DRITTES KAPITEL

Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine

schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu

geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu

beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich

doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich

hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden

dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht

verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei

aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger

wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei

immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß

sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem

mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte

mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen

verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und

wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun?

Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein

gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben

Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne,

was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt

haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche

Wahrheit fühle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie

der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er

durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein

Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner

Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es

ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren

Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen

es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder

weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der

Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet

vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt

sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit

würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre

eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar

nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre

Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen

gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn

steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem

geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.

In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste

fort und fragte:

»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen

doch Verachtung ein?«

»Eine sehr starke und beständige.«

»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?«

»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für ihn keine

Rechtfertigung.«

»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrüstung über

ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal

zu?«

»Sie wird immer stärker.«

»Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, daß ich Sie frage?«

»Bitte sehr.«

»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir sitzen?«

»Zu Hause.«

»Was tut er?«

»Er schläft in seinem Zimmer.«

»Und dann, wenn er aufsteht?«

»Er steht um acht Uhr auf.«

»Und was tut er dann?«

Mein Gast lächelte.

»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen

eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm

ein Glas Tee einschenke.«

»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind

prächtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.«

»Gut gesagt.«

»Und das verläuft mehr oder weniger -- angenehm?«

»Für ihn schon, glaube ich.«

»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswürdigkeit

hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rücksicht, -- nicht die

Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht

Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während

er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn denken, daß er nicht

leide; nun stellen Sie sich vor, daß er, statt seiner Gewohnheit gemäß,

Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...«

»Nun?«

»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen

eine gute Nacht zu wünschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt

dessen Ihr Geständnis hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben

vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in

einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie

ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?«

»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese Entscheidung

treffen könnte, so wäre ich nicht hier und würde nicht darüber sprechen.

Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.«

»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung

sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine

bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten:

... Die Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Stärke ...

Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?«

»Nein, sie verschärft sich.«

Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien

aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner

Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich,

daß sie entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte,

dem eine Entspannung folgen mußte.

»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger ...«

»Ja, immer mehr und mehr.«

»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß ich es

für das Verständigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurückgekehrt,

an Ihren Samowar setzen würden, wie bisher.«

Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah

sie durch den Schleier glänzen und hörte ihr Herz laut und schnell

schlagen.

»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?«

»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, für ihn und für

Ihre Kinder das Beste wäre.«

»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos in die Länge ziehen?«

»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden

würde, und diese Endlosigkeit würde noch trauriger sein, als jene, von

der Sie sprachen.«

»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.«

Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft,

aber keine von jenen, die vom Leide geläutert werden. Deshalb sagte ich

nichts mehr über ihre Seele, sondern erwähnte wieder die Kinder.

Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und senkte langsam den

Kopf.

»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?«

»Ein gutes Ende.«

»Auf was hoffen Sie?«

»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten

nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag

verhaßter werden wird.«

»Ach, er ist mir schon so verhaßt.«

»Er wird es noch mehr werden, und dann ...«

»Ich verstehe Sie.«

»Ich bin sehr froh darüber.«

»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?«

»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus Ihrem Leid wäre.«

»Und dann ...«

»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...«

»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.«

»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt für

Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben,

die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das

Vergangene zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, für andere

zu leben.«

Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer,

streckte mir die Hand entgegen und sagte:

»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren Gefühl gefolgt

habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche

Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine

Verrückte nach Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem

getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab mir wieder die

Hand und drückte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze

zurückhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 76 / 79 题