Ljubow Onissimowna hielt inne -- sie war wohl mit ihrer Erzählung zu
Ende -- und holte aus der Tasche das Fläschchen und sog daran. Ich aber
fragte sie:
»Wer hat denn den berühmten Toupetkünstler hier beerdigt?«
»Der Gouverneur, mein Liebling, der Gouverneur war selbst bei der
Beerdigung dabei. Wie denn sonst? Er war doch Offizier, und der
Geistliche und der Diakon nannten ihn bei der Totenmesse >der Edle
Arkadij<. Und als man den Sarg ins Grab versenkte, gaben die Soldaten
blinde Schüsse in die Luft ab. Der Gastwirt wurde aber übers Jahr auf
dem Iljinka-Platze vom Henker mit der Knute bestraft. Dreiundvierzig
Knutenhiebe bekam er wegen Arkadij Iljitsch, blieb aber am Leben und kam
mit gebrandmarktem Gesicht nach Sibirien. Alle unsere Leute, die gerade
frei hatten, liefen hin, um zuzuschauen, und die Alten, die sich noch
erinnerten, wie man den Mörder des alten Grafen bestraft hatte, sagten,
daß dreiundvierzig Schläge viel zu wenig waren: Arkascha war eben von
einfacher Abstammung; für den Grafen hatte man aber hundertundeinen
Schlag gegeben. Nach dem Gesetz darf man ja keine gerade Zahl von
Schlägen geben, es muß immer eine ungerade Zahl sein. Damals hatte man
sich einen Henker aus Tula kommen lassen und ihm vorher drei Glas Rum zu
trinken gegeben. Er hatte die ersten hundert Schläge nur zur Peinigung
gegeben, so daß der Verbrecher immer noch am Leben blieb; mit dem
hundertersten Schlag zerschmetterte er ihm aber das Rückgrat. Als man
ihn vom Brette aufhob, war er schon halbtot ... Man deckte ihn mit einer
Bastdecke zu und wollte ihn ins Zuchthaus bringen ... Unterwegs gab er
den Geist auf. Der Henker aus Tula schrie aber noch: >Gebt mir noch
jemand her, alle Leute von Orjol will ich totschlagen!<«
»Nun, waren Sie auch selbst bei der Beerdigung?«
»Gewiß, wir alle waren dabei: der Graf hatte befohlen, daß man alle
Leute vom Theater hinführt, damit sie sehen, wie weit es einer von den
unsrigen bringen kann.«
»Haben Sie ihn auch im Sarge liegen sehen?«
»Gewiß! Alle gingen zum Sarge und nahmen von ihm Abschied ... Auch ich
ging hin ... Er war so verändert, daß ich ihn gar nicht wiedererkannt
hätte. So blaß und mager war er, -- die Leute sagten, er hätte sein
ganzes Blut verloren, weil ihn der Mörder um Mitternacht erstochen hat
... So viel Blut hat er verloren ...«
Sie hielt inne und wurde nachdenklich.
»Und Sie,« fragte ich, »wie haben Sie es überstanden?«
Sie erwachte gleichsam aus ihren Träumen und fuhr sich mit der Hand über
die Stirn.
»Wie es mir anfangs zumute war, weiß ich nicht mehr, ich weiß auch
nicht, wie ich nach Hause kam ... Ich ging ja mit allen zusammen vom
Friedhof fort, also hat mich wohl jemand geführt ... Am Abend sagte mir
aber Drossida Petrowna:
>So geht es nicht, du schläfst nicht und liegst wie ein Stein da. Das
ist nicht gut! Du mußt weinen, damit das Herz einen Ausfluß hat.<
Ich sage ihr drauf:
>Ich kann nicht weinen, Tantchen, -- mein Herz brennt wie eine Kohle und
hat keinen Ausfluß.<
Und sie antwortet:
>Also kannst du dem Placon nicht mehr entgehen.<
Sie schenkte mir aus ihrem Fläschchen ein und sagte:
>Bisher habe ich dich davon zurückgehalten und es dir abgeraten. Jetzt
ist aber nichts mehr zu machen: sauge daran und lösche die Kohle.<