Luftschichten oft ganz verschieden, und natürlich suchen sich die
Wandervögel dann diejenige Luftschicht aus, in der die ihnen am besten
zusagenden Windverhältnisse herrschen. Dadurch kann die Höhe des
Vogelzugs innerhalb weniger Stunden mehrfach wechseln. Kräftigere Vögel
und stärkere Flieger werden in dieser Beziehung weniger empfindlich
sein als kleinere und schwächlichere oder ausgesprochen schlechte
Flieger. So kann es kommen, daß der Vogelzug sich gewissermaßen in
mehreren Stockwerken vollzieht, indem etwa dicht über der Erde, wo an
diesem Tag der Wind am günstigsten bläst, Singvögel ziehen, über ihnen
Rabenvögel und über diesen vielleicht Kraniche oder Störche, so daß man
einen ähnlichen Eindruck bekommt, wie etwa in den belebtesten Teilen
Berlins, wo der Verkehr mit Untergrundbahn, Straßen- und Hochbahn ja
auch in mehreren Stockwerken sich abwickelt. Steigert sich der Wind
zum Sturm, so unterbricht er jeden regelrechten Vogelzug. Die Vögel,
die ja das Hereinbrechen des Sturmes vorausahnen, beschleunigen ihre
Reise in den letzten Stunden nach Möglichkeit, um noch vor Ausbruch
des Unwetters geschützte Örtlichkeiten zu erreichen. Landvögel werden
in Wäldern und Buschwerk ja immer geeignete Zufluchtstätten finden
und gehen dann einfach zum Erdboden herab, um den Sturm über sich
hinwegbrausen zu lassen. Etwas Nahrung bietet sich an solchen Stellen
auch immer. Schlimmer sind die Seevögel dran, denn selbst wenn sie
gute Schwimmer sind, können sie doch den Kampf mit den hochgehenden
Wogen der von einem Orkan aufgepeitschten See nicht aufnehmen, und
oft genug werden sie vom Sturmwind aufs feste Land geworfen. Hier
machen sie einen rührend unbehilflichen Eindruck. Manche dieser
Vogelarten sind derart an das Meer und seine Küste gewöhnt, daß sie
alle Besonnenheit verlieren, wenn sie aufs feste Binnenland kommen und
hier gar nicht auffliegen, obwohl sie es recht gut könnten. So kann man
verschlagene Sturmtaucher, Seetaucher und dergleichen, wenn sie auf
eine freie Landfläche geworfen werden, manchmal buchstäblich mit den
Händen ergreifen, ohne daß sie den Versuch machen, ihre Schwingen zu
lüften. Offenbar fällt ihnen auch an sich das Auffliegen vom Erdboden
schwer. Werden Landvögel bei einem Flug über das Meer vom Sturme
überrascht, so geht es ihnen oft traurig genug. Viele finden dann in
den Wellen ihren Tod, andere werden an die nächste Küste geworfen und
kommen dann hier in so völlig ermattetem Zustand an, daß sie jeder
Nachstellung schutzlos preisgegeben sind. So schrieb mir der Sammler
Rettich aus Malcoci-Tulcea einmal über einen verunglückten Vogelzug
folgendes: „In der Nacht vom 12. zum 13. September 1910 herrschte
starker ~ONO~-Sturm an der Küste des Schwarzen Meeres. Der Durchzug
der Wachteln, Schwalben und Wildtauben muß in dieser Nacht ein enorm
starker gewesen sein. Am Morgen des 13. September fand man in Sulina
die Straßen wie besät mit toten Wachteln und Schwalben, vereinzelt fand
man auch Wildtauben. Im Hafen und am Meeresstrande sah man unzählige
tote Wachteln und Schwalben auf dem Wasser treiben. Hunderte von
Wachteln, welche durch den Anprall an die Häuser oder Telegraphendrähte
wie betäubt oder geflügelt waren und teilweise stumpfsinnig dasaßen,
teilweise verzweifelt in den Straßen herumhuschten, wurden bei der im
Lauf des Morgens sich entwickelnden allgemeinen Wachteljagd zur Strecke
gebracht. Die Leuchtturmwächter sammelten an diesem Morgen neben
vielen anderen Vögeln vier große Säcke — etwa 400 Kilogramm! — toter
Wachteln auf.“ Man sieht, welch gewaltige Einbußen wandernde Vogelheere
durch solche Wetterkatastrophen erleiden können, und da die Vögel
stammweise ziehen, d. h. die Brutvögel derselben Gegend sich auf der
Wanderung zusammenhalten, so kann es leicht geschehen, daß z. B. der
Schwalbenbestand einer bestimmten Gegend dadurch nahezu vernichtet wird
und im folgenden Jahr nur sehr wenig Schwalben an die alten Brutplätze
zurückkehren. Die Leute wundern sich dann darüber und erschöpfen sich
in allerlei Mutmaßungen. Wie wir aber sahen, ist die richtige Erklärung
für solche Erscheinungen gar nicht schwer zu finden. Die Wanderung
mit ihren vielen Unbilden und Gefahren ist ja überhaupt ein strenger
Prüfstein dafür, ob eine Vogelart dem Kampfe ums Dasein gewachsen,
also des Fortbestandes wert ist, und die Natur zeigt sich dabei als
eine unerbittliche, manchmal geradezu grausame Zuchtmeisterin. Es kann
vorkommen, daß der Sturm ein wanderndes Vogelheer auf ein kleines,
kahles Felseneiland wirft, das aller geeigneten Nahrungsmittel bar ist,
und es hier mehrere Tage lang blockiert, so daß die armen Reisenden
elendiglich verhungern müssen, falls sie es nicht vorziehen, bei
verzweifelten Fluchtversuchen lieber zu ertrinken. So führt auch der
Vogelzug zur Vernichtung der Schwächlinge und zur Auslese der Stärksten
und Kräftigsten und besitzt auch nach dieser Richtung hin eine nicht zu
unterschätzende biologische Bedeutung.
Neben Sturmwind und Orkan wirkt noch ein anderer Faktor sehr ungünstig
auf den Vogelzug ein, und das ist dichter +Nebel+, der den wandernden
Vögeln trotz der Ölkügelchen in ihren Augen jede Fernsicht versperrt,
ihnen dadurch das Zurechtfinden erschwert und schließlich unmöglich
macht. Starker Nebel bringt nach meinen Erfahrungen jeden Vogelzug
sofort zum Stocken und oft in heillose Unordnung. Die Vögel irren dann
wie von Sinnen herum und wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen,
werfen sich schließlich zum Ausruhen an die erste beste Örtlichkeit,
mag sie an sich noch so ungeeignet sein. Dann findet man Wasserhühner
in Tannendickichten und Teichhühnchen in Gartenlauben oder offenen
Scheunen. Wie schlecht selbst die scharfgesichtigen Raubvögel schon bei
nicht allzu starkem Nebel sehen, das konnte ich einmal auf der Insel
Gran Canaria beobachten. Dort gab es auf dem Gipfel des Pico Osonio
regelmäßig Gabelweihen, und ich hätte gern einige Stücke für meine
Sammlung gehabt. Aber lange Zeit blieben alle meine Nachstellungen
den scharfsinnigen und mißtrauischen Vögeln gegenüber vergeblich, bis
einmal, als ich gerade auf diesem Berge weilte, plötzlich dichter Nebel
einsetzte; da waren auch die Gabelweihen wie geblendet und umflogen
mich schreiend auf ganz kurze Entfernung, obwohl ich offen und ohne
jede Deckung auf dem kahlen Gipfel stand, so daß ich in kaum einer
halben Stunde mehrere Stücke erlegen und auf diese Weise meine Sammlung
kanarischer Vögel in der gewünschten Weise ergänzen konnte. Auf der
Kurischen Nehrung fingen sich unter ähnlichen Umständen regelmäßig
viele Vögel in den zum Trocknen ausgespannten Fischernetzen, die sie
offenbar nicht sehen konnten. Ganze Züge wurden von der gewohnten
Richtung längs der Nehrung abgeleitet und kamen aufs litauische Ufer
hinüber. Ich muß dabei unwillkürlich immer wieder an die Mißweisung
der Kompaßnadel bei recht starkem Nebel denken, die schon so viele
Schiffsunglücke verursacht hat. Irgendein innerer Zusammenhang
zwischen beiden Erscheinungen besteht nach meiner Überzeugung ganz
sicherlich, obwohl wir ihn vorläufig nicht ergründen können. Aber
vielleicht war doch der alte Middendorff auf dem richtigen Wege, als
er den Richtungssinn der Wandervögel mit erdmagnetischen Einflüssen in
Zusammenhang zu bringen suchte. Die Zunftgelehrten haben ihn freilich
dieserhalb verlacht, aber das ist noch lange kein Gegenbeweis.
Durch Sturm und Nebel können also wandernde Vogelscharen unter
Umständen nach allen Richtungen der Windrose hin zersprengt und
einzelne Stücke weit von der gewohnten Luftbahn abgetrieben werden,
so daß sie schließlich in Gegenden auftauchen, wo man sonst niemals
einen Vertreter ihrer Art zu sehen bekommt. Man spricht in solchen
Fällen von +Irrgästen+. Hierher gehört es z. B., wenn plötzlich am
Rhein ein Flug Flamingos erscheint oder eines schönen Tages auf einem
schlesischen Teiche ein mächtiger Pelikan herumschwimmt, wenn über dem
Hagenbeckschen Tierpark in Stellingen Geier kreisen, wenn auf einem
kahlen Felde bei Ludwigsburg ein Papageitaucher gefangen oder gar auf
dem Stuttgarter Güterbahnhof ein Wasserscherer (~Puffinus kuhli~)
ergriffen und in einer belebten Straße Breslaus eine Sturmschwalbe
(~Thalassidroma pelagica~) von einem Fuhrmann mit der Peitsche
erschlagen wurde. Immerhin sollte man mit der Bezeichnung „Irrgast“
sparsamer und vorsichtiger umgehen, als es gemeiniglich geschieht.
Namentlich bei großen Schwimm- und Stelzvögeln wird es sich oft
genug nicht um Irrgäste aus freier Natur, sondern um Flüchtlinge
aus den Tiergärten und Tierhandlungen handeln, wo solche Vögel ja
vielfach in halb freiem Zustande auf den Teichen und Vogelwiesen
gehalten werden. Sorgfältige Erkundigungen nach dieser Richtung hin
erscheinen deshalb bei solchen Vorkommnissen stets dringend geboten.
— Weiter ist zu bedenken, daß viele solcher „Irrgäste“ wahrscheinlich
überhaupt zur Zugzeit gar keine so großen Seltenheiten sind, wie man
anzunehmen pflegt. Aber wie viele Menschen gibt es denn bei uns, die
z. B. genau auf die schwierig zu beobachtenden östlichen Laubsänger-
und Rohrsängerarten achten, und sie von den einheimischen Formen zu
unterscheiden vermögen? Früher zur Zeit des Dohnenstiegs gelangten
sibirische Drosselarten gar nicht selten in unsere Museen. Das hat seit
dem an sich ja sehr gerechtfertigten Verbot des Krammetsvogelfanges
nahezu aufgehört, aber trotzdem wird niemand behaupten wollen, daß
solche Vögel nicht mehr durch Deutschland ziehen, wenn natürlich auch
immer in nur geringer Zahl. Es fehlt eben jetzt nur an der Gelegenheit,
solche Seltlinge auch zu erwischen. Für gewisse sibirische Drosseln
und Laubsänger bedeutet ein Auftreten auf deutschem Boden oder in
Helgoland nicht eigentlich ein Abweichen von dem gewohnten Weg oder
gar ein Verschlagenwerden, sondern nur ein Hinausschießen über das
Ziel auf der großen ostwestlichen Zugstraße. Ich möchte sie deshalb
nicht als eigentliche Irrgäste bezeichnen. Selbst amerikanische Arten
sind gelegentlich schon in Europa vorgekommen, namentlich in England
und auf Helgoland. Auf welchem Wege mögen sie wohl diese ungeheure
Entfernung bewältigt haben? Insofern es sich um Wasservögel handelt,
die wie etwa die Möwenarten bei nicht allzu bewegter See schwimmend auf
dem Meere auszuruhen vermögen, sind sie meines Erachtens sicherlich
über den Atlantik zu uns herübergekommen. Verstärkt wird diese Annahme
noch dadurch, daß ja umgekehrt auch zwei beringte deutsche Lachmöwen
auf der Insel Barbados und an der Südküste des Golfs von Mexiko
geschossen wurden, also gleichfalls den Atlantik überflogen und dabei
die gewaltige Entfernung von 14000 Kilometern zurückgelegt haben. In
England beringte Dreizehenmöwen sind gleichfalls schon jenseits des
Ozeans in Labrador und Neufundland festgestellt worden. Aber auch für
Landvögel wie für amerikanische Drosseln halte ich den Flug über das
„große Wasser“, das ihnen vielleicht doch mehr als der „Ententeich“
erscheint, für denkbar, namentlich von der Neuen Welt zur Alten,
was ja bei den vorherrschenden Luftströmungen nach den Erfahrungen
waghalsiger Flieger ungleich leichter ist als der umgekehrte Weg.
Abgesehen davon, daß die Bermudas, die Azoren und verschiedene
Felsklippen unterwegs Ausruhegelegenheiten bieten, weiß ja jeder, der
selbst einmal eine größere Seereise und insbesondere die Überfahrt
von Europa nach Amerika mitgemacht hat, wie häufig rastsuchende Vögel
das Schiff umschwärmen und sich schließlich auf ihm niederlassen. Sie
blieben dort nur so lange, bis sie wieder frische Kräfte gesammelt
und sich an den von gutmütigen Menschen gespendeten Nahrungsbrocken
gestärkt hatten, und flogen dann wieder ab, auch wenn noch gar kein
Land in Sicht war. Gerade diese meist befahrene Strecke der Welt hat
aber einen derartig regen Schiffsverkehr, daß der sie überfliegende
Vogel kaum jemals ernstlich wegen Ausruhegelegenheiten in Verlegenheit
kommt und bei einigermaßen günstigem Wetter einem frühen Wellengrab
entgehen wird. Natürlich sind und bleiben das immerhin nur seltene
Ausnahmefälle, und bei Sturmwetter sind die Vögel dem Untergang
verfallen. Da aber nicht nur die kräftigeren Drosseln, sondern auch
die zarten Waldsänger Nordamerikas (sogar der dortige Eisvogel und die
Rohrdommel) gelegentlich nach Europa kommen, so hat auch die zuerst von
Gätke vertretene und dann von der Mehrzahl der Vogelforscher geteilte
Ansicht gewiß ihre Berechtigung, daß solche Vögel auch auf dem Landwege
zu uns gelangen können, indem sie die schmale Beringstraße übersetzen
und dann in Sibirien ständig westwärts ziehen. Freilich kommen dabei
noch viel gewaltigere Strecken in Betracht, aber der Flug führt seiner
ganzen Ausdehnung nach über offenes und flaches, keinerlei Hindernisse
bietendes Gelände mit zahllosen guten Futterplätzen, und in solchem
Falle gibt es für einen Vogel überhaupt keine Entfernung, die er nicht
zu bewältigen vermöchte. Jedenfalls steht diese Auffassung in Einklang
mit dem unverkennbaren „Zug nach Westen“, der sich wie ein roter Faden
durch das ganze Tierreich einschließlich des Menschen hindurchzieht
und vielleicht mit der Erdrotation in Zusammenhang zu bringen ist.
Klarheit könnte in diese Sache erst kommen, wenn es einmal gelänge,
nordamerikanische Vögel genannter Arten in Sibirien nachzuweisen.
Aber wer achtet in den unendlichen Einöden Sibiriens auf kleine,
unscheinbare Vögelchen? Sicher ist es aber andererseits, daß auch
unter den Landvögeln wenigstens so ausgezeichnete Flieger, wie es die
Regenpfeifer sind, die überhaupt zu den gewaltigsten aller Wanderer
gehören, den Flug über weite Meeresstrecken keineswegs scheuen.
Allerdings besitzen auch sie die Fähigkeit, sich bei ruhiger See
schwimmend auf der Wasseroberfläche auszuruhen, und sie finden dabei
auch wohl etwas Nahrung. Es ist festgestellt, daß z. B. ~Charadrius
dominicus~, ein naher Verwandter unseres Goldregenpfeifers, von Alaska
nach den Hawai-Inseln zieht, wobei er von den Aleuten bis Honolulu
eine offene Meeresstrecke von 3000 Kilometer zu überwinden hat.
Nimmt man an, daß er als einer der schnellsten Flieger 90 Kilometer
Eigengeschwindigkeit in der Stunde entwickelt und mit einem Winde von
10 Sekundenmetern zieht, so würde er zur Bewältigung dieser Strecke
etwa 24 Stunden brauchen. Ich kann mir nicht gut denken, daß eine
solche Flugleistung ohne Ruhepause möglich ist, denn schließlich ist
auch der ausdauerndste Vogel kein Motor, sondern ein Geschöpf aus
Fleisch und Blut.
Um nochmals auf den Begriff der Irrgäste zurückzukommen, sei hier noch
bemerkt, daß auch Erdkatastrophen, wie Erdbeben und Vulkanausbrüche,
eine plötzliche Auswanderung der Vogelbevölkerung der betroffenen
Gegend bewirken, und daß dann solche Vögel plötzlich als unvermutete
Irrgäste in weit entfernten Ländern auftauchen können. Offenbar
flüchten die Vögel vor Schreck und Angst halb besinnungslos in
kopfloser Verwirrung so rasch und so weit, wie ihre Schwingen sie
nur tragen können, und machen nicht eher halt, als bis sie sich
einigermaßen wieder beruhigt haben. So erschienen nach dem furchtbaren
bucharischen Erdbeben des Jahres 1907 zahlreiche Trupps ermatteter
Flamingos in den verschiedensten Teilen Rußlands.
Bei plötzlichem Witterungswechsel wird der Beobachter fast immer auf
einen starken Vogelzug in der einen oder anderen Form rechnen dürfen,
aber andererseits gibt es auch Zeitabschnitte, namentlich solche mit
anhaltend gutem Wetter, wo man von Wandervögeln fast nichts zu sehen
bekommt. Eines schönen Tages sind unsere gefiederten Freunde eben
wieder an ihren Brutplätzen eingetroffen, aber vom Zuge selbst hat man
so gut wie nichts gemerkt. Er hat sich sozusagen +insgeheim+ vollzogen.
Es muß immer wieder betont werden, daß wir — von wenigen besonders
günstigen Beobachtungspunkten abgesehen — vom Vogelzuge hauptsächlich
nur die Unregelmäßigkeiten und Abweichungen zu sehen bekommen und
diese nicht mit dem regelrechten Zugverlauf verwechseln dürfen. Ob
wohl die Mondphasen vielleicht auch einen bestimmten Einfluß auf den
Vogelzug haben, insbesondere auf die Aufbruchzeiten? Spielen vielleicht
gar Nordlichter irgendwie eine Rolle? Oder sonstige Einwirkungen
kosmischer Art, namentlich Sonnenfleckenperioden? Über alle diese Dinge
ist noch so auffallend wenig gearbeitet und beobachtet worden, daß
sich derartige Fragen mit Bestimmtheit weder verneinen noch bejahen
lassen und von einem Eindringen in Einzelheiten vorläufig gar keine
Rede sein kann. Hier müßten Laboratoriumsversuche einsetzen, um die
Empfindlichkeit lebender Zugvögel gegen Einflüsse verschiedenster Art
genau festzustellen und ihr Verhalten dabei sorgsam zu beobachten. Daß
aber die Vögel im allgemeinen lieber in mondhellen Nächten ziehen
werden als in ganz finsteren, erscheint aus naheliegenden Gründen sehr
wahrscheinlich.
Weit näher als diese Dinge liegt es freilich für den Vogelzugsforscher,
an eine Beeinflussung des Zugsverlaufs durch den +Luftdruck+,
insbesondere durch den Verlauf der barometrischen Depressionen zu
denken, die ja so bestimmend auf die Wetterbildung einwirken. Muß
doch der Vogel als ausgesprochenes Lufttier gegen Schwankungen und
Veränderung des Luftdrucks ganz besonders empfindlich sein. Indessen
ist die Lösung auch dieser Frage kaum erst in Angriff genommen und
überhaupt keineswegs so einfach, wie es zunächst den Anschein haben
könnte. Die Ansichten selbst der Fachmeteorologen stehen sich hier
vorläufig noch recht schroff gegenüber, und es sind weitere und
ausgedehntere Untersuchungen deshalb dringend nötig. Marek glaubt, daß
der Beginn des Herbstzuges verursacht werde durch die Vorstöße der
barometrischen Maxima von Norden gegen Mittel- und Südeuropa, während
umgekehrt Vorstöße des subtropischen Barometermaximums gegen Norden
den Beginn des Frühlingszuges auslösen. Der Herbstzug gliedere sich in
mehrere Abschnitte, was von den Vorstößen der barometrischen Maxima
abhängt. Im Frühling wandern die Zugvögel auf der Äquatorialseite
der barometrischen Depressionen. Unregelmäßigkeiten im Vogelzuge
finden hauptsächlich bei veränderlichem Wetter statt, wie es durch
eine mannigfache und wechselnde Luftdruckverteilung hervorgerufen
wird. Zu ganz ähnlichen Anschauungen ist auch Hübner auf Grund seiner
planvollen Beobachtungen des Rotkehlchenzuges in Pommern gelangt.
Gallenkamp, der sich hauptsächlich auf die eingehende Beobachtung des
Rauchschwalbenzuges in Bayern stützt, fügt noch ergänzend hinzu, daß
weniger die absolute Höhe, als vielmehr die größere oder geringere
Gleichmäßigkeit des Luftdrucks maßgebend ist. Auch der Ungar Hegyfoky,
dem die gewaltige Datenfülle der „Ungarischen Ornithologischen
Zentrale“ zur Verfügung stand, nimmt eine starke Beeinflussung des
Vogelzuges durch die Witterung und namentlich durch den Luftdruck an,
ist aber in den Einzelheiten vielfach zu abweichenden Ergebnissen
gelangt. Gutes Wetter und steigende Temperatur beschleunigen seiner
Auffassung nach im Frühjahr den Vogelzug, während fallende Temperatur
und schlechtes Wetter ihn verlangsamen, was ja mit den praktischen
Erfahrungen der Jäger und Vogelfänger durchaus im Einklang steht.
Längere Zeit anhaltender hoher Luftdruck, der der Sonnenbestrahlung
genügend Zeit zur Erwärmung der Erdoberfläche läßt, hat frühzeitige
oder doch wenigstens normale Ankunftsdaten im Gefolge. Auch
Depressionen im nordwestlichen Teile Europas mit gleichzeitigem
Hochdruck im Südosten sind von ähnlicher Wirkung, während Depressionen
im Südosten mit gleichzeitigem Hochdruck im Nordwesten Verzögerungen
des Frühlingszuges hervorrufen. Im ganzen ist Hegyfoky sehr geneigt,
die +Wärme+ als den eigentlichen entscheidenden Witterungsfaktor beim
Vogelzug anzusehen, und hier begegnet er sich wieder mit den schon
1855 ausgesprochenen Anschauungen des großen russischen Forschers v.
Middendorff.
Dieser hatte seine Vogelzugsstudien im europäischen und asiatischen
Rußland angestellt und auf Grund derselben den Begriff der
+Isepiptesen+ in die ornithologische Wissenschaft eingeführt. Es
sind das Linien, welche die Orte gleicher Ankunftsdaten derselben
Vogelart miteinander verbinden, ähnlich wie wir aus der Erdkunde schon
längst den Begriff der Isothermen kannten, also Verbindungslinien von
Orten mit gleicher Durchschnittswärme. Daß beide in einem gewissen
Zusammenhang miteinander stehen, läßt sich schon daraus entnehmen,
daß sie vielfach parallel zueinander verlaufen. In der Tat sind die
Isepiptesen, die man sehr mit Unrecht in den letzten Jahrzehnten
ganz vernachlässigt hat, eines der ausgezeichnetsten Mittel zur
Erforschung des Vogelzugs. Klarer als irgendein anderes lassen sie
dessen Abhängigkeit von der Witterung und namentlich vom Fortschreiten
der Wärme sowie vom Erwachen der Pflanzen- und Kerbtierwelt im
Frühjahr erkennen, deutlicher als irgendein anderes die tägliche
Flugleistung der Zugvögel verfolgen, unverkennbar das Vordrängen der
westlichen Front und das Zurückbleiben des Ostflügels feststellen.
Dies gilt ganz besonders von solchen Vogelarten, die nicht auf mehr
oder minder schmalen Zugstraßen, sondern in breiter Front ziehen und
deren Weg über große, ebene, von Gebirgen, Wüsten, Meeren und andern
schwer zu überwindenden Querriegeln freie Landmassen hinwegführt,
wie dies ja in Rußland und Sibirien der Fall ist. Wo freilich das
Gelände sehr wechselvoll sich gestaltet und insbesondere von höheren
Gebirgszügen durchsetzt wird, die von den Vögeln erfahrungsgemäß erst
erheblich später besiedelt werden als die umliegenden Ebenen und
Hügellandschaften, da verwirren sich die Isepiptesen zu sehr, als daß
man noch ein klares Bild aus ihnen gewinnen könnte.
Fassen wir alles zusammen, was wir nach dem heutigen Standpunkte der
Zugsforschung über das gegenseitige Verhältnis zwischen Vogelzug
und Witterung wissen, so können wir etwa sagen: die einzelnen
Witterungsfaktoren (z. B. Wind) üben an sich keinen sehr starken
Einfluß auf den Vogelzug aus, wohl aber ist ihre +Gesamtheit+, also
das, was wir gewöhnlich „Wetter“ nennen, für dessen Verlauf vielfach
maßgebend, oft sogar entscheidend.
[Illustration: +Die Isepiptesen Rußlands+
(Linien, welche Orte gleicher Ankunftsdaten derselben Vogelart
miteinander verbinden)]