Auch in seinen eigenen Angelegenheiten war Stepan Iwanowitsch
weitblickend und verfiel nur dann in Fehler, wenn die Liebesleidenschaft
seinen Blick trübte. Die größte Torheit beging er in einem Fall, der mit
jener schlanken, zierlichen Gapka Petrunenko zusammenhing, zu deren
Füßen wir ihn verlassen haben.
In der Zeit, als Wischnewskij dieses Mädchen liebte, stand der Kirche im
Dorfe Farbowanaja ein Priester namens Platon vor. Er hatte die den
Russen ziemlich gemeinsame Schwäche, daß er zwar im nüchternen Zustande
»zu allem wohlweislich schwieg«, betrunken jedoch gern plauderte und
sogar die ungeschminkte Wahrheit sagte.
Als sich Wischnewskij am nächsten Morgen vom Teppich erhoben hatte,
teilte er voller Freude Stepanida Wassiljewna eine wichtige Neuigkeit
mit.
Gapka spürte in sich ein neues Leben pochen.
»Und was sie gebiert, soll nicht mehr leibeigen, sondern frei sein«,
sagte Wischnewskij.
Dies war ein ungewöhnliches Liebesgeschenk seitens Stepan Iwanowitschs,
denn die große Menge seiner Kinder war sämtlich unter seine »leibeigenen
Seelen« eingetragen worden und arbeitete rechtschaffen auf den Feldern
seines Herrengutes.
Auch Gapka freute sich darüber.
Eine Stunde später ging sie aus, um Himbeeren zu pflücken. Am Gartenzaun
begegnete ihr der Priester P. Platon, der gerade in seiner aufrichtigen
Stimmung war. Als er das Mädchen erblickte, sagte er ihr in
priesterlichem Tone:
»Was bist du so froh, Mädel? Bist froh und vergnügt, pflückst süße
Himbeerchen, aber wenn du dein Kindchen geboren hast, kriegst du auch
deinen Stoß in den Rücken.«
»Warum denn?« Gapka sah ihn von der Seite an und wurde mit einem Male
verwirrt und traurig, weil sie Wischnewskij, wie viele Frauen, die
anfangs nur widerstrebend seine Geliebten geworden waren, liebgewonnen
hatte. Gapka fragte, warum man sie denn so ganz bestimmt absetzen werde,
wenn sie das Kind geboren haben würde.
»Darum,« antwortete der Geistliche, »weil man auf dem Herrenhof ein
Kühlein nicht bis zum zweiten Kalb behält.«
Das war die einzige Begründung des P. Platon, aber Gapotschka wurde
traurig, besonders infolge des neuen ungewohnten Zustandes ihres
Organismus, und begann bitterlich zu weinen. Aber als verschlossene
Kleinrussin wollte sie um nichts in der Welt sagen, warum sie weine.
Stepan Iwanowitsch brachte es schließlich selbst heraus: Leute hatten
gesehen, wie der Geistliche mit Gapka sprach, und hinterbrachten es dem
Pan, der sogleich seinen geistlichen Vater zur Beichte vor sich rufen
ließ und ihn fragte:
»Was hast du Gapka gesagt?«
Der Geistliche konnte sich nicht entschließen, zu wiederholen, was er zu
dem Mädchen gesprochen hatte, und sagte:
»Ich erinnere mich nicht mehr.«
Wischnewskij wurde wütend und schrie ihn an:
»Aha, jetzt kenne ich dich: du hast dich an sie herangemacht ... Hast
geglaubt, sie werde mich mit dir vertauschen?«
»Was denken Sie, Euer Gnaden ...«
»Nichts >Euer Gnaden<, meine Gnaden sind dir nur so weit gnädig, daß
ich, als dein geistlicher Sohn, dich nicht prügeln lasse. Aber du sollst
fort von hier, und ich lasse dich durchs Dorf führen, damit die Leute
wissen, was für ein Taugenichts du bist.«
Man packte den Unglücklichen, zog ihn aus, steckte ihn in einen alten
Getreidesack, aus dessen Schlitz nur der Kopf herausschaute, schüttete
ihm Flaumfedern über den Kopf und führte ihn in diesem Aufzug durch das
ganze Dorf.
Der Geistliche fuhr in die Stadt, reichte eine Klage ein und bat um
seine Versetzung, die er auch erhielt. Für Stepan Iwanowitsch blieb
dieser Vorfall im übrigen ohne alle unangenehmen Folgen.
Eine gewisse Vergeltung übte der beleidigte Geistliche selbst, aber
seine Rache war lächerlich und kam sehr spät. Sie wurde erst viele Jahre
später offenbar, als Stepan Iwanowitsch eine seiner Töchter verheiraten
wollte. Er forderte damals einen Auszug aus dem Taufregister, wo man
unerwarteterweise die dumme und ganz sinnlos hineinkorrigierte
Eintragung fand, daß dem Stepan Iwanowitsch und seiner _ehelichen_
Gattin eine _uneheliche_ Tochter geboren wurde.
Es war sinnlos und konnte Stepan Iwanowitsch keinen ernstlichen Schaden
verursachen, aber es brachte ihn schrecklich auf. Wie durfte man sich
mit ihm einen solchen Scherz erlauben! Und wer? -- Der Pope! Zudem
konnte er es nicht mehr heimzahlen, weil der Pope P. Platon nach Gottes
Ratschluß schon früher gestorben war.
Sonst hätte ihn Stepan Iwanowitsch auch in einem anderen Kirchspiel zu
finden gewußt ...