VIERTES KAPITEL

Arkadij hatte nur die Schauspielerinnen allein »anzumalen und zu

frisieren«. Für die männlichen Schauspieler gab es einen eigenen

Friseur, und Arkadij betrat nur in jenen seltenen Fällen die

Männergarderobe, wenn er vom Grafen selbst den Auftrag hatte, jemand »in

edelster Form anzumalen«. Seine künstlerische Kraft lag darin, daß er

einem jeden Gesicht die feinsten und verschiedenartigsten Ausdrücke zu

verleihen verstand.

»Man läßt ihn kommen,« berichtete Ljubow Onissimowna, »und sagt ihm:

>Dieses Gesicht da soll den und den Ausdruck bekommen<. Arkadij tritt

etwas zurück, läßt den Schauspieler oder die Schauspielerin sich vor ihn

hinsetzen oder hinstellen, kreuzt die Arme auf der Brust und denkt eine

Weile nach. In solchen Augenblicken war er schöner als der schönste

Mann, denn er war zwar von mittlerem Wuchs, aber so schlank, wie ich es

gar nicht beschreiben kann, hatte eine feine und stolze Nase, Augen

voller Engelsgüte und einen dichten Haarschopf, der ihm von der Stirne

auf die Augen fiel, so daß er zuweilen wie durch eine Nebelwolke

hindurch blickte.«

Der Toupetkünstler war, mit einem Wort, ein hübscher Mann und »gefiel

allen.« Der »Graf selbst« liebte ihn, zeichnete ihn vor allen anderen

aus, ließ ihm schöne Kleider machen, »hielt ihn aber sehr streng«. Er

wollte es nicht haben, daß Arkadij außer ihm noch irgendeinen Menschen

rasiere oder frisiere. Arkadij mußte sich daher immer im gräflichen

Ankleidezimmer aufhalten, außer wenn er am Theater beschäftigt war.

Man ließ ihn sogar nicht in die Kirche zur Beichte und zum Abendmahl

gehen, denn der Graf selbst glaubte nicht an Gott und konnte die

Geistlichen nicht leiden. Einmal ließ er sogar die Popen von der

Borissogljeber Kirche, die zu ihm mit dem Kreuze gekommen waren, mit

Hunden hetzen.

Der Graf war, berichtete Ljubow Onissimowna, vor lauter Bosheit

abstoßend häßlich und sah allen wilden Tieren zugleich ähnlich. Arkadij

verstand aber auch diesem tierähnlichen Gesicht, und wenn auch nur für

kurze Zeit, einen solchen Ausdruck zu verleihen, daß der Graf, wenn er

abends in seiner Loge saß, würdiger als mancher andere aussah.

Der »Natur« des Grafen gingen aber, zu seinem großen Ärger, am meisten

die Würde und der »kriegerische Ausdruck« ab.

Damit ein so unvergleichlicher Künstler wie Arkadij niemand andern mit

seinen Diensten beglücken könne, »mußte er sein Leben lang zu Hause

sitzen und bekam niemals bares Geld in die Hand«. Er war aber schon über

fünfundzwanzig Jahre alt, und Ljubow Onissimowna stand im neunzehnten.

Sie waren natürlich miteinander bekannt, und zwischen ihnen waren

Beziehungen entstanden, die in diesem Alter häufig sind: sie hatten

einander lieb. Sie konnten aber von ihrer Liebe nur in entfernten

Andeutungen und nur vor fremden Ohren während des Schminkens sprechen.

Zusammenkünfte unter vier Augen waren unmöglich und selbst undenkbar ...

»Wir Schauspielerinnen,« erzählte Ljubow Onissimowna, »wurden ebenso

streng überwacht, wie die Ammen in vornehmen Häusern: wir standen unter

der Aufsicht älterer Frauen, welche Kinder hatten; und wenn mit einer

von uns, Gott behüte, etwas passierte, so wurden jenen Frauen die Kinder

weggenommen und furchtbaren Martern unterzogen.«

Das Gebot der Keuschheit durfte nur der übertreten, der es selbst

aufgestellt hatte.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 56 / 79 题