FÜNFTES KAPITEL

Ljubow Onissimowna stand um jene Zeit nicht nur in der Blüte ihrer

jungfräulichen Schönheit, sondern auch in der interessantesten

Entwicklungsperiode ihres vielseitigen Talents: sie sang in den Chören

die »Potpourris«, tanzte »die ersten Pas in der Chinesischen Gärtnerin«

und kannte, von einem Drange nach dem Tragischen erfüllt, »alle Rollen

vom bloßen Zuschauen«.

Ich weiß nicht mehr genau, in welchen Jahren sich das abspielte. In

Orjol wurde der Kaiser (ich weiß nicht recht, ob es Alexander

Pawlowitsch oder Nikolai Pawlowitsch war) erwartet; er sollte in der

Stadt übernachten und am Abend einer Vorstellung im Theater des Grafen

Kamenskij beiwohnen.

Der Graf lud zu dieser Veranstaltung den ganzen Adel ein (sein Theater

war für Geld überhaupt nicht zugänglich) und gab sich Mühe, die

Aufführung möglichst glanzvoll zu gestalten. Ljubow Onissimowna sollte

das »Potpourri« singen und die »Chinesische Gärtnerin« tanzen; bei der

letzten Probe fiel aber eine Kulisse herab und verletzte die

Schauspielerin, die im Stücke »Die Herzogin de Bourblanc« die Hauptrolle

spielen sollte, am Fuße.

Ich habe noch nie etwas von einem Stück mit diesem Titel gehört, aber

Ljubow Onissimowna sprach den Namen der Heldin so aus, wie ich ihn hier

wiedergebe.

Die Theaterarbeiter, die die Kulisse fallen ließen, bekamen im

Pferdestall ihre Prügel, die Verletzte wurde in ihre Kammer getragen, es

gab aber niemand, der die Rolle der Herzogin de Bourblanc übernehmen

konnte.

»Ich erklärte mich bereit,« erzählte Ljubow Onissimowna, »diese Rolle zu

spielen, denn es gefiel mir so gut, wie die Herzogin de Bourblanc ihren

Vater auf den Knien um Verzeihung bittet und nachher mit aufgelösten

Haaren stirbt. Ich hatte aber schönes langes blondes Haar, und Arkadij

verstand es wunderbar zu frisieren.«

Der Graf war über die unerwartete Bereitwilligkeit des Mädchens, die

Rolle zu spielen, sehr erfreut und sagte dem Regisseur, als dieser

bestätigte, daß »Ljuba die Rolle nicht verpatzen werde«:

»Wenn sie die Rolle verpatzt, wirst du es mir mit deinem Rücken büßen,

ihr aber bringe von mir die Quamarin-Ohrringe.«

Die »Quamarin-Ohrringe« waren ein ebenso schmeichelhaftes wie verhaßtes

Geschenk. Ihre Verleihung bedeutete die hohe Ehre, für einen Augenblick

zur Odaliske des Grafen erhoben zu werden. Einige Zeit oder auch

unmittelbar nach der Verleihung der Ohrringe bekam Arkadij den Auftrag,

das zum Opfer auserwählte Mädchen gleich nach der Vorstellung als

»heilige Cäcilie« zu kostümieren; das Mädchen wurde ganz weiß gekleidet,

bekam den Heiligenschein um den Kopf und eine Lilie, das Symbol der

Unschuld, in die Hand und wurde so in die Gemächer des Grafen geschafft.

»Das kannst du in deinem Alter noch nicht verstehen,« sagte die

Kinderfrau, »es war aber das Schrecklichste, besonders für mich, denn

ich sehnte mich damals nur nach Arkadij. Also begann ich zu weinen. Ich

warf die Ohrringe auf den Tisch und konnte mir gar nicht denken, wie ich

am Abend spielen würde.«

Um diese selbe Stunde trat auch an Arkadij eine ebenso verhängnisvolle

Versuchung heran.

Ein Bruder des Grafen, der immer auf seinem Gute lebte, kam in die

Stadt, um sich dem Kaiser vorzustellen. Dieser Bruder war noch viel

häßlicher als der andere: er hielt sich ständig auf dem Lande auf, zog

nie die Uniform an und ließ sich niemals rasieren, weil sein Gesicht

voller Beulen und Höcker war. Bei dieser außergewöhnlichen Gelegenheit

mußte er aber die Uniform anlegen, sein Äußeres in Ordnung bringen und

jenen »kriegerischen Ausdruck« annehmen, der damals verlangt wurde.

Es wurde aber sehr viel verlangt.

»Heute weiß man gar nicht mehr, wie streng damals alles war,« sagte die

Kinderfrau. »In allen Dingen wurde damals viel auf die Form gesehen, und

den vornehmen Herren waren wie der Gesichtsausdruck, so auch die

Haartracht genau vorgeschrieben. Manchem stand aber dieses

vorschriftsmäßige Aussehen gar nicht: wenn man ihn nach der Vorschrift

mit dem aufrecht stehenden Schopf über der Stirne und den nach vorne

gekämmten Haaren an den Schläfen frisierte, so sah er wie eine

Bauern-Balalaika ohne Saiten aus.« Die vornehmen Herren hatten davor

große Angst. Alles kam auf die Kunst des Friseurs und Raseurs an: von

der Art und Weise, wie die Stege zwischen dem Backenbart und dem

Schnurrbart ausrasiert, wie die Locken gebrannt und wie sie angeordnet

waren, hing der ganze Gesichtsausdruck ab. Die Herren vom Zivil hatten

es, wie die Kinderfrau sagte, viel leichter, denn man schenkte ihnen

weniger Beachtung und verlangte von ihnen nur ein bescheidenes Aussehen;

von den Militärpersonen verlangte man aber, daß sie den Vorgesetzten

gegenüber Bescheidenheit und allen anderen Menschen gegenüber maßlosen

Kampfesmut ausdrückten.

Arkadij verstand aber mit seiner wunderbaren Kunst, dem häßlichen und

unbedeutenden Gesicht des Grafen eben diesen Ausdruck zu verleihen.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 57 / 79 题