»Ein Adler, Mutter! Dort! Siehst du ihn?«
»Ein Steinadler!« flüsterte der andere Knabe und packte in der Erregung
fest des Freundes Hand. Die Köpfe weit in den Nacken gebogen, die
Schultern aneinandergepreßt, starrten die Knaben in den blaublanken
Frühlingshimmel. Bewegungslos standen sie, und ihre tiefen Atemzüge
kamen wie aus einer Brust.
Frau Christiane Opterberg erfaßte mit einem langen, lächelnden Blick
das Bild dieser Jugend. Sie lehnte, die Kappe über die strohgelbe
Haarkrone gezogen, den kraftvollen Leib in starkem Lodengewand, und
die Füße bis weit hinauf zur geschwungenen Wade in derbes Rindsleder
geschuht, an einem Felsstück, und ihre Brust ging geruhsam auf und
nieder.
»Mutter! Siehst du?«
Jetzt erst suchte ihr Blick den Himmelsbogen ab.
»Es sind ihrer zwei,« sagte sie nach einer Weile. »Die Steinadler jagen
paarweise, ihr Buben. Sie sind die Könige der Einsamkeit, und die
Einsamkeit verlangt einen Gefährten.«
»Die Einsamkeit?« fragten die Knaben zweifelnd. »Dort! Wirklich dort --
der zweite!«
Frau Christiane hatte ihn längst entdeckt. Ihr helles Auge folgte
den Kreisen der gewaltigen Vögel, den Kreisen, die lotrecht über
ihr den Himmel umspannten, sich kaum zu berühren schienen, sich
umeinanderschlangen, sich ausdehnten, sich verengten und jäh ein
einziger Punkt schienen -- wenn es galt.
»Ja,« sagte Frau Christiane Opterberg, »gerade die Einsamkeit. Ohne
einen Gefährten wäre sie eine große, leere Gebärde, ein Grab bei
Lebzeiten; mit einem Gefährten die Größe und Fülle des Lebens, aus
einer stolzen Höhe betrachtet. Seht -- da stoßen sie zu Tal … Was
werden sie sich alles zu erzählen und zu erklären haben, wenn sie
wieder hoch oben in ihrem Horste sitzen. Nun denkt’s euch mal aus.«
Die Knaben schauten lachend einander an und lachend die helläugige Frau.
»Na? Habt ihr’s gefunden, ihr Wanderbuben?«
»Die Mutter meint,« rief Martin Opterberg, »Einsamkeit und Tod ist noch
lange nicht dasselbe.«
»Noch lange nicht,« bestätigte die Frau, und ihre Augen weiteten sich.
»Die Frau Pate meint: Und wer nicht tot ist, der hat zu leben, und, aus
der Höhe betrachtet, lauft’s da drunten durcheinander wie Ameisen, die
einen nicht schrecken.«
»Richtig, Christoph Attermann. Das mein’ ich. Und wenn du es dann
droben in der einsamen Höh’ einem gleichartigen Gefährten mitteilst und
er es dir bejaht, dann wird euch euer ernstes Wissen zur fröhlichen
Gewißheit, und ihr habt erst die rechte Freude am Leben, weil’s nimmer
ein Fürchten gibt.«
»Mutter,« sagte der zwölfjährige Sohn aus Sinnen heraus, »hast du einen
solchen Gefährten?«
»Ich hab’ dich, und du hast den Christoph, und so hab’ ich euch beide.
Vorwärts, ihr Buben, und nehmt die Schuhe in die Hand. Wir betreten
geheiligtes Land, wie’s in der Schrift heißt. Spannt die Horcher
auf. Hört ihr’s seufzen und singen? Das ist ein Mutterlied und ein
Kinderlied. Drauf zu und nehmt’s in euch auf. Nehmt die ganze Brust
voll. Noch ein paar hundert Schritt’ und Sprüng’ über das graue Geröll,
zwischen die Felsen hindurch« -- sie nahm beim Anschreiten den einen
Buben links, den andern rechts an sich in Wanderfreude -- »ah, da haben
wir’s erreicht … Hier wird der Rhein geboren.«
Und plötzlich spürte sie, wie links und rechts die klammernden
Knabenfäuste sich tief in ihre Arme gruben.
Kristallen und blau blitzte die Angewurzelten der winzige Spiegel des
Tomasees an, von steilen Felsen und dunkel wuchtender Bergwelt wie von
Wimpern und Brauen umgürtet. Kaum ein Fußbreit Land, um heranzutreten.
Steinblöcke, Jahrtausende alt, schirmen den Zugang zu dem Wunder der
Zeugung, das, dem Auge verschleiert, in dreifacher Kraft aus dem
Gletscherspalt quillt, aus Felsentiefe bricht, aus dem Grunde des
Bodens steigt, um in der Muschel des Sees in kristallener Bläue das
Auge aufzuschlagen.
Machtvoll in ihrer Mutterschaft und in ihrem Mutterstolz auf das
geheime Wunder lag die wilde Bergwelt Graubündens, türmten sich die
himmelstürmenden Gipfel, sprangen die weißen Brüste der Gletscher
in Urkraft hervor. Ein Gebietendes und doch alle Wünsche Stillendes
lagerte in der Luft, und die Knaben rangen nach einem Wort.
Und Martin Opterberg sagte so leise, als ob er ein Geheimnis sage, und
seine Augen hafteten an dem spiegelblanken Wasser: »Mutter, das ist --
wie die Farbe deiner Augen. So blau -- und so kristallen.«
»Ja, Frau Pate, der Martin hat’s mir zuvorgesagt.«
Frau Christiane hob den Kopf und lugte einen Augenblick lang nach
dem Stückchen Himmel, das hoch oben über der engen Felsschlucht eine
Handbreit blaute. Und sie schob jedem der Knaben eine Hand unter das
Kinn, hob ihnen den Kopf und senkte den Blick geruhig forschend in die
Augen der Knaben.
»Das Kristallene, wißt ihr, das Kristallene, das haben die Menschen
im Blick, die scharf zuschauen müssen im Leben, daß ihnen nicht der
Weg verrammelt wird, und die sich nicht fürchten dürfen, über die
Hindernisse hinüberzusetzen, wenn er ihnen doch verrammelt wird.«
»Die in den Bergen leben, haben es,« sagte Christoph Attermann, ohne
das erhobene Kinn in ihrer Hand zu regen.
»Und die Leute der Tiefebene auch, die auf der See fahren,« sagte
Martin Opterberg, und er suchte in dem Blick der Mutter.
»Seht ihr es wohl,« entgegnete sie, »einer allein findet es nicht,
und es müssen schon zwei Gefährten sein, um sich auf das Richtige zu
bringen. Der Berg hat’s nicht allein, und die Tiefebene hat’s nicht
allein. Die Höhe des Lebens hat’s, die den Dingen in die Seele blickt,
und die Weite des Herzens, die sie umfaßt, um jed’ Ding in seiner Art
lieben zu lernen. Nur scharf zuschauen muß man, und man findet in jedem
Ding und Menschenkind ein Bröselein Schönes oder Vergnügliches. Was
wäre es sonst mit dem Glück …«
»Mutter, hab’ ich auch das Kristallene?«
»Und ich, Frau Pate?«
»Narrenbuben ihr. Ein Weniges. Aber es hat noch Zeit mit euch.«
Und sie zog die beiden Knabenköpfe mit einer mütterlichen Gebärde an
ihre Brust.
»Aufgeschaut, ihr Buben. Da steht ihr nun an der Wiege des Rheins, des
Vorderrheins, und morgen wollen wir die Wiege seines wilderen Gesellen,
des Hinterrheins, suchen gehn. Auch der König unter den Strömen braucht
einen Gefährten in der Einsamkeit. Hei, wie die ewigen Gletscher
funkeln, der Badus in den Gotthardbergen, der Crispalt im Glarnerland.
Und dort, dort -- in die Ferne müßt ihr sehen -- schwingt sich die
Furka wie eine steinerne Himmelsbrücke, trennt die Bergzüge auseinander
und verbindet dafür die Menschlein von Uri und Wallis. Da spürt man den
Herrgott.«
Stille Andacht in den Augen, saß Frau Christiane auf breiter,
moosübersponnener Steinplatte, auf der sich die Buben lang ausstreckten
und, wohlig sich reckend und das Angesicht nach oben richtend, die
Köpfe zutraulich in den Frauenschoß betteten. Frau Christiane strich
ihnen mit einer kurzen Bewegung durch die hellen Haarbüschel. Dann
wurde es ganz still zwischen den Dreien, und sie spannen ihre Träume
hinein in die große, schweigende Natur, in die versteinerten Wogen
der Bergmassen, die noch den Gischt der letzten Brandung in Eis und
Schnee auf ihren Zackenhäuptern trugen, in das eingesprengte, winzige,
kristallblaue Becken, darin sich rätselhaft das Leben aus tiefinnerstem
Felsenleib erschloß: das lebendige, das Leben spendende Wasser. Mehr,
mehr, als nur ein Wasser: das Wasser des Rheins, des deutschen Rheins.
»Ist das ein gesegneter Maimorgen,« sagte Frau Christiane nach
einer Weile. Und als die Knaben schwiegen, fügte sie nach einer
stillen Pause hinzu: »Ihr habt Recht, ihr Buben. Wir brauchen keine
vaterländischen Lieder anzustimmen wie ein Männergesangverein mit dem
gefüllten Silberpokal und keine feierlich dröhnenden Gelübde abzulegen
wie ein Kriegerverein mit der Schärpe. Wir wollen ehrlich sein, so
ehrlich, wie die Natur es ist, und uns ganz einfach sagen: Hier ist
die Wasserscheide. Hoch genug, um sie nicht zu übersehen. An die
zweitausend Meter hoch. Dort --« und sie wies mit der Hand nach den
Bergen des Wallis, »wird die Rhone, hier wird der Rhein geboren, dort
--,« und die Hand wies in weiter ausholendem Schwung nach Süden, »lockt
das blaue, sonnenschimmernde Mittelmeer, dort --,« und ihre Hand fuhr
gen Norden, »wartet die graue, stürmische Nordsee. Die Rhone hat das
lieblichere Teil erwählt, der Rhein das schwerere. Seine Kindheit ist
Kampf aus der Enge, seine Jugend Lachen und Schwärmen, seine Manneszeit
die gesammelte Kraft zur stärksten Arbeitsleistung, und sein Alter --
ja, ihr Kinder, das ist die Frage, die der Herrgott euch offen läßt,
um euren Witz daran zu proben -- soll es versanden oder soll es in
neue Kanäle geführt werden, die ohne Hasten und Stürmen die auf langem
Wege gesammelten Güter dahintragen in das Meer der Allgemeinheit? Hier
ist die Wasserscheide, Kinder. Im Süden steht die Sonne, im Norden der
Nebel. Was dünkt euch?«
»Der lange Weg, Mutter. Kämpfen, lachen, siegen. Durch den Nebel
hindurch.«
»Der lange Weg, Frau Pate. Schaffen, arbeiten. Und dann der Kanal. Das
wär’ schon was.«
»Ihr rauflustigen Germanenbuben,« rief Frau Christiane und griff ihnen
in den Schopf.
»Aber es soll mir schon recht sein, daß ihr nicht einschlafen wollt
und euch euer Leben selber zu erringen trachtet. Denn das wahre Leben,
Kinder, das wahre Leben ist nur das mit Wunden erkämpfte.«
Sie sprang auf und riß die Knaben mit sich hoch. Lachend sah sie ihnen
in die Augen.
»He, ihr beiden! Wollen wir hier die Gefühlsseligen spielen? Menschen
mit solchen Muskeln und Lungen und allem Zubehör? Hunger hab’ ich,
Hunger! Hunger, Hunger, ihr nachlässigen Ritter, und nicht euch, aber
eure Rucksäck’ will ich zu meinen Füßen sehn!«
»Frau Pate, das Schwarzbrot! Ich schneid’s aus!«
»Mutter, der Schinken, der rote Veltliner Wein!«
»Hängt die Flasche ins Bergwasser. Wen das Rheinwasser kühlt, dem
gibt’s erst das rechte innere Feuer. Ach, Christoffel, lang mir den
Brotlaib. Bis zum Heiraten ist’s noch lange hin, wenn du nicht besser
schneiden lernst. Martin, behandle die Flasche recht. Des Weines
Feuer soll zu Herzen gehen, nicht in den Kopf. Und nun zugelangt, ihr
Wandervögel, damit’s Marschieren wieder schmeckt.«
Ein weißes Mundtuch war über den moosigen Stein gespreizt. Die
Brotschnitten lagen darauf und die Scheiben des Schinkens. In den
Metallbechern funkelte purpurn der Veltliner. Und die Schneehäupter
der Berge und die glatten Gletscherzinken lugten über den Felsenkessel
auf die seltenen Gäste aus dem Menschenreich, und die Quellwasser des
Rheins im Tomasee spiegelten alles wider: die Bergwelt, die Menschen
und den Maientag.
»Daß der Vater nicht mitgewandert ist, Mutter. Er hat doch einmal das
Malen betrieben.«
»Ei,« antwortete Frau Christiane, »weil dem Vater kein Weg zu weit und
beschwerlich ist, wenn er ihn im Wagen fahren kann.«
»Ob ihn der meine noch hätt’ schaffen können?« fragte der Christoph.
»Er hat’s mit der Atemnot wie nie. Drum ist er ja auch nach Freiburg
zum Professor.«
Frau Christiane sah den sinnenden Knaben lange an. Gleichaltrig war er
ihrem Martin und unzertrennlich von ihm seit der Geburt. Eine schlimme
Geburt war’s gewesen und von der Mutter mit dem Leben bezahlt. Und des
Vaters Leben ein Siechtum ohne Ende, seit ihn beim Beschlagen des
störrischen Gauls der Huf vor die Brust getroffen hatte.
»Ob ihm die Reise nach Freiburg hilft?« fragte der junge Christoph.
Frau Christiane bezwang ihren Blick.
»Jetzt wird sie schon geholfen haben. Packt ein, ihr Buben! Der
Maientag ist nur einmal, und wir wollen ihn nutzen!«
Ins Quellwasser des Rheins tauchten sie ihre Hände, und mit den
gletscherfrischen Tropfen des Jungwassers feuchteten sie sich Stirn und
Augen. »Nun haben wir die erste Rheintaufe,« riefen sich die Knaben zu,
»nun holen wir uns die zweite beim Bruder Hinterrhein.«
Kletternd und am Stocke springend gerieten sie auf gangbaren
Gebirgspfad. Hoch über ihnen in der Graubündner Felsenlandschaft
kreisten die beiden Adler.
Bis zum Abend waren sie gewandert, durch das Tavetscher-Tal, und ihnen
zur Seite stürzte sich wie ein wilder Knabe, der keine Gefahren achtet
und kennt, der bachbreite Rhein in brausendem Getöse die Felsen hinab.
Im letzten Sonnenschein lag Disentis vor ihnen, das grüne Taldorf mit
der Klosterkirche auf dem Hügel. Ein sauberer Weinschank bot ihnen
Nachtquartier.
In schwer verständlichen romanischen Lauten begrüßten Wirt und Wirtin
die Gäste, ging das Gespräch zwischen den Bauern, die vor dem roten
Veltliner saßen. Verwundert horchten die Knaben beim Abendbrot auf. »Es
ist die Sprache des alten Rätiens,« antwortete Frau Christiane ihrem
fragenden Blick, »so hieß Graubünden, als es eine römische Provinz
war. Doch vorher schon, Jahrhunderte vor Christi Geburt, sollen sich
Etruskerfürsten in das wichtige Bergland geschlagen und es besetzt
haben. Hier sitzen wir unter den Nachkommen. Aber nicht lange, ihr
Buben, denn wir suchen spornstreichs das Bett. Morgen ist auch noch ein
Tag.« --
In erster Morgenfrühe brachen sie auf, einem langen, sonnigen Wandertag
entgegen. Sie winkten dem Bergbach zu, der sich dem Dorfe gegenüber
in den Vorderrhein ergießt und den die Leute von Disentis stolz den
Mittelrhein nennen, und winkten dem Kloster einen Abschiedsgruß.
»Mutter, weißt du nicht ein Märlein vom Kloster Disentis?«
»Wir nennen heut Märlein, was einst Kampf und Krieg war und
blutiger Schrecken. Und es ist gut so, sonst liefe aus Angst vor
der Vergangenheit die Freud’ an der Zukunft aus der Welt. Uralt ist
die Klosterstätte, und die Söhne des heiligen Benedikt haben sie
errichtet. Das war, als nach des Königs Attila Tod Hunnenhaufen in
die versteckten Berge drangen und lange, lange die Geißel über die
rätischen Bauern schwangen, bis den schwerblütigen Gebirglern endlich
das Blut heiß wurde und das Auge rot. Da gab es ein Blutbad, dem kein
Hunnennachkömmling entrann. Seit jenem Tage stand das Kloster tausend
Jahre lang als Zeichen der erkämpften Freiheit. Aber die Soldaten der
französischen Revolution legten sich das Wörtlein Freiheit anders aus,
wie es so der Brauch ist unter Menschen, die die Macht in die Hand
bekommen haben, und brannten das Kloster mitsamt dem Dorf bis auf den
Grund zu Asche, als die aufs Blut gequälten Bauern die Freiheit der
Plünderer nicht verstehen wollten und die Sensen nahmen. Nachher haben
die Überlebenden notdürftig wieder aufgebaut.«
»Mutter, wenn du erzählst, bekommt die Landschaft erst ein Gesicht.«
»Und schlägt die Augen auf, wie ein Mensch, Frau Pate.«
»Blickt hinein, ihr Buben, immer hinein. Die Augen sind’s, die Farbe
bekennen, nicht das Gewand. Und wenn ihr überdies Sorge tragt, daß
die eigenen immer voll Wahrheit stehen, mag’s biegen oder brechen,
so bleibt ihr Herr und Meister über euch selbst und damit über die
anderen.«
Weiter und weiter marschierten sie, durch Berg und Tal. Oft
sprühten die Sturzwellen des Rheins vor ihnen auf, oft hörten sie
nur sein unterirdisch Brausen aus Tannendickicht und Steingeröll.
Menschensiedlungen tauchten am Wege auf. Schon begann kühner
Unternehmungsgeist sich die Wasserkraft nutzbar zu machen, und das Echo
der Eisenhütten scholl dumpf aus den Wäldern. »Erzähle, Mutter,« bat
Martin Opterberg, »gib der Landschaft das Gesicht.« Sie traten aus dem
Tannendunkel und marschierten rüstig auf grünem Talweg dem Dorfe Trons
entgegen.
Frau Christiane wies auf einen Baumstumpf hin. »Was für ein Baum
scheint’s euch?«