Zugvögel oder die gerade durchziehenden Arten von einem Wettersturz
überrascht und womöglich noch in alle Unbilden eines Nachwinters
verwickelt werden. Was tun sie dann, um dieser Not zu entgehen? Auch
diese Frage läßt sich so im allgemeinen nicht beantworten, und sichere
Beobachtungen liegen überhaupt nur wenige vor. Der Laie wird sich ohne
weiteres sagen: nun, die Vögel können ja gut fliegen, sie werden sich
also einfach, wenn die Sache zu ungemütlich wird, wieder der Kraft
ihrer Schwingen anvertrauen und wieder ein Stück südwärts ziehen, wo
sie bessere Verhältnisse vorfinden, um hier abzuwarten, bis sich auch
in ihrer Brutheimat die Wetterlage wieder günstiger gestaltet hat. Das
ist nun aber keineswegs der Fall; im Gegenteil sind solche +Rückzüge+
verhältnismäßig selten. Am häufigsten werden sie noch bei Schwalben
beobachtet, namentlich bei den zuerst eintreffenden Rauchschwalben, die
bei einem Wettersturz oft plötzlich wieder verschwunden sind, um erst
nach Wochen wiederzukehren, so daß kaum etwas anderes übrig bleibt,
als anzunehmen, daß sie sich vor dem schlechten Wetter wieder nach
Süden geflüchtet haben. Einen großartigen Rückzug in allen Einzelheiten
konnte ich Ende März 1922 im Welzheimer Wald (Württemberg) beobachten,
und diese Beobachtung vermittelte so nachhaltige Eindrücke, daß ich
hier etwas näher darauf eingehen möchte. Mitte März gab es dort bis
zum 18. einige schöne und sonnige, wenn auch kalte Tage. Aber dann
setzte ein wahrer Hexensabbat ein. Mehrere Tage hindurch tobte ein
abscheuliches Schlackwetter, das am 23. in dichten Schneefall überging.
Dem Auge bot sich eine vollständige Winterlandschaft, ebenso am 24.,
wodurch die schon eingetroffenen Vögel in die größte Not gerieten.
Diese steigerte sich zur Katastrophe, als am 25. früh zu allem Ungemach
auch noch starkes Glatteis einsetzte. Es war ein großes Glück, daß
die nächste Nacht wieder Tauwetter brachte, denn sonst wäre von den
Beständen gewisser Vogelarten wohl nur wenig übrig geblieben. Übel
mitgespielt wurden namentlich denjenigen Arten, die ihre Nahrung auf
dem Boden zu suchen gewohnt sind, also Finken, Lerchen, Piepern,
Bachstelzen, Rotkehlchen, Drosseln usw., während diejenigen, die, wie
Meisen, ihre Nahrung in den Baumwipfeln suchen, viel besser daran
waren, ebenso die Gimpel, die an den schwellenden Obstknospen genügend
Nahrung fanden. Wie bös das Unwetter in der Vogelwelt gehaust hat,
möge der Umstand beweisen, daß ich allein auf der kaum drei Gehminuten
langen Strecke vom Bahnhof bis zum Wirtshaus im nahen Schlechtbach
am 25. bei einer einzigen Begehung und ohne sonderlich zu suchen,
tot aufgefunden habe: 7 Buchfinken, 2 Bergfinken, 7 Rotkehlchen, 1
Zilpzalp, 1 Feldlerche, 1 Heidelerche, 5 Bachstelzen, 1 Baumpieper
und 8 Singdrosseln. Meine Sekretärin hatte in diesen Tagen alle Hände
voll zu tun mit dem Abbalgen der aufgesammelten Vögel, obgleich nur
die allerschönsten zum Präparieren bestimmt wurden. Ein wahrhaft
herzzerreißender Anblick bot sich mir, als ich am Nachmittag des 24.
März von Rudersberg nach dem nur 10 Minuten entfernten Oberndorf ging.
Zu seiten der Fahrstraße ziehen sich hier kleine Abzugsgräben hin, und
in diesen wimmelte es buchstäblich von halbverhungerten Vögeln. Auf
Schritt und Tritt scheuchte man sie auf, wobei die noch kräftigeren auf
den nächsten Baum flatterten, die schwächeren aber gleichgültig sitzen
blieben und sich fast mit Händen greifen ließen. Hauptsächlich handelte
es sich um Stare, Drosseln, Rotkehlchen, Goldammern und Bergfinken,
aber auch einige Heckenbraunellen waren dazwischen. Es war ein wahrer
Jammer! Natürlich hatten die Hauskatzen und die zahlreichen Fixköter
gute Zeit und schwelgten in Mordlust und Vogelbraten, und auch die
Krähen fanden einen gedeckten Tisch. Bedenkt man, daß doch nur ein
ganz geringer Prozentsatz der umgekommenen Vögel auch aufgefunden und
von diesen wiederum nur ein geringer Teil mir eingeliefert wurde, so
müssen die Verheerungen, die dieser verhängnisvolle Wettersturz dem
Bestand bestimmter Arten zugefügt hat, als ganz entsetzlich bezeichnet
werden, was namentlich von den lieblichen Rotkehlchen und Bachstelzen
gilt. Sehr arg mitgenommen wurden die Buchfinken: stellenweise lag ein
Dutzend Leichen beisammen, und alle hatten Kropf und Magen völlig leer
bei stark abgemagertem Körper. Seltsam aber muß es erscheinen, daß
ebenso stark auch die Bergfinken litten, die man als ausgesprochene
Nordländer eigentlich für härter hätte halten sollen. Den ganzen
Winter über war diese Vogelart nur in mäßiger Zahl vertreten gewesen,
aber zur Zeit der Wetterkatastrophe war sie plötzlich in Unmassen
da. Allem Anschein nach ist ein riesiges Bergfinkenheer durch das
westliche Deutschland auf der Rückkehr nach seiner nordischen Heimat
begriffen gewesen, als es von dem Unwetter überrascht wurde und sich
unter dessen grausamem Druck in eine Anzahl kleinerer, aber noch immer
sehr vielköpfiger Abteilungen zersplitterte. Hiermit stimmen auch die
mir zugegangenen Meldungen aus anderen Teilen des Landes gut überein.
Als Tauwetter eintrat, zogen die Trümmer des Bergfinkenheeres sofort
weiter, nur Versprengte und Nachzügler blieben zurück. Noch weit über
unser Neckarland hinaus hat sich die gleiche Erscheinung geltend
gemacht, wie mir z. B. aus Westfalen berichtet wurde. — Ähnlich wie
bei den Finken verhielt es sich bei den Drosseln, indem auch hier eine
nordische Art, nämlich die Weindrossel, eine fast ebenso umfangreiche
Verlustliste aufzuweisen hatte wie die Singdrossel. Diese Vögel
bekunden merkwürdigerweise wenig Widerstandsfähigkeit. Seltener wurden
Feld- und Heidelerchen aufgefunden, und Rauchschwalben, Wendehälse und
Hausrotschwänzchen sowie Laubsänger waren während des Wettersturzes
plötzlich verschwunden, haben also offenbar einen Rückzug angetreten.
Schon am 22. März sah ich große Vogelscharen, anscheinend hauptsächlich
Feldlerchen, das Wieslauftal abwärts nach Süden ziehen, um bei
Schorndorf das Remstal zu erreichen und durch dieses dann den Anschluß
an das Neckartal zu gewinnen. Es war, als hätten diese flüchtenden
Vögel eine Vorahnung von dem am nächsten Tage einsetzenden Schneesturm.
Vom Neckartal strebten sie nach dem Bodenseegebiet, und wunderbar paßt
hierzu ein Bericht meines damaligen Assistenten, Herrn Bernhoft-Osa,
den ich zu gleicher Zeit in Langenargen am Bodensee stationiert hatte.
Während die Zugverhältnisse dort im allgemeinen enttäuschten, zog doch
am 22. März ein ununterbrochener Schwarm von Kleinvögeln längs der
Küste, und mitten im Dorf suchten sich nicht nur solche Singvögel,
sondern auch Bekassinen, Kiebitze und Rotschenkel ihre Nahrung. Am 24.
war dieser flüchtende Rückzug beendigt, und man fand viele matte und
umgekommene Vögel. Die Zugrichtung war nach Westen, ging also nach dem
Rheinknie bei Basel, von wo dann längs des Jura die bekannte große
Zugstraße nach dem Rhonetal führt. In großartiger Weise werden diese
Mitteilungen weiter ergänzt durch einen Bericht aus Basel, wo am 24.
März ein Massenrückzug beobachtet wurde, der sich gleichfalls Hals
über Kopf und ausgesprochen fluchtartig vollzog. Die Vogelmengen waren
so groß, wie sie selbst an dem Vogelzugsknotenpunkt Basel bisher nie
beobachtet wurden. Sogar ausgesprochene Nichtwanderer, wie Amseln,
hatten sich der allgemeinen Flucht angeschlossen, woraus wieder einmal
hervorgeht, wie fortreißend das Beispiel in der Vogelwelt wirkt, die
ja sehr auf Nachahmung eingestellt ist. Die sonst gewahrte Zugsordnung
wurde bei der Hast dieser Flucht völlig außer acht gelassen, und
alle eilten stumm dahin, ohne daß die sonst üblichen Lockrufe hörbar
wurden. In langen, oft viele hundert Meter messenden Ketten und in
umfangreichen Wolken, die von einer Unmenge regellos flüchtender
Einzelreisender durchflogen und begleitet waren, enteilten die sonst
so daseinsfrohen Sänger der dem Winter zurückgegebenen Heimat. Ein Zug
folgte ununterbrochen dem andern, und so weit der Blick in die Ferne
reichte, war überall dieses außergewöhnliche und großartige Schauspiel
festzustellen. Unzählige Flüchtlinge werden unterwegs zugrunde
gegangen sein, da sie mit leerem Magen die Reise antreten mußten.
Die Zusammenstellung Welzheimer Wald-Bodensee-Basel deckt nicht nur
in interessanter Weise den Verlauf einer wichtigen südwestdeutschen
Zugstraße auf, sondern sie beweist vor allem schlagend, daß es in der
Tat im Frühjahr unter besonderen Verhältnissen zu großen Rückzügen der
schon eingetroffenen Zugvögel kommen kann, eine Tatsache, die bisher
von manchen Vogelforschern lebhaft bestritten wurde. Zugleich sehen
wir, daß solche Rückzüge einen wesentlich anderen Charakter tragen als
die regelrechten Wanderungen.
[Illustration: +Massen-Vogelzug+ — eine seltene photographische
Aufnahme]
Warum vertrauten sich nun aber nicht auch die Buchfinken, die Mehrzahl
der Rotkehlchen usw. der Kraft ihrer Schwingen an, sondern harrten
lieber aus, um teilweise elend zu verhungern? Diese Frage ist schwer zu
beantworten, aber vielleicht kommt man der Lösung des Rätsels näher,
wenn man sich vergegenwärtigt, daß es sich bei den ausharrenden Arten
um solche handelt, die zu den frühesten Ankömmlingen zählen und deren
Zugzeit schon beendigt, deren Zuginstinkt also bereits im Erlöschen
begriffen war, bei den zurückziehenden dagegen um solche, die eben erst
eingetroffen waren oder noch weiter ziehen wollten, die also noch von
lebhaftem Zugtrieb besessen waren und bei denen die Wetterkatastrophe
mitten in die gewohnte Zugzeit hineinfiel. Daß Bergfinken und
Weindrosseln zwar nicht weiter nach Norden zogen, aber auch nicht nach
Süden, sondern bei der Raststation dem Winter trotzen wollten, ist
wohl auf ihren besonders lebhaften Drang nach Norden zu den noch weit
entfernten heimischen Brutgefilden zurückzuführen.
Nicht nur die Launen des Wetters und die Grausamkeit der Natur bedrohen
den Vogel auf seiner weiten Reise mit unzähligen +Gefahren+, sondern
vor allem auch der Erzfeind alles Tierlebens, der unersättliche
Mensch. Auf Schritt und Tritt umlauert die gefiederten Reisenden der
Tod, auf jeder Haltestelle erwartet sie dräuendes Verderben. Schon in
Mitteleuropa locken stellenweise noch immer die verführerischen roten
Ebereschenbeeren neben den tückischen Roßhaarschlingen, kracht die
Schrotspritze des Jägers an der von Ebereschen eingerahmten Landstraße,
denen man absichtlich ihren Beerenschmuck noch beließ, sind die Disteln
auf den kahl gewordenen Feldflächen mit Leimruten besteckt, geraten
die Tauchenten an der Küste und auf Seen in die unter dem Wasser
errichteten Netze der Fischer, macht der Auchjäger rücksichtslos Dampf
auf alles, was groß oder auffallend oder schön oder ungewöhnlich oder
auch nur überhaupt ihm fremd ist. Jenseits der Alpenkette sitzt an den
beflogensten Paßstraßen der mordgierige Italiener neben seinem übel
berüchtigten Vogelherd, dessen Netze gleich Dutzende von Vögeln auf
einmal decken, werden die fröhlichen Sänger korbweise in gerupftem
Zustand zu Markt gebracht. In allen Mittelmeerländern, die ja so arm
sind an Wald und Wild, ist die Vogeljagd der beliebteste Sport, und
an allen Ecken und Enden, wo überhaupt nur ein armseliges Vögelchen
sich blicken läßt, knattern die Flinten. An den Küsten von Neapel,
Sizilien, Dalmatien, Südfrankreich, Spanien, Nordafrika und Syrien
steigert sich dies Gewehrfeuer namentlich beim Eintreffen der großen
Wachtel-, Schnepfen-, Lerchen- und Turteltaubenzüge derart, daß man
glaubt, einem lebhaften Gefecht beizuwohnen, und sogar weit ins Meer
hinaus fahren zahllose Boote, angefüllt mit schießlustigen Jägern,
den armen Wanderern entgegen. Am Strande selbst sind auf viele Meilen
lange Strecken hin große Doppelnetze ausgespannt, in denen sich die
ermüdeten Vögel verfangen, und was auch hier noch durchkam, wird von
der hoffnungsvollen Jugend mit sicher gezielten Steinwürfen und rohen
Knüppelhieben zur Strecke gebracht. Die afrikanischen Winterquartiere
selbst bergen neue Gefahren in Gestalt unbekannter Raubtiere und
Schlangen, und der Pfeil des Buschmanns oder Negers bringt manchem
größeren Vogel den Tod. Wohl locken Massen von hüpfenden Heuschrecken
zu leckerem Schmause, aber diese Mahlzeit ist oft zugleich die letzte,
denn sie birgt qualvollen Tod, wenn die Heuschreckenschwärme vom
Menschen mit Arsenik vergiftet wurden, wie es jetzt zur wirksamen
Bekämpfung der Heuschreckenplagen fast überall geschieht. In den
Kulturländern verunglücken unzählige Wandervögel an den die ganze
Landschaft überspinnenden Telegraphendrähten oder rennen sich an den
Scheiben der verwirrend durch die finstere Nacht blitzenden Leuchttürme
den Schädel ein. Wahrlich, vergegenwärtigt man sich das alles, so kann
man sich eigentlich nur darüber wundern, daß überhaupt noch so viele
Vögel im Frühjahr in die alte Brutheimat zurückkehren.
Über +Höhe+ und Schnelligkeit +des Vogelzuges+ hat man sich früher
sehr übertriebenen Vorstellungen hingegeben. Astronomen wollen bei
Fernrohrbeobachtungen vor der Sonnenscheibe oder vor dem Monde ziehende
Vögel gesehen haben, die sich mindestens in einer Entfernung von
einer geographischen Meile von der Erdoberfläche befanden. Ich halte
alle solche Beobachtungen aus den gleich zu entwickelnden Gründen für
optische oder sonstige Selbsttäuschungen. Namentlich hat Gätke mit
großem Nachdruck die Meinung verfochten, daß der eigentliche Vogelzug
sich in unermeßlichen Lufthöhen vollziehe, so daß wir Menschen fast
nichts von ihm gewahr werden. Hier ist die Einbildungskraft des
Künstlers (Gätke war von Beruf Maler) offenbar mit der nüchternen
Beobachtungsgabe des Naturforschers durchgegangen. Seine Schilderungen
von dem in Höhen von 10–12000 Meter sich mit rasender Geschwindigkeit
vollziehenden Vogelzug lesen sich in ihrer dichterischen Verklärung
wunderschön, aber der Wahrheit entsprechen sie nicht. Wenn wir uns
vergegenwärtigen, welch dünne Luft und welch eisige Kälte in solchen
Höhen herrschen, dann werden wir von vornherein sehr daran zweifeln,
daß selbst die fluggewandtesten Vögel unter solchen Umständen die
gewaltige Arbeit des Wanderfluges leisten können. Als Paradestück
wird ja immer der Kondor angeführt, den Alexander v. Humboldt hoch
über dem Gipfel des Chimborasso kreisen sah, aber dabei vergißt man
eben, daß der Kondor ein ausgesprochener Hochgebirgsvogel und den
Verhältnissen in den höheren Luftschichten besonders angepaßt ist.
In neuerer Zeit hat das Experiment ziemliche Klarheit in diese Frage
gebracht. So hat der französische Physiologe Paul Bert Vögel unter die
Luftpumpe gesetzt, um zu sehen, inwieweit sie sich der Verminderung
des Luftdruckes, wie sie in großer Höhe zutage tritt, anzupassen
verstehen bzw. ihr gewachsen sind. Es stellte sich heraus, daß z. B.
Sperlinge bei einem Luftdruck von 388 Millimeter, der einer Höhe von
5000 Meter entspricht, bereits Erbrechen bekamen. Bei 7500 Meter waren
sie sehr matt und bei 9800 Meter, d. i. 203 Millimeter Luftdruck,
lagen sie im Sterben. Bei Lachmöwen setzte das Erbrechen ein bei 348
Millimeter Luftdruck = 5800 Meter. Bei 6450 Meter wurden die Möwen
bereits taumelig, bei 9800 Meter schlossen sie erschöpft die Augen,
und bei 10400 Meter waren sie dem Tode nahe. Sogar ein Turmfalke, also
einer der gewandtesten Flieger, erbrach bei einem Luftdruck, der einer
Höhe von 7500 Meter entsprach, war bei 9800 Meter völlig erschöpft und
wäre bei 10800 Meter verendet, wenn nicht die Luftpumpe im letzten
Augenblick wieder geöffnet worden wäre. Der Versuch zeigt auch, daß das
Verhalten verschiedener Vogelarten gegenüber vermindertem Luftdruck
nicht allzu abweichend ist, und daß eine Höhe von mehr als 10000 Meter
von keinem Vogel erreicht werden kann. Schon eine Höhe von 5–7000 Meter
ruft Störungen im Befinden der Vögel hervor. — Nun kommt aber zu der
Luftverdünnung in großer Höhe noch eine sehr rasche Temperaturabnahme
hinzu, und auch diese wurde von Bert in ihrer Einwirkung auf den Vogel
durch Versuche nachgeprüft. Es zeigte sich, daß die Temperaturabnahme
die Widerstandsfähigkeit des Vogels gegen verminderten Luftdruck
stark herabsetzt. Das ließ sich schon bei einem Temperaturunterschied
von plus 6,5 und minus 4 Grad Celsius nachweisen, und wenn wir nun
bedenken, daß über Europa in 3000 Meter Höhe eine Mitteltemperatur
von minus 7 Grad herrscht, bei 4000 Meter eine solche von minus 13
Grad und bei 5000 Meter gar von minus 18 Grad, so kann man sich leicht
vorstellen, wie ungemütlich dem Vogel in solcher Höhe zumute sein
muß. Dazu kommt als weiteres erschwerendes Moment die Arbeitsleistung
des Vogels während des Fluges. Von Fliegern und Ballonfahrern wissen
wir, daß jede körperliche Anstrengung unter geringem Luftdruck
unmöglich wird: bei 10000 Meter gelingt es kaum noch, die Hand zum
Ventil zu erheben, und die allergrößte Tatkraft ist nötig, um auch
nur die einfachste Bewegung auszuführen. Wie soll nun da ein Vogel
in solchen Höhen seine großen Brustmuskeln beim Fluge in ständiger
anstrengender Tätigkeit erhalten können? Die Vögel sind also keineswegs
die unbeschränkten freien Segler der Lüfte und Beherrscher des freien
Raumes, wie sie sich unsere Einbildungskraft gerne vorstellt. Ein
Vogelzug in so hohen Lagen, wie Gätke sie angab, ist schon aus rein
physischen Gründen unmöglich.
Gätke hat aber auch bei seinen Entfernungsschätzungen fliegender Vögel
aus mangelnder Schulung sehr stark geirrt, wenn er z. B. einen noch als
winziges Staubkörnchen über Helgoland sichtbaren Sperber in 3000 Meter
Höhe fliegen läßt oder einen als Punkt im Wolkenmeer verschwimmenden
Mäusebussard auf 3600 Meter, Kraniche unter gleicher Bedingung gar
auf 4500–6000 Meter. Hier hat F. v. Lucanus, der als Offizier selbst
viele Ballonfahrten mitgemacht hat, gleichfalls durch unanfechtbare
Versuche die Unhaltbarkeit der Gätkeschen Ansicht bewiesen. Lucanus
verfuhr so, daß er in fliegender Stellung ausgestopfte Vögel von
einem Ballon mit hochnehmen ließ, wobei die Vögel an einer 10 Meter
langen Schnur unter dem Ballon aufgehängt wurden. Auf dem Erdboden
stand ein scharfsichtiger Beobachter und gab an, wenn die Flugbilder
der einzelnen Vögel gerade noch als solche sichtbar waren, wenn sie
nur noch als Punkt erschienen und wenn sie dem Auge vollständig
entschwanden. Der Ballon war mit Einrichtungen versehen, um in diesen
Augenblicken die Höhe genau feststellen zu können. Das Flugbild des
Sperbers war auf diese Weise bei 250 Meter noch deutlich sichtbar,
bei 650 Meter erschien es als Punkt und schon bei 850 Meter war die
Sichtbarkeitsgrenze erreicht, während Gätke beim sichtbaren Sperber
3000 Meter Höhe annahm. Ähnlich verhielt es sich bei der Saatkrähe
(Sichtbarkeitsgrenze 1000 Meter, als Punkt erkennbar 800 Meter, als
Flugbild erkennbar 300 Meter) und bei allen anderen geprüften Vögeln.
Ferner wissen wir aus den Angaben von Ballonfahrern und Fliegern, daß
sie in großer Höhe, insbesondere über der Wolkendecke, so gut wie
niemals Vögel angetroffen haben, sondern stets nur in sehr mäßiger Höhe
unter der Wolkendecke. Auch diese Erscheinung hat Lucanus nachgeprüft,
indem er Vögel von Ballonfahrern möglichst hoch, jedenfalls über die
Wolkendecke, mitnehmen ließ. Dort ließ man sie fliegen, und es zeigte
sich, daß sie zunächst planlos herumirrten und den Ballon aufgeregt
und verschüchtert umflogen. Wenn dann aber ein Loch in die Wolkendecke
gerissen wurde, so daß unter ihr die Erdoberfläche zum Vorschein kam,
dann stürzten sich die Vögel sofort durch dieses Wolkenloch erdabwärts,
wo sie die Umgebung sehen konnten. Da die Vögel oder wenigstens die
Tagwanderer auf ihrem Zug hauptsächlich vom Gesicht geleitet werden,
so liegt es ja auf der Hand, daß sie die Erdoberfläche möglichst gut
überschauen wollen, daß es also für sie nicht den geringsten Vorteil
hätte, sondern nur von großem Nachteil wäre, wenn sie die Wolkendecke
übersteigen und sich dadurch jeder Aussicht nach unten berauben würden.
Im großen und ganzen wird man sagen dürfen, daß ziehende Vögel eine
Höhe von 1000 Meter nur selten überschreiten, und daß die Höchstgrenze
schon bei 2000 Meter liegt. Gewöhnlich vollzieht sich der Zug in einer
Höhe von nur wenigen hundert Metern, und ganz besonders niedrig, sogar
unter 100 Meter und selbst auf Schrotschußentfernung geht er bei
trübem, verschleiertem und diesigem Wetter herab, weil dieses das Sehen
auf größere Entfernung behindert und der Vogel das Landschaftsbild
unbedingt überblicken will und muß. Die über die Kurische Nehrung
ziehenden Vögel fliegen dann das Dünen- und Kupsengelände mit all
seinen Hebungen und Senkungen ganz gewissenhaft aus. Senken sich die
Wolken tiefer, so geht auch der Vogelzug sofort weiter zur Erde herab,
wie ich dies unzähligemal beobachten konnte. Am höchsten fliegen die
Vögel jedenfalls bei wolkenlosem und klarem Wetter, namentlich wenn
dabei in den höheren Luftschichten eine für sie günstige Windrichtung
herrscht. Treffend sagt Lucanus: „Nicht in unermeßlichen Höhen, wo
Sauerstoffmangel, niedriger Luftdruck, gewaltige Windstärke und eisige
Kälte jedem Lebewesen den Aufenthalt unmöglich machen, liegen die
Zugwege der Vögel, sondern unweit der Erde, an welche die Vögel trotz
ihres Flugvermögens ebenso gefesselt sind, wie alle anderen Lebewesen.“