Wie interessant diese Geschichte auch war, ich fühlte doch meine
schwierige Lage. Wenn es auch viel leichter wäre, eine solche Antwort zu
geben, wie sie mein Gast forderte, als einen politisch Tätigen zu
beruhigen, oder ihm einen gewünschten Dienst zu erweisen, so fühlte ich
doch mein Gewissen hier zu einer sehr ernsten Entscheidung berufen. Ich
hatte lange genug gelebt und genug Frauen gesehen, die ihre Sünden
dieser Art kunstvoll zu verbergen wußten, oder, wenn sie sie nicht
verbargen, sie doch nicht eingestanden. Ich habe auch zwei oder drei
aufrichtige Frauen gekannt und entsinne mich, daß sie mir weniger
wahrheitsliebend, als grausam und affektiert erschienen. Ich fand dabei
immer, daß die Frau mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit voreilig sei und daß
sie sich es ordentlich überlegen solle, bevor sie ihr Verbrechen dem
mitteilt, dem sie damit vielleicht schweres Leid zufügt. Ich kümmerte
mich niemals darum, wie sich die Welt zu dem Innenleben des Einzelnen
verhält. Nicht die Welt, sondern der Mensch selbst ist mir teuer, und
wenn ein Leid nicht unbedingt verursacht werden muß, warum es dann tun?
Wenn die Frau eben solch ein Mensch ist, wie der Mann, ein
gleichberechtigtes Glied der Gemeinschaft, und ihr dieselben
Empfindungen zugänglich sind, dasselbe menschliche Gefühl wie dem Manne,
was auch Christus sagt und was die Besten meines Jahrhunderts gesagt
haben, was jetzt auch Leo Tolstoi sagt und worin ich eine unumstößliche
Wahrheit fühle, -- weshalb kann dann die Frau nicht dasselbe tun, wie
der Mann, der das Gelübde der Keuschheit der Frau gegenüber, der er
durch Treue verbunden ist, bricht und schweigt, schweigt, obwohl er sein
Vergehen fühlt und dadurch manchmal die ganze Unwürdigkeit seiner
Verfehlungen fast ungeschehen macht? Ich bin überzeugt, daß die Frau es
ebenso tun kann. Zweifellos übersteigt die Zahl der Männer, die ihren
Frauen untreu sind, die Zahl der untreuen Frauen, und die Frauen wissen
es. Es gibt nicht eine, oder kaum eine Frau, die nach einer mehr oder
weniger langen Trennung von ihrem Manne die Überzeugung hätte, daß der
Mann ihr während dieser Trennung treu geblieben sei. Dessen ungeachtet
vergibt sie ihm nach seiner Rückkehr großmütig. Die Vergebung drückt
sich darin aus, daß sie gar nicht danach fragt, und seine Aufrichtigkeit
würde für sie keinen Dienst, sondern eine Kränkung bedeuten. Es wäre
eine Handlung, durch die etwas an den Tag gebracht wird, was sie gar
nicht wissen will. In der Ungewißheit findet sie die Kraft, ihre
Beziehungen fortzusetzen, als seien sie nur versehentlich unterbrochen
gewesen. Ich sehe ein, daß in meinen Betrachtungen mehr praktischer Sinn
steckt, als abstrakte Philosophie oder hohe Moral, aber ich bin trotzdem
geneigt, so zu denken, wie ich eben denke.
In dieser Richtung setzte ich also die Unterhaltung mit meinem Gaste
fort und fragte:
»Die schlechten Eigenschaften des Menschen, den sie lieben, flößen Ihnen
doch Verachtung ein?«
»Eine sehr starke und beständige.«
»Aber Sie geben sich doch die Mühe, ihn manchmal zu rechtfertigen?«
»Zu meinem Bedauern ist das unmöglich: es gibt für ihn keine
Rechtfertigung.«
»Dann erlaube ich mir die Frage: wie steht es mit Ihrer Entrüstung über
ihn? Bleibt sie stets gleich, oder nimmt sie manchmal ab und manchmal
zu?«
»Sie wird immer stärker.«
»Nun will ich Sie fragen, -- Sie erlauben doch, daß ich Sie frage?«
»Bitte sehr.«
»Wo befindet sich jetzt Ihr Mann, während Sie bei mir sitzen?«
»Zu Hause.«
»Was tut er?«
»Er schläft in seinem Zimmer.«
»Und dann, wenn er aufsteht?«
»Er steht um acht Uhr auf.«
»Und was tut er dann?«
Mein Gast lächelte.
»Er wird sich waschen, sich anziehen, zu den Kindern gehen und mit ihnen
eine halbe Stunde spielen, dann bringt man den Samowar, aus dem ich ihm
ein Glas Tee einschenke.«
»So,« sagte ich, »ein Glas Tee, der Samowar, die Hauslampe, das sind
prächtige Dinge, bei denen wir bleiben wollen.«
»Gut gesagt.«
»Und das verläuft mehr oder weniger -- angenehm?«
»Für ihn schon, glaube ich.«
»Verzeihen Sie, in dieser Angelegenheit, die Sie die Liebenswürdigkeit
hatten, mir aufzudecken, hat er allein Recht auf Rücksicht, -- nicht die
Kinder, die niemals etwas erfahren sollen, und schließlich auch nicht
Sie. Nein, auch Sie nicht, da Sie ihm das Leid zugefügt haben, während
er der leidende Teil ist. Deshalb muß man an ihn denken, daß er nicht
leide; nun stellen Sie sich vor, daß er, statt seiner Gewohnheit gemäß,
Tee zu trinken und vielleicht respektvoll Ihre Hand zu küssen ...«
»Nun?«
»... Und dann an seine Geschäfte zu gehen, zu Abend zu essen und Ihnen
eine gute Nacht zu wünschen, -- stellen Sie sich vor, wenn er statt
dessen Ihr Geständnis hört, aus dem er erfährt, daß sein ganzes Leben
vom ersten Monat an, oder vielleicht sogar vom ersten Tag der Ehe an in
einen derartig sinnlosen Rahmen gestellt war? Sagen Sie, erweisen Sie
ihm damit einen guten oder schlechten Dienst?«
»Ich weiß es nicht. Wenn ich das wüßte, wenn ich diese Entscheidung
treffen könnte, so wäre ich nicht hier und würde nicht darüber sprechen.
Ich frage Sie um Rat, was ich tun soll.«
»Einen Rat kann ich Ihnen nicht geben, aber ich kann Ihnen die Meinung
sagen, die ich mir gebildet habe. Aber damit sie in meinen Augen eine
bestimmte Form annimmt, erlaube ich mir an Sie eine Frage zu richten:
... Die Gefühle bleiben im Menschen nie in ein und der selben Stärke ...
Vermindert sich ihre Abneigung gegen jenen?«
»Nein, sie verschärft sich.«
Sie schrie es förmlich aus ihrem wehen Herzen, ja, sie schien
aufspringen zu wollen, um etwas aus dem Wege zu gehen, was ich in meiner
Vorstellung sah. Obwohl ich ihr Gesicht nicht sehen konnte, fühlte ich,
daß sie entsetzlich litt und daß ihr Schmerz einen Grad erreicht hatte,
dem eine Entspannung folgen mußte.
»Folglich«, sagte ich, »verurteilen Sie ihn immer strenger ...«
»Ja, immer mehr und mehr.«
»Schön«, sagte ich, »jetzt erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß ich es
für das Verständigste hielte, wenn Sie sich, nach Hause zurückgekehrt,
an Ihren Samowar setzen würden, wie bisher.«
Sie hörte schweigend zu. Ihre Augen waren auf mich gerichtet, ich sah
sie durch den Schleier glänzen und hörte ihr Herz laut und schnell
schlagen.
»Sie raten mir, mein Schweigen fortzusetzen?«
»Ich rate Ihnen nicht, aber ich denke, daß es für Sie, für ihn und für
Ihre Kinder das Beste wäre.«
»Aber warum das Beste? Das heißt doch, es endlos in die Länge ziehen?«
»Darum das Beste, weil durch die Offenheit alles nur schlimmer werden
würde, und diese Endlosigkeit würde noch trauriger sein, als jene, von
der Sie sprachen.«
»Meine Seele würde durch das Leiden geläutert werden.«
Mir schien, als sähe ich ihre Seele: sie war lebendig und triebhaft,
aber keine von jenen, die vom Leide geläutert werden. Deshalb sagte ich
nichts mehr über ihre Seele, sondern erwähnte wieder die Kinder.
Sie rang die Hände, daß die Finger knackten, und senkte langsam den
Kopf.
»Und was wird das Ende dieses Liedes sein?«
»Ein gutes Ende.«
»Auf was hoffen Sie?«
»Darauf, daß Ihnen dieser Mensch, den Sie lieben, oder, Ihren Worten
nach, nicht lieben, aber an den Sie sich gewöhnt haben, von Tag zu Tag
verhaßter werden wird.«
»Ach, er ist mir schon so verhaßt.«
»Er wird es noch mehr werden, und dann ...«
»Ich verstehe Sie.«
»Ich bin sehr froh darüber.«
»Sie wollen, daß ich ihn schweigend fallen lasse?«
»Ich glaube, daß dies der glücklichste Ausweg aus Ihrem Leid wäre.«
»Und dann ...«
»Und dann werden Sie alles wieder gut machen ...«
»Wieder gut machen ... Das ist unmöglich.«
»Verzeihen Sie, ich wollte damit sagen, Sie werden ihre Sorgfalt für
Ihren Mann und Ihre Kinder verdoppeln. Das wird Ihnen die Kraft geben,
die Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern die Erinnerung an das
Vergangene zu bewahren und darüber genügend Anlaß zu finden, für andere
zu leben.«
Sie stand auf, stand unerwartet auf, zog ihren Schleier noch tiefer,
streckte mir die Hand entgegen und sagte:
»Ich danke Ihnen, ich bin froh, daß ich meinem inneren Gefühl gefolgt
habe, das mir riet, zu Ihnen zu gehen, nachdem mich der schreckliche
Eindruck der Beerdigung so erregt hatte. Ich kam von ihr wie eine
Verrückte nach Hause, und wie gut ist es, daß ich nichts von all dem
getan habe, was ich tun wollte. Leben Sie wohl.« Sie gab mir wieder die
Hand und drückte sie so fest, als wolle sie mich auf dem Platze
zurückhalten, auf dem wir standen. Dann verneigte sie sich und ging.