Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blüte ihrer
jungfräulichen Schönheit, sondern auch in der interessantesten
Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chören
die »Potpourris«, tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin«
und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfüllt, »alle Rollen
vom bloßen Zuschauen«.
Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In
Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, ob es Alexander
Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der
Stadt übernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen
Kamenskij beiwohnen.
Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater
war für Geld überhaupt nicht zugänglich) und gab sich Mühe, die
Aufführung möglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte
das »Potpourri« singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; bei der
letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die
Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin de Bourblanc« die Hauptrolle
spielen sollte, am Fuße.
Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem Titel gehört, aber
Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier
wiedergebe.
Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen im
Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es
gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc übernehmen
konnte.
»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, »diese Rolle zu
spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren
Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten
Haaren stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und Arkadij
verstand es wunderbar zu frisieren.«
Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit des Mädchens, die
Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser
bestätigte, daß »Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde«:
»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rücken büßen,
ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.«
Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhaßtes
Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, für einen Augenblick
zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch
unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag,
das zum Opfer auserwählte Mädchen gleich nach der Vorstellung als
»heilige Cäcilie« zu kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet,
bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der
Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemächer des Grafen geschafft.
»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« sagte die
Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, besonders für mich, denn
ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich
warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich
am Abend spielen würde.«
Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhängnisvolle
Versuchung heran.
Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die
Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel
häßlicher als der andere: er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog
nie die Uniform an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht
voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit
mußte er aber die Uniform anlegen, sein Äußeres in Ordnung bringen und
jenen »kriegerischen Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde.
Es wurde aber sehr viel verlangt.
»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals alles war,« sagte die
Kinderfrau. »In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und
den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die
Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses
vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift
mit dem aufrecht stehenden Schopf über der Stirne und den nach vorne
gekämmten Haaren an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine
Bauern-Balalaika ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor
große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von
der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem
Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet
waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten
es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen
weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen;
von den Militärpersonen verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten
gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenüber maßlosen
Kampfesmut ausdrückten.
Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem häßlichen und
unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen.