Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen und zu
frisieren«. Für die männlichen Schauspieler gab es einen eigenen
Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fällen die
Männergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in
edelster Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, daß er
einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrücke zu
verleihen verstand.
»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, »und sagt ihm:
>Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt
etwas zurück, läßt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn
hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine
Weile nach. In solchen Augenblicken war er schöner als der schönste
Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es
gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen
voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne
auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie durch eine Nebelwolke
hindurch blickte.«
Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher Mann und »gefiel
allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen
aus, ließ ihm schöne Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er
wollte es nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen Menschen
rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher immer im gräflichen
Ankleidezimmer aufhalten, außer wenn er am Theater beschäftigt war.
Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl
gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die
Geistlichen nicht leiden. Einmal ließ er sogar die Popen von der
Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit
Hunden hetzen.
Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit
abstoßend häßlich und sah allen wilden Tieren zugleich ähnlich. Arkadij
verstand aber auch diesem tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für
kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, wenn er
abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher andere aussah.
Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen Ärger, am meisten
die Würde und der »kriegerische Ausdruck« ab.
Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij niemand andern mit
seinen Diensten beglücken könne, »mußte er sein Leben lang zu Hause
sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über
fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten.
Sie waren natürlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren
Beziehungen entstanden, die in diesem Alter häufig sind: sie hatten
einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten
Andeutungen und nur vor fremden Ohren während des Schminkens sprechen.
Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich und selbst undenkbar ...
»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, »wurden ebenso
streng überwacht, wie die Ammen in vornehmen Häusern: wir standen unter
der Aufsicht älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer
von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder
weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.«
Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, der es selbst
aufgestellt hatte.