Man begrub Fjodor Michailowitsch Dostojewskij. Das Wetter war rauh und
trübe. Ich fühlte mich an diesem Tage krank und vermochte dem Sarge nur
mit Mühe bis zum Tor des Newskij-Klosters zu folgen. Vor dem Tor
herrschte ein großes Gedränge. In der Menge hörte man Stöhnen und
Schreien. Auf einer Erhöhung erschien der Dramendichter Awerkijew und
schrie irgendetwas. Er hatte eine laute Stimme, aber man konnte seine
Worte nicht verstehen. Die einen sagten, er wolle Ordnung schaffen, und
lobten ihn dafür, die anderen ärgerten sich über ihn. Ich war unter
denen, die keinen Einlaß gefunden hatten, und da ich keinen Sinn sah,
noch länger hier zu bleiben, ging ich nach Hause, trank heißen Tee und
schlief ein. Von der Kälte und den verschiedenartigen Eindrücken fühlte
ich mich sehr müde. Ich schlief lange und so fest, daß ich zum
Mittagessen nicht aufstand. So kam ich an jenem Tage nicht dazu, zu
Mittag zu essen, weil zu der Summe verschiedenartiger Eindrücke noch ein
neuer, unerwarteter hinzu kam, der mich äußerst erregte.
In der späten Dämmerung weckte mich mein Mädchen und sagte, daß eine
unbekannte Dame gekommen sei, die nicht weggehen wolle und beharrlich
bitte, ich möge sie empfangen. Damenbesuche bei unsereinem, einem
bejahrten Schriftsteller sind eine ganz gewöhnliche Sache. Zahlreiche
Damen und Mädchen kommen zu uns, um sich mit uns über ihre literarischen
Versuche zu beraten oder uns um unsere Unterstützung beim Unterbringen
ihrer Erzeugnisse bei ihnen unbekannten Redaktionen zu bitten. Deshalb
kamen mir der Besuch der Dame und ihre Hartnäckigkeit durchaus nicht
erstaunlich vor. Wenn das Leid groß ist und die Not nicht weichen will,
ist es nicht verwunderlich, wenn man hartnäckig wird.
Ich sagte dem Mädchen, sie solle die Dame ins Arbeitszimmer bitten, und
machte mich zurecht. Als ich mein Kabinett betrat, brannte auf dem
großen Tische die Arbeitslampe. Ihr heller Schein beleuchtete nur ihn
und ließ das Zimmer im Halbdunkel. Die unbekannte Dame, die mich diesmal
besuchte, war mir in der Tat nicht bekannt.
Als ich sie genauer betrachtete und sie bitten wollte, im Sessel Platz
zu nehmen, schien es mir, als wiche sie den erleuchteten Zimmerstellen
aus und trachte danach, im Schatten zu bleiben. Das kam mir sonderbar
vor. Auf solche Weise zieren und genieren sich manchmal schüchterne,
ungewandte Leute, aber am sonderbarsten erschien mir die bevorzugte
gesellschaftliche Stellung der Dame, die sich mir irgendwie fühlbar
mitteilte. Sie war entzückend gekleidet, ganz einfach, aber alles an ihr
war kostspielig und elegant: der reizende Plüschmantel, den sie nicht im
Vorzimmer abgelegt hatte und während unseres ganzen Gespräches
anbehielt; das elegante schwarze Hütchen, anscheinend kein russisches
Erzeugnis, sondern Pariser Modell, der hinten geknotete schwarze
Schleier, durch dessen doppeltes Netz ich nur das weiße, runde Kinn und
manchmal das Aufleuchten der Augen sehen konnte. Statt mir ihren Namen
und den Zweck ihres Besuches zu sagen, begann sie mit folgenden Worten:
»Darf ich darauf rechnen, daß Sie sich für meinen Namen nicht
interessieren werden?«
Ich antwortete ihr, daß sie durchaus darauf rechnen dürfe. Darauf bat
sie, ich möchte mich auf den Stuhl vor der Lampe setzen, und schob dann
ungeniert den grünen Taftschirm an der Lampenglocke so zurecht, daß das
ganze Licht auf mich fiel und ihr Gesicht im Schatten blieb. Dann setzte
sie sich selbst an das andere Ende des Tisches und fragte von neuem:
»Sie haben keine Familie?«
Ich antwortete, sie irre sich nicht, ich sei alleinstehend.
»Kann ich ganz offen mit Ihnen sprechen?«
Ich antwortete, daß, wenn sie Vertrauen zu mir habe, ich keinen Grund
sähe, der sie hindern könnte, zu sprechen, wie es ihr beliebe.
»Wir sind hier allein?«
»Ganz allein!«
Die Dame stand auf und machte zwei Schritte in der Richtung gegen das
anstoßende Zimmer, in dem sich meine Bibliothek befand und hinter dem
mein Schlafzimmer lag. In der Bibliothek brannte eine matte Lampe, bei
deren Schein man das ganze Zimmer überschauen konnte. Ich rührte mich
nicht von der Stelle, sagte aber zur Beruhigung der Dame, sie sähe doch
selbst, daß bei mir niemand sei, außer der Bedienung und einer kleinen
Waise, die bei ihren Erwägungen keinerlei Rolle spielen könnten. Hierauf
setzte sie sich von neuem auf ihren Platz, rückte wieder an dem grünen
Schirm und sagte:
»Sie entschuldigen mich, ich bin in großer Erregung ..., und mein
Benehmen mag sonderbar erscheinen, aber haben Sie Mitleid mit mir!«
Ihre Hand, die sie wieder zu dem Taftschirm der Lampe erhoben hatte,
stak in einem schwarzen Glacéhandschuh und zitterte heftig. Statt zu
antworten, bot ich ihr Wasser an. Sie hielt mich zurück und sagte:
»Es ist nicht nötig, ich bin nicht so nervös, ich bin zu Ihnen gekommen,
weil dieses Begräbnis, diese Menschenketten ..., dieser Mensch, der auf
mich einen so außergewöhnlich starken, zwingenden Eindruck gemacht hat,
dieses Gesicht und die Erinnerung an all das, was ich zweimal im Leben
erzählen mußte, alle meine Gedanken verwirrt haben. Wundern Sie sich
nicht, daß ich zu Ihnen gekommen bin. Ich werde Ihnen erzählen, warum
ich es getan habe; es macht nichts, daß wir einander nicht kennen: ich
habe viel von Ihnen gelesen, und vieles war mir so sympathisch, so
verwandt, daß ich es mir nicht versagen kann, mit Ihnen zu sprechen.
Vielleicht ist das, was ich vorhabe, eine ganz große Dummheit. Ich will
Sie vorher fragen, und Sie müssen mir aufrichtig antworten. Was Sie mir
raten, das werde ich tun.«
Ihre tiefe Altstimme bebte, und ihre Hände, für die sie keinen Platz
fand, zitterten.