ZWEITES KAPITEL

Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen

Lebens, wenn auch nicht gerade häufig, kamen aber doch vor.

Am häufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die

ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant

und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß,

mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf,

die Dame möge von politischen Leidenschaften umstürmt sein und habe

irgendetwas vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. Die

Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berührt:

»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen

etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefühle Sie hergeführt

haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so

werde ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir anscheinend

als Geheimnis anvertrauen wollen.«

»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin

überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht

zu wiederholen, warum es geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es

fühlen, ich kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher

als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole

Ihnen, daß ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem

Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine

Taktlosigkeit: die Wahl muß sofort getroffen werden, in diesem

Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.«

Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis folgen

würde, und sagte unwillig:

»Ich höre zu.«

Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen Blick meines

Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest:

»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen Mann.«

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei diesem Geständnis eine

schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke.

»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und das sind nun sechs,

... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich

nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch

an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres gibt

es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen

Sie?«

Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.

»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu

Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz

durchwühlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich

barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht

mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie

schließlich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste

im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser ist,

seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demütig und

zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, -- ich weiß nicht, was mit

mir geschehen wird, -- aber ich fühle das unbezwingbare Verlangen,

hinzugehen und meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses

Bedürfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren

zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem,

wie früher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es

doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,

beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.«

Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr

durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck.

»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rätsel

aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich müßte

schamlos lügen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals

Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die

Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine

gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu

wählen, -- ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete

einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat.

Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heißt, ich wollte

sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es,

als gefalle er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne;

keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn auf die

niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und

guten Mutter genießen würde, während ich keine anständige, ja vielleicht

eine niederträchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel

selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben

hängt so viel von den Umständen ab. Man sagt, in den Städten sei viel

Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande

geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen

allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner

Sorge überlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich

bereuen, müßte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu

verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich mich nicht an

den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines

der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer

gefürchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst,

und als uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine

Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann

machte er eine Weltreise, kehrte zurück, und es begann von neuem: aber

jetzt will ich, daß es ein Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte

es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die

Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer eine Stunde nach

seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts

verheimlichen, -- daß nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst

sagte und erreichte es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu

erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug,

meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...«

»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich.

»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute

tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.«

Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen Charakter er habe.

»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den besten Ruf, hat einen

guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn für einen

ehrenwerten und edlen Menschen.«

»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich.

»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verständig und

ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so

ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte

Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine

Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.«

»Und jener, den Sie lieben?«

»Was wollen Sie über ihn wissen?«

»Flößt er Ihnen Achtung ein?«

»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand.

»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?«

»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der

niemand irgendwelche Achtung einflößt, sich nicht einmal die Mühe gibt,

es zu tun.«

»Sie lieben ihn?«

Sie zuckte die Achseln und sagte:

»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller

Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie

zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige

sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle

des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich,

sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel

bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden

heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich

sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen

Sie, -- sich sehnen ...«

Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das

sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber

sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.

Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war

anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie

alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet

meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:

»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so

werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen?

Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt,

haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen

fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie

können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll

ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige

Sünde gestehen?«

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 75 / 79 题