Nicht selten kommt es vor, daß im Frühjahr schon eingetroffene

Zugvögel oder die gerade durchziehenden Arten von einem Wettersturz

überrascht und womöglich noch in alle Unbilden eines Nachwinters

verwickelt werden. Was tun sie dann, um dieser Not zu entgehen? Auch

diese Frage läßt sich so im allgemeinen nicht beantworten, und sichere

Beobachtungen liegen überhaupt nur wenige vor. Der Laie wird sich ohne

weiteres sagen: nun, die Vögel können ja gut fliegen, sie werden sich

also einfach, wenn die Sache zu ungemütlich wird, wieder der Kraft

ihrer Schwingen anvertrauen und wieder ein Stück südwärts ziehen, wo

sie bessere Verhältnisse vorfinden, um hier abzuwarten, bis sich auch

in ihrer Brutheimat die Wetterlage wieder günstiger gestaltet hat. Das

ist nun aber keineswegs der Fall; im Gegenteil sind solche +Rückzüge+

verhältnismäßig selten. Am häufigsten werden sie noch bei Schwalben

beobachtet, namentlich bei den zuerst eintreffenden Rauchschwalben, die

bei einem Wettersturz oft plötzlich wieder verschwunden sind, um erst

nach Wochen wiederzukehren, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt,

als anzunehmen, daß sie sich vor dem schlechten Wetter wieder nach

Süden geflüchtet haben. Einen großartigen Rückzug in allen Einzelheiten

konnte ich Ende März 1922 im Welzheimer Wald (Württemberg) beobachten,

und diese Beobachtung vermittelte so nachhaltige Eindrücke, daß ich

hier etwas näher darauf eingehen möchte. Mitte März gab es dort bis

zum 18. einige schöne und sonnige, wenn auch kalte Tage. Aber dann

setzte ein wahrer Hexensabbat ein. Mehrere Tage hindurch tobte ein

abscheuliches Schlackwetter, das am 23. in dichten Schneefall überging.

Dem Auge bot sich eine vollständige Winterlandschaft, ebenso am 24.,

wodurch die schon eingetroffenen Vögel in die größte Not gerieten.

Diese steigerte sich zur Katastrophe, als am 25. früh zu allem Ungemach

auch noch starkes Glatteis einsetzte. Es war ein großes Glück, daß

die nächste Nacht wieder Tauwetter brachte, denn sonst wäre von den

Beständen gewisser Vogelarten wohl nur wenig übrig geblieben. Übel

mitgespielt wurden namentlich denjenigen Arten, die ihre Nahrung auf

dem Boden zu suchen gewohnt sind, also Finken, Lerchen, Piepern,

Bachstelzen, Rotkehlchen, Drosseln usw., während diejenigen, die, wie

Meisen, ihre Nahrung in den Baumwipfeln suchen, viel besser daran

waren, ebenso die Gimpel, die an den schwellenden Obstknospen genügend

Nahrung fanden. Wie bös das Unwetter in der Vogelwelt gehaust hat,

möge der Umstand beweisen, daß ich allein auf der kaum drei Gehminuten

langen Strecke vom Bahnhof bis zum Wirtshaus im nahen Schlechtbach

am 25. bei einer einzigen Begehung und ohne sonderlich zu suchen,

tot aufgefunden habe: 7 Buchfinken, 2 Bergfinken, 7 Rotkehlchen, 1

Zilpzalp, 1 Feldlerche, 1 Heidelerche, 5 Bachstelzen, 1 Baumpieper

und 8 Singdrosseln. Meine Sekretärin hatte in diesen Tagen alle Hände

voll zu tun mit dem Abbalgen der aufgesammelten Vögel, obgleich nur

die allerschönsten zum Präparieren bestimmt wurden. Ein wahrhaft

herzzerreißender Anblick bot sich mir, als ich am Nachmittag des 24.

März von Rudersberg nach dem nur 10 Minuten entfernten Oberndorf ging.

Zu seiten der Fahrstraße ziehen sich hier kleine Abzugsgräben hin, und

in diesen wimmelte es buchstäblich von halbverhungerten Vögeln. Auf

Schritt und Tritt scheuchte man sie auf, wobei die noch kräftigeren auf

den nächsten Baum flatterten, die schwächeren aber gleichgültig sitzen

blieben und sich fast mit Händen greifen ließen. Hauptsächlich handelte

es sich um Stare, Drosseln, Rotkehlchen, Goldammern und Bergfinken,

aber auch einige Heckenbraunellen waren dazwischen. Es war ein wahrer

Jammer! Natürlich hatten die Hauskatzen und die zahlreichen Fixköter

gute Zeit und schwelgten in Mordlust und Vogelbraten, und auch die

Krähen fanden einen gedeckten Tisch. Bedenkt man, daß doch nur ein

ganz geringer Prozentsatz der umgekommenen Vögel auch aufgefunden und

von diesen wiederum nur ein geringer Teil mir eingeliefert wurde, so

müssen die Verheerungen, die dieser verhängnisvolle Wettersturz dem

Bestand bestimmter Arten zugefügt hat, als ganz entsetzlich bezeichnet

werden, was namentlich von den lieblichen Rotkehlchen und Bachstelzen

gilt. Sehr arg mitgenommen wurden die Buchfinken: stellenweise lag ein

Dutzend Leichen beisammen, und alle hatten Kropf und Magen völlig leer

bei stark abgemagertem Körper. Seltsam aber muß es erscheinen, daß

ebenso stark auch die Bergfinken litten, die man als ausgesprochene

Nordländer eigentlich für härter hätte halten sollen. Den ganzen

Winter über war diese Vogelart nur in mäßiger Zahl vertreten gewesen,

aber zur Zeit der Wetterkatastrophe war sie plötzlich in Unmassen

da. Allem Anschein nach ist ein riesiges Bergfinkenheer durch das

westliche Deutschland auf der Rückkehr nach seiner nordischen Heimat

begriffen gewesen, als es von dem Unwetter überrascht wurde und sich

unter dessen grausamem Druck in eine Anzahl kleinerer, aber noch immer

sehr vielköpfiger Abteilungen zersplitterte. Hiermit stimmen auch die

mir zugegangenen Meldungen aus anderen Teilen des Landes gut überein.

Als Tauwetter eintrat, zogen die Trümmer des Bergfinkenheeres sofort

weiter, nur Versprengte und Nachzügler blieben zurück. Noch weit über

unser Neckarland hinaus hat sich die gleiche Erscheinung geltend

gemacht, wie mir z. B. aus Westfalen berichtet wurde. — Ähnlich wie

bei den Finken verhielt es sich bei den Drosseln, indem auch hier eine

nordische Art, nämlich die Weindrossel, eine fast ebenso umfangreiche

Verlustliste aufzuweisen hatte wie die Singdrossel. Diese Vögel

bekunden merkwürdigerweise wenig Widerstandsfähigkeit. Seltener wurden

Feld- und Heidelerchen aufgefunden, und Rauchschwalben, Wendehälse und

Hausrotschwänzchen sowie Laubsänger waren während des Wettersturzes

plötzlich verschwunden, haben also offenbar einen Rückzug angetreten.

Schon am 22. März sah ich große Vogelscharen, anscheinend hauptsächlich

Feldlerchen, das Wieslauftal abwärts nach Süden ziehen, um bei

Schorndorf das Remstal zu erreichen und durch dieses dann den Anschluß

an das Neckartal zu gewinnen. Es war, als hätten diese flüchtenden

Vögel eine Vorahnung von dem am nächsten Tage einsetzenden Schneesturm.

Vom Neckartal strebten sie nach dem Bodenseegebiet, und wunderbar paßt

hierzu ein Bericht meines damaligen Assistenten, Herrn Bernhoft-Osa,

den ich zu gleicher Zeit in Langenargen am Bodensee stationiert hatte.

Während die Zugverhältnisse dort im allgemeinen enttäuschten, zog doch

am 22. März ein ununterbrochener Schwarm von Kleinvögeln längs der

Küste, und mitten im Dorf suchten sich nicht nur solche Singvögel,

sondern auch Bekassinen, Kiebitze und Rotschenkel ihre Nahrung. Am 24.

war dieser flüchtende Rückzug beendigt, und man fand viele matte und

umgekommene Vögel. Die Zugrichtung war nach Westen, ging also nach dem

Rheinknie bei Basel, von wo dann längs des Jura die bekannte große

Zugstraße nach dem Rhonetal führt. In großartiger Weise werden diese

Mitteilungen weiter ergänzt durch einen Bericht aus Basel, wo am 24.

März ein Massenrückzug beobachtet wurde, der sich gleichfalls Hals

über Kopf und ausgesprochen fluchtartig vollzog. Die Vogelmengen waren

so groß, wie sie selbst an dem Vogelzugsknotenpunkt Basel bisher nie

beobachtet wurden. Sogar ausgesprochene Nichtwanderer, wie Amseln,

hatten sich der allgemeinen Flucht angeschlossen, woraus wieder einmal

hervorgeht, wie fortreißend das Beispiel in der Vogelwelt wirkt, die

ja sehr auf Nachahmung eingestellt ist. Die sonst gewahrte Zugsordnung

wurde bei der Hast dieser Flucht völlig außer acht gelassen, und

alle eilten stumm dahin, ohne daß die sonst üblichen Lockrufe hörbar

wurden. In langen, oft viele hundert Meter messenden Ketten und in

umfangreichen Wolken, die von einer Unmenge regellos flüchtender

Einzelreisender durchflogen und begleitet waren, enteilten die sonst

so daseinsfrohen Sänger der dem Winter zurückgegebenen Heimat. Ein Zug

folgte ununterbrochen dem andern, und so weit der Blick in die Ferne

reichte, war überall dieses außergewöhnliche und großartige Schauspiel

festzustellen. Unzählige Flüchtlinge werden unterwegs zugrunde

gegangen sein, da sie mit leerem Magen die Reise antreten mußten.

Die Zusammenstellung Welzheimer Wald-Bodensee-Basel deckt nicht nur

in interessanter Weise den Verlauf einer wichtigen südwestdeutschen

Zugstraße auf, sondern sie beweist vor allem schlagend, daß es in der

Tat im Frühjahr unter besonderen Verhältnissen zu großen Rückzügen der

schon eingetroffenen Zugvögel kommen kann, eine Tatsache, die bisher

von manchen Vogelforschern lebhaft bestritten wurde. Zugleich sehen

wir, daß solche Rückzüge einen wesentlich anderen Charakter tragen als

die regelrechten Wanderungen.

[Illustration: +Massen-Vogelzug+ — eine seltene photographische

Aufnahme]

Warum vertrauten sich nun aber nicht auch die Buchfinken, die Mehrzahl

der Rotkehlchen usw. der Kraft ihrer Schwingen an, sondern harrten

lieber aus, um teilweise elend zu verhungern? Diese Frage ist schwer zu

beantworten, aber vielleicht kommt man der Lösung des Rätsels näher,

wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich bei den ausharrenden Arten

um solche handelt, die zu den frühesten Ankömmlingen zählen und deren

Zugzeit schon beendigt, deren Zuginstinkt also bereits im Erlöschen

begriffen war, bei den zurückziehenden dagegen um solche, die eben erst

eingetroffen waren oder noch weiter ziehen wollten, die also noch von

lebhaftem Zugtrieb besessen waren und bei denen die Wetterkatastrophe

mitten in die gewohnte Zugzeit hineinfiel. Daß Bergfinken und

Weindrosseln zwar nicht weiter nach Norden zogen, aber auch nicht nach

Süden, sondern bei der Raststation dem Winter trotzen wollten, ist

wohl auf ihren besonders lebhaften Drang nach Norden zu den noch weit

entfernten heimischen Brutgefilden zurückzuführen.

Nicht nur die Launen des Wetters und die Grausamkeit der Natur bedrohen

den Vogel auf seiner weiten Reise mit unzähligen +Gefahren+, sondern

vor allem auch der Erzfeind alles Tierlebens, der unersättliche

Mensch. Auf Schritt und Tritt umlauert die gefiederten Reisenden der

Tod, auf jeder Haltestelle erwartet sie dräuendes Verderben. Schon in

Mitteleuropa locken stellenweise noch immer die verführerischen roten

Ebereschenbeeren neben den tückischen Roßhaarschlingen, kracht die

Schrotspritze des Jägers an der von Ebereschen eingerahmten Landstraße,

denen man absichtlich ihren Beerenschmuck noch beließ, sind die Disteln

auf den kahl gewordenen Feldflächen mit Leimruten besteckt, geraten

die Tauchenten an der Küste und auf Seen in die unter dem Wasser

errichteten Netze der Fischer, macht der Auchjäger rücksichtslos Dampf

auf alles, was groß oder auffallend oder schön oder ungewöhnlich oder

auch nur überhaupt ihm fremd ist. Jenseits der Alpenkette sitzt an den

beflogensten Paßstraßen der mordgierige Italiener neben seinem übel

berüchtigten Vogelherd, dessen Netze gleich Dutzende von Vögeln auf

einmal decken, werden die fröhlichen Sänger korbweise in gerupftem

Zustand zu Markt gebracht. In allen Mittelmeerländern, die ja so arm

sind an Wald und Wild, ist die Vogeljagd der beliebteste Sport, und

an allen Ecken und Enden, wo überhaupt nur ein armseliges Vögelchen

sich blicken läßt, knattern die Flinten. An den Küsten von Neapel,

Sizilien, Dalmatien, Südfrankreich, Spanien, Nordafrika und Syrien

steigert sich dies Gewehrfeuer namentlich beim Eintreffen der großen

Wachtel-, Schnepfen-, Lerchen- und Turteltaubenzüge derart, daß man

glaubt, einem lebhaften Gefecht beizuwohnen, und sogar weit ins Meer

hinaus fahren zahllose Boote, angefüllt mit schießlustigen Jägern,

den armen Wanderern entgegen. Am Strande selbst sind auf viele Meilen

lange Strecken hin große Doppelnetze ausgespannt, in denen sich die

ermüdeten Vögel verfangen, und was auch hier noch durchkam, wird von

der hoffnungsvollen Jugend mit sicher gezielten Steinwürfen und rohen

Knüppelhieben zur Strecke gebracht. Die afrikanischen Winterquartiere

selbst bergen neue Gefahren in Gestalt unbekannter Raubtiere und

Schlangen, und der Pfeil des Buschmanns oder Negers bringt manchem

größeren Vogel den Tod. Wohl locken Massen von hüpfenden Heuschrecken

zu leckerem Schmause, aber diese Mahlzeit ist oft zugleich die letzte,

denn sie birgt qualvollen Tod, wenn die Heuschreckenschwärme vom

Menschen mit Arsenik vergiftet wurden, wie es jetzt zur wirksamen

Bekämpfung der Heuschreckenplagen fast überall geschieht. In den

Kulturländern verunglücken unzählige Wandervögel an den die ganze

Landschaft überspinnenden Telegraphendrähten oder rennen sich an den

Scheiben der verwirrend durch die finstere Nacht blitzenden Leuchttürme

den Schädel ein. Wahrlich, vergegenwärtigt man sich das alles, so kann

man sich eigentlich nur darüber wundern, daß überhaupt noch so viele

Vögel im Frühjahr in die alte Brutheimat zurückkehren.

Über +Höhe+ und Schnelligkeit +des Vogelzuges+ hat man sich früher

sehr übertriebenen Vorstellungen hingegeben. Astronomen wollen bei

Fernrohrbeobachtungen vor der Sonnenscheibe oder vor dem Monde ziehende

Vögel gesehen haben, die sich mindestens in einer Entfernung von

einer geographischen Meile von der Erdoberfläche befanden. Ich halte

alle solche Beobachtungen aus den gleich zu entwickelnden Gründen für

optische oder sonstige Selbsttäuschungen. Namentlich hat Gätke mit

großem Nachdruck die Meinung verfochten, daß der eigentliche Vogelzug

sich in unermeßlichen Lufthöhen vollziehe, so daß wir Menschen fast

nichts von ihm gewahr werden. Hier ist die Einbildungskraft des

Künstlers (Gätke war von Beruf Maler) offenbar mit der nüchternen

Beobachtungsgabe des Naturforschers durchgegangen. Seine Schilderungen

von dem in Höhen von 10–12000 Meter sich mit rasender Geschwindigkeit

vollziehenden Vogelzug lesen sich in ihrer dichterischen Verklärung

wunderschön, aber der Wahrheit entsprechen sie nicht. Wenn wir uns

vergegenwärtigen, welch dünne Luft und welch eisige Kälte in solchen

Höhen herrschen, dann werden wir von vornherein sehr daran zweifeln,

daß selbst die fluggewandtesten Vögel unter solchen Umständen die

gewaltige Arbeit des Wanderfluges leisten können. Als Paradestück

wird ja immer der Kondor angeführt, den Alexander v. Humboldt hoch

über dem Gipfel des Chimborasso kreisen sah, aber dabei vergißt man

eben, daß der Kondor ein ausgesprochener Hochgebirgsvogel und den

Verhältnissen in den höheren Luftschichten besonders angepaßt ist.

In neuerer Zeit hat das Experiment ziemliche Klarheit in diese Frage

gebracht. So hat der französische Physiologe Paul Bert Vögel unter die

Luftpumpe gesetzt, um zu sehen, inwieweit sie sich der Verminderung

des Luftdruckes, wie sie in großer Höhe zutage tritt, anzupassen

verstehen bzw. ihr gewachsen sind. Es stellte sich heraus, daß z. B.

Sperlinge bei einem Luftdruck von 388 Millimeter, der einer Höhe von

5000 Meter entspricht, bereits Erbrechen bekamen. Bei 7500 Meter waren

sie sehr matt und bei 9800 Meter, d. i. 203 Millimeter Luftdruck,

lagen sie im Sterben. Bei Lachmöwen setzte das Erbrechen ein bei 348

Millimeter Luftdruck = 5800 Meter. Bei 6450 Meter wurden die Möwen

bereits taumelig, bei 9800 Meter schlossen sie erschöpft die Augen,

und bei 10400 Meter waren sie dem Tode nahe. Sogar ein Turmfalke, also

einer der gewandtesten Flieger, erbrach bei einem Luftdruck, der einer

Höhe von 7500 Meter entsprach, war bei 9800 Meter völlig erschöpft und

wäre bei 10800 Meter verendet, wenn nicht die Luftpumpe im letzten

Augenblick wieder geöffnet worden wäre. Der Versuch zeigt auch, daß das

Verhalten verschiedener Vogelarten gegenüber vermindertem Luftdruck

nicht allzu abweichend ist, und daß eine Höhe von mehr als 10000 Meter

von keinem Vogel erreicht werden kann. Schon eine Höhe von 5–7000 Meter

ruft Störungen im Befinden der Vögel hervor. — Nun kommt aber zu der

Luftverdünnung in großer Höhe noch eine sehr rasche Temperaturabnahme

hinzu, und auch diese wurde von Bert in ihrer Einwirkung auf den Vogel

durch Versuche nachgeprüft. Es zeigte sich, daß die Temperaturabnahme

die Widerstandsfähigkeit des Vogels gegen verminderten Luftdruck

stark herabsetzt. Das ließ sich schon bei einem Temperaturunterschied

von plus 6,5 und minus 4 Grad Celsius nachweisen, und wenn wir nun

bedenken, daß über Europa in 3000 Meter Höhe eine Mitteltemperatur

von minus 7 Grad herrscht, bei 4000 Meter eine solche von minus 13

Grad und bei 5000 Meter gar von minus 18 Grad, so kann man sich leicht

vorstellen, wie ungemütlich dem Vogel in solcher Höhe zumute sein

muß. Dazu kommt als weiteres erschwerendes Moment die Arbeitsleistung

des Vogels während des Fluges. Von Fliegern und Ballonfahrern wissen

wir, daß jede körperliche Anstrengung unter geringem Luftdruck

unmöglich wird: bei 10000 Meter gelingt es kaum noch, die Hand zum

Ventil zu erheben, und die allergrößte Tatkraft ist nötig, um auch

nur die einfachste Bewegung auszuführen. Wie soll nun da ein Vogel

in solchen Höhen seine großen Brustmuskeln beim Fluge in ständiger

anstrengender Tätigkeit erhalten können? Die Vögel sind also keineswegs

die unbeschränkten freien Segler der Lüfte und Beherrscher des freien

Raumes, wie sie sich unsere Einbildungskraft gerne vorstellt. Ein

Vogelzug in so hohen Lagen, wie Gätke sie angab, ist schon aus rein

physischen Gründen unmöglich.

Gätke hat aber auch bei seinen Entfernungsschätzungen fliegender Vögel

aus mangelnder Schulung sehr stark geirrt, wenn er z. B. einen noch als

winziges Staubkörnchen über Helgoland sichtbaren Sperber in 3000 Meter

Höhe fliegen läßt oder einen als Punkt im Wolkenmeer verschwimmenden

Mäusebussard auf 3600 Meter, Kraniche unter gleicher Bedingung gar

auf 4500–6000 Meter. Hier hat F. v. Lucanus, der als Offizier selbst

viele Ballonfahrten mitgemacht hat, gleichfalls durch unanfechtbare

Versuche die Unhaltbarkeit der Gätkeschen Ansicht bewiesen. Lucanus

verfuhr so, daß er in fliegender Stellung ausgestopfte Vögel von

einem Ballon mit hochnehmen ließ, wobei die Vögel an einer 10 Meter

langen Schnur unter dem Ballon aufgehängt wurden. Auf dem Erdboden

stand ein scharfsichtiger Beobachter und gab an, wenn die Flugbilder

der einzelnen Vögel gerade noch als solche sichtbar waren, wenn sie

nur noch als Punkt erschienen und wenn sie dem Auge vollständig

entschwanden. Der Ballon war mit Einrichtungen versehen, um in diesen

Augenblicken die Höhe genau feststellen zu können. Das Flugbild des

Sperbers war auf diese Weise bei 250 Meter noch deutlich sichtbar,

bei 650 Meter erschien es als Punkt und schon bei 850 Meter war die

Sichtbarkeitsgrenze erreicht, während Gätke beim sichtbaren Sperber

3000 Meter Höhe annahm. Ähnlich verhielt es sich bei der Saatkrähe

(Sichtbarkeitsgrenze 1000 Meter, als Punkt erkennbar 800 Meter, als

Flugbild erkennbar 300 Meter) und bei allen anderen geprüften Vögeln.

Ferner wissen wir aus den Angaben von Ballonfahrern und Fliegern, daß

sie in großer Höhe, insbesondere über der Wolkendecke, so gut wie

niemals Vögel angetroffen haben, sondern stets nur in sehr mäßiger Höhe

unter der Wolkendecke. Auch diese Erscheinung hat Lucanus nachgeprüft,

indem er Vögel von Ballonfahrern möglichst hoch, jedenfalls über die

Wolkendecke, mitnehmen ließ. Dort ließ man sie fliegen, und es zeigte

sich, daß sie zunächst planlos herumirrten und den Ballon aufgeregt

und verschüchtert umflogen. Wenn dann aber ein Loch in die Wolkendecke

gerissen wurde, so daß unter ihr die Erdoberfläche zum Vorschein kam,

dann stürzten sich die Vögel sofort durch dieses Wolkenloch erdabwärts,

wo sie die Umgebung sehen konnten. Da die Vögel oder wenigstens die

Tagwanderer auf ihrem Zug hauptsächlich vom Gesicht geleitet werden,

so liegt es ja auf der Hand, daß sie die Erdoberfläche möglichst gut

überschauen wollen, daß es also für sie nicht den geringsten Vorteil

hätte, sondern nur von großem Nachteil wäre, wenn sie die Wolkendecke

übersteigen und sich dadurch jeder Aussicht nach unten berauben würden.

Im großen und ganzen wird man sagen dürfen, daß ziehende Vögel eine

Höhe von 1000 Meter nur selten überschreiten, und daß die Höchstgrenze

schon bei 2000 Meter liegt. Gewöhnlich vollzieht sich der Zug in einer

Höhe von nur wenigen hundert Metern, und ganz besonders niedrig, sogar

unter 100 Meter und selbst auf Schrotschußentfernung geht er bei

trübem, verschleiertem und diesigem Wetter herab, weil dieses das Sehen

auf größere Entfernung behindert und der Vogel das Landschaftsbild

unbedingt überblicken will und muß. Die über die Kurische Nehrung

ziehenden Vögel fliegen dann das Dünen- und Kupsengelände mit all

seinen Hebungen und Senkungen ganz gewissenhaft aus. Senken sich die

Wolken tiefer, so geht auch der Vogelzug sofort weiter zur Erde herab,

wie ich dies unzähligemal beobachten konnte. Am höchsten fliegen die

Vögel jedenfalls bei wolkenlosem und klarem Wetter, namentlich wenn

dabei in den höheren Luftschichten eine für sie günstige Windrichtung

herrscht. Treffend sagt Lucanus: „Nicht in unermeßlichen Höhen, wo

Sauerstoffmangel, niedriger Luftdruck, gewaltige Windstärke und eisige

Kälte jedem Lebewesen den Aufenthalt unmöglich machen, liegen die

Zugwege der Vögel, sondern unweit der Erde, an welche die Vögel trotz

ihres Flugvermögens ebenso gefesselt sind, wie alle anderen Lebewesen.“

Vögel auf der Reise · 第 4 / 7 段