Mit Löns und Kurt Graeser bin ich der Ansicht, daß nicht der

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1928 so weit

wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler

wurden stillschweigend korrigiert.

Alle Anmerkungen über die 'Kosmos'-Gesellschaft wurden der

Übersichtlichkeit halber am Ende des Buches zusammengefasst.

Der Originaltext wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere

Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden

Symbole gekennzeichnet:

unterstrichen: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

####################################################################

~KOSMOS-BÄNDCHEN~

~VÖGEL AUF DER REISE~

Vögel auf der Reise

Von Dr. Kurt Floericke

Mit einem farbigen Umschlagbild von

+Kurt Bessiger+ und 17 Abbildungen

[Illustration]

Stuttgart

Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde

Geschäftsstelle: Franckh’sche Verlagshandlung

Nachdruck verboten

Alle Rechte, auch das Übersetzungsrecht, vorbehalten

~Copyright 1928

by Franckh’sche Verlagshandlung, Stuttgart

Printed in Germany~

Druck von Holzinger & Co., Stuttgart

Es ist doch etwas Wunderbares um den Vogelzug! Mit packender

Eindringlichkeit und fast greifbar deutlich rollt er sich in

großartiger Anschaulichkeit zweimal jährlich vor unseren Augen ab,

und doch ist er noch immer vom Zauber des Geheimnisvollen umwoben und

selbst für das Forscherauge mit schier undurchdringlichen Schleiern

umhüllt. Er tritt so unmittelbar an uns heran wie wenige andere

Vorgänge der Natur, gibt ganzen Jahreszeiten das sie kennzeichnende

Gepräge, belebt unsere Einbildungskraft, reizt unseren Verstand, und

doch können wir ihm trotz regster Forschungsarbeit nicht recht näher

kommen, und die Gelehrten vermochten nur hier und da den Schleier

ein wenig zu lüften. Die letzten und größten Rätsel liegen ja im

Zugvogel selbst, in seinem Triebleben und in seiner Psyche, und deshalb

erscheinen sie für den Menschen so unergründlich. Wer sich aber erst

einmal planmäßig und wissenschaftlich vertieft mit den vielgestaltigen

Fragen des Vogelzugs beschäftigt hat, den lassen sie einfach nicht

wieder los, der ist ihnen zeitlebens sozusagen mit Haut und Haar

verfallen. Glaubt man der einen Frage auf den Grund gekommen zu sein,

gleich türmt sich ein halbes Dutzend anderer hinter ihr auf. Es ist wie

der Kampf des Herkules gegen die lernäische Schlange, der aus jedem

abgehauenen Kopf zwei neue hervorwuchsen. Seit 40 Jahren beschäftige

ich mich nun mit dem Problem des Vogelzuges, bin den Zugvögeln auf

ihren Heeresstraßen nach milderen Ländern nachgereist, konnte eingehend

an so hervorragend günstigen Plätzen, wie Rossitten, Lenkoran, Tanger

u. a., beobachten, und doch, je mehr ich mich in die Sache vertiefe,

um so mehr komme ich zu der Überzeugung, daß all mein heißes und

jahrzehntelanges Bemühen mich der Wahrheit nur um einen winzigen

Schritt näher gebracht hat. Es ist unter solchen Umständen natürlich

ganz unmöglich, die mannigfach verschlungenen und verkapselten Rätsel

des Vogelzuges im knappen Rahmen eines Kosmosbändchens auch nur

einigermaßen erschöpfend zu behandeln. Ich kann vielmehr nur einige

jener Fragen, die sich dem Naturfreund erfahrungsgemäß besonders

aufdrängen, herausgreifen und kurz schildern, was wir nach dem

gegenwärtigen Standpunkte der Vogelforschung darüber wissen.

Auch der stumpfsinnigste Philister wird unwillkürlich aufgerüttelt,

wenn unter dem trüben Novemberhimmel plötzlich die lauten Schreie

ziehender „Schneegänse“ ertönen und er beim Aufblicken die großen

Vögel selbst erspäht, wie sie in schön geordneter Keilform mit

zielbewußten Schwingenschlägen ihrem fernen Ziele zustreben. Oder

wie greift es ans Gemüt, wenn die gellenden Trompetenrufe wandernder

Kranichgeschwader erschallen! Was trieb die Zugvögel zu pünktlichem

Aufbruch, was leitet sie auf ihrer weiten Reise, welche Abenteuer mögen

sie auf ihr erleben, welche Strecken täglich zurücklegen, wo befindet

sich ihr Endziel, und wer sagt ihnen im nächsten Frühjahr, daß es nun

Zeit sei zur Heimkehr nach den Brutplätzen? Fragen über Fragen! Wie

freut sich selbst der naturfremde Mensch unseres Maschinenzeitalters,

wenn im Frühjahr wieder die ersten Schwalben durch die Luft schießen

und die alten trauten Lehmnester fröhlich umzwitschern, oder wenn im

Walde der Kuckuck zum ersten Male wieder seinen klangvollen Namen

ruft! Wo ist er den Winter über geblieben, wer zeigte ihm, der doch

seine Erzeuger niemals kennen lernte, den richtigen Weg über ferne

Gebirge und Meere, durch Wüsten und Urwälder? Fragen über Fragen!

Und wie jubelt alt und jung, wenn eines schönen Tages Freund Adebar

wieder schnabelklappernd in seiner heimatlichen Reisigburg steht!

Aber welcher Mensch vermöchte mit der gleichen unfehlbaren Sicherheit

wie der rotstrumpfige Langbein ohne Zögern und Schwanken den endlosen

Weg von der südafrikanischen Steppe bis ins niederdeutsche Dörflein

zurückzufinden! Und doch beseelt ein Gefühl des Stolzes immer wieder

den Vogelkenner, der in den laternenhellen, kohlendampfigen Straßen

der Großstadt nächtlicherweile vom finsteren Himmel herab die vollen

Flötenpfiffe der Regenpfeifer und Schnepfenvögel vernimmt und der als

„vogelsprachekundig“ danach jeden einzelnen zu erkennen und deutlich

im Geiste vor sich zu sehen vermag und der zugleich weiß, daß sie

dem äußersten Norden entstammen, und daß nun die stählerne Kraft

ihrer Schwingen sie mit rasender Eile dahinträgt über weite Länder

und Meere bis ins innerste Afrika hinein oder selbst noch darüber

hinaus. Unten hämmert’s in Fabriken und erfindenden Menschengehirnen,

und hoch über ihnen zieht der scheidende Sommer mit spöttischem

Abschiedsgruß in ein glücklicheres Land. Freilich, die meisten

merken gar nichts davon. — So ist die Vogelzugsforschung nicht nur

unendlich schwierig, sondern auch unendlich reizvoll. Sie ist das

richtige Arbeitsfeld gerade für den echten Naturforscher, der seine

Tätigkeit nicht auf Hörsaal und Laboratorium beschränkt, sondern sich

auch draußen zurechtzufinden versteht, mit der Flinte umzugehen weiß

und etwas vom Wesen des Trappers an sich hat. Die rauhe Schale der

Vogelzugsforschung birgt einen unendlich süßen Kern, und auch nur ein

winziges Stückchen davon verkosten zu dürfen, bedeutet herrlichen

Hochgenuß, ist wohl ein arbeitsreiches Leben wert. Wer sich eingehend

mit der Vogelzugsforschung befaßt, bleibt Idealist, muß es bleiben und

ist gefeit gegen den öden Materialismus unserer Zeit.

Wenn die ungemein lebhafte Tätigkeit auf dem Gebiete der

Vogelzugsforschung im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts nicht

so reiche Früchte trug, als man eigentlich hätte erwarten dürfen, so

liegt die Schuld in der Hauptsache mit daran, daß man viel +zu sehr

verallgemeinerte+ und deshalb Fragen aufwarf, deren befriedigende

Beantwortung überhaupt unmöglich ist. Selbst heute noch haben sich

viele Vogelforscher von diesem Grundfehler nicht freimachen können. In

Wirklichkeit liegen die Dinge nämlich so, daß der Zuginstinkt, der die

Vögel im Herbst gen Süden jagt und im Frühjahr in die alte Brutheimat

zurückkehren läßt, bei den einzelnen Vogelarten in ganz verschieden

hohem Maße ausgeprägt ist. Dasselbe gilt auch von der Fähigkeit des

Sichzurechtfindens, von der Begabung, die vielen Gefahren beim Zuge und

die durch Wind und Wetter verursachten Schwierigkeiten zu überwinden.

Die beliebten, schon so oft und heiß umstrittenen Fragen „Ziehen die

Vögel mit dem Winde oder gegen den Wind?“, „Wandern die Vögel in

breiter Front oder auf schmalen Zugstraßen?“, „Werden Hochgebirge

überflogen oder umgangen?“, „Ziehen Junge und Alte gemeinsam oder

getrennt?“ usw. beruhen alle auf einer falschen Grundeinstellung und

sind deshalb in dieser Form überhaupt nicht zu lösen. Jede Vogelart —

selbst ganz nahe verwandte Formen verhalten sich in dieser Beziehung

oft völlig verschieden — erfordert also in ihren Zugsverhältnissen

eine gesonderte Betrachtung, eine eigene Untersuchung, und dadurch

wird das ohnehin schon so vielgestaltige Problem natürlich noch

viel verwickelter. Die Würgerarten z. B. sind recht weichliche

Zugvögel, aber der Raubwürger ist ein winterharter Standvogel;

die beiden Goldhähnchen sind sich so ähnlich und stimmen in ihren

Lebensgewohnheiten so vollkommen überein, daß ihre Artverschiedenheit

erst durch Chr. Ludwig Brehm entdeckt wurde, aber das eine ist

ein ausgesprochener Zug-, das andere ein Stand- oder höchstens

Strichvogel. Wir können also niemals sagen: „Die Vögel ziehen in

breiter Front“ oder „Die Vögel wandern auf engbegrenzten Zugstraßen“,

sondern wir können höchstens sagen und +beweisen+ „Die Rotkehlchen

wandern in breiter Front“ oder „Die Störche halten bestimmte Zugstraßen

ein“. Wir können auch niemals behaupten „Die Vögel überfliegen die

Hochgebirge“ oder „Die Vögel weichen den Hochgebirgen aus“, sondern

wir können nur behaupten und +beweisen+ „Drosseln und Finken ziehen

auch über Hochgebirge hinweg“, oder „Die Störche vermeiden auf ihrer

Wanderung die Hochgebirge durchaus“.

Auch zwischen +Wanderung+ und +Zug+ müßte schärfer unterschieden

werden, als dies bisher der Fall ist. Wenn nordische Schwimmvögel

auf dem Meere dem Vorrücken der Eisberge ausweichen und so ganz

allmählich immer weiter nach Süden gedrängt werden, wenn Hakengimpel

oder Seidenschwänze bei Mangel geeigneter Nahrung im Norden solche

allmählich immer weiter südlich suchen, so ist das nicht Zug, sondern

Wanderung. Als solche fasse ich es auch auf, wenn sonst durchaus

seßhafte Vögel wie schlankschnäblige Tannenhäher oder Steppenhühner

plötzlich durch irgend welche Ursachen zum Verlassen ihrer Brutheimat

genötigt werden und nun in gewaltigen Mengen, aber planlos sich

westwärts in Bewegung setzen. Es ist, als seien sie von einem Dämon

besessen, so drängt es sie immer weiter westwärts und läßt sie nirgends

zur Ruhe kommen, bis sie in gewöhnlich schon völlig aufgelösten

und zersprengten Verbänden das Meer erreichen und in dessen Fluten

schließlich ein sang- und klangloses Ende finden. Namentlich bei den

berühmten großen Steppenhuhneinfällen der Jahre 1863 und 1888 hat man

von einer Rückkehr der fremden Gäste so gut wie nichts wahrgenommen,

sondern die Teilnehmer der Heerfahrt sind offenbar ausnahmslos kläglich

zugrunde gegangen. Die Zugs- und Ortsinstinkte sind bei diesen Vögeln

nicht so entwickelt, daß sie sich mit Sicherheit zurückfinden könnten,

sondern sie wandern sich nach Art der Lemminge einfach zu Tode. —

Unter echtem Zug verstehe ich also nur das alljährliche regelmäßige

Vertauschen der Brutheimat mit einer ganz bestimmten Winterherberge

und umgekehrt. Die hierher gehörigen Vögel werden zur Zugzeit von

ihren Zuginstinkten vollkommen beherrscht, wie wir dies in schärfster

Ausprägung beim Turmsegler sehen können. Der gekäfigte Zugvogel, dem

doch Nahrung und Wärme reichlich zur Verfügung stehen, tobt zur

Zugzeit wie unsinnig gegen das Drahtgitter, obwohl er damit nichts

erreicht, als sich das Gefieder zu zerschlagen oder sich gar blutig

zu stoßen. Aber der Zugtrieb hat ihn derart in der Macht, daß er sich

des Törichten seiner Handlungsweise gar nicht bewußt werden kann,

sondern blindlings diesem gewaltigen Instinkte gehorchen muß. Bei

bloßen Wandervögeln dagegen ist von irgendwelcher Unruhe im Käfig im

Frühjahr und Herbst keine Rede, denn ihr Wandern ist ja nichts als ein

mehr gelegentliches, mehr oder minder ausgedehntes Ausweichen vor den

Unannehmlichkeiten einer gewissen Jahreszeit.

[Illustration: +Sibirischer Tannenhäher+

macht unregelmäßige, großartige Wanderungen westwärts nach Europa, die

gewöhnlich mit Sonnenfleckenperioden zusammenfallen (Photo F. Mielert

D.L.N.)]

Da zieht eine Schar Kraniche hoch über den Kirchtürmen, aber gut

sichtbar unter dem finsteren Herbstgewölk in der bekannten Keilform

übers Städtchen, und ihre gellenden Trompetenrufe lenken die

Aufmerksamkeit auch solcher Leute auf die großen Vögel, die sonst wenig

Sinn und Verständnis für die Vorgänge in der freien Natur haben.

Selbst dem oberflächlichsten Beobachter wird dabei die eigenartige

+Keilform+ der gefiederten Wanderschar auffallen, die wir auch bei

ziehenden Gänsen, Enten, Regenpfeifern u. a. finden, und er wird sich

fragen, welchen Zweck sie wohl haben mögen. Zweifellos den der besseren

Kraftverwertung! Eckardt, der die Keilform als ein „aeromechanisch

untrennbares Ganzes“ auffaßt, das wie ein geschlossenes Luftschiff

dahineilt, hat durch umständliche Berechnungen nachgewiesen, daß

hierdurch die Überwindung des Luftwiderstandes um nicht weniger

als zwei Drittel erleichtert wird. Das bedeutet natürlich für

schwerfälligere Vögel auf dem Zuge einen großen Vorteil. Sehen wir

näher hin, so bemerken wir auch, daß jeder fliegende Vogel seinen

Vordermann nach außen hin um ein gutes Stück überragt, wodurch er

freies Gesichtsfeld nach vorne behält und ein Aufprallen auf den

Vordermann vermieden wird, falls dieser mal einen Augenblick stockt.

Es ist klar, daß der an der Spitze des Keils fliegende Vogel die

schwerste Arbeit zu leisten hat, und es wird deshalb in der Regel

ein besonders kräftiges altes Männchen diesen Platz einnehmen. Viele

Vogelforscher sind der Ansicht, daß die Vögel während des Fluges mit

der Besetzung dieses Spitzenplatzes öfters abwechseln. Das klingt zwar

nicht unwahrscheinlich, gesehen habe ich es aber noch nie, so zahllose

ziehende Keilgeschwader ich in meinem Leben auch schon beobachtete.

Noch wahrscheinlicher erscheint es mir, daß beim Aufbruch am nächsten

Morgen ein anderes Männchen sich an die Spitze setzt, damit der Führer

des vorangegangenen Tages es nun etwas leichter hat.

Mit langsamen, aber wuchtigen und tief ausholenden Schwingenschlägen

ziehen die Kraniche ihre pfadlose Bahn durch das unendliche Luftmeer.

Unter ihnen entrollt sich das Erdenbild auf weite Strecken hin wie eine

Landkarte, und sie genießen denselben Anblick wie ein in bescheidener

Höhe und stets unter der Wolkendecke sich haltender Flieger. Aber

ihre Augen sind weit schärfer als die menschlichen, vermögen auch die

geringfügigsten Einzelheiten zu erspähen und reichen viel weiter. Zwar

ist die Erdoberfläche in Herbstdünste gehüllt und die Aussicht dadurch

stark getrübt, aber das macht den Vögeln nichts aus. Die roten und

gelbroten Ölkügelchen auf der Netzhaut ihrer Augen ermöglichen ihnen

bei Tage ein viel schärferes Sehen als anderen Geschöpfen, und klar

dringen ihre Blicke durch den Erdendunst hindurch. Gegen wirklichen

und dicken Nebel freilich sind auch die wie farbige Filter wirkenden

Ölkugeln ohnmächtig.

Aufmerksam spüren die Augen des führenden Kranichs die unter ihm

befindliche Erdoberfläche ab. Von früheren Reisen her altvertraute

Erinnerungsbilder werden in ihm wach und gestalten sich zu wertvollen

Richtmarken. Die jungen Kraniche aber, die die große Herbstreise zum

erstenmal machen, folgen blindlings der Leitung des alterfahrenen

Stammesoberhauptes. Aha, da ist ja die alte Burgruine auf dem steilen

Basaltkegel mitten in der Ebene! Und wenn man gerade über ihr schwebt,

muß man auch schon den großen Strom erblicken, den es zu überqueren

gilt, um die heutige Raststation zu erreichen. Fern am Horizont blitzt

schon der ersehnte Wasserspiegel auf. Man ist also auf dem richtigen

Wege. Kranichvater läßt einen befriedigten Schrei erschallen, und mit

leiserem Gurren und Piepen antworten ihm die Jungvögel. Jetzt aber

wird der Wind unangenehm. Er bläst steif von vorn und erschwert die

ermüdende Flugarbeit. Vielleicht, daß es in einer höheren Luftschicht

besser ist und es sich da leichter fliegt. Auf ein Zeichen des Führers

hin schrauben sich die Kraniche 200 bis 300 Meter höher, und in dieser

Luftschicht ist allerdings der lästige Gegenwind kaum noch zu spüren.

Dafür ist aber die Erde weiter entfernt, und man muß um so schärfer

auf die Kennzeichen des Weges aufpassen. Jetzt muß gleich der kahle

Hügel mit den Windmühlen kommen. Aber was ist das? Der Hügel ist wohl

da, aber die Windmühlen fehlen, die man doch seit vielen Jahren immer

wieder überflog. Höchst verdächtig! Sollte man irre geflogen sein?

Jedenfalls muß die Sache näher untersucht werden. Die Kranichschar geht

also bis auf 100 Meter herunter und kreist unter aufgeregtem Trompeten

mehrmals über dem verdächtigen Platz. Aber so sorgsam auch hundert

scharfe Kranichaugen herunterspähen, es ist nichts Gefahrdrohendes zu

entdecken, und beruhigt schlägt der alte Kranich wieder die frühere

Richtung ein. Bald tauchen auch wieder altvertraute Erinnerungsbilder

auf und geben die beglückende Gewißheit, daß man den richtigen Kurs

nicht verfehlt hat. Etwas später heißt es besonders gut achtzugeben,

weil das nun folgende Stück der Zugstraße erst seit wenigen Jahren

beflogen wird und sich deshalb noch nicht so tief dem Gedächtnis

eingeprägt hat, noch nicht so häufig dem Jungvolk überliefert worden

ist. Man muß einen großen Bogen schlagen, auf dessen Sehne man in

früherer Zeit flog. Aber da war ein furchtbares Getöse auf der Erde, wo

sich die Menschen gegenseitig totschlugen, und der arglose Kranichzug

geriet mitten in das Geschützfeuer der tobenden Schlacht. Kranichvater

war damals auch schon dabei, und mit Entsetzen erinnert er sich noch

des grausigen Anblicks, wie die Gefährten vor und hinter ihm mit

zerschmetterten Leibern in die flammendurchzuckte Tiefe stürzten.

Seitdem meiden die Kraniche diese unheimliche Gegend und haben sich

andere Pfade gesucht. Es schadet ja weiter nichts, wenn dadurch die

heutige Raststation etwas später erreicht und der Dauerflug etwas

länger wird. Die Sicherheit des Lebens muß allem anderen vorangehen.

Endlich taucht vor den suchenden Augen der Kraniche das weite

Sumpfgelände auf, in dem sie schon so manches liebe Mal behagliche

Rast gehalten haben, und wird mit freudigem Geschrei begrüßt. Auf

einer für Menschen unzugänglichen großen Schlammbank wollen die Vögel

einfallen, aber in ihrer Vorsicht tun sie dies nicht ohne weiteres,

sondern umkreisen erst in immer niedriger werdenden Spiralen den

auserwählten Platz, um sich zu vergewissern, daß hier nirgends eine

Gefahr droht, insbesondere kein menschlicher Jäger versteckt ist.

Haben sich die großen Vögel dann endlich niedergelassen, so begeben

sie sich nach kurzer Pause zu Fuß auf die Nahrungssuche, um die

hungrigen Mägen zu füllen, nicht aber ohne vorher auf erhöhten Punkten

aufmerksame Wachtposten aufgestellt zu haben, die unablässig die

ganze Gegend durchspähen und beim geringsten Anzeichen von Gefahr das

Warnungszeichen geben. Zeitig begibt sich dann die ganze Gesellschaft

zur Ruhe, um die nötigen Kräfte zur Flugleistung des nächsten Tages zu

sammeln.

[Illustration: Der Storchenzug

‧‧‧‧‧‧‧‧ Ungefähre nördliche Brutgrenze ―――――― Die beiden großen

Zugstraßen — — — Hauptwinterquartier

(Für den Kosmos gezeichnet von R. Öffinger)]

In der eben geschilderten Weise etwa verläuft ein normaler Zugtag

bei am Tage wandernden größeren Vogelarten. Daß sie sich in der Tat

nach der wie eine Landkarte unter ihnen ausgebreiteten Erdoberfläche

richten und sich hauptsächlich mit Hilfe ihrer Augen zurechtfinden, das

habe ich oft genug und besonders genau an der Meerenge von Gibraltar

beobachten können. Ich wohnte damals in einem kleinen Landhause auf

dem Höhenzug hinter der Stadt Tanger. Vom Garten aus konnte ich einen

großen Teil der gegenüberliegenden spanischen Küste überblicken, und

namentlich die Stadt Tarifa trat bei günstiger Beleuchtung so greifbar

scharf hervor, daß man an manchen Häusern die Fenster zählen konnte.

In den ersten Morgenstunden tauchten bei Tarifa öfters gewaltige

Storchenheere auf, die wahrscheinlich in den großen Sümpfen des

Guadalquivir genächtigt hatten und die ich mit Hilfe des Feldstechers

vom Augenblick ihres Erscheinens an vortrefflich verfolgen konnte.

Sobald die Störche auf ihrem Wege die äußerste Spitze Europas erreicht

hatten, gerieten sie offensichtlich in Unruhe und schwangen sich

kreisend immer höher empor. Erst nach etwa halbstündigem Kreisen

ordneten sie sich neu (die Störche ziehen nicht in Keilform, sondern

etwa schwadronsweise) und kamen nun schnurstracks über das schmale Meer

herüber, und zwar in der Richtung auf den Leuchtturm am Kap Spartel,

ließen also Tanger links liegen. Auf meinen vielen Ritten längs der

Westküste Marokkos habe ich dann solche wandernde Storchenheere

verfolgen können bis in die Gegend südlich Mogadar und zum Kap Ghir, wo

sie die Meeresküste zu verlassen und landeinwärts abzubiegen scheinen.

Natürlich konnten die Störche auch ohne Höhersteigen von Tarifa aus das

Kap Spartel sehr gut erblicken; sie wollten sich aber, ehe sie das Meer

überquerten und sich dem fremden Erdteil anvertrauten, offenbar erst

noch über den weiteren Verlauf der in ihrer Zugrichtung streichenden

afrikanischen Küste unterrichten, und zu diesem Zweck erhoben sie sich

in höhere Luftschichten, um ihren Gesichtskreis zu erweitern. Auf

derselben Zugstraße fand ich übrigens auch zahlreiche andere Vogelarten

aus englischen, westskandinavischen und norddeutschen Brutgebieten,

besonders zahlreich z. B. die norwegische Form des Blaukehlchens.

Mit Löns und Kurt Graeser bin ich der Ansicht, daß nicht der Standvogel

der ursprüngliche Vogeltyp war, wie die meisten Vogelforscher ohne

weiteres annehmen, noch weniger natürlich der Zugvogel, sondern

vielmehr der Strichvogel, und zwar in der Ausprägung, die wir heute

als „+Zigeunervogel+“ bezeichnen. Hierher gehören aus unseren Breiten

namentlich die Kreuzschnäbel und der Rosenstar, in abgeschwächtem Maße

aber auch die Sumpfohreule und der Wachtelkönig, sogar der Kernbeißer,

der zur Aufzucht seiner Jungen Maikäfer haben will. Es sind dies

also Vögel mit stark spezialisierter Ernährungsweise, die planlos im

Lande herumzigeunern und sich da längere Zeit aufhalten oder zur Brut

schreiten, wo ihr Tisch besonders reich gedeckt ist. ~Ubi bene ibi

patria~, lautet ihr Wahlspruch. Ähnlich mögen es auch zahlreiche andere

Vogelarten in Urzeiten getrieben haben, und wahrscheinlich waren sie

zu einem solchen Herumzigeunern geradezu gezwungen, weil die Nahrung

sich ihnen sicherlich nicht in solcher Fülle und Übersichtlichkeit

darbot wie heute unter unseren kultivierten Verhältnissen. Wie noch

heute die Kreuzschnäbel abhängig sind vom mehr oder minder reichen

Zapfenansatz der Nadelwälder, wie die Rosenstare fast mechanisch den

Zügen der Wanderheuschrecken folgen müssen, so mußten damals viele

Arten hin- und herstreichen, um ihre Lieblingsnahrung in genügender

Menge vorzufinden. Man wende nicht ein, daß die Mehrzahl der heutigen

Vogelgattungen aus eidechsenartigen Vorfahren heraus doch schon in

der Tertiärzeit mit unglaublicher Schnelligkeit sich entwickelt

habe, daß während dieser Epoche Europa sich eines sehr milden, fast

tropischen Klimas erfreuen durfte, und daß demnach für Geschöpfe aller

Art doch beständig Nahrung in Hülle und Fülle vorhanden gewesen sein

müsse. Werfen wir vielmehr einen Blick auf die heutigen tropischen

und subtropischen Länder, so sehen wir, daß die Nahrungsquellen für

bestimmte Tiere sich ihnen nicht in geschlossener Masse, sondern

meist in starker Verzettelung darbieten, und daß ihr Anwachsen oder

Schwinden in hohem Maße abhängig ist von Regenfällen und anderen

meteorologischen Ereignissen. Wir sehen, wie sogar die Kolibris der

brasilianischen Urwälder beständig streichen, um jederzeit diejenigen

Blüten zu finden, denen ihr Organismus besonders angepaßt ist; wir

sehen, wie kleine Sittiche und viele Prachtfinken beständig hin- und

herziehen, um solche Landstriche aufzusuchen, denen befruchtender Regen

üppigen Graswuchs entlockt hat, so daß es da mehlhaltige Samenkörner

in unerschöpflicher Menge gibt; wir wissen, daß durch die Verteilung,

das Versiegen und Wiedererscheinen guter Tränkstellen selbst Säuger zu

Zigeunertieren werden, wie z. B. die großen Antilopenherden Ostafrikas.

Nichts hindert also die Möglichkeit der Vorstellung, daß ursprünglich

auch die Mehrzahl der europäischen Vögel eine ähnliche Lebensweise

geführt hat. Vielleicht hat gerade zu diesem Zweck die Natur dem

Vogel das Flugvermögen verliehen oder wurde es gerade durch diese

Notwendigkeit herausgebildet. Übrigens kühlte sich das Klima schon im

Pliozän wieder wesentlich ab, und es wird in Europa beim Ausklingen der

Tertiärzeit kaum viel anders gewesen sein als heutzutage. Das Wandern

war also für alle jene Lebewesen, die ihren Unterhalt nicht durch

eigene Arbeit dem Erdboden abzuringen oder durch einen Winterschlaf

über die schlimmste Zeit hinwegzukommen wissen, der gegebene Zustand.

Die Vögel zogen ihrer Schnabelweide nach, wobei Bequemlichkeit und

Wanderfähigkeit die Reichweite ihres Schweifens bestimmten. Sie waren

nur dann seßhaft, wenn das Fortpflanzungsgeschäft sie notgedrungen an

einen bestimmten Platz bannte. Die wiedergewonnene Freiheit und das

Überstehen des Federwechsels aber wurden sofort zu neuer Ungebundenheit

ausgenutzt, um die reichlichsten und leckersten Nahrungsquellen zu

besuchen. Immerhin müssen wir festhalten, daß der Vogel nur da seine

wahre und eigentliche Heimat hat, wo er das Licht der Welt erblickt und

selbst für die Vermehrung seiner Art sorgt. Dies gilt auch für solche

Arten, die wie Pirol und Turmsegler längere Zeit auf der Wanderung und

im Winterquartier verbringen als am Brutplatze und die man deshalb

gar nicht übel als „Sommerfrischler“ bezeichnet hat. Andererseits

können wir uns aber die Entstehung des Vogelzugs gar nicht besser

vor Augen führen, als wenn wir uns vergegenwärtigen, wie auf der Erde

jederzeit Überfluß und Mangel, Fruchtbarkeit und Öde, Wärme und Kälte

wechseln, so daß Geschöpfe, die keine Vorsorgewirtschaft treiben,

notgedrungen dem Hunger entfliehen und gedeckte Tische aufsuchen, also

wandern müssen. Standvögel im allerstrengsten Sinne des Wortes gibt es

überhaupt kaum, denn selbst bei einem so ausgesprochen seßhaften Vogel,

wie es z. B. der Kolkrabe ist, zigeunern doch wenigstens die noch nicht

fortpflanzungsfähigen Jungvögel im Lande herum, und es ist immerhin

bemerkenswert, daß sie dabei stets Gegenden aufsuchen, die südlich von

den Brutplätzen liegen.

Dann brachen die verschiedenen Eiszeiten herein, die auf dem Höhepunkt

ihrer Entwicklung über ganz Nordeuropa eine Eiskappe zogen und

auch von den südlichen Hochgebirgen her gewaltige Gletschermassen

vorschoben, so daß der für Vögel bewohnbare Raum zu einem schmalen

Gürtel zusammenschmolz, in dem überdies recht strenge Winter an der

Tagesordnung gewesen sein müssen. Natürlich setzten diese umwälzenden

Veränderungen nicht plötzlich und katastrophal ein, sondern ganz

langsam und allmählich, unmerklich sich auf Jahrtausende verteilend,

öfters auch durch Rückschläge unterbrochen. Ganz von selbst erhielt

aber dadurch das Streichen der Vögel mehr und mehr eine bestimmte

Richtung, nämlich nach Süden oder Westen, und in wärmere Länder,

während es bisher nach allen Richtungen der Windrose hin erfolgt

war. Aus dem Streichen wurde so allmählich ein Ziehen mit ganz

bestimmten Zielen, und es ist aller Wahrscheinlichkeit nach bitterer

Nahrungsmangel, prosaischer Hunger gewesen, der den ersten Anstoß

zu dem wundervollen Phänomen des Vogelzuges gegeben hat. Da die

eisstarrenden Hochgebirge von vielen Arten sicherlich nicht überwunden

werden konnten, sondern mehr oder minder umständlich umgangen

werden mußten, mögen sich schon damals die ersten Vogelzugstraßen

herausgebildet haben. Ich denke mir die Sache so, daß die Wanderungen

anfangs sich nur über einen geringen Raum ausdehnten, daß sie aber

im Laufe der Zeit ein immer bestimmteres Gepräge erhielten und über

immer größere Zwischenräume sich erstreckten, je mehr die Vereisung

Europas zunahm. Sicherlich sind damals viel mehr Vogelarten gewandert

als heutzutage, sicherlich sind manche ganz zugrunde gegangen, weil

sie falsche Wege einschlugen oder sich sonstwie dem Wechsel der

Jahreszeiten nicht anzupassen vermochten. Allmählich bildete sich im

Anschluß an diese ein Herbst- und ein Frühlingszug heraus. Unzählige

Vogelgeschlechter machten so zweimal jährlich die große Reise. Das

Ziehen wurde zur Gewohnheit, die vererbte Gewohnheit zum Instinkt, der

immer schärfere Formen annahm.

Dieser alljährlich zweimal erwachende +Instinkt+ ist einer der

stärksten, den wir bei höheren Tieren kennen. Mit schier unheimlicher

Gewalt packt er den Vogel, der sich ihm fast hemmungslos überlassen

muß. Ist seine Zeit gekommen, so +muß+ er ziehen, mag er wollen oder

nicht. Manchmal gerät dabei der Zuginstinkt mit dem Fortpflanzungs-

und Elterninstinkt in Widerspruch, wie ich dies namentlich bei

Uferschwalben beobachten konnte. Der Sommer war naß, kühl, unfreundlich

und insektenarm gewesen, und es gab deshalb viel verspätete Bruten.

In den Nistlöchern einer großen Uferschwalbenkolonie, die sich in

einer alten Kiesgrube niedergelassen hatte, saßen noch zahlreiche

kleine Junge, als schon die Zugzeit gekommen war. Die alten Vögel

wurden von ersichtlicher Unruhe ergriffen und zeigten eine merkwürdige

Aufgeregtheit, Nervosität und Unsicherheit. Zunächst fütterten sie

noch, aber immer lässiger und in immer größeren Abständen. Es zog sie

zu den großen Versammlungsplätzen, zu den lustigen Flugübungen. Und

eines Tages waren sie nicht mehr da. Vergeblich schrien und gierten

die treulos verlassenen, dem Hungertode geweihten Jungen. Hier hatte

also mit der fortschreitenden Jahreszeit der Zuginstinkt die Überhand

gewonnen über Fortpflanzungsinstinkt und Fütterungstrieb. Doch ist

auch der umgekehrte Fall namentlich bei Rauchschwalben nicht selten.

Dann harren die Alten unter Umständen bis zur äußersten Grenze des

Möglichen bei ihren noch hilflosen Kindern aus und suchen sie trotz der

immer knapper werdenden Nahrungsmittel wenigstens bis zum Ausfliegen

und Selbstfressen zu bringen, um erst nach diesem Zeitpunkt an die

eigene Reise zu denken. Oft haben sie aber darüber den richtigen

Aufbruchstermin versäumt, geraten dadurch in Vorwinter und frühzeitige

Schneestürme und gehen massenhaft am Fuße der Alpen zugrunde, die zu

überfliegen sie nicht mehr die nötige Kraft haben, während die Jungen

überhaupt nur zu Schwächlingen sich entwickeln konnten, deshalb den

Anstrengungen der Reise von vornherein nicht gewachsen und so mit

Sicherheit einem frühzeitigen Tode verfallen sind. In einem solchen

Falle hat einmal die bekannte Vogelschützerin Frau Lina Hähnle am

Nordfuß der Alpen massenhaft die ermatteten Schwälbchen aufsammeln

lassen, sie mit Mehlwürmern und anderen Kraftfuttermitteln gestärkt,

in Körbe warm verpackt und dann durch einen Vertrauensmann mit dem

Schnellzuge durch den Gotthard-Tunnel nach dem sonnigen Italien

bringen lassen, wo man dann die Vögel schleunigst fliegen ließ.

Möchten sie ihr Reiseziel glücklich erreicht haben! Der Fall der

bis zur Selbstaufopferung bei ihrer Nachkommenschaft ausharrenden

Rauchschwalben berührt das menschliche Gefühl sympathisch, während

das geschilderte Verhalten der Uferschwalben uns grausam vorkommt.

Und doch ist im Interesse der Art das Letztere entschieden das

Richtigere, d. h. Vorteilhaftere, denn es rettet unter Aufopferung

der doch nur Schwächlinge liefernden Jungen wenigstens die Alten zum

Fortpflanzungsgeschäft des nächsten Jahres, während im zweiten Falle

nur zu oft die Alten mitsamt den Jungen dem Verderben geweiht sind,

wodurch dem Bestande der Art viel empfindlichere Lücken geschlagen

werden. Die Natur sorgt eben immer nur für die Erhaltung der Art,

während sie sich um das Wohl und Wehe des Einzelgeschöpfes in keiner

Weise kümmert. Selbst der Raub- und Ernährungsinstinkt wird zeitweise

vom Zuginstinkt überwunden, denn wir sehen an guten Zugtagen Raub-

und Singvögel friedlich die gleiche Bahn ziehen. Sie kümmern sich gar

nicht umeinander, sondern alle sind nur von dem einen Drange beseelt,

möglichst rasch vorwärts zu kommen.

[Illustration: +Der Vogelzug in der Dobrudscha+]

Wie völlig der Zuginstinkt zu gewissen Jahreszeiten den Vogel

beherrscht, das zeigt namentlich auch das Verhalten gekäfigter

Zugvögel, die dann, obwohl sonst völlig eingewöhnt, wie unsinnig gegen

das Gitter toben, nur getrieben von dem dunklen Drange, in weite

Fernen hinauszustürmen. Man kann aus der größeren oder geringeren

Stärke und aus dem längeren oder kürzeren Andauern dieses meist nachts

sich abspielenden Tobens allerlei wichtige Schlüsse ziehen. Je mehr

der Vogel rast, um so stärker wird sein Zuginstinkt ausgeprägt sein,

je länger das Toben anhält, um so länger wird auch im Freien seine

Wanderlust dauern, d. h. um so größere Strecken wird er zurücklegen,

um so weiter wird seine Winterherberge entfernt sein. Eine Art, die

schon in den Mittelmeerländern überwintert, wird nur kurze Zeit unruhig

sein, eine andere, deren Winterleben sich in Innerafrika abspielt,

viel länger. Und doch! So gewaltig und unwiderstehlich der Zuginstinkt

uns gegenwärtig auch noch erscheinen mag — ich kann mich des Gedankens

nicht erwehren, daß er in sichtlichem Abflauen begriffen ist. Beständig

mehren sich die Fälle, wo Vögel, die früher als ausgesprochene Wanderer

galten, den Winter über bei uns bleiben und getreulich in unmittelbarer

Nähe des alten Nestes ausharren, andere nur streichen, statt zu ziehen.

Selbst Schwarzplättchen, Rauchschwalben, Weidenlaubsänger und Störche

machen freiwillig Überwinterungsversuche. Bei Staren, Feldlerchen und

Turmfalken lassen sich heute kaum noch sichere Ankunftsdaten mitteilen,

weil man nie recht weiß, ob man wirklich die ersten Ankömmlinge

oder überwinternde Stücke vor sich hat. Die milden Rheingegenden

fangen für manche Arten nachgerade an, die frühere Rolle der

Mittelmeerländer zu spielen. Seit den vier Jahrzehnten, in denen ich

wissenschaftliche Vogelkunde betreibe, hat sich in dieser Beziehung

ein deutlicher Umschwung vollzogen, ohne daß man deshalb gleich an eine

„wiederkehrende Tertiärzeit“ zu denken braucht, von der manche Leute

faseln. Auch das Verhalten der Käfigvögel spricht dafür. Sie toben

nicht mehr so stark wie in meiner Knabenzeit, als ich mir die ersten

gefiederten Pfleglinge anschaffen durfte. Von meinen gegenwärtigen

Pfleglingen stößt sich eigentlich nur noch der Mornellregenpfeifer

im Herbst und Frühjahr die Stirnfedern ab oder schlägt sich gar ein

wenig blutig. Dagegen prangt meine Singdrossel stets im tadellosesten

Gefieder, jedes Federchen aalglatt angelegt, was bekanntlich bei dieser

Art sonst selten ist. Niemals hat sie irgendwelche Unruhe gezeigt.

Nun läßt allerdings der Umstand, daß sie von allem Anfang an sehr

zutraulich war, während alte Wildfänge dieser Art recht scheu sind,

darauf schließen, daß sie jung aus dem Neste genommen wurde, wofür

auch ihr zwar sehr fleißiger, aber qualitativ etwas minderwertiger

Gesang spricht. Ich besitze aber auch noch ein Schwarzplättchen, das

sicherlich ein alter Wildfang war, sich anfangs sehr scheu zeigte und

vorzüglich singt und das trotzdem noch niemals getobt hat, obwohl

gerade Schwarzplättchen in dieser Beziehung in einem üblen Rufe stehen.

Also auch das Verhalten der Käfigvögel läßt darauf schließen, daß der

Zuginstinkt im Abflauen begriffen ist, und nach Jahrtausenden wird aus

diesem Abflauen vielleicht ein völliges Verlöschen werden, und die

wunderbare Erscheinung des Vogelzuges wird dann vorübergerauscht sein,

wie so manches andere in der Natur. — Inwiefern die immer häufiger

werdende Überwinterung von Zugvögeln in unsern Breiten vielleicht

auch auf die in immer ausgedehnterem Maße zur Anwendung gelangende

Winterfütterung der Vögel zurückzuführen ist, mag hier dahingestellt

bleiben, aber denkbar ist es sehr wohl, daß gerade die ersten Anfänge

von Überwinterung damit zusammenhängen, indem bei zeitig beginnender

Fütterung mancher Vogel vielleicht veranlaßt wird, zu bleiben und den

Kampf mit den Unbilden der rauhen Jahreszeit aufzunehmen.

[Illustration: +Großer Brachvogel+

Die überaus wohlklingenden Rufe nächtlich ziehender Brachvögel hört man

oft über den erleuchteten Großstädten (Photo Hubert Schonger)]

Wie ungefähr die Tagwanderer ihren Weg finden und sich auf der Reise

orientieren, das haben wir oben an dem Beispiel der Kraniche gesehen,

und wir wissen auch bereits, daß es ein uralter, tief eingeprägter

Instinkt ist, der die Vögel zur Wanderung veranlaßt. Schwieriger

wird die Sache dadurch, daß viele Vögel nicht bei Tage, sondern bei

+Nacht+ wandern, oft sogar in recht finsteren Nächten, wo sie trotz

ihrer scharfen Augen unmöglich einen weiten Überblick über das sich

unter ihnen aufrollende Landschaftsbild haben können. Wie finden die

sich zurecht? Nun, sie fliegen gleichfalls verhältnismäßig niedrig,

im allgemeinen wohl noch niedriger als die Tagwanderer, so daß

der Gesichtssinn schwerlich ganz zur Ausschaltung gelangt. Zeugen

dafür sind die zahlreichen Nachtwanderer, die man tot unter dem

Telegraphendraht findet, sind auch die krächzenden Reiherschreie und

die schönen Regenpfeiferpfiffe, die man nachts so oft in überraschender

Bodennähe hört. Merkwürdig, welch zauberhafte Anziehungskraft dabei

grelle Lichtquellen auf die gefiederten Reisenden ausüben. Leuchttürme

werden von den durch das Blinkfeuer geblendeten Vögeln umflattert

wie die Lampe von den Motten, und nur allzu viele finden dabei

ein trauriges Ende. Aber auch das Lichtermeer der Großstadt wird

stundenlang unter aufgeregtem Rufen und Schreien umkreist, und es ist,

als vermöchten die Vögel gar nicht, sich von diesem märchenhaften

Anblick wieder loszureißen. Namentlich in Breslau konnte ich dies viele

Male bei durchziehenden Regenpfeifern und Brachvögeln beobachten, da ja

eine große Zugstraße das Odertal entlang läuft. Wo solche auffallende

Lichtquellen schon lange bestehen, ist es sehr gut möglich, daß sie im

Verlauf der Jahre zu Leitmarken für die Nachtwanderer geworden sind,

denn der Zug vollzieht sich ja nicht rein mechanisch und stumpfsinnig,

sondern der Vogel weiß dabei sehr wohl sich für ihn ergebende

Vorteile oder Nachteile zu merken und für die Zukunft auszunutzen

und zu verwerten. Gerade die +Nachtwanderer+ sind, wie z. B. Eulen,

Regenpfeifer und Dickfüße, durch den Besitz großer, fernsichtiger

Augen (in unmittelbarer Nähe sehen sie schlecht, wovon man sich bei

gekäfigten Stücken leicht überzeugen kann) ausgezeichnet, die ihnen

beim Fernsehen nachts auch sehr zugute kommen werden. Ein weiteres

Hilfsmittel beim nächtlichen Sichzurechtfinden dürfte das Gehör sein,

das ja bei den meisten Vögeln recht scharf ausgebildet ist. Wie wir

von unseren Fliegern wissen, werden Geräusche auf der Erde noch in

überraschender Höhe sehr deutlich wahrgenommen. Die Küstenwanderer

z. B. werden sicherlich das Rauschen der Brandung hören, können sich

also sehr gut danach richten. Weiter kommt noch hinzu, daß ein so

luftempfindliches Geschöpf wie der Vogel gewiß auch den Unterschied

merken wird, der zwischen dem Feuchtigkeitsgehalt der über großen

Wasserflächen und der über dem Binnenlande stehenden Luftsäulen

vorhanden ist. Der Vogel wird also immer wissen, ob er über den Wassern

oder über dem Lande oder über der Grenzscheide beider schwebt, und

selbst beim Überfliegen der Kontinente wird ihm das Vorhandensein von

Strömen und großen Flüssen, von Teichen und Seen, von Sümpfen und

Morästen zum Bewußtsein kommen.

Damit ist schon viel gewonnen, aber alle diese Eigenschaften reichen

zur restlosen Erklärung des Phänomens doch nicht aus, am wenigsten bei

solchen Arten, wo die Jungen streng getrennt von den Alten ziehen,

also deren Erfahrung und Führung entbehren müssen. Hier müssen noch

andere Dinge im Spiele sein, und wir kommen deshalb um die Annahme

eines besonderen, uns vorläufig noch völlig rätselhaften +Richtsinnes+

nicht herum, der seinen Sitz vielleicht in den Ampullen (blasenförmigen

Erweiterungen) des Gehörgangs hat. Dieser Richtsinn ermöglicht eine

allgemeine, aber sofortige und durchaus sichere Orientierung nach den

verschiedenen Himmelsrichtungen auch in finsterster Nacht und ohne

jede Unterstützung durch die anderen Sinne oder sonstige Fähigkeiten.

In abgeschwächtem Maße findet er sich auch bei anderen Tieren,

andeutungsweise selbst bei wilden Menschenrassen, während er beim

Kulturmenschen völlig verkümmert ist. Der Eisfuchs in der unendlichen,

gleichförmigen, aller hervorstechenden Merkmale entbehrenden Tundra

und der ihn verfolgende Samojedenjäger haben ihn auch. Man kann beide

bei Nacht und Nebel mitten in die Tundra weitab von ihrem Wohnsitze

hineinsetzen, und sie finden sich doch zurecht, ebenso die Katze,

die man meilenweit in einem Sack verschleppt hat und die doch ohne

Zögern den richtigen Weg nach ihrem Zuhause einschlägt. Der ganze

Brieftaubensport wäre ohne solchen Richtsinn ja gar nicht denkbar.

Um ihn aber voll zur Auswertung gelangen zu lassen, ist noch etwas

weiteres notwendig, nämlich eine ausgezeichnete +Orientierungsgabe+,

verbunden mit einem guten Gedächtnis. Beides ist ja den Vögeln

in hohem Maße eigen. Der Richtsinn allein genügt nicht, aber in

Verbindung mit der Orientierungsgabe wird er zum ausschlaggebenden

Faktor. Jener deutet nur allgemein die Himmelsrichtung an, die zu den

ersehnten warmen Überwinterungsplätzen führt, diese dagegen regelt

alle Einzelheiten und Umwege, bahnt die Zugstraßen und wählt die

Raststationen, alle solche Kenntnis auch den künftigen Geschlechtern

vermittelnd und schließlich vererbend. Nur sie ist Zwischenfällen

und Veränderungen gewachsen. Zwei Beispiele werden das noch klarer

machen. Man hat wiederholt größere und kleinere Versuche gemacht,

den netten Sonnenvogel, die sogenannte chinesische Nachtigall, bei

uns einzubürgern, sowohl seiner Farbenschönheit und seines munteren

Benehmens, als auch seiner zwar kurzen, aber sehr wohlklingenden

Gesangsstrophe halber. Die Sache ließ sich zunächst auch immer ganz

gut an. Die bunten Fremdlinge gewöhnten sich vortrefflich an unser

Klima, sangen und brüteten fleißig und zogen eine ganze Anzahl von

Jungen groß. Im Herbst trieben sie sich dann rudel- und schwarmweise

in der Gegend herum, und dann waren sie eines schönen Tages, als

der Zuginstinkt in ihnen erwachte, plötzlich verschwunden, und zwar

ausnahmslos auf Nimmerwiedersehen. Wohl wurden solche abgezogene Trupps

mehrfach in südlicheren Gegenden gesehen, aber dann verlor sich ihre

Spur. Der angeborene Richtsinn hatte sie ganz richtig die Richtung nach

Süden einschlagen lassen, aber als sie dann auf die große Quermauer

der Alpen stießen, reichte ihre Orientierungsgabe nicht aus, denn es

fehlte diesen Asiaten ja jede vererbte und überlieferte Erfahrung

der Vorfahren über die verwickelte Gestaltung Europas und seiner

Zugverhältnisse. So irrten sie umher und gingen dabei wahrscheinlich

zugrunde, denn man hat sie nie wiedergesehen. Daran sind alle so

hoffnungsvoll begonnenen Einbürgerungsversuche mit Sonnenvögeln

ausnahmslos gescheitert. Ferner hat man Jungstörche eingefangen und so

lange in Haft gehalten, bis die Zugzeit der Störche vorüber und die

Alten längst abgezogen waren. Endlich freigelassen, wurden auch diese

Jungstörche vom Richtsinn gen Süden geführt, aber die große, bekannte

Zugstraße der Störche vermochten sie nicht zu finden, sondern irrten

weit von ihr ab, wurden z. B. in Griechenland angetroffen, wo sonst

keine Störche durchziehen.

Vögel auf der Reise · 第 1 / 7 段