Der ländliche Graf war noch viel häßlicher als der städtische und so
furchtbar verwachsen und verroht, daß er es auch selbst fühlte. Er hatte
aber niemand, der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen
Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch
hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß man ihn unmöglich rasieren
konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden.
Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und
sagt ihnen:
»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem Bruder, dem Grafen
Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Für denjenigen aber, der mich
dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache
gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein
Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar
verschneidet, den töte ich auf der Stelle.«
Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht
geladen.
In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich
meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe und Blutegel anzusetzen,
hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst
ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. »Gott sei mit
dir und deinem Gold!« dachten sie sich.
»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können wir gar nicht
machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur
anzurühren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur
gewöhnliche russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein
englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte so was fertig
bringen.«
Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind
froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fährt
zu seinem älteren Bruder und sagt:
»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen Bitte: überlasse mir
vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen
Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die
hiesigen Barbiere können das nicht machen.«
Und der Graf antwortet seinem Bruder:
»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum Teufel. Ich wußte
gar nicht, daß es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von
eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du
von mir etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß Arkadij,
so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir anrühren wird. Glaubst du
denn, daß ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?«
Der andere antwortet:
»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst
wieder abschaffen.«
Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr merkwürdig finde:
»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen?
Arkadij weiß, daß ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es,
dafür wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich
aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so muß ich
ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten stecken.«
Der Bruder erwidert darauf:
»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prügeln
oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht
machen.«
»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. Ich werde ihn
aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prügeln und dann unter die
Rekruten stecken.«
»Ist das dein letztes Wort, Bruder?«
»Ja, das allerletzte.«
»Ist das dein einziges Bedenken?«
»Ja, das einzige.«
»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, daß dein leiblicher
Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also
deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij,
_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine
Sache.«
Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.
»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.«
»Das ist alles, was ich brauche.«
Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim.