Besuche und Anliegen dieser Art waren im Laufe meines literarischen
Lebens, wenn auch nicht gerade häufig, kamen aber doch vor.
Am häufigsten waren es Menschen mit politischem Temperament, die
ziemlich schwer zu beruhigen sind und denen zu helfen doppelt riskant
und unangenehm ist, um so mehr, als man in solchen Fällen fast nie weiß,
mit wem man es zu tun hat. Auch diesmal ging mir zuerst durch den Kopf,
die Dame möge von politischen Leidenschaften umstürmt sein und habe
irgendetwas vor, was sie unglücklicherweise mir anvertrauen wolle. Die
Einleitung klang ganz danach, und darum sagte ich unangenehm berührt:
»Ich weiß nicht, worüber Sie sprechen werden. Ich wage nicht, Ihnen
etwas zu versprechen, aber wenn Ihre eigenen Gefühle Sie hergeführt
haben, in dem Vertrauen, das Ihnen mein Leben und mein Ruf einflößen, so
werde ich keinenfalls Mißbrauch davon machen, was Sie mir anscheinend
als Geheimnis anvertrauen wollen.«
»Ja,« sagte sie, »als Geheimnis, als absolutes Geheimnis, und ich bin
überzeugt, daß Sie es für sich behalten werden. Ich brauche Ihnen nicht
zu wiederholen, warum es geheim bleiben muß. Ich weiß, daß Sie es
fühlen, ich kann mich nicht täuschen; Ihr Gesicht sagt es mir deutlicher
als alle Worte, und zudem habe ich keine andere Wahl. Ich wiederhole
Ihnen, daß ich bereit bin, eine Handlung zu begehen, die mir in diesem
Augenblick ehrenhaft erscheint, und doch gleich wieder als eine
Taktlosigkeit: die Wahl muß sofort getroffen werden, in diesem
Augenblick, sie hängt von Ihnen ab.«
Ich zweifelte nicht, daß hierauf ein politisches Geständnis folgen
würde, und sagte unwillig:
»Ich höre zu.«
Trotz des doppelten Schleiers fühlte ich den aufmerksamen Blick meines
Gastes auf mir ruhen, sie sah mich unverwandt an und sagte fest:
»Ich bin eine ungetreue Frau! Ich betrüge meinen Mann.«
Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß mir bei diesem Geständnis eine
schwere Last vom Herzen fiel; von Politik war anscheinend kein Gedanke.
»Ich betrüge meinen prächtigen, gütigen Mann. Und das sind nun sechs,
... nein, mehr! ..., ich muß die Wahrheit sagen, sonst lohnt es sich
nicht, zu sprechen ... es sind jetzt acht Jahre her ... und dauert noch
an ... Es begann im dritten Monat meiner Ehe. Etwas schmählicheres gibt
es in der Welt nicht. Ich bin nicht alt, aber ich habe Kinder, verstehen
Sie?«
Ich nickte zustimmend mit dem Kopfe.
»Sie verstehen, was das heißt. Zweimal in meinem Leben kam ich, wie zu
Ihnen, zu ihm, den wir heute begraben haben und dessen Tod mich ganz
durchwühlt, und gestand ihm, was mich bewegte. Einmal behandelte er mich
barsch, das andere Mal zart, wie ein Freund. Wenn ich jetzt auch nicht
mehr in der Verfassung bin, in der ich zu ihm kam, so bitte ich Sie
schließlich doch, mir den Rat zu geben, den ich brauche. Das schlimmste
im Leben ist der Betrug, und ich glaube zu fühlen, daß es besser ist,
seine Niedrigkeit zu bekennen, die Strafe zu tragen, demütig und
zerknirscht auf die Straße geworfen zu sein, -- ich weiß nicht, was mit
mir geschehen wird, -- aber ich fühle das unbezwingbare Verlangen,
hinzugehen und meinem Manne alles zu erzählen. Ich fühle dieses
Bedürfnis seit sechs Jahren. Nach dem Beginn meines Verbrechens waren
zwei Jahre vergangen, wo ich ihn nicht sah. Dann begann es von neuem,
wie früher. Sechs Jahre habe ich den Vorsatz, es zu sagen, und habe es
doch nicht gesagt, aber heute, als ich dem Sarge Dostojewskijs folgte,
beschloß ich ein Ende zu machen und zwar so, wie Sie mir raten werden.«
Da ich die Geschichte nicht verstanden hatte, schwieg ich und konnte ihr
durchaus keinen Rat erteilen. Sie sah es an meinem Gesichtsausdruck.
»Sie müssen natürlich mehr wissen. Ich bin nicht gekommen, um Rätsel
aufzugeben, sondern um zu sprechen, um alles auszusprechen. Ich müßte
schamlos lügen, wenn ich mich rechtfertigen wollte. -- Ich habe niemals
Not gekannt, ich bin im Wohlstand geboren und lebe im Wohlstand. Die
Natur hat mir meinen Anteil Verstand nicht versagt. Man gab mir eine
gute Bildung, und ich hatte die Freiheit, meinen Ehegenossen selbst zu
wählen, -- ich brauche darüber keine Worte zu verlieren. Ich heiratete
einen Mann, der bis zur Stunde seinen guten Ruf mehr als bewahrt hat.
Meine Lage war vortrefflich, als dieser Mensch, das heißt, ich wollte
sagen, mein legitimer Gatte, mir seinen Antrag machte. Mir schien es,
als gefalle er mir, und ich glaubte, daß ich ihn lieben könne;
keinenfalls dachte ich, daß ich ihn betrügen würde, ihn auf die
niedrigste Weise betrügen, dabei aber den Ruf einer ehrenhaften Frau und
guten Mutter genießen würde, während ich keine anständige, ja vielleicht
eine niederträchtige Mutter bin. Zu dem Betrug hat mich der Teufel
selbst gebracht: wenn Sie wollen, glaube ich an den Teufel ... Im Leben
hängt so viel von den Umständen ab. Man sagt, in den Städten sei viel
Schmutz, auf dem Lande dagegen Reinheit: aber es war auf dem Lande
geschehen, wo ich mit diesem Menschen, mit diesem verfluchten Menschen
allein zusammen war, den mein Mann selbst zu mir gebracht und meiner
Sorge überlassen hatte. Wenn Reue nicht nutzlos wäre, so müßte ich
bereuen, müßte endlos diese Tat bereuen, die ich meinem Manne zu
verdanken habe. Aber die Sache trug sich so zu, daß ich mich nicht an
den Augenblick erinnere, ich erinnere mich nur an ein Gewitter, an eines
der schrecklichen Gewitter, die ich seit meiner Kindheit immer
gefürchtet habe. Ich liebte ihn damals nicht, ich hatte einfach Angst,
und als uns in dem großen Saale ein Blitz erhellte, ergriff ich seine
Hand ... Später, ich habe keine Erinnerung daran, ging es weiter. Dann
machte er eine Weltreise, kehrte zurück, und es begann von neuem: aber
jetzt will ich, daß es ein Ende nehme, und diesmal für immer. Ich wollte
es schon mehrmals, aber nie reichte mein Wille aus, es zu ertragen. Die
Entschlüsse, die ich gefaßt hatte, verflogen immer eine Stunde nach
seinem Erscheinen, und das Schlimmste ist, -- ich will nichts
verheimlichen, -- daß nicht er, sondern ich die Ursache war: ich selbst
sagte und erreichte es und ärgerte mich, wenn es mir schwer fiel, es zu
erreichen, -- und wenn ich dies weiter fortsetze, so wird der Betrug,
meine Erniedrigung niemals ein Ende haben ...«
»Was wollen Sie nun tun?« fragte ich.
»Ich will meinem Manne alles bekennen, ich will es unbedingt noch heute
tun, wenn ich von Ihnen nach Hause komme.«
Ich fragte sie, wie ihr Mann sei und was für einen Charakter er habe.
»Mein Mann,« antwortete die Dame, »genießt den besten Ruf, hat einen
guten Posten und ist ziemlich bemittelt; alle halten ihn für einen
ehrenwerten und edlen Menschen.«
»Und Sie teilen diese Meinung?« fragte ich.
»Nicht ganz, man schreibt ihm zu viel zu. Er ist allzu verständig und
ordentlich, aber er hat wenig von dem, was man Herz nennt, so
ungeschickt diese Bezeichnung auch ist, die an die sogenannte
Seelenharmonie erinnert, aber ich kann es nicht anders sagen. Seine
Herzensregungen sind abgezirkelt, geregelt, korrekt und eintönig.«
»Und jener, den Sie lieben?«
»Was wollen Sie über ihn wissen?«
»Flößt er Ihnen Achtung ein?«
»Oh!« rief die Dame und machte eine Bewegung mit der Hand.
»Ich verstehe nicht ganz, was ich von dieser Bewegung denken soll?«
»Sie sollen denken, daß er der herzloseste, elendeste Egoist ist, der
niemand irgendwelche Achtung einflößt, sich nicht einmal die Mühe gibt,
es zu tun.«
»Sie lieben ihn?«
Sie zuckte die Achseln und sagte:
»Ich liebe ihn. Wissen Sie, es ist ein seltsames Wort, das auf aller
Lippen ist und das nur sehr wenige verstehen. Lieben ist dasselbe, wie
zur Poesie bestimmt sein, oder zur Rechtschaffenheit. Nur sehr wenige
sind zu diesem Gefühle befähigt. Unsere Bäuerinnen gebrauchen an Stelle
des Wortes lieben das Wort bemitleiden, und sagen nicht: er liebt mich,
sondern: er bemitleidet mich. Dies ist, meiner Ansicht nach, eine viel
bessere und auch viel einfachere Erklärung. Das Wort lieben-bemitleiden
heißt eben lieben im alltäglichen Sinne. Und dann gibt es noch: sich
sehnen. Man sagt: mein Ersehnter, mein lieber Ersehnter ... verstehen
Sie, -- sich sehnen ...«
Sie hielt inne und atmete schwer. Ich reichte ihr ein Glas Wasser, das
sie diesmal aus meinen Händen nahm und sich dabei nicht fortwandte, aber
sie war anscheinend dankbar, daß ich sie nicht genauer anblickte.
Wir schwiegen beide. Ich wußte nicht, was zu sagen, und in ihr war
anscheinend der Strom der Aufrichtigkeit versiegt. Sichtlich hatte sie
alles Wesentliche gesagt, es konnten nur mehr Details folgen. Sie erriet
meinen Gedanken genau und sagte mit leiser Stimme:
»Nun denn, wenn Sie mir raten, daß ich es meinem Manne gestehen soll, so
werde ich es tun, aber vielleicht können Sie mir etwas anderes sagen?
Abgesehen von dem, was mir an Ihnen Sympathie und Vertrauen einflößt,
haben Sie auch Erfahrung, ich bin Ihre aufmerksame Leserin. Wir Frauen
fühlen auch das, was die berufsmäßigen Kritiker nicht fühlen. Sie
können, wenn Sie wollen, Ihre aufrichtige Meinung sagen: soll oder soll
ich nicht zu meinem Manne gehen und ihm meine schmachvolle, langjährige
Sünde gestehen?«