DRITTES KAPITEL

Er war Kollege unserer Kinderfrau am Theater; der Unterschied lag nur

darin, daß sie »auf der Bühne Vorstellungen gab und Tänze aufführte«,

während er nur ein »Toupetkünstler«, d. h. Friseur und Schminkmeister

war und alle leibeigenen Schauspielerinnen des Grafen »anzumalen und zu

frisieren« hatte. Er war aber kein alltäglicher Meister mit dem

Frisierkamm hinter dem Ohr und der Büchse mit der Fettschminke in der

Hand, sondern ein Mann mit eigenen _Ideen_, mit einem Worte ein

_Künstler_.

Ljubow Onissimowna behauptete, daß niemand so gut wie er einem Gesicht

»einen Ausdruck« zu verleihen verstand.

Ich kann heute nicht mehr genau sagen, unter welchem von den Grafen

Kamenskij diese beiden Künstler gewirkt haben. Es sind drei Grafen

dieses Namens bekannt, und alle drei galten in Orjol als »grausame

Tyrannen«. Der Feldmarschall Michailo Fedotowisch wurde im Jahre 1809

von seinen eigenen Bauern wegen seiner Grausamkeit erschlagen; dieser

hatte zwei Söhne: Nikolai und Ssergej, von denen der erste im Jahre 1811

und der zweite im Jahre 1835 gestorben war.

Als Kind, in den vierziger Jahren, ging ich oft an einem riesengroßen,

hölzernen Gebäude vorbei, auf dessen Fassade mit schwarzer und brauner

Farbe falsche Fenster gemalt waren und das von einem langen, halb

eingefallenen Bretterzaun umgeben war. Es war das verrufene Herrenhaus

des Grafen Kamenskij; gleich daneben befand sich auch das Theater. Das

letztere stand so, daß man es vom Friedhofe an der Dreifaltigkeitskirche

aus gut sehen konnte, und Ljubow Onissimowna leitete alle ihre

Erzählungen mit den Worten ein:

»Schau mal hinüber, mein Lieber ... Siehst du das schreckliche Gebäude?«

»Ja, es ist schrecklich, Kinderfrau!«

»Nun will ich dir etwas noch Schrecklicheres erzählen.«

Eine ihrer Erzählungen vom Toupetkünstler Arkadij, einem empfindsamen

und kühnen jungen Mann, der ihrem Herzen nahe stand, will ich hier

wiedergeben.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 55 / 79 题