SECHSTES KAPITEL

Der ländliche Graf war noch viel häßlicher als der städtische und so

furchtbar verwachsen und verroht, daß er es auch selbst fühlte. Er hatte

aber niemand, der sein Äußeres in Stand halten könnte: seinen eigenen

Friseur hatte er aus lauter Geiz gegen Zins nach Moskau entlassen; auch

hatte er so viele Höcker im Gesicht, daß man ihn unmöglich rasieren

konnte, ohne ihm die ganze Haut zu zerschinden.

Er kommt also nach Orjol, beruft zu sich alle Barbiere der Stadt und

sagt ihnen:

»Wer von euch mich so herrichten kann, daß ich meinem Bruder, dem Grafen

Kamenskij gleiche, bekommt zwei Dukaten. Für denjenigen aber, der mich

dabei schneidet, lege ich zwei Pistolen auf den Tisch. Wer seine Sache

gut macht, kann das Gold nehmen und gehen; wer mir aber auch nur ein

Pickelchen verletzt oder den Backenbart auch nur um ein Haar

verschneidet, den töte ich auf der Stelle.«

Er wollte den Leuten nur Angst machen, denn die Pistolen waren gar nicht

geladen.

In Orjol gab es damals nur sehr wenig Barbiere, und diese hielten sich

meistens in den Bädern auf, um Schröpfköpfe und Blutegel anzusetzen,

hatten aber weder Geschmack noch Phantasie. Das sahen sie auch selbst

ein und weigerten sich, den Grafen Kamenskij umzuwandeln. »Gott sei mit

dir und deinem Gold!« dachten sie sich.

»Was Sie von uns verlangen,« sagen sie ihm, »können wir gar nicht

machen, denn wir sind nicht wert, eine so erhabene Person auch nur

anzurühren. Uns fehlen auch die richtigen Rasiermesser: wir haben nur

gewöhnliche russische Messer, für Ihr Gesicht braucht man aber ein

englisches. Nur des Grafen Barbier Arkadij allein könnte so was fertig

bringen.«

Der Graf läßt die städtischen Barbiere hinauswerfen, und diese sind

froh, daß sie mit heiler Haut davongekommen sind. Er selbst aber fährt

zu seinem älteren Bruder und sagt:

»Lieber Bruder, ich komme zu dir mit einer großen Bitte: überlasse mir

vor dem Abend deinen Arkadij, damit er mich in einen ordentlichen

Zustand bringt. Ich habe mich schon lange nicht rasieren lassen, und die

hiesigen Barbiere können das nicht machen.«

Und der Graf antwortet seinem Bruder:

»Die hiesigen Barbiere taugen selbstverständlich zum Teufel. Ich wußte

gar nicht, daß es hier welche gibt: ich lasse selbst meine Hunde von

eigenen Leuten scheren. Was aber deine Bitte betrifft, so verlangst du

von mir etwas Unmögliches; denn ich habe den Eid geleistet, daß Arkadij,

so lange ich lebe, keinen Menschen außer mir anrühren wird. Glaubst du

denn, daß ich mein Wort vor meinem leibeigenen Sklaven brechen kann?«

Der andere antwortet:

»Warum denn nicht? Du hast es so angeordnet und kannst es auch selbst

wieder abschaffen.«

Der ältere Graf sagt aber, daß er diese Ansicht sehr merkwürdig finde:

»Wenn ich das tue, was kann ich dann von meinen Leuten verlangen?

Arkadij weiß, daß ich es einmal so festgesetzt habe, und alle wissen es,

dafür wird er auch viel besser als die anderen behandelt. Wenn er sich

aber untersteht, seine Kunst auf jemand andern anzuwenden, so muß ich

ihn zu Tode prügeln und unter die Rekruten stecken.«

Der Bruder erwidert darauf:

»Du kannst ja nur das eine von beiden tun: ihn entweder zu Tode prügeln

oder unter die Rekruten stecken; beides zugleich kannst du gar nicht

machen.«

»Gut,« sagt der Ältere, »ich will deinen Wunsch erfüllen. Ich werde ihn

aber nicht zu Tode, sondern nur halbtot prügeln und dann unter die

Rekruten stecken.«

»Ist das dein letztes Wort, Bruder?«

»Ja, das allerletzte.«

»Ist das dein einziges Bedenken?«

»Ja, das einzige.«

»Dann ist es wunderschön; ich hatte schon geglaubt, daß dein leiblicher

Bruder dir weniger wert ist als ein leibeigener Sklave. Du brauchst also

deinen Befehl gar nicht aufzuheben, schick mir nur deinen Arkadij,

_damit er mir meinen Pudel schert_. Das weitere ist aber schon meine

Sache.«

Der Bruder konnte ihm diese Bitte nicht gut abschlagen.

»Gut,« sagte er, »deinen Pudel darf er wohl scheren.«

»Das ist alles, was ich brauche.«

Er drückte dem Bruder die Hand und fuhr heim.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 58 / 79 题