Ebenso arg wie bei der Zughöhe hat Gätke in seinem schönen Buch „Die

Vogelwarte Helgoland“ bei der +Zugschnelligkeit+ daneben geschossen. Er

stützte sich dabei vor allem auf seine Erfahrungen mit dem Rotsternigen

Blaukehlchen, das an gewissen Frühlingsmorgen plötzlich zu Hunderten

in Helgoland herumzuwimmeln pflegt. Da nun in Ägypten viele Vögel

dieser Art überwintern, sie aber auf dem Durchzug auf dem europäischen

Festlande nur wenig beobachtet werden, nahm Gätke etwas willkürlich an,

daß diese kleinen Vögelchen, die durchaus nicht zu den hervorragenden

Fliegern gehören, in einer einzigen neunstündigen Frühlingsnacht die

ganze ungeheure Strecke von Ägypten bis Helgoland zurücklegen, da die

rote Felsinsel offenbar ihre erste regelmäßige Raststation sei; das

wären also fast 3000 Kilometer Luftlinie innerhalb 9 Stunden, wozu

eine Fluggeschwindigkeit von 91,5 Sekundenmetern erforderlich wäre,

etwa viermal soviel wie bei einem Schnellzug. Das klang allerdings

ganz unglaublich und märchenhaft und mußte Zweifel an der Richtigkeit

der Gätkeschen Berechnung hervorrufen, zumal man wußte, daß bei

einem großen Wettflug von Berlin nach Köln die schnellste Brieftaube

immerhin 5 Stunden und 27 Minuten zur Bewältigung der 474 Kilometer

langen Flugstrecke nötig hatte, also in der Minute nur 1445 Meter

zurücklegte. Aber ein Gegenbeweis fehlte zunächst. Ich konnte ihn

auf meiner Marokkoreise erbringen, indem ich feststellte, daß auch

an der Westküste Marokkos massenhaft Blaukehlchen durchziehen, und

daß diese mit den Helgoländern identisch sind, nicht aber die am Nil

überwinternden. Dieser Beweis ließ sich lückenlos gestalten, weil

wir in Skandinavien zwei verschiedene und gut zu unterscheidende

Blaukehlchenrassen haben, nämlich eine östlich-schwedische (~Erithacus

svecicus svecicus~) und eine westlich-norwegische (~Erithacus

svecicus gaetkei~). Nur jene finden wir im Winter am Nil, während

die Norweger über Helgoland, Holland, Frankreich und Spanien nach

Nordwestafrika ziehen. Da also die Ägypter unmöglich mit den

Helgoländern identisch sein können, bricht Gätkes kühne Hypothese von

der wunderbaren Flugleistung der Blaukehlchen vollständig in sich

zusammen. Seine Auffassung von der fabelhaften Fluggeschwindigkeit

der Zugvögel ist dann aber später auch durch genaue Beobachtungen

und Messungen widerlegt worden. So ermittelte J. Thienemann, der

auf der kahlen Kurischen Nehrung die beste Gelegenheit dazu hatte,

die Zeiträume, die die beobachteten Zugvögel nötig hatten, um eine

gut zu überblickende Nehrungsstrecke von 500 Meter zu überfliegen,

und stellte daraufhin für einige Vogelarten weitere Berechnungen an.

Es ergab sich dabei für Nebelkrähen, die ja ziemlich schwerfällige

Flieger sind, eine durchschnittliche Eigengeschwindigkeit von 13,9

Sekundenmetern, was also für die Minute 834 Meter und für die Stunde

50,04 Kilometer ausmachen würde. Bei Dohlen stellten sich diese Zahlen

mit 17,1 Sekundenmeter, 1062–1236 Meter, sowie 61,56–74,16 Kilometer

schon erheblich höher. Stare brachten es gar auf 74,16 Kilometer

und selbst Kreuzschnäbel auf 59,76 Kilometer in der Stunde, während

für den Wanderfalken auch nur 59,22 Kilometer angegeben werden, für

den Sperber sogar nur 41,4 Kilometer, wobei ich aber fast an einen

Beobachtungsfehler glauben möchte. Die Thienemannschen Tabellen

kranken allerdings für ihre Auswertung daran, daß sie gerade für

die besten Flieger wie Segler, Schwalben und Regenpfeifer keinerlei

Daten enthalten. Man würde zwar bei solchen Vogelarten aller

Wahrscheinlichkeit nach auf erheblich höhere Zahlen kommen, aber so

viel steht doch heute schon fest, daß die Stundengeschwindigkeit der

Zugvögel über 90 oder höchstens 100 Kilometer kaum jemals hinausgeht,

also im Durchschnitt bestenfalls die eines guten Schnellzugs nur

ausnahmsweise überschreitet, sehr häufig aber stark hinter ihr

zurückbleibt. Man kann sich davon oft vom Fenster des Eisenbahnwagens

aus überzeugen, wenn z. B. ziehende Krähen parallel zum dahinbrausenden

Schnellzug fliegen: sie werden bald überholt. Auch vom Kraftwagen aus,

dessen Geschwindigkeit man ja jederzeit ablesen kann, lassen sich

mitunter sehr lehrreiche Beobachtungen über die Schnelligkeit, fast

hätte ich gesagt Langsamkeit des Vogelzuges machen. Bei alledem ist

freilich fest im Auge zu behalten, daß es sich nur um Flugleistungen

eben beim regelrechten Zug handelt, der stundenlang ununterbrochen

andauert, denn in Einzelfällen und für kürzere Zeit können die Vögel

auch sehr viel höhere Geschwindigkeiten entwickeln, so etwa beim

blitzschnellen Stoßen eines Wanderfalken nach seiner Beute.

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel I+

Der amerikanische Goldregenpfeifer zieht von Alaska über die Aleuten

nach Honolulu; muß also eine ungeheure Strecke über das offene Meer

fliegen. Dieselbe Vogelart zieht von Labrador über den Atlantik bis

in die Pampas von Argentinien und kehrt dann im Frühjahr durch das

Mississippital zurück]

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel II+

Manche skandinavische Vögel dehnen ihre Wanderung bis ins

südafrikanische Steppengebiet aus. Ebendort endet auch die westliche

Zugstraße des Storches, nachdem sie einen großen Umweg beschrieben hat]

Wir dürfen uns den Vogelzug und namentlich den Herbstzug keineswegs

so vorstellen, als ob die Vögel mit Aufgebot aller Kräfte jählings

durch die Lüfte stürmten, um ihr Endziel so rasch wie möglich zu

erreichen. Er gleicht vielmehr einem ganz gemütlichen Bummeln, bei dem

man sich weder überanstrengt, noch übereilt. Weder wird der Flug bis

zur Grenze des Möglichen beschleunigt, noch wird er bis zur Erschöpfung

ausgedehnt. Es ist ja für gewöhnlich auch gar kein besonderer Grund

zur Eile vorhanden, denn der Aufbruch erfolgte so frühzeitig, daß auf

den zahlreichen Raststationen überall noch Futter in Hülle und Fülle

vorhanden ist, das gefiederte Völkchen also durch die Ernährungsfrage

kaum in Schwierigkeiten geraten kann. Sagt ihm eine Raststation aus

irgendwelchen Gründen besonders zu und bietet sie einen recht reichlich

und gut gedeckten Tisch, so bleibt es tage- und wochenlang dort, freut

sich ungestört seines lustigen Wanderlebens und läßt sich’s gut sein,

bis endlich die ersten ernstlichen Nachtfröste zur Weiterreise mahnen

und ein etwas beschleunigteres Tempo erzwingen. Widrige Winde, Stürme

und Nebel verursachen auch unfreiwillige Anstauungen und Ruhepausen,

die dann besonders im Frühjahr durch größere Eile einigermaßen wieder

ausgeglichen werden müssen. Die Tagwanderer brechen in der Regel gleich

nach Sonnenaufgang auf und fliegen bis gegen Mittag, worauf sie an

einem geeigneten Platze haltmachen, um den Nachmittag zur Nahrungssuche

und die Nacht zum Ausruhen und Schlafen zu verwenden. Die Nachtwanderer

beginnen ihre Reise in der Abenddämmerung und beenden sie beim ersten

Morgengrauen, fressen und rasten also umgekehrt am Tage. Zu jenen

gehören z. B. Kraniche, Störche, Gänse, Raubvögel, Finken, Segler,

Schwalben und Wachteln, zu diesen Reiher, Eulen, Schnepfen, Erdsänger,

Rotschwänzchen, Grasmücken, Drosseln, Rohrsänger, Rallen und Taucher,

und im allgemeinen kann man sagen, daß die Tagwanderer geselliger

ziehen als die nächtlichen Reisenden. Jeder aufmerksame Jäger weiß ja,

daß der Schnepfenzug erst nach dem Aufgang des Abendsterns einsetzt,

und daß die Drosseln bei Tagesanbruch hungrig im Dohnenstieg einfallen.

Es wird nur sehr wenige Vogelarten geben, die bei der Wanderung länger

als 6–8 Stunden in der Luft bleiben, aber viele, die sich die Sache

noch bequemer machen und sich, wenigstens im Herbst, mit etwa 4 Stunden

täglicher Flugleistung begnügen. So beschränkt sich der Storch, dessen

Zugverhältnisse ja besonders gut erforscht sind, auf eine tägliche

Durchschnittsleistung von etwa 200 Kilometer, wozu er, wenn wir seine

Fluggeschwindigkeit mit nur 50 Kilometer in der Stunde annehmen,

höchstens 4 Stunden gebrauchen würde. Zu seinem ganzen Bummel von

Norddeutschland bis Südafrika benötigt er rund 80 Tage. Zweifellos

könnte Freund Adebar auch viel schneller reisen, wenn er nur wollte,

aber er verspürt gar keine Lust dazu, denn er ist ein bequemer Herr

und durchaus kein Freund überflüssiger Anstrengungen, und schließlich

schmecken die fetten Frösche am Nil ebenso gut wie die dürren

Heuschrecken im Burenlande. Der Frühlingszug spielt sich allerdings

bedeutend rascher und hastiger ab als der Herbstzug, denn dann werden

die Vögel von der süßen Peitsche des Paarungstriebes unablässig und

unwiderstehlich vorwärts getrieben. Der Storch macht dann seinen

Rückweg in nur 25 Tagen, muß also täglich mindestens 400–500 Kilometer

bewältigen, das Doppelte wie im Herbst.

[Illustration: +Flugleistungen einiger Zugvögel III+

Der ostsibirische Regenpfeifer ist wohl der allergrößte Wanderer, denn

er zieht über Japan, die Südsee, Australien, z. T. bis Neuseeland!]

Schlechte Flieger müssen sich freilich auch schon bei geringen

Entfernungen gewaltig anstrengen und kommen deshalb in oft stark

erschöpftem Zustande an den jeweiligen Rastplätzen an. An der

marokkanischen Küste konnte ich mehrfach die Ankunft großer Wachtelzüge

beobachten. Man merkte den Vögeln, die ganz niedrig und mit hastigen

Schlägen der kurzen Flügel über das ruhige Meer strichen, die

Übermüdung schon von weitem an. Am Strande angelangt, fielen sie wie

Steine aus der Luft herunter und blieben eine ganze Weile unbeweglich

liegen, eine leichte Beute für die sich bald ansammelnden Araberjungen.

Stücke, die ich abbalgte, hatten eine von der Überanstrengung ganz

entzündete Brustmuskulatur. Wer dächte da nicht an den biblischen

Wachtelregen im Lager der Kinder Israels? Als sich die Vögel endlich

von ihrer Betäubung etwas erholt hatten, suchten sie bessere

Deckung weiter landeinwärts, aber nur laufend, nicht fliegend. Auch

bei ziehenden Wasserhühnern und Tauchern versagen manchmal die

überanstrengten Brustmuskeln den Dienst, und die Vögel suchen dann in

den sonderbarsten Schlupfwinkeln eine augenblickliche Zuflucht.

Dies bringt uns auf die Frage, ob nicht vielleicht schwache Flieger,

die aber hervorragende Läufer oder gute Schwimmer sind, wenigstens

einen Teil ihres Reiseweges +laufend oder schwimmend+ zurücklegen.

Für hochnordische Entenarten und andere Schwimmvögel, die nur langsam

und zögernd vor dem andrängenden Eise gen Süden weichen, ist das

Schwimmen wohl ohne weiteres zu bejahen. Erst wenn sie durch allzu

ungute Verhältnisse gezwungen werden, die noch offenen Binnengewässer

aufzusuchen, nehmen sie in größerem Maßstab zum Flugvermögen ihre

Zuflucht und verstreichen dann vielleicht in einem Tag von der

deutschen Küste bis zum Boden- oder Züricher See. Ich habe aber

zur Zugzeit auf den schlesischen Teichplatten auch Sumpfhühnchen

beobachtet, die schnurstracks von einem Teich zum andern liefen und

dann über die Wasserblänken in der Zugrichtung eilig davonschwammen,

obwohl sie sich doch sonst tagsüber möglichst verborgen halten und

eigentlich zu den Nachtwanderern gehören. Es erscheint mir deshalb

durchaus nicht ausgeschlossen, daß solche Vögel, namentlich wenn sie

es eilig haben und vom Fluge schon etwas übermüdet sind, gelegentlich

auch ihre flinken Beine und ihr Schwimmvermögen zu Hilfe nehmen. So

ausgezeichnete Beobachter wie die beiden Brehms haben diese Ansicht

sehr nachdrücklich vertreten. Natürlich kann es sich dabei immer nur um

räumlich geringe Teilstrecken des großen Gesamtweges handeln.

Die „Stationen“ des Vogelzuges wurden schon kurz erwähnt, und es

ist nötig, auch diesen Begriff einer etwas näheren Betrachtung zu

unterziehen. Wir müssen verschiedene Arten von Stationen unterscheiden,

nämlich +Sammel+-, Rast- oder Futter- und Paarungsstationen. Die

ersten kennt jeder Spaziergänger, denn wer hätte nicht schon im

Hochsommer ganze Perlenschnüre von Schwalben auf dem Telegraphendrahte

sitzen sehen oder Massen von ihnen auf den Kirchendächern, von wo

aus sie dann Übungsflüge unternehmen, um aber immer wieder zu ihren

Sammelplätzen zurückzukehren, bis dann endlich eines schönen Tages

die ganze Schar plötzlich verschwunden ist? Ebenso auffallend sind

förmliche Wolken von Staren, die sich im Herbst über die Fluren wälzen

und dann zum Übernachten im Schilf und Röhricht eines großen Teiches

einfallen, auch wenn sie weit danach fliegen müssen. Unendliches

Stimmengewirr und Geschwätz ertönt dann an einem solchen Platze, wo ein

Starenschwarm nach dem andern aus weiter Umgegend anlangt, erst einige

elegante Schwenkungen vollführt, die wie Schwadronsschwenkungen eines

wohlgeübten Reiterregiments aussehen, um dann endlich einzufallen, von

den schon vorhandenen Kameraden mit lautem Geschrei empfangen. Und

noch bis zum völligen Eintritt der Dunkelheit setzt sich dieser Lärm

fort, hier und da auch in Zank um die besten Schlafplätze ausartend.

Bachstelzen und Rauchschwalben finden sich oft an den gleichen

Örtlichkeiten ein, gleichfalls zu großen Massen sich zusammenballend,

aber mit den Staren im allgemeinen gute Freundschaft haltend. Oft

wachsen die Vogelmassen derart an, daß die Rohrstengel unter der Last

umknicken. Die Krähen dagegen sammeln sich an bevorzugten Schlafplätzen

auf den Wipfeln hoher Bäume in den stillsten Waldesteilen, und kommen

hier gleichfalls truppweise aus der ganzen Umgegend zusammen. — Bekannt

sind auch die großen Storchenansammlungen auf feuchten Wiesen, die

mit fleißigen Flugübungen verbunden sind und die Anlaß gegeben haben

zu dem noch immer von vielen Menschen geglaubten Märchen, daß die

Störche bei dieser Gelegenheit auch eine Art Gerichtssitzung abhalten,

wobei Schwächlinge, die den strengen Anforderungen des Zuges nicht

gewachsen erscheinen, zum Tode verurteilt und von ihren Kameraden durch

Schnabelhiebe ins Jenseits befördert werden, damit sie nicht unterwegs

dem Ganzen durch Verzögerungen schaden.

Wie wir schon gesehen haben, fliegen die Vögel auf dem Zuge nur wenige

Stunden und verwenden die andere Hälfte ihrer Zeit zur Nahrungssuche

und zum Ausruhen. Dies geschieht an den sogenannten +Raststationen+,

die mit großer Zähigkeit festgehalten und alljährlich immer

wieder aufgesucht werden, falls sie nicht etwa durch Abholzungen,

Trockenlegungen und dergleichen tiefgreifende Änderungen erlitten und

dadurch an Anziehungskraft für die Vögel verloren haben. Das ist ja

gerade das Wunderbare beim Vogelzug, daß er trotz seiner Vielseitigkeit

und Mannigfaltigkeit durch so große Einfachheit und ständige

Wiederholung bis in die kleinsten Einzelheiten hinein sich auszeichnet.

Das geht so weit, daß selbst der Einzelwanderer immer wieder dieselben

Rastplätze aufsucht und ebenso seine Nachkommen, ohne daß wir sagen

könnten, woher diesen solche Kenntnis kommt. Ich ergriff einmal in

einer verlassenen und zerfallenen Fischerhütte in der Dobrudscha zur

Zeit des Frühlingszuges eine dort am Tage ausruhende Nachtschwalbe, und

die Fischer erzählten mir daraufhin freiwillig, daß in jedem Jahr um

die gleiche Zeit dort immer eine Nachtschwalbe anzutreffen sei. Selbst

Seltlinge habe ich wiederholt vom gleichen Baume heruntergeschossen,

wo es sich also im zweiten und dritten Falle doch nicht mehr um

den gleichen Vogel handeln konnte. — Die Raststationen werden sich

naturgemäß an solchen Örtlichkeiten befinden, die zugleich dem Vogel

recht bequeme und reichliche Nahrung bieten, damit er in seinem

erschöpften Zustand nicht lange herumzusuchen braucht. Solche Plätze

werden meistens an Flußufern, Teichen oder ähnlichen Örtlichkeiten

liegen, weil sich hier eben die Nahrung besonders reichlich vorfindet.

Und hier erscheint für den Beobachter große Vorsicht geboten, denn wenn

er große Vogelscharen immer wieder an Flußläufen rastend findet, so

kann er leicht zu der Meinung verleitet werden, daß die Vögel überhaupt

an den Flüssen entlang ziehen, also sogenannte fluviatile Wanderer sind

und das dazwischenliegende trockene Land nicht gern überfliegen. Manche

der sogenannten Zugstraßen ist sicherlich auf dieser falschen Auslegung

aufgebaut. Gerade bei uns in Mitteleuropa treffen ja die nordöstlichen

Wanderer auf ihrem Zug gen Südwesten fortwährend auf Stromsysteme,

die ihnen sehr willkommene und nahrungsreiche Rastgelegenheiten

bieten. Aber es wäre falsch, daraus schließen zu wollen, daß sie an

dem Strome entlang ziehen. Freilich gibt es auch das und gar nicht

selten, aber es muß erst durch weitere Umstände erhärtet werden. Nicht

immer können die Vögel sich wirklich geeignete und gute Rastplätze

aussuchen, sondern es gibt auf ihrem Wege auch Strecken, auf denen

es an solchen völlig mangelt, und dann sind die Reisenden gezwungen,

auch an den unbequemsten und widernatürlichsten Örtlichkeiten

vorübergehende Zuflucht zu suchen, um sich nur wenigstens auszuruhen,

wenn auch Schmalhans dabei Küchenmeister ist. So wurden bei meinem

Frühlingsaufenthalt in der ungarischen Tiefebene Feldlerchen tagelang

zu förmlichen Sumpfvögeln, Zaun- und Dorngrasmücken zu Wipfelbewohnern

in den höchsten Pappeln und Eichen, Dompfaffen sogar zu Rohrvögeln. Am

Kaspischen Meer traf ich kleine Grasmücken in der völlig kahlen, von

Sturmwinden durchblasenen Mugansteppe, wo weit und breit kein Strauch

zu sehen war, und in den Steppen Südmarokkos, die teilweise schon

Wüstencharakter zeigen, wimmelte es eines Morgens in meinem Zeltlager

von Schilf- und Binsenrohrsängern, die ganz vertraut in unsere Zelte

schlüpften und von den Brosamen meines Frühstücks naschten.

Den Begriff der „+Paarungsstation+“ habe ich schon 1899 in die

Wissenschaft einzuführen versucht, aber mein Vorschlag ist damals

wenig beachtet worden, und doch gibt es zweifellos ganz ausgesprochene

Paarungsstationen, und ich bin heute von der Sonderart dieser

Stationen noch mehr überzeugt als früher, namentlich seitdem ich

auch in der Dobrudscha diesbezügliche Beobachtungen anstellen

konnte. Wer mit offenen Augen durch die Natur geht, der wird oft die

Erfahrung machen, daß nordische Wandervögel auf ihrer Durchreise

im Frühjahr längere Zeit, manchmal monatelang, an ihnen zusagenden

Plätzen verweilen und sich daselbst ganz häuslich einzurichten

beginnen. Sie sondern sich in Paare, führen ihre Liebesspiele auf und

erkämpfen sich Reviere — kurz, sie gebärden sich ganz so, als ob

sie brüten wollten, so daß auch der Forscher leicht zu der Annahme

verleitet werden kann, sie seien in der betreffenden Gegend völlig

heimisch. Aber plötzlich, zu schon sehr vorgerückter Jahreszeit,

verschwinden sie doch und ziehen nun so schnell wie möglich ihren

wahren Brutplätzen im Norden zu, wo sie dann sofort zum Nestbau und

Eierlegen schreiten. Die von ihnen so lange belebte Gegend, in der

sie alle Vorbereitungen zum Fortpflanzungsgeschäft trafen, war eben

nichts als eine Paarungsstation. Diese werden hauptsächlich von

solchen Arten gemacht, an deren nordischen Brutplätzen der Sommer

so kurz ist, daß er ihnen nicht recht Zeit läßt für langwierige

Balzspiele, für der Minne schmachtendes Hangen und Bangen. Jedenfalls

darf die bisher arg vernachlässigte Wichtigkeit solcher Stationen,

deren Vorhandensein kein aufmerksamer Beobachter leugnen wird, nicht

unterschätzt werden. Aus individuellen Ursachen bleiben an solchen

Paarungsstationen auch wohl vereinzelte Pärchen ausnahmsweise zurück

und schreiten dann tatsächlich zur Fortpflanzung, weshalb die genaue

Kenntnis der Paarungsstationen namentlich für den Faunisten von nicht

geringem Wert sein dürfte. Hierher gehört z. B. das vereinzelte Brüten

von Weindrosseln, Leinzeisigen, Bergfinken und Rauhfußbussarden

in Norddeutschland. Da solche Beispiele Nachahmung finden können,

so vermögen die Paarungsstationen wesentlich zur Erweiterung der

Verbreitungsgrenzen einer Art beizutragen. Ich erinnere in dieser

Beziehung an das regelmäßige Brutvorkommen des hochnordischen

Zwergsägers in der Dobrudscha und der Sammetente auf transkaukasischen

Seen. In beiden Fällen fehlen verbindende Zwischenbrutplätze völlig.

Nach meinen Erfahrungen ist z. B. die Kurische Nehrung Paarungsstation

für Regenbrachvogel, Eisente und Leinzeisig, die Dobrudscha für den

Dünnschnäbeligen Brachvogel und den Rotkehlpieper, das Alföld für den

Krammetsvogel. Wie leicht man durch solche Paarungsstationen getäuscht

werden kann, geht daraus hervor, daß frühere Forscher übereinstimmend

glaubten, Rotkehlpieper und Dünnschnäbeliger Brachvogel zählten zu den

Brutvögeln der Dobrudscha, während dies in Wirklichkeit keineswegs der

Fall ist.

[Illustration: +Wichtigste europäische Vogelzugstraßen+]

„Hie +Zugstraßen+!“ — „Hie Zug in breiter Front!“ — so erschallt schon

seit Jahrzehnten das Kampfgeschrei auf dem bereits arg zerstampften

ornithologischen Turnierplatz. Beide Parteien haben recht, denn

die einzelnen Vogelarten verhalten sich auch in dieser Beziehung

ganz verschieden. Bezeichnend ist es, daß solche Forscher, die ihren

Wohnsitz und Beobachtungsplatz in weiten Ebenen haben, zumeist Anhänger

der Frontwanderung sind, die in Gebirgsgegenden heimischen dagegen fast

alle an das Vorhandensein bestimmter Zugstraßen glauben. Das gibt uns

gleich den richtigen Wink. Nur darf man bei dem Begriff „Zugstraßen“

nicht etwa an menschliche Fahrstraßen denken, sondern sie sind in der

Regel Dutzende von Kilometern breit, ließen sich also eher mit den

Anmarschstraßen oder Angriffsfronten großer Heeressäulen vergleichen,

wie wir sie im Weltkriege gewohnt waren. Allerdings gibt es Fälle, wo

die Zugstraßen sich stark verengern, z. B. auf der zu beiden Seiten

von großen Wasserflächen begrenzten und stellenweise nur einen halben

Kilometer breiten Kurischen Nehrung. Die gefiederten Wanderer folgen

hier streng dem Verlauf der langgestreckten Halbinsel, wodurch auch

ihre scharf ausgeprägte Zugstraße entsprechende schmal wird. Ähnliches

gilt für die Alpenpässe. Es gibt auch Vögel, die den größten Teil

der Reise in breiter Front zurücklegen und erst bei der Überwindung

oder Umgehung von Hochgebirgszügen, Wüsten und Meeren aus praktischen

Gründen zu besonderen Zugstraßen sich bequemen. Gerade unseren

europäischen Zugvögeln legt sich ja in Gestalt von Pyrenäen, Alpen,

Balkan und Kaukasus ein mächtiger und nicht leicht zu bezwingender

Querriegel zur Zugrichtung vor, der sich weiterhin durch das Mittelmeer

und durch den afrikanischen Wüstengürtel in anderer Form wiederholt.

Für solche Arten, die derartige Hindernisse nicht zu überfliegen wagen,

sondern sie vorsichtig auf Umwegen umgehen, wird dadurch die Front

gespalten, und der Zugschatten der Alpen z. B. macht sich dann noch

weithin geltend, bis nach Afrika hinein, und dasselbe gilt von der

Sahara. Um einen richtigen Begriff vom Überfliegen des Mittelmeeres

zu bekommen, muß man sich vergegenwärtigen, daß die Vögel im Pliozän

und Diluvium keineswegs über ein offenes Meer zu ziehen brauchten,

sondern ständig über festem Land bleiben konnten, da ja damals das

Mittelmeer noch kein zusammenhängendes, mit den übrigen Ozeanen

in Verbindung stehendes Wasserbecken bildete, sondern zwei große

getrennte Binnenseen. Als dann die heutigen Verhältnisse eintraten,

war die Kenntnis dieses bequemen Weges schon so fest vererbt, daß die

Vögel zähe daran festhielten, woraus sich die heutigen Zugstraßen

ergaben. Aber der Zugschatten der Alpen bewirkt es, daß der Übergang

Sizilien-Malta-Tripolis oder Sardinien-Tunis ungleich weniger beflogen

wird, als die Meerenge von Gibraltar oder das Nildelta, zumal hinter

Tunis und Tripolis gleich die große Sandwüste sich breit macht.

In Tunis erscheinen eigentlich nur Singdrosseln, Turteltauben und

Wachteln in großer Menge, und diese bleiben wohl größtenteils schon in

Nordafrika. Dagegen wimmelt Ägypten im Herbst und Winter von Gästen

oder Durchzüglern aus der Vogelwelt, da ja der Nil den bequemsten

Zugang nach Innerafrika bildet. Doch bemerken wir bald, daß nur Vögel

aus der östlichen Hälfte Europas im Pharaonenlande sich einstellen,

z. B. nur Sprosser und keine Nachtigallen, nur die Rotsternigen

Blaukehlchen aus Schweden, aber nicht die aus Norwegen, nur die

östlichen Arten und Rassen der Rohrsänger, nicht die westlichen.

Ebenso zieht der große Rauhfußbussard aus dem Ural im Winter nach der

Dobrudscha und nicht etwa durch Mitteleuropa gen Südwesten. Umgekehrt

treffen wir in Marokko ausschließlich westeuropäische Arten und Rassen,

also echte Nachtigallen, norwegische Blaukehlchen, Binsenrohrsänger,

englische und französische Formen. Die Rassenkunde hat uns hier

ein unschätzbares und sicheres Hilfsmittel für die Erforschung des

Vogelzuges und besonders der Zugstraßen an die Hand gegeben. Die

Grenzscheide zwischen den nach Südwesten und den nach Südosten

ausweichenden Zugvögeln verläuft bei vielen Arten etwa im Stromtal der

Elbe oder der Weser, bei anderen in dem der Oder oder erst in dem der

Weichsel, geht also mitten durch Deutschland hindurch.

[Illustration: +Zugstraßen+ nach Palmén

~A~, ~Aa~ Glacial-litorale Straßen, ziehen von Ost nach West entlang

der Polareis-Barriere. ~B~, ~G~ Marino-litorale Straßen, folgen den

Küsten der großen und kleinen Meere.]

[Illustration: ~C~, ~Ca~ Rhein-Rhone-Straße. ~D~, ~Da~ Ural-Kaspische

Straße. ~E~ Submarino-litorale Straßen, streben von Meer zu Meer, auch

wenn es nur ein großer Binnensee ist wie das Kaspische Meer. So führt

eine große Zugstraße vom Tajmyrland (Sibirien) entlang dem Ob und der

Wolga zum Don, Schwarzen Meer, Bosporus, Mittelmeer und nach Ägypten]

Besonders klar konnten diese Verhältnisse beim Hausstorch aufgedeckt

werden, denn schon Wüstneis prächtige Beobachtungen haben deutlich

und zweifellos nachgewiesen, daß die westdeutschen Störche auf der

Rhein- und Rhonestraße an der spanischen Küste nach der Meerenge von

Gibraltar ziehen, also eine ausgesprochene südwestliche Richtung

einschlagen, die ostdeutschen dagegen eine südöstliche oder noch

weiter ostwärts eine fast rein südliche. In vollster Übereinstimmung

hiermit sah ich große Storchenzüge im schlesischen Odertale, in der

March-Beczwa-Oder-Furche, in der Ungarischen Tiefebene, im östlichen

Rumänien und Bulgarien und wahre Unmassen von Adebars in Kleinasien,

besonders in Zilizien und in Syrien. Daß der rotbestrumpfte Langbein

in den Nilländern ein sehr häufiger Gast ist, davon singen und sagen

ja schon unsere alten Kinderlieder, und daß das Hauptwinterquartier

erst im südafrikanischen Steppengebiete sich befindet, wußten wir

durch die dortigen Forscher auch schon längst. Der Beringungsversuch

hat dann diese große Zugstraße bestätigt und einige noch vorhandene

Lücken ausgefüllt, namentlich diejenige zwischen dem Nilquellengebiet

und Südafrika. Viel weniger gut sind wir über den weiteren Verlauf

der südwestlichen Zugstraße über Gibraltar hinaus unterrichtet. Ich

konnte sie zwar durch eigene Beobachtungen längs der Westküste Marokkos

bis etwa zum 30. Breitengrade verlängern, aber dann klafft eine große

Lücke bis zum Tschadsee, und wie diese überwunden wird, insbesondere

die dazwischenliegenden Wüstenstrecken, darüber könnte man höchstens

vage Vermutungen aussprechen, die vorläufig noch jeder tatsächlichen

Grundlage entbehren.

[Illustration: +Frühlingszug durch die schweizerischen Alpen+

nach G. v. Burg, aus „Mitteilungen über die Vogelwelt“, Jahrgang

1923/25]

Vögel auf der Reise · 第 5 / 7 段