht zu Mittag gegessen

zu haben, so daß Frau Christiane, um den Lärm zu beschwören, sofort

den Kaffeetisch herrichten lassen mußte. Die großen Jungen und das

kleine Mädchen stopften an Weißbrot und Kuchen in sich hinein, bis der

letzte Krümel vertilgt war, tobten alsbald durch die Ställe, tranken

ein paar Hühnereier leer, entdeckten die Obstkeller und füllten sich

die Taschen. Die kleine Sabine Barthelmeß aber bemerkte den wenig

huldvollen Blick, mit dem Martin Opterberg, der Haussohn, dem Treiben

zuschaute, und sie schmeichelte sich an ihn heran und wollte nur noch

an seiner Hand gehen und, als sie vorgab, müde geworden zu sein, von

ihm ›Huckepack‹ getragen werden.

»Du bist doch schon ein großes Mädchen,« wehrte Martin Opterberg. »Da

gehört sich’s nimmer.«

»Auch nicht, wenn man sich gefällt?« fragte die kleine Sabine

verwundert.

Als am späten Abend der Spuk von dannen gebraust war, atmeten die

Knaben auf. »Mir scheint die ganze Woch’ nichts wert, wenn der Sonntag

schlecht verlaufen ist,« erklärte auch Christoph Attermann. Aber ob

sie auch ärgerlich waren, dieser Sonntage folgten sich viele in dieser

Winterszeit, denn Arnold Opterberg war _nicht_ ärgerlich, seit ihm die

kleine, schwarzhaarige Unrast zu Weihnachten die Augen zugehalten und

ihn auf den Mund geküßt hatte. Das sei ihr Weihnachtsgeschenk, aber

erst die Probe.

Der Professor wollte es ihr nachtun und breitete die Arme nach Frau

Christiane aus.

»Weshalb denn nicht, schönste Hausfrau? Sehen Sie doch nur Ihren

Arnold?«

»Ja, der Arnold!« sagte Frau Christiane in gut gespielter Bewunderung,

»das ist ein arg ritterlicher Mensch. Aber ich hab’ nur den einen Mund,

und auf den haben sich schon meine Buben gespitzt.« Und sie nahm den

Martin und den Christoph und küßte die jubelnden Jungen weidlich ab.

Dann aber geschah es, in der Zeit zwischen Weihnachten und Ostern, daß

auch Herr Arnold Opterberg aus seiner verzauberten Sonntagsstimmung

aufgeschreckt wurde.

Der Konfirmationstag nahte. Martin Opterberg und Christoph Attermann

saßen im Konfirmandenunterricht, und der Herr Pfarrer strich den

Mädchen wohlwollend über die Scheitel. Plötzlich rief er einen

träumenden Knaben an, der nicht zu antworten wußte, ließ den

Erschreckten vortreten, legte ihn über die Bank und straffte ihm die

Hosen. Totenblaß erhob sich Martin Opterberg.

»Ich bitte den Herrn Pfarrer, das zu unterlassen,« brachte er mit

schwerer Zunge hervor.

Der Pfarrer hielt inne. Sein Gesicht war dunkelrot geworden.

»Was erfrechst du dich? Gut, du sollst mit diesem Sünder tauschen.

Tritt vor.«

Martin Opterberg rührte sich nicht. »Meine Mutter hat’s verboten,«

stieß er hervor.

Der zornige Mann suchte ihn aus der Bank zu ziehen. Da sprang auch

Christoph Attermann auf.

»Unsere Mutter hat’s verboten, und wir sollen’s nicht ansehen, hat sie

gesagt.«

Dem Zornigen nahm’s die Besinnung.

»_Unsere_ Mutter?« höhnte er. »Das ist mir ja ein hübsches Bekenntnis!

Darum also hat man dich auf den Opterberghof heimgeholt?«

Martin Opterberg hatte die Verunglimpfung schneller verstanden als der

Bruder und Freund.

Er fühlte nur eins: die Mutter war beschimpft. Und mit einem

schluchzenden Aufschrei warf er sich auf den Angreifer und schlug

blindlings mit den geballten Fäusten auf ihn los. Da hatte auch

Christoph Attermann verstanden. Er schlug nicht blindlings drein. Er

holte aus und zielte und schlug zwei-, dreimal wie mit Hammerschlägen,

daß der schwere Mann sich nur mit Mühe vor den schäumenden und

hochgereckten Buben durch die Tür in Sicherheit bringen konnte. Und

Christoph Attermann ging mit Augen, die wie Kohlen glommen, die Reihen

der Mädchen entlang, die Faust vorgestreckt, und schrie sie heiser an:

»Nun, wollt ihr mir nicht _auch_ die Hand küssen, ihr Gäns’, ihr?«

Diesmal suchten sie nicht die Mutter auf. Diesmal galt der Vater.

Das sagte ihnen auf der Heimfahrt ein seltsam zartfühlendes

Jünglingsempfinden. Und sie berichteten dem Vater wortgetreu und

gaben ihm die Hand darauf, daß sie nichts hinzugefügt und nichts

hinweggelassen hätten, und Arnold Opterberg fuhr mit dem nächsten Zuge

nach der badischen Hauptstadt zur Oberkirchenbehörde und erlangte die

sofortige Beurlaubung und nachfolgende Versetzung des Mannes nach

Prüfung des ärgerlichen Geschehnisses.

Einem Pfarrer der Nachbargemeinde wurde die Einsegnung übertragen. Er

kam auf den Opterberghof und besprach sich mit Arnold Opterberg. Der

rief die Knaben herein und befragte sie.

»Der Herr Pfarrer meint, ob ihr lieber in seiner Dorfgemeinde

eingesegnet werden wollt als in der Stadt?«

»Nein,« erklärten die Knaben fest, »das dürfen wir wegen der Mutter

nicht.«

Der weißhaarige Pfarrer reichte ihnen die Hand. »Es ist recht so und

soll so bleiben.«

Frau Christiane aber tat, als wüßte sie von all den Geschehnissen

nichts, und ihr Benehmen zu den Knaben war nicht um einen Hauch anders

als ehedem. »Sie dürfen nicht des Glaubens werden, sie hätten etwas

anderes als etwas Selbstverständliches getan,« sagte sie zu dem Gatten.

Nur in ihren Augen stand ein noch tieferer Glanz, wenn sie heimlich auf

ihre schlanken Buben schaute.

Am Tage vor der Einsegnung kam Christoph Attermann zu ihr. Sie waren

allein.

»Mutter,« sagte Christoph Attermann, »ich weiß nun auch, weshalb mein

Vater in Kehl begraben liegt. Es ist nicht deshalb, weil er zufällig

aus der Gegend stammt.«

»Nein, Christoph, sondern weil er seinen Sohn lieber hatte als sein

krankes Leben.«

»Mutter,« fragte Christoph Attermann weiter, und seine Mundwinkel

zuckten, »warum reistest du gerade in diesen Tagen mit uns in die Berge

und zu den Rheinquellen?«

»Es geschah, Christoph, weil ich ahnte, was dein Vater tun würde,

weil ich dich deiner Knabenerinnerungen wegen aus der Nähe der Dinge

forthaben und dir in der Kraft und Herrlichkeit der Berge die Freude am

Leben schenken wollte.«

»Und aus keinem anderen Grunde, Mutter?«

»Doch,« sagte Frau Christiane, trat vor ihn hin und schloß ihn fest in

ihre Arme, »um dich spüren zu lassen, daß du eine Mutter gewonnen hast

und ich einen Sohn.«

»Deshalb komme ich,« murmelte der Junge an der Frauenbrust, »deshalb

komme ich, um dir zu danken.«

Am nächsten Tage standen Martin Opterberg und Christoph Attermann

Hand in Hand vor dem Geistlichen, der sie gemeinsam einsegnete. Frau

Christiane saß neben dem Gatten im Kirchenstuhl, und ihre Augen

leuchteten.

4

Schon trugen die Buben vom Opterberghof die Primanermützen auf den

blonden Häuptern, schon zeigte sich schüchtern der erste Flaum über

der Oberlippe und verlieh den Knabengesichtern den Ausdruck der ersten

Jungmännlichkeit. Hoch und aufrecht schritten sie beide einher, der

junge Opterberg schlank und nervig, der junge Attermann breitschultrig

und muskelhart, beide mit den wetterbraunen Gesichtern, die Sonne, Wind

und Regen auf den täglichen Märschen zur nächsten Eisenbahnhaltestelle

und den ausgedehnten Knabenstreifen in Wald und Feld so kräftig gebeizt

hatten. Nicht nur Frau Christiane, auch Arnold Opterberg sah ihnen oft

prüfend nach, und es erschien ihm an der Zeit, die väterliche Erziehung

etwas stärker in den Vordergrund treten zu lassen. Längst waren die

beiden Buben gewöhnt, jedes Pferd auf der Weide zu reiten und fest auf

dem Kutschbock die Zügel zu führen, auch kannten sie seit frühester

Kinderzeit jede ruhigere Stelle im Strombett, die sich zum Schwimmen

und Tauchen eignete, und ein jedes Strudelbecken, in dem sich der

Salmenfang lohnte. Jetzt aber nahm Arnold Opterberg sie wohlbewaffnet

mit auf die Pirsch in die Hänge des Hochwaldes und lehrte sie, mit

weidgerechter Kugel den Bock auf die Decke legen, den balzenden

Auerhahn anspringen und den im Liebesrausch blinden und tauben vom

hohen Tannenast herunterholen, im Schnee der Saufährte folgen und den

Keiler im Lager überraschen. Das stärkte Mut und Gewandtheit, gab

dem Auge die Sicherheit und der Hand die Ruhe und zwang die raschen

Gemüter, sich zu beherrschen, bevor die Kugel unwiderruflich den Lauf

verließ. Diese Jägererkenntnis der jungen Jahre sollte ihnen oft noch

im Mannesleben zum Leitstern werden.

Daß Herr Arnold Opterberg zuweilen über die Grenzen der jagdlichen

Erziehung hinausgriff und in einsamer Jagdhütte seine Begleiter in

die Geheimnisse der Grogbereitung einweihte, auch wohl mit ihnen

beim Abstieg in einem Schwarzwalddorf den einen oder anderen Liter

Markgräfler Weines ausstach und sie zur Verschönerung der Stunde

eine Pfeife Tabak blaffen ließ, war Frau Christiane durchaus nicht

verborgen, wie die stolzen Jungmänner annahmen, denn das nächstemal

fanden sie in ihrer Feldflasche statt des kalten Milchtees einen

wärmenden Rotwein vor, so daß sie beim ersten Schluck vor Schrecken

fast dem Stickhusten erlegen wären, und ein anderes Mal im Rucksack

ein halbes Dutzend zusammengebündelter Schweizer Stumpen mit einem

Zettel von Frau Christianes Hand: »Solange ihr sie im Freien raucht,

schadet’s keinem Menschen.« Nur als Arnold Opterberg die Gemeinsamkeit

der Trink- und Rauchersitten auch ins Haus verpflanzen wollte,

strich sie ihm begütigend über den Ärmel: »Nimm ihnen nicht die

Freud’ am Studentenleben vorweg, Arnold. Das erste Räuschlein muß

in der Begeisterung der Jugend errungen sein, wenn’s eine schöne und

tragfähige Erinnerung werden soll.«

»Tragfähig? Wie verstehst du das?«

»Daß man sich später nicht scheut, darüber hinzulaufen.«

Arnold Opterberg lachte. »Hast Recht, Frau. Ich werd’ mir den Professor

rufen. Dem hält’s nicht ganz so scharf mit den Erinnerungen.«

Der Professor kam auch ungerufen. Seine Arbeit, die vertraglich

auf zwei Jahre bemessen war, hatte er nun schon in das dritte Jahr

hinüberzuziehen gewußt und manchmal auch durch Übernahme kleinerer

Reiseaufträge unterbrochen. Die Kirchenherren sahen sauer drein. Das

änderte an der überlegenen Miene des Professors nicht das geringste.

Er war sich bewußt, daß die Herren das Erneuerungswerk nicht mitten in

der Ausführung stecken lassen konnten und daß der bisher entnommene

Vorschuß beträchtlich genug sei, um den Meister vor jäher Kündigung

des Vertrags zu schützen. So ging er gar lieblich und gelassen mit

den flügellahmen Heiligen und dem bröckelnden Zierwerk an Wänden und

Altären um und durfte sich mit Fug darauf berufen, daß seine Arbeit,

wenn auch langsam geschafft, so doch von vollendeter Meisterschaft

und unübertrefflicher Stilreinheit sei. »Wünschen Sie eine eilige

Zuckerbäckerarbeit,« pflegte er den Drängern zu sagen, »so empfehle

ich Ihnen meinen Kollegen Dingsda. Ein Kunstwerk, das den höchsten

Ansprüchen des Kenners genügt, will aus dem Samenkorn hervorwachsen wie

eine edelblühende Pflanze.« Und die Herren, die den Kenner spielten,

nickten Beifall.

Professor Barthelmeß setzte die Feierabendstunde um ein bedeutendes

früher an, als es auf dem Opterberghof der Brauch war, und da der

Arbeitstag ihm ohnedies nicht die genügende Zeit ließ, sich seiner

Familie zu widmen, so holte er in den reichlichen Mußestunden das

Versäumnis vollauf nach und erschien nie anders als in Begleitung

seiner Gattin Hadwiga, seiner drei Söhne Bernhard, Fridolin und Hartwig

und seiner Tochter Sabine. Ein vornehmes Patriarchentum, das er bei

solchen Anlässen zur Schau stellte, verwandelte vielerorts das erste

Entsetzen über den zahlreichen Besuch in Scham und Bewunderung. Frau

Christiane aber schaute mit heiterem Lächeln durch die väterliche Maske

hindurch und ließ einige Abende Buttermilchsuppe und in der Schale

gekochte Kartoffeln mit Speckrösterchen auftragen. Da zog der Spuk

bald an ihrem Hause vorüber und fiel wie ein Heuschreckenschwarm bei

einem der neuangesiedelten Fabrikanten ein. Auch Frau Hadwigas großen

Bedarf an Butter, Käse und Eiern vermochte Frau Christiane zu ihrem

Leidwesen bald nicht mehr zu decken, denn es war seltsam, wie oft in

diesem Jahre ihre Kühe vor dem Kalben standen und keine Milch lieferten

und ihre Hühner aus dem Mausern gar nicht herauskamen und darum keine

Eier legten. Dreierlei nur konnte sie nicht verhüten, und sie nahm

es als eine Art Verkehrssteuer, die sie unter den Gesamtunkosten

des Hofes aufrechnete: daß Arnold Opterberg mit dem ganz besonders

weinverständigen Professor die besten Flaschen zu leeren liebte, daß

Professor Barthelmeß bei solchen Gelegenheiten kleine Geldanleihen

zu machen pflegte und daß die Barthelmeßkinder bei ihren Spielen

beharrlich Stall und Scheuer bevorzugten und zufällig aufgefundene

Hühner-, Enten- und Gänseeier ohne alles Fackeln in sich hineintranken.

»Was sich nicht wehrt, kommt in den Magen,« sagte Frau Christiane

kopfschüttelnd, aber sie drückte mitleidig beide Augen zu, wenn sie

eins der zweibeinigen Wiesel bei der Beute überraschte.

»Es ist halt die Zigeunerwirtschaft bei den Alten schuld,« meinte sie

im Gespräch mit dem Gatten. »Nun ja, der Patriarch bleibt in seiner

Rolle, denn, wenn ich meine Bibel kenne, so übten die alten Patriarchen

ja wohl auch ihr Gewerbe im Umherstreifen aus.«

Arnold Opterberg lachte. »Und das schwarzhaarige Sabinchen könnte als

Lockvogel Rebekka am Brunnen sitzen.«

»Als modernes Mädchen sitzt sie lieber am Karpfenteich. Schau doch

einmal, wie das Ding mit den Augen Bescheid weiß und jählings

gutberechnete Blicke schießt, und zählt kaum zwölf Jahre. Unser Martin

freilich wird rot vor Zorn, und der Christoph beschaut sich so seltsam

seine Hände, als ob er ihr am liebsten das Sitzleder vollhauen möcht’.«

»Wie ist es möglich,« spottete der Hausherr, »daß die Buben der Frau

Christiane Opterberg so arge Weiberhasser sein können.«

»Weil sie doch an mir hängen. Meinst du, es wäre nicht gerade deswegen,

Arnold, daß sie sich fragen: Wie würd’ das Mädel meiner Mutter zu

Gesicht stehen?«

»Ach du liebe Muttereitelkeit! Laß die Buben erst mal ins Feuer kommen.

Ich war auch drin und weiß ein Liedchen davon zu singen.«

»Ein Liedchen, Arnold? Die Bescheidenheit ist doch sonst nicht dein

Hauptfehler.«

Der Professor kam durchs Hoftor geschritten. Sabine Barthelmeß stürzte

ihm entgegen. »Hat er nicht eine Gestalt wie der Flötenspieler im

Vatikan?« rief sie und zeigte auf den schlanken Martin Opterberg, der

sich unwillig abwandte.

»Aber er pfeift dir was, dein Flötenspieler,« knurrte Christoph

Attermann sie an.

»Du bist ja auch nicht häßlich, Christoph,« lenkte schnell das

Mädchen ein, »nur zu stark betont in der Linie. Doch das ist halt

Geschmackssache.«

»Gott sei Dank,« atmete Christoph Attermann auf, »daß ich dein

Geschmack nicht bin und daß ich die Linie betone.«

»Der Christoph Attermann ist ein Rüpel,« entschied der Professor, »und

von einem Eichenknorren lassen sich keine Orangen ernten.«

»Das muß wahr sein,« bestätigte Frau Christiane, »aber es lassen sich

Bretter und Pfosten daraus fertigen zu einem standfesten Haus, und aus

dem, was nebenbei fällt, lassen sich immer noch Eichenprügel schnitzen.«

Der Professor zog ein wenig die Augenbrauen hoch und strich sich den

knisternden Bart.

»Ich verstehe den Vergleich nicht sofort. Aber wir wollen die

glücklichen Kinder sich selbst überlassen und auf das bißchen eigene

Glück Bedacht haben. Der Tag war schwer, Opterberg. Dürfte ich wohl um

ein Glas Milch bitten?«

»Kuhmilch oder Liebfraumilch? Sie müssen schon deutlicher werden,

Barthelmeß.«

»Sie haben es ja wieder gut vor. Aber ich bin kein Spielverderber. Also

Liebfraumilch.«

»Wissen Sie,« sagte Opterberg, »aus dem kleinen, begrenzten Weinberg am

Stift. Nur das ist Wachstum.«

»Ich weiß, ich weiß,« lehnte Professor Barthelmeß ab. »Ein Spatz ist

keine Nachtigall, wenn sie auch beide zur Familie der Sperlingsvögel

gehören. Lassen wir die Nachtigall singen, Opterberg.«

Die Buben der Frau Opterberg · 第 9 / 33 题