Die Kinderfrau meines jüngsten Bruders war eine lange, ausgetrocknete,
doch recht proportioniert gebaute Alte, namens Ljubow Onissimowna. Sie
war in ihrer Jugend leibeigene Schauspielerin am Haustheater des Grafen
Kamenskij zu Orjol gewesen, und alles, was ich hier erzähle, hat sich zu
Orjol in den Tagen meiner Kindheit abgespielt.
Mein Bruder war um sieben Jahre jünger als ich: als er zwei Jahre alt
war und von Ljubow Onissimowna gepflegt wurde, war ich schon über neun
und konnte die Geschichten, die sie mir erzählte, gut verstehen.
Ljubow Onissimowna war damals noch nicht sehr alt, hatte aber schon
schneeweißes Haar; ihre Gesichtszüge waren fein und zart, die schlanke
Figur ungewöhnlich gut gebaut und graziös, wie bei einem jungen Mädchen.
Meine Mutter und Tante sagten, wenn sie sie ansahen, daß sie in ihrer
Jugend wohl wunderschön gewesen sei.
Sie war von einer grenzenlosen Ehrlichkeit, Sanftheit und
Empfindsamkeit; sie liebte im Leben alles Tragische, trank sich aber
zuweilen einen Rausch an.
Sie führte uns meistens auf den Friedhof bei der Dreifaltigkeitskirche
spazieren. Sie setzte sich immer auf das gleiche armselige, mit einem
einfachen Holzkreuz geschmückte Grab und erzählte mir oft Geschichten.
So hörte ich hier von ihr einmal die Geschichte vom »Toupetkünstler«.