ERSTES KAPITEL

Viele glauben bei uns, daß der Titel »Künstler« nur den Malern und

Bildhauern zukommt, und auch nur solchen unter ihnen, die ihn von einer

Akademie verliehen bekommen haben. Unsere berühmten Silberschmiede

Ssasikow und Owtschinnikow werden von vielen für einfache Handwerker

gehalten. In anderen Ländern ist es sicher nicht so. Heine erzählt von

einem Schneider, der ein »Künstler« war und »eigene Ideen« hatte, und

die Damenkleider aus dem Atelier von Worth gelten heute als Kunstwerke.

Über einen solchen Künstler schrieben neulich die Zeitungen, daß er in

seinem Schnitt »eine ungewöhnliche künstlerische Phantasie« zeige.

In Amerika wird das Gebiet des künstlerischen Schaffens noch viel weiter

aufgefaßt. Der berühmte amerikanische Schriftsteller Bret Harte erzählt

von einem Künstler, dessen Objekt Leichen waren: er verlieh den

Gesichtern der Verstorbenen einen »Ausdruck des Trostes«, der von dem

mehr oder weniger glückseligen Zustande der entschwebten Seele zeugen

sollte.

Dieser Ausdruck hatte mehrere Abstufungen; ich kann mich nur an drei

erinnern: 1. »Ruhe«; 2. »erhabene Beschaulichkeit« und 3. »Seligkeit des

unmittelbaren Verkehrs mit dem Herrn«. Die Berühmtheit des Künstlers

entsprach durchaus der hohen Vollkommenheit seiner Arbeit: sie war ganz

kolossal. Leider fiel der Künstler als Opfer der rohen Menge, die für

die Freiheit des künstlerischen Schaffens wenig Verständnis hatte. Er

wurde gesteinigt, weil er den Ausdruck des »seligen Verkehrs mit dem

Herrn« dem Gesicht eines verstorbenen Bankiers verliehen, der die ganze

Stadt ausgeraubt hatte. Die glücklichen Erben des Schwindlers hatten dem

Verstorbenen auf diese Weise ihren Dank bezeugen wollen, dem Künstler

kostete es aber das Leben ...

Auch bei uns in Rußland gab es einen Meister auf diesem nicht ganz

gewöhnlichen Gebiete der Kunst.

Der versiegelte Engel, und andere Geschichten · 第 53 / 79 题