Nun wandern aber auch in freier Natur bei zahlreichen Vogelarten +Alte

und Junge streng getrennt+, so daß diese lediglich auf ihre eigene

Weisheit angewiesen sind. Wenigstens sagt man es. Namentlich Gätke hat

diese Behauptung sehr nachdrücklich verfochten und mancherlei Beweise

dafür erbracht, die seine zahlreichen Gegner nicht allzu stark zu

erschüttern vermochten. So erscheinen auf Helgoland von Ende Juni ab

und den ganzen Juli hindurch Unmassen von jungen Staren, darauf tritt

eine Pause von fast zwei Monaten ein, während welcher dort überhaupt

kein Star gesehen wird, bis dann endlich Ende September der Zug der

alten Stare einsetzt und den ganzen Oktober über anhält. Ähnliches

beobachtete er bei Steinschmätzern, Braunkehlchen, Rotschwänzchen,

Trauerfliegenfängern u. a., und ich konnte selbst auf der Kurischen

Nehrung diese Angaben nur durchaus bestätigen. Ebenso verhielt es sich

dort mit dem Strandläuferzug: erst kamen die Jungvögel, später die

Alten, und im Frühjahr war es dann gerade umgekehrt. Russische Forscher

berichten uns, daß man im Winter bei Petersburg nur alte Schneeammern

im schön schwarzweißen Kleide zu sehen bekomme, im Süden des weiten

Reiches aber ausschließlich Jungvögel im unansehnlichen Jugendkleide.

Es scheint sogar, daß bei manchen Arten Junge und Alte überhaupt ganz

verschiedene Straßen ziehen. So beobachtete ich allherbstlich bei

Rossitten zahlreiche Steppenweihen und Rotfußfalken, die ja sonst in

Deutschland als Seltenheit gelten, aber immer nur Jungvögel, und ich

kann mich nicht erinnern, dort jemals einen Altvogel dieser Arten

gesehen zu haben. Wenn überhaupt, so treten solche dort jedenfalls

nur ganz vereinzelt auf. Offenbar fliegen sie im allgemeinen ganz

andere Wege. Trotz alledem bin ich gegen die Lehre vom Getrenntziehen

nach Altersstufen und gegen die daraus gezogenen Folgerungen im Lauf

der Jahre immer mißtrauischer geworden. Sehr oft sind ja die Herbst-

und Reisekleider der Alten den Jugendkleidern so ähnlich, daß es

ganz unmöglich ist, beide selbst bei naher Entfernung voneinander zu

unterscheiden. Und wer will wirklich mit voller Sicherheit sagen,

daß unter den zuerst erscheinenden Strandläuferwolken oder den nach

Tausenden zählenden Starenschwärmen nicht doch auch einige Altvögel

zwischen der Unmasse der Jungen sich befinden? Ein einziger würde

ja schließlich als Führer genügen! Auch wollen wir nicht vergessen,

daß viele Vögel gern gemeinsam mit solchen anderer Art ziehen, daß

wir also z. B. bei Finken oder Strandvögeln häufig bunt gemischten

Schwärmen begegnen. Oft ist nur ein einzelner Fremdvogel dabei, der

dann in der Regel einer größeren, klügeren und vorsichtigeren Art

angehört. So sah ich nicht selten alte Kiebitzregenpfeifer oder

Kampfläufer als Führer eines Schwarms von Alpen- oder Bogenschnäbligen

Strandläufern, und es ist sehr wohl denkbar, daß diese Führerrolle

nicht auf Vermeidung von Gefahren sich beschränkt, sondern auch dem

Einhalten der richtigen Zugstraße zugute kommt. Die Macht des Beispiels

darf gerade im Vogelreiche nicht unterschätzt werden. Bricht z. B.

ein Zug Kraniche im Morgengrauen zur Fortsetzung seiner Reise auf, so

folgen ihm alsbald auch die in seiner Nähe auf den Fluren liegenden

Schwärme von Kleinvögeln. Dasselbe gilt von den Einzelwanderern. Hüpft

ein Rotkehlchen abends schnickernd am Waldesrande herum und schwingt

es sich endlich lockend in die Lüfte, so tun es ihm die in Hörweite

befindlichen Artgenossen alsbald nach. Dieser ganze Fragenkomplex

bedarf also dringend noch weiterer Erforschung und Aufhellung, ehe wir

ein einigermaßen sicheres Urteil fällen können. Wahrscheinlich ist aber

das völlige Alleinziehen der Jungvögel viel seltener als man bisher

glaubte. Eine Vogelart nun verursacht in dieser Beziehung besonders

viel Kopfzerbrechen. Es ist der Kuckuck, der als Brutschmarotzer seine

Erzeuger ja nie kennen lernt, also auch unmöglich von ihnen auf der

Reise geführt werden kann. Eckards Ansicht, daß der junge Kuckuck auch

auf dem Zuge noch von seinen Pflegeeltern betreut werde, ist zweifellos

irrtümlich und beruht unbedingt auf einem Beobachtungsfehler. Sicher

ist aber, daß die alten Kuckucke schon lange vor ihren Nachkommen

abziehen, um die sie sich ja überhaupt nie gekümmert haben. Auf der

Kurischen Nehrung war der Telegraphendraht zur Zugzeit oft weithin mit

breitspurig auf ihm thronenden Jungkuckucken geschmückt, die aber in

weiteren Abständen, jeder für sich, dasaßen und sich oft nur mühsam

gegen den starken Westwind behaupteten, übrigens auch ungewöhnlich

zutraulich waren, so daß man sie bequem und ungedeckt auf wirksamste

Schrotschußweite angehen konnte. Von der Anwesenheit ihrer Pflegeeltern

aber, die mir doch auf der kahlen und übersichtlichen Pallwe unmöglich

hätten entgehen können, war nichts zu merken. Nur einmal in meinem

Leben habe ich — gewiß ein sehr seltener Fall — in Württemberg einen

richtigen Kuckuckszug von etwa 30 Stück am hellen Tag beobachten

können, denn im allgemeinen ist der Gauch Nachtwanderer. Da die Vögel

ganz niedrig zogen und die Beleuchtung gut war, konnte ich deutlich

erkennen, daß es sich ausschließlich um Jungvögel handelte. Wie finden

die sich zurecht? Bei der Ungeselligkeit des Kuckucks ist es doch

wohl ausgeschlossen, daß er sich anderen Vogelarten anschließt. Der

Richtsinn weist ihm wohl die allgemeine Südwestrichtung, aber wer

unterrichtet ihn über die verwickelten Einzelheiten des langen Weges

bis ins innerste Afrika? Ich muß offen gestehen: ich weiß es nicht.

Außer nach Altersstufen findet beim Zuge nun aber häufig noch eine

+Trennung nach dem Geschlechte+ statt, indem Männchen und Weibchen

gesondert reisen, sogar oft zu verschiedenen Zeiten aufbrechen und

wieder zurückkehren. Die Männchen ziehen zuletzt fort und sind zuerst

wieder da. Bei den Nachtigallen und an den Storchnestern läßt sich dies

besonders leicht feststellen, und der Buchfink führt ja wegen dieser

zeitweisen Geschlechtertrennung den wissenschaftlichen Namen ~coelebs~

= Hagestolz. Bei Arten, wo die Geschlechter sehr verschieden gefärbt

sind, springt dieses Verhältnis natürlich besonders scharf in die

Augen. Wenn z. B. die großen nordischen Dompfaffen im Spätherbst bei

uns einrücken, sehen wir, daß manche Flüge fast nur aus den prachtvoll

roten Männchen bestehen und andere fast nur aus den unansehnlichen

grauen Weibchen. Auch im Winterquartier bleibt diese Trennung der

Geschlechter bestehen, und dabei stoßen wir auf die vielerörterte,

aber immer noch nicht geklärte Frage, ob unsere Vögel auch +im fremden

Lande singen+, oder ob sie den ganzen Winter über hartnäckig den

Schnabel halten und sich lediglich mit der Nahrungssuche beschäftigen.

Mehr poetisch schön als naturgeschichtlich richtig hat man behauptet,

daß sie aus Sehnsucht nach der fernen Heimat schweigen und erst nach

ihrer Rückkehr den Gesang wieder aufnehmen. Die ganze Frage erscheint

aber eigentlich ziemlich müßig, da doch jeder Liebhaber weiß, daß

gekäfigte Drossel- und Grasmückenarten schon bald nach der Mauser den

Gesang wieder aufnehmen, wenn auch leiser, und daß selbst gefangene

Nachtigallen schon um Weihnachten herum wieder ihre Strophen hören

lassen, vorausgesetzt, daß sie sorgsam und naturgemäß verpflegt werden.

Spötter, Rohrsänger und Würger fangen wieder zu singen an, sobald

sie die Wintermauser glücklich überstanden haben. Wenn also die Vögel

während der Wintermonate im Käfig singen, warum sollten sie es dann

nicht auch in freier Natur tun, wo es ihnen doch zum allermindesten

ebenso gut geht? Wir wissen doch, daß der Vogelgesang nicht nur

Minnelied und Kampfruf ist, sondern überhaupt Ausdruck allgemeinen

Wohlbefindens. Ich habe in Marokko im Winter Schwarzplättchen,

Rotkehlchen, Lerchen, Nachtigallen u. a. vielfach singen hören. Die

volle Kraft und Fülle des Nachtigallenliedes, das lauteste Jauchzen

der Schwarzplättchenstrophe entfaltet sich allerdings erst wieder beim

Werben um das Weibchen und beim Kampf mit dem Nebenbuhler. Während des

Zuges selbst singen die Vögel nicht, denn dann haben sie keine Zeit und

Ruhe dazu, und wenn die Wanderung sehr weit geht, etwa gar bis nach

Südafrika hinunter, und entsprechende Zeit in Anspruch nimmt, da wird

die winterliche Gesangsperiode ohnehin auf eine recht knappe Zeitspanne

eingeschränkt. Nun kommt noch bei vielen Arten eine meist im Januar

bis Februar sich vollziehende Wintermauser hinzu, und während des

Mausergeschäftes singt ja überhaupt kein Vogel.

Die Natur hat es weise eingerichtet mit der Geschlechtertrennung auf

dem Zuge und in der Winterherberge. Wenn im Frühjahr der Vogel infolge

der üppigen Winterkost im Vollbesitz seiner Kräfte ist, dann sieht sich

das Männchen nach einem Weibchen um, um dem allmächtigen Paarungsdrange

zu genügen. In unmittelbarer Nähe findet er keines. Dafür tauchen

halbverblaßte Erinnerungsbilder in ihm auf von den ehelichen Freuden,

die er im Vorjahre in der fernen nordischen Heimat genoß, zuerst nur in

verschwommenen Umrissen, dann immer schärfer und deutlicher. Dort oben,

wo im vorjährigen Nest die bunten Eierchen lagen und die hungrigen

Jungen kreischten, muß doch auch wohl das Weibchen wieder anzutreffen

sein! So macht er sich auf den Weg, an den vom Herbstzug her lebendig

in ihm haften gebliebenen Erinnerungsbildern und Landmarken sich

zurücktastend. Es ist also die Liebe oder — naturwissenschaftlicher

gesprochen — der Fortpflanzungstrieb, der ihn in die alte Brutheimat

zurückführt. Aber erstaunlich ist die Sicherheit, mit der er sich

sofort in dieser zurechtfindet und den alten Brutplatz wieder aufsucht.

Die Seevögel finden ihren alten Vogelberg wieder, obgleich Hunderte

ähnlicher Felsklippen in der Gegend vorhanden sind, die Schwalbe

kehrt zu demselben alten Lehmnest zurück, in welchem sie im Vorjahre

ihre Kinder großzog, der Storch bezieht seine alte Reisigburg,

und die Schneeammer landet in der endlosen gleichförmigen Tundra

genau auf demselben Steinblock, unter dem im vergangenen Sommer ihr

Nestchen stand. Aus mancherlei Merkmalen wissen wir schon längst,

daß es im allgemeinen stets dieselben Vögel sind, die zum alten Nest

zurückkehren, und der Beringungsversuch hat es neuerdings bestätigt.

Erst wenn die alten Inhaber den Weg alles Fleisches gegangen sind,

wird ein solcher Nistplatz für ihre Nachkommen oder für ihre

Vetternschaft frei. Im übrigen suchen sich die Jungvögel in der Nähe

anzusiedeln, und erst wenn hier schon alles übervölkert ist, schweifen

sie weiter in die Ferne, um sich etwas Passendes zu suchen, dadurch

unter Umständen zur Erweiterung der Verbreitungsgrenzen der Art

beitragend. Nun könnte man freilich fragen: Warum bleiben die Vögel

denn nicht einfach im Winterquartier und brüten daselbst? In der Tat

gibt es Vogelkenner, die z. B. die ersichtliche Verminderung unserer

Brutschwalben dadurch erklären möchten, daß unsere Schwalben mehr und

mehr in Nordafrika hängen bleiben und sich hier fortpflanzen, sich also

den gefährlichen Heimweg über das Mittelmeer schenken. Ich halte aber

diese Ansicht für durchaus verfehlt. Die bedauerliche Abnahme unserer

Brutschwalben hat ganz andere Ursachen, auf die aber hier nicht näher

eingegangen werden kann. Würden die europäischen Zugvögel in Afrika

auch brüten, so müßte dort sehr bald Raummangel, Übervölkerung und

Nahrungsknappheit eintreten, zumal dort die Schnabelweide namentlich

zur Trockenzeit durchaus nicht so bequem sich bietet, wie der Laie

gewöhnlich annimmt. Manche unserer Vögel sind auch hinsichtlich des

Aufzuchtfutters für ihre Jungen so stark spezialisiert, daß sie

vielleicht im Winterquartier gar nicht das Richtige finden würden. Vor

allem fällt aber der Umstand ins Gewicht, daß die tropischen Tage im

Sommer bedeutend kürzer sind als die nord- und mitteleuropäischen, daß

also nur eine viel kürzere Fütterungszeit zur Verfügung steht, etwa

12 Stunden, statt 16–18. Wir sehen ja, daß Spätbruten in vorgerückter

Jahreszeit, auch wenn es noch Kerbtiere genug gibt, bei uns immer nur

Schwächlinge liefern, die dem Kampfe ums Dasein nicht gewachsen sind.

Jungvögel solcher Arten brauchen eben naturnotwendig eine zeitlich

ausgedehnte Fütterung.

Wer und was sagt aber unsern Brutvögeln im Herbst, daß es nun Zeit

sei zum Aufbruch nach dem milderen Süden? Man denkt natürlich auch

hier zunächst an den allmählich sich geltend machenden Nahrungsmangel,

und in vielen Fällen trifft dies ja auch zu. Es gibt aber doch eine

ganze Reihe von Arten, die schon zu einer Zeit aufbrechen, wo es

noch Kerbtiere und andere Nahrung in Hülle und Fülle gibt, sie also

unmöglich Hunger leiden können. Eine andere Frage ist es freilich,

ob ihnen auch ihre +Lieblings+nahrung noch in genügender Menge und

erwünscht leichter Zugänglichkeit zur Verfügung steht. Über diesen

Punkt — viele Vögel sind recht leckerhafte und wählerische Geschöpfe

— wissen wir aber noch viel zu wenig, als daß wir hier ein sicheres

Urteil zu fällen vermöchten. Wenn die stürmischen Segler nach geradezu

hastig vollendetem Brutgeschäft schon anfangs August verschwinden,

so gibt es freilich noch Kerfe in Menge. Ob aber auch die winzigen

Vertreter der Insektenwelt, die sich in den höheren Luftschichten

tummeln und die Lieblingsnahrung des „Vogels Wupp“ bilden, wie der

unvergeßliche Hermann Löns die Turmschwalbe so treffend genannt

hat? Für den zeitigen Abzug der alten Kuckucke läßt sich schon eher

eine einleuchtende Erklärung finden, denn die behaarten Raupen, die

sie mit großer Vorliebe fressen und durch deren Vertilgung sie so

forstnützlich werden, verpuppen sich im Hochsommer, stehen also nicht

mehr zur Verfügung. Zum wirklichen oder scheinbaren Nahrungsmangel

kommen nun aber noch mancherlei Gründe hinzu. Da ist zunächst die

abnehmende Besonnung. Der Sonnentage werden immer weniger, und die

große Mehrzahl unserer Vögel gehört nun einmal zu den ausgesprochenen

Sonnenfreunden, die die wärmende und belebende Wirkung der Strahlen

des Tagesgestirns nicht entbehren können. Die Tage werden immer

kürzer, und damit vermindert sich die für die tägliche Nahrungssuche

zur Verfügung stehende Zeit in geradezu beängstigendem Maße. Die

Zärtlinge unter unseren gefiederten Freunden können nur wenige Stunden

hungern, ohne an Leib und Leben Schaden zu nehmen. Der erfahrene

Liebhaber beleuchtet abends künstlich die Käfige seiner Gelbspötter und

Sumpfrohrsänger, denn er weiß, daß diese Vögelchen sonst sehr rasch

von Kräften kommen und die gefährliche Wintermauser nicht überstehen

können, wenn sie nicht täglich etwa 12 Freßstunden haben, wie dies

ja auch in ihren tropischen Winterquartieren der Fall ist. Weiter

tritt auch hier die Abhängigkeit des Vogels von der Pflanzenwelt

klar in Erscheinung. Sobald die Pflanzen absterben, fehlen auch die

an ihnen lebenden Insekten, und sobald die Beeren- und Samenernte

aufgezehrt ist, muß auch der Körnerfresser wandern oder streichen,

um noch nicht ausgeplünderte Gegenden aufzusuchen. Das Gedeihen oder

Mißraten gewisser Sämereien beherrscht den ganzen Strich, wobei wir

nur an die auf Nadelholzzapfen angewiesenen Kreuzschnäbel zu denken

brauchen. Die dicke Herbstluft wird den meisten Vögeln auch nicht

gerade angenehm sein, und die ersten ernstlichen Frostnächte bewirken

einen geradezu fluchtartigen Abzug aller derer, die sich bei ihrem

gemütlichen Herbstbummel verspätet haben. Ich glaube weiter an einen

niederdrückenden Einfluß der im Herbst besonders zahlreich auftretenden

Nebel auf das Vogelgemüt. Es wird ihnen dann zu ungemütlich. Leiden

doch selbst wir Menschen, die wir doch viel weniger wetterempfindlich

beschaffen sind als die Vögel, ersichtlich unter dem verstimmenden

Einfluß der Herbstnebel, die das Licht abschließen und beklemmend auf

unser ganzes Nervensystem einwirken. Es ist die wehmütige Zeit des

Sterbens in der Natur, das freilich eigentlich gar kein Sterben ist,

sondern nur ein Ausruhen zum Aufspeichern neuer Kraft.

[Illustration: +Kreuzschnabel+

Typus des „Zigeunervogels“, aus dem der Zugvogel hervorging (Photo F.

Mielert D.L.N.)]

Wenn auch die Zugvögel auf ihren Wanderungen vom Zuginstinkt

vollständig beherrscht werden, neben dem der Fortpflanzungsinstinkt

völlig erloschen ist und selbst der Nahrungsinstinkt sehr zurücktritt,

so darf man deshalb doch nicht glauben, daß die Vögel ihre Wanderungen

sozusagen ganz blindlings vollziehen, und daß sie nicht imstande

wären, sich dabei veränderten Verhältnissen anzupassen. Der Zug

vollzieht sich also nicht rein schablonenmäßig, wie wir ja schon

aus dem Verhalten der Vögel bei verschiedener Witterung schließen

können. Aber auch die Tierseele selbst hat dabei mancherlei Wandlungen

durchzumachen. Wenn hochnordische Vögel zu uns kommen, die in ihrer

öden Heimat die Tücke des Menschen noch nicht kennen lernten, so

verblüffen sie uns förmlich, wenigstens in den ersten Tagen nach ihrer

Ankunft, durch ihre Zutraulichkeit. Ich habe in dieser Beziehung

die tollsten Sachen erlebt. Die prächtigen Hakengimpel, die ich in

einem meiner ostpreußischen Winter sehr zahlreich beobachten konnte,

kümmerten sich überhaupt nicht um den Menschen, und wenn sie auf

irgend einem Baume eingefallen waren, konnten die Dorfjungen ruhig am

Stamme heraufklettern, ihnen eine an einem Stock befestigte Schlinge

über den Kopf legen, sie so herunterziehen und dieses Spiel mehrmals

hintereinander wiederholen, ehe der Rest des Schwarms sich zum

Abstreichen entschloß. Einmal stand ich in Gesellschaft des jetzigen

Museumsdirektors Jacobi in Dresden an einem großen Wiesentümpel bei

Rossitten, als plötzlich zwei Wassertreter angeschwirrt kamen und

sich dicht vor uns niederließen. Wir konnten noch einige Schritte

näher herangehen, ohne daß sie fortflogen, und es war ein reizender

Anblick, wie die winzigen Federbällchen auf dem Wasser herumschwammen

und schließlich bis an unsere mit Tran eingeriebenen Stiefel gelangten

und nun eifrig an ihnen herumpickten. Wir wagten kaum zu atmen, um das

köstliche Bild nicht zu zerstören, sanken dabei aber immer tiefer in

den Sumpf ein, und erst als wir es nicht länger in unserer unbequemen

Stellung aushalten konnten und mit großem Geräusch unsere Stiefel

aus dem Schlamm herausziehen mußten, da strichen die lieblichen

Vögelchen mit klirrenden Rufen ab. Bekannt ist es ja auch, daß die

Seidenschwänze und die schlankschnäbeligen sibirischen Tannenhäher in

die plumpsten Fallen gehen und daß die Isländischen Strandläufer den

ungedeckten Schützen auf freiem Gelände auf jede beliebige Entfernung

herankommen lassen. Auch die Birkenzeisige sind überaus zutraulich,

und wenn die großen nordischen Gimpel bei uns eintreffen, kann man

sofort feststellen, daß sie lange nicht so ängstlich sind wie unsere

kleineren Brutgimpel. Aber das Bild ändert sich, sobald die Tiere

die Tücke des Menschen kennen gelernt haben, und es dauert gar nicht

lange, dann werden die anfangs so vertrauten Strandläufer, nordische

Enten usw. sogar recht scheu. Und wiederum ändert sich das Bild, sobald

die gefiederten Reisenden weiter südlich in mohammedanische Länder

kommen, da der Mohammedaner bekanntlich den Tieren nichts zuleide tut,

solange dies nicht für seine eigene Lebenserhaltung notwendig ist.

Die Raubvögel verlieren dort jede Scheu vor dem Menschen, und Reiher

und Störche laufen unbefangen im belebtesten Marktgewühl herum, um

Fleischabfälle zu ergattern.

Der Einfluß der +Witterung+ auf den Vogelzug ist früher zweifellos

überschätzt worden, aber noch zweifelloser wird er gegenwärtig, wo

man sich in allzu einseitiger Weise in den Beringungsversuch verbohrt

hat, stark unterschätzt. Es gibt heute viele Vogelzugsforscher, die

überhaupt jeden Einfluß der Witterung auf den Vogelzug leugnen und

infolgedessen Wetternotizen bei ihren Aufzeichnungen kaum noch machen.

Das ist sicherlich verfehlt. Wir wissen doch, wie sehr die Tierwelt

einschließlich des Menschen in ihrem Wohlbefinden und in ihrer Stimmung

von der Witterung abhängig ist, und in besonders hohem Maße muß dies

bei Geschöpfen zutreffen, deren Körper Luftsäcke enthält und deren

Knochen teilweise mit Luft gefüllt sind, wie dies bei den Vögeln der

Fall ist. Wer den Vogelzug nicht aus Büchern, sondern in der freien

Natur studiert, der kommt bald zu der Überzeugung, daß die jeweilige

Witterung dabei eine recht bedeutende, oft sogar eine ausschlaggebende

Rolle spielt. Jeder Schnepfenjäger weiß ja, daß er bei lauem, feuchtem

Frühlingswetter mit leisem Südwestwind gute Aussichten auf dem

Schnepfenstrich hat, während es ihm gar nicht einfallen wird, bei

kaltem Frost oder Schneefall sich auf die Langschnäbler anzustellen,

auch wenn die richtige Jahreszeit schon längst da ist. Ebenso wissen

die italienischen Vogelfänger aus der Wetterlage ganz genau, wann es

sich lohnt, die kleine Hütte bei ihrem Roccolo zu beziehen oder wann

nicht. Dieselben praktischen, aus langjähriger Erfahrung gesammelten

Kenntnisse haben auch die Krähenfänger auf der Kurischen Nehrung,

die aus den Witterungsverhältnissen mit größter Sicherheit schließen

können, ob sie einen guten Fang zu erwarten haben oder nicht. Auf

der Insel Zante bezeichnet man nach den Mitteilungen des bekannten

Mittelmeerforschers Erzherzog Ludwig Salvator eine bestimmte Wetterlage

geradezu als „Turteltauben-Wetter“, weil nur bei dieser Witterung

die ersehnten Turteltauben sich massenhaft einstellen. Ähnliches

gilt von den Wachtelzügen an den nordafrikanischen, italienischen

und syrischen Küsten oder von den großen Lerchenzügen in der Gegend

von Palermo, wo das Volk gleichfalls eine bestimmte Wetterlage als

„Lerchenwetter“ bezeichnet und an solchen Tagen mit der Ankunft von

etwa einer Million Lerchen rechnet, ebenso wie man im Golf von Smyrna

von „Schnepfenwetter“ spricht.

[Illustration: +Seidenschwanz+

ist im hohen Norden heimisch; kommt als Wintergast in manchen Jahren

sehr zahlreich nach Mitteleuropa (Photo Hubert Schonger)]

Ich gehe soweit, den Vögeln sogar eine gewisse +Vorausahnung+ des für

sie günstigen oder ungünstigen Wetters zuzuschreiben, und behaupte,

daß sie sich nach diesen Ahnungen bei ihrem Zuge richten. Das ist

natürlich nicht so gemeint, als ob die Vögel auf Wochen oder gar

Monate das Wetter vorausahnen, wie manche Leute glauben, daß also etwa

ein frühes Erscheinen von Wintervögeln auf einen strengen und harten

Winter schließen lasse oder ein zeitiges Eintreffen der gefiederten

Lenzesboten auf einen frühen und schönen Sommer. Wohl aber ahnen die

Vögel nach meinen Erfahrungen das Wetter auf 6–24 Stunden voraus und

zeigen namentlich plötzliche Wetterumschläge oder Wetterkatastrophen

mit ziemlicher Sicherheit für diesen Zeitraum an. So heißt es z.

B. in meinem Rossittener Tagebuch vom 3. Oktober 1895: „Bis mittag

Südostwind und heiteres Wetter, großartiger Zug von Krähen, Turmfalken

und Buchfinken. Am Mittag bricht der Zug plötzlich ab, und eine Stunde

später schlägt der Wind in einen böigen West um und bezieht sich der

Himmel mit dicken Regenwolken. Vom 4. bis 8. tobt dann ein furchtbarer

Sturm aus Westen und Südwesten!“ Die Zugvögel haben also offenbar

den schroffen Wetterumschlag und den orkanartigen Sturm vorausgeahnt

und deshalb ihren Zug jählings unterbrochen. Auch das Umgekehrte

kommt vor. So berichtet der bekannte bayrische Vogelforscher Pfarrer

Jäckel, daß am 24. und 25. Februar noch ungeheure Schneemassen sein

Beobachtungsgebiet bedeckten, daß trotzdem aber bereits die ersten

Lerchen erschienen, und daß gleich darauf der Wind nach Süden umschlug,

Tauwetter eintrat und mit dem Regen und der milderen Luft nun plötzlich

ein starker Vogelzug einsetzte, namentlich von Lerchen, deren Lieder

bald die ganze Gegend erfüllten. Hier haben die Lerchen also offenbar

den Umschlag vom winterlichen zum milden Frühlingswetter vorausgeahnt

und daraufhin ihren Zug wieder aufgenommen.

[Illustration: +Vogelzug im Pontisch-Kaspischen Gebiet+]

Am meisten gestritten worden ist über die Frage, ob die Vögel mit dem

+Winde+ ziehen oder gegen ihn. Kein Geringerer als Alfr. Edm. Brehm

vertrat die Ansicht, daß die Vögel auf ihren Wanderungen gegen den

Wind fliegen, weil es ihnen im umgekehrten Falle unangenehm sei, wenn

der Wind ins Rückengefieder blase. In der Tat kann man ja an jedem

Käfigvogel leicht feststellen, wie zuwider es ihm ist, wenn man ihm

Luft aufs Rückengefieder bläst, aber beim Vogelzug kommt das kaum in

Betracht, da der Durchschnittszugvogel schneller fliegt als eine starke

Windböe. Es ist auch richtig, daß größere Wasservögel stets gegen den

Wind auffliegen, selbst wenn sie sich dabei dem Jäger noch etwas nähern

müssen. Wer sie aber weiter mit dem Auge verfolgt, wird bald bemerken,

daß sie umschwenken, sobald sie eine gewisse Höhe erreicht haben, und

nun mit dem Winde viel schneller davonziehen. Jedenfalls kann der

mit dem Winde ziehende Vogel eine erheblich größere Geschwindigkeit

entwickeln als der gegen den Wind anfliegende, denn bei ihm würde dann

die Zugsgeschwindigkeit gleich sein der Eigengeschwindigkeit zuzüglich

der Windgeschwindigkeit. Bei dem gegen den Wind ziehenden Vogel

dagegen wäre die Zugsgeschwindigkeit gleich der Eigengeschwindigkeit,

vermindert um die Windgeschwindigkeit, also bedeutend geringer als im

ersten Falle. Im allgemeinen werden demnach die Vögel mit dem Winde

ziehen, was auch mit der praktischen Beobachtung übereinstimmt, da

sie ja einen großen Vorteil davon haben. Nur darf man den Einfluß

des Windes nicht überschätzen. Um schwachen Wind kümmern sie sich

im allgemeinen wenig, haben es sogar ganz gern, wenn ein solcher

schräg von der Seite bläst oder lavieren gegen Gegenwind an, so daß

ich manchmal auf der Kurischen Nehrung förmliche Zickzackbänder von

ziehenden Vögeln sich durch die Luft wälzen sah. Erst stärkere Winde

üben einen Einfluß aus. Im allgemeinen sind es also im Herbst Nordost-

und im Frühling Südwestwinde, die dem Vogelzug in unseren Breiten

förderlich sind, und da jene Kälte, diese aber Wärme mit sich zu

bringen pflegen, kann man auch einen gewissen Zusammenhang zwischen

Vogelzug und Temperatur feststellen, der an sich aber gleichfalls

keinen allzu großen Einfluß ausübt. Immerhin hat das oft so scharf

beobachtende Volk recht, wenn es die im Spätherbst über unsere Fluren

ziehenden Wildgänse als „Schneegänse“ bezeichnet, obwohl diese Tiere

mit den echten Schneegänsen nichts zu tun haben, sondern in der Regel

nordische Saatgänse sind. Sie sind aber häufig genug Vorboten von Frost

oder Schnee. Noch in dem launischen Dezember 1927 konnte ich sehr

hübsche Beobachtungen dazu machen. In Württemberg hatten sowohl die

Wetterwarten als auch die Tageszeitungen mildes Regenwetter für die

nächsten Tage vorausgesagt — aber es flogen große Züge von Schneegänsen

über meinen damaligen Aufenthaltsort Murrhardt, und denen traute ich

mehr. Sie waren auch tatsächlich die zuverlässigeren Wetterkundigen,

denn in den nächsten Tagen trat starker Frost und schwacher Schneefall

ein, von Regenwetter keine Spur.

Vögel auf der Reise · 第 2 / 7 段